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Samstag, 17. November 2018

Königin Charlotte zum 200. Todestag – ein Nachtrag

William Beechey: Queen Charlotte

Königin Sophie Charlotte, die Gemahlin Georg III. starb am 17. November 1818, also vor 200 Jahren. Ich muß gestehen, es wurmte mich, sie aus diesem Anlaß hier nicht noch einmal gewürdigt zu haben. Aber in Mirow gab es dazu eine angemessene Festveranstaltung (der ich nicht beiwohnen konnte, so daß ich nur auf diesen Bericht verweisen kann), und Frau Lembke wird ihr Amt gewohnt souverän ausgefüllt haben. Dessen bin ich mir sicher.

Was also tun? Ich selbst stieß bei meinem kleinen September-Beitrag über eine der 3 Strelitzer Königinnen (ich weiß, vielleicht auch vier, aber ich lasse mich bis jetzt nur zu 3 ¼ überreden) doch arg an meine Grenzen (und man sollte wirklich nur über das schreiben, in dem man einigermaßen zu Hause ist. Aber dann stolperte ich über eine Lektüre, die mein Dilemma wenigstens etwas auflöste (ohne es übrigens sogleich zu merken).

„All Things Georgian“ - Untertitel: „Super Sleuths who blog about anything and everything to do with the Georgian Era“ - nennt sich ein höchst unterhaltsamer Blog, in dem zwei Damen die Themen vom Wetter in Whaplode, Lincolnshire bis hin zum Wechsel der Damenfrisuren während der georgianischen Zeit ausspannen und sich so bemühen, eben diese Epoche abzubilden. Ich habe nur 2  amüsantere Beispiele herausgegriffen.

(Übrigens hüte man sich, so man meiner Empfehlung folgt, wenn man dort angelangt ist, auf die Schaltfläche „Blog“ zu gehen, es sei denn, man will unbedingt seinen Browser einfrieren. Besser geht man auf „RECENT POSTS“ oder „Search“ und arbeite sich von da aus hindurch.)

Einträge über Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz findet man selbstredend einige, darunter eine Bildergeschichte namens „The many faces of George III’s wife, Queen Charlotte“, worin Portraits der Königin vorgestellt werden. Darunter 2 Versionen eines Gemäldes von William Beechey, einer der von ihr bevorzugten Künstler (sie ernannte ihn zu ihrem offiziellen Hofporträtisten), oben eingangs hier abgebildet ist die Version von 1796, am Ende wird sich die von 1812 finden.

In der georgianischen Ära fand das Britische zu seiner charakteristischen Gestalt, man baute Renaissance-Paläste nach, warf sich sozusagen den römischen Mantel über und versuchte bald, auch in vielfältig anderer Weise dem Vorbild nachzueifern. Irgendwann würde man den Begriff „Empire“ dafür finden.

Königin Charlotte ist ein Symbol dieser Epoche, und als solches vermag sie gewissermaßen auch eine Brücke zu bilden, von ihrer Strelitzschen Heimat hin zu dem Britannien ihrer Epoche.

William Beechey: Queen Charlotte

nachgetragen am 21. November 2018

Donnerstag, 15. November 2018

Jacob Rees-Mogg

Ferdinand Leeke, Der junge Siegfried im Wald an einer Quelle 
(um 1885), hier gefunden

Sehr verträumt, nicht wahr, nun ja, das wird sich ändern.

Dankwart

Du bist gewiß aufs Kämpfen so versessen,
Seit du des Lindwurms Schuppenpanzer trägst?
Nicht jedermann betrog den Tod, wie du,
Er findet eine offne Tür bei uns.

Siegfried

Wohl auch bei mir! Hab Dank, du alte Linde,
Daß du ein Blatt auf mich herunterwarfst,
Als ich mich badete im Blut des Drachen,
Hab Dank, o Wind, daß du sie schütteltest!
Nun hab ich doch die Antwort für den Spötter,
Der seine Feigheit hinter Hohn versteckt.

Friedrich Hebbel, Die Nibelungen

Siegfrieds verwundbare Stelle wurde bekannt und zu seinem Verderben benutzt. Zuneigung gefährdet auch, und diese Möglichkeit wird selten ausgelassen. Bekanntlich hat die tief eingewurzelte Anglophilie der Deutschen ähnliche Ergebnisse gezeitigt. Wir sind mitten in diesem gruseligen Novembergedenken, über das man gar nichts sagen mag.

Darum müssen wir jetzt tief Luft holen. Vor einem Jahr fiel mir überraschend auf, daß ich nicht wenig des Englischen tatsächlich verstehe, auch wenn ich es oft nicht mochte. Zur Erholung hörte ich dann Jacob Rees-Mogg, und da ist sie wieder - die verhängnisvolle Anglophilie, die unsren Vorvätern und dem Reich soviel Schaden gebracht hat. Nun ja (hier wenigstens ohne jede erwartbare Folge, es ist vor allem beruhigend, unbedeutend zu sein).



Er ist der festen Überzeugung, daß er sein Vereinigtes Königreich nur retten kann, wenn er es möglichst weit von der Europäischen Union wegzubringen vermag. Dafür spricht einiges. Aber ich mag hier gar nicht politisch werden und von Dingen reden, von denen ich überhaupt nichts verstehe.

Also erstens. Sein Englisch ist seelenerholend. Zweitens, er steht für das ein, woran er glaubt. Er hat heute der gegenwärtigen Premierministerin einen Mißtrauensbrief geschrieben, und ich weiß nicht, wie viel gefolgt sind (es existiert ein Prozedere). Es ist auch nicht sicher, ob es eine weitere Entwicklung in seinem Sinne geben wird. Er stellt sich völlig ins Ungewisse. Aber er steht für seine Überzeugungen ein, und er hat nicht nur welche, sondern vermag sie auch auszudrücken. Ach wären wir da.

Good day, sir (and Good hunting!) The Virgin might bless you.


"What I'm trying to do is reassure the Prime Minister that she has a great deal of support if she sticks to her guns." 

Samstag, 22. September 2018

Sophie Charlotte

Johann Georg Ziesenis, Sophie Charlotte als Prinzessin 
von Mecklenburg-Strelitz, ca. 1761, hier gefunden

Immerhin 3 Königinnen hat das kleine Mecklenburg-Strelitz in seiner nur wenig über 200 Jahre hinausgreifenden Geschichte hervorgebracht. Nicht, daß es jemals zum Königreich herangereift wäre (der Großherzogstitel war schon etwas hochgestapelt, aber da die Schweriner 1815 auf dem Wiener Kongreß auf der Standeserhöhung bestanden, konnte man schlecht zurückstehen), sie sind natürlich Königinnen durch Heirat geworden (wobei das Deutsche hier höflicher ist als etwa das Englische).

