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Mittwoch, 17. Februar 2016

Nachtverse

Caspar David Friedrich "Spaziergang in der Abenddämmerung"

Manchmal, wenn ich partout nicht schlafen kann (warum diese französischen Einsprengsel – pure Nostalgie, nein, nicht weil ich die Sprache gern beherrschen würde, bloße Erinnerung an die Gewohnheiten der Vorfahren), kommt etwas zurück. In diesem Fall war es Johann Klaj, verstorben am 16. Februar 1656, ein Dichter des Barock, von dem ich endgültig für mich beschlossen habe, daß er in seinen weltlichen Hervorbringungen unlesbar ist. Monotones, selbstverliebtes, exaltiertes, pedantisches Wortgeklingel, und das bei einem trunksüchtigen Geistlichen. Da hätte wirklich mehr 'rüberkommen müssen; bei all dem Aufwand. Von den geistlichen Dichtungen schweigen wir.

Da ich weiter nicht schlafen konnte, versenkte ich mich in Anthologien des 19. Jahrhunderts (was nach meinem philisterhaften Urteil nahe lag, über vorherige deutsche Dichtung), und das half (ich habe versucht, die erinnerten Stellen, die ich am nächsten Morgen diesmal nicht ganz vorenthalten wollte, kommod zu bebildern; das letzte fällt heraus, es sollte ja alles recht unpersönlich bleiben, aber dieser Hahn sucht tatsächlich Zuflucht hinter dem rechten hiesigen Küchenfenster seit gestern, er ist da immer noch). Aber gegen Wirklichkeitseinbrüche haben wir schließlich bewährte Hausmittel vorrätig.



Joseph von Eichendorff „Nachtzauber"
Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Joseph Freiherr von Eichendorff

Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du's oft im Traum gedacht.
Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen –
Komm, o komm zum stillen Grund!


Jopengasse, Danzig, zwischen 1890 und 1900

In Danzig

Dunkle Giebel, hohe Fenster,
Türme wie aus Nebel sehn.
Bleiche Statuen wie Gespenster
Lautlos an den Türen stehn.

Träumerisch der Mond drauf scheinet,
Dem die Stadt gar wohl gefällt,
Als läg' zauberhaft versteinet
Drunten eine Märchenwelt.

Ringsher durch das tiefe Lauschen,
Über alle Häuser weit,
Nur des Meeres fernes Rauschen.
Wunderbare Einsamkeit!

Und der Türmer wie vor Jahren
Singet ein uraltes Lied:
Wolle Gott den Schiffer wahren,
Der bei Nacht vorüberzieht.



"Täuschung" aus "Die Winterreise" von Franz Schubert,
Thomas Quasthoff & Daniel Barenboim, hier gefunden

Wilhelm Müller

Täuschung

Ein Licht tanzt freundlich vor mir her,
Ich folg' ihm nach die Kreuz und Quer;
Ich folg' ihm gern und seh's ihm an,
Daß es verlockt den Wandersmann.
Ach! wer wie ich so elend ist,
Gibt gern sich hin der bunten List,
Die hinter Eis und Nacht und Graus
Ihm weist ein helles, warmes Haus.
Und eine liebe Seele drin. –
Nur Täuschung ist für mich Gewinn!


Caspar David Friedrich "Meeresküste bei Mondschein"

Franz Grillparzer

Der Halbmond glänzet am Himmel

Der Halbmond glänzet am Himmel,
Und es ist neblicht und kalt.
Gegrüßet sei du Halber dort oben,
Wie du, bin ich einer, der halb.
Halb gut, halb übel geboren,
Und dürftig in beider Gestalt,
Mein Gutes ohne Würde,
Das Böse ohne Gewalt.

Halb schmeckt' ich die Freuden des Lebens,
Nichts ganz als meine Reu;
Die ersten Bissen genossen,
Schien alles mir einerlei.

Halb gab ich mich hin den Musen,
Und sie erhörten mich halb;
Hart auf der Hälfte des Lebens
Entfloh'n sie und ließen mich alt.

Und also sitz ich verdrossen,
Doch läßt die Zersplitterung nach:
Die leere Hälfte der Seele
Verdrängt die noch volle gemach.


Caspar David Friedrich "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes"

Christian Friedrich Hebbel

Nachtlied

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich's weben,
Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.




Detlev von Liliencron

Für und für

Im ersten matten Dämmer thront
Der blasse, klare Morgenmond.

Den Himmel färbt ein kühles Blau,
Der Wind knipst Perlen ab vom Tau.

Der Friede zittert: ungestüm
Reckt sich der Tag, das Ungetüm,

Und schüttelt sich und brüllt und beißt
Und zeigt uns so, was leben heißt.

Die Sonne hat den Lauf vollbracht,
Und Abendröte, Mitternacht.

Im ersten matten Dämmer thront
Der blasse, klare Morgenmond.

Und langsam frißt und frißt die Zeit
Und frißt sich durch die Ewigkeit.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Schubert & eine Ahnung von Transzendenz



Franz Schubert, Streichquintett C-Dur op. post. 163, D 956, Adagio

Montag, 1. März 2010

Montags-Schubert


Franz Schubert - "An den Mond", D. 296
interpretiert von D. Fischer-Dieskau
hier gefunden
Johann Wolfgang von Goethe

An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud' und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd' ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuß
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Wie gestern angekündigt, heute etwas Schubert, ich habe die nachfolgende Playlist u.a. um das obige Video erweitert, auf das mich dankenswerterweise Prof. Aue verwies. Er verwies auch auf eine von ihm geschätzte Übersetzung von Goethes Gedicht ins Englische, die sich hier findet. Goethe will uns also ins Labyrinth der inneren Nacht schicken mit seinem so freundlich klingenden Gedicht, ich fürchte, ich muß diesmal noch ablehnen.

