Donnerstag, 5. September 2013

Caspar David Friedrich, Prosit!

Caspar David Friedrich, "Das Große Gehege bei Dresden"

„Der Knabe, den es aus der Enge zu Hause in den Wald hinaustrieb, um, wie er glaubte, zu träumen und allein zu sein, erlebte dort die Aufnahme ins Heer voraus. Im Wald standen schon die anderen bereit, die treu und wahr und aufrecht waren, wie er sein wollte, einer wie der andere, weil jeder gerade wächst, und doch ganz verschieden an Höhe und an Stärke.“

Ich gestehe, es ist selten, daß mich ein alter Beitrag in die Rührung treibt, hier aber war es so, es ging eigentlich um den Mangel an See-Gedichten im Deutschen und wie Elias Canetti unsere Seele im Wald fand. Ich bin mir jetzt auch fast sicher, wohin ich diesen Blog umbenennen muß. Ist es beckmesserisch anzumerken, daß der deutsche Wald, von dem Canetti so fasziniert ist, eine Schöpfung ungefähr des 18. Jahrhunderts darstellt? Und eben lese ich, daß etwa ein Drittel Deutschlands (anwachsend) von Wald bedeckt wird. Man fühlt sich gleich besser.

Caspar David Friedrich, "Hünengrab im Schnee"

Recht eigentlich geht es um Caspar David Friedrich, der am 5. September 1774 in Greifswald geboren wurde (ich schaute ein wenig nach dem Unsinn, den ich bisher über ihn geschrieben hatte). Die Herren Storm und Fontane mögen mir verzeihen, bitte, aber einen überragenden Dichter des deutschen Nordens hatten wir bisher nicht, einen Maler schon. Gemeint ist, jemand stößt mal eben an die Grenzen des Himmels und reklamiert so sein Eigentum, und ist so eins geworden mit einer Landschaft, daß man deren Grammatik besser nach ihm benennen müßte, so ist Caspar David Friedrich.

Caspar David Friedrich, "Meeresküste bei Mondschein"

Und ist es frivol, Dahingeschiedenen einen verspäteten Geburtstags-Glückwunsch hinterherzuschicken? Da wir alle unter der Ewigkeit stehen, denke ich, nein. Ewigkeit. Ich wüßte niemanden der sie so exakt erfaßt und beschrieben hätte, wie unser CDF. Man braucht sich nur vor eines seiner Bilder zu setzen und lernt, lernt darüber für sein ganzes verbleibendes Leben.

Caspar David Friedrich, "Nacht in einem Hafen" (Schwestern)

nachgetragen am 6. September

Mittwoch, 4. September 2013

Über Rekonstruktionen und Kirchtürme





Als ich heute später am Abend nach Hause kam, konnte ich das Bedürfnis nicht unterdrücken, noch ein paar schlechte Bilder von der nächtlich beleuchteten Schloßkirche gegenüber zu machen, wovon  man nun hier einige vorfinden darf.

Ulmer Münster, Blick auf die Turmspitze von innen

Ulmer Münster im 19. Jahrhundert

Ulmer Münster, um 1854
 
Ulmer Münster heute

Und dann hatte ich vergessen, daß der Turm des Ulmer Münsters immer noch den höchsten Kirchenbau darstellt; dieses in der Elfenbeinküste dem Petersdom zu Rom Nachgebaute wäre dann wohl der zweithöchste; nun, Größe ist nicht alles, offensichtlich. Wie ich darauf komme? Auf Umwegen natürlich.

Notre-Dame de la Paix, Yamoussoukro

Zunächst las ich, daß am 4. September 1842 Friedrich Wilhelm IV. den Grundstein für die Vollendung des Kölner Doms legte, und dachte bei mir, da hast du doch vor kurzem etwas darüber geschrieben, nun das „kürzlich“ war der 15. Oktober 2009; mein Zeitgefühl scheint gerade zu verdampfen.

Aber mit der Zeit ist das sowieso eine merkwürdige Sache. Der Kölner Dom blieb also zunächst wie viele andere unvollendet, man beließ aber den wohl um 1350 errichteten Baukran auf dem Südturm bis 1868, als er endlich dem späten Baufortschritt weichen mußte. War das nun eine besondere Art von zeitabgelöstem Humor, Gleichgültigkeit, Gottvertrauen, daß er einst noch gebraucht werden würde, der Kran? Wie auch immer.

