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Dienstag, 3. März 2026

Thomas Jastram in der Galerie Martina Fregin


Eröffnung der Ausstellung am 27. Februar 2026 in Güstrow


Liebe Tine, lieber Thomas,

sehr verehrte Frau Fregin,

liebe Freunde der Kunst,

obwohl ich bereits einmal eine Ausstellung von Thomas Jastram, und zwar in Dresden, mit einer kleinen Rede eröffnen durfte, hatte das Künstlerpaar den Wunsch, dass ich es heute hier in Güstrow wieder tun soll.

Es ist einer meiner zentralen Lebensgrundsätze, dass ich immer am dankbarsten für das bin, was ich nicht machen muss, wenn sich aber eine Aufgabe stellt, dann soll man auch versuchen, sich ihrer mit Anstand zu entledigen.

Ich bin allerdings weder Kunstkenner noch in anderer Weise ein Sachkundiger. In erster Linie bin ich ein Freund des Künstlerpaares, dem wir diesen heutigen Abend verdanken.

Diese Freundschaft hatte ihren Ausgangspunkt in der Einsegnung einer Ehe, die ich vorzunehmen hatte. Sie besitzt also im weitesten Sinne einen religiösen Hintergrund.

Darum soll der Zusammenhang von Kunst und Religion auch der Gegenstand meiner kleinen Eröffnungsrede sein.


Dort, wo das Geistige Gestalt gewinnt, da ereignet sich Kunst oder eben Religion – und beides ist oft gar nicht so leicht voneinander zu unterscheiden.

Güstrow bietet für diese Tatsache einen sehr schönen Beleg, der sich im Dom findet und den Ernst Barlach als Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges geschaffen hat. Sein Schwebender ist ein Mahnmal gegen den Krieg, gleichsam ein stummes Flehen, Beten um Frieden.

Kunst verlangt zuweilen den Mut, sich von genau dieser Stille übertönen zu lassen. Sie will uns nichts einreden, sondern die Antwort auf sie gleichsam unserem Inneren entlocken. Das kann man dort in der Seitenkapelle des Güstrower Doms erleben.



Was hat dieser Prolog über Güstrow nun mit Thomas Jastram zu tun?

Thomas ist und bleibt Mecklenburger, auch wenn er jetzt in Hamburg wohnt. Jeder aber, der Mecklenburg seine Heimat nennt, steht unter einem höheren Himmel, als der Rest der Welt ihn kennt. Diesen Himmel muss man zeigen und überall, wo der Himmel auf Erden gezeigt wird, da ereignet sich Kunst oder eben Religion.

Beide gewinnen ihren Sinn daraus, dass sie eine Verbindung schaffen, dass sie eine Brücke bauen zwischen dem, was sichtbar ist und unserer Sehnsucht, zwischen dem, was vergeht und dem, was dennoch der unvergängliche Kern der Dinge bleibt, zwischen dem, was wir erleben und dem, was dennoch unsere Hoffnung ist – eben zwischen Himmel und Erde.

Darum bildet wahre Kunst auch nichts ab, sondern sie macht sichtbar. In ihr ist etwas, was über unsere Wirklichkeit hinausweist. Ihr gehört bereits ein kleines Stück der Ewigkeit. 

Kunst vermag es gleichsam, den Finger aus der Zeit heraus zu recken, wie der Adam Michelangelos seinen Finger dem Allmächtigen entgegenstreckt.

Haben wir nun hier einige Sentenzen darüber gehört, was Kunst ist, dann will ich gleich auch noch darüber nachdenken, wer diese Wunder, denn wahre Kunst ist immer auch mindestens ein kleines Wunder, vollbringen kann. Wer ist ein Künstler?

Joseph Beuys hatte darauf eine prägnante Antwort: „Nicht einige wenige sind berufen, sondern alle.“ Es entströmt diesem Satz die verführerische Illusion, dass jede menschliche Darbietung gleich ernst zu nehmen und zu würdigen wäre.

Ich aber will dabei bleiben, wo alles Kunst ist, da ist nichts mehr Kunst. Nicht nur das Schönheitsempfinden, jede Wahrnehmung braucht zunächst die Unterscheidung.


Die Bibel blickt darum auch weiter. Zwar kennt auch sie die Vorstellung, dass alle berufen werden, belehrt uns dann aber im Matthäusevangelium darüber:, dass zugleich nur wenige auserwählt sind.

„Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Matth 22,14

In unserem Zusammenhang wird nun sehr deutlich, dass die Erwählung niemanden herabsetzt oder gar entwertet, sondern sie gibt der Welt ihre Ordnung.

