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Dienstag, 3. März 2026

Thomas Jastram in der Galerie Martina Fregin


Eröffnung der Ausstellung am 27. Februar 2026 in Güstrow


Liebe Tine, lieber Thomas,

sehr verehrte Frau Fregin,

liebe Freunde der Kunst,

obwohl ich bereits einmal eine Ausstellung von Thomas Jastram, und zwar in Dresden, mit einer kleinen Rede eröffnen durfte, hatte das Künstlerpaar den Wunsch, dass ich es heute hier in Güstrow wieder tun soll.

Es ist einer meiner zentralen Lebensgrundsätze, dass ich immer am dankbarsten für das bin, was ich nicht machen muss, wenn sich aber eine Aufgabe stellt, dann soll man auch versuchen, sich ihrer mit Anstand zu entledigen.

Ich bin allerdings weder Kunstkenner noch in anderer Weise ein Sachkundiger. In erster Linie bin ich ein Freund des Künstlerpaares, dem wir diesen heutigen Abend verdanken.

Diese Freundschaft hatte ihren Ausgangspunkt in der Einsegnung einer Ehe, die ich vorzunehmen hatte. Sie besitzt also im weitesten Sinne einen religiösen Hintergrund.

Darum soll der Zusammenhang von Kunst und Religion auch der Gegenstand meiner kleinen Eröffnungsrede sein.


Dort, wo das Geistige Gestalt gewinnt, da ereignet sich Kunst oder eben Religion – und beides ist oft gar nicht so leicht voneinander zu unterscheiden.

Güstrow bietet für diese Tatsache einen sehr schönen Beleg, der sich im Dom findet und den Ernst Barlach als Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges geschaffen hat. Sein Schwebender ist ein Mahnmal gegen den Krieg, gleichsam ein stummes Flehen, Beten um Frieden.

Kunst verlangt zuweilen den Mut, sich von genau dieser Stille übertönen zu lassen. Sie will uns nichts einreden, sondern die Antwort auf sie gleichsam unserem Inneren entlocken. Das kann man dort in der Seitenkapelle des Güstrower Doms erleben.



Was hat dieser Prolog über Güstrow nun mit Thomas Jastram zu tun?

Thomas ist und bleibt Mecklenburger, auch wenn er jetzt in Hamburg wohnt. Jeder aber, der Mecklenburg seine Heimat nennt, steht unter einem höheren Himmel, als der Rest der Welt ihn kennt. Diesen Himmel muss man zeigen und überall, wo der Himmel auf Erden gezeigt wird, da ereignet sich Kunst oder eben Religion.

Beide gewinnen ihren Sinn daraus, dass sie eine Verbindung schaffen, dass sie eine Brücke bauen zwischen dem, was sichtbar ist und unserer Sehnsucht, zwischen dem, was vergeht und dem, was dennoch der unvergängliche Kern der Dinge bleibt, zwischen dem, was wir erleben und dem, was dennoch unsere Hoffnung ist – eben zwischen Himmel und Erde.

Darum bildet wahre Kunst auch nichts ab, sondern sie macht sichtbar. In ihr ist etwas, was über unsere Wirklichkeit hinausweist. Ihr gehört bereits ein kleines Stück der Ewigkeit. 

Kunst vermag es gleichsam, den Finger aus der Zeit heraus zu recken, wie der Adam Michelangelos seinen Finger dem Allmächtigen entgegenstreckt.

Haben wir nun hier einige Sentenzen darüber gehört, was Kunst ist, dann will ich gleich auch noch darüber nachdenken, wer diese Wunder, denn wahre Kunst ist immer auch mindestens ein kleines Wunder, vollbringen kann. Wer ist ein Künstler?

Joseph Beuys hatte darauf eine prägnante Antwort: „Nicht einige wenige sind berufen, sondern alle.“ Es entströmt diesem Satz die verführerische Illusion, dass jede menschliche Darbietung gleich ernst zu nehmen und zu würdigen wäre.