Kran auf dem Südturm des Kölner Doms, 1868

Der Bogen zu Ulm schlug sich aber vor allem deswegen, weil man beim Domfertigbauen immer erst an Köln und vielleicht noch Heine denkt mit seinem unsäglichen:

Er wird nicht vollendet, der Kölner Dom,
Obgleich die Narren in Schwaben
Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
Voll Steine gesendet haben.

Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
Der Raben und der Eulen,
Die, altertümlich gesinnt, so gern
In hohen Kirchtürmen weilen.

Ja, kommen wird die Zeit sogar,
Wo man, statt ihn zu vollenden,
Die inneren Räume zu einem Stall
Für Pferde wird verwenden.

Nun, Heine irrte wieder einmal, aber das ist eher nebensächlich. Auch der Turm des Ulmer Münsters wurde also erst im 19. Jahrhundert vollendet. Und was mich jedenfalls daran immer noch fasziniert, ist der Wille, Dinge heilen zu wollen, ein altes Bestreben anzuerkennen, aufzunehmen und zu Ende zu führen, die Neugier auf das, was die eigene Eitelkeit unverzüglich beiseite schieben muß und die Größe, dieses auszuhalten.

In vielem stellt das 19. Jahrhundert eben eine Zivilisationshöhe dar, auf die wir uns hoffentlich irgendwann wieder zubewegen werden, vorerst mag es da hier und dort eine Art Wetterleuchten geben, aber vielleicht sind das auch nur Sinnestäuschungen eines überreizten Gemüts. Wir werden es irgendwann wissen.
nachgetragen am 5. September

Sonntag, 1. September 2013

Sonntag &


Beim Versuch, das Essen heute auf der Terrasse einzunehmen, hätten wir wohl nicht nur die Teller festbinden oder sonst diversem hinterherlaufen müssen, vielleicht wären wir sogar selbst hinweggeweht worden, und das ist doch zu unangemessen anstrengend. Wir haben offensichtlich gerade unsere windigen Tage, der Herbst klopft an die Tür. Folglich wurde also drinnen gegessen. Die Bereiche meiner Frau Mutter erinnern gegenwärtig noch leicht an eine Gerümpelbude; sie wollte halt soviel als möglich aus dem alten Haus in die neue Wohnung hineinstopfen; nun ja, wir brechen hier ab.

Dafür entschädigt der Ausblick direkt aus einem der Fenster; gut, die Betonpfeiler trüben das Bild etwas, aber der gute Mann, der dieses Haus vor gar nicht so langer Zeit erworben hat, gibt sich redlich Mühe, also von Herzen Geduld.


Die merkwürdige Erscheinung auf dem nächsten Bild ist ein banaler Schweineschnitzelbraten, der seit Freitag in einer Marinade lag, aus in Rotwein aufgekochten Wacholderbeeren,  Piment- und Senfkörnern, Pfefferkörnern und etwas Salz und Lorbeerblättern und Ahornsirup. Derselbe wurde anschließend gepfeffert und gesalzen, um in Butterschmalz angebraten zu werden, danach kam er in den Ofen.


Und sah danach erst einmal verheerend aus, was aber, wie oft im Leben, trügt.




Hier noch einmal ein Panoramablick, nun ja. Übrigens wurde die Marinade diesmal nicht weggetan, sondern nach und nach über den Braten gegossen.


Dazu Blumenkohl mit brauner Butter und eine Sauce von dem Fond, dem nur noch Sahne und etwas (*seufz) aufgelöstes Mehl hinzugegeben werden mußten. Der Haupteinwand, den ich hörte, war, daß die Rotweinsauce sehr nach Rotwein schmecken würde, aber das war eben der Zweck der Übung, hm.

Ich selbst war durchaus zufrieden, die Wacholderbeeren waren sehr dominant. Aber einmal ein wenig tatsächlich Abwechslung zu spüren, ist nun wahrlich kaum zu verachten.


nachgetragen am 2. September

Samstag, 31. August 2013

Beiläufig


Eine Bekannte erzählte uns, wie unser alter Garten gerade verwüstet würde. Nun, es gibt immer die Menschen mit einer Neigung zum Zerstören (für sie ist es wohl eher etwas wie sich die Dinge zurechtmachen, zu zeigen, daß sie jetzt das Bestimmen haben; da sprengt man dann auch mal eine Garnisonkirche in die Luft, wie in Potsdam früher einmal, zum Beispiel) und die anderen.

