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Samstag, 26. Mai 2018

Nachträge zu August Kopisch & Capri

"Capri - Ingresso alla Grotta Azzurra. Carlsbader 'Urania'-Reisen
gefunden auf Goethezeitportal

Wo der Beitrag zu gestern beim Schreiben schon wieder diese Hefeteig-Attitüde annahm, sollen ein paar Nachträge folgen, August Kopisch, um dessen Wiederentdeckung der blauen Grotte auf Capri es vor allem ging, wurde an einen 26. Mai, nämlich 1799 in Breslau geboren. 

Wenn das keine Einladung ist, das Bild des königstreuen Romantikers etwas abzurunden. Der Blogger Jay hat vor einigen Jahren über ihn geschrieben, mehr über die Heinzelmännchen, aber auch über Capri, eher launig, das wäre dann ein schöner Gegensatz zu meinem getragenen Tonfall.

Er verweist dort auch auf die hervorragende Seite auf dem "Goethezeitportal" zu frühen Berichten über die Blaue Grotte und zu August Kopisch. Es ist wirklich erschöpfend, was nicht abschreckend gemeint ist.

Kopisch ist, wie gesagt, auch als Dichter hervorgetreten. Nun ja. Vieles ist romantisch erhebend, oft heiter, und vor allem singbar, wovon in seinem Jahrhundert offenbar gern Gebrauch gemacht wurde. Dann soll also auch noch gesungen werden und anschließend folgt die Ballade, sie ist lang, aber hübsch hintersinnig.

Capri Fischer - Max Raabe & Palast Orchester

Das Krähen

Ein Grobschmied hatt ein Töchterlein,
Das konnte nicht schöner und feiner sein.
Da kam der Hans den einen Tag,
Ein Bursche, wies viele geben mag:

Der warb um die Tochter: sie war ihm gut;
Doch hatte der Vater nicht gleichen Mut
Und sagte: Er hat nicht Gut und Geld
Und will doch freien in dieser Welt? –

Da sprach der Bursch: Geld, Gut ist Dunst;
Viel besser ist eine gute Kunst! –
Was kann er für eine? ich will doch sehn! –
Da sprach der Bursche: ich kann gut krähn! –

Da lachten Mutter und Töchterlein,
Der alte Schmied auch hinterdrein,
Und sprach: So zeig er wie ers kann;
Da fing der Bursch zu krähn an:

Kikeriküh! und kikeriküh!
Recht wie der Hahn und sonder Müh.
Der Alte sprach: Ein Spaß ist das;
Doch sag er an, was hilft so was? –

Gar viel, begann der junge Mann:
Nur sag er, bin ich sein Eidam dann,
Wenn ich dahier auf seinen Sand
Ein Schloß hinschaff und Gartenland

Und wird das andre rings bestellt
Zu einem schönen Weizenfeld? –
Ja, sagte der Schmied, schaffst du den Sand,
Den ich nicht mag, zum Gartenland

Und baust ein schönes Schloß darauf,
So nimm das andre dazu in Kauf! –
Topp! Eltern! und topp! Töchterlein!
Das Schloß, das Feld, die Braut sind mein! –

– Da sahen sich die Leute an;
Doch es begann der junge Mann
Nun allerlei Brimborium –
Und sah sich unterweilen um.

Nun wußte niemand wies geschah,
Auf einmal stand ein Teufel da!
Und dem verschrieb sich Hans mit Blut.
– Hm! denkt der Schmied, das wird nicht gut!

– Im Pakt versprach der Teufel: den Zaun,
Das Feld, den Garten, das Schloß zu baun,
Darin den reichsten schönsten Schatz
Und rings umher einen lustgen Platz:

Das alles am selben Abend spat,
Noch vor der ersten Hahnenkrat;
Doch, würd er nicht fertig und fehlt ein Stein,
Sollt Hansens Seele gerettet sein!

Er sollte da wohnen wies ihm gefiel,
Und machen seiner Tage viel. –
– Nun ging die Teufelsarbeit los:
Die Angst der Mutter, der Braut war groß.

Der Grobschmied sprach: welch dummer Streich!
Der Teufel schafft das freilich gleich! –
Ganz lustig ist allein der Hans
Und freut sich an der Geister Tanz:

Die schleppen herzu, ohn Rast und Ruh:
Es wächst da alles in einem Nu!
Flink klappert der Zaun zusammen sich,
Gras, Kraut und Baum sprießt wunderlich,

Und Vögel singen und Schwäne ziehn
Auf den rings umirrenden Wassern hin.
Nun steigt der Palast, das schönste Haus
Auf dem schönsten Platz vom Boden heraus:

Der Keller, die Küche, die Treppe jetzt,
Der zweite Stock wird aufgesetzt,
Der dritte nun, nun kommt das Dach.
Hausrat und Schatz füllt jedes Gemach.

Das Dach wächst höher . . . o Angst, o Pein!
Es fehlt bald nur der letzte Stein!
O Hans, o Hans, nun holt er den,
Und noch will hier kein Hahn nicht krähn!

Da lacht der Hans und ohne Müh
Kräht er beherzt sein: kikeriküh! –
Da sah der Teufel ihn höhnisch an:
Das gilt hier nicht; du bist kein Hahn! –

– So hör doch Teufel! – Kikeriküh!
Ertönts im ganzen Dorfe hie,
Ja selbst auf dem Turm der Wetterhahn
Fängt lustig mit zu krähen an.

Da wirft der Teufel hin den Stein,
Und ruft: verdammte Künstelein!
Aus ist der Pakt, das Schloß ist dein!
Nun macht euch lustig und zieht hinein! –

Da fährt der Teufel zum untersten Grund
Und prügelt vor Wut den Höllenhund. –
Der Grobschmied gibt dem jungen Mann
Sein Töchterchen – weil er krähen kann.

Zwar fehlt am Palaste der letzte Stein,
Und setzt man noch so oft ihn ein,
Er fällt herunter und fällt sich klein;
Doch machts den Leuten keine Pein –

Und auf der Hochzeit sangen sie
Dem Teufel zur Schur nur: kikerikih!

Im ganzen Haus hin: kikerikih!
Im Keller: kikrih! in der Küche: kikrih!

Auf den Treppen und Fluren nur: kikerikih!
In allen Gemächern: kikikerikih!

Beim Essen und Trinken nur: kikerikih!
Drei Tage und Nächte: kikikerikih!

