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Sonntag, 8. Februar 2026

Martins Tag oder Der Reaktionär

Diese Seiten sind eine weiße Fahne, nur andersherum aufgezogen.

Eine neue Rubrik, möglicherweise bald an einem eigenen Ort. 


Anlaß

Sich derzeit im Freien zu bewegen, ist eine gewisse Herausforderung, gerade für ältere Herrschaften wie mich. Ich wurde rührenderweise kürzlich mehrfach gefragt, ob ich Hilfe bräuchte, nur weil ich es geschafft hatte, nicht zu stürzen.

Zum Anlaß. Ein Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Nabu-Bundesverbands, unter einem Präsidenten macht man es dort nicht, verteidigt in der BZ vom 6. 2. das Agieren seines Verbandes gegen den Einsatz von Streusalz durch Private. In Berlin sei dieser gesetzlich verboten, weil es Böden, Pflanzen und Gewässern nachhaltig schade, das Grundwasser belaste und langfristig ökologische Schäden verursache. Aufgrund der extremen Glätte sollte das kurzfristig geändert werden. Dafür habe es im Parlament aber keine Mehrheit gegeben. Der Senat wollte daraufhin das Ganze dann per Allgemeinverfügung regeln. „also ohne Parlament, ohne Umweltprüfung, ohne Beteiligung der Verbände“… Wir sind aber immer noch ein Rechtsstaat. Das geht so einfach nicht.“

Krügers Kritik richte sich deshalb vor allem gegen das Vorgehen des Senats. Statt den Nabu einzubinden, habe die Landesregierung versucht, kurzfristig Fakten zu schaffen. Die kurzfristige Gefahrenabwehr ist ihm also ausdrücklich nicht vor das (sehr) langfristige Einbinden des Nabu gegangen. Schlimm das. Die weiteren Pirouetten, die Herr Krüger dort gewissermaßen auf dem Eis dreht, mag, wer will am angegebenen Ort nachlesen. Aber das noch:

„Wir streiten jetzt über Salz auf privaten Gehwegen. Verantwortlich sind weiterhin die Grundeigentümer. Viele kommen ihren Verpflichtungen nicht nach. Das ist hoch unsolidarisch.“ Ach. Wie die Privateigentümer denn diese Räumung bei Spritzeis ohne Tausalz bewerkstelligen sollen, ob mit der Spitzhacke oder dem Absingen von Mantras verrät er natürlich nicht. Schließlich ist er mit dem Herausschleudern von Schuldzuweisungen an andere schon vollauf beschäftigt.

Das Ganze ist nur ein Mosaiksteinchen für das folgende Resümee.


conclusio

Die Weltverbesserer wollen nicht die Welt verbessern, sondern sich unterwerfen. Um diese unter sich zu knechten, brauchen sie immer als Mittel den Mißbrauch von Moral. Und die Lüge natürlich.

Wenn man Übersicht gewinnen will, folge man der Spur der Lüge. Die Lügner müssen immer Staub aufwirbeln, um die Sicht zu nehmen. Wahrheit ist Lüge. Die gute Absicht macht alles zur Wahrheit. Es gibt keine Wahrheit. 

Wir sind also auf den Spuren des Bösen. Oder mit Goethe:


"(Ich bin) ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft…


Ich bin der Geist, der stets verneint!

Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,

Ist wert, daß es zu Grunde geht;  

Drum besser wär's, daß nichts entstünde.

So ist denn alles, was ihr Sünde,

Zerstörung, kurz das Böse nennt,

Mein eigentliches Element."


von hier

Aber.

Das Reich der Lüge hat keinen Bestand.

Montag, 3. Januar 2022

Großherzog Georg und Goethens Uhr

Großherzog Georg von Mecklenburg (-Strelitz)

Dinge verbinden uns oft in besonderer Weise mit unserem Lebensfaden. Und auch der allfällige Einwand der Vergänglichkeit behält dagegen nicht selten nur seine kleine begrenzte Wahrheit. 

Mit wieviel Takt und Einfühlungsvermögen unser Großherzog Georg Goethe zu erfreuen wußte, mit dem ihn nicht nur ein reger Briefwechsel, sondern wirkliche Wertschätzung verband, zeigt diese Geschichte aus der Gartenlaube von 1863 von Eduard Schmidt-Weißenfels, die ich gerade eben fand. Ich bringe sie gekürzt. Wer das Original sucht, begegnet ihm hier.