Nein, diese Nachrichten haben mich nicht wirklich verstört, das ist der übliche Lauf der Dinge. Was mich heute wirklich geärgert hatte, war, da rafft man sich aus seiner Lethargie auf, kauft neue Rankrosen, legt sich die Hölzer für ein Blumengitter zurecht, will ernsthaft auf diesem ansprechend gelegenen Stück Land einen Schritt mehr zu einem anspruchsvollen kleinen Garten kommen, und dann schüttet es aus Eimern und windet, daß selbst der große Oleander umfällt und es ein paar Töpfe von der Balustrade fegt *grrr.

Aber wo ich gerade merke, daß das alles so negativ daherkommt, vielleicht. Ich bin in völlig aufgeräumter Stimmung, werde meine Gartenideen zusammenhalten, bis die Sonne wieder scheint, was ziemlich sicher eintreten wird. Es gibt keine Entschuldigung dafür, die Menge des Schönen nicht zu vermehren, wogegen auch immer.


Donnerstag, 29. August 2013

Über die menschliche Natur

El Greco, "Laokoon"

Wieweit erschafft sich der Mensch inzwischen seine eigene Natur, inwieweit vermag er das überhaupt? In der Neuzeit sind die Einwände dagegen weitgehend weggeräumt worden. Aber als ich heute, einmal mehr mit deutlicher Verspätung, in den herumliegenden Zeitungen las, bekam ich eine Visualisierung davon, genauer gesagt, war es das Feuilleton der FAZ vom 14. August a.c. („Opfer des Schönheitswahns - Eine neue Mode?“). Wer einen schnellen Eindruck von dem gewinnen will, worüber ich zu sprechen versuche, der schaue sich diesen Artikel der Daily Mail näher an.

Ich denke gar nicht einmal, daß meine ästhetische Uhr im 19. Jahrhundert stehengeblieben ist, ich verehre Lehmbruck etwa sehr, und der hat die menschliche Physis bekanntlich entschieden „überdehnt“, und dann: El Greco! Die Zeit ist gelegentlich doch recht ephemer. Dennoch hat man das Gefühl, daß hier äußerlich vielleicht Verwechselbares aus völlig verschiedenen Beweggründen herrührt.

Es ist der Unterschied zwischen dem Die-Dinge-Verstehen-Wollen, gerade indem man sich ihnen auf entlegenen Wegen und von überraschenden Ausblicken aus nähert, oder anzunehmen, an keinen Maßstab, an nichts Vorfindbares mehr gebunden zu sein, außer dem der eigenen Phantasmagorien und überbordenden Vorstellungen, bis ins Fleisch hinein. Früher auf Jahrmärkten wurden Zwerge vorgeführt, heute sucht sich (fast) jeder (ist man versucht zu sagen) diesen Jahrmarkt selbst. Aber folgen wir ein wenig der Argumentation des Artikels.

Wilhelm Lehmbruck, "Der Gestürzte", 
photo by Oliver Kurmis, hier gefunden

Seien diese Exempel menschlicher Elementarzonen im Einzelnen schon verstörend genug, gäben sie in ihrem Zusammenspiel nur noch Rätsel auf. Wer die Maßstäbe der Durchschnittlichkeit anlege, fände nicht viel, was sich an ihnen orientiere. Natur liefere lediglich den Grundstoff für egal wie phantastische Manipulationen.

Der schnellen Behauptung von armen, verblendeten, schönheitssüchtigen Wesen träte der in London geborene Photograph Phillip Toledano so entgegen: „Viele waren gar nicht mehr interessiert an einer traditionellen Schönheit.“

Ihr Ideal hätten sie jenseits menschlicher Normen gefunden, in Katzenaugen oder den streng stilisierten Figuren japanischer Anime-Filme. Es seien ihre ganz eigenen Vorstellungen von Schönheit. „Eine posthumane Schönheit.“ Für Toledano seien sie Avantgardisten auf einer individuellen Schönheitssuche, die in ihren Anfängen stecke. Denn noch fehle die Technologie, um all die Phantasien zu verwirklichen und Metamorphosen herbeizuführen, um all die extremen Transformationsträume zu erfüllen.

Er frage sich: „Ist Schönheit dabei, sich in etwas anderes zu verwandeln? Könnten einige Leute unsere traditionelle Schönheit als unglaublich langweilig empfinden? Könnte es künftig geschmacklos sein, wie ein Mensch auszusehen? Könnte es als Zeichen von Armut verstanden werden?“ Und der Autor (des Artikels): „Die Antworten sind nicht in den Porträts zu finden. Ihre formalistische Strenge und marmorne Politur vor dunklem Grund umweht das Flair eines altmeisterlichen Handwerks, als wären die Holbeins ins Fotoporträtgeschäft umgestiegen.“ Den Porträtierten habe so viel klassische Zurückhaltung nicht immer gefallen.

