Samstag, 7. November 2015

Laute, die ins Gemüt eindringen


Der Herr, der da oben so die Backen aufbläst, heißt Broz und ist aus Berlin (ja ich habe mich auch geärgert, nicht einen schalen Witz über Tito gemacht zu haben, im Nachhinein, aber was sind schon Namen). Es war der Auftakt zu einer Whiskey-Verkostung.

Es scheint also zu einem Habitus geworden zu sein, daß ich rund um mein Geburtstagsdatum leicht hinfällig werde. Wie langweilig. Ärgerlich ist, daß ich dieses Erlebnis letztes Jahr so sprachfaul beschrieben hatte: „Ich lag wieder einmal auf der Couch … und hörte von fern die Klänge einer leidenden Katze. Gut das ist jetzt albern gemein, aber es hatte schon etwas davon, vor allem, wenn diese klagenden Laute in einen schläfrigen Geist dringen, der meint dann schnell: 'Ach ist es jetzt soweit und vorbei?'“

Das war eigentlich eher noch anders, das obige ist nicht falsch, nur schlampig erinnert. Der gute Mann spielte also auf. Durchgefroren, tapfer, nicht schlecht (ich weiß, daß jedes Lob vor allem etwas Herablassendes hat, aber was soll man machen), ich machte meine Bilder.

Dieses Jahr also das Déjà vu. Er ist von den „Berlin Thistle Pipes & Drums“. Ihr lieben Leute, könntet ihr euren YT-Auftritt etwas aufhübschen, bitte! Wie sollen die Leute euch mögen, wenn sie euch nicht kennen?

Nein, der tapfere Dudelsackspieler vom letzten Jahr hat sich in mein Gemüt eingebrannt. Es ist schade, daß ich sprachlich nicht gewandt genug bin, das auch angemessen zu beschreiben. Diesmal war es eher warm, dafür lichtmäßig schlecht. Etwas kündigte sich an. Denn:

Was'n herrlicher Sommersturm im November, wollte ich noch sagen, wo ich das diesen Sonntagmorgen so herunterschreibe.




nachgetragen am 8. November

Donnerstag, 5. November 2015

5. November


Ist es nicht rührend? Denn der Blick spricht, die Gefahr ist woanders. Der Katzenblick...

Zu sagen, dies sei ein angenehmer Tag gewesen, wäre vermutlich die Unterschwindelung des Jahrhunderts. Es war wesentlich mehr. Aber ich hatte keine Ahnung davon. Es gab keine Zeichen am Himmel oder dergleichen.

Warum die Katzen? Wenig später hingen sie an der Terrassentür mit einem bodenlos empörten Gesichtsausdruck, sobald man den Kühlschrank öffnete, wie - wir laufen gleich zu einem von diesen europäischen Gerichtshöfen. Sie waren übrigens schon ziemlich satt. Im Falle, eine solche Klage ginge tatsächlich ein, das wären dann meine.

Und viel mehr wollte ich auch nicht sagen. Daß jemand, der in Wirklichkeit gar kein Englisch kann, an seinem Geburtstag (nu isses raus) Nachrichten von Leuten bekommt, die das jeden Tag sprechen müssen, ist kurios; daß das etwa 3/4 aller Nachrichten waren, leicht verstörend (ernsthaft gesprochen war es das dann auch mehr als einmal).

Ich sollte mich besser aufraffen, und meine Bekanntschaften pflegen, denn wenn ich irgendwann als Geist komme, erschrecken sie sich höchstens, wenn ich Glück habe. Die übrigen Bilder sind mir zu etwa der gleichen Zeit zufällig zugestoßen.




nachgetragen am 7. November

A translation?

Isn't it lovely? Because the view speaks - the danger is elsewhere. The cats look ...

To say, this was a pleasant day, would probably be the reason to search for another word for “understatement”. There were considerably more than just a few pleasant moments. Completely unexpected. No signs in the heavens or something like this.

Why the cat? A little later they were hanging on the patio door with a bottomless indignant expression as soon as I opened the refrigerator, like we will accuse you at one of these European courts. They have had enough already by the way. So in the case, such an action would happen actually, it will be mine.

That's all I wanted to say more or less, well, to add this. That someone, who knows in fact nearly no English (as you might see this very moment), gets messages from people on his birthday (now I said it), who have to use this language every day, that's strange; and that about 3/4 of all news, this was slightly disturbing (seriously speaking, it was then more than once).

I should better man up, and remember my neglected friends and acquaintances, because when I'll visit them as a ghost sometime, they get scared at most, if I'm lucky. I'm thankful and I will try to answer and to remember... The images are happened to me at about the same time by chance. And the car belongs to the landlord btw.


Dienstag, 3. November 2015

Auch nur Nebel











Diese Bilder sind vergangenen Montag-Nachmittag entstanden. Da dachte ich, ich könne schon wieder munter am Zierker See entlangfahren. Nun ja. Es gibt schlechtere Aufnahmen von Nebel-Landschaften. Wenn auch vielleicht nur wenige. Herr Pohlmann aus Neubrandenburg verwies mich darauf, daß man durchaus schöne Nebelbilder machen kann, womit ich endlich diesen Link unterbringe.