Sie hat zudem, und im Reiche der Kunst kann man das eindrucksvoll nachvollziehen, auch Können oder sogar Meisterschaft zur Grundlage. Ohne den Willen, das Handwerk zu erlernen, sich Befähigungen anzueignen und sich auch mancher Regel zu unterwerfen, sind Können und Meisterschaft nicht zu denken. Nur, wer sich allen Regeln demütig unterworfen hat, der darf sie am Ende auch brechen.

Zusätzlich sind Können und Meisterschaft die Weise, auf der wir uns nicht nur im bildlichen Sinne, dem Himmel entgegenstrecken. Ohne diesen Willen des Menschen, ohne dieses Mühen und Streben und Ringen gäbe es keine Kunst.


Gleichzeitig braucht sie aber immer die Begegnung, die Griechen würden sagen, mit der Muse, ich sage mit dem Ewigen, mit dem Ideal des Schönen, des Guten und vor allem des Wahren. Ohne diese Begegnung gäbe es gar keine Kunst.

Gelingende Kunst läßt sich eben nicht erzwingen. Sie braucht bei allem Willen und Handwerk noch eine andere Hilfe.

Die Berührung vom Ewigen, Inspiration, welche Namen man immer für ein Phänomen gebrauchen will, das als solches aber wohlvertraut ist. Es sorgt dafür, dass das Werk größer wird als der Erschaffer, was ihn aber nicht kleiner macht, sondern in einem gewissen Sinne ebenbürtig. Denn er durfte zum Mitschöpfer der Welt werden. Was es wiederherstellt und heilt, ist die Verbindung mit allem Überlieferten, Lebendigen, Ewigen, Wahren, Guten und Schönen. Und davon zeugt es. Dieses Phänomen wirkt im höheren Sinne eine neue Einheit.

Wer also nicht glaubt, dass das Schöne, das Gute und das Wahre uns lebendig gegenübertreten können, der sollte vielleicht kein Künstler werden.

In der Religion ist es übrigens sehr ähnlich. Man kommt um das Lesen in der Heiligen Schrift, um das Erlernen der Liturgie und um das Studium von Bekenntnis und Dogmatik nicht herum. Durch sie streckt sich der Mensch gleichsam seinem Gott entgegen. Aber ohne die wirkliche Begegnung mit ihm, dem Herrn der Welt, bleibt alles das ganz und gar nutzlos.

Es verkommt zur Bigotterie, so, wie Kunst, ohne Begeisterung bestenfalls matte Dekoration bleibt.

Es ist möglich diesen Gedanken noch aus einer etwas anderen Perspektive zu vertiefen. Sie eröffnet sich mit Blick auf eine meiner Lieblingsfiguren aus dem Werk von Thomas Jastram und der christlichen Mythologie, ich meine den Hl. Christophorus.

Um seine Geschichte nur ganz kurz zu erzählen, die meisten unter uns werden sie vermutlich kennen.

Es war ein großer und sehr starker Mann, der sich aufmachte, den Lebenssinn darin zu finden, dass er sich in den Dienst des größten Herrn stellte. Er kam zunächst zu einem mächtigen König, der sich aber furchtsam bekreuzigte, als in einem Lied der Name des Teufels genannt wurde. Da verließ er ihn und suchte den Teufel.

Nachdem er diesen und seine Spießgesellen gefunden und sich ihnen angeschlossen hatte, wurde er gewahr, dass der Teufel offensichtlich Furcht vor dem Gekreuzigten hatte, den sie zuweilen an den Wegaltären sehen konnten.

Also beschloss unser Held, nun diesen zu suchen. Ein Einsiedler, dem er begegnete, bestätigte ihm, dass Christus der größte Herrscher der Welt wäre und befahl ihm, das Fasten und das Beten zu erlernen. Zusätzlich übernahm er den Dienst, an einem Fluss Menschen hinüber und herüber zu tragen.

Fasten, beten und dienen, das prägte nun sein Leben. Vermutlich hat er einiges Können, unter Umständen sogar Meisterschaft darin erworben.

Alles das bleibt aber menschliche Vergeblichkeit, wenn die Begegnung, auf die es ankommt, und von der ich bereits vorhin gesprochen habe, nicht zustande gebracht wird.

So war es hier zum Glück aber nicht, denn eines Nachts hörte er eine Kinderstimme rufen, konnte aber in der Dunkelheit nichts erblicken. Nach dem dritten Ruf nochmals hinausgehend sah er ein Kind, das hinübergetragen werden wollte.

