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Sonntag, 25. November 2018

Über den Trost der Dinge und auch die Ewigkeit

Busto ritratto di Antinoo. Galleria Estense, Modena.


Der November drängt so sehr das Gedenken der Toten auf und es ist ein wahrlich zwiespältiges Erinnern. Denn wie eindrückliche Menschen sind einem begegnet und wieder verhüllt worden, daß man ihr Andenken nicht mit Worten verunstalten mag. Aber vielleicht werde ich in der Ewigkeit Nicolás Rackiewicz aus Argentinien, einem Ort, den er vom Innersten haßte, mit Maria Wandelt bekannt machen können. Das wäre schon was.


G.F Händel, Allor ch'io dissi addio, Roberta Invernizzi

Seit jenem Sonntag also, der jetzt Ewigkeitssonntag heißt, kreisen meine inneren Gedanken um dieses Thema, und ja, wie sagt man es, sie „behinderten“, das ist falsch, sie hielten anderes zurück. Und auch das sollte irgendwann enden. Warum nicht jetzt? Als Abbreviatur.

Die Dinge also. Es ist ein verbreitetes Vorurteil gegen sie, daß sie vergehen würden, wieso so? Die Verächtlichung-Machung der Schöpfung ist der Kern des Bösen. Gewalttätig gegen ihre Ratio, also die Ordnung, ihre Wahrheit; die Wirklichkeit überhaupt. Ein Beispiel davon im Sing-Sang der Bedeutungslosigkeit. Denn man kann vom Schönen nur sorglos reden, solange man abwehrt, was einen nicht beflecken darf:

"Aber diese Leere empfinde ich als Versprechen. Also ich denke mir, jede Form von Aufladung dieser Leere ist heute zum Scheitern verurteilt, eben weil die Gesellschaft so pluralisiert ist. Die einzige Hoffnung, die wir haben, ist, daß wir auf ein Wir rekurrieren können, das leer bleibt. Weil nämlich diese Leere die einzige Hoffnung ist, unter der wir uns in unserer Vielfalt so versammeln können, ohne diese Vielfalt aufgeben zu müssen."

Das Schöne ist die Ewigkeit, jedes Stück davon. Die Dinge von Schönheit sind… Charlatanhafte Charaktere werden davon angezogen und werfen sie sich in ihrer Dürftigkeit gern über als genialischen Mantel.

Das ist das andere also. Genug davon.

Man begegnet oft dem triumphierend (worüber eigentlich?), zumindest betulich affirmierend vorgetragenen Urteil: ‚Alles sei vergänglich‘. Die Dinge sind immer in Gefahr, aber sie trösten auch. Denn sie sind Teil der Ewigkeit, sie sind die wundervollste Frucht des Leidens an der Vergänglichkeit. Da sie in die Ewigkeit hineinragen.

Auch Fortschritte im Religiösen sind mit Opfern erkauft: Als den alten Juden eingebläut wurde, daß das Göttliche nicht hinreichend in der lebendigen Natur zu finden sei, geriet ihnen das alberne Bilderverbot zupaß und später kam irgendwann dann davon die Askese auf und noch später schlug man Venus-Statuen die Köpfe ab.

Eine der Quellen meines Mißtrauens war immer, daß die größten Eiferer, ob ägyptische Mönche oder calvinistische Bilderstürmer gerne Dinge zerstörten. Da gibt es einen kleinen Webfehler in der Tradition. Einer der nebenher laufenden Grundsätze christlichen Denkens ist, daß Gott aus seiner Schöpfung erkannt werden könne, nur als Anfang, aber immerhin.

Wenn er sich aber inkarniert hat, dann hat er auch die Schönheit der Dinge hervorgerufen, sich dieser Schönheit ausgeliefert, ist ihr Wesen. Man kann sich nicht inkarnieren, sprich ausliefern, und anschließend fröhlich den eigenen Untergang feiern. Wie kann man dann den Satz tröstlich finden, daß eh alles vergänglich sei. Wie kann sich Gott in etwas hinein offenbaren, das er für wertlos hält, auch nach seiner Inkarnation, mit dem er sich gewissermaßen gemein gemacht hat. Das Vergehen der Dinge müßte ihn dann doch persönlich angehen.

Gott aber zerstört nicht seine Schöpfung, er stellt sie wieder her. In jedem unbegrenzten Augenblick von Schönheit wohnt die Präsenz des Ewigen. Darum kehrt auch im Verfall die Schönheit in die Ewigkeit zurück, sie mag vergehen, aber nur für uns. Wir aber können, wenn wir uns über den Verlust von schönen Dingen grämen - und wie viel hat unsere Heimat, dieses alte Reich nicht verloren – uns nur in diesen Strom stellen, der uns zur Quelle der Schönheit zurückträgt, in dem alle Dinge geborgen sind, zu Gott.

