Donnerstag, 11. Oktober 2018

Andreas Gryphius: 1 & 3 Gedichte über die Vergänglichkeit &



Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesen-Blum, die man nicht wiederfind't.
Noch will was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

All is vanity

Look over Earth, you’ll see but vanity at large.
What this man builds today, that man tears down tomorrow;
Where towns are standing now, one soon will see a meadow
On which a shepherd’s boy is playing with his charge.

What swells in gorgeous bloom, will soon be trampled under.
What vaunts and flouts right now, next sun is ash and bone;
Nothing may hope to last, no metal and no stone.
Now fortune smiles at us, in no time troubles thunder.

The fame of noble deeds must like a dream fall past.
So shall the toy of time, this flimsy man, stand fast?
Ah! what is everything, this all we deem sublime,

But dismal nothingness, but shadow, dust and pain;
A meadow flower one can never find again.
Yet not one man will give eternity his time!

transl. © Michael Haldane




Menschliches Elende

Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhaus grimmer Schmerzen
Ein Ball des falschen Glücks / ein Irrlicht dieser Zeit /
Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharfem Leid /
Ein bald verschmelzter Schnee / und abgebrannte Kerzen.

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid /
Und in das Toten-Buch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind / find' uns aus Sinn und Herzen.

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt /
Und wie ein Strom verfließt / den keine Macht aufhält /
So muß auch unser Nam' / Lob / Ehr und Ruhm verschwinden.

Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn /
Was nach uns kommen wird / wird uns ins Grab nachziehn /
Was sag ich? Wir vergehn' wie Rauch von starken Winden.




Einsamkeit

IN diser Einsamkeit / der mehr denn öden Wüsten
Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemoßte See:
Beschau ich jenes Thal und dieser Felsen Höh'
Auf welchem Eulen nur und stille Vögel nisten.

Hier / fern von dem Palast; weit von des Pöbels Lüsten /
Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh'
Wie auf nicht festem Grund' all unser Hoffen steh'
Wie die vor Abend schmähn / die vor dem Tag uns grüßten.

Die Höhl' / der rauhe Wald / der Todtenkopf / der Stein /
Den auch die Zeit auffrißt / die abgezehrten Bein /
Entwerfen in dem Mut unzählige Gedancken.

Der Mauren alter Grauß / diß ungebau'te Land
Ist schön und fruchtbar mir / der eigentlich erkannt /
Daß alles / ohn ein Geist / den Gott selbst hält / muß wancken.


Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,
Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.


Anschluß - Betrachtungen

Wir Deutsche sind vertraut mit Untergängen, oder, um Grass zu zitieren: „Teutschland, das herrlichste Kaiserthumb der Welt, ist nun mehr auff den Grund außgemergelt, verheeret und verderbet...“.  Ach, und die Deutschen hätten „fremdländischen Horden das Vaterland preisgegeben“, diese hätten sich Deutschland als Tummelplatz auserkoren, so daß es zerstückelt und nach dem „Verlust seiner Schönheit“ nicht mehr kenntlich - „ohne alte Ordnung“ sei „alle Treu verloren“. In der Tat.

Dieser historisch gewordene Charakter führt auf der einen Seite zu überspannten Naturen wie etwa Schelling oder Nietzsche, um nur zwei zu nennen, auf der anderen (natürlich ist das alles selbstgefällig, aber man gruselt sich schon bei jedem Beispiel) etwa dem Wahn, das Weltklima anhalten zu wollen. Nur, daß die einen sich ihrer wohl im Übermaß bewußt waren, während andere, heutige vollkommen ohne das auskommen.

Wir wischen das jetzt einfach beiseite.  Zuvor noch: Die Zitate waren aus dem „Treffen in Telgte“. Mein früheres Ich hatte dazu einmal ein paar Gedanken.

Andreas Gryphius war einst ein sehr berühmter Dichter im Reich, das gerade verbrannte. Über die Vergänglichkeit solchen Ruhms hätte man gar nicht erst anfangen müssen, ihn zu belehren. Er wußte das alles bereits hinreichend, und ist wohl an einem 2. Oktober A.D. 1616 geboren worden (die frühere Elf war demnach ein Verleser der römischen II, ich bin auch wieder darauf hineingefallen, hatte aber schon angefangen, wie auch immer). Wer mehr wissen will, nehme mit diesem oder auch diesem Vorlieb.

