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Samstag, 31. Oktober 2020

Aussprüche von unserem Vater Luther über mehr weltliche Sachen

Martin Luther, leicht verändert, hier gefunden

Über die Künste

„Die Schwärmer gefallen mir auch deshalb nicht, weil sie die Musik verdammen. Denn sie ist erstens ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen; zweitens macht sie fröhliche Herzen; drittens verjagt sie den Teufel; viertens bereitet sie unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Den ersten Platz nach der Theologie gebe ich der Musik.“

„Es ist kein Zweifel: Viele Samen guter Eigenschaften stecken in den Gemütern, die von der Musik ergriffen werden; die aber nicht von ihr ergriffen werden, sind, denke ich, Stümpfen und Steinen gleich. Denn wir wissen, daß die Musik auch den Dämonen verhaßt und unerträglich ist.“

„Ich bin auch nicht der Meinung, daß durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche falsche Geistliche vorgeben, sondern ich möchte alle Künste, besonders die Musik, gerne sehen im Dienste dessen, der sie gegeben und geschaffen hat.“

Gustav Spangenberg (1828–1891), Luther im Kreise seiner Familie musizierend, hier gefunden

Über den Mißbrauch der Vernunft

Es ist wahr, daß halbgelehrte Leute die unnützesten Leute auf Erden sind, und wäre ihnen viel besser, daß sie gar nichts könnten. Denn sie gehorchen niemand nicht, können es alles selbst bessser denn alle Welt, wissen zu urtheilen alle Kunst und Schrift, und Summa, sie können niemand etwas Rechtschaffenes lehren und lassen sich auch von niemand lehren."

„Erasmus ist ein rechter Momus, der alles verspottet, auch die ganze Religion und Christum. Und auf daß er's desto baß tun könne, erdenkt er Tag und Nacht Wankelwort, daß seine Bücher auch können von Türken gelesen werden. Wenn man meinet, er habe viel gesagt, so hat er nichts gesagt. Denn alle seine Schriften kann man ziehen und deuten, wie und wohin man will.

Erasmi vornehmste Lehre ist, man soll den Mantel nach dem Winde hangen, dass er möchte Ruhe und gute Tage haben und ist gestorben wie ein Epikuräer.“

Lucas Cranach d. Ä., Melancholie, hier gefunden

Ob man dem Übel wehren solle

"So mich Jemand in meinem Hause übereilete, und mir und den Meinen Gewalt thun und sie beschädigen wollte, bin ich, als ein Wirth und Hausvater schüldig, mich zu wehren und sie zu vertheidigen; viel mehr aufm Wege und Landstraße. Ich bin oft von unserm Gnädigsten Herrn erfodert worden, da ich wol auf der Straße wäre zu greifen gewest. Wenn mich Straßenräuber oder Mörder hätten wollen beschädigen, und mir unrechte Gewalt thun, so wollte ich mich von wegen des Fürstenamts, als sein Unterthan und Diener, ihrer gewehret und Widerstand gethan haben, denn sie griffen mich nicht an um der Euangelii willen, als einen Prediger und Glied Christi, sondern als des Fürsten und der Oberkeit Glied; da soll ich dem Fürsten helfen sein Land reine halten; kann ich ihn erwürgen, soll ich das Messer auf ihn legen, und frei das Sacrament empfahen; soll ich doch in Nöthen einen guten Gesellen retten, viel mehr einem Fürsten sein Land. Würde ich aber angegriffen um Gottes Worts willen, und als ein Prediger, da soll ich leiden, und die Rache und Strafe Gott befehlen. Denn ein Prediger soll sich nicht wehren, darum nehme ich kein Messer mit auf die Kanzel, sondern allein auf dem Wege, wenn ich wandere und uber Feld ziehe."

Albrecht Dürer, Ritter, Tod und Teufel, hier gefunden

Über die Weiber und das Trinken

„Magister Georgius Spalatinus hatte einmal an Kurfürst Friederichs zu Sachsen Hofe gesagt: Daß Cornelius Tacitus schriebe, daß bei den alten Deutschen keine Schande gewesen, Tag und Nacht zu saufen. Solches höret nun ein Edelmann und fraget ihn: Wie alt solchs wohl sei, da dies geschrieben worden wäre? Als er nun antwortet: Es sei wohl bei fünfzehnhundert Jahren. Da spricht der Edelmann: 'O lieber Herr, weil Vollsaufen also ein alt, ehrlich Herkommen ist, so lasset's uns jetzunder nicht abbringen!'“

"Der Wein und die Weiber bringen manchen in Jammer und Herzeleid, machen viele zu Narren und wahnsinnigen Leuten; wollen wir drum den Wein wegschütten, und die Weiber umbringen? Nicht also! Gold und Silber, Geld und Gut stiften viel Böses unter den Leuten: soll man drum Solches alles wegwerfen? Nein, wahrlich! Ja, wenn wir unsern nächsten Feind vertreiben wollten, der uns am allerschädlichsten ist, so müßten wir uns selbst vertreiben und tödten. Denn wir haben keinen schädlicheren Feind, denn unser eigen Herz; wie der Prophet Jeremias sagt C. 17., V. 9."

„Die Weiber sind von Natur beredt und können die Rhetoricam, die Redekunst, wol, welche doch die Männer mit großem Fleiß lernen und uberkommen müssen. Das aber ist wahr, in häuslichen Sachen, was das Hausregiment belanget, da sind die Weiber geschickter zu und beredter; aber im weltlichen politischen Regiment und Händeln tügen sie nichts, dazu sind die Männer geschaffen und geordnet von Gott, nicht die Weiber.“

„Weiber reden vom Haushalten wol als Meisterin mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimm und also, daß sie Ciceronem, den beredtesten Redener, ubertreffen; und was sie mit Wolredenheit nicht können zu Wegen bringen, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wolredenheit sind sie geboren; denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu den Händeln denn wir Männer, die wirs durch lange Erfahrung, Übung und Studiren erlangen. Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so tügen sie nichts. Denn wiewol sie Wort genug haben, doch feilet und mangelts ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen, drüm reden sie auch davon läppisch, unordentlich und wüste durch einander uber die Maaße. Daraus erscheinet, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policey, zu weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“

„Auf Erden ist kein größer Plage denn ein bös, eigensinnig, wünderlich Weib. Drüm spricht Salomo: ‚Ein Land wird durch dreyerlei unruhig, und das vierte mag es nicht ertragen: Ein Knecht, wenn er König wird; ein Narr, wenn er zu satt ist; eine Feindselige, wenn sie geehlichet wird, und eine Magd, wenn sie ihrer Frauen Erbe wird‘. (Spr. 30, 21 – 23)“

Albrecht Dürer, Adam und Eva, hier gefunden

Was Gutes vom Weibe zu sagen ist

"Wo findet man ein tugendsam Weib? Ein fromm, gottfürchtig Weib, ist ein seltsam Gut, viel edler und köstlicher denn eine Perle; denn der Mann verläßt sich auf sie , vertrauet ihr Alles. Da wirds an Nahrung nicht mangeln. Sie erfreuet und macht den Mann fröhlich und betrübt ihn nicht; thut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang; gehet mit Flachs und Wolle um, und arbeitet und schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist wie ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel Waar und Gut bringet. Frühe stehet sie auf, speist ihr Gesinde, und gibt den Mägden ihren bescheiden Theil, was ihnen gebührt. Denkt nach einem Acker und kauft ihn, und lebt von der Frucht ihrer Hände, pflanzet Weinberge und richtet sie fein an, wartet und versorget mit Freuden, was ihr zustehet. Was sie nicht angehet, läßt sie unterwegen und bekümmert sich damit nicht.

Sie gürtet ihre Lenden fest, und stärkt ihre Arme; ist rüstig, im Haus. Sie merkt, wie ihre Händel Frommen bringen, verhütet Schaden, und siehet, was Frommen bringet. Ihre Leuchte verlischt nicht des Nachts. In der Noth hat sie Nothdurft, sie streckt ihre Hände nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel; arbeit gern und fleißig. Sie breitet ihre Hände aus zu den Armen, und reicht ihre Hand den Dürftigen, gibt und hilft gerne armen Leuten. Sie fürchtet ihres Hauses nicht fur dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider; hält ihr Haus in baulichem Wesen mit Dachung und Anderm. Sie macht ihr selbs Decke. Weiße Seiden und Purpur ist ihr Kleid; hält sich reiniglich und ihre Kleider werth; geht nicht schlammig und beschmutzt daher. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist. 

Sie thut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre; zeucht ihre Kinder fein zu Gottes Wort. Sie schauet, wie es in ihrem Hause zugehet, und isset ihr Brod nicht mit Faulheit; nimmt sich fremder Händel nicht an. Ihre Söhne kommen auf, und preisen sie selig; ihr Mann lobet sie. Viel Töchter bringen Reichthum; aber ein tugendsam Weib übertrifft sie alle. Lieblich und schöne seyn ist nichts. Ein Weib, das den Herrn fürcht, soll man loben. Sie wird gerühmet werden von den Früchten ihrer Hände, und ihre Werke werden sie loben in den Thoren etc. Also sagt Salomo in seinen Sprüchen am letzten Capitel. Redet wol, wie es seyn sollte, und weislich; hat eine holdselige, liebliche Zunge, schilt nicht. (Spr. 31.10ff.)“

"Frauen und Jungfrauen, ob sie gleich Mangel und Fehl haben, soll man doch nicht öffentlich schmähen weder mit Worten noch mit Schriften, sondern in geheim strafen...  Darum als Eva zu Adam gebracht wurde, da ist er des heiligen Geistes gar voll, und gibt ihr gar einen herrlichen, schönen Namen, und heißet sie Eva, das ist, eine Mutter aller Lebendigen. Er nennet sie nicht sein Weib, sondern eine Mutter, und setzt den Anhang darzu: 'aller Lebendigen'. Da hast du das höchste Kleinod, Ehre und Schmuck der Weiber, nehmlich daß sie sind fons omnium viventium, die Bronnquelle und Ursprung, daher alle lebendige Menschen kommen. Solches sind wol kurze Wort, aber es ist ein herrlich Encomium [d. i. Lobrede]."

