Sonntag, 12. Juni 2016

Beim Zeitungslesen

Die grüne Jugend Rheinland-Pfalz ruft also zum Fahnen-Boykott auf, wegen der EM, denn Deutschland ist böse, war es schon immer schon. Eigentlich kommentiere ich den Zeit-Irrsinn hier sehr widerwillig. Aber dann fiel mir ein Artikel über den ehem. Bundesminister Riester in die Hand, der alle 5 Minuten offenkundig das Gegenteil von dem konstatierte, was er eben noch behauptet hatte („Wie sich Walter Riester mit seiner Rente um Kopf und Kragen redet“).

Was einen tatsächlich gruselt, ist das Schwinden der Vernunft bei den bestimmenden Akteuren des Meinungs-Mileus. Ich meine damit keine absolute Wahrheit, wahrlich nicht, simpel eine ganz praktische, eine vorhersehbare. Nur, daß man sich seiner Prämissen von eben noch erinnert, nicht immer in der „Wahrheit“ des Augenblicks lebt, Logikbrüche nicht übergeht etc. (vielleicht lehnt man dieses repressive, frauen- und minderheitenfeindliche, eurozentrische Konstrukt auch einfach nur ab oder ist auf stimulierenden Substanzen, wie auch immer).

Wie soll man auf so etwas reagieren, vor allem, wenn es noch (hoffe ich jedenfalls entgegen der Vernunft) entscheidungsbestimmend ist. Wir brechen besser ab. Der unvergleichliche Herr Klonovsky hat Vorschläge: „Nach einem gewonnenen Turnier bildet die Bevölkerung im gesamten Land Lichterketten der Solidarität mit den Geschlagenen. Auf öffentlichen Plätzen und in den evangelischen Kirchen werden die Namen der unterlegenen Spieler verlesen... Sollte die deutsche Mannschaft den Europameistertitel erringen, herrscht mindestens eine Woche Staatstrauer.“

Samstag, 11. Juni 2016

Die Option auf Schönheit &









Die Sonne verbrannte eben hinter der Statue des Großherzogs Georg, von einigen Bäumen aufgehalten. Und da dachte ich an eine Unterhaltung, die ungefähr so ging: Mit wie wenigen Mitteln vermochten sie einen Ort von Schönheit aufzurichten, der, so klein er war, es nicht war. Selbst jetzt, wo zu vieles fehlt, bleibt alles spürbar.

Was für ein Abgrund an Zerstörung im letzten Jahrhundert und wie wenig Schmerz darüber in diesem, und dem vorigen. Das eben, das versteht kaum jemand (und macht sich fremde Fantasien), die Dankbarkeit über Spuren der Heilung. Den Ausgang all dessen wissen wir nie.


Man mag dies schnell für Exaltationen halten, dabei ist es nur eine Form von Resümee. Wir leben eben in der Zeit eines Niedergangs, was viele nicht einmal als Aussage verstehen. Denn sie haben nie erfahren, was sie nicht kennen, bis in die Sprache hinein.

Unser Wesen hier ist fern vom Guten, also sinnen wir auf Täuschungen, Ablenkungen, Raisonieren und anderes. Und das war nie anders vom Anbeginn der Menschheit an. Aber die Antworten darauf fallen sehr verschieden aus.

Ich wurde in der Vergangenheit mitunter gescholten, daß meine Anmerkungen aus solchen Anlässen zu sentimental wären, ich hoffe mich hinreichend gezügelt zu haben.

Unser (sprich von uns Mecklenburgern) Herzog Georg Borwin (deshalb heißt er halt auch mit Familiennamen Mecklenburg) war in der hiesigen Orangerie anläßlich seines 60. Geburtstags.


Erneut also: 

Gottes Segen über die Familie und Sie, Hoheit.