So ist das mit den Amateuren, sie mögen, was sie tun, obwohl sie keine Ahnung davon haben, aber das sollten sie dann besser auch wissen. Das war mir übrigens höchstselbst gegolten. Zwischendurch wurde ich des Nebels etwas überdrüssig. Also folgt dieser Nachtrag zum Montag unter dem falschen Dienstag tatsächlich am Mittwoch. Aber ist Zeit nicht sowieso eine späte Erfindung?

nachgetragen am 4. November

Montag, 2. November 2015

Sonntag & (nachgetragen)


Dürfen wir das diesmal ganz kurz machen bitte? Danke. Das gestrige Sonntagsessen hat eine Vorgeschichte, die wir bereits angedeutet hatten, unter dem Titel „Reformationstag - der nette Teil 1“. Das hätten wir also hinter uns.

Aber es sollte doch endlich etwas Ordentliches geben, und ich erinnerte mich an eine Rezept-Empfehlung, die nun vollzogen werden sollte, kurioserweise von derselben Person, die der Frau W. anrufshalber den Vorwand in die Hand gab, vor dem Herd hocken bleiben zu dürfen, um halb eins; sie fand das sehr lustig, zunächst, ich deute wieder nur an.

Ich habe also wenig später sehr viel Zwiebeln angebraten, dieselben beiseite getan. Einen guten Schweinebraten in mundgerechte Stücke zerschnitten, und die ebenfalls scharf angebraten. Pfeffer und Salz schauten auch vorbei. Das wurde dann mit 2 Flaschen Köstritzer Schwarzbier abgelöscht, und hinzu kamen – und schon wieder kommt die anonym bezeichnete Bekannte ins Spiel, sie ist eine große Liebhaberin selbst gezogener Kräuter...

Ich durfte mir also dabei zuschauen, wie ich getrockneten Liebstöckel und Oregano zerstieß, die Strünke entfernte und das übrige in den Sud bröselte, zusammen mit Kochsahne und besagten Zwiebeln natürlich. Das war es eigentlich und durfte fast zugedeckt vor sich hin schmoren, sollte nur nicht ansetzen, gelegentliches Umrühren half dabei, bei mäßigen Temperaturen.


Ach übrigens Herr P., gerade höre ich Deine Sendungswiederholung als Klangtapete, und an der Stelle mit den Affen liefen distinguiert tuende Leute am Panorama-Fenster vorbei - nu is mein nicht vorhandener Ruf hierorts endgültig ruiniert, da half auch kein Wegducken mehr.

Zum Essen. Der Geschmack fiel etwas zu sehr ins Säuerliche, also gab ich noch Balsamico-Essig dazu, und einen (großen) Teelöffel Honig, das glich sich darauf irgendwie aus. Ach jetzt habe ich doch das Wichtigste vergessen – braune Champignons und Austernseitlinge, die wurden leicht gesäubert, ihnen wurde kurz ein wenig Wasser angedroht, aber schnell wieder weggezogen - die schmorten grob geschnitten mit.

Frau W. wollte alles erst noch schälen. Aber das wäre dann wohl ein Nachtessen geworden, zum Zweiten, und zum Ersten wäre es Blödsinn gewesen, davon hatten wir jüngstens schon genug.


Die Geburtstagsblumen sind inzwischen etwas angetrocknet. Dabei ist es draußen hinreichend feucht.

Kleiner Einschub. Ich hatte heute viel Nebel photographiert, ich fand das unterwegs auch faszinierend. Aber zurück, beim Sichten der Aufnahmen - und ich hab ja hier diesen Panoramablick - wenn man hinaus sah, waren die wenigen Jogger, die ich inzwischen am Getrapse auseinanderhalten kann, und die vielen vor allem jung-männlichen Hundeausführer nach wenigen Metern wieder ins Grau verschluckt. Also überall Nebel, draußen und drinnen, und vorher schon, das wird einem denn doch zu viel.

Bevor übrigens ein Anflug von Mißgunst aufsteigen sollte: „Kuck ma Herta, da sind ganz schwarze Katzen, und da unten die kleinen, is' das süß, und da sitzt son Komischer an Computa...“. Die Aussichten haben immer mindestens 2 Richtungen.

Ach so, das Gericht kam ziemlich gut heraus.


Und es gab durchaus Lichtblicke. Eine kultivierte Nachbarin empfahl mir, am frühen Abend Arte einzuschalten, und zwar Verdis-Requiem aus der Mailänder Scala unter Daniel Barenboim. Mir erschien Verdi bisher ja eher als Unterhaltungs-Künstler. Aber das war unglaublich. Ich tue hiermit Abbitte.

Man sah den herausragenden Sängern förmlich an, wo sie mimisch verstimmt wurden, weil sie nicht vollständig perfekt waren, sondern nur ganz nahezu. Menschen eben. Aber es ist schon grenzwertig, so vorgeführt zu werden, von der Kamera, aber dann dachte ich, es sind Künstler, die kennen das. Wie auch immer (ich weiß übrigens nicht, wie lange dieser Link noch funktionieren wird, vermutlich nicht sehr lang).