Lucas Cranach d. Ä., Faun mit seiner Familie, hier gefunden

Von Weltdingen und weltlichem Regiment

"Die Erfahrung bezeugets, daß die Obrigkeit und Juristen oftmals böse seyn und ubel haushalten und ihr Amt und weltlich Regiment ohne Sünde nicht ausrichten, und ihrem Stande, den sie als publicae personae führen, nicht können gnung thun. Das ist denn die Ursache, daß die Obrigkeit auch eine Privatperson an ihr hat, dieselbige ist sündhaftig, steckt in vielen Gebrechen und Sünden; darüm richtet sie so viel Böses an und thut Unrecht. Gleich als wenn einer ein schärtig Beil hat, da verderbet er Alles mit, was er darmit häuet. Item man saget auch, daß böse Zimmerleute machen grobe Späne. Drüm, weil unser Privatperson eine Sünderin und durch die Erbsünd ganz und gar verderbt ist, derhalben so verderbet sie die publicam personam auch, daß sie bisweilen viel Unrechts thue, es komme einer gleich ins Predigtamt oder in die weltliche Regierung. Wiewol unser Gott die Kunst auch kann, daß er oft durch böse Personen wol regieret oder Buben mit andern Buben strafet."

"Die Fürsten von B. [Bavariae Principes] sind allzeit stolz und hoffärtig gewest, und dem Hause Osterreich heftig feind, also daß Kaiser Maximilianus gesaget hat: 'Wenn man die zwey Blut Osterreich und Bayern in einem Topfe sieden wollte, so würde eins heraus springen.' Denn sie vergönnen [d. i. mißgönnen] dem osterreichischen Blute das Kaiserthum, rühmen sich, sie seien auch des Holzes, daraus man Kaiser mache... Die deutschen Kaiser sind furtreffliche Helden und nicht solche Teufel und Höllebrände gewest, wie die römischen und welsche Kaiser."

Albrecht Dürer, Kaiser Maximilian I., hier gefunden

Von einem wunderlichen Hirschen, welcher einen Wechsel des Regiments nicht hat wollen ertragen und Kaiser Maximilian

"'Zur Locha bey Wittenberg,' sagte Philipp Melanchthon ein Mal zu D. L. uber Tisch, 'da hats ein Hirsch im Flecken gehabt, der war zahm gewesen und alle Jahr im Monat Septembre in den Wald in der Hirschbrunst gelaufen, und im Octobre wieder heim kommen, und das ganze Jahr uber sonst im Städtlein geblieben. Dieses hat er viel Jahr gethan. Aber im  1525. Jahre, da ist Kurfürst Friederich gestorben, da ist der Hirsch wegkommen und nicht mehr gesehen worden; denn weil er seinen Herren verloren hatte, so hat er bey einem neuen und andern Herrn nicht bleiben wollen.'"

Des Kaiser Maximiliani Reim: "'Tene mensuram, et respice finem!' - das ist: Halte Maß und gedenke aufs Ende. Dies Dictum ist feiner denn Kaiser Carols Plus ultra!"

Albrecht Dürer; Herkules, die Stymphalischen Vögel tötend, hier gefunden

Zum Beschluß

"Wer im 20. Jahre nicht schöne, im 30. Jahre nicht stark, im 40. nicht klug, im 50. nicht reich wird, der darf darnach nicht hoffen. Alter hilft fur Thorheit nicht!"

Albrecht Dürer, Porträt eines jungen Mannes, hier gefunden

begonnen am Gedenkfest der Reformation und beendet am Tage des Hl. Martin

Sonntag, 15. März 2020

Zum Sonntage Okuli

Dem HErrn wust Davids Geist, auf seiner Harfe Saiten,
so manchen schönen Psalm kunstmässig zu bereiten.
Was in uns GOttes Gnad und Gaben mehren kan,
ist, wann zu seinem Preis, wir solche wenden kan.

Der dritte Sonntag der Passionszeit ist benannt nach dem 25. Psalm, Vers 15:

Meine Augen sehen stets auf den Herrn.


Heinrich Schütz: Musikalische Exequien,
II - Mottete "Herr, wenn ich nur dich habe", hier gefunden



Psalm 91

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.
Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt.
Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.
Ja du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.
Denn der Herr ist deine Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht.
Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen.
Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Auf Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf junge Löwen und Drachen.
"Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
Er ruft mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil."



aus Martin Luthers Vorrede auf den Psalter

Es ist ja ein stummer Mensch gegen einen redenden, schier als ein halb-todter Mensch zu achten. Und kein kräftiger noch edler Werk am Menschen ist, denn reden, sintemal der Mensch durchs Reden von anderen Thieren am meisten geschieden wird, mehr denn durch die Gestalt oder andere Werke, weil auch wol ein Holz kan eines Menschen Gestalt durch Schnitzer- Kunst haben, und ein Thier so wol sehen, hören, riechen, singen, gehen, stehen, essen, trinken, fasten, dürsten, Hunger, Frost, und hart Lager leiden kan, als ein Mensch.

Zu dem thut der Psalter noch mehr, daß er nicht schlechte gemeine Rede der Heiligen uns vorbildet, sondern die allerbesten, so sie mit großem Ernst in den allertreflichsten Sachen mit GOtt selber geredt haben. Damit er nicht allein ihr Wort über ihr Werk, sondern auch ihr Herz und gründlichen Schatz ihrer Seelen uns vorlegt, daß wir in den Grund und Quell ihrer Worte und Werke, das ist, ins Herz sehen können, was sie für Gedanken gehabt haben, wie sich ihr Herz gestellt und gehalten hat, in allerley Sachen, Fahr und Noth. Welches nicht so thun, noch thun können, die Legenden oder Exempel, so allein von der Heiligen Werk oder Wunder rühmen. Denn ich kan nicht wissen, wie sein Herz steht, ob ich gleich viel trefflicher Werke von einem sehe oder höre.

Und gleich wie ich gar viel lieber einen Heiligen hören reden, denn seine Werk sehen: Also wollt ich noch viel lieber sein Herz, und den Schatz in seiner Seelen sehen, denn sein Wort hören. Das gibet aber uns der Psalter auf's allerreichlichste an den Heiligen, daß wir gewiß seyn können, wie ihr Herz gestanden, und ihre Worte gelautet haben, gegen GOtt und Jedermann. Denn ein menschlich Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meer, welches die Sturmwinde von den vier Orten der Welt treiben. Hier stößt her Furcht und Sorg vor zukünftigem Unfall, dort fähret Grämen her und Traurigkeit von gegenwärtigem Übel. Hie webt Hofnung und Vermessenheit von zukünftigen Glück, dort bläset her Sicherheit und Freud in gegenwärtigen Gütern.

Solche Sturm-Winde aber lehren mit Ernst reden, und das Herz öffnen, und den Grund heraus schütten. Denn wer in Furcht und Not stecket, redet viel anderst von Unfall, denn der in Freuden schwebet. Und der in Freuden schwebet, redet und singet viel anderst, von Freuden, denn der in Furcht stecket. Es geht nicht von Herzen (spricht man,) wenn ein Trauriger lachen, oder ein Frölicher weinen soll, das ist: Seines Herzens Grund stehet nicht offen und ist nicht heraus.

Was ist aber das meiste im Psalter denn solch ernstlich Reden, in allerley solchen Sturm- Winden? Wo findet man feinere Worte von Freuden, denn die Lob-Psalmen oder Dank-Psalmen haben? Da siehest du allen Heiligen ins Herz, wie in schöne lustige Gärten, ja wie in den Himmel, wie feine herzliche lustige Blumen darinnen aufgehen, von allerley schönen frölichen Gedanken gegen GOtt, um seine Wohlthaten.

WIederum, wo findest du tieffere, kläglichere, jämmerlichere Worte von Traurigkeit, denn die Klag-Psalmen haben? Da siehest du abermals allen Heiligen ins Herz, wie in den Tod, ja, wie in die Hölle! Wie finster und dunkel ists da, von allerley betrübtem Anblick des Zorns GOttes! Also auch, wo sie von Furcht und Hofnung reden, brauchen sie solche Worte, daß dir kein Mahler also könte die Furcht oder Hoffnung abmahlen, und kein Cicero oder Redkundiger so vorbilden.

Und (gesagt,) ist das das allerbeste, daß sie solche Wort gegen GOtt und mit GOtt reden, welches macht, daß zweydittiger [zwiefältiger] Ernst und Leben in den Worten sind. Denn wo man sonst gegen Menschen in solchen Sachen redet, gehet es nicht so stark von Herzen,  brennt, lebt und dringet nicht so fast.