Wenn wir sie denn kennen, haben wir eine Dichtung, die uns auf alles vorbereitet, die Abgründe des Grauens und die Wertschätzung des Schönen, destotrotz. Um nur das zu sagen:

Grypius hat den wesentlichen Teil seines Lebens in der wahrscheinlich grausamsten Zeit zubringen müssen, die Deutschland je befallen hat. Angesichts dessen, was in späteren Jahrhunderten nachfolgen soll, mag ein solches Urteil anmaßend klingen, aber wenn man nüchtern auf die Totenwaage schaut, ist es so. Ihm war es aber, wie den meisten seiner Zeitgenossen, dabei vergönnt, zwar das Grauen zu erleben und zu beschreiben (dafür hat er eine gewisse Bekanntheit behalten), aber nicht auch in eine seelische Obdachlosigkeit zu fallen.

(Ich kann nur erahnen, was das bedeutet, etwa wenn ich nachts öfters fremde Alpträume übergeholfen bekomme. Mir genügen bereits die wenigen eigenen Erfahrungen. Man merkt, ich schreibe dies gerade nachts, darum diese Rosen, die lange vergangen sind und in meine Erinnerung eingegangen. Mit der sich zugleich die Ratlosigkeit verbindet gegenüber dem Bedürfnis von Menschen, schöne Dinge, die ihnen zufallen, zerstören zu müssen. Als Rache wofür? Wir werden das Böse nie verstehen.)


Wir sind wieder bei Gryphius.

Andreas Gryphius wurde also 1616 zu  Glogau in Schlesien geboren, an einem 2. Oktober. Das dortige Theater von 1799, daher das obige Bild, wurde irgendwann nach ihm benannt, bevor es, wie der ganze Ort, im letzten Krieg vernichtet wurde. Er dürfte heute auch aus dem Bewußtsein der meisten Deutschen verschwunden sein, wofür man bei Gryphius schon die passenden Kommentare findet.

Aber: Seit 2017 baut man wieder daran. Wie immer das Ergebnis schließlich aussehen wird, die Erkenntnis des Untergangs wie das Bedauern darüber scheinen einen Umweg gesucht und gefunden zu haben, um der Vergänglichkeit aller Dinge noch einmal zu entgehen. Nur nicht hier, hinreichend, fürchte ich. Insofern haben die heutigen Bewohner des Ortes uns etwas voraus. Man mag einwenden, wie sehr das Bemühen um das Wiedergewinnen von Verlorenem auch bei uns eingesetzt hat. Das stimmt zwar, aber wie weit reicht dies nach innen? Also hoffen wir weiter.

Gryphius-Büste am Stadttheater

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Diese Bilder, soooo herrliche Rosenbilder, es lohnt sich doch, immer mal wieder bei Ihnen reinzuschaun! Danke dafür, auch für die sorgfältig ausgesuchten Worte zur Vergänglichkeit. Wer sollte nichts davon wissen, Herr Wisser(!!!), wenn er ein gewisses Alter erreicht und auch mal
in den Spiegel schaut, ungeschönt, oder wenn man schnell etwas arbeiten möchte, was früher ohne Mühe, fast unbewußt von statten ging, also damals als man noch gar nicht wußte, daß man inwendig ein Knochengerüst hat, welches auch schmerzen kann.... also wegen Materialermüdung oder Schlimmerem.....
Umso schöner ist die Erkenntnis, daß man noch seine Gliedmaßen einigermaßen nutzen kann, daß man trotz Sehschwäche und Hilfsmitteln
das Wunderschöne in der Natur sehen und erleben darf. Also, genießen wir einfach, solange es noch geht!

MartininBroda hat gesagt…

Oh vielen Dank. Leider hat Google offenbar etwas an der Kommentarberichtigung verändert, so daß ich gerade erst durch Zufall auf Ihren Kommentar gestoßen bin. Verzeihen Sie bitte. Die Pointe war ein wenig, daß all diese Rosen zwar einmal vorhanden waren, jetzt aber nur noch in der Erinnerung. Insofern paßte das gut zum Gryphius, den ich wirklich mag. Ja, wir müssen die Schönheit, die uns begegnet, in uns hineinlassen und das andere ausperren, nicht leugnen natürlich, aber es darf nicht von uns Besitz ergreifen. Es ist schon eine seltsame Lernübung, das Leben. Vielen Dank für Ihr Hineinschauen und alles Gute!