Wollen wir wir wirklich mit einem Requiem enden. Es bleibt uns nichts Besseres übrig, für diesen Tag. Aber die Ewigkeit darf, persönlich gesprochen, schon noch etwas warten.

Sonntag, 1. November 2015

Allerheiligen

Mariotto Albertinelli (1503), Heimsuchung

Schon wieder ein religiöser Text? Ja, tut mir leid, es ist die Jahreszeit. Und Herr Roloff hat gepredigt. Gestern wollte ich eigentlich gar nicht so viel machen, aber dann ist mir die Galle übergekocht, und ich sage nach einem Tag des Nachdenkens noch mehr, zurecht. Man muß es nicht lesen.

Allerheiligen ist ein wunderbares Fest. Es böte sich an, etwas darüber zu schreiben, was Luther von ihnen hielt, den Heiligen; das ist komplexer, als zu erwarten, und man bedenke, er sah sich als derjenige, der die Kirche vor dem Abgrund aufzuhalten habe, da ist man nicht so subtil. Und ich glaube noch immer, daß darin keine Anmaßung lag.

Einer der Texte, der mich bei Kermani ärgerte, war der über Mariotto Albertinellis Heimsuchung, also der Begegnung von Maria und Elisabeth. Es geht um Lukas 1, 39ff. Ach wir bringen einfach den ganzen Text:

Maria aber stand auf in den Tagen und ging auf das Gebirge eilends zu der Stadt Juda's und kam in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth ward des heiligen Geistes voll und rief laut und sprach: 

Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Und woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Siehe, da ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte mit Freuden das Kind in meinem Leibe. Und o selig bist du, die du geglaubt hast! denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder; denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer. Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel wieder auf, wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewiglich.

Und Maria blieb bei ihr bei drei Monaten; darnach kehrte sie wiederum heim. Und Elisabeth kam ihre Zeit, daß sie gebären sollte; und sie gebar einen Sohn.

Elisabeth war wohlbetagt und gebar. Und Kermani meint nun, das habe Lukas zur Glaubhaftmachung der Jungfrauengeburt angeführt, wenn schon eine alte Frau... Und dann beschreibt er, was er sieht auf dem Bild, zwei Frauen, die nicht wirklich schön sind. Und was verwirrt mein Gemüt zuerst? Was für Frauen? Das sind doch die Hl. Jungfrau und die Hl. Elisabeth. Um einen sehr schiefen Vergleich zu bemühen, das ist ein wenig so, als würde man jemanden, der neben einem Dunkelhäutigen stünde, fragen, wieso hast du eigentlich einen Neger zum Freund, und der würde ratlos antworten, wen meinst du denn?

Das deutet vielleicht an, warum mein „Ärgern“ über die Bildbetrachtung mehr eine Einladung zu Mißverständnissen ist. Ist das Offensichtliche das Wahrere? Aber den einen Satz muß ich doch zitieren: „Denn von der Freude der beiden, die biblisch sogar das Kind in Elisabeths Leib ansteckt, ist überhaupt nichts zu sehen, nur Ergebenheit in den fremden, bestimmt höheren Willen, der durch sie geschieht.“

Ich sehe anderes. Die Bilder, die öffentlich zugänglich sind, es ist gut und verdienstvoll, daß es sie gibt. Man gewinnt immerhin eine Ahnung.

Der erste Impuls, man will niederknien, und der nächste, sich zurückziehen, um diesen intimen Moment nicht mit der eigenen Gegenwart zu beflecken. Da ist Wissen, Trost, Ausweglosigkeit, Einverständnis, Beistand, Überstehen, Kraft... ja innere Schönheit. In der Körperhaltung, den Gesten, der Zuwendung der Hände und Häupter, selbst der Augen. Ja Frauen sind sie außerdem noch; Männer bekommen keine Kinder. Aber darüber sind sie schon so weit erhoben, daß es einem gesagt werden muß.

Vielleicht ist genau das das Wesen des Heiligen, er wird vom Göttlichen angerührt, und seine irdische Präsenz hier wird nicht unwichtig, ganz und gar nicht, aber transparent, und sie leuchtet.


Mariotto Albertinelli (1503), Heimsuchung

Predigt Allerheiligen 2015

Offb 7, 9-17

Gnade sei mit euch und Frieden von dem der da war und der da ist und der da kommt! Amen

Liebe Gemeinde,

der Text aus der Offenbarung, den wir als Epistel gehört haben und der unser Predigttext ist, trägt die Überschrift: Die große Schar aus allen Völkern.

