Sonntag, 18. Juni 2023

Zum 2. Sonntag nach Trinitatis

Günter Johl, "Christus als Herrscher über Gut und Böse", Altarfenster in der Kreuzkirche in Magdeburg, In der Mitte Christus, zu seiner Rechten sieht man den Brudermord von Kain an Abel, zu seiner Linken den barmherzigen Samariter.

Den seit 1956 genutzten Neubau insgesamt für baukünstlerisch herausragend zu halten, dürfte wohl niemandem einfallen. Bemerkenswert aber: „Die Grundmauern der Kirche wurden aus Trümmersteinen der Magdeburger Petrikirche errichtet“. Sie galt also wohl als aufgegeben. Nur eben diese gibt es erneut.

Magdeburg, St Petri, von hier

Predigt in der Kreuzgemeinde Magdeburg

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext ist das Evangelium des heutigen Tages:

Das große Abendmahl (Lukas 14)

15Da aber solches hörte einer, der mit zu Tische saß, sprach er zu ihm: Selig ist, der das Brot ißt im Reiche Gottes.16Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu.17Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, zu sagen den Geladenen: Kommt, denn es ist alles bereit! 18Und sie fingen an, alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19Und der andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20Und der dritte sprach: Ich habe ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen. 21Und der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte: Gehe aus schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden herein. 22Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf das mein Haus voll werde. 24Ich sage euch aber, daß der Männer keiner, die geladen waren mein Abendmahl schmecken wird. 

Amen

 Magdalenenkapelle, Petrikirche und Wallonerkirche in Magdeburg, von hier

Liebe Gemeinde,

es ist zwar bereits Jahrzehnte her und dennoch bleibt mir eine Erinnerung ungewöhnlich präsent, die genau mit diesem Text zu tun hat. Ich stand damals im Begriff, meinen 30. Geburtstag vorzubereiten. Ich hatte einen Ort ausgewählt. Das Fest sollte in der Wasserburg in Gommern stattfinden. Ich hatte einen befreundeten Pfarrer gebeten, uns zuvor in der St. Thomas-Kirche von Pretzien eine kleine Andacht zu halten. Ich hatte eine Gästeliste verfasst und, dieser gemäß, die Einladungen gefertigt, die ich an einem Novembertag zur Post brachte. 

Damals war es mir zur Gewohnheit geworden, abends gelegentlich die Messe in St. Sebastian zu hören. Ich ging also von der Post das kurze Stück zur Kirche, nahm Platz und es wurde diese Geschichte gelesen. Der Priester forderte uns auf, uns vorzustellen, wir hätten ein Fest vorbereitet, viele Gäste eingeladen und niemand kommt!

Dadurch habe ich mir ein besonderes Verhältnis zu dieser Geschichte bewahrt und muss an die kleine Begebenheit denken, sooft ich vom Großen Abendmahl höre.

Magdeburg, Petri-Kirche, Ruine, 1.10.1952, von hier

Warum lädt man zu einem Fest ein? Ein wahres Fest wird von der Gewissheit getragen, dass es dem Gastgeber darum geht, den Gästen eine Freude zu bereiten indem er sie um sich versammelt und miteinander in Gemeinschaft bringt. 

Das Fest im biblischen Zusammenhang ist aber zugleich immer auch noch ein Bild von unserer ewigen Gemeinschaft mit Gott. Wir sind mit der ganzen Schöpfung von Gott ausgegangen und sollen zu einer durch ihn bestimmten Stunde zurückkehren. Gott ruft, er lädt ein und wir kommen. Sein Abendmahl bedeutet immer Heimkehr.

In unserer Geschichte fingen sie alle an, sich nacheinander zu entschuldigen. Sie haben einen Acker oder Ochsen gekauft oder eben ein Weib genommen und sind zu dem Schluss gelangt, dass die Erledigung dieser Angelegenheiten wichtiger ist als das Große Abendmahl des Herrn. Das ist eine Beschreibung davon, wie man sich ganz im Diesseitigen verlieren kann. Das ist eine Beschreibung von dem, was wir heute gemeinhin Säkularisierung nennen. Der Mensch steht immer wieder in der Versuchung, sich den Dingen der Schöpfung ganz hinzugeben und dabei den Schöpfer zu vergessen, manchmal sogar zu leugnen.