Daher kommts' auch, daß der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein Jeglicher, in waserley Sachen er ist, Psalmen und Worte, darinnen findet, die sich auf seine Sache reimen, und ihm also eben sind, als wären sie allein um seinet willen also gesetzt, Daß er sie auch selbst nicht besser setzen noch finden kan, noch wünschen mag.

Welches denn auch darzu gut ist, daß, wenn einem solche Wort gefallen, und sich mit ihm reimen, daß er gewiß wird, er sey in der Gemeinschaft der Heiligen, und hab allen Heiligen gegangen, wie es ihm gehet, weil sie ein Liedlein alle mit ihm singen. Sonderlich, so er sie auch also kan gegen GOtt reden, wie sie gethan haben, welches im Glauben geschehen muß, denn einem gottlosen Menschen schmecken sie nicht.

Zu letzt ist im Psalter die Sicherheit und ein wolverwahrtes Geleit, daß man allen Heiligen ohne Fahr darinnen nachfolgen kan.


Heinrich Schütz: Musikalische Exequien,
II - Mottete "Herr, wenn ich nur dich habe", hier gefunden

Wir Deutschen haben in Luthers Sprache eine Heimat, die uns nichts nehmen kann. Ich habe die Worte aus seiner Vorrede nach dem Wortlaut wiedergegeben, wie sie meine obig abgebildete Bibel enthält. Und welcher Wohlklang und Rhythmus, und wie wenig Fremdheit. Von dem übrigen zu schweigen.

nachgetragen am 17. März

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Zum Reformationstag


Hilff, lieber Herr Gott, das der selige tag deiner heiligen zukunfft bald komme, das wir aus der argen welt, des Teuffels reich, erloset und von der greulichen plage, die wir von auswendig und inwendig beide von bosen leutten und unsern eigen gewissen leiden mussen, frey werden. Wurge immer hin den alten sack, daß wir doch ein mahl einen andern leib kriegen, der nicht so voll sunde und tzu allem bosen und unzucht geneigt sey, wie ehr itzt ist, sondern der von allem ungluck leiblich und geistlich erlost ehnlich werde deinem vorklertten leibe, lieber Herr Jesu Christe, und wir also entlich kommen mögen tzu unser herrlichen erlosung. Amen.

Martin Luther, Tischrede


Sonntag, 22. Oktober 2017

Über Heilung - eine Predigt


William Blake, Christ Giving Sight to Bartimaeus

Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Der Predigttext steht bei Markus im 1. Kapitel:

32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm allerlei Kranke und Besessene. 33 Und die ganze Stadt versammelte sich vor der Tür. 34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Seuchen beladen waren, und trieb viele Teufel aus und ließ die Teufel nicht reden, denn sie kannten ihn. 35 Und des Morgens vor Tage stand er auf und ging hinaus. Und Jesus ging in eine wüste Stätte und betete daselbst. 36 Und Petrus mit denen, die bei ihm waren, eilten ihm nach. 37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Laßt uns in die nächsten Städte gehen, daß ich daselbst auch predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er predigte in ihren Schulen in ganz Galiläa und trieb die Teufel aus.
Mk 1, 32-39

Amen

Liebe Gemeinde,

diese Verse gehören zur Vorgeschichte dessen, was wir in der Evangelienlesung gehört haben. Ganz an den Anfang seines Buches stellt Markus das große Thema der Heilung. Tatsächlich kann man das ganze Evangelium als die Geschichte einer Gesundung verstehen.

Dazu braucht es allerdings die Erfahrung von Krankheit und die Gewissheit des Todes. Die Krankheit setzt unserem Leib, unseren Kräften und unserem Leben Grenzen. Erst die Krankheit erweckt die Sehnsucht nach Heilung.

Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm allerlei Kranke. Erst die Dunkelheit erweckt unsere Sehnsucht nach dem Licht.

Martin Luther, den wir heute noch öfter hören werden, denn wir sind im 500. Jahr der Reformation, hat in seiner großen Streitschrift gegen die Humanisten „De servo arbitrio“ – Vom unfreien Willen – die Heilige Schrift „ein geistliches Licht“ genannt, das „heller ist als selbst die Sonne“. Er wandte sich damit gegen „die verderbliche Rede der Sophisten, die Schrift sei dunkel und zweifelhaft“.

Die Schrift strahlt heller als die Sonne, denn sie zeugt von dem, der alles geschaffen hat und dessen erste Worte waren: „Es werde Licht!“

Wer die Schöpfungsgeschichte kennt, der weiß, dass Sonne, Mond und alle Sterne erst am vierten Tag geschaffen worden sind. Sie überstrahlen wohl zu ihrer Zeit jenes Licht vom Anfang. Dennoch ist das geistliche Licht heller als die Sonne. Jesaja verkündet von ihm: „Deine Sonne wird nicht mehr untergehen, noch dein Mond den Schein verlieren; denn der Herr wird dein ewiges Licht sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben.“

Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm allerlei Kranke. Erst in der Dunkelheit erwacht unsere Sehnsucht nach dem Licht.

Der Zusammenhang zwischen Licht und Heilung macht darauf aufmerksam, dass wir es in Christus nicht mit einem zweifelhaften Heiler zu tun haben, über dessen Wunder man streiten könnte. Dieser Streit ist der Zugang der verderblichen Sophisten zum Evangelium. Sie finden am Ende alles dunkel und zweifelhaft. Genau darauf macht uns Luther aufmerksam.

Diese Klugen geben bis in unsere Tage immer wieder vor, sie würden uns einen wahrhaftigeren Jesus vorstellen, wenn sie ihn von allen unglaubwürdigen Wundergeschichten befreiten und ihn uns dadurch ganz gleich machten, sie berauben ihn mit ihrem Tun aber nur seiner Gottheit und machen die Offenbarung zunichte. Und in allem geht es ihnen nur darum, den kläglichen Schimmer ihres eigenen Verstandes herauszustellen, durch den sie meinen, über der Schrift zu stehen.

Die reformatorische Kirche aber beharrte zu allen Zeiten ganz besonders auf das „sola scriptura“, auf den Vorrang der Schrift, und drückte damit aus, dass die Bibel der Maßstab ist, dass die Bibel der Maßstab sein muss, denn den „verborgene Gott“ können menschliche Wesen nicht verstehen, er kann von menschlicher Rationalität nicht erfasst werden.

Genau darin drückt sich Luthers Grundüberzeugung vom Wesen des Menschen aus: „Der Mensch kann nicht von Natur wollen, dass Gott Gott sei; vielmehr wollte er, er sei Gott und Gott sei nicht Gott.“

Diese ins Böse führende Anmaßung des Menschen hat sich in der Moderne radikal verschärft, sie ist gleichsam der dominante Irrtum unserer Zeit geworden. Genau dieser Anmaßung, der Mensch könne aus sich heraus, aus Humanismus, aus Erkenntnis, aus Vernunftgründen Gutes tun, trat Luther, trat die gesamte Reformation mit aller Macht und mit Entschiedenheit entgegen. Gerade darin ist die Reformation in unseren Tagen aktueller denn jemals.

Darum will ich uns nun auch einen Gedanken Luthers etwas ausführlicher zumuten: „Ich bekenne wahrlich von mir, wenn es auch geschehen könnte, so wollte ich doch nicht, dass mir ein freier Wille gegeben würde, oder dass irgendetwas in meiner Hand gelassen würde, wodurch ich mich um die Seligkeit bemühen könnte, nicht allein deshalb, weil ich in so vielen Widerwärtigkeiten und Gefahren, dann auch wieder so viele Anläufe der Teufel nicht bestehen könnte und es nicht zu behalten vermöchte, da Ein Teufel mächtiger ist als alle Menschen und auch kein Mensch selig werden könnte, sondern weil ich, auch wenn keine Gefahren, keine Widerwärtigkeiten, keine Teufel wären, doch gezwungen wäre, beständig aufs Ungewisse mich abzumühen und Luftstreiche zu tun, denn auch mein Gewissen, selbst wenn ich ewig lebte und wirkte, würde nie gewiss und sicher werden, wie viel es tun müsste, um Gott genugzutun. Denn bei einem jeglichen vollkommenen Werke bliebe doch die Gewissensangst, ob es Gott gefiele, oder ob er noch etwas darüber hinaus fordere, wie die Erfahrung aller Werktreiber beweist und ich zu meinem großen Schaden in so vielen Jahren genugsam gelernt habe.“

Wir begegnen hier dem, was für Martin Luther so überaus charakteristisch ist, einer unlöslichen Verbindung aus theologischer Schärfe und persönlicher Erfahrung.

Martin Luther hat erfahren und bezeugt, es geht ausschließlich um die Gnade Gottes, die dem Menschen zuteilwird und an der sich alles entscheidet.

Hier sind wir dann auch wieder bei unserem Predigttext und beim Thema des heutigen Sonntags: Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

In Jesus Christus hat sich nämlich der verborgene Gott verlassen. Er hat sich in unser Menschsein hinein erbarmt, ist gegenwärtig geworden.

Der sophistische und anmaßende Streit, ob und wie Jesus Wunder gewirkt und Menschen geheilt hat, wird dem Geschehen nicht gerecht. Die Gegenwart Gottes als Mensch und seine bleibende Gegenwart als Herr der Kirche ist das Wunder. In ihr geht uns das Licht auf, das ewig ist.