Auf Tischen und Bänken: kikikerikih!
Dem Teufel zur Schur nur: kikikerikih!

aus August Kopisch, "Allerlei Geister", 1848

nachgetragen am 30. Mai

Freitag, 25. Mai 2018

La Grotta Azzurra - Capri


Mitunter ist es seltsam, auf welchen Wegen man auf Bilder stößt. Es begann mit einer Fehlzuschreibung und zwar: „'Blue Grotto' - Jakob Alt, 1835“, ich denke, es war die obige Abbildung. Das klingt als Einstieg zwar etwas uncharmant, denn tatsächlich wurde es, so auf die Spur gebracht, eher interessanter. Es gibt es ein Gemälde von Jakob Alt - „Die Blaue Grotte auf der Insel Capri“, wohl von 1835, nur sieht dies so aus:


Die Herrschaften, die hier, mit Zylinder und Biedermeierhaube versehen, den gerade erst wieder ins Bewußtsein gerückten verrufenen Ort genießen, sind nicht recht im obigen Gemälde vorstellbar, selbst, wenn es eine andere Fassung geben sollte. Jakob Alt (geb. 1789 in Frankfurt am Main, gest. 1872 in Wien) war ein Verfertiger stimmungsvoller Landschaftsbilder und Stadtansichten, dem es offenbar gelang, selbst die Ruinen des Forum Romanum idyllisch geschrumpft aussehen zu lassen. Mitunter übersteigt er seine Betulichkeit, etwa in einem wundervoll-charmanten Luftbild Wiens, aber, soweit ich etwas über ihn herausfinden konnte, war das nicht unbedingt die Regel.


Jakob Alt, Wien aus dem Luftballon gesehen von Südwesten, 1847

Carl Friedrich Seiffert (geb. 1809, gestorben 1891 in Berlin) hat das Bild ganz oben 1860 unter dem Titel „Die Blaue Grotte auf Capri“ in Wirklichkeit geschaffen. Er firmiert als Spätromantiker, manches kam mir fast etwas „böcklin-haft“ vor, nicht unsympathisch, aber ich vermag nur eine solche gefühlsmäßige Wertung anzubringen, denn zum Glück versteh ich von all diesen Dingen ja  nichts.

Es gibt überhaupt eine Reihe von Darstellungen dieser blauen Grotte aus dem vorvorigen Jahrhundert, brechen wir aber ab mit Heinrich Jakob Fried „Die blaue Grotte von Capri“ von 1835.


Woher diese Faszination und warum erst jetzt?  Es war ein deutscher Romantiker, der sie wiederfand, natürlich. Wenn es auch ungewiß ist, ob die blaue Blume in Wirklichkeit je gefunden wurde (was immer Wirklichkeit bedeuten mag), die blaue Grotte wurde es.

Und wo wir gerade auf Novalis anspielen, auch seine Epiphanie fand ja gewissermaßen in einer Grotte statt. Und weil es so schön ist, zitieren wir einfach ein wenig aus seinem Heinrich von Ofterdingen:

„'Die blaue Blume sehn' ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes dichten und denken... Ich hörte einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten. Mir ist gerade so, als wollten sie allaugenblicklich anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten.' ...Der Jüngling verlor sich allmählich in süßen Phantasien und entschlummerte. Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Tiere sah er; er lebte mit mannigfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getümmel, in stillen Hütten... Alle Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Höhe in ihm...

Es kam ihm vor, als ginge er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg... Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an deren Fuß er eine Öffnung erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu sein schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben fort, bis zu einer großen Weitung, aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glänzte.

Wie er hineintrat, ward er einen mächtigen Strahl gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg, und oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem großen Becken sammelten; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold; nicht das mindeste Geräusch war zu hören, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er näherte sich dem Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Die Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiß, sondern kühl war, und an den Wänden nur ein mattes, bläuliches Licht von sich warf.

Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdränge ihn ein geistiger Hauch, und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken. Es dünkte ihn, als umflösse ihn eine Wolke des Abendrots; eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres; mit inniger Wollust strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen; neue, niegesehene Bilder entstanden, die auch ineinanderflossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden, und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn…

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß... Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte...

Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte.."

Später dann eine Unterhaltung mit dem Vater, der von der Träumerei nichts hält: 'Damals muß es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben, so wie mit den menschlichen Dingen. In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntnis von der überirdischen Welt, soweit wir sie nötig haben, zuteil wird'.

Doch der Sohn wendet ein: 'Aber, lieber Vater, aus welchem Grunde seid Ihr so den Träumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewißlich rege machen müssen? Ist nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch ohne noch an göttliche Schickung dabei zu denken, ein bedeutsamer Riß in den geheimnisvollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres hereinfällt?'"

Nein, nicht Novalis, sondern der Maler und Dichter August Kopisch ließ sich 1826 voll jugendlichen Übermuts vom Aberglauben der Einheimischen nicht davon abhalten, die bekannte, aber gemiedene Grotte mit einem Freund aufzusuchen. Er hat, wohl als Folge eines gewisses Handikaps, nicht viel gemalt, und von dem wenigen ist auch nicht alles erhalten geblieben, was ein Jammer ist, wenn man etwa sein Gemälde„Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang“ betrachtet.


Im Gästebuch seines beherbergenden Notars und Helfers Giuseppe Pagano schrieb er unter dem 17. August 1826 als August Kopisch aus Breslau:

„Freunde wunderbarer Naturschönheiten mache ich auf eine von mir nach den Angaben unsers Wirtes Giuseppe Pagano mit ihm und Herrn Fries entdeckte Grotte aufmerksam welche furchtsamer Aberglaube Jahrhunderte lang nicht zu besuchen wagte. Bis jezt ist sie nur für gute Schwimmer zugänglich; wenn das Meer ganz ruhig ist gelingt es auch wohl mit einem kleinen Nachen einzudringen doch ist dies gefährlich weil die geringste sich erhebende Luft das wiederherauskommen unmöglich machen würde. Wir benannten diese Grotte die blaue (la grotta azzurra) weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet. Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen, jede Welle scheint eine Flamme...“ Anschließend wurde der Ort berühmt und gewissermaßen zur romantischen Kultstätte.

Es existiert von ihm ein ganz wunderbarer Bericht über die Entdeckung, der hier zugänglich ist. Er beginnt wie folgt:

„Es war im Sommer des Jahres 1826, als ich mit meinem Freunde Ernst Fries in der schönen Bucht, an der nördlichen Marine von Capri landete. Die Sonne neigte sich dem fernen Ischia zu, als wir in den rasselnden Uferkies hinabsprangen. Capri war die erste Insel, die ich betrat, und nie werde ich den Eindruck vergessen. Einer meiner liebsten Wünsche erfüllte sich. Ich hörte nun das Meer um alle jene wunderbar gestalteten Felsen rauschen, die schon von Neapel aus meinen Sinn zauberisch gefangen genommen. Jede brandende Wellenreihe sang mir zu: ich sei vom Festlande geschieden, auf einer Klippe, wo ein einfaches Volk von Fischern und Gärtnern wohnt, und der Hufschlag der Rosse und das Geroll der Wagen unbekannt ist. Mit ihren Felsen und Höhlen, und hängenden Gärten und alten Trümmern, und neuen Städten und Felsentreppen war mir die Insel schon von fern als eine besondere Welt erschienen, erfüllt von Wundern und umschwebt von grauenvollen und lieblichen Sagen, und nun, da meine Zeit nicht eng beschränkt war, durfte ich hoffen diese Welt in allen ihren Grenzen genau durchforschen zu können. Dieser Gedanke machte mich unbeschreiblich glücklich. – Der Strand erfüllte sich bei unsrer Ankunft mit Leuten aus beiden Städten der Insel, Männern und Jünglingen, Weibern und Mädchen, die wohl im Stande waren an die alte, schöne, griechische Bevölkerung des Eilandes zu erinnern.“

Da hat man den Tonfall, es ist wirklich ganz wunderbar zu lesen. Aber die vermutliche Ursache, warum die Grotte so verrufen war, wollen wir noch anbringen. Möglicherweise hängt sie über die vielen Jahrhunderte hinweg mit den Schauergeschichten zusammen, die von Kaiser Tiberius berichtet wurden und die Herr Kopisch getreulich nacherzählt.