Als er aber mit diesem Kind auf der Schulter ins Wasser stieg, wurde die Last immer schwerer, das Wasser schwoll an, er fürchtete zu ertrinken und glaubte, die ganze Welt läge auf seinen Schultern. – „Mehr als die Welt hast du getragen“, sagte das Kind zu ihm, „der Herr, der die Welt erschaffen hat, war deine Bürde.“ Das Kind drückte ihn unter das Wasser und taufte ihn so.

Am Ufer erkannte er Christus als seinen Herrn und wurde so zum Christopherus, zum Christusträger.

Der Herr trug ihm nun auf, ans andere Ufer zurückzukehren und seinen Stab in den Boden zu stecken: er werde als Bekräftigung seiner Taufe finden, dass der Stab grüne und blühe. Als Christophorus am Morgen erwachte, sah er, dass aus seinem Stab tatsächlich ein Palmbaum mit Früchten aufgewachsen war.

Die Mühe wurde also am Ende belohnt.

Und ist es nicht so auch mit unserem Künstler?

Wer einmal in seinem Atelier in Hamburg gewesen ist, der konnte dort sehen, wieviel Skizzen und Formen und Versuche es braucht, bevor ein Werk gelingen kann, dass dann nicht nur vor den Augen des Meisters, sondern auch vor denen des Publikums und vielleicht sogar vor denen der Nachwelt Bestand hat. Wie oft muss man durch den reißenden Fluss, um im Bild zu bleiben, Ideen, Erwartungen und Hoffnungen hin und her tragen, bevor es zu der Begegnung kommt, die alles verändert?

Und dann gibt der Künstler sein Werk aus der Hand. Denn dasselbe Ringen, Denken und Suchen wird nun uns möglich, die wir seine Skulpturen betrachten. Nachdem sie dem Geist des Künstlers entstiegen sind, müssen sie in unseren hinein. Wir sollen die Bildwerke wieder verinnerlichen und dadurch mit nach Hause und dauerhaft mit in unser Leben nehmen.

Dazu reicht zwar theoretisch das Betrachten, noch besser für den Künstler und auch die Galeristin wäre es aber, wenn manch ein Besucher sich entschließt, das Werk auch zu erwerben.

Liebe Frau Fregin,

Sie haben hier einen wunderschönen Ort geschaffen, an dem alles, von dem ich gesprochen habe, stattfinden kann.

Der Künstler, die Kunst und die Menschen, die sie lieben, können einander begegnen. Und ich wünsche uns allen, dass die Werke von Thomas Jastram etwas in uns auslösen, uns begleiten und uns dann nicht wieder verlassen.

Und ich wünsche uns gemeinsam einen schönen Abend.

Thomas Roloff


Nachträge

Das nähere Notwendige erfährt man hier

Ein paar Bilder von einem alten Mann mit und ohne Laudator folgen. Und vor allem eines meiner herzensguten Kunstnachbarn, die mich mit einem unzuverlässigen Auto dort hingebracht und auch wieder in die Residenzstadt zurückgebracht haben, eine nicht unwesentliche Voraussetzung, daß dieser Beitrag endlich erscheinen kann.









Samstag, 25. Juni 2022

Ein Neptunbrunnen ohne Gott

Skulptur Kaysa bei Sellin, hier gefunden


Brunnen, Skulpturen und Denkmäler sind weit mehr als Dekoration. Sie sind die Vergegenwärtigung von Gefühl und Erinnerung, Geist und Gedanken, und Absichten natürlich. Sie sind oft nicht frei von einer gewissen magischen Aura, im Guten oder im Anderen. 

Daher die regelmäßigen Denkmalsstürze nach jeder Umwälzung der allgemeinen Verhältnisse. Und auch die Form des Gedenkens zeichnet den Urheber (die Berliner Einheitswippe oder der sowjetische Brutalkitsch seien nur exemplarisch genannt).


Doch wir wollen gar nicht dabei verweilen, sondern in erfreulichere Gegenden wechseln. Eine große Leichtigkeit etwa, die uns von einem Brunnen entgegentritt. Eingeweiht in Warnemünde, auf dem dortigen Kirchplatz am 25. Juni (denke ich). Ein Neptun-Brunnen ohne Gott, aber mit drei Nereiden (wer will, mag sich dazu dort etwas darüber anhören), alle 50 hätten das Budget gesprengt.