Und da das hier ja eine persönliche Ecke der Welt und keine Tageszeitung ist oder so etwas Schreckliches...


Als ich jemandem vorklagte, ich wüßte nicht, was schlimmer sei, die Schlaflosigkeit, die unvorbereitet einfallenden Müdigkeits-Attacken oder die reichlich illuminierten Albträume, wenn es denn doch zum Schlaf kam, und er mir vorschlug, so etwas Interessantes müsse ich doch aufschreiben. Nein. Ich bin schlicht froh, wenn es vorbei ist.

Eine Ausnahme, weil es so rührend banal daherkommt. Man muß Neustrelitzer sein, um das mit dem inneren Auge sehen zu können: Also wenige Schritte von der Tiergartenstraße entfernt (im Rücken das ehemalige Amtsgericht), weiter hinten ragte die Seitenfront der Schloßkirche empor, erhob sich ein runder Tempel, der einen Brunnen umfing. Als ich aufwachte, fing ich pedantisch an, die Säulen zu zählen, waren es acht oder waren es 12? Mein Gott, es war ein Traum.

Unter der Kuppel eine aufrechte Frauengestalt, von der man sofort wußte, daß es die Hl. Jungfrau war, obwohl keinerlei Attribute beigegeben. Unter ihr 4 Engel, damit beschäftigt, 4 Drachen zu beherrschen, aus deren bedrohlich aufgerissenen Mäulern das Wasser ins Brunnenbecken floß. Die Jungfrau war in Verbindung mit allem, sie streckte ihre Hände ermutigend den Engeln entgegen, die ihrerseits mit Blicken und Gesten auf sie achteten.

Um den Tempel war ein kleiner Rosengarten.


So jetzt habe ich das einmal aufgeschrieben und kann künftig zur Abschreckung darauf verweisen. Eine gesegnete Nacht und einen ebensolchen Tag.

Starnberg, Marienbrunnen. 1912 
vom Apotheker Vinzenz Gresbek gestiftet, hier gefunden

nachgetragen am 6. Dezember

Sonntag, 20. November 2016

Ewigkeitssonntag





Maria Wandelt

Zu Spät

Alle späten Blumen möchte ich binden,
daß das Zimmer überschäumt von Blüten,
eh' ich muß erfrorne, tote finden,
denn mein Herz klagt um des Sommers Tod.
Und kann nimmer ihre Schöne hüten
vor dem Nebel und der kalten Not.

Alle Sonnenstrahlen möcht' ich trinken
und verwehen dann im Sommerwind,
eh die Blätter tot im Reife sinken -
welkt die Schönheit schon in dieser Nacht?
Möcht noch einmal sein wie einst als Kind,
das im Lichte spielt, im Lichte lacht.

Allzu herb war meine Sommerzeit.
Fand' das Glück und hab' es doch versäumt.
Trage nun der Reue Bettelkleid.
Herbstwind streut mir schon sein blasses Gold.
Wieviel Leben habe ich verträumt,
nie war Wirklichkeit mir heiß und hold.

Nun am Weg nur noch die Grillen schrillen,
müder Duft weht aus dem Wiesengraben.
Samen fliegen voller Werdewillen.
Sonnenstrahlen gütig heut' noch walten.
Ach, wie viele Blumen wollt' ich haben,
um den Sommer noch einmal zu halten.

nachgetragen am 22. November

Samstag, 13. Februar 2016

Selig, wer in Träumen stirbt


Clemens Brentano

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt;
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt;
O! wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg, ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.


Do you hear 
the fountains whisper?

Do you hear the fountains whisper? 
Do you hear the crickets sing? 
Silent, silent, let us listen, 
blessed dreams departure bring. 
Blessed, who in clouds is lying, 
whom the moon a nightsong sings, 
blessed he, who will be flying 
on the dream of golden wings; 
there, from heaven's azure cover 
stars like flowers will he pluck. 
Sleep and dream and fly and hover: 
soon I'll wake you to my luck.
Translation by Walter A. Aue

Herr Simm hat das auch schon interpretiert, in der anderen Zeitung aus Frankfurt/M., nein nicht in der dazugekauften, wo doch inzwischen eh alles egal wurde, nein, das war in der, die mal als Schlepper deutschen Bildungsbürgertums galt.

Doch all das ist wertloser Alltagsmüll. Dinge entstehen und vergehen. Ich bitte um Entschuldigung.