„Als Tiberius zur Regierung kam, erinnerte er sich der frohen Tage, die er mit August auf Capri verlebt, warf die Plagen und Gefahren der Regierung auf Sejanus Schultern und zog sich auf diesen sichern Felsen zurück, wo er sich den abscheuwürdigsten Freuden ergab, während seine schrecklichen Machtsprüche die Welt quälten. Viele Jahre lebte er hier, beständig mißtrauisch um sich spähend von der hohen Klippe, die er, sein Gewissen zu übertäuben, in einen sinnlichen Himmel verwandelte, worin zu schwelgen – er schon zu abgelebt war.

Fahrwege wand der greise Tyrann um steile Zacken, auf alle Gipfel fuhr er mit Rossen. Er veränderte die Gestalt der Insel, schwang ungeheure Bogenreihen über tiefe Täler, und schuf sich künstliche Ebnen, worauf er üppige Gärten erblühen ließ, in deren Grotten, Tempeln und Gebüschen die schändlichen Sklaven seiner Laster als Faunen und Nymphen umherschwärmten. Zwölf Paläste ließ er an verschiednen Stellen der Insel entstehen und weihte sie den zwölf großen Göttern…

Aus seinen Palästen führten überall heimliche Gänge durch die Felsen bis in die See hinab, wobei er die vorgefundnen Höhlen vielfach benutzte. Zu jener Zeit muß die Insel einen wahrhaft einzigen Anblick gewährt haben, da die wildeste, zerrissenste Natur der Baukunst die mannigfaltigsten Motive bot, und die Schätze der Welt verschwenderisch angewendet wurden, jeden phantastischen Einfall schnell zur Wirklichkeit zu gestalten. Aber alle diese Pracht verschwand, einer Sage nach, bald nach Tibers Tode, zerstört vom Haß und Abscheu des römischen Volkes, und überall, auf Höhen, in Klüften und bis ins Meer hinab, liegen die flüchebelasteten Trümmer.“

Rekonstruktion der Villa Jovis, 1900 
aus "Das Schloß des Tiberius und andere Römerbauten auf Capri." von C. Weichardt

Wer unbedingt genauer wissen will, worin diese Laster bestanden haben sollen, mag das bei Sueton nachlesen, es entgeht einem aber auch nichts, wenn man es läßt. Kopisch versucht dann noch, der Ursache der Lichterscheinung auf den Grund zu gehen, deren Wirkung er zuvor so beschreibt:

„Das angenehme Gefühl von einem Phänomen so außerordentlicher Schönheit überrascht worden zu sein, wo ich nur alte Trümmer vermutet, ward dadurch bis zum Überreiz erhöht, daß das zauberisch flammende Blau des Wassers in der Grotte für mich damals ein unerklärbares Rätsel geblieben war. In Gedanken schwankte ich noch beständig auf dem unterirdischen Himmel umher, mit der schwindelnden Empfindung, als müsse ich in die unabsehbare Unendlichkeit fallen, und fortfallen, wie man es wohl im Traum zu tun pflegt, und ich gab mir alle ersinnliche Mühe, irgend einen Grund der wunderbaren Licht-Erscheinung aufzufinden; aber vergeblich.“

Nun, er findet die Ursache. Aber diese hebt nicht die Unendlichkeitserfahrung auf, die ihm in dieser Grotte widerfahren war. Eine Erfahrung von Zeitlosigkeit aufsteigend aus einem Strudel gewußter Geschichten. Man darf nicht vergessen, daß all diese merkwürdigen und auch verstörenden Geschichten und Bilder des Altertums in den Seelen dieser wieder empfindsam gewordenen jungen Menschen ja präsent waren, was immer ihnen davon bewußt war. Faszinierend ist es, wie an einem solchen Ort, der mit verruchter heidnischer Vergangenheit verbunden wurde, sich so neue Regionen der menschlichen Seele offenbarten.

Auch wenn der Ort heute längst grausig profanisiert ist, so hat dort doch vor 192 Jahren eine der abendländischen Epiphanien stattgefunden.

Büste des Tiberius

nachgetragen am 30. Mai

Freitag, 17. Juni 2016

Thomas Jastram in Dresden

Thomas Jastram, "Unterwegs"

Herr Roloff ist heute (so denke ich), auf einer Ausstellungseröffnung aufgetreten - die Galerie Himmel in Dresden präsentiert Bronzeplastiken von Thomas Jastram. Er (Herr R.) beschloß nach einigen Momenten der Überraschung, die Einladung anzunehmen, aber von dem zu sprechen, worüber er einige Jahre ernsthafter nachgedacht hat. Ein Theologe, der sein Metier ernst nimmt. Das dürfte bei solchen Gelegenheiten sehr selten geworden sein (und manche sogar verstört haben).

Jetzt liegt mir zwar vieles auf der Zunge, was die Kunst der Moderne angeht, aber ich spiele hier gerade keine Rolle. Nur soviel, wenn ich jetzt sagen würde, er dürfte sich des Wohlgefallens von Vorgängern wie Georg Kolbe oder Wilhelm Lehmbruck ziemlich sicher sein, mag das zunächst albern erscheinen. Aber warum eigentlich?

Wenn jemand aus einer kenntnisreichen Dazugehörigkeit (die mitunter geradezu ein jahrhundertegesättiges Wissen nahelegt) Neues erschafft, bedeutet das einmal, er hat erfahren und gelernt, und zum anderen, er will diese, wir nennen es hilfsweise „Substanz europäischer Kunst“ bewahren, erneuern, hinüberretten. Wo immer dieser Ort sein mag.

Thomas Jastram, "Eurydike" 

Ausstellungseröffnung Thomas Jastram am 17. Juni 2016 in Dresden

Anrede,

der Wunsch des Künstlers, diese Ausstellung mit einer kleinen Rede von mir eröffnen zu lassen, hat mich überrascht. Niemals würde ich mich als Kunstkenner bezeichnen. Öffentlich reden sollten Menschen nur von Dingen, die ihnen zumindest vertraut sind. Eine Weisheit die gegenwärtig, jedenfalls nach meinem Eindruck, nicht mehr überall die hinreichende Beobachtung erfährt.

Darum will ich heute über die Stellung des Kunstwerks in unserer Welt reden und das aus einer vor allem theologischen Sicht. Sie werden also etwas zu hören bekommen, was bei Ausstellungseröffnungen vielleicht eher ungewöhnlich ist. Wer bereits an dieser Stelle innerlich das Interesse verliert, dem will ich zum Trost versichern, es dauert höchstens eine Viertelstunde!