Genau darin nun wird das Abendmahl zum Gericht. Es ist der Entschluss der Eingeladenen, nicht zu erscheinen, denn damit richten sie sich. 

Der Mensch richtet sich selbst, indem er Gott nicht folgt. So einfach ist es manchmal, den Heilsplan und mit ihm das innerste Prinzip der Schöpfung zu verstehen. Gottes Wille und Entschluss, alles zu einem guten Ende zu führen, steht unverrückbar fest und weil Gott Gott ist, wird es dieses gute Ende und sein großes Abendmahl auch geben. Das Gericht besteht allein darin, ob es mit uns oder ohne uns stattfindet.

Fast gerät man in die Versuchung, Mitleid mit dem Hausherrn zu bekommen. Im Hausherrn wird uns aber Gott vor Augen gestellt. Er sendet seinen Knecht aus und sorgt dafür, dass sein Haus voll wird und dass das Fest stattfinden kann.

Magdalenenkapelle, Petrikirche und Wallonerkirche in Magdeburg, von hier

Dieses Thema durchzieht die Heilige Schrift immer wieder. Die Erwählten lassen ihre Chance verstreichen und Gott ruft die, denen das Fest scheinbar nicht bestimmt gewesen ist.

Wir sollen dadurch gewahr werden, dass die Zugehörigkeit zum erwählten Volk, dass die Zugehörigkeit zur Kirche nichts bedeuten, wenn sie nur formal bestehen und nicht mit lebendigem Gehorsam gefüllt werden. Die Zugehörigkeit zum erwählten Volk, die Zugehörigkeit zur Kirche sind kein Privileg, sondern eine Verpflichtung zum Gehorsam.

Und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. 

Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Gott kann sich aus Steinen ein neues Volk rufen, denn er will und wird sein großes Abendmahl feiern.

Sagt darum auch nicht, wir gehören der Kirche an, uns kann nichts widerfahren. Die Zugehörigkeit zur Kirche ersetzt nicht den Gehorsam, ersetzt nicht das Hören auf Gott. Die Zugehörigkeit zur Kirche schafft sich erst durch den Gehorsam und sie geht verloren im Ungehorsam.

Sankt-Petri-Kirche Magdeburg, südliche Vorhalle, von hier

Gottes Wort ist mächtig. Mit seinem Wort schuf Gott alles, was ist. Das Nichts vermochte nicht, ihm zu widerstehen.

Der Mensch erst konnte sich Gott widersetzen durch den Ungehorsam. Darum sandte Gott seinen Sohn, um zurückzurufen, was in die Irre gegangen war. Maria ist die Gnade zuteil geworden, Mutter des Erlösers zu sein. Das Wunder wurde gewirkt, im Moment ihres Gehorsams, als sie zum Engel auf dessen Verkündigung sprach: Mir geschehe, wie du es gesagt hast. Dieser kurze und demütige Satz ist die Antwort auf das Schöpfungsgeschehen. Er fasst die Unterwerfung unter Gottes Willen, die zur höchsten Ehre und zur Freiheit eines ganz und gar erfüllten Lebens führt. Marias „mir geschehe“ ist die Antwort auf Gottes Ruf „es werde“. Maria wird in den Gehorsam gerufen und sie bekundet ihren Gehorsam.

Gleiches richtet sich an jeden von uns in der Einladung zum Großen Abendmahl. Es hängt allein an unserer Antwort, ob es mit uns stattfindet oder ob unsere Welt vergeht. So sehr wir versuchen, uns an einen Acker, an ein paar Rinder oder an das Glück einer Beziehung zu hängen, alles das wird den Untergang unserer Welt nicht abwenden. Es wird aber keinesfalls dazu führen, dass Gottes großes Abendmahl nicht stattfindet. Gottes Heilsplan ist unabänderlich. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes. Dies soll verkündet werden aller Welt und jedem Menschen.