„Karl August’s fünfzigjährige Regierung war eben erst glänzend und herzlich vom weimar’schen Volke gefeiert worden, als sich die Elite der Dichterstadt und des deutschen Landes anschickte, Goethe’s goldenen Jubeltag als Dichterfürst und Dioskur des Großherzogs von Weimar zu feiern. Am 7. November 1825 waren es fünfzig Jahr, daß Goethe in jugendlicher Kraft und geschmückt mit den ersten Kränzen dichterischen Ruhmes in Weimar eingetroffen; an diesem Tage sollte die Jubelfeier stattfinden. Der Großherzog Georg Friedrich von Mecklenburg-Strelitz war einer der eifrigsten unter den deutschen Fürsten, seine Verehrung für Goethe an diesem Festtage in sinniger Weise an den Tag zu legen...

Georg Friedrich hat seinem Lande...  viel Wohltaten erwiesen... Ein braver Herr, der mit Recht als ein Landesvater galt und dem man es nicht nachtragen konnte, daß er als siebzigjähriger Greis sich nicht gut in die neue Zeit von 1848 finden konnte, war er ein Freund der Literatur und der Kunst und liebte es, sich auch als solchen zu zeigen. Er starb fast achtzigjährig erst 1860, geehrt als einer der besten der alten Patriarchenfürsten unter den gekrönten Häuptern Europas.

In aufrichtiger Verehrung für Goethe sann Georg Friedrich vergeblich darüber nach, wie er dieselbe an dem goldenen Jubeltage bezeigen könne. Er war nicht von den Fürsten, die da meinen, mit einem Orden tue er schon einem solchen Manne gegenüber das Möglichste...

Der Großherzog fand endlich den Weg, um das zu erreichen, woran ihm lag: ein würdiges Geschenk für den Jubeldichter. Die Mutter Goethe’s, die herrliche ‚Frau Rath‘ von der ihr Sohn die Frohnatur und die ‚Lust zu fabulieren‘ geerbt, war schon 1808 gestorben; der Vater gar schon 1782. Die Wirtschaft der Eltern hatte längst ihre Auflösung erhalten; diese und jene Freunde in Frankfurt besaßen etwas davon; das Meiste war verkauft worden...

Georg von Mecklenburg empfahl nun seinem Geschäftsträger in Frankfurt am Main dringend an, irgend ein Stück von der Wirtschaft des Goethe’schen Hauses wieder zu erwerben, womöglich geeignet, in dem greisen Dichter eine recht lebhafte Erinnerung an seine schöne Jugendzeit zu erwecken...

Was sich fand und echt war, konnte selten als ein für Goethe besonders interessanter Gegenstand angesehen werden, war kaum in eine Beziehung zu seinem Kindesleben im Elternhause zu setzen. Doch die ernstlich betriebene Nachforschung lohnte sich zuletzt in besserer Weise, als man hoffen konnte, nachdem die Wirtschaft seit siebzehn Jahren auseinander gerissen war. Man fand die große, alte Schlaguhr mit dem stattlichen Gehäuse, die in der Familienstube des Ratsherrn Goethe zu Frankfurt gestanden hatte.

Welcher Gegenstand konnte wohl geeigneter sein, auf Goethe den beabsichtigten Eindruck hervorzubringen, als diese tagtägliche Mahnerin seiner Jugend, diese Gebieterin des pedantisch geordneten Hauswesens der Eltern, nach deren Fingerzeig und ewig gleichmäßigem gravitätischem Stundenschlag Alles geregelt war? Der Großherzog war höchst erfreut über diesen Fund...

Der Großherzog hatte die Bitte ausgesprochen, die Uhr derart aufzustellen, daß ihr Schlag zu gewohnter Stunde womöglich den greisen Dichterfürsten erwecke. Abends vor dem Jubeltage ward nun die Uhr, ohne daß Goethe es ahnte, in sein Haus gebracht. Während er schlief in jenem kleinen, schmalen Zimmer neben dem einfachen Arbeitskabinett, stellte der treue Diener Friedrich sie an die schmale Fensterwand des kleinen Vorzimmers...