Dichtung aber, die bleibt, weil sie den dauerhafteren Dingen zugehört.

Es ist ein berührendes Gedicht. Wenn man jemanden umbringen wollte, und er wäre kein Tropf, würde dieser Satz genügen: „Selig, wer in Träumen stirbt.“ Aber Träume sind oft auch trügerisch, dieser wohl nicht, aber wir dürfen ihn trotzdem zurückweisen, ausharrend auf unserem imaginierten Felsen der Tapferkeit.

Samstag, 21. November 2015

"Wie seltsam kurz ist dieser Tag gewesen"


Von mir aus hätte es jetzt weiter 3 Monate Herbst geben können, und dafür keinen Winter. Es beginnen in Wahrheit Nachträge, Und wir werden sehen, wie weit wir damit kommen.

Ich dachte, hier schon einmal Gedichte von Maria Wandelt vorgestellt zu haben. Nein, hatte ich nicht. Es verharrt dort schier endlos lang auf dem Wort „ich“. Und dieses „Ich“ konnte es dann selbst kaum wiederlesen.

Diesmal bringen wir Bilder von vor dem Schnee, und eine unkommentierte Auswahl.

„Die Nebelfrauen hocken in den Zweigen / und schlürfen von der Blätter grünem Saum / das Leben und der Winde Sommerregen...“ Ein kurioser Verschreiber. Wie antwortet man auf die Zumutungen der Zeit und der Umstände und den nebensächlichen Rest? Mit Worten, am besten wohl.


Maria Wandelt

Oktobermorgen

Am Morgen steht der Wald im Tau und Traum.
Verstummt und fern die großen Wipfel schweigen.
Ein seltsam Bangen ist um jeden Baum.
Die Nebelfrauen hocken in den Zweigen
und schlürfen von der Blätter grünem Saum
das Leben und der Winde Sommerreigen
ganz leicht und leis. Das Laub es spürt es kaum;
jedoch ein Frösteln bleibt, ob Lichter steigen
und Strahlen auch, wenn Sommer füllt den Raum.


Regenfall

Der Himmel dicht bedrängt von Wolkentieren.
Sie wachsen riesig, fressen alles Blau,
gebuckelt und gebuchtet, weiß und grau;
Wind treibt sie, daß sie sich im Kampf verlieren,
sich jetzt zerstören, nun sich neu gebären;
nicht länger Tiergestalt, hier Burg und Wall,
die schon verdunkeln, kühler Tropfenfall,
herbstliche Zeiten, die im Sommer währen.

Die Pflanzen zittern, einsam, seltsam blaß,
kein Falter, keine Biene sucht die Blüten.
Sogar die Schwalben, diese nimmermüden
geliebten Schwätzer schweigen in dem Naß.


Aprilnächte

Ach, daß wir wieder auf die Stille lauschen,
wenn Bäume in den Sternennächten singen;
wortlos, sehr sanft der Hauch, die Winde klingen,
die Traum und Leben schenken selbst den Dingen,
fernferne Melodie wie Muschelrauschen;
die nahe auch in unsre Seele dringen
und letzte Ängste klar zum Leuchten bringen.

In diesen Nächten selbst der Vogel schweigt,
sein zarter Jubel wäre noch zu laut.
Nur Stille ziemt, da neues Leben baut
ER, dem ein jedes Leben ist vertraut
und dem sich SEIN Geschöpf in Demut neigt...
doch auch der Tod großäugig auf IHN schaut;
nichts, das in solcher Nacht sich vor ihm graut.


Was möchte ich sein?

Was möcht' ich sein? Nebel, der nächtlich deckt,
sehr sanft, doch voller Unerbittlichkeit?
Warm rotes Brombeerblatt, das Trauer weckt,
Gedenken fast vergessner Frühherbstzeit?

Die Puppe, die so grenzenlos vertraut,
darin Zitronenfalter - Lebenszeichen -
den zarten Leib, die feinen Flügel baut,
im Frühling sonnenselig zu entweichen?

Schlaf möcht ich sein, Schlaf, den der Tod vollendet;
mit vielen Pflanzen letzte Wege gehn;
so tief befriedet, wie ihr Leben endet -
und einst - verwandelt – so wie sie erstehn.


Spätherbstbilder

Weiß steigen Nebel auf aus See und Feld,
ein schwarzer Schwarm - zum Schlafbaum ziehen Raben,
ihr Krächzen fremd in diese Stille fällt.
Blau hängen Schlehenbeeren überm Graben.
Fast nur geahnt – dort auf der Wintersaat
sechs Rehe, die im lichten Dämmer äsen.
Im Dorn ein Vogelzwitschern einsam zart.
Wie seltsam kurz ist dieser Tag gewesen.