Darum sollen wir nicht in Zweifel verfallen und uns an irdische Dinge binden. Auch wenn vieles davon gut und nützlich ist, sollen wir es doch aus der Hand legen, wenn der Ruf an uns ergeht.

Sankt-Petri-Kirche Magdeburg, von hier

Bindet euch also nicht an irdische Dinge. Vielmehr sollen wir in jedem Augenblick unseres Lebens bereit sein, Gott zu hören, der uns ruft. Immer klingt in dieser Einladung naturgemäß an, dass es eine letzte Stunde gibt, in der wir bereit sein müssen. Wir sollen an Gottes Tisch treten, an dem uns sein Thron allerdings zum Richtstuhl werden kann, wenn wir meinen, etwas gefunden zu haben, was wichtiger, größer und bedeutsamer ist, als er.

Die Fragestellung, die hier ergeht, ist aber keineswegs nur für das Ende unseres Lebens relevant. Sie bringt uns in Erinnerung, dass wir an jedem Tag gerufen werden, in den Dienst genommen und in seine Gemeinschaft gestellt werden können.

Gott ruft zum Abendmahl. Lasst uns ihm fröhlich und dankbar antworten: Ja, Herr, hier bin ich!

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen.

Thomas Roloff


aus dem Fürbittengebet dieses Gottesdienstes

Samstag, 17. Juni 2023

Zufallsfund angesichts der Gegenwart


vermutlich vom 21.07.1981. Die äußere Qualität ist schwierig, das Teil zudem unvollständig, doch verdienstvoll. Vor allem aber das Design zeigt, wie schnell eine "heiße" Moderne sehr schnell nur gruselig werden kann. Aber darum geht es gerade nicht. hier gefunden

Es gab Zeiten, da erschienen Nachrichtenmoderatorinnen geradezu, fast hätte ich gesagt als Intellektuelle, aber einen solchen Tort würde man heute niemandem mehr antun wollen, selbst dem ärgsten Widersacher nicht, so man ihn denn kennte. Der Mob ist egal. Begriffe werden halt auch verbraucht.

Zum Inhalt: Ich bin keine Nanny. Da soll jeder hinsehen. Aber es bestehen Gründe, warum Konservative die Erinnerung eher hochhalten, insbesondere, wenn sie ihnen nicht gefallen will. Während die Progressiven Erinnerung schon immer für ein Menschheitsverbrechen hielten, weil sie es müssen, um weiter existieren zu können.

Mittwoch, 7. Juni 2023

Dem zu widerstehen ist - I

Die Tricks des Anderen - Über Sprache

wohl Schüler des Hieronymus Bosch: Die Versuchung des Hl. Antonius, vor 1515, von hier

Es ist anstrengend, einen Krüppel anzuschauen. Es ist schwer erträglich, einer verkrüppelten Sprache zuzuhören, selbst sie zu lesen. Es ist die Zerstörungsstrategie einer Sekte. Wir stoßen vor ins Herz des Irrsinns, vor allem, wenn der, der ihn zum Krüppel gemacht hat, sagt, ich hätte eine eingeschränkte Blickweise: Dieser Einarmige, den er zu einem solchen eben gemacht hat, sei genauso vollwertig wertvoll, nur eben anders.

Es geht nie um konkrete Menschen, denen das Leben, oder was immer übel mitgespielt hat. Es sind Vorwände, Masken. Grundnenner ist die Erschütterung des Gewohnten. Das Vertrauen ins Gewohnte zerstören, die Verbindung zum generationenübergreifenden Lebensgrund. Zu einem Ziel.

Sprache versammelt ein Volk. Wer dieses Volk auslöschen will, muß seine Sprache angreifen und auszulöschen suchen.

Das als Anfang.