Caroline Schlegel schrieb 1801 an ihren Mann August Wilhelm:

„O mein Freund, wiederhole es Dir unaufhörlich, wie kurz das Leben ist, und das nichts so wahrhaftig existiert als ein Kunstwerk – Kritik geht unter, leibliche Geschlechter verlöschen, Systeme wechseln, aber wenn die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken seyn die in das Haus Gottes gehen – dann erst komt Finsterniß.“

Hier sind alle Stichworte genannt, an denen entlang ich mit Ihnen heute über Kunst nachdenken will. Es ist auf die Kürze des Lebens verwiesen worden, es steht die Möglichkeit zu einer wahrhaftigen Existenz im Raum, und es wird das Haus Gottes ersehnt. In diesem Dreieck steht die Kunst.

Ursprünglich, das wird hier ganz klar, verlangte der Mensch nach Dauer. Wenn er das Dauerhafte nicht selbst hervorzubringen vermochte, dann wollte er sich in allen Zeiten wenigstens dort anschließen, wo er größere Dauer vermutete, als er sie selbst in seinem bescheidenen Leben erwarten konnte. Die Monarchie, die Familie und die Religion gaben genau davon den zutreffenden Begriff. Die Monarchie für das staatliche und öffentliche Leben, die Familie für die private Existenz und die Religion für die verbindende Sinnstiftung unter beiden.

Merkwürdiger Weise ist genau das in den vergangenen einhundert Jahren fast vollständig anders geworden. Obgleich damit geradezu ungeheuerliche Zerstörungen verbunden waren, bilden sich Menschen ein oder lassen sich suggerieren, dass wir auf großartige Befreiungen zurückblicken.
Der Mensch der Gegenwart will nun einfach nur noch die Zeitspanne exzessiv auskosten, die ihm gegeben ist, und er bemerkt gar nicht mehr, dass gerade dieses mit Leben oder gar mit Dauer nichts zu tun hat. Es ist im Grunde eine Haltung der Resignation, die sich aber als Erfüllung von Selbstverwirklichung und Freiheit gebärdet. Aber vielleicht gehört das gar nicht hierher, denn noch sind wir um Kunst versammelt, die nach wahrer Dauer sucht.

Ich will damit beginnen, dass ich uns erinnere, wie sehr jede menschliche Hervorbringung an die ursprüngliche Schöpfung anschließt. Das Wesen des göttlichen Handelns liegt zunächst in der Erschaffung aller Dinge aus dem Nichts. „Gott ruft dem, was nicht ist, dass es sei“, so schreibt der Apostel Paulus. In unserem Zusammenhang ist aber die Stelle viel interessanter, an der uns erzählt wird, wie Gott dem aus Lehm geformten Menschen seinem Odem durch die Nase einbläst. In der Genesis heißt es wörtlich: „6 Aber ein Nebel ging auf von der Erde und feuchtete alles Land. 7 Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.“

Das wird oft als die Erweckung zum Leben missverstanden. Dies aber ist auszuschließen, weil im Zusammenhang mit der Erschaffung der Tiere hiervon nicht die Rede ist, und die Tiere leben schließlich auch. Gott haucht dem Menschen seinen Odem ein, er gibt von sich. Er lässt den Menschen Anteil nehmen an seinem inneren Wesen. Darin liegt die eigentliche Bedeutung der Gottesebenbildlichkeit, und darin unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Kreaturen.

Der Künstler nun erschafft alle seine Werke aus diesem Geist, oder er bleibt bloßer Handwerker. Im Grunde ist Kunst so etwas wie eine ganz außergewöhnliche Form, um auf Gottes Schöpfung zu antworten. Sie ist in ihrem tiefsten Sinne nur dem Gebet zu vergleichen. So wie sich nach meiner Überzeugung im Gebet, im Gewahrwerden der Schöpfung und ihres Schöpfers und im Drängen zur Antwort, die Sprache geschaffen hat, so ist der Künstler davon getrieben, Bleibendes hervorzubringen.

Die Schöpfung ist die Offenbarung Gottes, und die Kunst ist die Offenbarung der menschlichen Seele.

Nach christlicher Vorstellung äußert Gott sich in der Schöpfung, er gibt tatsächlich etwas von sich preis. So auch der Künstler. Er überlässt sich dem göttlichen Geist und bringt Werke hervor, die mehr sein sollen als er selbst sein kann. Kunstwerke sind Wesen, die mit uns und untereinander Zwiesprache halten können.

Schauen wir uns um. Das ist die Begabung der Galeristen, dass sie die Werke so anordnen, dass sie nicht nur mit dem Betrachter, sondern auch untereinander kommunizieren können. Es entsteht eine neue geistige Welt, die man daran erkennt, dass die Figuren sich mitteilen können.

Eine zweite Geschichte will ich uns ins Gedächtnis rufen. Sie wird uns ganz am Anfang des Johannesevangeliums erzählt. Nikodemus, ein Pharisäer, schleicht sich nachts zu Jesus, bekennt sich zu ihm mit den Worten: „Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist; denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“

Jesus geht darauf gar nicht weiter ein sondern sagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Es sei denn daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.“

Hat diese nächtliche Begegnung nicht ein wenig die Anmutung eines Gesprächs zwischen einem Meister irgendeiner Kunst und seinem Schüler? Der Schüler bewundert seinen Lehrer und ist dankbar. Irgendwann aber ist der Zeitpunkt erreicht, an dem der Meister nichts mehr lehren kann, an dem die eigene Kunst geboren werden muss. Sie wird aber nicht aus der handwerklichen Begabung heraus entstehen, sondern allein aus dem Geist, der uns erst eigentlich zu Menschen macht. Alle wirkliche Kunst bringt Geistwesen hervor. Was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

Kunst ist Auflehnung gegen die Gottesferne.

Schauen Sie sich den Christophorus, die Eurydike, den Jakob und die Lydia genau an. Man kann an ihnen gewahr werden, dass alle Kunst die Einübung in jene geistige Welt ist, die auch noch dann Bestand haben wird, wenn diese Welt vergeht. In den Kunstwerken behauptet der Mensch sein Menschsein – Kunst ist Selbstbehauptung.

Ich sage gar nicht, Kunst streckt sich immer meinem Gott entgegen. Aber Kunst streckt sich immer einem Gott entgegen, sonst kann sie niemals Kunst werden, sonst bleibt sie Dekoration, Installation, Versuch oder bloßes Ornament, in jedem Falle platt – ganz in dieser Welt gefangen.

Wahre Kunst aber hat sich davon befreit und sie befreit. Fast möchte ich sagen, sie befreit sich irgendwann sogar vom Künstler, also von dem, der sie hervorgebracht hat. Was nun im Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer als Sündenfall gilt, dass ist im Verhältnis des Kunstwerks zu seinem Künstler anders geartet, weil der Künstler aus Gottes Inspiration heraus schafft, strebt das Kunstwerk nur zu seinem eigentlichen Ursprung in das Haus Gottes, wie Caroline Schlegel es genannt hat. Es wird in einem schon beinahe unchristlichen Sinne zu einer Opfergabe und der Künstler wird zum priesterlichen Mittler.

Kunst ist Vorbote und Verheißung einer schon ganz anderen Welt.