Samstag, 4. Juni 2016

Fanfaren &



Ich gestehe sogleich zu Beginn, ich mag Fanfarenmusik nicht besonders. Warum? Sie hat zwar Rumps oder so, aber ihre Harmonien und Abläufe sind arg vorhersehbar, liegt erkennbar an den Instrumenten und deren Möglichkeiten. Sie hat was, aber siehe Voriges *seufz

Man verzeihe mir bitte das geistige Niveau dieses Beitrags, doch ich war noch nie ein Sommerkind. Das Wetter ist das eine, aber die Leute dazu. Es ist kein Verbrechen, bierbäuchig, hängebrüstig oder arg verschrumpelt zu sein, wohl aber, da dann nicht wenigstens den Versuch zu leisten, hinreichend viel Stoff darüber zu tun.

Meine Kamera kann also Videos Ich nicht so. Aus den ersten beiden Aufnahmen habe ich diesen bezaubernden Film gezaubert, die anderen unveröffentlichten sind netter, aber da waren meine Bewegungen beim Herausschwenken wohl zu hektisch. Es ruckelt zu arg.

Neustrelitz war am Sonnabend Gastgeber eines Ereignisses, über das man sich gern hier oder hier schlau machen darf. Als ich mitten im Sonnabend herausbekommen wollte, wann dieser aufregende Sternmarsch denn nun stattfinden solle, fand ich nur heraus, daß alle Artikelschreiber fröhlich voneinander abgeschrieben hatten, selbst ein regionaler Blogger, der später in rosa Hose, oder war es das Hemd, auftrat, egal, war jedenfalls keine Hilfe.

Also tut man das Naheliegende und fragt man einfach die Polizei, wenn man nicht weiter weiß. Der Beamte beschied mich freundlich routiniert, auf ihrem Plan stünde 16.15. Also davor nicht, eher viel später. So war es dann.

Zwei Dinge noch. Ein Trommler aus Schwäbisch Hall, der Partnerstadt, ließ sehr selbstdizipliert ein paar Photos von sich machen, die ich komplett versemmelt habe, dafür bitte ich um Entschuldigung! (Es war nur ein falscher Schalter auf der Kamera, der dazwischen kam, und er hatte sich wirklich Mühe gegeben, aber es ließ sich nichts retten).

Und als ich endlich wieder zu Hause war (Ironie aus) und eine gewisse Balustrade photographierte, hörte ich neben mir im vertrautem märkischem Ton „Hübscha Blumen, wa?“ Antwort: „Ja allet selber gepflanzt“. Sekundenschnell erstarb da die Sympathie. So sind Menschen. Aber der Rest ist trotzdem schön. Oder so.



nachgetragen am 6. Juni

Sonntag, 29. Mai 2016

Sonntag & Mai-Nachträge



Ich muß sofort enttäuschen, nein, es gibt keine Essensberichte vorzuweisen. Am Sonntag durfte ich den Herrn preisen und war anschließend mit einigen vom Chor beim Chinesen auf der gegenüber liegenden Seite des Marktes.

Ein Versuch, das Ritual auf den Sonnabend vorzuziehen, mißlang... Es gibt also wirklich keine Bilder. Nun, ich werde trotzdem ein paar einstreuen, von besagtem Auftrittsort etwa sehen wir eines ganz oben und darunter ganz links besagten Speiseort.

Dies ist auch nett.


Nach meiner Erinnerung begann genau an diesem Sonntag das schwül-warme Wetter der letzten Tage, das mir kontinuierlich u.a. den Verstand raubte. Ich weiß noch, daß ich einem Sangesnachbarn empfahl (das Podium hatte keine Schranke nach hinten und ich stehe üblicherweise ganz oben) - sollte ich anfangen zu schwanken, habe er die Chance, mich nach vorn zu schubsen oder nach hinten in den Altarraum; in letzterem Fall bekäme die Chose für mich dann ein sehr abschließendes Ende. Aber es wurde dann doch recht schön.


Ich habe gerade gelernt, meine kleine Reality-Show vor dem Schreibstuben - Fenster war schon am Samstag. Mecklenburg-Vorpommerns Landespokal gewann also Hansa Rostock gegen Schönberg 95, wo immer beides liegt. Das schlechteste Bild ohne erkennbare Gesichter traue ich mich vorzuweisen (sollte es andere jemals gegeben haben, sind sie vollständig fort). 