Donnerstag, 18. Mai 2023

Über die Himmelfahrt Christi

Giotto di Bondone, Padua, Cappella degli Scrovegni, 
Himmelfahrt Christi, 1303, von hier

Die Auferstehungsberichte Jesu sind höchst eigentümlich. Kein Triumphalismus, sondern Erschrecken, Skepsis, Verwunderung,  Nicht-Wiedererkennen, die Angst vor einer Geistererscheinung, zögerliches Anerkennen, bis die Eindeutigkeit des Erscheinens überwältigt, dessen Körperlichkeit offenkundig ist und auch wieder nicht. 

Diese  Berichte zeugen von der Überforderung, das Geschehene zu fassen, und sie sind darin schonungslos aufrichtig. Es war eben gerade nicht die verständliche menschliche Sehnsucht nach einer sich erfüllenden Selbstsuggestion, kein vorbereitetes Suchen, sondern eine Wesensänderung, die ohne ein einschneidendes Ereignis schwer erklärbar ist.

Die Evangelien berichten, wie Jesus seinen Jüngern mehrfach erscheint und schließlich entrückt wird. Was aber bei diesen merkwürdigerweise nicht zu neuer Niedergeschlagenheit führt, sondern zum Gegenteil.

Papst Benedikt XVI., Rom 12. Oktober 2008, von hier

Benedikt XVI. hat in seinem Jesusbuch (Jesus von Nazareth. Zweiter Teil. Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung. Freiburg im Breisgau, 2011) diese Vorgänge wie folgt erhellt:

Er wendet sich dem Schluß des Lukas-Evangeliums zu: "Da wird erzählt, wie Jesus den in Jerusalem versammelten Aposteln erscheint, zu denen noch de zwei Emmaus-Jünger gestoßen sind. Er isst mit ihnen und erteilt Weisungen... 

‚Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Bethanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.‘

Frauen am Grabe Christi und Himmelfahrt des Herrn (sog. „Reidersche Tafel“); Elfenbein; Mailand oder Rom, um 400 n. Chr., von hier

Dieser Abschluss verwundert uns. Lukas sagt, dass die Jünger voll Freude waren, als der Herr endgültig von ihnen gegangen war. Wir würden das Gegenteil erwarten. Wir würden erwarten, dass sie ratlos und traurig zurückblieben. Die Welt hatte sich nicht geändert, Jesus war endgültig von ihnen gegangen. Sie hatten einen Auftrag erhalten, der unausführbar schien und ihre Kräfte überstieg. 

Wie sollten sie vor die Menschen in Jerusalem, in Israel, in der ganzen Welt hintreten und sagen: ‚Dieser Jesus, der gescheitert schien, ist doch der Retter von uns allen‘? Jeder Abschied hinterlässt Trauer. Auch wenn Jesus als Lebender von ihnen gegangen war: Wie sollte sein endgültiges Scheiden von ihnen sie nicht traurig machen? Und doch - da steht, sie kehrten in großer Freude nach Jerusalem zurück und priesen Gott. Wie können wir das verstehen?

Himmelfahrtskapelle auf dem Ölberg in Jerusalem (um 1150),

Jedenfalls folgt daraus, dass die Jünger sich nicht verlassen fühlen. Dass sie Jesus nicht als weit von ihnen in einen unzugänglichen Himmel entschwunden ansehen. Sie sind offenbar einer neuen Gegenwart Jesu gewiss. Sie sind sich gewiss..., dass er gerade jetzt auf eine neue und machtvolle Weise bei ihnen gegenwärtig ist.  Sie wissen, dass ‚die Rechte Gottes‘, zu der er ‚erhöht ist‘, eine neue Weise seiner Gegenwart einschließt, dass er nun unverlierbar bei ihnen  ist, so wie eben nur Gott uns nahe sein kann.