Ich will nur den Urheber, daher die drei Eingangsbilder, Thomas Jastram, kurz zitieren. „Ein Neptun-Brunnen ist ja auch eher wie ein Nagel in der Wand, an den man seine Jacke hängt“. Nein, das war es gar nicht, sondern: „Es war mir nicht so furchtbar wichtig, irgendwelche symbolisch-inhaltlichen Dinge da reinzubrummen, sondern es sollte ein Brunnen sein, der zur Beseelung des Ortes beiträgt“. So daß der Pastor das sogar als Taufbecken benutzen könne. Es sei ihm wichtig, daß die Dinge, die er tue, auch tatsächlich an der Wirklichkeit abstoßen, „es sollte schön sein, es sollte Freude machen, vor allem, daß wir auch die Schönheit wieder sehen in der Wirklichkeit, mehr sollte es gar nicht sein.“

Na ja, das ist schon mal eine ganze Menge.

Warnemünde Kurhausgarten, Orpheus, hier gefunden

Und um Herrn Roloff zu erwähnen, der vor einigen Jahren einmal bei einer Ausstellungseröffnung sprach: „Kunst ist nicht Abbildung, um zu erkennen. Kunst zeigt uns, wie wir uns an Dinge und Menschen erinnern sollen. Im Begriff und im Vorgang der Erinnerung verbirgt sich schließlich eine zutiefst vergeistigte Schau auf Mensch und Welt. Unsere Erinnerung offenbart ein verstörendes Vertrauen auf jenes geistige Dasein, dem wir in viel stärkerem Maße angehören als dem leiblichen, weil die geistige Welt eine ewige Welt ist. Die Erinnerung in diesem Sinne ist bereits ganz eine geistige Welt und darin bereits Verheißung der ewigen Welt.“

Und noch ein weiterer Nachtrag. Friedrich Wilhelm Buttel (1796 – 1869). Neustrelitz hat zwar gleich 2 Gelegenheiten, die üblicherweise zum Gedenken genutzt werden, verschlafen. Aber jetzt soll er wenigstens ein Denkmal bekommen. Ein Jan Witte-Kropius lasse den Baumeister auf einer Bank sitzen, den Blick in die Weite gerichtet, lese ich. Wir freuen uns. 

nachgetragen am 31. Juli


Freitag, 17. Juni 2016

Thomas Jastram in Dresden

Thomas Jastram, "Unterwegs"

Herr Roloff ist heute (so denke ich), auf einer Ausstellungseröffnung aufgetreten - die Galerie Himmel in Dresden präsentiert Bronzeplastiken von Thomas Jastram. Er (Herr R.) beschloß nach einigen Momenten der Überraschung, die Einladung anzunehmen, aber von dem zu sprechen, worüber er einige Jahre ernsthafter nachgedacht hat. Ein Theologe, der sein Metier ernst nimmt. Das dürfte bei solchen Gelegenheiten sehr selten geworden sein (und manche sogar verstört haben).

Jetzt liegt mir zwar vieles auf der Zunge, was die Kunst der Moderne angeht, aber ich spiele hier gerade keine Rolle. Nur soviel, wenn ich jetzt sagen würde, er dürfte sich des Wohlgefallens von Vorgängern wie Georg Kolbe oder Wilhelm Lehmbruck ziemlich sicher sein, mag das zunächst albern erscheinen. Aber warum eigentlich?

Wenn jemand aus einer kenntnisreichen Dazugehörigkeit (die mitunter geradezu ein jahrhundertegesättiges Wissen nahelegt) Neues erschafft, bedeutet das einmal, er hat erfahren und gelernt, und zum anderen, er will diese, wir nennen es hilfsweise „Substanz europäischer Kunst“ bewahren, erneuern, hinüberretten. Wo immer dieser Ort sein mag.

Thomas Jastram, "Eurydike" 

Ausstellungseröffnung Thomas Jastram am 17. Juni 2016 in Dresden

Anrede,

der Wunsch des Künstlers, diese Ausstellung mit einer kleinen Rede von mir eröffnen zu lassen, hat mich überrascht. Niemals würde ich mich als Kunstkenner bezeichnen. Öffentlich reden sollten Menschen nur von Dingen, die ihnen zumindest vertraut sind. Eine Weisheit die gegenwärtig, jedenfalls nach meinem Eindruck, nicht mehr überall die hinreichende Beobachtung erfährt.