Ich aber will dabei bleiben, wo alles Kunst ist, da ist nichts mehr Kunst. Nicht nur das Schönheitsempfinden, jede Wahrnehmung braucht zunächst die Unterscheidung.


Die Bibel blickt darum auch weiter. Zwar kennt auch sie die Vorstellung, dass alle berufen werden, belehrt uns dann aber im Matthäusevangelium darüber:, dass zugleich nur wenige auserwählt sind.

„Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Matth 22,14

In unserem Zusammenhang wird nun sehr deutlich, dass die Erwählung niemanden herabsetzt oder gar entwertet, sondern sie gibt der Welt ihre Ordnung.

Sie hat zudem, und im Reiche der Kunst kann man das eindrucksvoll nachvollziehen, auch Können oder sogar Meisterschaft zur Grundlage. Ohne den Willen, das Handwerk zu erlernen, sich Befähigungen anzueignen und sich auch mancher Regel zu unterwerfen, sind Können und Meisterschaft nicht zu denken. Nur, wer sich allen Regeln demütig unterworfen hat, der darf sie am Ende auch brechen.

Zusätzlich sind Können und Meisterschaft die Weise, auf der wir uns nicht nur im bildlichen Sinne, dem Himmel entgegenstrecken. Ohne diesen Willen des Menschen, ohne dieses Mühen und Streben und Ringen gäbe es keine Kunst.


Gleichzeitig braucht sie aber immer die Begegnung, die Griechen würden sagen, mit der Muse, ich sage mit dem Ewigen, mit dem Ideal des Schönen, des Guten und vor allem des Wahren. Ohne diese Begegnung gäbe es gar keine Kunst.

Gelingende Kunst läßt sich eben nicht erzwingen. Sie braucht bei allem Willen und Handwerk noch eine andere Hilfe.

Die Berührung vom Ewigen, Inspiration, welche Namen man immer für ein Phänomen gebrauchen will, das als solches aber wohlvertraut ist. Es sorgt dafür, dass das Werk größer wird als der Erschaffer, was ihn aber nicht kleiner macht, sondern in einem gewissen Sinne ebenbürtig. Denn er durfte zum Mitschöpfer der Welt werden. Was es wiederherstellt und heilt, ist die Verbindung mit allem Überlieferten, Lebendigen, Ewigen, Wahren, Guten und Schönen. Und davon zeugt es. Dieses Phänomen wirkt im höheren Sinne eine neue Einheit.

Wer also nicht glaubt, dass das Schöne, das Gute und das Wahre uns lebendig gegenübertreten können, der sollte vielleicht kein Künstler werden.

In der Religion ist es übrigens sehr ähnlich. Man kommt um das Lesen in der Heiligen Schrift, um das Erlernen der Liturgie und um das Studium von Bekenntnis und Dogmatik nicht herum. Durch sie streckt sich der Mensch gleichsam seinem Gott entgegen. Aber ohne die wirkliche Begegnung mit ihm, dem Herrn der Welt, bleibt alles das ganz und gar nutzlos.

Es verkommt zur Bigotterie, so, wie Kunst, ohne Begeisterung bestenfalls matte Dekoration bleibt.

Es ist möglich diesen Gedanken noch aus einer etwas anderen Perspektive zu vertiefen. Sie eröffnet sich mit Blick auf eine meiner Lieblingsfiguren aus dem Werk von Thomas Jastram und der christlichen Mythologie, ich meine den Hl. Christophorus.

Um seine Geschichte nur ganz kurz zu erzählen, die meisten unter uns werden sie vermutlich kennen.

Es war ein großer und sehr starker Mann, der sich aufmachte, den Lebenssinn darin zu finden, dass er sich in den Dienst des größten Herrn stellte. Er kam zunächst zu einem mächtigen König, der sich aber furchtsam bekreuzigte, als in einem Lied der Name des Teufels genannt wurde. Da verließ er ihn und suchte den Teufel.

Nachdem er diesen und seine Spießgesellen gefunden und sich ihnen angeschlossen hatte, wurde er gewahr, dass der Teufel offensichtlich Furcht vor dem Gekreuzigten hatte, den sie zuweilen an den Wegaltären sehen konnten.