Die Freude der Jünger nach der ‚Himmelfahrt‘ korrigiert unser Bild von diesem Ereignis. ‚Himmelfahrt‘ ist nicht Weggehen in eine entfernte Zone des Kosmos, sondern die bleibende Nähe, die die Jünger so stark erfahren, dass daraus beständige Freude wird.“

Der Vorstellung eines erneuerten David-Reiches stelle Jesus eine Verheißung und einen Auftrag entgegen. „Die Verheißung ist, dass sie von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt werden; der Auftrag besteht darin, seine Zeugen bis an die Grenzen der Erde zu sein.

Das Fragen nach Zeiten und Fristen wird ausdrücklich abgelehnt. Nicht Geschichtsspekulation, nicht Ausschau nach kommendem Unbekanntem ist die Haltung der Jünger. Christentum ist Gegenwart: Gabe und Auftrag, Beschenktwerden mit der inneren Nähe Gottes und - aus dieser heraus - Wirken im Zeugnis für Jesus Christus... 

John Singleton Copley, Ascension of Jesus, 1775, von hier

Die Rede von der Wolke... stellt das Entschwinden Jesu nicht als Reise zu den Sternen, sondern als Eintreten ins Geheimnis Gottes dar. Damit ist eine ganz andere Größenordnung, eine andere Dimension des Seins angesprochen... 

Der scheidende Jesus geht nicht irgendwo hin auf ein fernes Gestirn. Er geht in die Macht- und Lebensgemeinschaft mit dem lebendigen Gott ein, in Gottes Raumüberlegenheit. Darum ist er nicht ‚weggegangen‘, sondern nun immer von Gottes eigener Macht her bei uns und für uns da. 

In den Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums sagt Jesus gerade dies zu seinen Jüngern: ‚Ich gehe und ich komme zu euch‘ (14,28). Hier ist das Besondere des ‚Weggehens‘ Jesu, das zugleich sein ‚Kommen ist, wunderbar zusammengefasst, und damit ist zugleich das Geheimnis von Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt ausgelegt ...

Und denken wir daran, dass nach Johannes der Ort der ‚Erhöhung‘ Christi sein Kreuz ist und dass unsere immer wieder nötige ‚Himmelfahrt', unser Aufsteigen, um ihn zu berühren, Mitgehen mit dem Gekreuzigten sein muss. 

Der Christus beim Vater ist nicht fern von uns, höchstens sind wir fern von ihm; aber der Weg zueinander steht offen. Worum es hier geht, ist nicht der Weg einer Raumfahrt kosmisch-geographischer Art, sondern die ‚Raumfahrt‘ des Herzens, von der Dimension der Selbstverschließung zu der neuen Dimension der weltumspannenden göttlichen Liebe...

Benjamin West, The Ascension, 1801, von hier

Und das Entzogenwerden Jesu durch die Wolke bedeutet nicht Bewegung zu einem anderen kosmischen Ort, sondern die Hineinnahme in das Sein Gottes selbst und so die Teilhabe an seiner Gegenwartsmacht in der Welt...

Der Sieg der Liebe wird das letzte Wort der Weltgeschichte sein. Von den Christen wird für die ‚Zwischenzeit‘ Wachheit als Grundhaltung verlangt... Wachheit bedeutet zuallererst Offenheit für das Gute, für die Wahrheit, für Gott, mitten in einer oft unerklärlichen Welt und mitten in der Macht des Bösen. Sie bedeutet, dass der Mensch mit aller Kraft und mit großer Nüchternheit das Rechte zu tun versucht, dass er nicht nach seinen eigenen Wünschen lebt, sondern nach der Wegweisung des Glaubens...

Gustave Doré,  L'Ascension, 1879, von hier

Kehren wir noch einmal zum Schluss des Lukas-Evangeliums zurück. Jesus führte die Seinen in die Nähe von Bethanien, so wird uns gesagt. ‚Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben‘ (24,50f). Jesus scheidet segnend. Segnend geht er, und im Segnen bleibt er. Seine Hände bleiben ausgebreitet über diese Welt.

Die segnenden Hände Christi sind wie ein Dach, das uns schützt. Aber sie sind zugleich eine Gebärde der Öffnung, die die Welt aufreißt, damit der Himmel in sie hereindringe, in ihr Gegenwart werden kann. 