© Gerhard Busse, Rodenskrug 2014

nachgetragen am 24. November

Mittwoch, 8. Juli 2015

Wo letzte Ängste leuchten - Gedichte von Maria Wandelt


Mein Gott, welche Schönheit. Durch das geöffnete Erker-Fenster weht der Regen Blätter und Blüten aus dem Schloßgarten. Die größeren Zweige bleiben zum Glück draußen liegen.

Und auf einmal läßt sogar die ramponierte vergessene Spieluhr auf dem Schrank in Form eines Engels wieder Töne hören. Die Bewegung der Luft muß wirklich heftig sein. Vor allem verhilft sie Körper und Gemüt wieder zum Atmen.


Das war gestern. Herr Busse, der u.a. Gedichte von Maria Wandelt herausgegeben hat, überraschte mich diesen Vormittag mit seinem Besuch, an dem ich nicht völlig unschuldig war. Er hat sie quasi als Privatdruck veröffentlicht. Ich konnte ihn nicht erreichen, nur um ihn lediglich zu fragen, ob ich nicht doch ein paar hier bringen könne, besprochen oder unbesprochen. Er stimmte zu meiner Überraschung zu. Offen gestanden, brauchte ich einige Zeit, um einen Zugang zu finden. Aber nachdem ich ihn fand, wollte ich wenigstens etwas davon weitergeben, dies wird folglich keine Besprechung, nur ein Einstieg.

Sein Erinnerungsbuch, zu dem indirekt dieser Link führt, hat ziemlich gewiß klarer, und oft verstörend, das Bild des Menschen hervortreten lassen, der für meine Jugenderinnerungen steht. Sie werden dadurch nicht unwahr, nur das Mosaik der Erinnerung wird größer. Es muß ihn beachtliche Überwindung gekostet haben. Ich habe das dort nur angedeutet.

Es ist nicht verwerflich, wenn Menschen ihr Leben in eine Erzählung verwandeln, wir alle tun das übrigens täglich. Die Frage ist lediglich, wie viel belastbare Substanz in dieser Erzählung enthalten ist. Das war in ihrem Fall verstörend viel, wie aus den nachfolgenden zwei Gedichten deutlich werden kann.

Ich hatte in meinem kleinen  Erinnerungsbeitag angemerkt: „Aber es ist nicht wahr, daß die Dinge von ihrem Ende her gültig sind. Ein Ende kann täuschen und auf Gründen beruhen, die ebenfalls lange zerfallen sind.“


Das ist ein Aspekt. Wichtiger wäre wohl zu sagen, daß sie in den letzten Jahren ihres Verfalls aus ihrem geistigen Leben Worte wie die nachfolgenden entgegenzustellen vermochte.

Und auch, wenn das diesen Gedankengang bricht, unsere Bekanntschaft ist schließlich schon fast vorhistorisch, und wir sind so fremd in vielem gegeneinander, bis heute. Doch in unserer unverhofft 1 ½ stündige Unterhaltung wurde mir deutlich: Er hat das alte Regime aus tiefem Herzen gehaßt. Wenn er aber in so klaren Worten die innere Verworfenheit des Gegenwärtigen, das ich zunächst noch zögernd entschuldigte, mit schlicht logischen Aufzählungen begründen kann: Manchmal muß man wirklich wohl einfach nur weiter im Wald wohnen, um bei Verstand zu bleiben. Es waren diese Prinzipien von präziser Aufmerksamkeit, die ihm damals mutmaßlich zu überleben halfen, und hoffentlich auch heute.

Wir leben noch in diesem Gothic Novel, wo auch solche Einsichten vermutlich nicht weiter helfen. Aber die Poesie, die vermag viel. Auch zu verbinden, rückzubinden. Wem käme bei dem nachfolgenden Gedicht nicht der „Wolken sagenhafte Kampfgestalt“ in den Sinn, die Rilke beschrieben hat. Dabei ist ihr Text keinesfalls epigonal, er ist sogar ganz anders, von anderer Gestimmtheit, Naturerfahrung, doch spürt man die respektierende Kenntnis derjenigen, die vor einem waren.

„Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne mühsam gewonnen haben? Es kann sein.“

Der Beginn der „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ war, die Häufigkeit des Rezitierens zum Maßstab genommen, wohl ihr Lieblingsstück von ihm.