Wir erleben eine der zahlreichen Zukunftsvisionen, denen wir im letzten Buch der Bibel begegnen. Das Geheimnisvolle dessen, was hier durch Johannes geschaut wird, liegt in der Gleichzeitigkeit von dem, was sein wird, mit dem, was schon ist, und mit allem, was war. Immer wieder finden wir davon Anklänge in der Schrift. So raunt bereits der Prediger Salomo: „Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen;“ Pred 3, 15. Und in Christus wird auch dieser Gedanke Fleisch, denn er spricht: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.“

Etwas Unvorstellbares rückt hier an uns heran, und so lassen wir uns, bevor wir in der Offenbarung weiterlesen, durch Jesaja fragen: „Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen?“

Diese Dimension ist gemeint, wenn es heißt: „Ich sah eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,“

Immer suchen wir nach dem, was uns mit anderen Menschen verbindet, weil es für uns Menschen konstitutiv ist, dass wir nicht allein sein können. Wir brauchen die Gemeinschaft. Worin besteht aber das Gemeinsame? An diesem Gesicht des Johannes können wir es lernen. Es gibt etwas, das uns Menschen gemeinsam ist, und dieses steht über unserer Zugehörigkeit zu Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Die Menschen, von denen hier die Rede ist, werden zur Gemeinschaft durch das, wovor sie stehen – durch den Thron und durch das Lamm.

Die Hinwendung zur einzig wahren Autorität schafft ein neues Volk Gottes aus den Völkern, sie schafft das Gottesvolk, die Gemeinschaft der Heiligen, von der auch in unseren Bekenntnissen die Rede ist. Als Heilige sind sie durch die weißen Gewänder gekennzeichnet.
Der Palmzweig aber verdeutlicht, dass sie nicht ohne Zweck und ohne Aufgabe vor dem Thron Gottes stehen.

„Sie riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserem Gott, und dem Lamm!“

Sie rufen es mit einer Stimme. Es ist hier kein Tumult, kein Geschrei, kein Stimmengewirr, sondern ganz klar und hell erklingt: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt!

Das ist die Aufgabe der Heiligen, das ist die innere Bedeutung für alle Geschöpfe und für alles, was ist.

Und in der Gemeinschaft mit den Engeln, mit den Ältesten und mit allen Wesen am Throne Gottes fallen sie nieder zum Gebet.

Menschen gewinnen Einheit und Frieden durch das gemeinsame Gebet zum wahren Gott.

Dies nun ist ein gewaltiges Gebet: Gerahmt durch das bekräftigende Amen verkünden sie: Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserem Gott.

Ehre, Weisheit, Kraft und Stärke sind unserem Gott eigen. Diese vier Eigenschaften versinnbildlichen seine Allmacht, Vollkommenheit, Allwissenheit und Herrlichkeit.
Sie gehören ganz allein ihm an. Als Christen glauben wir darum, dass wo immer Menschen in die Nähe und in den Besitz von Ehre, Weisheit, Kraft und Stärke kommen, da nehmen sie nur Anteil an Gott. Sie empfangen alles von ihm, und ihre Ehre, Weisheit, Kraft und Stärke können nur Gültigkeit und Dauer beanspruchen als Gleichnis und Verkündigung von Gottes Wesen.

Lob, Dank und Preis aber sind durch die Menschen zu erbringen. Diese drei Dinge sind unser Auftrag am Throne Gottes. Wo wir seine Herrlichkeit schauen, da loben wir ihn, wo wir Ziel seiner weisen Güte werden, da danken wir ihm überschwänglich, und wo er sich als der allmächtige Schöpfer und Erlöser erweist, da antworten wir mit unserem Preis.

Das erst ist die ganze und vollkommene Gemeinschaft, an die wir glauben, und sie überwindet alles, was Menschen und Völker trennt, weil sie endlich dem begegnen, durch den und mit dem und in dem sie sind. Die vier Eigenschaften Gottes und die drei Pflichten seiner Heiligen fügen sich zur vollkommenen Sieben seiner Schöpfung.

Und wem bis an dieser Stelle noch nicht klar geworden ist, von wem hier die ganze Zeit schon die Rede ist, dem wird es jetzt offen ausgesprochen:

„Diese sind's, die gekommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes. 15 Darum sind sie vor dem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. 16 Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze; 17 denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“

Liebe Gemeinde,

es ist hier bereits die ganze Zeit von uns die Rede. Noch sind wir ein Teil dieser Welt. Als getaufte Glieder der Kirche aber sind wir schon jetzt Teilnehmer dieses himmlischen Chores und seines ewigen Lobgesangs. Die Gemeinschaft der Heiligen gründet sich nicht erst in Gottes Ewigkeit, sondern wird in seiner Schöpfung gegenwärtig durch seine Kirche.

Heilige sind nicht zunächst die besseren Menschen. Nur wenige haben die Kraft zu großen guten Taten oder machen die Erfahrung der besonderen Nähe Gottes, aus der heraus die Taten erst werden können, wegen derer man ihr Leben und ihre Person dann heilig nennt.
Sehr wohl aber muss etwas im Leben aller, die der Gemeinschaft der Heiligen angehören, schon jetzt groß sein.
Das kann dann aber auch die Größe der Reue sein, die wir über begangenes Unrecht empfinden. Es kann die Größe der Liebe sein, die uns dann dennoch in die Irre leitet. Es kann die Größe von Leid und Schmerz sein, in denen wir keinen Trost mehr finden. Es kann die große Buße sein, die wir üben.

Es gibt so vieles, was uns begegnet, und was uns erinnert, das ohne die Heiligkeit keine Verbindung gestiftet werden kann zwischen uns und denen die waren und wiederum zwischen uns und denen, die noch sein werden und wiederum zwischen allen und Gott.