Darum will ich heute über die Stellung des Kunstwerks in unserer Welt reden und das aus einer vor allem theologischen Sicht. Sie werden also etwas zu hören bekommen, was bei Ausstellungseröffnungen vielleicht eher ungewöhnlich ist. Wer bereits an dieser Stelle innerlich das Interesse verliert, dem will ich zum Trost versichern, es dauert höchstens eine Viertelstunde!

Caroline Schlegel schrieb 1801 an ihren Mann August Wilhelm:

„O mein Freund, wiederhole es Dir unaufhörlich, wie kurz das Leben ist, und das nichts so wahrhaftig existiert als ein Kunstwerk – Kritik geht unter, leibliche Geschlechter verlöschen, Systeme wechseln, aber wenn die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken seyn die in das Haus Gottes gehen – dann erst komt Finsterniß.“

Hier sind alle Stichworte genannt, an denen entlang ich mit Ihnen heute über Kunst nachdenken will. Es ist auf die Kürze des Lebens verwiesen worden, es steht die Möglichkeit zu einer wahrhaftigen Existenz im Raum, und es wird das Haus Gottes ersehnt. In diesem Dreieck steht die Kunst.

Ursprünglich, das wird hier ganz klar, verlangte der Mensch nach Dauer. Wenn er das Dauerhafte nicht selbst hervorzubringen vermochte, dann wollte er sich in allen Zeiten wenigstens dort anschließen, wo er größere Dauer vermutete, als er sie selbst in seinem bescheidenen Leben erwarten konnte. Die Monarchie, die Familie und die Religion gaben genau davon den zutreffenden Begriff. Die Monarchie für das staatliche und öffentliche Leben, die Familie für die private Existenz und die Religion für die verbindende Sinnstiftung unter beiden.

Merkwürdiger Weise ist genau das in den vergangenen einhundert Jahren fast vollständig anders geworden. Obgleich damit geradezu ungeheuerliche Zerstörungen verbunden waren, bilden sich Menschen ein oder lassen sich suggerieren, dass wir auf großartige Befreiungen zurückblicken.
Der Mensch der Gegenwart will nun einfach nur noch die Zeitspanne exzessiv auskosten, die ihm gegeben ist, und er bemerkt gar nicht mehr, dass gerade dieses mit Leben oder gar mit Dauer nichts zu tun hat. Es ist im Grunde eine Haltung der Resignation, die sich aber als Erfüllung von Selbstverwirklichung und Freiheit gebärdet. Aber vielleicht gehört das gar nicht hierher, denn noch sind wir um Kunst versammelt, die nach wahrer Dauer sucht.

Ich will damit beginnen, dass ich uns erinnere, wie sehr jede menschliche Hervorbringung an die ursprüngliche Schöpfung anschließt. Das Wesen des göttlichen Handelns liegt zunächst in der Erschaffung aller Dinge aus dem Nichts. „Gott ruft dem, was nicht ist, dass es sei“, so schreibt der Apostel Paulus. In unserem Zusammenhang ist aber die Stelle viel interessanter, an der uns erzählt wird, wie Gott dem aus Lehm geformten Menschen seinem Odem durch die Nase einbläst. In der Genesis heißt es wörtlich: „6 Aber ein Nebel ging auf von der Erde und feuchtete alles Land. 7 Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.“

Das wird oft als die Erweckung zum Leben missverstanden. Dies aber ist auszuschließen, weil im Zusammenhang mit der Erschaffung der Tiere hiervon nicht die Rede ist, und die Tiere leben schließlich auch. Gott haucht dem Menschen seinen Odem ein, er gibt von sich. Er lässt den Menschen Anteil nehmen an seinem inneren Wesen. Darin liegt die eigentliche Bedeutung der Gottesebenbildlichkeit, und darin unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Kreaturen.

Der Künstler nun erschafft alle seine Werke aus diesem Geist, oder er bleibt bloßer Handwerker. Im Grunde ist Kunst so etwas wie eine ganz außergewöhnliche Form, um auf Gottes Schöpfung zu antworten. Sie ist in ihrem tiefsten Sinne nur dem Gebet zu vergleichen. So wie sich nach meiner Überzeugung im Gebet, im Gewahrwerden der Schöpfung und ihres Schöpfers und im Drängen zur Antwort, die Sprache geschaffen hat, so ist der Künstler davon getrieben, Bleibendes hervorzubringen.

Die Schöpfung ist die Offenbarung Gottes, und die Kunst ist die Offenbarung der menschlichen Seele.