Also beschloss unser Held, nun diesen zu suchen. Ein Einsiedler, dem er begegnete, bestätigte ihm, dass Christus der größte Herrscher der Welt wäre und befahl ihm, das Fasten und das Beten zu erlernen. Zusätzlich übernahm er den Dienst, an einem Fluss Menschen hinüber und herüber zu tragen.

Fasten, beten und dienen, das prägte nun sein Leben. Vermutlich hat er einiges Können, unter Umständen sogar Meisterschaft darin erworben.

Alles das bleibt aber menschliche Vergeblichkeit, wenn die Begegnung, auf die es ankommt, und von der ich bereits vorhin gesprochen habe, nicht zustande gebracht wird.

So war es hier zum Glück aber nicht, denn eines Nachts hörte er eine Kinderstimme rufen, konnte aber in der Dunkelheit nichts erblicken. Nach dem dritten Ruf nochmals hinausgehend sah er ein Kind, das hinübergetragen werden wollte.

Als er aber mit diesem Kind auf der Schulter ins Wasser stieg, wurde die Last immer schwerer, das Wasser schwoll an, er fürchtete zu ertrinken und glaubte, die ganze Welt läge auf seinen Schultern. – „Mehr als die Welt hast du getragen“, sagte das Kind zu ihm, „der Herr, der die Welt erschaffen hat, war deine Bürde.“ Das Kind drückte ihn unter das Wasser und taufte ihn so.

Am Ufer erkannte er Christus als seinen Herrn und wurde so zum Christopherus, zum Christusträger.

Der Herr trug ihm nun auf, ans andere Ufer zurückzukehren und seinen Stab in den Boden zu stecken: er werde als Bekräftigung seiner Taufe finden, dass der Stab grüne und blühe. Als Christophorus am Morgen erwachte, sah er, dass aus seinem Stab tatsächlich ein Palmbaum mit Früchten aufgewachsen war.

Die Mühe wurde also am Ende belohnt.

Und ist es nicht so auch mit unserem Künstler?

Wer einmal in seinem Atelier in Hamburg gewesen ist, der konnte dort sehen, wieviel Skizzen und Formen und Versuche es braucht, bevor ein Werk gelingen kann, dass dann nicht nur vor den Augen des Meisters, sondern auch vor denen des Publikums und vielleicht sogar vor denen der Nachwelt Bestand hat. Wie oft muss man durch den reißenden Fluss, um im Bild zu bleiben, Ideen, Erwartungen und Hoffnungen hin und her tragen, bevor es zu der Begegnung kommt, die alles verändert?

Und dann gibt der Künstler sein Werk aus der Hand. Denn dasselbe Ringen, Denken und Suchen wird nun uns möglich, die wir seine Skulpturen betrachten. Nachdem sie dem Geist des Künstlers entstiegen sind, müssen sie in unseren hinein. Wir sollen die Bildwerke wieder verinnerlichen und dadurch mit nach Hause und dauerhaft mit in unser Leben nehmen.

Dazu reicht zwar theoretisch das Betrachten, noch besser für den Künstler und auch die Galeristin wäre es aber, wenn manch ein Besucher sich entschließt, das Werk auch zu erwerben.

Liebe Frau Fregin,

Sie haben hier einen wunderschönen Ort geschaffen, an dem alles, von dem ich gesprochen habe, stattfinden kann.

Der Künstler, die Kunst und die Menschen, die sie lieben, können einander begegnen. Und ich wünsche uns allen, dass die Werke von Thomas Jastram etwas in uns auslösen, uns begleiten und uns dann nicht wieder verlassen.

Und ich wünsche uns gemeinsam einen schönen Abend.

Thomas Roloff


Nachträge

Das nähere Notwendige erfährt man hier

Ein paar Bilder von einem alten Mann mit und ohne Laudator folgen. Und vor allem eines meiner herzensguten Kunstnachbarn, die mich mit einem unzuverlässigen Auto dort hingebracht und auch wieder in die Residenzstadt zurückgebracht haben, eine nicht unwesentliche Voraussetzung, daß dieser Beitrag endlich erscheinen kann.