Aus der Gegenwart des Herrn heraus ist den Kranken geholfen, die Gegenwart Christi vertreibt die Teufel. Aus der Begegnung mit dem Herrn erwächst Heilung und die Erkenntnis, dass wir im Leiden dem Herrn ähnlich werden.

Darum sollen wir seine Gegenwart suchen und ehren seine Gegenwart im Sakrament. Der lutherischen Reformation ist dies ein unaufgebbares Bekenntnis, der Herr ist in seiner Kirche gegenwärtig. Jedermann sucht ihn.

Das ist und bleibt unsere Hoffnung, dass er von allen Menschen gesucht und am Ende gefunden wird. Lauft ihm nach, sucht seine Nähe, deckt die Dächer ab, überwindet die Schranken. Das Menschsein erfüllt sich erst in der Begegnung mit ihm. Die Gegenwart des Erlösers ist das eine große Wunder in dem alles seinen Grund und seine Ursache hat. Aus der Begegnung mit ihm erwachsen Heilung und das Heil.

Amen

Und der Frieden Gottes, welcher höher ist denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn.

Thomas Roloff

Sonntag, 6. März 2016

Laetare

San Paolo fuori le Mura

Ich wurde kürzlich gescholten, daß kaum noch Geistliches hier zu finden wäre, nun anderes auch immer weniger, möchte man hinzufügen.

Der vormalige Papst hat einmal an das Gebet vor der Kommunion erinnert. Damit der ursprüngliche Gehalt genau zum Vorschein komme, müßten wir dabei die alte Formulierung vor der Liturgiereform bedenken.

Da heiße es: „Herr ... schau nicht auf meine Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche.“ Es sei wichtig, daß das Gebet ein Ich-Gebet war: Man verstecke sich nicht in der grauen Masse des „Wir“. Der Beter sei persönlich gemeint, er müsse in den Bekehrungsakt zurückkehren und seine eigene Schuld schmerzlich gerade in diesem großen Augenblick, im Angesichte des zum Gotteslamm gewordenen Erlösers erkennen.

Wichtig sei dann, daß die Kirche voraussetzte, daß jeder Eucharistie Feiernde Grund habe, solches zu sagen. Das Gebet wäre bis zur Reform sogar in erster Linie ein Priestergebet gewesen: der Papst habe es sprechen müssen, ebenso wie die Bischöfe, alle Priester, alle Teilnehmer an der Eucharistie. „Dieses Wort ist also gerade nicht den Abständigen, den Exkommunizierten oder sonstwie nicht im Kern der Glaubensgemeinschaft Lebenden zugedacht, sondern eben denen, die sich auf die Kommunion vorbereiten.“

Kommunizieren heiße, sich neu dem Feuer Seiner Nähe und damit dem Anspruch der Bekehrung auszusetzen. Glaube sei seinem Wesen nach Mitglauben mit der Kirche: „Im Akt des Glaubens werden wir Kirche und von ihr empfangen wir überhaupt diesen Akt. Weil es so ist, ist sie 'deine Kirche' und nicht 'unsere Kirche'. Alles, was bloß 'unsere' Kirche ist, ist nicht im eigentlichen Sinne Kirche. Ihr Wesen ist Relation, Zugewandtheit zum Herrn, Zugehörigkeit zu ihm.“

Daran mußte ich denken als ich zum Sonntag Lätare, der mitten in der Passionszeit schon deutlich auf Ostern hinweist, nach etwas Tröstlichem bei unserem Vater Luther suchte. Der Glaube findet also seinen Halt in denen, die vor einem geglaubt haben. Das ist der Sinn und der Beistand der Tradition. Das ist nicht alles, aber doch schon eine ganze Menge. Es ist auch nicht ganz das, was Benedikt XVI. im Sinn hatte, aber man ahnt vielleicht die Verwandtschaft. Es folgt also Luther, ungekürzt (!).

Martin Luther als Currendeknabe vor Frau Cotta

Predigt am Sonntag Lätare 

Darnach fuhr Jesus weg über das Meer an der Stadt Tiberias in Galiläa. Und es zog ihm viel Volks nach, darum daß sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
Jesus aber ging hinauf auf einen Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern. Es war aber nahe Ostern, der Juden Fest. Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, daß viel Volks zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, daß diese essen? (Das sagte er aber, ihn zu versuchen; denn er wußte wohl, was er tun wollte.)
Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Groschen Brot ist nicht genug unter sie, daß ein jeglicher unter ihnen ein wenig nehme. Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das unter so viele?
Jesus aber sprach: Schaffet, daß sich das Volk lagert. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei fünftausend Mann. Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie den Jüngern, die Jünger aber denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, wieviel sie wollten. 
Da sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, daß nichts umkommt. Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken von den fünf Gerstenbroten, die übrig blieben denen, die gespeist worden.
Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da Jesus nun merkte, daß sie kommen würden und ihn haschen, daß sie ihn zum König machten, entwich er abermals auf den Berg, er selbst allein.
Johannes 6, 1-15

Dieses ist von den Evangelium eines, darum unser lieber Herr Christus seine Christen lehrt, wie sie ihm trauen sollen, daß er sie nicht Hungers sterben, sondern durch seinen Segen ihnen alles genug schaffen wolle, was sie bedürfen. Darum ist eine solche Predigt, welche die Geizigen, die nichts anderes können, denn auf ihren Nutzen denken, nicht wert sind, daß sie es hören, viel weniger, daß sie es glauben sollen. Denn sie hören wohl, wie der Herr hier durch seinen Segen ein großes Wunderwerk getan habe; aber sie wollen es dazu nicht kommen lassen, daß er es mit ihnen auch tun möge. Darum geizen sie, und stellen sich immer so, als könnte oder wollte Christus solch ein Wunder mit ihnen nicht tun, sondern müßten sich selbst versorgen und alles bedenken, sonst möchten sie verloren sein. Mit solchen Leuten hat Christus nichts schaffen.

Die aber, die sich an sein Wort halten, tröstet er hier, nicht mit Worten, sondern mit dem Werk, er wolle ihnen zu essen schaffen; auf das wir ja nicht zweifeln, noch denken sollen, wie wir uns ernähren, sondern unser Herz und Vertrauen auf Christum stellen. Solcher Glaube wird uns nicht fehlen. Denn da will Christus bei uns sein, und das Vermögen zu uns bringen, wo gleich nicht mehr denn fünf Brote da sind, daß er es doch so segnen will, daß fünf Tausend Mann, ohne Weib und Kind, sollen satt werden, und dazu noch weit mehr überbleiben, denn im Anfang da gewesen ist. Denn zuvor war kaum ein halber Korb voll Brod da; und bleiben doch zwölf Körbe mit Brocken davon über.

Das ist die Summe der Lehre des heutigen Evangeliums: Wir sollen fromm sein, und dem Wort Gottes mit Fleiß nachgehen wie diese Leute hier, und glauben: so will Gott dafür sorgen, daß wir Essen kriegen und Nahrung finden. Wie man in der Geschichte hier sieht, daß ob sie gleich nicht alle fromm sind, weil doch etliche rechte, fromme Herzen darunter sind, und mehr daran denken, wie sie zum Wort kommen können, denn essen, daß der Herr für sie sorgt, und schafft ihnen ohne ihre Gedanken, daß sie auch zu essen haben. Als wollte er sagen: Mein lieber Mensch, lerne und suche am ersten das Reich Gottes, höre mein Wort, glaube an mich, und tue mit Fleiß, was dir zu tun in deinem Stande befohlen ist; so lasse mich für das Übrige sorgen. Bist du nicht reich, so will ich dir doch genug schaffen. Denn Gold, Silber, Geld, Steine kannst du ja nicht essen, es muß Brot sein, daß aus der Erde wächst. Ob du nun aus der Erde das Brot nicht bekommen kannst, weder Haus noch Hof, Acker noch Garten hast: glaube nur und folge mir nach, du sollst Brot genug haben.

Dies erfährt man und sieht ist täglich vor Augen. Ein armer Schüler, der fleißig und fromm ist, aus den kann Gott wohl einen großen Doktor machen. Eine arme Dienstmagd, die gottesfürchtig ist und ihrer Herrschaft treu dient, der schenkt Gott einen frommen Mann, gibt ihr Haus und Hof. Von diesen Beispielen sieht man täglich viel, wie Gott armen Leuten hilft. Dagegen die, so Gott nicht fürchten, sein Wort nicht achten, und sonst auch untreu und nicht fleißig sind, müssen arme Bettler bleiben, und können ihr Lebelang auf keinen grünen Zweig kommen.

Darum ein böser Bube, der nicht fleißig lernen, böse, mutwillig und untreu sein will, der soll wissen, daß ihn unser Herr Gott gehen läßt, in einen Krieg, wo er vielleicht erstochen oder erschossen wird, oder einen Henker oder sonst einen schlechten Menschen werden läßt. Also eine Magd, die nicht gottesfürchtig sein, sich nicht züchtig halten, nicht gehorsam sein, die läßt Gott in Sünde und Schande fallen, daß ihr Lebelang nichts aus ihr wird. Dieses ist dann rechter verdienter Lohn. Warum sind sie nicht fromm, und glauben an Christum, folgen seinem Wort? So würde Christus bei ihnen sein, und sagen: laß mich sorgen, wie ich dich empor hebe, zu Ehren bringe und reich mache.