Was mich nur verblüffte, sie sahen sich oft so ähnlich, abgesehen von der Uniform (vielleicht das Alter, es ging über mehr als eine Stunde, und die Frauen waren genauso (zu meiner Begeisterung)). Von den Szenen ging für mich aber etwas Beruhigendes aus: Jedenfalls nicht nur der männliche Teil dieses gewesenen Reiches ist noch nicht ganz tot. Warum das wichtig ist? Deswegen.   

nachgetragen am 5. Juni

Samstag, 28. Mai 2016

Donnerstag, 26. Mai 2016

Über gebaute Weltveränderung & Hoffnungsvolleres

Blick durch das Hallesche Tor auf den Belle-Alliance-Platz 
(heute Mehringplatz), um 1900, hier gefunden

Alejandro Aravena, Direktor der 15. Architektur-Biennale in Venedig, meint also, "Städte können eine Abkürzung auf dem Weg zu mehr Gleichheit sein". Ihm ist dazu sogar Originelles eingefallen. Aber das ist ein seltener Fall. Üblicherweise bringen schräge Prämissen alles in eine gewisse Schieflage, auf der dann die ganze Chose ins Gruselige rutscht. Vielfach zu besichtigen in den letzten 100 Jahren, als man meinte, die Menschheit neu erfinden zu müssen und das auch zu können, was regelmäßig famose Ergebnisse brachte.

Gleichheit war da als Kampfbegriff immer an vorderster Front. Gleichheit ist kein Wert an sich, sondern immer nur in Beziehung. Wenn man sie absolut setzt, dann ist sie der Wärmetod aller Differenz und damit auch Kreativität u.a. Gleichheit vor dem Gesetz – natürlich, Verhinderung menschenunwürdiger Armut – selbstredend, aber unbegrenztes Grundeinkommen für alle, das funktioniert nicht, so wie die Welt nun einmal beschaffen ist. Doch ich will all das gar nicht weiterverfolgen.

Dies wird viel zu spät geschrieben. Eigentlich wollte ich nämlich längst auf einen wunderbaren Artikel verweisen, den ich zunächst übersehen hatte - „Alles Fassade“ von Rainer Haubrich vom 14. Mai im Feuilleton der Welt. Auf seinem Blog sind dieser und andere Artikel gut auffindbar, nur lautet dort die Überschrift: „Gebt unseren Städten endlich wieder ein Gesicht!“

Sein Beitrag beginnt mit einem Beispiel „wohlklingender Architektenprosa“ bei der es leicht passieren könne, daß man Ende doch nur „vor einer kahlen Sichtbetonfassade mit schmalen Fensterschlitzen stehen“ würde. Dem Laien möge das schlicht häßlich erscheinen, in der Fachpresse habe ein solches Bauwerk dennoch alle Chancen auf einen Architekturpreis.

Wenn aber ein Architekt der jüngeren Garde an Berlins Kurfürstendamm ein Geschäftshaus in klassischem Architekturvokabular baue, würde die großen Mehrheit seiner Zunft den Kopf schütteln (schließlich müsse ein Gebäude vor allem funktional sein, wie man inzwischen gelernt haben sollte), nur die Passanten seien dankbar.

Er referiert dann eine Tagung des Dortmunder Instituts für Stadtbaukunst; seit Jahren gehe der von Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne geführte Thinktank mit Zähigkeit der Frage nach, auf welche Weise Architektur und Städtebau heute neben allen funktionalen Anforderungen auch wieder eine Schönheit hervorbringen könnten, wie sie allen Epochen der Baukunst bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gelungen seien.