Von Königin Charlotte, der Gemahlin Georg III. soll die Rede sein. Ihr Bruder wurde 1753 als Adolf Friedrich IV. überraschend Regent in Strelitz (nach einigen Wirren - der Schweriner Herzog Christian Ludwig II. hatte die Vormundschaft beansprucht und schickte Truppen, bis der Bruder vom Kaiser vorzeitig für mündig erklärt worden war), da der zuvor regierende Onkel keine männlichen Nachkommen hinterließ (der Bruder dann übrigens ebenso nicht; ihr Vater war am 4. Juni desselben Jahres verstorben, so daß Adolf Friedrich noch für ein halbes Jahr bis zum 11. Dezember 1752 Thronfolger wurde).

Adolf Friedrich IV. ist durch Fritz Reuters „Dörchläuchting“ immerhin noch etwas mehr in der allgemeinen Erinnerung geblieben, wenn auch überzeichnet. Doch welcher Erinnerung darf man schon trauen? Aber wir schweifen bereits ab, bevor wir überhaupt nur angefangen haben.

Sophie Charlotte wurde am 19. Mai 1744 in Mirow geboren, ihr bereits erwähnter Vater war ein  Halbbruder des regierenden Herzogs Adolf Friedrich III., ihre Mutter Elisabeth Albertine eine geborene Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen. Diese Umstände deuteten nicht darauf, daß Sophie Charlotte einmal die spätere Aufmerksamkeit erlangen sollte, die uns heute bekannt ist  - ein kleines Herzogtum in Norddeutschland, und dann der Vater gewissermaßen einer Nebenlinie angehörend. Der Fortgang der Dinge ist oben bereits angedeutet. Mit dem Regierungsantritt des Bruders wechselte sie nach Neustrelitz.

Zu ihren Lehrern zählen der Naturforscher und spätere Stargarder Propst Gottlob Burchard Genzmer sowie Friderike Elisabeth von Grabow. Der britische Reiseschriftsteller Thomas Nugent traf sie 1766 in Güstrow und wußte zu berichten: „In Gesellschaften ist sie angenehm und herablassend, und dabei ungemein gesprächig... Sie spricht fertig italiänisch und französisch, und ihre Muttersprache mit der feinsten Kritik; auch ist sie Verfasserin verschiedener Gedichte, wodurch sie sich den Namen der deutschen Sappho erworben hat.“ Nun ja, (auf 184 Seiten) gedruckt erhalten haben sich von ihr „Freye Betrachtungen über die Psalmen Davids“, Lübeck, und Leipzig, 1752, durchaus lesbar übrigens.

Friderike Elisabeth von Grabow
„Freye Betrachtungen über die Psalmen Davids“

Warum ich das so breit ausführe? Englische Stimmen aus der Zeit ihrer Vermählung lassen verlauten, sie hätte eine sehr mäßige Bildung genossen, vergleichbar mit der der Tochter eines englischen Landedelmanns, sie habe zwar rudimentäre Kenntnisse in Botanik, Naturgeschichte und Sprachen erlangt, aber der Schwerpunkt ihrer Erziehung habe in Haushaltsführung und Religion gelegen, erst nach dem Regierungsantritt ihres Bruders sei sie überhaupt in fürstliche Verpflichtungen und die des Hofleben eingeführt worden. Man sieht förmlich die hochgezogenen Augenbrauen, während man es liest. Nur zum Nachrechnen: Anfang 1753 war sie 8 Jahre alt!

In Großbritannien wurde nach dem Tod seines Großvaters am 25. Oktober 1760 also der zukünftige Gatte von Sophie Charlotte als Georg III. König von Großbritannien und Irland sowie Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg. Der brauchte eine standesgemäße Gemahlin. Die Wahl fiel auf Sophie Charlotte, am 8. September 1761 sahen sich beide überhaupt zum ersten Mal, die Vermählung erfolgte unverzüglich. Man sollte erwarten, daß sich ein solches „Kennenlernen“ nicht unbedingt förderlich auf das weitere „Eheglück“ auswirkt, doch erstaunlicherweise war es nicht so.

Warum die Wahl auf sie fiel, ist schwer zu ersehen. Vielleicht spielte das wirklich liebenswürdige Porträt eine Rolle, das oben zu finden ist. Oder es waren politische Gründe: Mecklenburg-Strelitz war machtpolitisch zu unbedeutend, als daß von dieser Ehe Einflußversuche zu befürchten waren, außerdem war es protestantisch. Wie auch immer.

Charlottes Wappen als Königin von Großbritannien und Irland
sowie von Hannover, hier gefunden

Schon am 22. September 1761 wurden die erst 17-jährige Charlotte und der sechs Jahre ältere Georg gekrönt. Wie die Floskel so geht, ließ die Ehe sich gut an. Was, wie gesagt, überraschen könnte, denn nach den erwähnten Zeitgenossen sollte sie doch einen beschränkten geistigen Horizont haben, Georg hingegen hatte eine anspruchsvolle Erziehung genossen.

Man könnte einwenden, sie habe eben eine anziehende Erscheinung gehabt. Aber auch hier sind sich die Briten einig: Ihr Teint war dunkel und dazu kamen noch weite Nasenlöcher! Desmond Shawe-Taylor, der derzeitige Oberaufseher über die königlichen Sammlungen: „Sie war berühmt für ihre Häßlichkeit“. Ein Höfling habe einmal über Charlotte im Alter geurteilt: „Die Häßlichkeit Ihrer Majestät ist ziemlich verblaßt“. Und ab hier wollen wir die Gehässigkeiten unübersetzt lassen: Der Historiker John H. Plumb beschreibt sie als"plain and undesirable".

Sogar ihr Arzt, Baron Christian Friedrich Stockmar, habe die gealterte Königin als "small and crooked, with a true mulatto face" beschrieben. Nun lieben die Briten schroffe Urteile über andere. Der König hat sich diesem offenkundig nicht angeschlossen, was zumindest mißtrauisch gegen das Urteil machen sollte.

Andere wieder meinen, zwar sei Georg III. vom Mangel an Schönheit seiner Braut enttäuscht gewesen, mit ihrem frommen und bescheidenen Charakter habe sie aber bald für sich eingenommen. Nicht Geist, Witz und Schönheit waren es demnach, sondern Charakter und gemeinsames Interesse, die verbanden. Zu letzterem kommen wir gleich.