Weil wir von Gott herstammen sind wir heilig und dürfen an die Gemeinschaft der Heiligen glauben, der er das Heil bereiten wird.

Auch vor uns sind sie gegenwärtig der Thron und das Lamm.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen
Thomas Roloff

Samstag, 31. Oktober 2015

Reformationstag – der andere Teil

Wartburg zwischen 1890 und 1905

Luther der obrigkeitshörige Bauernfeind und Judenfresser, ohne den nicht all die armen Menschen im dreißigjährigen Krieg hätten sterben müssen, und der dogmatisch engstirnig meinte, wer nicht Christus anhänge, der sei verdammt (er war nicht so tolerant, wie uns das heute selbstverständlich geworden ist), und im Original könne man den sowieso nicht lesen, habe sie auch nicht, während des Studiums nur dann, wenn sie mußte. Aber es gäbe schöne Lesebücher über ihn...

Die habe ich schon wieder vergessen (wahrscheinlich gehen die Titel so à la 'Luther als Frau' oder dgl.). Offensichtlich hatte sie irgendwo gelernt, das Allerwichtigste sei, sich kritisch zu verhalten. Nun, das hat sie angestrengt erfüllt, accompagniert von anderen Akteuren.

Etwas in mir hatte den Braten bzw. dieses offensichtliche Aneinanderkleben von Spiegel-Titelgeschichten schon gerochen, und so nahm ich mir zur Abwehr ein Gesangbuch aus den 50er Jahren mit, da stehen noch schöne Texte drin. Es gab andere Passagen, aber wenn einem der dünnpfiffige Zeitgeist so auf's Hauptgericht gekleckert wird, ist man erst mal bedient und will vor allem nur eins - Erbrechen. Diese lutherische Analphabetin fühlt sich also ins Predigtamt eingesetzt. Aber da fällt uns immerhin ein: „Auf Mose's Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, daß ihr halten sollt, das haltet und tut's; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun...“.

Und was meinem diese Woche wieder wacheren Geiste, dank des Herrn Kermani und des (im Original unlesbaren, wie ich heute erfahren habe) Herrn Luther aufgefallen ist: Dieses protestantische Schrumpf-Christentum ist wie der Auftritt einer Schmierentruppe, bei der es nur noch darum geht, sich gemeinsam wohlzufühlen und Stallgeruch auszubilden. Ich komme aus dem Milieu und habe mich seit meiner Kindheit zunehmend fremder dort gefühlt (und nicht, weil Er mir fremder geworden wäre).

Ein Seitenwechsel. Daß man Luther durchaus im Original lesen kann, habe ich bereits angedeutet. Und jetzt wird es etwas kurios. Nach meinem inneren Bewußtsein habe ich bisher nüscht Erwähnenswertes über Vater Luther geschrieben. Aber ich dachte so bei mir, schau mal, dann mußt Du vielleicht nicht alles wieder abschreiben. Na ja. Das bin ja alles auch nicht ich. Aber man vermag sich kaum vorzustellen, mit was für einem inneren Frieden ich aus der Sache herausging. Es folgt also eine kleine ungeplante Lesereise.

Unter dem 18. Februar 2010 lesen wir „Von Vater Luther“ u.a.:

„Die Schwärmer gefallen mir auch deshalb nicht, weil sie die Musik verdammen. Denn sie ist erstens ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen; zweitens macht sie fröhliche Herzen; drittens verjagt sie den Teufel; viertens bereitet sie unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Den ersten Platz nach der Theologie gebe ich der Musik.“

„Es ist kein Zweifel: Viele Samen guter Eigenschaften stecken in den Gemütern, die von der Musik ergriffen werden; die aber nicht von ihr ergriffen werden, sind, denke ich, Stümpfen und Steinen gleich. Denn wir wissen, daß die Musik auch den Dämonen verhaßt und unerträglich ist.“

„Ich bin auch nicht der Meinung, daß durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche falsche Geistliche vorgeben, sondern ich möchte alle Künste, besonders die Musik, gerne sehen im Dienste dessen, der sie gegeben und geschaffen hat.“

Nach dem 23. September 2011 begann ich immer dringlicher darüber nachzudenken, ob ich nicht endlich Katholik werden sollte: „Benedicat vos omnipotens Deus“

Denn der vormalige Papst Benedikt XVI. sagte über Luther u.a.

„Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott.“

„‚Wie kriege ich einen gnädigen Gott?‘ Daß diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer wieder ins Herz. Denn wen kümmert das eigentlich heute noch …? … Die meisten Menschen, auch Christen, setzen doch heute voraus, daß Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiert. Er weiß ja, daß wir alle nur Fleisch sind. Und sofern man überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaubt, setzen wir doch praktisch fast alle voraus, daß Gott großzügig sein muß und schließlich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinwegschauen wird. Die Frage bedrängt uns nicht mehr. Aber sind sie eigentlich so klein, unsere Fehler? Wird nicht die Welt verwüstet durch die Korruption der Großen, aber auch der Kleinen... Wird sie nicht bedroht durch die wachsende Bereitschaft zur Gewalt, die sich nicht selten religiös verkleidet? Könnten Hunger und Armut Teile der Welt so verwüsten, wenn in uns die Liebe zu Gott und von ihm her die Liebe zum Nächsten, zu seinen Geschöpfen, den Menschen, lebendiger wäre? … Nein, das Böse ist keine Kleinigkeit. Es könnte nicht so mächtig sein, wenn wir Gott wirklich in die Mitte unseres Lebens stellen würden. Die Frage: Wie steht Gott zu mir, wie stehe ich vor Gott – diese brennende Frage Luthers muß wieder neu und gewiß in neuer Form auch unsere Frage werden, nicht akademisch sondern real. Ich denke, daß dies der erste Anruf ist, den wir bei der Begegnung mit Martin Luther hören sollten.“

Das andere, was Luther auszeichne, sei seine Hinwendung zu Christus: „ Gott, der eine Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, ist etwas anderes als eine philosophische Hypothese über den Ursprung des Kosmos. Dieser Gott hat ein Gesicht, und er hat uns angeredet. Er ist im Menschen Jesus Christus einer von uns geworden – wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Luthers Denken, seine ganze Spiritualität war durchaus christozentrisch: ‚Was Christum treibet‘, war für Luther der entscheidende hermeneutische Maßstab für die Auslegung der Heiligen Schrift. Dies aber setzt voraus, daß Christus die Mitte unserer Spiritualität und daß die Liebe zu ihm, das Mitleben mit ihm unser Leben bestimmt.“

Und zum Heutigen:  „Die Abwesenheit Gottes in unserer Gesellschaft wird drückender, die Geschichte seiner Offenbarung … scheint in einer immer weiter sich entfernenden Vergangenheit angesiedelt.“

„Muß man dem Säkularisierungsdruck nachgeben, modern werden durch Verdünnung des Glaubens? Natürlich muß der Glaube heute neu gedacht und vor allem neu gelebt werden, damit er Gegenwart wird. Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe, in der wir uns gegenseitig helfen müssen: tiefer und lebendiger zu glauben.“

Natürlich ist Vater Luther nicht unfehlbar, so übersetzt er Jeremia 2.5: „So spricht der HErr: Was haben doch eure Väter Fehls an mir gehabt, daß sie von mir wichen und hingen an den unnützen Götzen, da sie doch nichts erlangeten.“

Eine englische Übersetzung geht:
Thus says the LORD, "What injustice did your fathers find in Me, That they went far from Me And walked after emptiness and became empty?“

Das ist besser.

Unter „Über die Wirksamkeit Einzelner“ vermeinte ich von Luther vermelden zu müssen: „… daß ich die Nöte und Gefahren, die Unruhe und Zwietracht, die sich um meiner Lehre willen in aller Welt erhoben haben… sorgsam genug bedacht und erwogen habe… Darum müssen wir bedenken, wie Gott wunderbar und schrecklich ist in seinen Ratschlüssen, daß nicht am Ende das, was wir ins Werk setzen, um der Unruhe zu steuern, damit anfängt, daß wir Gottes Wort verdammen, und so viel mehr einer neuen Sintflut ganz unerträgliche Leiden zustrebt...

Ich könnte es hier mit vielen Beispielen aus der Schrift… veranschaulichen, wie sich gerade dann am sichersten zugrunde richteten, wenn sie mit besonders klugen Plänen darauf ausgingen, Ruhe und Ordnung in ihren Reichen zu behaupten. Denn er, Gott, fängt die Schlauen in ihrer Schlauheit und kehret die Berge um, ehe sie es inne waren. Darum ist's die Furcht Gottes, deren wir bedürfen…

Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen.“

Und über die allerseligste Gottesmutter schreibt Martin Luther: „Die großen Dinge sind nichts anderes, als daß sie Gottes Mutter geworden ist, in welchem Werk ihr so viele und große Güter gegeben sind, daß niemand sie begreifen kann. Denn da folget alle Ehre, alle Seligkeit, und daß sie im ganzen menschlichen Geschlecht eine einzigartige Person ist über alle, der niemand (darin) gleich ist, daß sie mit dem himmlischen Vater ein Kind, und ein solches Kind hat. Und sie selbst kann ihm keinen Namen geben vor überschwänglicher Größe und muß es dabei bleiben lassen, daß sie heraus brünstet und schäumt, es seien große Dinge, die nicht auszureden seien noch zu messen. Darum hat man in einem Wort alle ihre Ehre begriffen, so man sie Gottes Mutter nennet. Es kann niemand Größeres von ihr noch zu ihr sagen, wenn er gleich so viel Zeugen hätte wie Laub und Gras, Sterne am Himmel und Sand im Meer ist."