Mit meinen Worten – das sind die Abtrünnigen, die zudem noch praktische Nachfolger finden. So wie beim Lübecker Gründungsviertel, wo beabsichtigt ist, die Nachkriegsbebauung abzureißen, die historischen Straßenzüge wiederherzustellen und dazu mit Giebelhäusern unterschiedlicher Breite und einem rückwärtigen Innenhof zu bebauen

Auf dieser Seite findet man die „schlimmen“ Fassaden, die nicht schlichtes Nachbauen sind, sondern einfach zum Niederknien. Jedenfalls auch aus Dankbarkeit über einen Erkenntnisgewinn. Ich empfehle also dringend die Lektüre o.g. Artikels.

Aber eines will ich doch noch aufgreifen, der Autor schreibt, alle diese „anderen“ Neubauten, die sich der gerade bröckelnden Meinungsdiktatur entzögen, besäßen „fast alle eine Typologie, einen Charakter, eine Temperatur, die erkennen lassen, ob sie an einem Großstadtboulevard stehen oder in einer schmalen Straße, ob sie eher nach Norddeutschland gehören oder ins Rhein-Main-Gebiet“.

Sie brächten eine Verbundenheit, ja, eine Liebe der Erbauer und Nutzer zu ihrem Ort, ihrer Stadt, ihrer Region zum Ausdruck. Und über sie lasse sich auch nicht sagen, daß ihr Ort austauschbar sei.

Dieser Albtraum für Modernisten angesichts der Restauration in der Architektur unserer Zeit sei für sie vor allem ein politischer. Dabei gehe es doch, schreibt Herr Habrich etwas beschwichtigend, „vor allem um die Restauration von handwerklicher Qualität, von sprechenden Details, von Alterungsfähigkeit, es geht um die Anbindung heutiger Architektur an eine jahrhundertealte Bautradition, die von der Moderne entsorgt worden war“. Die neue klassische Fassadenkunst hierzulande sei eine Antwort auf das Elend aktuellen Bauens, das hochmütig allein für sich in Anspruch nähme,„zeitgenössisch“ zu sein.

Der Autor weiß es natürlich besser, man lese nur etwa seinen wundervollen Le Corbusier – Verriß: „Wie alle Großmeister der Moderne war Le Corbusier der Hybris verfallen, zu glauben, mit ihnen beginne eine vollkommen neue Architektur, die allem Gebauten davor weit überlegen sei.

Als Walter Gropius 1937 seine Professur in Harvard antrat, ließ er erst einmal die gesamte bauhistorische Bibliothek entsorgen. Und Le Corbusier schrieb: 'Es bleibt uns nichts mehr von der Architektur früherer Epochen, so wenig wie uns der literarisch-historische Unterricht an den Schulen noch etwas geben kann.'“

Und noch ein anderes Zitat: „Der hagere Mann mit der charakteristischen runden Brille war einer der großen Zerstörer all dessen, was über Jahrhunderte die Lebendigkeit und Schönheit traditioneller Städte ausmachte.“

Le Corbusier hatte nämlich eine Vision: „... riesige Wohnscheiben auf Stelzen in einer Parklandschaft, dazwischen breite Schnellstraßen für ungebremsten Autoverkehr. Fußgänger waren nicht vorgesehen, und öffentliche Plätze gab es auch nicht mehr“. Und dies galt natürlich für „für jeden Winkel der Welt“, ob in den Tropen oder am Polarkreis.

Für das Herz von Paris erträumte er sich eine Realisierung. „Sein 'Plan Voisin' von 1929 sah vor, die gesamte Altbausubstanz mehrerer Arrondissements nördlich des Louvre abzuräumen und durch einheitliche, 60-stöckige Hochhäuser auf kreuzförmigem Grundriss zu ersetzen.