Um fünf Uhr des Morgens pflegte Goethe regelmäßig zu erwachen; auf ein paar Minuten vor fünf wurden die Zeiger der ehrwürdigen Uhr gestellt. Im richtigen Augenblick, am andern Morgen, sollte der Diener den Pendel in Bewegung setzen. Goethe lag in ruhigem Schlummer... Plötzlich hebt im Vorzimmer schnarrend die Uhr aus, und durch die tiefe Stille tönt ein sonorer, lang aussummender Schlag. 

Der Dichter horcht, noch im Schlafe, auf. Träumt er, daß er im Elternhause sei und die alte Uhr wieder vernehme, ihren Stundenschlag, der ihn in erster Jugendliebe zu Gretchen getrieben und später zu Lili? - Wieder klingt der Ton an sein Ohr. Nein, das ist kein Traum! Goethe hebt sich hoch auf in seinen Kissen; er fühlt, daß er wacht. Ein dritter Schlag folgt, ein vierter, ein fünfter. 

Der Dichter lässt ihn verklingen; ein Wonnegefühl presst ihm das Herz zusammen, und er lauscht begierig dem Auszittern der Tonwelle, bis sie stirbt. Dann zieht er die Klingel an seinem Bett, und als der wartende Diener hereintritt, ruft er ihm wie jubelnd zu: ‚Friedrich! Friedrich! Was war denn das? Ich hörte eben die Uhr aus meinem Elternhause schlagen.‘

Der Diener nickte lächelnd mit seinem Haupt und wies mit der Hand nach dem Vorzimmer... Mit einem Sprung war der rüstige Greis aus dem Bett, und kaum mit dem Nötigsten bekleidet, eilte er nach dem Vorzimmer, in dem er, von ein paar Lichtern erhellt, die Uhr aus dem Elternhause am Hirschgraben in Frankfurt erblickte. Ein paar Tränen der Rührung traten in seine großen blauen Augen; lange stand er vor der Uhr und horchte auf ihr gravitätisches Tiktak, auf diesen Herzschlag der elterlichen Wohnung. Eine Flut von Erinnerungen durchströmte seine Brust; eine Seligkeit kam über ihn, die keine Worte fand. 

Es erstand vor seinen Augen das Bild des gestrengen Vaters, der schönen, herzigen Mutter, der geliebten, nun auch längst gestorbenen Schwester Cornelia; er sah in Gedanken die Uhr an ihrem alten Platze in der Familienstube, daneben den großen, schweren Sorgenstuhl, den der Vater zuweilen Abends einnahm, in dem er manches Mal gesessen und das Haupt geschüttelt, wenn sein Sohn ihm von dem Universitätsleben in Leipzig und Straßburg mit übermütigem Frohsinn erzählte, und die Mutter währenddessen am großen Eßtisch in der Mitte des Zimmers ihrem Platz hatte, mit einer Handarbeit beschäftigt und stolz lächelnd ihren Wolfgang von der Seite betrachtend. 

Wenn dann diese selbe Uhr mit diesem selben Schlag die Stunde anzeigte, in der pünktlich die Betten aufgesucht wurden, stieg Goethe nach seiner Dachstube hinauf und wartete gewöhnlich ab, bis die Alten zur Ruhe gegangen waren. Dann schlich er leise die Treppe wieder hinab, öffnete das Haustor, und nun ging’s fort zu den lustigen Genossen, um mit ihnen den Abend und die halbe Nacht zu verjubeln. Ein Bild dieser Erinnerungen an die wilde Zeit seiner Jugend reihte sich schnell an das andere; der Greis schwelgte in dieser Fata morgana, bis ein neuer Schlag der Uhr sie wie durch Zauber verscheuchte und ihn an die Wirklichkeit mahnte. 

Schon dämmerte der Tag, und wie gewöhnlich öffnete der Dichter die Fenster seines Schlafzimmers. Liebliche Morgenmusik begrüßte ihn aus seinem Garten - die Feier seines goldenen Jubeltages, wie sie vom Großherzog Karl August angeordnet war, hatte damit ihren Anfang genommen. 