Die Lutherstube auf der Wartburg zwischen 1890 und 1900

Und vom vorjährigen Reformationstag bringen wir nur dies in die Erinnerung zurück (wir sind rechtschaffen müde, brechen hier ab und gehen anschließend zu Bett):

„So siehst du, was an Gott glauben heißt, nämlich, ein solches Herz gewinnen, das groß und unverzagt wird gegen alles, was der Teufel und die Welt vermag, Armut, Unglück, Schande und Sünde dazu.“

“Die Welt ist gleich wie ein trunkener Bauer, hebt man ihn auf einer Seiten in den Sattel, so fällt er zur andern Seiten wieder herab; man kann ihm nicht helfen, man stelle sich, wie man wolle. Also will die Welt auch des Teufels sein.“

"Vergil hat viel schlechte Dichter hervorgelockt, Philipp Melanchthon viel schlechte Dialektiker, ich viel schlechte Theologen, denn einige schreiben nach dem Holzmaß; manche meinen, wenn sie drei Sätze hätten, wäre es schon eine Schlußfolgerung."

Es ist wahr, daß halbgelehrte Leute die unnützesten Leute auf Erden sind, und wäre ihnen viel besser, daß sie gar nichts könnten. Denn sie gehorchen niemand nicht, können es alles selbst bessser denn alle Welt, wissen zu urtheilen alle Kunst und Schrift, und Summa, sie können niemand etwas Rechtschaffenes lehren und lassen sich auch von niemand lehren."

„Erasmus ist ein rechter Momus, der alles verspottet, auch die ganze Religion und Christum. Und auf daß er's desto baß tun könne, erdenkt er Tag und Nacht Wankelwort, daß seine Bücher auch können von Türken gelesen werden. Wenn man meinet, er habe viel gesagt, so hat er nichts gesagt. Denn alle seine Schriften kann man ziehen und deuten, wie und wohin man will.
Erasmi vornehmste Lehre ist, man soll den Mantel nach dem Winde hangen, dass er möchte Ruhe und gute Tage haben und ist gestorben wie ein Epikuräer.“

„Erasmus Roterodam hält die christliche Religion und Lehre für eine Komödien oder Tragödien, in welcher die Ding, so darinnen beschrieben werden, niemals also geschehen und ergangen sind wahrhaftig, sondern sind allein darum erdichtet, daß die Leute nur zu einem feinen äußerlichen Wandel und Leben unterrichtet und angerichtet würden zu guter Disziplin und Zucht.“

"Der Pöbel wollte, daß keine weisen, verständigen, gelehrten Leute und Prediger wären, daß sie möchten leben wie sie wollten. Wenn das geschähe, so verginge die Welt; denn ohne Verstand, Weisheit und Gesetze können weder Türken noch Tataren leben und haushalten."

„Es können nicht alle zugleich Könige, Fürsten, Ratsherren, Reiche und Freie sein, denn die Welt kann ohne mancherlei und unterschiedliche Personen nicht bestehen: Wie vor Gott kein Ansehen der Person ist, sondern alle gleich sind, so braucht doch die Welt das Ansehen der Person und die Ungleichheit. Und das dazu, damit die Bösen im Zaume gehalten und der öffentliche Friede gewahrt werde, der bei völliger Gleichheit und Unterschiedslosigkeit aller Menschen nicht bestehen kann.“

„Es ist wohl leicht, eine Obrigkeit und Regenten bei Seite schaffen aber es ist nicht gleich eine bessere da... Wer da wollte eine Gleichheit machen, daß der Knecht so viel gelten soll, als sein Herr, die Magd so viel Gewalt haben, als die Frau, ein Bauer so viel als sein Fürst, der würde ein sehr löbliches Regiment einführen, wie man an den Aufrührern wohl gesehen hat. Da würde wohl niemand seines Lebens, Ehre und Gutes sicher sein können und keine Nacht ruhig schlafen... und ehe man in Deutschland eine neue Weise des Reichs anrichtete, so wäre es dreimal verheeret.“

„Denn Aufruhr ist... wie ein groß Feuer, das ein Land anzündet und verwüstet.  Dem gemeinen Mann ist nun sein Gemüth zu stillen und zu sagen, daß er sich enthalte auch der Begierden und Worte, so zum Aufruhr sich lenken. Denn die Weise ist nichts nütze, bringt auch nimmermehr die Besserung, die man damit suchte. Denn Aufruhr hat keine Vernunft, und geht gemeiniglich mehr über die Unschuldigen, als über die Schuldigen.“

„Und sonderlich von den Bildern hab ich am letzten also geredt, daß man sie solle abthun, wenn sie angebetet; sonst mag man sie wohl leiden... und müssen nicht so bald zufahren, wenn ein Mißbrauch eines Dings vorhanden ist, daß wir dasselbige Ding umreißen oder zunichte machen wollten. Denn wenn wir alles wollten verwerfen, des man mißbraucht, was würden wir für ein Spiel zurichten? Es sind viel Leute, die die Sonne, den Mond, und das Gestirn anbeten; wollen wir darum zufahren und die Sterne vom Himmel werfen, die Sonne und den Mond herab stürzen?"

"Der Wein und die Weiber bringen manchen in Jammer und Herzeleid, machen viele zu Narren und wahnsinnigen Leuten; wollen wir drum den Wein wegschütten, und die Weiber umbringen? Nicht also! Gold und Silber, Geld und Gut stiften viel Böses unter den Leuten: soll man drum Solches alles wegwerfen? Nein, wahrlich! Ja, wenn wir unsern nächsten Feind vertreiben wollten, der uns am allerschädlichsten ist, so müßten wir uns selbst vertreiben und tödten. Denn wir haben keinen schädlicheren Feind, denn unser eigen Herz; wie der Prophet Jeremias sagt C. 17., V. 9...