Vielleicht ist es genau dieser Gedanke, der in vielen Religionen auch in unserer christlichen Tradition immer wieder den Schrecken vor der Macht der Bildwerke hat wach und zuweilen militant werden lassen. Es war Moses Bruder Aaron, der mit dem Goldenen Kalb eines der frühesten Bildwerke schuf, von denen wir wissen.

Dabei bildet ja der Künstler am Ende gar nichts ab. Kunst ist nicht Abbildung, um zu erkennen. Kunst zeigt uns, wie wir uns an Dinge und Menschen erinnern sollen. Im Begriff und im Vorgang der Erinnerung verbirgt sich schließlich eine zutiefst vergeistigte Schau auf Mensch und Welt. Unsere Erinnerung offenbart ein verstörendes Vertrauen auf jenes geistige Dasein, dem wir in viel stärkerem Maße angehören als dem leiblichen, weil die geistige Welt eine ewige Welt ist. Die Erinnerung in diesem Sinne ist bereits ganz eine geistige Welt und darin bereits Verheißung der ewigen Welt.

Für die Kunst drückt sich die Bedeutung dieses Gedankens vielleicht schon in der Tatsache aus, dass ihre strengste Richterin schlicht das Vergessen ist. Wahre Kunst erschafft Erinnerung und bewahrt sich darin selbst …

„… bis die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken seyn die in das Haus Gottes gehen – dann erst komt Finsterniß.“
Thomas Roloff

Samstag, 13. Februar 2016

Selig, wer in Träumen stirbt


Clemens Brentano

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt;
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt;
O! wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg, ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.


Do you hear 
the fountains whisper?

Do you hear the fountains whisper? 
Do you hear the crickets sing? 
Silent, silent, let us listen, 
blessed dreams departure bring. 
Blessed, who in clouds is lying, 
whom the moon a nightsong sings, 
blessed he, who will be flying 
on the dream of golden wings; 
there, from heaven's azure cover 
stars like flowers will he pluck. 
Sleep and dream and fly and hover: 
soon I'll wake you to my luck.
Translation by Walter A. Aue

Herr Simm hat das auch schon interpretiert, in der anderen Zeitung aus Frankfurt/M., nein nicht in der dazugekauften, wo doch inzwischen eh alles egal wurde, nein, das war in der, die mal als Schlepper deutschen Bildungsbürgertums galt.

Doch all das ist wertloser Alltagsmüll. Dinge entstehen und vergehen. Ich bitte um Entschuldigung.

Dichtung aber, die bleibt, weil sie den dauerhafteren Dingen zugehört.

Es ist ein berührendes Gedicht. Wenn man jemanden umbringen wollte, und er wäre kein Tropf, würde dieser Satz genügen: „Selig, wer in Träumen stirbt.“ Aber Träume sind oft auch trügerisch, dieser wohl nicht, aber wir dürfen ihn trotzdem zurückweisen, ausharrend auf unserem imaginierten Felsen der Tapferkeit.

Freitag, 7. Februar 2014

Johann Heinrich Füßli

Johann Heinrich Füßli, "Die Damen von Hastings"

Es gibt einen recht unterhaltsamen Ausspruch des Fürsten von Wales über die Aufklärung: „I was accused once of being the enemy of the Enlightenment, … I felt rather proud...“

Übrigens (nur, weil mich kuriose Dinge unterhalten) hat das Wappen des englischen Thronfolgers seit Jahrhunderten das deutsche Motto: „Ich dien“, und das noch fast bevor der normannische Hochadel begann, statt seines Französisch das damalige Englisch zu sprechen (was wohl unter Eduard III. stattfand, jedenfalls wurde etwa 1363 Englisch die Sprache der Gerichte).

Titania and Bottom

Fairy Mab

Herr Füßli war eine Art Wahl-Engländer (deshalb kam ich wohl darauf), ursprünglich ordinierter reformierter Pastor aus Zürich, was sich in der Tat merkwürdig ausnimmt, wenn man nur auf irgendeines seiner bekannteren Werke schaut. Allerdings hat sich das Christliche dann doch sehr verloren, Rousseau verdarb ihn. Oder um einen Tagebucheintrag Benjamin Haydons zu zitieren, ein Zeitgenosse: „Fuselis Psyche wird angetrieben von Blasphemie, Lüsternheit und Blut, die Frauen alle Huren und alle Männer Verbrecher - („the Engines of Fuseli's Mind are Blasphemy, Lechery and blood. His women are all whores, and men all banditti“).

Gefunden habe ich diese leicht unvorteilhafte Charakterisierung zuerst in einem Porträt des Bloggers Jay, dort liest man noch mehr von derlei Komplimenten. Wenn man also ein scharf gezeichnetes Personenbild sucht, wird man an diesem Ort fündig. Aber glücklicherweise wächst ein Künstler mit seinem Werk mitunter über seinen Charakter hinaus. Doch wo wir gerade bei Zitaten sind:

„Die Sujets die er wählt sind sämtlich abenteuerlich und entweder tragisch oder humoristisch die ersten wirken auf Einbildungskraft und Gefühl die zweiten auf Einbildungskraft und Geist.
Die sinnliche Darstellung braucht er in beiden Fällen nur als Vehikel.
Kein echtes Kunstwerk soll auf Einbildungskraft wirken wollen das ist die Sache der Poesie.
Bei Füeslis sind Poesie und Malerei immer im Streit und sie lassen den Zuschauer niemals zum ruhigen Genuß kommen; man schätzt ihn als Dichter, und als bildender Künstler macht er den Zuschauer immer ungeduldig.
Naturell. Frühere Bildung. Italienische Einwirkung. Studien, welchen Weg er genommen. Manier in allem, besonders der Anatomie, dadurch auch der Stellungen. Malerisch, poetisches Genie. Charakteristisches. Gewisse Idiosynkrasien des Gefallens, der Liebhaberei. Mädchen in gewissen Formen. Lage. Wollüstige Hingelehntheit. Wirkung Shakespears. Des Jahrhunderts. Englands. Miltonische. Galerie.“
Johann Wolfgang von Goethe: „Über Heinrich Füeslis Arbeiten" 
(Aus der Schweizerreise im Jahre 1797)

Henry Fuseli, Porträt von James Northcote

Goethe war sehr schwankend in seinem Urteil, blieb aber immer neugierig, diese erwähnten Notizen zu Füßli (wenn man einmal beiseite läßt, ob er damit das Wesen der Malerei wirklich getroffen haben mag, aber wer hat das schon) sind diesmal fast schon wohlwollend. Aber das darf auch kaum verwundern, denn Füßlis Werk steht so ganz gegen sein eigenes Kunstwollen; da ist nichts gemäßigt, durch Vernunft geformt, harmonisch gebildet. E.T.A. Hoffmann war ihm ein Graus, wie sollte er dann daran eine unschuldige Art von Freude gewinnen.