Eine andere wesentliche Seite lernt man im darauf folgenden Text kennen - ihre tiefe Natureingewobenheit, in der sie dort alles beseelt vorfand, was anderswo, in der pragmatisch-leeren Menschenwelt etwa, ihr zu sehr ermangelte. Das Ächzen und Krachen eines fallenden Baumes erklärte sie mir einmal als letzten Aufschrei des sterbenden Wesens... Selbst Gott scheint sie im Wald noch am ehesten gespürt zu haben:


Maria Wandelt

Regenfall

Der Himmel dicht bedrängt von Wolkentieren.
Sie wachsen riesig, fressen alles Blau,
gebuckelt und gebuchtet, weiß und grau;
Wind treibt sie, daß sie sich im Kampf verlieren,
sich jetzt zerstören, nun sich neu gebären;
nicht länger Tiergestalt, hier Burg und Wall,
die schon verdunkeln, kühler Tropfenfall,
herbstliche Zeiten, die im Sommer währen.

Die Pflanzen zittern, einsam, seltsam blaß,
kein Falter, keine Biene sucht die Blüten.
Sogar die Schwalben, diese nimmermüden
geliebten Schwätzer schweigen in dem Naß.

3. 7. 1990


Aprilnächte

Ach, daß wir wieder auf die Stille lauschen,
wenn Bäume in den Sternennächten singen;
wortlos, sehr sanft der Hauch, die Winde klingen,
die Traum und Leben schenken selbst den Dingen,
fernferne Melodie wie Muschelrauschen;
die nahe auch in unsre Seele dringen
und letzte Ängste klar zum Leuchten bringen.

In diesen Nächten selbst der Vogel schweigt,
sein zarter Jubel wäre noch zu laut.
Nur Stille ziemt, da neues Leben baut
ER, dem ein jedes Leben ist vertraut
und dem sich SEIN Geschöpf in Demut neigt...
doch auch der Tod großäugig auf IHN schaut;
nichts, das in solcher Nacht sich vor ihm graut.

12. 4. 1992


für beide obigen Texte © Gerhard Busse, Rodenskrug 2014

nachgetragen am 11. Juli

Samstag, 2. Mai 2015

Über die Widerspenstigkeit der Erinnerung


Mitunter spürt man, wie das Vergessen (gleich dem Nicht-Wissen) auch seine nötigen und heilsamen Seiten hat. Das ist nur ein Nebengedanke, der mir beim Lesen eines im übrigen sehr verdienstvollen Buches, das Herr Busse (Erinnerungen an Maria Wandelt, Herausgegeben von Gerhard Busse, Rodenskrug 2014), ein enger Freund der Genannten, kürzlich herausgebracht hat, und dem auch ich meinen nachrangigen Beitrag beisteuern durfte. Er kam überraschenderweise am 1. Mai selbst vorbei, um es mir zu geben, was mich sehr rührte.

Dem Buch ist abzuspüren, wie er mit seiner Erinnerung ringt, denn die Beiträge der Gastautoren sind gewissermaßen eingrahmt von einer (starken) biographischen Deutung am Beginn und einer teilweise verstörenden Reflexion der letzten Jahre. Mein eigener Text war, nachdem er auf dessen Vorläufer an diesem Ort gestoßen war, nur eine Erweiterung desselben. Ich habe mich nun doch entschlossen, diesen hier ebenfalls mitzuteilen, eigentlich fast nur eines Satzes wegen.

Denn in der Tat, angesichts von verrenkten, aus dem Lot geratenen Zeiten, die oft wie ein Alp auf einem liegen können, war ihr Beschwören von Vergangenem, ihr Bekanntmachen mit alter Schönheit, mit Dichtung, mit jahrhundertegesättigter Weisheit, ihr tapferes Postulieren einer geistigen Höherentwicklung der Menschheit hin zu einem „kosmischen Bewußtsein“, ja selbst ihr besonderes „Märchenerzählen“ eine Art von ruhelosem Schamanengesang inmitten dunkelster Nacht.


Maria Wandelt oder Im Bergwerk der Jugend

Es hat etwas Beklemmendes, sich an lange Zurückliegendes zu erinnern, vor allem, wenn es die eigene Jugend betrifft; mit ihrer Mischung aus falschen Leiden und hochfahrenden Hoffnungen.

Man stelle sich einen jungen Menschen von vielleicht 17 Jahren vor, der mitten im Nirgendwo aus einem Überlandbus steigt und, man stelle sich zudem Nieselregen vor, über einen langen Feldweg und ein Dorf und nochmal einen Weg entlang im Dorf Grünow ankommt, bei einer respektablen älteren Dame, zwischen lauter Möbeln, von denen die jüngsten 150 Jahre erfahren haben mochten, und zu denen die alte, wenn auch solide gebaute Bauernkate so gar nicht passen mochte, um mit hoher, wohl akzentuierter Stimme enthusiastisch empfangen zu werden: „Ich grüße Sie!“.