In der Gebärde der segnenden Hände ist das bleibende Verhältnis Jesu zu seinen Jüngern, zur Welt ausgedrückt. Im Weggehen kommt er, um uns über uns selbst hinaufzuheben und die Welt für Gott zu öffnen. Deswegen konnten sich die Jünger freuen, als sie von Bethanien nach Hause gingen. 

Im Glauben wissen wir, dass Jesus seine Hände segnend über uns ausgebreitet hält. Dies ist der bleibende Grund christlicher Freude.“

Papst Benedikt XVI., Pfingstmesse im Petersdom 2005, von hier

nachgetragen am Pfingstsonntag, dem 28. Mai

Sonntag, 14. Mai 2023

Zum Sonntag Rogate – eine Predigt

Reformationskirche in Magdeburg-Rothensee, von hier

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Das Gemeindegebet

1 So ermahne ich euch nun, daß man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und alle Obrigkeit, auf daß wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. 3 Denn solches ist gut und angenehm vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen 5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, 

(1 Tim 2,1-6a)

Liebe Gemeinde,

jubelt, singt und betet. Das ist der wunderbare Dreiklang, der am Ende der Osterzeit steht. So lauten nämlich die Namen der drei Sonntage vor dem Himmelfahrtsfest – Jubilate, Kantate und Rogate. Jubelt, singt und betet. Und in einer gewissen Weise ist das Gebet der Abschluss und vielleicht sogar der Höhepunkt davon, wie wir Christen Ostern feiern, wie wir unser Leben führen.

Betet Brüder und Schwestern und ihr werdet lernen, was Beten bedeutet, dass es Sinn macht, und ohne zu beten werdet ihr es nicht lernen. Die erste Bitte des Gebetes richtet sich demzufolge immer auf das Beten selbst.

Herr, lehre uns zu beten!

Vater unser im Himmel!

Das Gebet tastet und sucht und stammelt zunächst auf ein Anreden hin. Das Gebet tastet und sucht und stammelt auf den hin, an den mein Bitten und Reden und Hoffen und Leben gerichtet ist. Selbst unsere Sprache hat sich erhoben und gebildet aus dem dringenden, drängenden und brennenden Wunsch, mit dem zu kommunizieren, aus dem die Welt geworden ist.

Gott, Herr, Vater! Dich rufen wir an.

Reformationskirche, von hier

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet. In diesem Lob, in diesem Sprechen, in dieser Hinwendung zu dem, der die ganze Schöpfung in seinen Händen hält, wird der Mensch zum Menschen gebildet. Durch den unverwandten Blick auf Gott, durch das Sprechen zu Gott und durch das Hören von Gott wird der Mensch zum Menschen und es beginnt das Lernen und es beginnt menschliches Leben.

Von Paulus lernen wir dann: So ermahne ich euch nun, daß man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.

Liebe Gemeinde,

nur durch Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung wird aus uns Menschen ein Gottesvolk. Das Gebet stiftet und bewahrt Gemeinschaft. Von Novalis stammt die Vorstellung, dass die Luft, die allen Menschen lebensnotwendig durch die Lungen strömt, so etwas ist, wie ein gemeinsames Organ. In der Schöpfungsgeschichte können wir etwas davon erahnen, dass es einen Lebensodem gibt, der uns von Gott eingehaucht wird. Wir sind eben nicht nur Individuen, wir sind auch ganz real ein Gemeinschaftswesen. Das, was uns hier umgibt, ist nicht nur etwas Physikalisches, es ist Teil unserer Lebendigkeit, denn es ist ein Teil von Gottes Schöpfung.

Auf dieses Einatmen des Lebens soll das Ausatmen des Dankens folgen. Einatmen und Ausatmen sind die Grundübung unserer Lebendigkeit. Füllt den ganzen Erdkreis mit eurem Danken und atmet die Bitte, das Gebet, die Fürbitte und die Danksagung aller Menschen und aller Zeiten. Unser letztes Atmen wird dann auch ein Dank sein.