Samstag, 17. Januar 2026

Freitag, 16. Januar 2026

Zum Neuen Jahr

Eine meine erfreulichsten Erwerbungen kürzlich war die einer Ausgabe des Gesangbuchs für die evangelisch–lutherische Kirche in Mecklenburg-Strelitz von 1897. Nur als Nebennote, sollte ich mich doch einmal wieder in einen Gottesdienst der gegenwärtigen evangelischen Kirche wagen, werde ich es sicherlich als Gedankentrost mitnehmen.

Das nachfolgende Lied daraus hat mich zutiefst beeindruckt. Es ist paßt nicht völlig zu meiner eigenen Erlebniswelt, aber ich sehe die tiefere Verwandtschaft. Ich habe übrigens meine Textfassung gelegentlich sparsam hinzugefügt.


Durch Trauern und durch Plagen


Durch Trauern und durch Plagen,

durch Noth, durch Angst und Pein,

durch Hoffnung und durch Klagen,

durch manchen Sorgenstein

bin ich, Gott Lob, gedrungen;

dies Jahr ist hingelegt.

Dir, Gott, sei Lob gesungen,

mein Herze wird erregt.


Der du mich hast erbauet,

in dir besteht mein Heil;

dir ist mein Glück vertrauet,

du bist und bleibst mein Theil.

Du hast mich wohl erhalten,

du bist mein fester Trost,

dich laß ich ferner walten,

wenn mir die Not zustürzt.


Mein Gott, o meine Liebe,

was du willst, will auch ich;

gieb, daß ich nichts verübe,

was irgend wider dich.

Dir ist mein Will ergeben,

ja, er ist nicht mehr mein,

dieweil mein ganzes Leben

dein eigen wünscht zu sein.


Nach dir soll ich mich schicken,

und, Herr, ich wills auch thun.

Soll mich die Armuth drücken,

ich will dabei beruhn.

Soll mich Verfolgung plagen,

ja, Herr, befiehl du mir.

Soll ich Verachtung tragen,

ach, ich gehorch auch hier.


Soll ich verlassen sitzen,

Herr  Gott, dein Wille gilt.

Soll ich in Ängsten schweben,

mein Heiland, wie du willst.

Soll ich denn Krankheit leiden,

ich will gehorsam sein.

Soll ich von dannen scheiden,

Herr, dein Will ist auch mein.


Soll ich zum Himmel dringen?

Gar gern, o Gott, mein Licht.

Soll mich die Höll verschlingen?

Ach, dieses willst du nicht.

Ich habe zwar verdienet

die rothe Höllenglut,

du aber bist versühnet

durch deines Sohnes Blut.


Heut ist das Jahr beschlossen,

Herr, deine Gnad sei heut

neu auf mich ergossen,

mein Herze werd auch neu.

Laß ich die alten Sünden,

so werd ich, Gott, bei dir

auch neuen Segen finden;

dein Wort verspricht es mir.

Gottfried Wilhelm Sacer (1635 – 1699)


Wenn auch spät:


Auf ein gutes und gesegnetes Jahr also. 


Alles Notwendige ist oben gesagt.





Nachbemerkung:

Die Neujahrsbilder wirken immer so schnell recht abgestanden. Außerdem ist es in dem Moment sowieso meist neblig düster und kalt. Aber irgendetwas löst sich dann; merkwürdig. Vielleicht ist es die Hoffnung, die tief innen wohnt und wider alle sinnvollen Erwartungen ausbrechen darf. Eine unvernünftige Hoffnung gewissermaßen.

Also wollen wir unvernünftig hoffnungsvoll sein.



Freitag, 26. Dezember 2025

Frohe Weihnachten


 Frohe und Gesegnete Weihnachten

Jan van Eyck, Kleiner Marienaltar, sog. 'Dresdner Triptychon', Mitteltafel,

von hier


Alma Redemptoris Mater, Gregorian Chant Academy, von hier


Alma Redemptóris Mater, quæ pérvia cæli

Porta manes, et stella maris, succúrre cadénti,

Súrgere qui curat pópulo: tu quæ genuísti,

Natúra miránte, tuum sanctum Genitórem

Virgo prius ac postérius, Gabriélis ab ore

Sumens illud Ave, peccatórum miserére.