Allan Ramsay, Queen Charlotte with her two Eldest Sons
etwa 1764-69, hier gefunden

Eine Skurrilität wollen wir noch anfügen. Tatsächlich sieht sie auf einigen Porträts etwas, sagen wir, unvorteilhafter (etwa bei Allan Ramsay) aus als auf anderen, die es ebenso gibt. Und jetzt kommt die Pointe, nein, nicht häßlich wäre sie gewesen, sondern schwarzes Blut, das auch in ihren Adern floß, sei so zum Vorschein gekommen. Ein gewisser Mario de Valdes y Cocom will herausgefunden haben daß die portugiesische Vorfahrin Margarida de Castro e Souza (†1475) ihrerseits eine maurische Ahnin gehabt habe. Wer solche, dem Zeitgeist entkrochenen Geschichten, bebildert gar als Stammbaum, mag, darf sich das gern hier ansehen.

Nathaniel Dance-Holland  (1735–1811), 
Porträt der Königin Charlotte, hier gefunden

Immerhin räumen die scharfen Kritiker ein, daß sie sich sehr bemühte, die englische Sprache schnell zu erlernen (obwohl die engere Familie noch komplett deutschsprachig war), und eine Leidenschaft für Kunst und Musik gesteht man ihr ebenso zu (sie sang auch und spielte das Cembalo). Allerdings wäre der Musikgeschmack wie der ihres Mannes ein deutscher gewesen, Georg liebte die Musik Händels (bedauerlicherweise war der schon 1759 verstorben).

Im April 1764 erreichte der achtjährige Wolfgang Amadeus Mozart mit seinem Vater und seiner Schwester London (man ist gewissermaßen auf Europa-Tournee), von Georg III. und Königin Charlotte freundlich begrüßt. Bei einem Hofkonzert präsentierte der Bachsohn Johann Christian, seit Sommer 1762 persönlicher Musiklehrer der Königin, dem Wunderkind Werke seines Vaters, Händels und von Carl Friedrich Abel, die dieser zu allgemeinem Entzücken interpretierte und anschließend noch die Königin begleitete, die eine Arie sang. Johann Christian Bach sollte nicht ohne Einfluß auf Mozart bleiben.

Johann Zoffany,  Queen Charlotte with her Two Eldest Sons, 1765

Übrigens fällt eine der ersten Veröffentlichungen Mozarts in diese Zeit. Leopold Mozart gibt sie im Januar 1765 heraus, sechs Sonaten für Klavier und Violine, KV 10 bis 15 als „Opus 3“, die Wolfgang Amadeus der Königin Charlotte widmet. Die Königin revanchierte sich dafür mit stolzen 50 Guineen. Man höre einmal in Mozarts Sonate KV 15, um sich von einem 8jährigen überwältigen zu lassen!


W. A. Mozart - KV 15p to KV 15bb - London Sketchbook

Die Neigung zu Kunst, Musik und Geselligkeit verband also offenkundig das Paar, sowie eben tiefempfundene Religiosität und sittlicher Lebensernst (für den britischen Hochadel untypisch hatte Georg etwa nie eine Geliebte). Sophie Charlotte gebar in den ersten 21 Jahren ihrer Ehe 15 Kinder, von denen nur 2 die Kindheit nicht überlebten. Die Ehe war harmonisch, auch das ungewöhnlich.  Man führt im Kew Palace ein fast bürgerliches Leben und sorgt sich persönlich um die Erziehung der Kinder (leider nicht unbedingt immer mit erfreulichem Ausgang). Wegen dieses hausbackenen und frommen Lebensstils galt der englische Hof dafür als der langweiligste Europas.

Johann Zoffany, Queen Charlotte, 1771

Die Wohltätigkeit der Königin beeindruckt – sie begründete das Queen's Lying-in Hospital in London; Waisenhäuser, in Not geratene Musiker und arme Familien wurden von ihr unterstützt. Als Johann Christian Bach an Schwindsucht starb, kam sie für sein Begräbnis auf und stiftete der Witwe eine Pension.

Die königliche Familie ist mit ihrem Auftreten anfangs auch eher populär. Die politischen Verwicklungen der Zeit lassen wir beiseite, da sich die Königin bewußt aus diesen Dramen heraushielt, wenn sie sie auch, soweit ihre Briefe erhalten sind, privat zumindest gelegentlich kommentierte.

Benjamin West, Queen Charlotte, 1779

Charlotte hatte einen ausgeprägten Geschmack für Design und Innenausstattungen, der sich entsprechend fördernd auswirkte. Vor allem aber bemühte sie sich lebhaft um die Erweiterung der botanischen Gärten von Kew. Ihre seit früher Jugend bestehenden Interessen auf diesem Feld trugen hier also wortwörtlich die schönsten Früchte. Nicht von ungefähr also ist eine exotische Blumengattung aus dem südlichen Afrika nach ihr benannt, die der Paradiesvogelblumen – die Strelitzien (1773, von ihrem Erstbeschreiber William Aiton).

Johann Zoffany, George III, Queen Charlotte 
and their Six Eldest Children, 1770, hier gefunden

Ihr persönliches Leben hätte also in eher ruhigen, doch freundlichen Bahnen ablaufen können, aber das Schicksal wollte es anders und drängte sie in die Zurückgezogenheit. Bereits 1765 zeigte sich bei Georg ein Krankheitsbild, das man als eine Geistesstörung deutete, es war aber vorübergehend und ließ sich vor ihr geheim halten.

1788 ging dies nicht mehr, der König kollabierte und fiel für längere Zeit völlig aus, so daß man seine dauerhafte Regierungsunfähigkeit befürchten mußte. Prompt kam es zu einem sehr häßlichen Streit zwischen Sophie Charlotte und ihrem ältesten Sohn, dem Prince of Wales über die Frage einer möglichen Regentschaft, der beider Verhältnis zerrüttete. Zwar genas der König im folgenden Jahr, doch seine Gesundheit blieb fragil.

Thomas Lawrence, Portrait of Queen Charlotte, 1789

Ab 1804 verschlimmerte sich sein Zustand erneut erheblich. 1811 gab es einen Rückfall, von dem er sich nicht mehr erholte, so daß er schließlich dauerhaft für geistig erkrankt erklärt wurde, der älteste Sohn Georg übernahm die Regentschaft und Charlotte die Obhut über ihren zudem erblindeten Gatten. Da sein Verhalten sie verstörte, brachte sie es nicht über sich, ihn häufig zu besuchen, nahm ihre Pflichten im übrigen aber sehr ernst.