Es ist mühsam, sich in diese Erinnerungen vorzugraben, und noch schwerer, überraschenderweise aufgefundene Zeugnisse (ein paar Briefe, Bilder) damit in Verbindung zu bringen, ja überhaupt dem Menschen näher zu treten, der man wohl einmal war. Die (wenigen erhaltenen) Briefe hatten vor allem einen banalen Anlaß, es gab kein zugängliches Telefon, man hatte sich schriftlich zu verabreden. Gefühlt, als reiche die Jugend bis ins 19. Jahrhundert, auch aus anderen Gründen, doch dazu später.

Die Erinnerung ist seltsam. Sie erschafft ein unscharfes Panorama aus Stimmen, Bildern, Gefühlen, Gedanken, ein Geflecht, das wie Jahresringe einen Baum ausbildet. Sie hat Bäume sehr geliebt. Als wir wieder durch die unwegsamsten Winkel des umliegenden Waldes stapften, erklärte sie mir einmal, das Geräusch, wenn ein alter Baum gefällt würde, das sei in Wahrheit ein Schrei. Und dazu etwas rezitiert, das mir gerade nicht einfallen will. Und sie hat Gruselgeschichten geschätzt, die sie dramaturgisch gekonnt vorzutragen wußte, um sich anschließend am meisten davon zu fürchten.


Als pensionierte Kinderpsychologin hatte sie auf ihre späteren Tage noch die Katechetin gegeben und galt in diesem speziellen „Kolleginnen“- Milieu (meine Frau Mutter war selbst eine) für eine leicht schrullige, aber unterhaltsame „Märchentante“. Auf Jugendfreizeiten war sie ein gern gesehener, auch verehrter Gastredner (so habe ich sie zuerst kennengelernt).

Tatsächlich, so stellt sich heraus, war ihr „Märchenerzählen“ eine Einführung in die Tiefenpsychologie und die Psychogenese der Menschheit und vieles weitere. Anstatt, daß sich die vielleicht 15 - 18jährigen überfordert gezeigt hätten, was sie zweifelsohne waren, genoß sie schlicht „Kultstatus“, was merkwürdig bleibt.


Man blicke nur auf diese Bruchstücke aus einem Vortrags-„Manuskript“ (das sie mir überlassen hatte): „Plotin: Die Menschheit befindet sich auf halbem Wege zwischen den Göttern und den Tieren.“ „Teilhard de Chardin: Die Zukunft der Menschheit heißt kosmisches Bewußtsein.“ „Ernst Cassirer: Aus Lösung und Differenzierung aus der Bindung des Körpers an die primitive Natur das 'Ego'... weltweite Tradition des Sündenfalls, Naturmythen, frühe Sprachformen, Totemdenken, Rituale...“

„Jede Stufe der Evolution geht über den Vorgänger hinaus, zieht sie aber in ihre eigene höhere Ordnung ein, somit transzendiert + umfaßt sie alle vorhergehenden.“ „Der Mensch trägt also alle früheren Stufen der Evolution, die er jedoch alle transzendiert.“ „4 Bewußtseinsstufen: Archaische, magische, mythische, mentale Welt...

Die Geschichte des menschlichen Bewußtseins war das schrittweise Herauslösen eines kleinen, jedoch wachsenden + zunehmend klareren + selbstsicheren Kerns innerer menschlicher Erfahrung aus einem traumhaften Zustand buchstäblicher Identität mit dem Körper und seiner Umwelt.

Der Mensch muß seine Subjektivität der Welt seiner Erfahrung buchstäblich abringen, indem er diese Welt nach + nach zu einem Dualismus polarisierte: objektiv – subjektiv, äußerlich – innerlich...“ „Befreiungsversuche des magischen Menschen aus der Eingeflochtenheit + Gebanntheit in die Natur... hier wird der Mensch zum Macher... Ritual erste Kontrolle über die Welt...“

„Mythische Periode… Ausweitung der Gedanken auf Zukunft... Überbrücken von Zeiteinheiten... Mensch... wird sich seiner eigenen Sterblichkeit bewußt... allgemeine Ergriffenheit vom Tode.“ „Wo immer es ein eigenes Ich gibt, da gibt es auch Angst.“

Wir brechen hier ab. Man hat vielleicht einen Eindruck gewonnen. Angst, hm. Ich habe lange nicht gewußt, daß wenige Jahre vor ihrem Tode noch ein Buch veröffentlicht wurde, mit einer Auswahl ihrer Märchen - "Liebe kleine Ratte - Märchen erzählt von Maria Wandelt". In ihrem kurzen Nachwort schreibt sie selbst, auch in ihrem Buch sei die Gruppe der Erlösungsmärchen groß (ein sehr schönes darin lautet „Vom Werwolf, der eine Königstochter heiratete – Märchen aus Schweden“).


