Samstag, 11. Juli 2015
Mittwoch, 8. Juli 2015
Wo letzte Ängste leuchten - Gedichte von Maria Wandelt
Mein Gott, welche Schönheit. Durch das geöffnete Erker-Fenster weht der Regen Blätter und Blüten aus dem Schloßgarten. Die größeren Zweige bleiben zum Glück draußen liegen.
Und auf einmal läßt sogar die ramponierte vergessene Spieluhr auf dem Schrank in Form eines Engels wieder Töne hören. Die Bewegung der Luft muß wirklich heftig sein. Vor allem verhilft sie Körper und Gemüt wieder zum Atmen.
Das war gestern. Herr Busse, der u.a. Gedichte von Maria Wandelt herausgegeben hat, überraschte mich diesen Vormittag mit seinem Besuch, an dem ich nicht völlig unschuldig war. Er hat sie quasi als Privatdruck veröffentlicht. Ich konnte ihn nicht erreichen, nur um ihn lediglich zu fragen, ob ich nicht doch ein paar hier bringen könne, besprochen oder unbesprochen. Er stimmte zu meiner Überraschung zu. Offen gestanden, brauchte ich einige Zeit, um einen Zugang zu finden. Aber nachdem ich ihn fand, wollte ich wenigstens etwas davon weitergeben, dies wird folglich keine Besprechung, nur ein Einstieg.
Sein Erinnerungsbuch, zu dem indirekt dieser Link führt, hat ziemlich gewiß klarer, und oft verstörend, das Bild des Menschen hervortreten lassen, der für meine Jugenderinnerungen steht. Sie werden dadurch nicht unwahr, nur das Mosaik der Erinnerung wird größer. Es muß ihn beachtliche Überwindung gekostet haben. Ich habe das dort nur angedeutet.
Es ist nicht verwerflich, wenn Menschen ihr Leben in eine Erzählung verwandeln, wir alle tun das übrigens täglich. Die Frage ist lediglich, wie viel belastbare Substanz in dieser Erzählung enthalten ist. Das war in ihrem Fall verstörend viel, wie aus den nachfolgenden zwei Gedichten deutlich werden kann.
Ich hatte in meinem kleinen Erinnerungsbeitag angemerkt: „Aber es ist nicht wahr, daß die Dinge von ihrem Ende her gültig sind. Ein Ende kann täuschen und auf Gründen beruhen, die ebenfalls lange zerfallen sind.“
Das ist ein Aspekt. Wichtiger wäre wohl zu sagen, daß sie in den letzten Jahren ihres Verfalls aus ihrem geistigen Leben Worte wie die nachfolgenden entgegenzustellen vermochte.
Und auch, wenn das diesen Gedankengang bricht, unsere Bekanntschaft ist schließlich schon fast vorhistorisch, und wir sind so fremd in vielem gegeneinander, bis heute. Doch in unserer unverhofft 1 ½ stündige Unterhaltung wurde mir deutlich: Er hat das alte Regime aus tiefem Herzen gehaßt. Wenn er aber in so klaren Worten die innere Verworfenheit des Gegenwärtigen, das ich zunächst noch zögernd entschuldigte, mit schlicht logischen Aufzählungen begründen kann: Manchmal muß man wirklich wohl einfach nur weiter im Wald wohnen, um bei Verstand zu bleiben. Es waren diese Prinzipien von präziser Aufmerksamkeit, die ihm damals mutmaßlich zu überleben halfen, und hoffentlich auch heute.
Wir leben noch in diesem Gothic Novel, wo auch solche Einsichten vermutlich nicht weiter helfen. Aber die Poesie, die vermag viel. Auch zu verbinden, rückzubinden. Wem käme bei dem nachfolgenden Gedicht nicht der „Wolken sagenhafte Kampfgestalt“ in den Sinn, die Rilke beschrieben hat. Dabei ist ihr Text keinesfalls epigonal, er ist sogar ganz anders, von anderer Gestimmtheit, Naturerfahrung, doch spürt man die respektierende Kenntnis derjenigen, die vor einem waren.
„Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne mühsam gewonnen haben? Es kann sein.“
Der Beginn der „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ war, die Häufigkeit des Rezitierens zum Maßstab genommen, wohl ihr Lieblingsstück von ihm.
Eine andere wesentliche Seite lernt man im darauf folgenden Text kennen - ihre tiefe Natureingewobenheit, in der sie dort alles beseelt vorfand, was anderswo, in der pragmatisch-leeren Menschenwelt etwa, ihr zu sehr ermangelte. Das Ächzen und Krachen eines fallenden Baumes erklärte sie mir einmal als letzten Aufschrei des sterbenden Wesens... Selbst Gott scheint sie im Wald noch am ehesten gespürt zu haben:
Maria Wandelt
Regenfall
Der Himmel dicht bedrängt von Wolkentieren.
Sie wachsen riesig, fressen alles Blau,
gebuckelt und gebuchtet, weiß und grau;
Wind treibt sie, daß sie sich im Kampf verlieren,
sich jetzt zerstören, nun sich neu gebären;
nicht länger Tiergestalt, hier Burg und Wall,
die schon verdunkeln, kühler Tropfenfall,
herbstliche Zeiten, die im Sommer währen.
Die Pflanzen zittern, einsam, seltsam blaß,
kein Falter, keine Biene sucht die Blüten.
Sogar die Schwalben, diese nimmermüden
geliebten Schwätzer schweigen in dem Naß.
3. 7. 1990
Aprilnächte
Ach, daß wir wieder auf die Stille lauschen,
wenn Bäume in den Sternennächten singen;
wortlos, sehr sanft der Hauch, die Winde klingen,
die Traum und Leben schenken selbst den Dingen,
fernferne Melodie wie Muschelrauschen;
die nahe auch in unsre Seele dringen
und letzte Ängste klar zum Leuchten bringen.
In diesen Nächten selbst der Vogel schweigt,
sein zarter Jubel wäre noch zu laut.
Nur Stille ziemt, da neues Leben baut
ER, dem ein jedes Leben ist vertraut
und dem sich SEIN Geschöpf in Demut neigt...
doch auch der Tod großäugig auf IHN schaut;
nichts, das in solcher Nacht sich vor ihm graut.
12. 4. 1992
für beide obigen Texte © Gerhard Busse, Rodenskrug 2014
nachgetragen am 11. Juli
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Lyrik,
Maria Wandelt,
Persönliches,
Rilke
Sonntag, 5. Juli 2015
Sonntag &
Schneeregen wäre schön, aber immerhin donnert's schon. Ansonsten erbaut mich gerade das obige Bild aus dem Dezember '14, nein nicht 1814 oder 1914, es war 2014, obwohl einem die Jahrhunderte schon mal durcheinander geraten können, bei der Hitze. Und jetzt regnet's sogar. Die Katze, die uns jüngst ihre 4 neuen Jungen in die Wohnung geschleppt hatte, scheint mitten im Regen Schutz vor dem Regen gesucht zu haben, auch eine Idee. Die im Bild ist aber der Geschwister-Kater.
Es war vorher so unerträglich heiß, daß man fast von Visionen befallen worden wäre, jetzt versteht man auch, warum die hier vorherrschenden Religionen alle im Nahen Osten entstanden sind.
Sarkasmus beiseite. Die Idee mit dem Kartoffelsalat war nicht von mir, das gebe ich frei heraus zu, aber bei den Wiener Würstchen habe ich mich dann verweigert. Wie man sehen kann. Hühnerbrüste, mit Zwiebeln und Rosmarin angebraten und dann im Ofen auf Thymian und Butter bei milden Temperaturen nachgegart stattdessen (abgedeckt natürlich, die werden doch schnell zu trocken).
Was das Produkt von Mondelēz International aus Bad Fallingbostel mit einem Mirakel zu tun hat, erschließt sich mir nicht, aber in seiner leichteren Variante konnte ich mich so um die Mayonnaise herummogeln, was übrigens gar nicht weiter auffiel. Außer den zerkleinerten Pellkartoffeln bestand der Salat ansonsten aus eingelegten Spreewaldgurken, reichlich Zwiebeln, Dill, ein paar anderen Kräutern, (zu) viel Pfeffer und etwas Salz.