Wir wissen heute, daß Georg nur indirekt geisteskrank war, tatsächlich handelte es sich um die Folgen der Stoffwechselkrankheit Porphyrie, die durch die damals übliche arsenhaltige Medikation noch verschlimmert wurde. Es wäre ihm vermutlich besser ergangen, wenn er keinen Arzt gesehen hätte.

Nach dem Tod ihrer Lieblingsenkelin Charlotte verstarb sie tief resigniert noch vor ihm am 17. November 1818.

Queen Charlotte Statue, Wake Forest University
on North College Street, Charlotte, hier gefunden

Königin Charlotte sah ihre Aufgabe zuallererst darin, ihren Gatten zu stützen und sich um die Erziehung der Kinder zu sorgen. Georg III. war sicher kein unbedeutender Herrscher auf dem britischen Thron, auch wenn die letzten Jahre sehr verdüstert waren. Das darf sie sich durchaus mit zurechnen lassen.

Bei ihren Kindern sieht das überwiegend sehr anders aus. Zum Teil waren die Probleme selbst verursacht. Georg III. hatte in seiner protestantischen Sittenstrenge 1772 ein Königliches Heiratsgesetz durchgesetzt, das vorschrieb, daß kein Nachkomme vor dem 25. Lebensjahr heiraten durfte ohne die Einwilligung des Königs, und auch dann nur Prinzen und Prinzessinnen protestantischen Glaubens. Daher flüchteten sich die meisten seiner Kinder in Geheimehen und Liebesaffären oder blieben unverheiratet. So wurde Königin Charlottes Hof zuletzt auch als "Nonnenkloster" tituliert. 1790 hatte die Königin Frogmore House erworben, eine halbe Meile südwestlich von Schloß Windsor. Hier ging sie mit ihren Töchtern botanischen Studien nach, suchte Ruhe zu finden von der Belastung durch die Krankheit des Königs und Erholung für ihr verständlicherweise stark verdüstertes Gemüt.

Schlimmer war, daß sich ihre Söhne, vor allem ihr ältester Sohn Georg, Prinz von Wales, als herbe Enttäuschung erwiesen. Obwohl letzterer nicht unbegabt war, erschien er doch ausgesprochen charakterlos, seine zahllosen Affären und Haltlosigkeiten schadeten der Monarchie so sehr, daß man später zeitweise um ihren Bestand fürchten mußte. 1812 war er einer Zeitung folgende Beschreibung wert: ein „Wortbrüchiger, ein bis über die Ohren verschuldeter und mit Schande bedeckter Wüstling, ein Verächter ehelicher Bindungen, ein Kumpan von Spielern und Halbweltgestalten, ein Mann, der gerade ein halbes Jahrhundert vollendet hat, ohne den geringsten Anspruch auf die Dankbarkeit seines Landes oder den Respekt nachfolgender Generationen verdient zu haben“!

Dies traf wortwörtlich auch die Königin, schon 1796 wurde ihre Kutsche mit Steinen beworfen, 1817 wurde Charlotte vom Londoner Pöbel ausgebuht, obwohl sie sich zurecht schuldlos fühlen mußte. Worin mag sie Trost gefunden haben, wahrscheinlich in ihrem Glauben:

„ Ach, wie viele unerkante Wohltaten genießet nicht ein jeder in seinem Stande. Die meinigen wünschte ich völlig erkennen zu können, zu dem grad der Perfection kan ich aber Menschlicher weise nach nicht hinreichen. Durch Gottes beystand aber hoffe ich aber mich eines guten Gewißens zu befleißigen. Daß ist eine Zufriedenheit die mir zwahr die Welt nicht geben kan, aber auch zu meinem unendlichen Troste nicht benehmen kan. Ich versichere Sie, lieber Bruder, bei meiner Ehre, daß ich jeden Tag, den ich in dieser Welt verbringe, mehr und mehr entdecke, daß die Königskrone und der Titel Majestät den Vergleich mit dem eines Christen nicht aushalten. Der letztere liefert mir nicht nur sondern befiehlt mir auch die Pflichten der Menschlichkeit zu erfüllen. So weit es den ersten angeht, welche Illusion, lieber Bruder!“

Paradiesvogelblume (Strelitzia reginae)

Was bleibt also von ihr? Bilder, Filme, Namen, Gärten, schöne Erfindungen und Erinnerungen und der Name einer Blume, nicht zu vergessen, ach so wenig ist das gar nicht.

Harare, Zimbabwe, hier gefunden

nachgetragen am 26. September

Dienstag, 27. Januar 2015

Unwillige Erinnerung (Churchill)

Blenheim Palace, Familiensitz der Dukes of Marlborough

Als ich in der FAZ einen etwas merkwürdig verkniffen wirkenden Artikel zum 50. Todestag von Sir Winston Leonard Spencer-Churchill (* 30. November 1874 in Woodstock - † 24. Januar 1965 in London) las, war mir schon beim Erkennen des Namens schlagartig klar, daß ich an diese Person schwerlich eine Zeile verschwenden würde.

Aber dann machte mich ein guter Freund auf diesen Artikel von Michael Klonovsky aufmerksam („Der Empire-Abwickler“), und ich kam aus dem innerlichen Kopfnicken gar nicht heraus. Ich will meine eigenen Worte hier ersparen; bei manchen Sujets vermag ich einfach nicht so diszipliniert zu sprechen, wie der Autor es vermag. Aber wenigstens darauf hinweisen, das wollte ich doch.

Die Bilder unten erinnern an sein „moral bombing“ von Potsdam, dem wenige Tage vor absehbarem Kriegsende ganz gezielt das Herz der Stadt zum Opfer fiel. Daß er mit seiner ihm ganz eigenen Moral und Charakterverfassung erheblich zum Untergang des britischen „Empire“ beigetragen hat, muß uns nicht unbedingt bekümmern. Daß es nur seinen Weg geben konnte, unseren „Führer“ aus Braunau zu stoppen, ist durchaus zweifelhaft.

Wie zeichnet Herr Klonovsky es so klar: „England war in den Krieg um der Freiheit Polens willen eingetreten, und Polen war an dessen Ende unfrei wie zuvor. Dasselbe galt für die Tschechei. Man hatte verhindern wollen, dass eine einzelne Macht mit einem blutrünstigen Diktator an der Spitze den Kontinent dominiert, und genau dies war eingetreten.“

Am Ende jedenfalls ist Europa derart in Randständigkeit und ungekannte Abhängigkeiten abgedriftet, daß wir die Heldenverehrung getrost den Briten überlassen wollen.