"Der Fall Adams hat unsere Natur verderbt, daß sie ganz unbeständig geworden ist. Sie läuft hin und wider wie Quecksilber!... Adam und Eva werden sich gar weidlich oft die neunhundert Jahre miteinander gescholten haben: 'Du hast den Apfel gefressen.' Darauf die Antwort: 'Warum hast du ihn mir gegeben?"

„Christus, da er Menschen erziehen wollte, mußte er Mensch werden. Sollen wir Kinder erziehen, so müssen wir auch Kinder mit ihnen werden.“

„Denn je älter wir werden, je törichter wir werden! Wenn wir alt werden, so beginnen wir zu disputieren, wollen klug sein und sind doch die größten Narren.“

Daß selten ein gut Werk aus Weisheit und Fürsichtigkeit fürgenommen werde oder geschehe, sondern es müsse alles in einem Irrsal oder Unwissenheit geschehen.

„Es ist kein Baum, der zuvor nicht wäre ein Sträuchlein gewesen. Zeit bringt Rosen.“

Luther auf seiner letzten Reise in Eisleben, als ein Barbier ihm die Haare schnitt und den Bart abnahm: Die Erbsünde im Menschen wäre gleich eines Mannes Bart, welcher, ob er wohl heute abgeschnitten würde, daß einer gar glatt ums Maul wäre, dennoch wüchse ihm der Bart des Morgens wieder. Solches Wachsen der Här und Barts hörete nicht auf, dieweil ein Mensch lebete; wenn man aber mit der Schaufel zuschlägt, so höret's auf.  Also bleibet die Erbsünde auch in uns und reget sich, dieweil wir leben; aber man muß ihr widerstehen und solche Här immerdar abschneiden.

„Den Vergil in seinen Bucolicis kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte gewesen. Den Vergil in seinen Georgicis kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Ackermann gewesen. Den Cicero in seinen Episteln kann niemand ganz verstehen, er habe denn 25 Jahre in einem großen Gemeinwesen sich bewegt. Die Heilige Schrift meine niemand genugsam geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert. Versuche nicht diese göttliche Äneis, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler. Das ist wahr. 16. Februar, anno 1546“

Martin Luther auf dem Sterbebett

"Wir sind Bettler. Das ist wahr." So sagt Vater Luther am Ende, und in Dankbarkeit bin ich mir sicher, daß er von dort, wo er jetzt weilt, zu unserem Fürsprecher geworden ist, so wir ihn darum bitten.

Reformationstag - der nette Teil 1


Ich hasse es, wenn Menschen bei Nachrichten mit „Ich“ anfangen, sofern sie nicht gerade Hölderlin heißen. Nun hab ich's gerade getan, aber dieses ist ja auch eine private Seite und zum Verständnis des nachfolgenden nicht vollständig unerheblich.

Noch bin ich nicht so alt, alles um Unpäßlichkeiten kreisen lassen zu müssen, aber in dieser Woche kam zu meiner Erkältung eine Magengeschichte dazu, was zu folgendem Dialog gestern führte.

Zu Frau W. gesprochen: 'Du kannst völlig vergessen, daß ich mich morgen an den Herd stelle, nur weil Reformationstag ist, da kotze ich höchstens in den Topf'. Antwort: 'Aber für ein kräftiges Frühstück wird es ja wohl noch reichen. Davon habe ich übrigens schon geträumt'.

Das bekam sie also heute (Fisch in Varianten) und guckte anschließend in einer deutlichen Mischstimmung stundenlang aus unserer Wunderküche in den goldenen Herbst. Postkartenreif, das dort draußen. Und irgendwann hörte ich: 'Was ist das da für ein Licht?' Und fing eintretend mit einer genervt pedantischen Erklärung an, um innezuhalten.



Es war das farbige Rosetten-Fenster von der anderen Seite des Querschiffs der Schloßkirche, das die Herbstsonne durchleuchtete. Es war unglaublich. Wenn man illustrieren wollte, was christliche Mystik bedeutet, das wäre es gewesen. Meine Kamera ist zu schlecht dafür (und meine Sprache zu dürftig), ich habe deshalb sogar den freundlichen Nachbarn über uns meine Anwesenheit aufgedrängt, vergeblich.




Das sind also die idyllischen Bilder des Scheiterns. Aber das Ereignis bleibt ja real. Es waren in Wirklichkeit viel mehr Farben, und es war vollständig. Als würden aus einem Haufen von vergilbendem Laub Chöre von Licht hervorbrechen - ruhig, geheimnisvoll, in sich geborgen, unangreifbar, immer schon da, als begönne die Dunkelheit, aus sich heraus zu leuchten. Als hätte das Nichts beschlossen, den Schöpfer zu preisen... Wir schweifen ab.

Ist es wichtig, das Geheimnisvolle beschreiben zu können? Wesentlich ist nur, daß es sich ereignet.