Ich will mir nicht anmaßen, Goethes Ästhetik beschreiben zu können, also dachte ich mir, zieh dich einfach am Schopf aus dem Sumpf, indem du etwa seine „Maximen und Reflexionen“ noch einmal durchblätterst und ein paar willkürliche Sätze daraus bringst, da mag sich dann irgendeine Art von Bild wohl einstellen.
Die Kunst soll die sich offenbarende Natur würdig auslegen, lese ich, oder:

„Alles Lyrische muß im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bißchen unvernünftig sein.“ 

„Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, daß man die Ausbreitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern daß man das Falsche in Kurs bringt.“

„Das sogenannte Romantische einer Gegend ist ein stilles Gefühl des Erhabenen unter der Form der Vergangenheit oder, was gleich lautet, der Einsamkeit, Abwesenheit, Abgeschiedenheit.“
„Man sagt: »Studiere, Künstler, die Natur!« Es ist aber keine Kleinigkeit, aus dem Gemeinen das Edle, aus der Unform das Schöne zu entwickeln.“

„In der Idee leben heißt das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandtnis: treffen beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worüber die Welt vom Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann.“

„Wenn ich jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage: warum sie doch, besonders in ihren Landschaften, so widerwärtige grelle Töne dem Auge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen? so geben sie wohl ganz dreist und getrost zur Antwort: sie sähen die Natur genau auf solche Weise.“

„Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich.“

„Es gehört eine eigene Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen Wirklichkeit lebhaft aufdringen.“

Letzteres erscheint förmlich wie ein Kommentar zu dem Nachfolgenden. Beiläufig gesagt, dachte ich bei dem nicht ganz unbekannten Bild, in dem er ein Gespräch mit seinem Freund und Mäzen Bodmer vorstellt, immer, das im  Hintergrund sei nun aber ein besonders abgedrehtes, wurzel-gespenst-artiges Wesen - es soll wohl schlicht eine Büste sein, vermutlich.

Der Künstler im Gespräch mit Johann Jacob Bodmer

Und nun gelangen wir zu zwei Bildern, auf die kein bebildertes Handbuch der Tiefenpsychologie verzichten mag. Das ist keine gemütvolle Romantik, so etwas ist ganz fern davon, eher ungemütlich, mehr von der Art, die den Boden unter den Beinen hinwegzieht.

Er mag als Maler technisch gewesen sein, wie er will, aber das ist über originelle Bilderfindung hinaus. Das nennt man, glaube ich, Kunst.

Nachtmahr

Nachtmahr

Goethe dachte wohl, eine neue, humanere Ordnung herbeischreiben zu können. Verwirrte, wie Füßli, führen da weit eher in die Gegenwart - das Aufrühren von Schichten, die ein Goethe sublimieren, veredeln, emporheben wollte, statt sie auszuleben; das macht seine Absichten ehrenwert und seine Dichtung geistreich, welterfahren, lebensklug und, mit Verlaub, häufig etwas blutarm, wenn auch die Sprache unbestreitbar auszeichnet. Aber er stand, fürchte ich, damit auf der richtigeren Seite.

Diese sogenannte „Schwarze Romantik“ war ja überhaupt zunächst mehr ein Vetter der Aufklärung, und wo ich gerade diesen Link bringe: „Glauben Sie an Gespenster? Nein, aber ich habe Angst vor ihnen”, antwortet Madame Du Deffand dem Erfinder des Schauerromans (Otranto), Horace Walpole. Und bringt damit die Zerrissenheit dieses aufgeklärten Zeitalters genau auf den Punkt.

Die wahnsinnige Kate

Vielleicht doch 3 dürftige Sätze zu seinen Bildern: Seine „Damen von Hastings“ (siehe eingangs) sind atemberaubend; man mag über deren Sinn herum grübeln, so viel man will, dieses überwältigend unaufhaltsame Voranschreiten ins Nichts, ins Unendliche, oder was immer (wer weiß das alles schon so genau), diese Bewegung hat niemand vor ihm so erfaßt.

Und die  „Wahnsinnige Kate“ (aus einem Gedicht von William Cowper), auch wenn wir nicht wissen, daß sie über den Verlust des Geliebten wahnsinnig wurde, wir sehen ihn, ihren Wahnsinn, die zerfallende Welt, von der nichts Gutes mehr ausgehen kann. 

Oder die blinden Augen des Pferdes im „Nachtmahr“, in beiden Varianten. Wir sehen bei Tageslicht unsere tiefsten Alpträume, und hoffen nur, sie hinter uns lassen zu können.

Und darüber hinaus, um uns erneut ins Betrachten der Geschichte zu flüchten, können wir nur hoffen, daß schließlich diese ganze „Aufklärungs-Mode“ sich als pubertäre Abirrung Europas in seinem vierten Frühling erweisen wird, wo das junge Mensch irgendwann dann doch wieder zu Vernunft gekommen ist. Wir sehen, vermutlich, vielleicht.

Brunhilde beobachtet Gunther
nachgetragen am 10. Februar

Donnerstag, 6. Februar 2014

Gerhard von Kügelgen

Caspar David Friedrich: "Kügelgens Grab"

So ist es oft mit den Sachen, man faßt einen gewissen Entschluß und heraus kommt etwas ganz anderes. Gerhard von Kügelgen war ein naher Freund Caspar David Friedrichs, und ebenfalls Maler dazu, kein übler übrigens, wenn auch heutzutage recht unbekannt, nun ja. Er starb am 27. März 1820, genauer gesagt, wurde er dann ermordet, geboren wurde er am 6. Februar 1772.

Nicht nur, weil ich an diesem Ort dann und wann, unzulänglich natürlich, über Friedrich geschrieben habe, schon seinetwegen wollte ich an ihn erinnern und verlor mich in den herzerwärmenden Jugenderinnerungen seines Sohnes, die lange ungelesen in meinem Bücherschrank verstaubten (übrigens ein Kultbuch der gebildeteren deutschen Stände (ja, das gab es auch einmal) bis in das vergangene Jahrhundert hinein (mein eigenes antiquarisches Exemplar hat eine rührende Widmung von "Weihnachten 1956").

Wer sich in die Mordtat vertiefen will, findet hier einen recht ausführlichen zeitgenössischen Bericht, über besagten Urheber etwa die nachfolgende Aussage:

„Immer schon ein sehr einsilbiger Mensch, wollte man auch etwas Tückisches in seinem Benehmen bemerkt haben. Wenn von den Mordtaten gesprochen wurde, zeigte er sich gleichgültig und unbefangen. Festigkeit des Charakters war ihm nicht abzusprechen, aber er war gefühllos und eitel. Aus einigen seiner sparsamen Äußerungen über sein früheres Leben ließ sich vermuten, daß er die Kunst, seine Umgebung zu täuschen, in hohem Grade verstanden haben muß. Er gewann stets zunächst Zutrauen durch sein einnehmendes Äußeres. 'Das Spiel mochte die Gefühllosigkeit in ihm ausgebildet haben, die das Gräßlichste ruhig vollzieht, wenn nur die augenblickliche Begierde dadurch gestillt wird. Ohne rauh gegen andere zu sein, vielmehr gefällig im Umgange, betrachtete er doch die Menschen mit tierischer Gleichgültigkeit.'“

„Kaltofen war eine harte Natur, die allen moralischen Eindrücken von außen widerstand und eher gewohnt war, durch Täuschung auf andere einzuwirken.“

Von Kügelgens ältester Sohn, so ist anzunehmen, ist mit seinem Leben zum Ende hin nicht wirklich glücklich geworden - wer wird das schon - aber er hat doch sich dabei irgendwie an einen inneren Ort zurückziehen können, der ihm das erwähnte Erinnerungsbuch gestattete, das übrigens genau mit einem noch unsicheren Bericht über die Mordtat endet. Aus Briefen:

"Meine Liebe greift nach dem zurück, was vergangen ist; die Gegenwart ist blutarm und die Zukunft schwarz und finster wie der Tod.“ Und: „Die Jugend, die Vorbereitung zum Leben, erscheint doch immer wie der Kern des Kometen, das eigentliche Leben wie der Schweif, der sich allmählich in Nichts auflöst.“

Fast kommt einem da Lenaus "Herbstgefühl" widerstrebend in den Sinn.