Wer von ihnen mit Glamour und Sexiness gerechnet hätte, sei enttäuscht worden. Bei Toledano gehe es aber um die Entscheidungen, die wir treffen würden, um schön zu sein oder zu werden. „Durch den Menschen verursachte Evolution“ nenne er sein Forschungsgebiet.“

Der Autor fragt pflichtschuldig, ob dies Resultate eines Vollkommenheitsticks seien, „in dem jedes Gefühl für Maß und Proportion verlorenging?“ „Schönheitsavantgardisten müssten das schnell als Vorurteil entlarven, das auf ein traditionshöriges, starr fixiertes Menschenbild zurückgeht. Toledano hat Leute getroffen, die das Selbst als Kunstwerk begreifen und es zu formen suchen. Sind sie glücklicher, weniger glücklich als ihre schlaffhäutigen, faltenzerfurchten Zeitgenossen? Das weiß auch er nicht.“ Und letztlich läßt er uns mit dem Satz allein: „Die Schönheitschirurgie versucht, die Sterblichkeit umzukehren.“

Hans Holbein der Jüngere, Bildnis des Bonifacius Amerbach

Die Idee von der beliebigen Formbarkeit des Menschen lassen wir einfach einmal weiter unkommentiert, was aber fasziniert, ist, daß er sagt, ihn habe Hans Holbein der Jüngere inspiriert. Das mag so sein, wobei aber weniger an ein lebensvolles Bildnis eines Bonifacius Amerbach zu denken wäre als etwa an eines der Anna von Cleve. Formale Strenge und eine eher kühle Auffassung geben seinen Modellen in der Tat etwas von - Würde? “I wanted to make beautiful and distinguished portraits of these people. I wanted to represent a particular part of beauty from our time”. Wenn ich die Artikel recht verstanden habe, war das aber nicht immer unbedingt die Art von Aufmerksamkeit, die sie gewollt hatten. Wie auch immer.

Hans Holbein der Jüngere, Bildnis der Anna von Cleve

Dieser mir komplett unbekannten Seite entnehme ich das folgende nicht uninteressante Zitat: „It is interesting to imagine how the definition of beauty will change, and with it, the appearance of humanity.” Und darauf von Toledano selbst: “These are individuals who have transformed the way they look through radical reconstructive surgery to the point where they still look human, only a little less so.”

Wir versuchen tatsächlich, uns gerade in unserem Urteil zurückzunehmen. Ich korrigiere mich, das Moment des Überrascht-Seins wird gerade zurückgenommen. Nicht alles Denkbare ist von gleichem Wert und nicht alles Existierende gleich gültig. Eingeborene treiben Holzpflöcke durch ihre Unterlippen u.ä. und finden sich großartig dabei. Noch glaube ich, daß der Mensch aus dem Labyrinth seines Geistes und seiner Triebe zu etwas aufzusteigen vermag, das in seiner Natur bereits angelegt ist, aber auf seine Entfaltung wartet. Macht eine mutierte Natur im Kern einen Unterschied dabei? Macht es einen Unterschied, zu träumen wie Hieronymus Bosch oder aussehen zu wollen, wie eine seiner Kreaturen. Ja, der Unterschied hat die Ausmaße eines Grabens, dessen Grund sich im Dunkel verliert.

Hieronymus Bosch, „Der Garten der Lüste“, rechte Tafel

Detail, hier gefunden

Detail, hier gefunden

nachgetragen am 30. August

Sonntag, 25. August 2013

Sonntag &


Ich denke, ich habe endlich einen neuen Blog-Namen, aber der wird noch vorenthalten.  Den Sonntags-Nachtrag schulde ich auch, ich weiß, dabei war es ein durchaus nicht unangenehmer Tag, eingerahmt von 2 ausgesprochen eigentümlichen Geburtstagseinladungen (am Freitag davor und dem folgenden Montag), aber davon zu erzählen, wäre zu privat geschwätzig, und eben das wollte ich hier eigentlich stets vermeiden. Obwohl, die dazu gehörigen Geräusche muß ich irgendwie noch aus dem Kopf bekommen.