Bald darauf waren alle Wagen der Stadt in Bewegung, alle angesehene Leute auf der Wallfahrt nach des Dichters Hause. Deputation folgte auf Deputation, um ihm Diplome, Medaillen, Ehrengeschenke und dergleichen zu überreichen; der Großherzog und seine Gemahlin besuchten ihn und widmeten ihm eine Stunde; es kamen die Mitglieder der großherzoglichen Familie, die Minister, die höchsten Beamten des Landes, die ersten Damen von Weimar, um der Enthüllung der schönen Büste Goethe’s in seinem eigenen Hause beizuwohnen. Ein großes Festessen im Rathhaussaale fand ihm zu Ehren statt; am Abend wurde seine „Iphigenia“ aufgeführt und der Dichter beim Eintritt in die Loge mit begeistertem Zuruf empfangen. 

Noch ehe er, kränklich etwas und ermüdet von dem Wirrwarr des Tages, sich zur Ruhe begab, brachte ihm die großherzogliche Kapelle eine Abendmusik; die Fenster aller Häuser am Frauenplan waren erleuchtet; in seinen Prunkzimmern feierte ihn eine zahlreiche Gesellschaft. Zahllose und kostbare Geschenke waren in seinem Hause aufgestapelt, aber das teuerste von allen blieb doch die alte Uhr aus seinem Elternhause. 

Der schöne Tag war reich an Huldigungen und Überraschungen, doch die sinnigste unter allen war für ihn die, welche der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz ersonnen hatte. Noch als er an jenem Jubeltag ins Bett ging, sprach er mit Entzücken von der ersten Begrüßung... Er lauschte so lange, bis er diese lieben Töne noch einmal hörte; dann schloß er die Augen... 

Johann Josef Schmeller: Goethe seinem Schreiber John diktierend, 1834, hier gefunden

Donnerstag, 1. März 2018

Kein Essensbericht, aber etwas von Goethe


Manche, nun, wenige, mögen sich gefragt haben, warum es hier keine Essensberichte mehr gibt. Ersteres, siehe Bild oben, versucht mich umzubringen, anschließend, und letzteres, von vor wenigen Minuten - Wer will darüber ernsthaft etwas wissen?


Um mit einem freundlicheren Abschluß aufzuwarten. Nachdem ich mich kürzlich über einen Autor doch etwas ärgerte, der es schaffte zu insinuieren, Goethe hätte etwas bei Fontane abgeschrieben, obwohl der zwar im gleichen Jahr, aber doch erst in einem späteren Monat geboren worden war, wo dies von Goethe überliefert ist, bringen wir eine der Belegstellen:

Gesellschaft bei Goethe
1819, 24. April

"Heute war große Abendgesellschaft bei Goethe, die Gräfin Henckel, Line (v. Egloffstein), Adele (Schopenhauer), Coudray und Tieck waren anwesend. Goethe sprach über die Eigenthümlichkeit der deutschen Sprüchwörter bei den verschiedenen Nationen; die griechischen gingen alle aus unmittelbarster, speciellster Anschauung hervor, z.B. der Storch im Hanfe; die deutschen seien stets derb, tüchtig, sittlich, bezeichnend.

Dann sprach er über die Kunst zu sehen. 'Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht. Oft sieht man lange Jahre nicht, was reifere Kenntniß und Bildung an dem täglich vor uns liegenden Gegenstande erst gewähren läßt. Nur eine papierne Scheidewand trennt uns öfters von unsern wichtigsten Zielen, wir dürften sie keck einstoßen und es wäre geschehen. Die Erziehung ist nichts anders als die Kunst zu lehren, wie man über eingebildete oder doch leicht besiegbare Schwierigkeiten hinauskommt.'“

Goethes Gespräche. Herausgegeben von 
Woldemar Freiherr von Biedermann, Leipzig 1889 –1896 

Montag, 25. Juli 2016

Erlkönig


Falkenstein - Erlkönig

Johann Wolfgang von Goethe

Der Erlkönig

Wer reitet so spät
      durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater
      mit seinem Kind;
Er hat den Knaben
      wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher,
      er hält ihn warm.