Potsdam.- Stadtschloß, vor 1945

Potsdam.- Stadtschloß nach 1945

Potsdam, Palast Barberini aus nordwestlicher Richtung, 1907

Mittelbau des Palastes Barberini nach 1945

nachgetragen am 27. Januar

Donnerstag, 25. September 2014

And did those feet... (Jerusalem)


Sir Charles Hubert Parry / William Blake - Jerusalem

William Blake 

And did those feet...
(Jerusalem)

And did those feet in ancient time,
Walk upon Englands mountains' green:
And was the holy Lamb of God,
On England's pleasant pastures seen!

And did the Countenance Divine
Shine forth upon our clouded hills?
And was Jerusalem builded here
Among these dark Satanic Mills?

Bring me my Bow of burning gold:
Bring me my Arrows of desire:
Bring me my Spear: O clouds unfold:
Bring me my Chariot of fire!

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand:
Till we have built Jerusalem
In Englands green and pleasant Land.

Glastonbury Tor

William Blake 

Und tat sein Fuß...
(Jerusalem)

Und tat Sein Fuß in alter Zeit
durch's Grün von Englands Bergen gehn?
Und ward das heil'ge Gotteslamm
auf Englands Weiden einst gesehn?

Und sah das göttliche Gesicht
durch uns'rer Hügel Wolkenmeer?
Und ward Jerusalem gebaut
nebst Satans schwarzen Mühlen her?

Bringt meines Bogens Goldesglühn;
bringt Pfeile mir, die ich erdacht;
bringt meinen Speer: Teilt, Wolken, euch:
Bringt meines Feuerwagens Macht!

Nicht lass' ich ab vom Geisteskampf,
nicht schlaf' das Schwert in meiner Hand,
bis wir Jerusalem erbaut
in Englands grünem, schönen Land.

übersetzt von Walter A. Aue

Glastonbury Abbey, vor 1900

Die Selbstbilder von Nationen sind immer herausfordernd, besonders, wenn man ihnen zufällig nicht angehört (es sei denn, man ist Deutscher). Gegenwärtig dürfen wir das am sich gerade rührenden russischen Imperiums-Verlustschmerz ablesen, aber es reicht weiter zu anderen einer gewissen Bedeutungsauszehrung anheim gefallenen europäischen Namen wie, ja Großbritannien, das so eben daran entlanggeschrammt ist, seinen nördlichen Teil zu verlieren, den es (sprich England) sich nun wirklich mit Jahrhunderte andauerndem Bemühen einverleibt hat. Der Verlust Neuenglands mochte noch angehen, schließlich fand man mit Indien vorübergehend interessanten Ersatz, aber Schottland!?

Wie man sieht, spiele ich auf das entsprechende Referendum der vergangenen Woche an, und ich mußte wahrlich mit meinem "inneren Schweinehund" kämpfen, nicht eine Abfolge der bekannteren patriotischen britischen Lieder (sowohl zuvor als auch danach) hier anzubringen, obwohl ich sie mir immer wieder einmal anhörte („I Vow to Thee, My Country“, „Land of Hope and Glory“ „Rule, Britannia!“, um einige zu nennen).

Man darf wohl jedenfalls sagen, daß sie ästhetisch zumeist leicht anspruchsvoller sind als manch anderes (erwähnt seien etwa die der Franzosen, die nur so von „unreinem Blut“ triefen), aber fast ist man auch versucht zu behaupten, letztlich erinnern sie ein wenig an die englischen Landsitze, die einen toskanischen Palast nachahmen wollen (nur daß nie einer von der Art Leonardos darin wohnte, als sehr abgekürzter Gedanke).

Obwohl die wiederum ihrerseits auch nur die alten römischen Vorfahren hatten übertreffen wollen (um noch weiter abzuschweifen; und ich darf schon jetzt versprechen, wenn ein Beitrag vor sich hin mäandern wird, dann dieser...). Insofern haben die Neuengländer mit ihren Nachahmungen das Muster gewissermaßen schon von ihrem Herkunftsland her mitgebracht, allerdings nahmen sie diese Serie zwar zunächst durchaus auf, haben sie dann aber doch äußerst nonchalant durchbrochen (siehe bspw. hierher, ich wundere mich immer noch, warum sie für den Sitz des Präsidenten ihrer imperialen Republik nicht längst etwas schick Neues aus Stahl und Beton substituiert haben).


Prognosen in Bezug auf die Zukunft sind immer schwierig, für die Vergangenheit ist das leichter. Das ist gar nicht als Paraphrase des beliebten Kalauers gemeint, sondern durchaus ernsthaft: Also der Führer (bzw. Herrscher, setzen wir einfach Richard III. als Platzhalter ein) ist tot - welche Varianten, mit dieser Tatsache umzugehen, kann es geben, es sind überschaubare Muster, die sich dort abwechseln werden..

Mit der Zukunft ist das schwieriger, jemand kann sich 100mal vorhersehbar aufführen, und beim 101. ist es ganz anders, und prompt haben wir den 1. Weltkrieg. Man hat jetzt eine Ahnung, was mir bei dem Referendum alles an spätem Groll, bekämpfter Genugtuung etc. etc. so durch den Kopf ging.

Und was mir, um auch das noch loszuwerden, in der Debatte vor allem auffiel, es ging sehr pragmatisch um Vor- und Nachteile vor allem sehr materieller Art, aber eine Idee vom Britisch-Sein scheint recht eigentlich nicht mehr zu bestehen, oder doch heftig zu zerbröseln. Neuseeland möchte jetzt ein wenig LOTRmäßig einen silbernen Farn auf schwarzem Feld zum neuen Feldzeichen erkiesen (und das von einem wiedergewählten Konservativen mit entweder zuviel phantasmagorischen Nachtstunden oder einem rührenden Neuanfangs-Vibe).

Aber zurück zu den Engländern, die sich als (christliche) Römer fühlen wollten, was ihre entferntesten Vorbewohner ja sogar für eine beachtliche Zeit auch waren.