Gerhard von Kügelgen: "Porträt des Caspar David Friedrich"

Ich will doch, ganz vom Anfang seines Buches, zwei Passagen bringen, in denen er sich in gewisser Weise recht gibt und auch heimlich wieder widerspricht, sie sind etwas länger aber es lohnt sich, der „Rest“ findet sich nach diesem Link.

„Wenn wir im Garten spielten, schloß sich uns häufig als Dritter im Bunde noch ein kleiner Barfüßler von unserem Alter, der Sohn des Gärtners, an. Er hieß Fritz Pezold und gewann durch folgenden Vorfall für mich Bedeutung.

Eines schönen Morgens nämlich weiß ich nicht, wo Frau Venus hingekommen war, genug, sie ließ uns ohne Aufsicht; wir aber amüsierten uns mit einigen zugelaufenen Nachbarskindern, welkes Laub aufzulesen und dieses über das Geländer der kleinen Brücke in die Katzbach zu werfen. Dann liefen wir einige dreißig Schritte abwärts, wo zum Behuf des Wasserschöpfens an tiefer Stelle ein schmales Brett über den Bach gelegt war, um, auf diesem kauernd, die kleinen goldenen Schiffchen wieder aufzufangen.

Mit welchem Eifer wir dies trieben, und wie wir dabei schrien und uns erhitzten, wird jeder ermessen können, der auch einmal ein kleiner Junge war. Ich war den anderen vorausgeeilt und hockte bereits jubelnd auf dem schwanken Stege, als dieser umschlug und ich kopfüber ins Wasser schoß. Die erschrockenen Freunde stoben auseinander, verschwanden durch Hecken und Zäune, wo sie hergekommen waren, und ich selbst gab mich sogleich verloren.

Nicht so Fritz Pezold. In dem Augenblicke, als ich versank, sprang er entschlossen auf den Steg, griff in die Tiefe, packte meine Haare und schrie, daß ihm die Lungen bersten wollten, nach seinem Vater. Zwar brachte er mich mit dem Kopfe übers Wasser, doch nicht weiter, und ich dachte jeden Augenblick samt meinem Freunde zu ertrinken, denn das kleine Brettchen schwankte hin und wieder wie eine Schaukel.

Dennoch erinnere ich mich sehr deutlich, daß ich keine Angst empfand, mich vielmehr freute, nun alsogleich in den Himmel einzugehen und mit meiner lieblichen Schwester Maria vereint zu werden. Fast glaube ich, daß ich bereits Wasser geschluckt hatte und halb tot war, denn ich verhielt mich völlig leidend und tat selbst nicht das geringste zu meiner Rettung. Aber das weiß ich, daß mir's zumute war wie Kindern, die am Weihnachtsabend in dunkler Kammer an der Türe drängen: gleich wird sie aufgehen und der Baum in seinem Glanze stehen.

Indessen sollten mir die Paradiesespforten noch verschlossen bleiben, und der Cherub, der den Eintritt wehrte, war Fritz Pezold. Sein Mark und Bein durchdringendes Zetergeschrei hatte endlich das Ohr des Vaters erreicht, der nun wie ein angeschossener Kater mit weiten Sätzen über seine Gemüsebeete herbeiflog und mich herauszog. Triefend und mit schwarzem Schlamm überzogen, hing ich wie ein erschlagener kleiner Maulwurf in seinen Händen, als er mich den Eltern brachte.“

„Ein zweiter, ebenfalls literarischer Hausgenosse, den meine Eltern schon von Petersburg her kannten, wo er sich früher als Erzieher aufgehalten, hieß Onkel Lais. Obgleich noch ein junger Mann, lebte Lais kränklichkeitshalber doch sehr zurückgezogen. In seinem Dachstübchen war er immer anzutreffen, studierend oder für Journale schreibend, in Mußestunden aber oder des Abends suchte er Aufheiterung in unserem Familienkreise und gab sich dann namentlich gern mit mir ab. Er machte Feuerwerk, Papierlaternen, Drachen, lehrte mich Kartenschlösser bauen, mit der Armbrust schießen und dergleichen Kurzweil mehr. Das Beste entstand jedoch an traulichen Winterabenden. Während meine Mutter vorlas und mein Vater kleine Götter- und Heroengestalten aus Wachs modellierte, pappte Lais für mich eine elegante Ritterrüstung, die er mit Silberpapier beklebte, und welche sehr viel schöner ausfiel als alles, was man damals für Geld kaufen konnte. Dazu wurden Schwert und Lanze und ein ausgelassenes Steckenpferd gefertigt, das nur mit Mühe zu regieren war.

So ausgerüstet pflegte Onkel Lais den jungen Ritter des Abends durch dunkle Zimmer und Gänge nach den entferntesten Regionen der Wohnung auszusenden, um gewisse Ungeheuer, die sich dort aufhalten sollten, zu erlegen. Dann freute er sich an den lebendig dargestellten Erlebnissen des allezeit siegreich Zurückkehrenden und war unerschöpflich in neuen Aufträgen und Erfindungen.“

Gerhard von Kügelgen: "Allegorie der Trauer"
beendet am 7. Februar

Freitag, 28. September 2012

Ludwig Richter oder Über den Trost des Kitsches


Was eigentlich ist „Kitsch“? Etwa Spitzweg, Richter oder neuerdings Koons? Adrian Ludwig Richter jedenfalls wurde am 28. September 1803 in Dresden geboren. Ein noch häufig beliebter „Romantiker“; mein Elternhaus war überreich mit seinen Reproduktionen dekoriert. Daher das kleine Arrangement dort oben. Nachfolgend das Bild erneut (wenn die Abbildung auch nicht eben von guter Qualität ist), dessen ausführlicher Name: „Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein bei Aussig“, geschaffen 1835, in seiner böhmischen Phase, als er wieder künstlerisch auflebte, nachdem man ihm schon vorgehalten hatte, zu einem „vertrockneten Italiener“ geworden zu sein; denn Italien hatte ihn inspiriert, aber die Erinnerung verblaßte bereits.