Das Gericht. Soweit ich mich erinnere, sehen wir vor uns einen Kalbsbraten, genau, dazu brauchten wir nota bene Fleisch vom Kalb (ein knappes Kilo), eine halbe Sellerieknolle, Mohrrüben, Porree, das Grüne von Frühlingszwiebeln und ein paar Tomaten. Das gesalzene und gepfefferte Fleisch wurde in Butterschmalz scharf angebraten und später mit Fleischbrühe und Weißwein abgelöscht. Das Ganze wanderte in den Ofen, zusammen mit Petersilie, Thymian und Lorbeerblättern. Nach einer knappen Stunde gesellte sich gewürfeltes Gemüse dazu, zuerst Mohrrüben und Sellerie, später Porree, Frühlingszwiebeln und Tomaten.

Das Fleisch wurde darauf entfernt und aus dem Fond eine Sauce (mit Hilfe von wenig Balsamico-Essig, etwas Ahorn-Sirup etc., die üblichen Verdächtigen halt) verfertigt. Das Gemüse kam auf eine Platte und das Kalb obendrauf, beides wurde im Ofen warmgehalten (die Kräuter habe ich, soweit möglich, entfernt, sie hatten ihren guten Dienst getan).


Dazu (tiefgefrorenen) Rosenkohl, mit Muskat etc., das „Tiefgefroren“ bezog sich auf die Herkunft, aber in dieser glückseligen Gegenwart haben wir ja bekanntlich fast alle notwendigen Zutaten immer zur Hand, sofern wir nicht gerade auf einer Hallig leben und der Generator gerade ausgefallen ist. Wie angenehm es doch ist, in modernen Zeiten zu leben.

Ach, das letzte Bild erinnert daran, daß sich unsere Terrasse tatsächlich unter recht alten Bäumen befindet, da fällt ständig etwas herunter, trockene Äste zum Glück diesmal nicht, doch dafür dieser rührende befiederte Samen. Und so lebt es sich fort.

nachgetragen am 30. August

Samstag, 24. August 2013

Abendspaziergang


Was hier so stimmungsvoll in der Abendsonne vor sich hin leuchtet, ist die ehemalige Schloßkirche, errichtet von Friedrich Wilhelm Buttel, die sich direkt gegenüber unserer Küche / Terrasse aufbaut. Und der Name deutet es an, zu einer Schloßkirche gehört ein Schloß, eigentlich. Das allerdings hat das Ende des letzten Krieges nicht überlebt. Also führt auch die Reihe der Statuen, auf die wir gleich hindeuten werden, gewissermaßen ins Nichts oder, falls wir dazu imstande sind, zu Orten, die vorerst nur noch in uns wohnen. Ich hätte mir wohl keinen sinnfälligeren Platz für meinen zeitweiligen Aufenthalt suchen können (wo doch alle unsere Aufenthalte ihre Begrenzung haben), aber vielleicht war es ja auch der Ort, der mich gesucht hat.



Das also ist das vergangene Schloß zu Neustrelitz, genauer, ein Modell davon (allerdings ist der dazugehörige Park, in dem dergleichen früher einmal stand, auch schon wieder Geschichte, die Verantwortlichen für Neubrandenburg hatten wohl keine Lust mehr, dergleichen Plunder weiter zu finanzieren, sie spielen sowieso lieber eher mit Beton), ich hatte früher einmal dies und ein paar andere Bilder hier gebracht.


Diese Dame wird für heute, auch was ihren Namen angeht, verschleiert bleiben müssen, mit anderen Worten, ich habe keine Ahnung und rätsele noch, um wen es sich handelt.


Die Schlange, die sich um den Stock windet, macht es uns leicht – Asklepios, der Gott der Heilkunst, eigentlich ein Halbgott, als Sohn des Apollon und der thessalischen Königstochter Koronis, tritt uns offenkundig entgegen. Seine Geburt fand unter düsteren Umständen statt, und sein Leben blieb bewegt. In der „Götterlehre“ des Karl Philipp Moritz findet sich am Ende des Kapitels  über die „Wesen, welche das Band zwischen Göttern und Menschen knüpfen“ näheres dazu.