Titelseite zu "Milton, eine Dichtung in zwei Büchern"
von William Blake, hier gefunden

Wie man sieht, hat mich weniger Blakes „And did those feet...“ für sich beschäftigt, was zugebenermaßen kaum entschuldbar ist, sondern mehr, wie dieses Rätselding zum Mittel für patriotische Aufwallungen benutzt werden sollte und dabei den Urhebern dieser Verwandlung zur vertonten Hymne.gewissermaßen entfleuchte.

Ich habe mich tatsächlich in William Blakes episches Elaborat „Milton“ hineinzubegeben versucht, dem sein lange vergessenes Gedicht vorangestellt ist, aber mich schließlich mit Grausen wieder abgewandt, in Sorge um meinen mentalen Zusammenhalt.

Da traf es sich gut, daß ich auf eine (englischsprachige) Studie (Edward Robert Friedlander: "William Blake's Milton: Meaning and Madness") traf, die mir den Inhalt nochmals erzählte und anschließend folgende (respektvolle) Diagnose stellte: „Blake's poetry and paintings present classic illustrations of the schizophrenic experience. So far as I know, these are the best, most beautiful, and most meaningful ones ever created.“

Er wolle nicht mißverstanden werden, so deren Autor. Blakes Schriften und Bilder seien äußerst interessant und wertvoll: „Blake has opened worlds of marvels and great beauty to us.  Blake rejected social injustice and mechanical philosophies just like most of us do.“ Aber er glaube, daß Blake mit seinen Visionen und Stimmen falsch lag: „They are not guides to metaphysical truths for all of us.“ Und dann läßt er sich doch noch eine Hintertür offen: „I believe that Blake was wrong. But I hope that he was right. Then, when we understand his works, we will have broken through the 'limits of opacity and contraction', and enter a larger, more meaningful world.“

„The Ruins of Time build Mansions in Eternity.“
aus einem Trostbrief Blakes an William Hayley

„Wo kein Umriß ist, da kann es keinen Charakter geben.“ Denn: „Nature has no Outline, But Imagination has. Nature has no Tune, but Imagination has. Nature has no Supernatural, and dissolves: Imagination is Eternity.“

Denn: „Die Natur lehrt uns nicht das Leben des Geistes, sie lehrt uns einzig das Leben der Natur“.

Gott habe aber nicht nur den Körper erschaffen nach seinem Ebenbild, sondern auch die Phantasie des Menschen. Also existiere die ganze Schöpfung im Geist des Menschen (gut, über die Sinnhaftigkeit der Schöpfung hat er viel gegrübelt, vielleicht frei nach dem „literarischen Kalauer“ - "Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen.").

Aber, wenn „verständige Menschen“ anstrengungslos den größten Unsinn von sich zu geben vermögen, warum sollte dann ein Schizophrener nicht einen Zipfel der Wahrheit zu fassen bekommen haben, und ja es gibt sie, wie ich fest vertraue, es ist keine ferne Legende: “Doctrina multiplex, veritas una” – “Der Lehren sind viele, aber es ist nur eine Wahrheit” - war das Motto meiner einstmaligen Alma Mater. Zurecht.

Wo ich, unzufrieden mit den (ausbleibenden) Einsichten, in meinen Notizen herumwühle, dies immerhin, aus besagter Studie, klingt doch konstruktiv positiv: „Perhaps Blake's greatest contribution to literary methods occurs in this poem: his invention of the dream technique. It was also the cause of the greatest confusion among his earlier critics.  This technique destroys the effect of a continuous and logical narrative...“

Jetzt müßten wir ihm eigentlich fast böse dafür sein, daß er damit quasi die Moderne miterfunden hat, aber ein anderes Wort faszinierte mich zuvor: „Spectre“, der Verstand, aus Unkenntnis getrennt von der Quelle des Seins, mehr einem Schatten gleich, der seine Macht in zweifelhafter Moral auslebt und Schlimmerem.

Für Blake galt dies nicht: "I have very little of Mr. Blake's company," stellte seine Frau fest, "he is always in Paradise."

Blake fasziniert, neben seinem Künstlertum, vor allem durch die Tapferkeit, mit der er seine Weltsicht der Welt entgegen gehalten hat, ob ihm eine Krankheit dabei behilflich war? Sei es drum. Aber sein ständiger Umgang mit Geistern hat mitunter etwas Unterhaltsames. Natürlich ist ihm auch der Teufel erschienen, und er beschreibt ihn genau:

„It is the gothic fiend of our legends, said Blake -- the true devil -- all else are apocryphal.“

Jetzt haben wir immer noch nichts dazu gesagt, wie Plato an Blake seine reine Freude haben muß, und warum das eingangs genannte Lied/ Gedicht grandios ist, und wie große Kunst es nun einmal vermag, nicht nur ganz Verschiedenes zusammenzubringen, sondern auch im Geiste wachzurufen, wie ein Blick von einem Turm auf einem hohen Hügel...

Aber (um doch noch meine Andeutungen zum 1. Weltkrieg ein wenig verständlicher zu machen), daß ausgerechnet dieser Text ausgesucht wurde, um die mißmutig werdende britische Nation "to brace the spirit of the nation, that the people of Great Britain, knowing that they are fighting for the best interests of humanity, may refuse any temptation, however insidious, to conclude a premature peace, and may accept with cheerfulness all the sacrifices necessary to bring the war to a satisfactory conclusion", ja, das gehört zu den Wirrnissen der Menschheit.

Aber wirkliche Kunst übersteht eben auch zweifelhafte Ursprünge.

(und damit brechen wir ab, am 3. Oktober)


Mittwoch, 21. März 2012

God save this queen


HM the Queen and HRH the Duke of Edinburgh arrive at Westminster Hall
Parliamentary copyright/Chris Moyse

Eine sumerische Tontafel, die heute in Oxford aufbewahrt wird, erzählt, wie lange vor der "Großen Flut" bereits das Königtum vom Himmel zu den Städten der Menschen herabgestiegen war.

Die britische Königin Elisabeth II. hat am 20. März in Westminster Hall eine Rede anläßlich ihres Diamantenen Thronjubiläums gehalten. Die Worte mögen unauffällig oder unpolitisch erscheinen, zumindest sind sie so beurteilt worden, aber gleichzeitig wurde auch von der Wirkung berichtet, die sie dennoch hinterlassen hätten. Merkwürdig.

„Wir werden hier an unsere Vergangenheit erinnert, an die Kontinuität unserer nationalen Geschichte und die Tugenden der Belastbarkeit, Erfindungsgabe und Toleranz, die sie erschaffen haben. Ich hatte das Privileg, einen Teil dieser Geschichte zu erleben, und mit der Unterstützung meiner Familie werde ich mich weiter dem Dienst an unserem großen Land widmen und seiner Menschen, jetzt und in den Jahren, die kommen sollen.“



Die Präsenz war kaum zu leugnen, die so selbstverständliche Würde, die verinnerlichte Pflichterfüllung, ja selbst der feine, schwer greifbare, aber doch unüberhörbare Humor.