Das also dies Evangelium uns lehrt an Christum glauben, daß er uns erhalten und genug geben wolle, wenn wir nur fromm sind, auf sein Wort sehen, und mit diesen Leuten hier demselben nachgehen, und etwas darum wagen und leiden. Denn das Werk, daß der Herr hier übt, ist gleich als eine Predigt, als wollte er sprechen: Bist du gottesfürchtig fromm, läßt dir sein Wort lieb sein, so will ich dir zu essen geben, ich will dich nicht verlassen, ich will ganz gewiß etwas aus dir machen. Wo du aber nicht fromm sein willst, mein Wort verachten, oder sonst dich unrecht verhalten, und du dann ein Bettler bleibst; diese Schuld ist dann niemand andere als deine eigene. Oder, ob du schon reich wirst, so mußt du doch zum Teufel, und soll dir dein Geld und Gut nicht helfen. Daß es also so beschlossen sein soll: Wer Gottes Wort verachtet, und nicht tun will, was Gott sagt, da will Gott wiederum nicht tun, was er gern hätte und wohl bedürfte.

Solches will der Herr hier uns lehren, daß er mit fünf Broten 5000 Mann, die zu ihm in die Wüste gegangen, mit Weib und Kind speiset, denn an Weib und Kindern sind auch wohl noch bei 5000 gewesen; die haben alle genug und bleibt auch noch viel über. Das heißt nicht mit Worten predigen, wie er bei Matthäus 6,33 tut, als er spricht: " Suchet am ersten das Reich Gottes, so soll euch das andere alles zufallen "; sondern mit der Tat. Als wollte er sagen: Ich bin reich und kann dich wohl nähren; siehe nur du zu, sei fromm, halte dich an Gottes Wort und folge ihm: dann laß mich sorgen, wo du zu essen findest. Das ist die Lehre vom Glauben, so viel wie uns im heutigen Wunderwerk vorgetragen wird.

Aber neben solcher Lehre und Trost sind hier zwei Stücke, welche der Evangelist besonders anzeigen will: das erste, daß der Herr die Jünger fragt wie sie über ihn denken; das andere, daß er sagt sie sollen die Brocken aufheben, und will nicht, daß etwas vergebens umkomme.

Soviel nun die Jünger Philippus und Andreas betrifft, sieht man, was die Ursache ist: obgleich der Herr durch solchen wunderbaren Segen und zum Glauben reizt, daß dennoch solcher Glaube nicht richtig voran kommen will. Denn es fehlt uns an allen, woran es auch den Jüngern hier fehlt, daß wir nur dahin sehen, wieviel wir bedürfen. Wieviel aber Christus mit seinem Segen geben könne, da können wir nicht hinsehen.

Philippus schätzt die Zahl ziemlich genau. Er sagt: Man müsse für 200 Pfennig Brot haben, wenn ein jeder nur ein wenig haben soll. Das ist nach unserer Rechnung heute nicht viel Geld, doch war es damals für die mehr als 5000 Menschen, dazu Weib und Kinder, keine kleine Menge an Geld, auch hat Philippus nicht übermäßig viel Brot für alle gerechnet, sondern nur so viel das der gröbste Hunger gestillt würde. So hat Philippus die Rechnung auch fein und gut gemacht, genau wie wir, denn was wir für unseren Haushalt in einer Woche oder einem Jahr brauchen, daß können wir schnell überschlagen. Aber wenn wir sehen, daß nicht genug Geld da ist, werden wir darüber traurig und kleinmütig, und denken, wir müssen von Haus und Hof lassen, oder gar des Hungers sterben.

Also geht es mit Andreas auch: der sieht, wie der Herr dem armen Volk gern helfen will, zeigt deshalb an, es sei ein kleiner Vorrat da, als, fünf Brote und zwei Fische. Als er aber an den großen Haufen, an so viel hungrige Bäuche denkt, ist ihm solcher Vorrat, gleich als wäre nichts da. Was soll das, spricht er, unter so viel? Läßt also wegen seiner Rechnung den Glauben fallen und denkt, es ist dem Volk hier nicht zu helfen.

Das ist nun der allgemeine Mangel, den wir noch heute, nicht allein der Nahrung wegen, sondern auch sonst in allerlei Nöten und Anstößen fühlen, daß wir die Rechnung immer machen können, was wir bedürfen, was uns nötig wäre, daß uns Rat geschafft und geholfen würde. Wenn es aber nicht alles da ist, wie wir es gern hätten, so haben wir von solcher Rechnung nichts anderes, denn Unmut und Traurigkeit. Und es wäre viel besser, wir ließen es Gott machen, und dächten nicht daran, was wir bedürfen. Da würde dann nur ein Mangel sein, wenn sich die Not finden würde; und wir mit unseren Sorgen nicht weiter können. Weil die Sorgen über uns herrschen, fressen und nagen uns die Gedanken vor der Not auf, die doch alle vergebens sind. Denn wir werden uns nie reich denken noch sorgen. Wir können uns wohl krank, elend, toll und töricht denken und sorgen, wie man in täglichen Beispielen sieht.

Weil nun unsere Vernunft gar nicht anders kann, denn genau rechnen, und dahin sehen, was wir bedürfen, und solches dem Glauben ganz entgegen ist, hat der Evangelist solches nicht verschweigen wollen, auf das wir an der Jünger Beispiel lernen sollen, wie solche Rechnung so ganz und gar falsch und vergebens ist. Der Vernunft nach denken Philippus und Andreas recht, und es ist unmöglich, daß ein vernünftiger Mensch anders denken könnte, oder eine bessere Rechnung machen. Aber wir Christen haben nicht allein Vernunft, sondern haben auch das Wort Gottes. Sollen darum nicht allein genau rechnen, sondern auch gewiß Glauben können. Und wenn wir mit der Rechnung nicht zurecht kommen können, da sollen wir uns an das Wort und an den Glauben halten.

Denn siehe, was ein Christ für einen Speisemeister und Haushalter hat an dem Herrn Jesus Christus. Wir können nicht mehr und nicht länger geben, als wir etwas haben. Aber da sagt Johannes von Christus: Er gab vom Brot und Fischen, nicht wie viel da war, sondern wieviel er wollte. Da denke nicht, daß er es allein damals getan habe und wolle es nun nicht mehr unter seinen Christen tun. Denn wie zuvor gemeldet, sehen wir Beispiele dieses Segens auch heute alle Tage: nicht allein mit der Nahrung, daß Gott armen, dürftigen, geringen Leuten, die ihn fürchten und sein Wort lieb und wert haben, Nahrung gibt und noch viel weiter hilft; auch in anderen Nöten, daß er Rat schafft über und über. Denn er ist allmächtig, und hat uns Hilfe und Rettung zugesagt.

Darum liegt es nur allein daran, wo uns die Rechnung fehlt, daß wir uns an den Glauben und an das Gebet halten, und uns darüber trösten, daß wir einen solchen Gott haben, der nicht allein einen kleinen Vorrat durch seinen Segen größer macht, wie er der Witwe zu Sarepta Mehl und Öl wunderbar und unverhofft mehrte: sondern er kann auch wohl aus nichts alles machen. Diesen Trost sollen wir wohl merken, und wie Christus in Matthäus 6 sagt, dahin besonders trachten, daß wir am ersten das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen. Das andere, was wir zu unserem Unterhalt bedürfen, da sollen wir unseren Vater im Himmel für sorgen lassen, der will es den Seinen, wie der Psalm 127,2 sagt, schlafend geben, das ist, sie sollen den Segen haben, und doch nicht wissen, wie und wo er herkommt auch; wie es auch hier zugegangen ist. Denn es ist ein solches Wunderwerk gewesen, daß das Brot und die Fische unter den Händen dem Herrn Christus gewachsen sind, wenn er ein Stück in zwei Teile gebrochen, und den anderen Teil von sich gegeben hat, ist dasselbe Teil noch einmal so groß geworden. Solches wollte der Herr uns gern in die Augen und Herzen bilden, daß wir doch lernen möchten ihm zu trauen, und nicht allein die Rechnung nach dem machen, daß wir vor Augen sehen oder dem Vorrat haben.

Wir sehen, wie jämmerlich es jetzt überall in der Welt steht. Der Türke feiert nicht, komt immer näher zu uns. Wir aber wachsen von Tag zu Tag, je länger je mehr in Uneinigkeit, nehmen dazu an Leuten und am Geld ab. So feiert der Papst auf der anderen Seite auch nicht, der ist unserem Evangelium so feind, als der Türke der Christenheit. Darum ist kein Aufhören bei ihm und seinem Haufen, nehmen sich immer etwas anderes vor, wie sie die rechte Lehre dämpfen und die alte Abgötterei wieder aufrichten können. Wenn nun ein Christ solch einen Handel sieht, bleibt die Anfechtung nicht aus; Vernunft fängt an zu rechnen und der Sache nachzudenken, sucht Mittel und Wege, wie der Sache wohl zu helfen sei. Weil sich aber Mittel und Wege nicht finden, ist es unmöglich, daß nicht ein Herz darüber betrübt werden sollte, und darüber verzweifeln, als müßte es alles zu Boden gehen und brechen. Weil aber solche Anfechtung nicht ausbleibt (denn Fleisch und Blut kann anderes nicht, wenn wie seine Art ist), so sollen die Christen lernen, wo die Rechnung nicht stimmt, daß sie sich an das Wort halten, und anfangen zu glauben.