Wenn man bedenkt, daß ich bei solchen Temperaturen üblicherweise kaum etwas herunterbekomme und ich ihn dennoch kräftig mitvernichtete, und selbst die bäuerlich-bodenständige Nachbarin, die ebenfalls etwas davon abbekam, zur Überraschung von Frau Mutter das Ergebnis deutlich lobte, kann ich soviel nicht falsch gemacht haben.
Er hatte jedenfalls einen durchaus komplexeren Geschmack, und das muß man erst mal hinkriegen bei einem Kartoffelsalat. Wo Kartoffeln doch üblicherweise sehr dazu verhelfen, alles ein wenig dumpf schmecken zu lassen.
Ach so, und das alles geschieht unter den gnädigen Augen unserer Königin Luise, weil ich deren Büste von einem Bücherschrank räumen mußte; wie ich schon andeutete, die Katzen. Er diente ihnen (vorübergehend) als ideales Versteck.
Und zum Ende noch eine psychedelische Rose.
nachgetragen am 6. Juli
Freitag, 3. Juli 2015
Kleines Déjà-vu
Die Überschrift bezieht sich auf einen Beitrag von Anfang der Woche, wo ich bei ziemlich den gleichen Sujets eine Serie über die Befreiungskriege bzw. das Jahr 1815 angekündigt hatte. Wer sich das wirklich antun will, müßte hier einsteigen und dann zu den vermeintlich älteren Beiträgen wechseln (ich weiß nicht, ob es so lesbarer wird, das war jedenfalls die Absicht).
Das wenig Positive an dieser Hitze ist - man kann sowieso nicht schlafen...
Donnerstag, 2. Juli 2015
Hermann Hesse *2. Juli 1877
Hermann Hesse
Allein
Es führen über die Erde
Straßen und Wege viel,
Aber alle haben
Dasselbe Ziel.
Du kannst reiten und fahren
Zu zwein und zu drein,
Den letzten Schritt
Mußt du gehen allein.
Drum ist kein Wissen
Noch Können so gut,
Als daß man alles Schwere
Alleine tut.
Alone
Across the Earth are leading
many a road and bend,
yet all are speeding
to the selfsame end.
Be you riding or driving
as twosome or three,
the last of your steps
belongs but to thee.
For skill's not as valid,
nor all that is known,
as tackling the difficult
stuff by your own.
Wir leben hin...
Wir leben hin in Form und Schein
Und ahnen nur in Leidestagen
Das ewig wandellose Sein,
Von dem uns dunkle Träume sagen.
Wir freuen uns an Trug und Schaum,
Wir gleichen führerlosen Blinden,
Wir suchen bang in Zeit und Raum,
Was nur im Ewigen zu finden.
Erlösung hoffen wir und Heil
In wesenlosen Traumesgaben -
Da wir doch Götter sind und teil
Am Urbeginn der Schöpfung haben.
We live as form...
We live as form, from truth estranged -
surmising (when the pains assail us)
eternal realm that never changed,
of which dark dreams at night do tell us.
We like illusion's false embrace,
we're blind and leaderless and lonely -
and search in fear through time and place
for what's of the eternal only.
Salvation we expect and grace
from dreams that cannot go the distance -
We, who are Gods, and in whose space
creation first became existence.
Translations by Walter A. Aue
Hermann Hesse liest "Stufen"
Dienstag, 30. Juni 2015
abends am Wäschespülhaus
In der Tat darf man das Gebäude oben einen Chinesischen Pavillon nennen oder schlicht nach seiner ehemaligen Bestimmung – Wäschespülhaus. Gegenüber gibt es die Weiße Brücke, von der man meines Wissens nicht genau weiß, wie alt sie ist, zu dem hübsch bunten Holzhäuschen erfährt man jedoch, es sei von 1821. Ein sehr lauschiger Ort.