Hier geht es zur Playlist.

Mittwoch, 3. Februar 2010

noch einmal Schubert


"Du bist die Ruh" von Franz Schubert
Text: Friedrich Rückert, gesungen von Gundula Janowitz
hier gefunden

Friedrich Rückert

Du bist die Ruh

Du bist die Ruh,
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug und Herz.

Kehr ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust!
Voll sei dies Herz
Von deiner Lust.

Dies Augenzelt
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
0 füll es ganz!


You Are My Rest

You are my rest,
my calm and peace:
my longing's best
that makes it cease.

To you I give
for laugh or cry
as place to live
my heart and eye.

Come in to find
and quiet close
the doors behind
your kind repose.

All other grief
drive from my breast:
my heart reprieve
and fill with zest.

My eye's whole sight,
so much in thrall
to your own light,
oh, fill it all!

Translation by Walter A. Aue

Ich hatte mich kürzlich etwas unzusammenhängend über Schubert ausgelassen. Da Prof. Aue der „Schuldige“ daran ist, daß ich diese kleine Playlist zusammengestellt habe, die hier am Ende noch einmal auftaucht, und ich wenigstens eine seiner Übersetzungen eines Schubert - Liedes anbringen wollte, dieser Nachtrag.

Montag, 1. Februar 2010

Hofmannsthal & über Stimmen &



Ich hatte kürzlich einfach so aus dem Blauen heraus auch an Hugo von Hofmannsthal erinnert, nun, heute wäre sein Geburtstag, er wurde geboren in Wien am 1. Februar 1874.

Hugo von Hofmannsthal

Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

***

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
wo Weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
und kühlte die Glieder,
die atmend glühten.

Lippen im Lachen
hat er berührt,
die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
als schluchzender Schrei,
an dämmernder Röte
flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
durch flüsternde Zimmer
und löschte im Neigen
der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Durch die glatten
kahlen Alleen
treibt sein Wehn
blasse Schatten

und den Duft,
den er gebracht,
von wo er gekommen
seit gestern nacht.



Aber da ich heute noch einiges anderes erwähnen wollte, soll es bei diesen beiden Gedichten bleiben.

Daß hier scheinbar zusammenhanglos 2 Videos zu Schuberts „Du bist die Ruh“ erscheinen, hat einen ganz bestimmten Grund. Jemand, der hier nicht unbekannt ist, hat sich die Mühe gemacht, einiges an Schubert-Liedern auf seiner Website zusammenzutragen und ich war so unverschämt, mir daraus eine Playlist zu basteln, sie heißt „Schubert nach Aue“ und findet sich eben dort hinter dem Link.

Es fasziniert mich immer aufs Neue, wie unterschiedlich dasselbe Lied von verschiedenen Sängern vorgetragen entgegengetreten kann. Mit oberflächlicher oder begeisternder Brillianz, selbstverliebtes Dahingeknödel gegenüber tiefem Ausdruck, fortreißende oder flache Dramatik, asketische Hingabe an das Wort oder nachlässigste Sprache, seltsam. Ganz zu schweigen von Tempo, Phrasierung oder der Art der Begleitung. Oft denkt man, es seien gänzlich unterschiedliche Stücke. Das ist nicht unbedingt ein Kommentar zu den versammelten Liedern, eher ein genereller. Lieder sind wirklich ein Spiegel der Seele des Vortragenden, solange er denn des technischen Handwerks mächtig ist. Natürlich ändert sich auch der Zeitgeschmack, gerade das Stück ganz oben von Elisabeth Schumann spiegelt durchaus vergangene Vorlieben wieder. Aber um etwas emotional zu enden, gerade bei dieser Interpretation hatte ich bei den Zeilen „Dies Augenzelt / Von deinem Glanz / Allein erhellt, / 0 füll es ganz!“ das Gefühl einer Begegnung mit überirdischer Schönheit.


Heiligendamm um 1841 Salon und Badehaus
hier gefunden

Noch etwas Mecklenburgica, wo ich schließlich derzeit in Mecklenburg lebe und dort auch geboren wurde: Friedrich Franz I., ab 1785 Herzog und seit 1815 Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, starb am 1. Februar 1837 in Ludwigslust. Zu seinen Verdiensten zählt, daß er 1803 Wismar, Poel und Neukloster für Mecklenburg von Schweden zurückgewann (eine Spätlast des 30jährigen Krieges). Erst spät trat er dem Rheinbund bei, diesem „Bund“, mit dem sich deutsche Fürsten von Napoleon dienstbar machen ließen, dafür trat er als erster am 14. März 1813 wieder aus, als die Chance bestand, wieder etwas gegen diesen ausrichten zu können. Und dann gründete er mit Heiligendamm das älteste Seebad Deutschlands im Jahre 1793.

Und endlich sollte ich demnächst unbedingt etwas zu Sophie Charlotte, der ersten der preußischen Königinnen und vermutlich von diesen die gebildetste, schreiben, sie war eng mit Leibniz befreundet und starb am 1. Februar 1705. Das Schloß Charlottenburg in Berlin ist nach ihr benannt.