Was sagt aber das Wort? Also, was sollen wir in solcher Not glauben? Das sollst du glauben, daß Christus die Welt überwunden hat, und daß die Pforten der Hölle seine Gemeinde nicht überwältigen sollen, Matthäus 16,18.; " die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren auf ihr Gebet ", Psalm 34,16; " wer ist, der euch kann Schaden tun, so ihr dem Guten nachkommt? Und ob ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig ", 1. Petrus 3,12-14. " Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen; die Ungerechten aber zu behalten zum Tag des Gerichts, zu peinigen ", 2. Petrus 2. 9; wie Petrus auch hier mit dem Beispiel des frommen Lot zu Sodom beweist.

Wer also Gottes Wort und Zusagung vor sich nimmt und fest darauf baut, dem wird die Rechnung, auch wenn sie ihm fehlt, nicht kleinmütig machen können, noch in Verzweiflung bringen. Denn er sieht einen Herrn über sich, der mitten unter seinen Feinden herrsche, und Lust dazu hat, wo man seinem Wort nicht weichen und seine Christen nicht zufrieden lassen will, daß er seinen Namen und Macht alsdann an seinen Feinden beweise, und alles zu Boden stößt, was sich gegen ihn auflehnt; wie er Pharao und den Ägyptern getan hat. Also kommt man durch die Hilfe des Wortes dahin, daß man Hoffnung haben kann, wo gleich keine Hoffnung ist. Denn Vernunft, weil sie keine Hilfe sieht, muß verzagen. Aber das Wort, das zeigt eine gewisse Hilfe, sofern wir nur an dem Wort treu halten, fromm bleiben und Gott anrufen. Wer aber gottlos ist, in Sünden und bösen Gewissen lebt, und dennoch sich auf Gottes Zusagung, mit welchem er die Frommen tröstet, verlassen wollte, der hat weit gefehlt.

Das ist nun der Mangel hier an den Jüngern, daß sie wohl fein rechnen können; sie wollen aber nicht glauben noch sehen, was für einen Herrn sie an Christus haben. Sonst würde Philippus gesagt haben: " Für 200 Pf Brot ist nicht genug, daß ein jeder unter ihnen ein wenig nehme "; aber Gott Lob, daß wir dich bei uns haben, mein lieber Herr Jesus; denn durch deinen Segen und Hilfe, obwohl wir keinen Pfennig haben und in der Wüste sind, wollen wir doch genug Brot haben; denn du kannst eine Kunst, die andere Menschen nicht können. Andreas würde auch also gesagt haben: " Es ist ein Knabe hier, hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische "; wenn ich es austeilen sollte, so würde es kaum für zehn genug sein; aber wenn es durch deine Hand geht, so werden diese alle zu essen genug haben, und wird noch viel überbleiben. Solches würde das Wort durch den Glauben sie gelehrt haben. Weil aber Wort und Glauben durch das genaue Rechnen verschwunden ist, sieht man, daß sie keine Zuversicht zum Herrn haben, daß der hier raten könne. Darum heißt es also: Willst du ein Christ sein und kannst dein Rechnen nicht lassen, so nimm das Wort vor dich, halte fest daran und lerne ihm glauben; sonst ist dir nicht zu helfen.

Wo nun unser lieber Herr Christus durch seinen Segen sich also bei uns sehen läßt, da sollen wir, wie er die Apostel hier heißt, die Brocken aufheben und nichts umkommen lassen. Denn wie unsere Vernunft im Mangel nur rechnen und nicht glauben will: also wo der Segen Gottes reichlich ist, da kann und will die Welt sich auch nicht danach richten.

Etliche mißbrauchen diesen Segen zum Überfluß; wie man sieht, wenn ein Jahr viel Wein bringt, so denkt jedermann, Gott habe es darum gegeben, daß man mehr saufen und umbringen soll. Aber es hat die Meinung gar nicht. Man soll Gottes Segen fleißig aufheben, und nicht verschwenden, sondern auf die künftige Not sparen. Wie Joseph den König von Ägypten lehrt, er soll die sieben guten Jahre dazu brauchen, daß er die sieben bösen Jahre sich und sein Land vor dem Hunger erretten möchte. Also, wo Gott ein Jahr diesem oder einem anderen Handwerk Glück gibt, daß sein Geschäft gut geht, solchen Segen soll man fleißig sparen, und nicht denken, man wolle darum mehr verzehren. Nein, Gottes Segen soll immer in Ehren gehalten und auf künftige Not gespart werden. Weil man es aber nicht tut, sondern den Segen Gottes so schändlich zu Sünden und Schanden mißbraucht, treibt man Gott mit solcher Unart, das er an sich halten, und wo ein gutes Jahr gewesen ist, zwei oder drei böse Jahre darauf geben muß. Denn wie kann Gott sonst der schändlichen bösen Welt und den schrecklichen Mißbrauch wehren?

Etliche aber mißbrauchen diesen Segen in dem Stück, daß sie immer nur zur Seite legen und sparen, wenn schlechte Jahre sind, daß sie in der teuren Zeit ihre Nutzen daraus schaffen, die Armen drücken um so ihren Nutzen und Gewinn zu steigern. Das sind auch böse schädliche Leute, die sich gewiß keiner Gnade Gottes sicher sein können, oder sie bessern sich denn; sonst ist es unmöglich, daß Gott nicht heftig über sie zürnen sollte. Denn daß der Herr die Brocken, so über geblieben waren, heißt aufheben, daß will er nicht so verstanden haben, daß man darüber geizen sollte; sondern das du deinem Nächsten zur Not damit dienen, und den armen Leuten, denen es mangelt, leichter helfen kannst. Willst du aber Korn, Wein und anderes darum zu billiger Zeit kaufen und sammeln, wenn es teuer wird, daß du andere Leute damit drücken, deinen Gewinn damit erhöhen, gerade als hätte Gott darum ein gutes Jahr dir gegeben, daß du es allein genießen, und mit anderer Leute Schaden deinen schändlichen Geiz zu mehren.

Darum muß Gott hier seine Strafe auch gehen lassen. Der auf sein Wort traut, haben wir gehört, ob er gleich mangelt, so will Gott mit seinen Segen da sein, daß sich das Wenige reichlich vermehrt und noch überbleiben soll. Wiederum, wer scharrt und kratzt, und Gottes Segen zu seinem Geiz mißbrauchen will, den straft Gott so, ob er gleich viel hat, daß es doch alles zerrinnen, und ihm bei aller Fülle nichts anderes sein soll, als wäre er der ärmste Bettler. Wie man denn sieht und erfährt, das die Geizhälse und Wucherer arme elende, geplagte Leute sind. So sauer es ihnen wird, bis sie etwas zuwege bringen: so sauer, ja, viel saurer wird es ihnen, bis sie denken, wie sie es teuer wieder an den Mann bringen. Wenn nun ein Unfall, wie es häufig geschieht, sich zuträgt, daß das Korn auf dem Boden lebendig wird, der Wein im Keller läuft, oder sonst ein Unglück zuschlägt: da haben sie das größte Herzeleid, sie wissen nicht wo aus, nagen und fressen sich das Herz auf; können also über ihren Gewinn nicht froh werden, sondern wenn es ein wenig anders kommt als sie denken, so haben sie die größte Sorge, Mühe, Arbeit und Krankheit davon zum Lohn.

Wer wollte aber nicht tausend Mal lieber ein wenig mit Frieden und fröhlichem Herzen, denn viel mit so ängstlicher Unruhe, Sorge und Kümmernis haben? Besonders so man bedenkt, wie der Teufel nicht weit von solchen Leuten ist, und oft sie so voll und töricht macht, wenn das Korn oder der Wein nicht teurer sondern dazu noch billiger wird, daß sie hingehen, und sich vor lauter Leid aufhängen oder sonst umbringen, daß Gott armen Leuten Essen und Trinken beschert. Da folgt denn auf solchen zeitlichen Jammer ein ewiger Jammer. Das hat man davon, wenn man Gottes Segen zum Geiz mißbrauchen will. Verschwenden soll man ihn nicht, sondern genau und fleißig aufheben; auf das wo Mangel einmal kommt, wir anderen armen, dürftigen Leuten umso mehr helfen können. Denn das unser Herr Gott einem mehr beschert denn dem anderen, geschieht nicht darum, daß wir es allein zu unserer Hoffart und Wollust mißbrauchen, sondern daß wir desto billiger anderen, die es bedürfen, helfen und für sie und uns aufsparen sollen.

Also haben wir eine tröstliche Lehre, wie wir in Nöten auf unseren Herrn Christum sehen, uns zu seinem Wort halten, und von ihm den Segen erwarten sollen. Gott verleihe seine Gnade, daß wir von Tag zu Tag je länger je frömmer werden, und solchen Segen beide in Nahrung und sonst in allerlei Not erfahren mögen, durch Jesum Christum, unseren Herrn, Amen.
Martin Luther

Lucas Cranach d. Ä.,  Martin Luther

Mittwoch, 24. Februar 2016

Ein Nachtrag zu Luther & die Verteidigung des Schönen

Giovanni Battista Piranesi, Curia Hostilia

Ludwig XVI. wies einst den Vorschlag, den Erzbischof von Toulouse, Loménie de Brienne, für den Pariser Bischofssitz zu nomenieren, mit den Worten zurück: Wenigstens müsse der Erzbischof von Paris an Gott glauben (er ernannte ihn aber dann 1787 zum Generalkontrolleur der Finanzen). Übrigens hat den geistreichen Kopf später selbst seine öffentliche Abkehr vom Katholizismus nicht vor den Revolutionären gerettet, er starb, vermutlich nicht ganz freiwillig, 1794.