Und er war empört, dass seine Genialität nicht erkannt wurde: 'Die Stadtverwaltung hat sich nie mit mir in Verbindung gesetzt. Sie nennt mich ,Barbar!''. Hellsichtige Leute müssen das gewesen sein. Vor allem totalitäre Systeme waren empfänglich für solche Vorschläge.“ Ja, man erinnere sich nur an das stillschweigende Einverständnis einiger Größen vor '45, als Berlin zunehmend zerstört wurde – soviel Platz für Visionen. Die sahen bei deren Nachfolgern dann so aus (es gibt schlimmere Bilder):

Mehringplatz in Berlin (Kreuzberg) 2009

wird gerade zu Ende geschrieben
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Nachtrag

Nun ja, der Nachtrag also, den ich zuletzt gar nicht mehr mochte, weil ich zum Anfang nur meine Freude über die Lübecker neuen Fassaden bekunden wollte:

Warum ist die gebaute Moderne überwältigend oft derart häßlich? Sie ist in ihren immer noch meinungsbestimmenden Teilen das Produkt einer Ideologie: Den Menschen für eine Utopie neu erschaffen zu müssen und zu können, unter Wegwerfen der Geschichte seiner mühsam erkämpften Menschwerdung eines Kulturwesens.

Hier geht es nicht um das Potential neuer Materialien und bisher ungekannte Aufgaben, sondern um die Auslöschung von Kultur und Tradition (letzteres ein indirektes Zitat).

Nur ist das eben auch ein Wegwerfen von in Jahrtausenden gewachsener und aufgeschichteter Erfahrung über das Angemessene des Menschlichen. Der Wille zum Bruch, abgesehen vom monströsen Selbstbild, beschreibt das Problem. Proportion, Tradition, Erfahrung, Erinnerung sind nichts. Aber etwas, das entstellen will, fällt selten angenehm auf, und das wollten sie doch, entstellen, die Tradition auslöschen, die Erinnerung, und den eigenen unterstellten Genius an deren Stelle setzen.

Schinkel litt sicherlich nicht entscheidend an Minderwertigkeitskomplexen, aber hat er jemals behauptet, daß die Menschheit mit ihm neu begönne? Befreiung durch Zerstörung, gewohnte Arten des Sehens oder Bauens ins Nichts stoßen. (Befreiung wovon eigentlich? Und wie bei den verwandtschaftlichen Utopien fällt kein Opfer ins Gewicht, wird das Ergebnis habitusmäßig ignoriert). Dieses neue Bauen hat ideologisch vergiftete Wurzeln, und darum tritt es als Ideologie auch so wahrnehmungs- und erfahrungsimmun auf.

Die Moderne, also das, was uns seit den letzten etwa 100 Jahren unter diesem Namen beglückt, ist oft erfrischend, überraschend, interessant. Aber sobald sie keinen Counterpart mehr hat, erkennt man, wie empathielos und beziehungsgestört sie in ihrem Wesen ist. Es sei denn, sie streckt ihre Fühler aus zu dem, was vor ihr war, und in einem Rahmen von Gesittung staunt man dann über ihre Möglichkeiten.

beendet am 3. Juni

Dienstag, 24. Mai 2016

Jung in Ravenna

Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna, Italien

„Ich.... wäre gern nach Rom gegangen, aber ich fühlte mich dem Eindruck dieser Stadt nicht gewachsen. Schon Pompeji war übergenug, die Eindrücke überschritten beinahe meine Aufnahmefähigkeit.“ So C. G. Jung in seinen Erinnerungen. Aber Ravenna hat er wiederholt besucht und dafür eine beeindruckende Geschichte zur Hand (wer eine Kurzfassung bevorzugt, findet sie auf dieser italienischen Seite).

Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna, Italien

Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna

Zunächst schreibt er, wie das Grabmal der Galla Placidia ihn erneut in eine eigentümlich ergriffene Stimmung versetzte. Anschließend wechselte er mit einer Bekannten in das Baptisterium der Orthodoxen. „Was mir hier zuallererst auffiel, war ein sanftes blaues Licht, das den Raum erfüllte, ohne daß ich mich jedoch darüber wunderte... Zu meinem Erstaunen sah ich dort, wo sich nach meiner Erinnerung Fenster befunden hatten, vier große Mosaikfresken von unerhörter Schönheit.“ Er ärgerte sich, daß er sich auf sein Gedächtnis so ganz und gar nicht verlassen konnte.