Bei meinem erfolgreichen Unterfangen, am Abend dieses Tages dort noch ein paar schlechte Bilder zu machen, hatte ich eine angenehme überraschende Begegnung mit einem jungen Mann, der offenkundig ähnliches vorhatte, allerdings mit erkennbar besseren Intentionen und Möglichkeiten. Herr Lingnau betreibt die Sache halt professionell und war so nett, mir 2 seiner Photos zu schicken. Unter kamera-neustrelitz.de ist er u.a. auffindbar.
Dies ist noch nicht der Abschluß des Juni. Ich habe mich nun doch aufgerafft, noch etwas zu den Befreiungskriegen nachzutragen. Der erste Beitrag dazu findet sich hier, und wenn mich nicht zwischendurch der Hitzschlag trifft, werden weitere bald folgen.
nachgetragen am 2. Juli
Labels:
Natur,
Neustrelitz & Sehenswertes,
Persönliches
Sonntag, 28. Juni 2015
Sonntag &
Mitunter riechen Rosen nach Himbeeren, das ist merkwürdig, aber nicht unnaürlich, sogar schön. Die Rosen erfreuen derzeit sehr.
Und wiederum sieht manchmal etwas äußerlich zwar nett aus, tatsächlich hat sich jedoch das Grauen darin eingenistet. Man ahnt die Richtung, die der Beitrag heute nehmen muß.
Ich hatte den Sonntag-Vormittag in Feldberg zugebracht. Es war sehr entspannt. Der Chor hatte seinen letzten Gottesdienst-Auftritt vor der Sommerpause und war offenkundig in so guter Form, daß es noch eine Zugabe geben mußte, was für einen Gottesdienst eher ungewöhnlich ist. Leider hatte ich die Speicherkarte meiner Kamera vergessen, daher gibt es davon keine Bilder.
Die Einladung, gemeinsam mit einigen Sangeskollegen noch Essen zu gehen, schlug ich aus Pflichtgefühl aus, was ein Fehler war. Mit Eintritt in die Wohnung kippte meine Stimmung nämlich komplett und meine Befürchtungen bestätigten sich bald. Ich habe ziemlich gezögert, diesen Bericht abzuliefern, aber jetzt will ich da durch:
Frau W. hatte mit Hilfe der noch betagteren Nachbarin gekocht und behauptete steif und fest, damit habe sie mir eine Freude machen wollen. Nun ist es nicht schön, das so deutlich zu sagen, aber es gibt Gründe dafür, warum ich am Sonntag koche, und sie kennt sie (obwohl sie ihre Freundinnen immer wieder mal nötigt, mir gegenüber zu bestätigen, was für eine herausragende Köchin sie sei).
Ich hatte vorgehabt, Bouletten zu braten und dazu Pfannengemüse zu schmoren. Der erste Teil hatte sich erübrigt. Den 2. habe ich zwar noch bestritten, doch das hätte ich auch besser sein lassen sollen. Die Nachbarin stürmte dann bald fort, als sie den Temperaturabsturz bemerkte, und ich durfte so noch beim halb fertigen Kartoffelbrei helfen, genauer gesagt reichte ich die Sahne, die dort reichlich hineingeschüttet wurde. Wie sich später herausstellte, fehlte ihm das, was die Bouletten überreich abbekommen hatten – das liebe Salz.
Ansonsten waren die nach der bekannten Manier hergestellt worden, was ebenfalls bedeutet, daß sie bei eher niedriger Temperatur in reichlich Fett gebraten worden waren, so daß man eine recht weiche Masse erhielt, die sich mit Fett vollgesogen hatte.
Mein Fehler nun war, in dieses salzige Fett auch noch das Pfannengemüse zu tun und es darin zu schmoren. Ich habe alles in allem lange nicht so ein kulinarisches Erlebnis über mich hineinstürzen fühlen dürfen wie an diesem Sonntag.
Denn natürlich habe ich tapfer versucht, von allem etwas herunterzubekommen, was bald mißlang und mich schließlich motivierte, mich angenehmeren Eindrücken außerhalb des Hauses auszusetzen, gestärkt von „Subway“ übrigens.
nachgetragen am 29. Juni
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