Und wenn ich meine Erinnerung genau befrage, ja, sie war oft von Angst und Sorge erfüllt, gerade um die, denen sie sich nahe sah (allerdings waren es auch wahrlich verrenkte, aus dem Lot geratene Zeiten, die oft wie ein Alp auf einem lagen). Und irgendwie hatte ihr Beschwören von Vergangenem, ihr Bekanntmachen mit alter Schönheit, mit Dichtung, mit jahrhundertegesättigter Weisheit, ihr tapferes Postulieren einer geistigen Höherentwicklung der Menschheit hin zu einem „kosmischen Bewußtsein“, ja selbst ihr besonderes „Märchenerzählen“ etwas von einem ruhelosen Schamanengesang in dunkelster Nacht. 

Wir können unser Glück nicht hoch genug schätzen, wenn wir in den Zeiten, in denen unser Gemüt am aufnahmebereitesten und zugleich auch am ungeschütztesten ist, folglich in unserer Jugend, „überfordert“ werden, also in eine ganze Welt eingeführt, von Bildung, von komplexesten Gedanken, von Ermutigung, von Tradition, von Vertrautheit mit überkommenen Dingen, von Integrität, von vergeistigter Anmut, und das alles durch eine würdige, lebhafte, gedankensprühende, manchmal fast mädchenhafte ältere Dame. Und welches tapfere Vertrauen von ihrer Seite, daß all dies nicht vergeblich sei, und wieviel Geduld dabei.

Ich durfte an einem solchen Glück teilhaben. Sie hat mich in meinen zweifelhaften literarischen Versuchen ermutigt und in manch anderem. Sie hat versucht, mir zu erschließen, wie aus Märchen die Tiefe archetypischen Wissens aufsteigen kann. Sie hat mir eine Ahnung davon verschafft, welche Welt mit dem letzten Krieg verlorengegangen ist, als hätte sie mir auf ihrer flachen Hand etwas gezeigt, das Geruch, Anmutung und Aussehen dieser Welt für einen lang andauernden vergänglichen Moment aufscheinen ließ, so daß ich wußte, es ist noch real, irgendwo.

Sie hat mir die Augen dafür geöffnet, wie wir, wenn wir das Geistige in uns nicht pflegen, bewahren und vermehren, als Mensch innerlich absterben, und daß es immer eine Möglichkeit gibt, diesem zu widerstehen und in diesem Widerstehen unser inneres Selbst zu finden und zu behaupten, ein Selbst, das eingebunden ist in etwas Größeres.


Ich hatte sie seit November 1989 (nicht ganz freiwillig) zunehmend aus den Augen verloren, so daß mich die Nachricht von ihrem Tod 1995 spät erreichte. Aber es ist nicht wahr, daß die Dinge von ihrem Ende her gültig sind. Ein Ende kann täuschen und auf Gründen beruhen, die ebenfalls lange zerfallen sind. 

Diese über mehrere Jahre andauernden Zusammenkünfte jedoch und nächtelangen Dispute, haben unauslöschbare Spuren in mir hinterlassen, im besten denkbaren Sinne. Ich wäre ohne Maria Wandelt heute ein anderer Mensch, des bin ich mir gewiß... 


Montag, 21. Februar 2011

Sentimentalitäten


Ich habe vor längerer Zeit einmal das Bild einer älteren Dame skizziert, die mich in meiner Jugend tief geprägt hat. Jemand, der sie kannte, fand dies, sprach mich darauf an, und jetzt bin ich dabei zusammenzusammeln, was mir von Maria Wandelt an Materiellem geblieben ist. Es ist weniger als erwartet, aber doch einiges, etwa 2 Bilder, von denen das obige einen Ausschnitt darstellt.

Warum ich manches zwar aufgehoben, aber doch lange nicht wirklich in die Hand genommen habe, der Grund dafür mag eine dunkle Ahnung gewesen sein, daß dieses Erinnerungsgeschäft schwierig ist. Namen tauchen aus dem Vergessen auf, mit denen sich nicht die Ahnung einer Erinnerung verbindet, dann gibt es Sätze, bei denen ein längst verblichenes unangenehmes Gefühl schmerzhaft präsent wird, nach 21 Jahren! Mein Gott. Es ist seltsam, wie diese mehr als 20 Jahre zurückliegenden Geschehnisse wieder eine gespensterhafte Wirklichkeit gewinnen, hochfliegende Erwartungen, die später versandeten, erfreuliche Begegnungen, die sich verloren haben, anderes.