Wo doch, ich erinnere mich, es ging um Friedrich II. von Preußen, jemand einmal eigentlich zurecht einwand, Könige dürften nicht ironisch sein, aber das ist wohl noch eine andere Geschichte.

Wenn das Königtum, wie hier, in seinen letzten Ausläufern spürbar wird, ragt etwas lange Zurückliegendes in diese verworrene Zeit, ein Bote, ein Zeuge einer älteren Wirklichkeit (solange es noch nicht endgültig zur Staffage verkam).

Es ist sehr schwer, den Kern des Monarchischen zu beschreiben, weil eben dieser ins Dunkel des Geheimnisses gehüllt bleibt, aus dem es seine Magie bezieht.

Wie man dem sumerischen Mythos entnehmen kann, gab es ursprünglich den Glauben, daß es zwischen der ewigen und der geschaffenen Welt einen Mittler, eine Brücke geben müsse, jemanden, der an eine verborgene Ordnung hinter den Dingen mahnt, die sichtbar sind, wo etwas über das hinaus geschieht, was Priester leisten können.

Nun ist zwar Königin Elisabeth auch Oberhaupt der Kirche von England und, wie man erzählt bekommt, persönlich eine sehr fromme Frau. Aber wir leben doch in einer Art Zwischenzeit, im Nebel gewissermaßen, und es ist noch nicht recht sicher, ob in dieser Zwischenzeit, wo die Konturen verwischen, die Formen zerfließen, alles Feste und Bekannte zu verschwinden scheint, etwas im Unbestimmbaren endgültig verändert und entstellt wurde, oder wir, nachdem sich das Wetter gebessert hat, an einem klaren sonnigen Vormittag die vertraute Welt, vielleicht leicht lädiert, wiedererkennen dürfen.

Bis dahin aber, solange es auch andauern mag, können wir nur auf das schauen, was quer zu einer Zeit steht, die nichts für unverfügbar hält und jegliches für voraussetzungslos, wo jeder meint, alles seinen Wünschen und Launen unterwerfen zu dürfen, wenn er sich denn im allgemeinen Gedrängel und Gewimmel um Macht, Vorteil und Aufmerksamkeit nach vorn kämpfen kann, wo Respekt für Schwäche und Glaube für infantil gehalten wird.

Daher sind solche Ereignisse tröstlich, wo die jahrtausendealte Erzählung von Glauben, Geist, Würde und Anmut noch einmal Gestalt gewinnen konnte und der König das Land ist. Dabei waren es sicher auch früher rare Momente, an denen diese Erzählung auflebte; die menschliche Natur ist auf Erden nun einmal ein Kampfplatz, auf dem das Licht und das mörderische Dunkel ihre Kräfte gegeneinander richten...

Warum heute diese metaphorische Rede. Nun, man kann annehmen, daß die banale Ansammlung der Sachen um einen herum die Wirklichkeit beschreibt, oder daß dies eine Abirrung wäre und die Wirklichkeit ein weites Land.

Her Majesty the Queen replies to the addresses
Parliamentary copyright/Chris Moyse

beendet am 24. März

Samstag, 30. Juli 2011

Thomas Gray

Der Blogger Jay hat sehr unterhaltsam beschrieben, warum er Thomas Gray eigentlich nicht leiden mag, auch wenn der eines der bekanntesten Gedichte englischer Sprache geschrieben hat. Johann Gottfried Seume hat davon eine Übersetzung verfertigt, und da mich diese unordentlichen Belege im Web immer etwas stören, habe ich mir die kleine Mühe gemacht, bei ihm nachzulesen, das Ergebnis folgt im Anschluß:

Thomas Gray

Elegie, geschrieben auf einem Dorfkirchhof

Die Abendglocke tönt den Tag zur Ruh,
Die Heerden schleichen blökend vom Revier;
Der Pflüger rudert schwer der Hütte zu.
Und läßt die Welt der Dunkelheit und mir.

Der Glanz der Gegend schmilzt nun Zug für Zug,
Und tiefe Feierstille hält die Luft;
Der Käfer dröhnt nur dort noch seinen Flug,
Wo Schlummerklang zum fernen Pfürche ruft.

Nur dort tönts noch durch alte Rudera,
Wo es der Eule Murrsinn Lunen klagt,
Daß noch ein Wandrer, ihrer Grotte nah,
Ihr ödes Heiligtum zu stören wagt.

An dieser Ulme, diesem Eschenbaum,
Wo sich der Grund in Moderhügeln hebt,
Ruhn rohe Ahnen in dem engen Raum,
Die in dem kleinen Dörfchen einst gelebt.

Des Morgens Balsamduft am Lindengang.
Vom Binsendach der Schwalbe Wirbellauf,
Des Hahnes Krähn, des Hornes Wiederklang
Weckt sie nicht mehr vom kleinen Lager auf.

Für dich brennt nun der gute Herd nicht mehr;
Kein Hausweib sorgt für deinen Abendgruß;
Kein Knabe lauscht des Vaters Wiederkehr.
Und klimmt mit Neid am Knie um einen Kuß.

Oft sank das Korn in ihrer Eisenhand,
Oft riß das Brachfeld unter ihrem Pflug:
Wie fröhlich trieb ihr Fuhrwerk über Land!
Wie fiel der Wald, wenn ihre Sehne schlug!

Verspotte nie der Ehrgeiz ihre Müh,
Ihr unbekanntes Glück, ihr kleines Fest;
Hohnlächle nie die Größe über sie,
Wenn sie das Buch der Armuth lesen läßt.

Der Wappen Prahlerey, der Pomp der Macht,
Was je der Reichtum und was Schönheit gab,
Sinkt unerlöslich hin in Eine Nacht:
Der Pfad der Ehre führet nur ins Grab.

Ihr Stolzen, rechnet nicht es ihnen an,
Wenn auf ihr Grab der Ruf nicht Marmor hebt,
Wo durch das Chorgewölbe himmelan
Des Lobes Note schwellend wieder bebt!

Ruft je der Urne, ruft der Büste Laub
Mit Künstlergeist den fliehnden Hauch empor?
Belebt des Ruhmes Stimme je den Staub?
Rührt Schmeichelei des Todes kaltes Ohr?