Ludwig Richter, Der Schreckenstein bei Aussig

Das war von 1823 bis 1826 gewesen. In den Jahre zuvor hatte er zunächst von seinem Vater, einem Kupferstecher, Zeichenunterricht erhalten, es folgte ein Studium an der Dresdner Kunstakademie, nachdem sein Vater dort Professor für Landschaftszeichnen geworden war, für diesen ein merklicher Aufstieg aus handwerklich beschränkten Verhältnissen. Der Sohn über seine Jugend: „Meine Jugend war arm, verkümmert, vielfach bedrückt, und meine Lehrzeit war nur Arbeitszeit gewesen; ich lernte nichts oder wenig dabei.“ Und über die Akademiezeit: „Wenn ich an diese beengenden Zustände zurückdenke, so begreife ich wohl, wie schwer es war, sich aus den Banden solcher durch Autorität und Tradition sanctionierter Irrtümer herauszuwinden.“ Sein Drang ging zum „einfach Wahren, Naturgemäßen“, verkörpert von Malern wie Caspar David Friedrich oder Johan Christian Dahl, Friedrich seit 1798, der andere seit 1818 in Dresden. Und die ersten zaghaften nazarenischen Einflüsse machten sich bemerkbar. Friedrichs Einfluß blieb (leider) nicht von Dauer. Aber für Richter bot sich eine erste Ausflucht aus den bedrückend empfundenen Umständen als zeichnender Reisebegleiter des Fürsten Narischkin (1820/21) nach Südfrankreich und Paris. Diese Reise trug künstlerisch zwar nicht viel aus, doch erweiterte sie seinen Horizont beträchtlich.

Ludwig Richter, Überfahrt am Schreckenstein

Aber wo wir mit dem ersten Gemälde begannen, sollten wir die biographischen Notizen kurz beiseitelassen und auf ein darauf folgendes eingehen. Die nächste schlechte Abbildung (der Leser mag eine bessere finden) gibt einen Hinweis auf eine große Programmdarstellung der Romantik, so liest man, von 1837. Der Wanderbursche, der auf seinen Stock gestützt, zur Burgruine emporschaut, der zeitversunkene Harfner, das zögernd seelennahe junge Paar... eine Neufassung des alten Topos' vom Schiff des Lebens, ein Sehnsuchtsbild, und ein populäres dazu. Und wo wir beim Stichwort „populär“ sind, der „Brautzug im Frühling“ von 1847 dürfte in so mancher bescheidenen Kammer eines empfindsamen jungen Mädchens über die nächsten 100 Jahre gehangen haben. Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ hatte die Inspiration dazu geliefert.

Ludwig Richter, Brautzug im Frühling 
Ludwig Richter, Brautzug im Frühling, Ausschnitt

Aber bevor wir zur Biographie des Künstlers zurückkehren, müssen wir unbedingt noch dieses bringen - „Genoveva in der Waldeinsamkeit“ von 1841, eine poetisch tiefempfundene, wohl innigste Waldlandschaft der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts, so lese ich. „Aus grüner Waldesdämmerung und Schattenkühle leuchtet juwelenhaft ein Stück Wiese, erstrahlt in kräftigem Rot und Weiß die Gruppe der Heiligen mit dem Kind und der Hirschkuh. Hier ist mit Fels- und Baumkulisse ein Schutzwall gegen die bedrohliche Außenwelt aufgerichtet, ein trauliches Klein-Arkadien...“ (Hans Joachim Neidhardt „Ludwig Richter“, Leipzig 1991, S. 54)

Ludwig Richter,  Genoveva in der Waldeinsamkeit

Nun, bevor Richter bei dieser Innigkeit anlangte, nahm er ein paar Umwege. Von 1821 bis 1823 hielt er sich wieder in Dresden auf, aber dann gelangte er für nahezu 3 Jahre nach Rom, die wohl am meisten erfüllte, hoffnungversprechende Zeit seines Lebens. Er schloß zahlreiche Freundschaften dort, mit Julius Schnorr von Carolsfeld etwa. Richter war immer noch vor allem Landschaftsmaler, die Darstellung des Menschen mußte er mühsam nachholen, wie dieser leicht linkische Akt später anzeigt. Italien gab ihm nicht nur Ideen ein, es belebte auch seine künstlerischen Fähigkeiten. Zu den Ideen sei nur seine Absicht genannt (1824), „deutsche Natur zu einem Ideal, zu edler Größe zu erheben, damit sie nicht wie bisher den untergeordneten Rang der Idylle behält, sondern zum Epischen sich erhebt… Der Gegenstand ist groß und erhaben genug.“

Zurück aus Italien, lehrte er von 1828 bis 1835 an der Staatlichen Zeichenschule in Meißen, die der mangelhaften Qualifikation der dortigen Porzellanmaler aufhelfen sollte. Ende 1836 wird er nach deren Auflösung an die Dresdner Kunstakademie versetzt und Professor für Landschaftsmalerei. Obwohl er sich längst auf die Buchillustration verlegt hatte. Richter hat vielleicht sechzig Ölgemälde geschaffen gegenüber etwa 2600 Holzschnitten. Richter illustrierte z. B. die berühmten „Volksmärchen der Deutschen“ von Johann Karl August Musäus, und einiges anderes, das ihn tatsächlich populär machte.

Ludwig Richter, Der erste Schnee

Ludwig Richter, Kindersegen

Ludwig Richter, "Mein Nest ist das Best"
Ludwig Richter, Kinderorchester

Es fällt schwer, etwas zu diesen Darstellungen zu sagen. Sie haben etwas von der Art von Lack- oder Lebkuchenbildern, die man spontan mag, weil sie in einen wohltuenden Seelenzustand befördern, und man würde sich falsch fühlen, sollte man beginnen, an ihnen herum zu kritteln. Aber doch fühlt man sich, wenn man ehrlich ist, nicht unbedingt in der Art ermutigt und angeregt, wie man sie von wirklicher Kunst erwarten darf. Dennoch. Seine italienischen Zeichnungen deuten an, was groß hätte werden können. In seiner Hinwendung zum Böhmischen und Sächsischen mag man das Bemühen erkennen, absterbende Erinnerung gegen etwas Lebendiges einzutauschen und ihm gerecht zu werden, auch wenn es merkwürdig geschlossen erscheint. Man vergißt zu leicht, wie sehr ein Künstler aus dem Ort heraus wirken muß, an den er gebunden ist.

Ludwig Richter, Brunnen bei Ariccia

Ludwig Richter, St.-Annen-Kirche zu Graupen in Böhmen

Ludwig Richter, Aktstudie

Eigentümlich erscheint, daß diese geschlossenen und dabei gewissermaßen auch zurückgenommenen späten Darstellungen durchaus charaktervoll auftreten. Man würde sie sofort wiedererkennen. Im Titel warf ich die Frage auf, inwieweit das schon „Kitsch“ wäre, eine vertrackte Frage, die diesen Beitrag erheblich verzögert hat. Ich will meine Gedanken dazu, ein paar wenige existieren tatsächlich, auf einen nachfolgenden Beitrag verschieben. Ich  höre schon zeitgenössische Maler reden, Kitsch sei, was jemand für Kitsch halte, aber diese erkennbar belanglose Floskel lassen wir besser beiseite.

Und Richter? Er, der hätte ein großer Künstler werden können, vermutlich, zog es vor, ein geliebter zu sein, vielleicht war dabei eine Art Zwang im Spiel, aber davon wissen wir nichts.

Ludwig Richter, Die Christnacht

nachgetragen am 7. Oktober
Teil 2 folgt