Baptisterium der Orthodoxen

„Das Bild auf der Südseite stellte die Jordantaufe dar; ein zweites im Norden den Durchgang der Kinder Israel durch das Rote Meer, das dritte im Osten verblaßte bald in der Erinnerung. Vielleicht zeigte es die Abwaschung des Aussatzes von Naeman im Jordan. In der alten Merianschen Bibel in meiner Bibliothek befindet sich eine ganz ähnliche Abbildung dieses Wunders. Am eindrücklichsten war das vierte Mosaik im Westen des Baptisteriums, das wir als letztes betrachteten. Es stellte dar, wie Christus dem untergehenden Petrus die Hand reicht.“

Mit seiner Bekannten unterhielt er sich vor diesem Mosaik über den ursprünglichen Taufritus, besonders über die merkwürdige Auffassung der Taufe als einer Initiation, die mit wirklicher Todesgefahr verbunden war. Derartige Initiationen seien oft mit Lebensgefahr verbunden, wodurch der archetypische Gedanke des Todes und der Wiedergeburt ausgedrückt würde. So wäre auch die Taufe ursprünglich eine richtige „Eintauchung“ gewesen, welche die Gefahr des Ertrinkens wenigstens andeutete.

Baptisterium der Orthodoxen

„Von dem Mosaik des untersinkenden Petrus bewahrte ich die deutlichste Erinnerung und sehe noch heute jedes Detail vor mir: Die Bläue des Meeres, die einzelnen Steine des Mosaiks, die Spruchbänder, die aus dem Munde Christi und Petri gingen, und die ich zu entziffern suchte.“

Der Versuch, Photographien der Mosaiken zu kaufen, mißlingt. Ein ebenfalls nach Ravenna reisender Bekannter konnte die Bilder genau so wenig auftreiben. Die geschilderten Mosaiken waren nicht auffindbar!

Er hatte über diese mittlerweile bereits ganz selbstverständlich in seinem Seminar gesprochen. Auch seine Begleiterin konnte noch lange Zeit nicht glauben, daß das, was sie „mit eigenen Augen gesehen“ habe, nicht vorhanden sei.

Baptisterium der Orthodoxen

„Das Erlebnis in Ravenna ist etwas vom Merkwürdigsten, was mir je widerfahren ist. Erklären kann man es kaum. Ein gewisses Licht fällt vielleicht von einem Ereignis aus der Geschichte der Kaiserin Galla Placidia (gest. 450) darauf. Bei einer stürmischen Überfahrt von Byzanz nach Ravenna mitten im Winter tat sie das Gelübde, eine Kirche zu bauen und die Gefahren des Meeres darstellen zu lassen, falls sie gerettet würde.“

Erfüllt habe sie das Gelöbnis durch den Bau der Basilica San Giovanni in Ravenna,  mitsamt den Mosaiken sei sie zwar durch Brand zerstört worden, in der Ambrosiana in Mailand finde sich aber noch die Skizze zu einer Darstellung Galla Placidias in einem Boot.

„Von der Gestalt der Galla Placidia war ich unmittelbar betroffen, und die Frage, was für diese hochgebildete Frau von differenziertester Kultur das Leben an der Seite eines Barbarenfürsten bedeutet haben mußte, beschäftigte mich.“ Ihr Grabmal erschien ihm wie der letzte Rest, durch den er sie noch persönlich erreichen konnte. Ihr Schicksal und ihre Art berührten ihn zutiefst, und in ihrer intensiven Wesensart fand seine Anima, so Jung, einen passenden historischen Ausdruck.

Baptisterium der Orthodoxen

Wir hätten schon einige Sätze vorher abbrechen können, weil die Geschichte für sich schon recht wunderbar ist. Aber da es Jungs Geschichte ist, wollen wir seine Interpretation des Ganzen doch nicht vorenthalten.