Dennoch bleibt ja wahr, was ich damals schrieb, darüber in eine ganze Welt von Bildung, von komplexesten Gedanken, von Ermutigung, von Vertrautheit mit alten Dingen eingeführt worden und dabei Integrität, vergeistigter Anmut und vor allem ruhiger Würde begegnet zu sein. Das innere Bild gewinnt nur auch seinen Kontext zurück, wird schärfer, auch gnadenloser mitunter. Es wird sicher einen neuen Beitrag über sie geben, sicher nicht morgen, aber wie ich jetzt weiß, wurde sie 1995 an einem 28. Juni bestattet, vielleicht dann.

Montag, 26. Juli 2010

Über das Labyrinth der Seele

Ich hoffe, dies wird nicht einer der Beiträge werden, bei denen ich vergeblich versprochen habe, etwas zu beenden, aber da Carl Gustav Jung am 26. Juli 1875 geboren wurde und er zu den Gestalten gehört, die mich tiefer beeindruckt haben, will ich versuchen, daß hier in wenigen Stunden etwas steht. Einstweilen nur die Bilder vom gestrigen Sonnenuntergang.

Montag, 15. Dezember 2008

Über das Eingebundensein



Ich kann schlecht bestreiten, daß nicht zuletzt meine Bemerkungen über Friedrich II. etwas zu persönlich ausgefallen sind. Woher rührt dieses Bemühen, sich an die Geschichte anzulehnen, Bedeutungssteigerung (?), ich habe diese Frage bereits einmal aufgeworfen und dem nichts Neues hinzuzufügen als vielleicht dies: Ist es nicht tröstlich, daß die Geschichte, dieser tote Stoff, von lebendigen Linien durchzogen ist, auf die man eben nur stoßen muß, um in ein fortwirkendes Ganzes einbezogen zu sein, und die selbst nach Jahrzehnten (gefühlten Jahrhunderten) der Ermüdung unverzüglich so etwas wie Wiederbelebung zu verschaffen vermögen.

Eine mehr persönliche Geschichte, aber zum selben Bedeutungskreis gehörig, ich habe früher bereits einmal über Maria Wandelt, diese gütige und weise Gestalt meiner Jugend geschrieben, und dachte daher, daß dieses Bild hier heute nicht gänzlich unangemessen wäre.

Freitag, 1. August 2008

Im Bergwerk der Jugend

Ich habe soeben ein Buch von Maria Wandelt bestellt, ich wußte bis gestern nicht, daß sie eines kurz vor ihrem Tod geschrieben hätte, aber ich glaube, jetzt sicher sein zu können, daß "Liebe kleine Ratte - Märchen erzählt von Maria Wandelt" von ihr stammt, also von der Person, die ich in meiner frühen Jugend als Maria Wandelt kennengelernt habe und von der ich immer noch einen Stapel Briefe besitze.

Wir können unser Glück nicht hoch genug schätzen, wenn wir in den Zeiten, in denen unser Gemüt am aufnahmebereitesten und zugleich auch am ungeschütztesten ist, also in unserer Jugend, in eine ganze Welt eingeführt werden, von Bildung, von komplexesten Gedanken, von Ermutigung, von Tradition, von Vertrautheit mit alten Dingen, von Integrität, von vergeistigter Anmut und das alles durch eine würdige, lebhafte, gedankensprühende, machmal fast mädchenhafte alte Dame.

Ich durfte an einem solchen Glück teilhaben. Sie hat mich in meinen zweifelhaften literarischen Versuchen ermutigt und in manch anderem. Sie hat versucht, mir zu erschließen, wie aus Märchen die Tiefe archetypischen Wissens aufsteigen kann. Sie hat mir eine Ahnung davon verschafft, welche Welt mit dem letzten Krieg verlorengegangen ist, als hätte sie mir auf ihrer flachen Hand etwas gezeigt, das Geruch, Anmutung und Aussehen dieser Welt für einen langandauernden vergänglichen Moment aufscheinen ließ, so daß ich wußte, es ist real.

Sie hat mir die Augen dafür geöffnet, wie wir, wenn wir das Geistige in uns nicht pflegen, bewahren und vermehren, als Mensch innerlich absterben und daß es immer eine Möglichkeit gibt, diesem zu widerstehen und darin Glück und Erfüllung zu finden.