Betet auch für die Könige und für alle Obrigkeit. Am vergangenen Wochenende wurden wir Zeugen davon, dass es auch heute noch gesalbte und gekrönte Könige gibt. Wie auch immer man dazu im Einzelnen steht, so macht uns Paulus doch deutlich, wie sehr auch sie auf unsere Fürsprache angewiesen sind.

Wir sollen für die Obrigkeit beten, auf daß wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Obrigkeiten, die die Menschen beunruhigen, die Gewachsenes und Vertrautes in Frage stellen und ständig vorgeben, sie erst müssten die Welt retten, die haben offenbar nach dem Verständnis des Paulus wenig von dem begriffen, worin ihre Aufgabe liegt.

Lasst euch also durch die Aufgeregtheit der Welt nicht in die Irre führen, sondern sucht das ruhige und stille Leben in Gottseligkeit und Ehrbarkeit und im Vertrauen auf den Retter der Welt, dessen Auferstehung wir feiern.

Denn solches ist gut und angenehm vor Gott, unserm Heiland, welcher will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Das ist der interessanteste Gedanke für mich in unserem heutigen Predigttext. Paulus beschreibt hier einen Zusammenhang, der erst in der Erkenntnis der Wahrheit sein Ziel findet. Unser stetes Gebet, unsere ständige Erörterung mit Gott, suchen nach Wahrheit, die uns als Antwort auf unser Beten geschenkt wird.

Beten ist ein Zugewandtsein und ein von sich selbst Absehen. Beten sucht das Gegenüber und in ihm eine Vollständigkeit, wenigstens eine Vervollständigung. Der Mensch ist sich selbst nicht genug. Er richtet in die Welt durch sein Gebet sein Wort, seine Frage, seine Zweifel, seine Angst. Damit gewinnt er die Möglichkeit, dem zu begegnen, der sein Wort hört, seiner Frage antwortet, die Zweifel zerstreut und die Angst nimmt. So kann er angenehm werden vor Gott, wie Paulus es nennt.

Wir werden angenehm vor Gott und können ihm dafür danken, ihn loben und ehren von nun an bis in alle Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen.

Thomas Roloff

nachgetragen am 15. Mai

Samstag, 29. April 2023

Samstag, 8. April 2023

Dem Karfreitag nachgetragen und aus den Türkenkriegen

Cesare da Sesto, ca. 1515, von hier

Eine Geschichte aus Zeiten, als man sich noch zu wehren wußte, und vor allem wollte, und eine Vorstellung davon hatte, warum. Und noch wichtiger: Als nicht alles zerfallen war zwischen denen, die das Land, in das sie gemeinerweise hineingeboren worden sind, hassen, und denen, die, mühsam erwachend, nicht wissen, wie ihnen geschieht, und was sie mit all dem anfangen sollen.

Agnus Dei - Samuel Barber, von hier

 Bach - Agnus Dei - H - moll - Messe, BWV 232, von hier

  Bach - Agnus Dei - H - moll - Messe, BWV 232, Karl Richter, 1969 

von hier

Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.

Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem.


O Lamm Gottes, unschuldig

Unsere Geschichte handelt von einem geistlichen Lied, das in den Türkenkriegen eine überraschende Rolle gespielt hat. Es kommt vom Agnus – Dei – Hymnus her, von dem wir nicht nur die wunderbarsten Vertonungen besitzen, sondern eben auch deutsche Nachdichtungen. Und um eine solche handelt es sich im folgenden. Ich lasse nunmehr ausschließlich Herrn Paul Dorsch und sein deutsches evangelisches Kirchenlied in Geschichtsbildern zu Wort kommen.

"Die alte Kiche liebte besonders solche Lieder, welche ausschließlich Schriftgedanken und Bibelworte enthielten. So wurde denn auch das auf Joh. 1,29 gegründete 'Agnus Dei' schon im siebten Jahrhundert am Sonntagmorgen und bei der Abendmahlsfeier regelmäßig gesungen...