„Mit dieser Projektion war jenes zeitlose Element des Unbewußten und jene Atmosphäre erreicht, wo das Wunder der Vision stattfinden konnte. Sie unterschied sich im Augenblick nicht im geringsten von der Wirklichkeit.“

Die Anima des Mannes trage einen eminent historischen Charakter. Als Personifikation des Unbewußten sei sie getränkt mit Geschichte und Vorgeschichte. Sie enthalte die Inhalte der Vergangenheit und ersetze das im Manne, was er von seiner Vorgeschichte wissen sollte. Alles schon gewesene Leben, das noch in ihm lebendig sei, sei die Anima.

„Im Verhältnis zu ihr bin ich mir immer vorgekommen wie ein Barbar, der eigentlich keine Geschichte hat - wie ein eben aus Nichts Gewordener, ohne Vorher, ohne Nachher. Bei der Auseinandersetzung mit der Anima bin ich tatsächlich den Gefahren begegnet, die ich in den Mosaiken dargestellt sah. Beinahe wäre ich ertrunken. Es ist mir gegangen wie Petrus, der um Hilfe geschrien hat und von Jesus gerettet wurde. Es hätte mir gehen können wie dem Heer des Pharao. Wie Petrus und wie Naeman bin ich heil davongekommen, und die Integration der unbewußten Inhalte hat Wesentliches zur Vervollständigung meiner Persönlichkeit beigetragen.“

Was einem geschehe, wenn man vordem unbewußte Inhalte dem Bewußtsein integriere, könne mit Worten wohl kaum beschrieben werden. Man könne es nur erfahren. Es sei eine indiskutable subjektive Angelegenheit.

„Es gibt unseres Wissens keine Instanz, welche die wahrscheinlichen Unstimmigkeiten der Eindrücke und Meinungen zu bereinigen vermöchte. Ob und was für eine Veränderung durch die Integrierung stattgefunden hat, ist und bleibt subjektive Überzeugung.“

Obschon sie kein wissenschaftlich zu qualifizierendes Faktum darstelle und damit ohne Verlust aus einem „offiziellen Weltbild“ herausfallen könnte, bleibe sie doch eine praktisch ungemein wichtige und folgenreiche Tatsache.

„Die Erfahrung im Baptisterium von Ravenna hat mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Seitdem weiß ich, daß ein Innen aussehen kann wie ein Außen und ebenso ein Außen wie ein Innen. Die wirklichen Wände des Baptisteriums, welche meine physischen Augen sehen mußten, waren überdeckt und verwandelt durch eine Vision, die ebenso real war wie das unveränderte Taufbecken. Was war in jenem Augenblick real?“

Sein Fall sei keineswegs der einzige in seiner Art, aber wenn solches einem selber zustoße, könne man nicht umhin, es ernster zu nehmen, als wenn man davon höre. „Im allgemeinen hat man bei solchen Erzählungen allerhand Erklärungen rasch zur Hand. Ich bin jedenfalls zum Schluß gekommen, daß wir in bezug auf das Unbewußte noch vieler Erfahrungen bedürfen, bevor wir uns auf Theorien festlegen.“

Aus  C.G. Jung, Erinnerungen, Träume und Gedanken, Zürich und Stuttgart

Sant'Apollinare in Classe,  Symbol des Evangelisten Markus

Die Gestalt der Galla Placidia ist in der Tat faszinierend, eine Figur am Abgrund. Und von welcher Höhe war der Fall! Ich habe mich in der ersten Hälfte eines Beitrages einmal etwas mit Ravenna und dem Untergang Westroms beschäftigt und will mich hier nicht wiederholen.

Ihr Mausoleum (sie mag darin jemals bestattet gewesen sein oder nicht), ist zu einer Art Mahntempel für den ersten Untergang des Abendlandes geworden. Ihr eigenes Schicksal, brutaler und verworrener als Jung es andeutet. Aber dennoch in den Bildern jenes Ortes - eine geistdurchwirkte Lebendigkeit inmitten anbrandender Barbarei. Das zu behaupten, wo das andere längst existentiell und auch physisch erfahren war...

Kein Wunder also, wo Jung seine Erlebnisse zustießen.

Sant'Apollinare in Classe,  Apsis

nachgetragen am 26. Mai