Eine Randbemerkung: Von Herrn Theweleit, einem der Säulenheiligen des links-feministischen etc. pp Milieus durfte ich irgendwann einmal hören, die Phantasmagorien des Marquis de Sade seien eine Reaktion auf die „mörderische Lebensweise des französischen Adels vor der französischen Revolution“ (wer immer das braucht, kann es hier nachhören). Wo genau findet man eigentlich diese Exzesse, wie etwa die Massenmorde des Ancien Régime? Wenn es an etwas zugrunde gegangen ist, dann an seiner Liberalität (und vermutlich der Unterstützung des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, das es zusätzlich finanziell ruinierte).

Doch wir wollen eigentlich in ein anderes schwieriges Zeitalter, nämlich das der italienischen Renaissance.

Giovanni Battista Piranesi, Porta Maggiore

Ich habe kürzlich geschrieben, insonderheit um den Vater Luther an seinem Todestag zu ehren, wie er sich für die Künste den Schwärmern entgegenwarf.

Es gibt hier eine ganz merkwürdige Verbindung. Kaiser Maximilian I. starb am 12. Januar 1519, am 28. Juni 1519 wurde sein Nachfolger Karl V. gewählt, den Papst Leo X. energisch zu verhindern gesucht hatte, etwa indem er Luthers Landesherren, Kurfürst Friedrich den Weisen zu einer Gegenkandidatur zu überreden versuchte mit dem Angebot: Er würde einen Kandidaten seiner Wahl zum Kardinal ernennen. Er spricht einiges dafür, daß damit Luther gemeint war, dessen Auslieferung zu einem Ketzerprozeß seit August 1518 eingefordert wurde, von anderem zu schweigen.

Wenn sich Italiener wieder für Römer zu halten beginnen, kann das sehr übel ausgehen wie bei den Renaissaince-Päpsten, für die Religion offenkundig nicht mehr war als ein einträgliches Mittel in einem Machtspiel. Julius II. etwa, der sich eher für einen wiedergeborenen Cäsar hielt, gilt zwar als tatkräftig, rücksichtslos und gewalttätig, nicht selbstbereicherungssüchtig, aber schon Zeitgenossen meinten, daß einzige Priesterhafte an ihm seien Kleidung und Name. Erasmus von Rotterdam schrieb, natürlich nach dessen Tod und anonym, über ihn die hübsche Satire „Julius exclusus e coelis“.

Um sich sogleich dem Nachfolger an den Hals zu werfen: „Aber die Hoffnungen, welche ihn nach England zurückgeführt hatten, erfüllten sich nicht. Bald reute es ihn, daß er Rom verlassen hatte, und nachdem Johann von Medici als Leo X. Papst geworden war, verrieth er durch ein an diesen gerichtetes Schreiben, wie lebhaft er bedauerte, unter dem für Kunst und Wissenschaft so erfreulichen Regimente dieses Papstes nicht in Rom leben zu können.“

Über diesen Papst finden sich eine Reihe kurioser Attribute – gebildet, kunstsinnig, ausschweifend, unbeschwert, vergnügungssüchtig, extravagant, abseitig, verschlagen und doppelzüngig, persönlich umgänglich und höflich, wenn es die Umstände zuließen, immer machtbesessen und ein emsiger Förderer seiner Familie.

Irgendein religiöser Zug ist von ihm nicht überliefert. Warum ich das so betone. Nun, viele Italiener dieser Zeit empfanden sich wohl wirklich als neugeborene Römer des Altertums, nicht, daß sie deswegen dessen Relikten mit Pietät und Hingabe entgegen getreten wären. Man suchte eher auf den Trümmern des Vergangenen seinen neuen Ruhm, der das übrig Gebliebene weiter in den Staub sinken lassen sollte. Geistig gesehen war es wohl der Fall in ein neugeschaffenes Heidentum, das einen von allen Verpflichtungen befreien sollte, eine Art Regression, die aber zugleich befreiend Neuartiges und zeitlos Gültiges hervorbrachte. Ein abgrundtief grausames, aber auch sehr kunstsinniges Zeitalter. Das ist das Verstörende.

Es hat vieles Überlieferte zerstört, zugegebenermaßen Bedeutendes an dessen Stelle gesetzt (persönlich würde ich St. Peter zu Rom davon ausnehmen wollen, das kam mir früh vor wie ein aus den Fugen geratenes Opernhaus), und die katholische Kirche hat es überlebt. Letzteres bleibt kaum erklärlich.

Giovanni Battista Piranesi, Mausoleum der Helena

Und diese lange Vorrede sollte eigentlich nur dazu dienen, um das Umfeld eines Briefes zu skizzieren, den Raffael an Leo X. schrieb:

„Meine Kenntnis verschafft mir einerseits wahre Genugtuung, weil ich eine hervorragende Sache kennengelernt habe; andererseits ist sie auch Ursache tiefen Schmerzes, wenn ich gleichsam den Leichnam der edlen Vaterstadt, die einst die Welt regierte, traurig zerfleischt sehe.

Gleich wie für jeden einzelnen die Pietät den Eltern und dem Vaterland gegenüber Pflicht ist, ebenso fühle ich mich verpflichtet, alle meinen geringen Kräfte daranzusetzen, daß soweit als möglich ein Stück von dem Bild lebendig bleibe oder vielmehr der Schatten dessen, was in Wahrheit das Vaterland aller Christen ist, welches einst so vornehm und mächtig war, daß die Menschen zu glauben begannen, dieses einzige Reich stehe über dem Schicksal und sei gegen den Lauf der Natur dem Tod entzogen, um zu dauern in Ewigkeit.

Doch es scheint, daß die Geschichte, als neide sie den Sterblichen den Ruhm und mißtraue den eigenen Kräften, sich mit dem launischen Glück und mit den unwissenden und ruchlosen Barbaren verbündete, welche zum nagenden Zahn der Zeit und zu dessen vergiftetem Biß ihre ungezügelte Kraft, die eisernen Waffen und das versengende Feuer fügten. So wurden denn jene berühmten Werke, die heute mehr denn je in blühender Schönheit dastehen könnten, im Gegenteil von der maßlosen Wut und von dem gnadenlosen Ansturm der schlechten Menschen verwüstet, versengt und zerstört, obgleich nicht dermaßen, daß nicht wenigstens das des Schmuck entkleidete Gerüst davon bleibt, gleichsam das Skelett des Körpers ohne das Fleisch.

Giovanni Battista Piranesi, San Giovanni in Laterano

Allein, weshalb beklagen wir uns über die Goten, die Vandalen und andere arglistigen Feinde, wenn gerade diejenigen sich lange und eifrig um die Zerstörung von Roms geplagten Überresten bemühten, die sie als Väter und Beschützer hätten verteidigen müssen?

Wie viele Päpste, Heiliger Vater, die dasselbe Amt hatten wie Eure Heiligkeit, nicht aber dieselbe Einsicht, Tugend und Großmut: wie viele Päpste, sage ich, haben es zugelassen, daß antike Tempel, Statuen, Triumphbögen und andere ruhmreiche Bauten ruiniert und zerstört wurden! Wie manche haben dazu beigetragen, daß Fundamente ausgegraben wurden, allein um Puzzolanerde zu gewinnen, so da die Bauten binnen kurzem einstürzten. Wieviel Kalk wurde aus Statuen und anderem antiken Schmuck gebrannt! Ja, ich wage zu sagen: Dieses ganze neue Rom, das man heute sieht, wie groß es auch sein mag, wie schön, wie reich an Palästen, Kirchen und anderen Bauwerken, die wir érblicken: Alles ist mit dem Kalk aus antikem Marmor errichtet. Nicht ohne tiefes Bedauern entsinne ich mich, dass, seit ich in Rom bin, also in weniger als 12 Jahren, so viele schöne Dinge zugrunde gerichtet worden sind...“
nachgetragen am 26. Februar

Donnerstag, 18. Februar 2016

Über Luther & auch die Verteidigung des Schönen

Martin Luther auf dem Sterbebett

Unser Vater Luther hat einmal eine ausgewählte Übersetzung des Koran eingeleitet, ich habe seinen Text auch fleißig gelesen und glossiert, allein ich finde es nicht wieder. Wie ich dazu kam? Nun er starb heute, vor 470 Jahren (und ich denke, bisher nicht nur Unnützes über ihn geschrieben zu haben, das fände man dann hier).

Auch das Christentum hat seinen erklecklichen Anteil an Narren, Schwärmern, Fanatikern, Mordbuben und Brandstiftern gehabt. Aber ihnen wurde oft genug, als einer Abirrung, entgegengetreten.

Martin Luther als Junker Jörg, Lucas Cranach d. Ä.