Vielleicht in diesem dunkeln Winkel ruht
Ein Herz, auch einst von Götterfeuer warm;
Und Hände für der Laute Freudenglut,
Und für des Scepters Schwung ein Heldenarm.

Doch Wissenschaft entrollt ihr großes Buch,
Reich von der Zeiten Raub, nicht ihrem Blick:
Der starre Mangel hemmt den Kraftversuch,
Und drängt der Seele Schöpferstrom zurück.

Des Meeres fadenloser Boden hält
So manche Perle, deren Farbe glüht;
Und manches Lenzes schönste Blume fällt,
Die ungenossen in der Wildniß blüht.

Hier schläft vielleicht ein Hampden, dessen Muth
Dem kleinen Dorftyrannen widerstand;
Ein stummer Milton unbekannter Glut,
Ein Kromwell, schuldlos an dem Vaterland!

Ihr Loos war nicht des Beyfalls Jubelton,
Nicht in dem Schmerz die stolze Apathie;
Sie sah'n sich nicht im Blicke der Nation,
Der ihrer Weisheit Überfluß verlieh.

Ihr Tugendflug, ihr Lasterlauf begränzt,
Verbot ihr Loos den Weg zu einem Thron,
Der von dem Blute der Erschlagnen glänzt,
Oft allem wahren Menschensinne Hohn.

Gewissensangst war ihnen Strahlenlicht,
Erstickt war nie die Röte holder Scham;
Sie opferten dem Stolz der Schwelger nicht
Mit Weihrauch, den man frech der Muse nahm.

Fern von des Thorenhausens niederm Zank,
Verirrte nie sich ihre Nüchternheit;
Geräuschlos wandelten sie ihren Gang
Durch's kühle stille Tal der Lebenszeit.

Ein kleines Denkmahl, das als Ehrenschild
Nur ihren Staub vor Schmähsucht decken soll,
Ein harter Reim, ein schlecht geformtes Bild
Verlangen eines Seufzers leichten Zoll.

Ihr Nam', ihr Jahr von ungelehrter Hand,
Ist ihnen mehr als Ruhm der Dichtung werth;
Und ländlich zieht die Muse rund am Rand
Den Spruch der Bibel, welcher sterben lehrt.

Am Freunde hing der Geist noch, als er schied,
Die Zähre that noch dunkeln Augen gut;
Auch aus dem Grabe ruft Natur ihr Lied,
Und in der Asche lebt die alte Glut.

Von mir, der ich von meinen Brüdern hier
Ganz ohne Kunst das kleine Lied gesagt,
Wenn einsam in Betrachtungen nach mir
Einst eine reinverwandte Seele fragt,

Von mir spricht einst vielleicht ein greiser Mann:
"Oft, wenn das Morgenrot im Osten hing,
Sahn wir ihn, wie er schnell den Berg hinan
Der Morgensonn‘ im Tau entgegen ging.

Dort, wo die Buche, deren Wurzel weit
Und hoch sich windet, an dem Ufer nickt,
Lag er am Mittag mit Behaglichkeit
Lang über jenen Kieselbach gebückt.

Verächtlich lächelnd schlich er dort herum
Am Walde, Grillen murmelnd und betrübt,
Wehmüthig, wie verloren, bleich und stumm,
Wie einer, welcher ohne Hoffnung liebt.

Einst sah ich früh ihn an dem Hügel nicht,
Nicht auf der Heide, nicht am Lieblingsbaum,
Noch mißt ich ihn am zweyten Morgenlicht
An seinem Bach und an des Waldes Saum.

Den dritten Tag erschien ein Leichenzug,
Der langsam ihn den Kirchengang herab
Mit Totenmelodie zur Ruhe trug;
Komm, lies; dort deckt ein kleiner Stein sein Grab."

Grabschrift

Sanft legt sein Haupt hier in der Erde Schooß
Ein Jüngling, der nie Glück und Ruhm gekannt;
Der Muse Lächeln war sein bestes Loos,
Und Schwermut hat zum Liebling ihn ernannt.

Groß war sein Herz und seine Seele schlicht;
Des lohnt' ihm auch des Himmels Güte sehr.
Mit Armen weint' er, und mehr konnt‘ er nicht;
Es ward ein Freund ihm, und er bat nicht mehr.

Sucht sein Verdienst nicht weiter darzuthun,
Gebt seine Schwachheit nicht dem Tadler bloß;
Laßt beide sie in banger Hoffnung ruhn
In seines Vaters, seines Gottes Schooß.

Mittwoch, 30. September 2009

Über Bath und eine verflossene Besucherin


Thomas Gainsborough, Lady Georgiana Cavendish
hier gefunden

Ich habe gerade einen Film von bezaubernder Oberflächlichkeit gesehen: „Die Herzogin“, oder im Original „The Duchess“. Er handelt über Leben, Lieben und Leiden von Georgiana Cavendish, Duchess of Devonshire, er ist aufregend photographiert, präsentiert atemberaubende Kostüme, zeigt uns die elegantesten Schauplätze und spielt hauptsächlich in Bath.

Diese Vorfahrin von „Lady Diana“, auch eine Spencer, war eine bewunderte Schönheit, galt als Modeidol, spielte leidenschaftlich, betätigte sich politisch, einer ihrer Liebhaber wurde später Premierminister, und war sogar literarisch produktiv.

Es ist durchaus glaubhaft, daß sie an den Beschränkungen ihres glamourösen Standes bzw. Geschlechts gelitten hat, die Schauspieler, nebenbei bemerkt, sind superb, insbesondere Keira Knightley als Georgiana Cavendish, Ralph Fiennes als William Cavendish, 5. Duke of Devonshire, Dominic Cooper als Charles Grey sowie Hayley Atwell als Elizabeth Hervey.

Übrigens wurde nach diesem Liebhaber Charles Grey mein Lieblingstee "Earl Grey" benannt, insofern mußte ich ihn einfach erwähnen.

Aber da der Film zu großen Teilen in Bath handelt, habe ich endlich Gelegenheit, an ein großes Gedicht der altenglischen Literatur zu erinnern, über das ich eigentlich längst einmal etwas schreiben wollte, aber so reicht es heute nur zu einer Fußnote: Ein unbekannter Dichter beklagt angesichts der römischen Ruinen das Schicksal dieser Stadt, wahrlich ein Anlaß zu bedeutsamen Erwägungen, aber nicht heute. Heute gibt es nur noch ein paar Herbstbilder.