Nach christlicher Vorstellung äußert Gott sich in der Schöpfung, er gibt tatsächlich etwas von sich preis. So auch der Künstler. Er überlässt sich dem göttlichen Geist und bringt Werke hervor, die mehr sein sollen als er selbst sein kann. Kunstwerke sind Wesen, die mit uns und untereinander Zwiesprache halten können.

Schauen wir uns um. Das ist die Begabung der Galeristen, dass sie die Werke so anordnen, dass sie nicht nur mit dem Betrachter, sondern auch untereinander kommunizieren können. Es entsteht eine neue geistige Welt, die man daran erkennt, dass die Figuren sich mitteilen können.

Eine zweite Geschichte will ich uns ins Gedächtnis rufen. Sie wird uns ganz am Anfang des Johannesevangeliums erzählt. Nikodemus, ein Pharisäer, schleicht sich nachts zu Jesus, bekennt sich zu ihm mit den Worten: „Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist; denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“

Jesus geht darauf gar nicht weiter ein sondern sagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Es sei denn daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.“

Hat diese nächtliche Begegnung nicht ein wenig die Anmutung eines Gesprächs zwischen einem Meister irgendeiner Kunst und seinem Schüler? Der Schüler bewundert seinen Lehrer und ist dankbar. Irgendwann aber ist der Zeitpunkt erreicht, an dem der Meister nichts mehr lehren kann, an dem die eigene Kunst geboren werden muss. Sie wird aber nicht aus der handwerklichen Begabung heraus entstehen, sondern allein aus dem Geist, der uns erst eigentlich zu Menschen macht. Alle wirkliche Kunst bringt Geistwesen hervor. Was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

Kunst ist Auflehnung gegen die Gottesferne.

Schauen Sie sich den Christophorus, die Eurydike, den Jakob und die Lydia genau an. Man kann an ihnen gewahr werden, dass alle Kunst die Einübung in jene geistige Welt ist, die auch noch dann Bestand haben wird, wenn diese Welt vergeht. In den Kunstwerken behauptet der Mensch sein Menschsein – Kunst ist Selbstbehauptung.

Ich sage gar nicht, Kunst streckt sich immer meinem Gott entgegen. Aber Kunst streckt sich immer einem Gott entgegen, sonst kann sie niemals Kunst werden, sonst bleibt sie Dekoration, Installation, Versuch oder bloßes Ornament, in jedem Falle platt – ganz in dieser Welt gefangen.

Wahre Kunst aber hat sich davon befreit und sie befreit. Fast möchte ich sagen, sie befreit sich irgendwann sogar vom Künstler, also von dem, der sie hervorgebracht hat. Was nun im Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer als Sündenfall gilt, dass ist im Verhältnis des Kunstwerks zu seinem Künstler anders geartet, weil der Künstler aus Gottes Inspiration heraus schafft, strebt das Kunstwerk nur zu seinem eigentlichen Ursprung in das Haus Gottes, wie Caroline Schlegel es genannt hat. Es wird in einem schon beinahe unchristlichen Sinne zu einer Opfergabe und der Künstler wird zum priesterlichen Mittler.

Kunst ist Vorbote und Verheißung einer schon ganz anderen Welt.

Vielleicht ist es genau dieser Gedanke, der in vielen Religionen auch in unserer christlichen Tradition immer wieder den Schrecken vor der Macht der Bildwerke hat wach und zuweilen militant werden lassen. Es war Moses Bruder Aaron, der mit dem Goldenen Kalb eines der frühesten Bildwerke schuf, von denen wir wissen.

Dabei bildet ja der Künstler am Ende gar nichts ab. Kunst ist nicht Abbildung, um zu erkennen. Kunst zeigt uns, wie wir uns an Dinge und Menschen erinnern sollen. Im Begriff und im Vorgang der Erinnerung verbirgt sich schließlich eine zutiefst vergeistigte Schau auf Mensch und Welt. Unsere Erinnerung offenbart ein verstörendes Vertrauen auf jenes geistige Dasein, dem wir in viel stärkerem Maße angehören als dem leiblichen, weil die geistige Welt eine ewige Welt ist. Die Erinnerung in diesem Sinne ist bereits ganz eine geistige Welt und darin bereits Verheißung der ewigen Welt.

Für die Kunst drückt sich die Bedeutung dieses Gedankens vielleicht schon in der Tatsache aus, dass ihre strengste Richterin schlicht das Vergessen ist. Wahre Kunst erschafft Erinnerung und bewahrt sich darin selbst …

„… bis die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken seyn die in das Haus Gottes gehen – dann erst komt Finsterniß.“
Thomas Roloff