Erhabne Mutter des Erlösers,

du allzeit offene Pforte des Himmels

und Stern des Meeres,

komm, hilf deinem Volke,

das sich müht, vom Falle aufzustehn.

Du hast geboren, der Natur zum Staunen,

deinen heiligen Schöpfer.

die du, Jungfrau davor und danach,

aus Gabriels Mund vernahmst das selige Ave,

o erbarme dich der Sünder.

Sonntag, 9. November 2025

Über die Fallstricke der Nächstenliebe

Wer schubst hier wen zuerst vom Thron, fragt man sich unwillkürlich, aber das nur als freundliche Einleitung zum Nachfolgenden.
Der Titel trifft den Kern der Predigt des Herrn Roloff nur am Rand, das wird der geneigte Leser schnell selbst herausfinden.
Die Unterbrechung der letzten Monate war eine unfreiwillige. Jedoch scheint es jetzt wieder eine längere Fortsetzung zu geben. Wir hoffen einfach.

Predigt am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres 2025
in Rothensee

Lk 6,27-38

Von der Feindesliebe
27Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch hassen;
28segnet die, so euch verfluchen und bittet für die, so euch beleidigen. 29Und wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete den anderen auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock. 30Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das deine nimmt, da fordere es nicht wieder. 31Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, also tut ihnen gleich auch ihr. 32Und so ihr liebet, die euch lieben, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch ihre Liebhaber.
33Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun das auch. 34Und wenn ihr leihet, von denen ihr hoffet zu nehmen, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder leihen den Sündern auch, auf daß sie Gleiches wiedernehmen. 35Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen.
Von der Stellung zum Nächsten
36Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
37Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. 38Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen.

Liebe Gemeinde,

„Selten so gelacht!“, so möchte man ausrufen, wenn man diesen Text liest, der so typisch für die Botschaft des lieben Jesus ist, der so naiv erscheint, der so voller Idealismus daherkommt.

Liebt eure Feinde, tut denen wohl, die euch hassen, segnet, die euch verfluchen und bittet für die, so euch beleidigen. Wann jemals hätte sich das durchgesetzt?

Noch utopischer ist die immer wieder gehörte Forderung, die andere Wange hinzuhalten, wenn man auf die eine bereits geschlagen wurde und den Rock nicht zu versagen, wo der Mantel schon genommen wurde.

Als Lebensprinzip für diese Welt eignet sich das nicht! Für diese Welt ist es aber auch nicht!

Mit dem drittletzten Sonntag des Kirchenjahres beginnt eine Zeit, in der das Weltgericht, das nahende Himmelreich und das Ende aller Dinge verstärkt ins Bewusstsein gerückt werden. Die Liturgie unserer Gottesdienste ist ganz auf diese Fragen ausgerichtet. Darum hilft es uns vielleicht, in den Evangeliumstext des heutigen Tages zu schauen, wenn wir verstehen wollen, was der Predigttext meint.

Wenn vom Reich Gottes die Rede ist, dann fragen die Pharisäer nämlich gleich „Wann“? Christus aber antwortet: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“

Das Reich Gottes verwandelt die Welt nicht durch sein Kommen. Das Reich Gottes verwandelt die Welt durch seine Gegenwart. Gott und sein Reich sind immer gegenwärtig. Wann war das auf Erden jemals sichtbarer als hier im Evangelium, wo Christus zu den Menschen von Angesicht zu Angesicht sprach. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“ Jesus hätte auch sagen können, ich bin mitten unter euch.

Bei dem, was wir im Predigttext hören, geht es also nicht um eine Lebensordnung für Menschen und Völker. Eine Lebensordnung hat nur dann Sinn, wenn man sie durchsetzen kann. In unserem Predigttext geht es um die lebendige Gegenwart des Herrn.