Der Gesang dieses Liedes, dessen heutige Textfassung... in einem Gesangbuch von 1531 erstmals erscheint, hat im Jahre 1717 einem von den Türken bereits gekreuzigten Christen das Leben gerettet. 

Kurfürst Max Emanuel und Ludwig von Baden in Ofen 

Aus dem durch die Familie Harms später rühmlich bekannt gewordenen Dorfe Hermannsburg in Hannover war ein Herr von Staffhorst mit zwei Reitknechten in den Türkenkrieg gezogen. Beim Sturm auf Belgrad fiel er, wie kurz zuvor der eine Knecht. Der andere aber, Peter Paasch, geriet in der Hitze der Verfolgung mitten unter die fliehenden Feinde, an denen er den Tod seines Herrn hatte rächen wollen. 

Er wurde von ihnen gefangengenommen. Aller Kleider beraubt und an den Schweif seines Pferdes, das jetzt ein Türke ritt, gebunden, mußte er barfuß mitspringen über Stock und Stein, bis am Abend ein Wald erreicht war, der den Türken eine gewisse Sicherheit zu bieten schien. 

Wie die Türcken mit den gefangenen Christen handlen, Erhard Schön, nach 1530, von hier

Hier wurde Paasch unter schrecklichen Drohungen aufgefordert, ein Kreuz, das sie schnell aus Baumzweigen zusammengefügt hatten, anzuspucken, und damit den Herrn Christus zu verleugnen. Er aber weigerte sich dessen und schlug seinerseits jeden, der dies tat, ins Gesicht. 

Verlangten die Türken, daß er den Namen 'Mohammed' ausspreche, so sagte er: 'Jesus Christus'. Da schlugen sie ihn mit Peitschen und Stöcken, stachen ihn mit Messern und Dolchen, nagelten ihm zuletzt beide Hände über den Kopf an einen Baumstamm und zündeten zu seinen Füßen ein Feuer an, um ihn entweder zur Verleugnung zu zwingen oder dem Feuertode zu überantworten. 

Er hatte im Kampfe mehrere aus dieser Türkenschar niedergehauen, daher kam der besondere Haß gegen ihn. Ruhig erwartete Paasch sein Ende. Er betet laut das Vaterunser, hernach begann er, da ein rechter Geist der Freudigkeit über ihn gekommen war, für seine Mörder zu beten und mit heller Stimme zu singen: 'O Lamm Gottes unschuldig, am Stamm ds Kreuzes geschlachtet.' 

Kaum war er mit Vers 3 zu Ende gekommeen, da hörte man von draußen vor dem Walde Trompetengeschmetter, und deutsche Reiter stürmten heran. Zur Verfolgung ausgesandt, hatten sie den Gesang im Walde gehört und zueinander gesagt: ' Drauf! Das muß ein Christ sein!'. So kamen sie gerade noch rechtzeitig, um den treuen Paasch, der ohnmächtig und aus vielen Wunden blutend in ihre Arme fiel, vom Tode zu erretten. Prinz Eugen von Savoyen, der berühmte Feldherr, ließ den Verwundeten aufs beste verpflegen, besuchte ihn selbst mehrmals im Feldspital und freute sich über seinen kindlichen, einfältigen Glauben.

 Jacob van Schuppen, Prinz Eugen von Savoyen, 1718, von hier

Aber mit dem Kriegsdienst war es nun doch nichts mehr bei Paasch. Dafür wurde ihm eine fröhliche Heimkehr zuteil nach seiner Wiederherstellung. Er starb 1727 auf seinem Paaschenhof, nachdem er eben noch zum letzenmal gesungen: 'O Lamm Gottes unschuldig."

aus Paul Dorsch: "Das deutsche evangelische Kirchenlied in Geschichtsbildern", 3. Aufl. Stuttgart 1940

Was mir nur noch in den Sinn kam: Gegen Irrsinn und Gewalt auch dieser Zeit kommt man am Ende mit Vernunft nicht an, sondern nur mit Glauben.

nachgetragen am 4. Mai