Zum Beispiel eben von unserem Luther mit seinen berühmten Invokavitpredigten 1522 zu Wittenberg:

„Ich habe nicht in meiner Hand die Herzen der Menschen, wie der Hafner den Leimen. Wir haben wohl das Recht der Rede, aber nicht das Recht der Vollziehung. Das Wort sollen wir predigen, aber die Folge soll allein in seinem Gefallen sein. So ich nun darein falle, so wird dann aus dem Gezwang oder Gebot ein Spiegelfechten, ein äußerlich Wesen, ein Affenspiel, aber da ist kein gut Herz, kein Glaube, keine Liebe. Wo diese drei fehlen, ist ein Werk nichts... Also wirkt Gott mit seinem Wort mehr, denn wenn du und ich alle Gewalt auf einen Haufen schmelzen. Also wenn du das Herz hast, so hast du ihn nun gewonnen…

Predigen will ich‘s, sagen will ich‘s, schreiben will ich‘s; aber zwingen, dringen mit der Gewalt will ich niemand, denn der Glaube will willig und ohne Zwang angezogen werden. Nehmt ein Exempel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papisten entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt. Ich hab allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe… also viel getan, daß das Papsttum also schwach geworden ist, daß ihm noch nie kein Fürst noch Kaiser so viel abgebrochen hat. Ich habe nichts getan, das Wort hat es alles gehandelt und ausgericht. Wenn ich hätte wollen Ungemach fahren, ich wollte Deutschland in ein groß Blutvergießen gebracht haben. Aber was wär es? Ein Verderbnis an Leib und Seele. Ich habe nichts gemacht, ich habe das Wort lassen handeln.“

In seiner vierten Wittenberger Predigt gegen die Schwärmer, am Mittwoch nach dem Sonntage Invocavit, kam Luther auf Dinge zu sprechen, nachdem das Fundament zurückgewonnen war, die ihm ebenso wichtig erschienen. Wir wollen ihn, wenig gekürzt, wieder selbst zu Wort kommen lassen.

Palmyra, 2005

„Und sonderlich von den Bildern hab ich am letzten also geredt, daß man sie solle abthun, wenn sie angebetet; sonst mag man sie wohl leiden. Wiewohl ich wollte, die Bilder wären in der ganzen Welt abgethan, um des leidigen Mißbrauchs willen, welchen Mißbrauch ja niemand leugnen kann. Denn wenn Einer ein Bild in der Kirche setzen läßt, der meinet bald, er thue Gott einen Dienst und Wohlgefallen dran, und habe ein gut Werk gethan, damit er Etwas von Gott wolle verdienen, welches denn recht Abgötterei ist. Dieß ist die größte und vornehmste Ursach, warum die Bilder wären abzuthun.

Aber diese Ursach habt ihr nicht getrieben, sondern gar viel eine geringere; nämlich die, wenn Einer ein Bild hätte, so hielt ers dem gleich, deß das Bild wäre; als, wenn Einer ein Crucifix hätte, der hielte es nicht anders, denn als wäre es Christus, Gott und Mensch selbst, und dergleichen. Das sind gar geringe Ursachen. Denn ich halts dafür, daß Keiner hie sei, der den groben unsinnigen Verstand habe, daß er denke: Dieß Crucifix da ist mein Christus und mein Gott; sondern er halts allein für ein Zeichen, dabei er des Herrn Christi und seines Leidens gedenke. Des andern Mißbrauchs aber ist die Welt voll. Denn wer wollte irgend ein hölzern, schweig denn ein silbern oder goldenes Bild in die Kirche stellen, wenn er nicht gedächte, Gotte einen Dienst dran zu thun...

Hadrianstor, Palmyra, zerstört Oktober 2015

Darum können wir das nicht verdammen, sollens auch nicht so bald verdammen, deß noch irgend ein Mensch wohl kann brauchen; sondern das wäre der rechte Weg gewesen, wie auch vorhin gesagt, daß man gepredigt hätte, daß die Bilder Nichts wären, Gott fragete nichts darnach, man thäte auch Gott keinen Dienst noch Wohlgefallen dran, wenn gleich alle Winkel voll Bilder gemacht wären...

Derhalben müssen wir uns wohl vorsehen, denn der Teufel suchet uns durch seine Apostel aufs allerlistigste und spitzigste: und müssen nicht so bald zufahren, wenn ein Mißbrauch eines Dings vorhanden ist, daß wir dasselbige Ding umreißen oder zunichte machen wollten. Denn wenn wir Alles wollten verwerfen, deß man mißbraucht, was würden wir für ein Spiel zurichten? Es sind viel Leute, die die Sonne, den Mond, und das Gestirn anbeten; wollen wir darum zufahren und die Sterne vom Himmel werfen, die Sonne und den Mond herab stürzen? Ja, wir werden es wohl lassen.

Der Wein und die Weiber bringen Manchen in Jammer und Herzeleid, machen Viele zu Narren und wahnsinnigen Leuten; wollen wir drum den Wein wegschütten, und die Weiber umbringen? Nicht also! Gold und Silber, Geld und Gut stiften viel Böses unter den Leuten: soll man drum Solches alles wegwerfen?

Palmyra,  Baal-Schamin-Tempel,  zerstört  22. August 2015

Nein, wahrlich! Ja, wenn wir unsern nächsten Feind vertreiben wollten, der uns am allerschädlichsten ist, so müßten wir uns selbst vertreiben und tödten. Denn wir haben keinen schädlicheren Feind, denn unser eigen Herz; wie der Prophet Jeremias sagt C. 17., V. 9.: Das menschliche Herz ist krumm; oder, wie ichs deutschen soll, böse und ungerade, das immerdar zur Seiten, hinaus weichet. Lieber, was wollten wir wohl anrichten, wenn wir ihm also thäten? Nichts Gutes wollten wir anrichten, sondern Alles zu unterst und oberst umkehren. Es ist gewißlich der Teufel vorhanden; aber wir sehens nicht. Es muß Einer gar eine gute Kohle haben, wenn man den Teufel will schwarz machen: denn er will auch gerne schön sein, wenn er auf die Kirchmesse geladen wird.

Aber damit kann ich noch nicht allenthalben genugsam erstreiten, daß darum die Bilder nicht sein sollen, oder daß man sie müsse zerbrechen und umreißen. Derhalben müssen wir schließen, und es dabei bleiben lassen, daß die Bilder weder sonst noch so, weder gut noch böse sind; sondern man lasse es frei sein, sie zu haben oder nicht zu haben, allein daß der Glaube oder Wahn davon sei, daß wir mit unserm Bilderstiften Gotte keinen Dienst noch Wohlgefallen thun.

Der Teufel hat euch hie Etwas abgejagt, das er mir nicht hätte nehmen sollen, nämlich, daß wir die Bilder frei sein lassen müssen... Den Trotz hat er erlanget, und ich muß es zugeben; dahin sollt ers noch lange nicht gebracht haben, wäre ich hie gewesen. In dem Hochmuth und Trotz hat er uns ein groß Stück abgejagt; wiewohl es dem Worte Gottes keinen Nachtheil bringet.

Ihr habt den Teufel wollen schwarz machen, habt aber der Kohlen vergessen, und für die Kohlen Kreide ergriffen. Derwegen muß man gar wohl drauf sehen, wenn wir mit dem Teufel fechten wollen, daß wir der Schrift wohl wissen zu gebrauchen...“

Mit anderen Worten, der Mißbrauch einer Sache rechtfertigt nicht ihre Zerstörung. Das ist zwar noch keine Ästhetik, aber eine erste Klärung. Weit genauer, es ist eine Einsicht, nämlich, daß jede Erschaffung eines Gegenstandes von Schönheit Gottes Schöpfung heilt, weil sie sich an ihn erinnert, während deren Zerstörung vom Satan herrührt, wie immer er sich anmalt, der eigentlich nur ein Herr des Nichts ist. Wer ein Ding von Schönheit zerstört, verrät sich als Gefolgsmann Satans.

Palmyra, Theater

Das dazu. Wenn man den Schlaf sucht, findet man ihn nicht, aber wenn man ihn nicht sucht, findet er einen um so eher. Aber das wollen wir dennoch noch sagen, wo wir einiges von ihm gelesen und es uns uns jedesmal war, als würde die Seele ein Stück mehr zusammengeflickt, obwohl der Herr Luther eher harte Reden führt, und das gar nicht hierher gehört. Beim übernächsten Zitat geht es darum, ob man vor der Pest fliehen solle.

„Das ist der Trost, welchen der Herr in dem heutigen Evangelium uns vorhält, daß die Christen, ob sie gleich sterben, nicht tot sind, sondern sie schlafen, und schlafen so leise, daß Christus sie mit einem Finger, ja, mit einem einzigen Wort wecken kann.“

„Herr Gott, ich bin schwach und furchtsam, darum fliehe ich das Übel und tue so viel dazu, wie ich kann, daß ich mich davor hüte. Aber ich bin gleichwohl in deiner Hand, in diesem und allem Übel, die mir begegnen können, dein Wille geschehe. Denn meine Flucht wird’s nicht tun, sintemal allenthalben nichts als Übel und Gefahr ist; denn der Teufel feiert und schläft nicht, welcher ein Mörder von Anfang an ist und allenthalben nichts als Mord und Unglück anzurichten sucht.“

„Wo nun das Sterben hinkommt, da sollen wir, die da bleiben, uns rüsten und trösten, besonders die wir aneinander verbunden sind..., daß wir uns nicht verlassen noch voneinander fliehen können; erstens damit, daß wir gewiß sind, es sei Gottes Strafe, uns zugeschickt, nicht allein um die Sünde zu strafen, sondern auch um unsern Glauben und Liebe zu versuchen. Den Glauben, auf daß wir sehen und erfahren, wie wir uns gegen Gott stellen wollen, die Liebe aber, auf daß man sehe, wie wir uns gegen den Nächsten stellen wollen.“

wird fortgesetzt, 
nachgetragen am 20 Februar