Christus hat sich bis ans Kreuz hingegeben. In den Sakramenten empfangen wir ihn. Wir nehmen Anteil an ihm, sodass er mit uns in der Welt präsent ist. Gott ist gegenwärtig. Darum ist es von so zentraler Bedeutung, dass wir im Sakrament wirklich den Herrn empfangen und er an uns leiblich, das heißt, tatsächlich Anteil nimmt, ein Teil von uns wird. Hier ereignet sich dann nämlich die Verheißung: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“

Das bedeutet dann aber auch nicht mehr ich liebe meine Feinde, sondern ich überlasse mich der Tatsache, dass der Herr seine Feinde geliebt hat und selbst seinen Henkern vergeben konnte. Er wirkt in mir seine Güte, weil die meine nicht ausreicht.

Für mich gibt Jesus Sirach die Regel vor. Dort heißt es im 12. Kapitel: 1Willst du Gutes tun, so sieh zu, wem du es tust; dann verdienst du Dank damit. 2Tu dem Frommen Gutes, so wird dir’s reichlich vergolten, wenn nicht von ihm, so doch gewiss vom Höchsten. 3Es gibt nichts Gutes für den, der beharrlich Böses tut und nicht gern Almosen gibt. 4Gib dem Frommen, doch des Frevlers nimm dich nicht an. 5Tu Gutes dem Demütigen, aber dem Gottlosen gib nichts. Verweigere ihm dein Brot und gib ihm nichts, damit er dadurch nicht stärker wird als du: Denn du wirst doppelt so viel Schlechtes empfangen, wie du ihm Gutes getan hast. 6Denn auch der Höchste ist den Sündern feind und wird die Gottlosen bestrafen. [Doch er bewahrt sie bis zum Tag ihrer Strafe.] 7Gib dem Guten, doch des Frevlers nimm dich nicht an.

Erst durch das Wirken Jesu, unseres Erlösers, wird eine ganz neue Dimension aufgetan. Christus hat durch sein unschuldiges Leiden das Wunder vollbracht, dass alle, durch die er litt, Mitwirkende an seinem Heilswerk wurden. Die Menschen, die Jesus quälten, verspotteten, schlugen, kreuzigten und am Ende töteten, die drangen mit ihren Absichten nicht mehr hindurch, sie konnten ihr Ziel nicht mehr erreichen, sondern wurden Vollstrecker von Gottes Willen, das Böse zu überwinden. Sie sind dadurch nicht gerechtfertigt, sondern endgültig und vollständig besiegt. Aber gerade darum trifft sie nun auch Gottes Erbarmen.

Das nämlich ist wiederum der am meisten verstörende Satz aus unserem Predigttext: „35Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen.“

Gott ist gütig über die Undankbaren und Bösen! Wir erwerben uns durch unser Tun keinen Vorzug, wir sind nicht besser als die Sünder, denn auch wir sind und bleiben Sünder und seines Erbarmens bedürftig. Die Kirche ist eben keine Umerziehungsanstalt, die bessere Menschen hervorbringt, die dann hochmütig auf die Ungläubigen blicken, wie die Pharisäer auf die Zöllner, sondern sie ist der Ort von Jesu Gegenwart und von seinem Wirken.

Wir wissen den Herrn in uns und dürfen uns gerade in unserer Sündhaftigkeit seinem Wirken überlassen. Er wirkt alles in uns. Durch ihn lieben wir unsere Feinde, tun denen wohl, die uns hassen; segnen die, so uns verfluchen und bitten für die, so uns beleidigen.

Der getaufte und gläubige Christ kann Christus durch sich in der Welt wirken lassen und das schon gekommene Reich Gottes sichtbar machen. Das ist das größte Wunder, dass aus der Gegenwart der Kirche heraus wachsen kann, weil sie seine Gegenwart ist und außerhalb der Kirche ist darum auch kein Heil, weil es ohne Christus kein Heil gibt.

Ihn wollen wir darum loben und ehren und anbeten. Amen

Und der Frieden Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Amen

Thomas Roloff