Und schon wieder kommt Apollon in zweifelhafter Weise ins Spiel, gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Artemis, denn, so Moritz:

„Mit dem Könige Amphion, der über Theben herrschte, war Niobe, die Tochter des Tantalus, vermählt; sie gebar dem Amphion sieben Söhne und sieben Töchter und spottete einst übermütig der Verehrung der Latona, welche nur einen Sohn und eine Tochter geboren.
Kaum waren die frevelnden Worte über ihre Lippen, so flogen schon die unsichtbaren Pfeile des Apollo und der Diana in der Luft. Mit dem nie verfehlenden Bogen tötete Apollo ihre sieben Söhne, und Diana mit furchtbarem Geschoß tötete ihre sieben Töchter. Auf einmal aller ihrer Kinder beraubt, ward Niobe, in Tränen aufgelöst, in einen Stein verwandelt, der auf dem Berge Sipylon, noch immer von Tränen träufelnd, ein Zeuge ihres ewigen Kummers ward.“


Und hier erscheint also der Jäger Meleagros, getötet von seiner Mutter Althaia, nachdem der seinerseits deren Brüder im Streit getötet hatte. Sein Tod erinnert ein wenig an Vodoozauberei, denn sie verbrannte ein Holzscheit:

„Denn als Meleager nur erst wenige Tage zählte, da waren die Parzen bei dem Wochenbette seiner Mutter Althaia erschienen. »Aus deinem Sohne wird ein tapferer Held«, verkündigte ihr die erste; »dein Sohn wird ein großmütiger Mann sein«, sprach die zweite; »dein Sohn wird so lange leben«, schloß die dritte, »als der eben jetzt auf dem Herde glühende Brand vom Feuer nicht verzehrt wird.«

Kaum hatten sich die Parzen entfernt, so nahm die Mutter das hell auflodernde Brandscheit aus dem Feuer, löschte es in Wasserflut, und liebevoll für das Leben ihres Sohnes besorgt, verwahrte sie es im geheimsten ihrer Gemächer. Entflammt von Rache, dachte sie jetzt wieder an dieses Holz und eilte in die Kammer, wo es in einem heimlichen Verschlusse sorgsam aufbewahrt lag. Sie hieß Kienholz auf Reisig legen und fachte einen lodernden Brand an. Dann ergriff sie das hervorgesuchte Holzscheit.

Aber in ihrem Herzen bekämpfte sich Mutter und Schwester, blasse Angst und glühender Zorn wechselten auf ihrem Angesichte; viermal wollte sie den Ast auf die Flammen legen, viermal zog sie die Hand zurück. Endlich siegte die Schwesterliebe über das Muttergefühl. »Wendet eure Blicke hierher«, sprach sie, »ihr Strafgöttinnen, zu diesem Furienopfer! Und ihr, kürzlich geschiedene Geister meiner Brüder, fühlet, was ich für euch tue, sieget und nehmet als teuer erkauftes Totengeschenk die unselige Frucht meines eigenen Leibes an! Mir selbst bricht das Herz von Mutterliebe, und bald werde ich dem Troste, den ich euch sende, selbst nachfolgen.« So sprach sie, und mit abgewendetem Blick und zitternder Hand legte sie das Holz mitten in die Flammen hinein.“

So Gustav Schwab im Kapitel „Meleager und die Eberjagd“ aus den Sagen des klassischen Altertums, wer mehr darüber erfahren will, mag diesem Link folgen.


Die milde und wohltätige Göttin Demeter sucht mit der Fackel womöglich gerade ihre Tochter Persephone, die Hades, von Zeus geduldet, in sein Totenreich entführte hatte. Bei Moritz kann man, so man will, das alles genauer nachlesen.


Und endlich am Beginn der Schloßauffahrt, gegenüber dem Carolinenpalais, die Göttin Hera, die Gemahlin des Zeus und Hüterin der Ehe. Ich gestehe, sie als mythologische Gestalt immer etwas fade gefunden zu haben. Diese Statue hingegen, ein Zinkguss nach antikem Vorbild, hat mich schon immer fasziniert. Von so gar nicht epigonaler Wirkung strahlen Kopf und Haltung lebhaft Würde wie Anmut aus und eine Stimmung, die sich schwer in Worte fassen läßt, vielleicht irgendetwas zwischen Dahinträumen und Gedankenverlorenheit.

Da offensichtlich die Allee gerade nicht recht vollständig ist, empfehle ich noch diese Liste der Denkmäler, Brunnen und Skulpturen in Neustrelitz eines Herrn Ruchhöft, von der ich im übrigen sehr profitiert habe. Und damit erklären wir diesen kleinen mythologischen Spaziergang auch für beendet. Übrigens, welches Bildprogramm sich hinter der Auswahl der Statuen verstecken sollte, ist mir bisher ebenfalls ein Rätsel geblieben. Aber vielleicht läßt sich das ja noch herausfinden.


nachgetragen am 27. August