„Mein Sohn, was birgst du
      so bang dein Gesicht?“ -
„Siehst, Vater, du
      den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig
      mit Kron und Schweif?“
„Mein Sohn, es ist
      ein Nebelstreif.“

"Du liebes Kind,
      komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele
      spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen
      sind an dem Strand,
Meine Mutter hat
      manch gülden Gewand."

„Mein Vater, mein Vater,
      und hörest du nicht,
Was Erlenkönig
      mir leise verspricht?“
„Sei ruhig, bleibe
      ruhig, mein Kind:
In dürren Blättern
      seuselt der Wind.“

"Willst, feiner Knabe,
      du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen
      dich warten schön;
Meine Töchter führen
      den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen
      und singen dich ein."

„Mein Vater, mein Vater,
      und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter
      am düsteren Ort?“
„Mein Sohn, mein Sohn,
      ich seh es genau:
Es scheinen die alten
      Weiden so grau.“

"Ich liebe dich, mich reizt
      deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig,
      so brauch ich Gewalt."
„Mein Vater, mein Vater,
      jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir
      ein Leids getan!“

Dem Vater grauset's,
      er reitet geschwind,
Er hält in Armen
      das ächzende Kind,
Erreicht den Hof
      mit Müh' und Not:
In seinen Armen
      das Kind war tot.



Schubert - Der Erlkönig -  Dietrich Fischer-Dieskau

Johann Wolfgang von Goethe

[ á la Franz Peter Schubert ]

Elf-King

Who's riding so late
      through night so wild?
It is a father,
      he holds his child;
his son he cradles
      within his arm,
he keeps and shields him
      from frost and harm.

"My son, are you hiding
      your face in fear?"
Oh, father, see
      the Elf-King appear!
The King of Elves
      with crown and tail!"
"My son, it's fogs
      adrift the vale!"

"Thou pretty child,
      do come with me!
Such fine amusements
      shall I have with thee;
such pretty flowers
      grow on the shore,
my mother's got
      gold dresses galore."

"My father, my father,
      and do you not hear
how Elf-King softly
      tries to endear?"
Be still now, stay
      composed, my son:
you hear the breezes
      through dry leaves run."

"Wilt, pretty youngster,
      thou come with me?
My daughters shall be
      attending thee;
my daughters nightly
      their dances keep
and cradle and coddle
      and sing you to sleep."

"My father, my father,
      and do you not see
daughters of Elf-King
      beckoning me?"
"My son, my son,
      I see them quite clear:
those old willows look so
      grizzled and queer."

"I love you, I'm roused by
      your beautiful shape:
And if you're not willing
      I'll have you by rape."
"My father, my father,
      he's coming for me!"
Elf-King has done me
      an injury!"

The father's flesh creeps,
      he's riding like wild
his arms are protecting
      the whimpering child,
he reaches at last
      the old homestead:
Still in his arms
      the child
           was dead.

Translation/ Übersetzung
by / von Walter A. Aue

Wir denken ja gern, die Dinge, die wir mögen und die uns vertraut sind, wären für die Ewigkeit, sind sie hoffentlich auch, aber jedenfalls nicht hier. Am 25. Juli a.c teilte mir Herr Prof. Aue mit, daß seine Website, die an diesem Ort gelegentlich aufgetaucht ist, demnächst verschwinden wird, im August. Den haben wir inzwischen, es ist ein Nachtrag. Wenn man nicht mehr 16 Jahre alt ist, hat man unter gewöhnlichen Umständen das eine oder andere erfahren. Die in ungünstigeren Zeiten geboren wurden weit mehr davon, ich weiß. Aber das war offen gestanden ein Schlag in die Seele. Wir beginnen also mit Herrn v. Goethe, den gab es hier noch nicht so oft.

Der Ignoramus, der wir nun einmal sind, hat den Freiherrn ja schon des öfteren in den Verdacht des Oberflächlichen ziehen wollen. Aber hier ist er über sich hinausgewachsen. Diese psychologische Genauigkeit vor dem Grauen, in das jemand geworfen wird, das Ausgeliefert-Sein, die Versuche desjenigen, dem die Sorge obliegt, sich an das Bekannte und Vertraute zu klammern, obwohl er dem selbst längst nicht mehr traut. Eine Art hoffnungsloses Singen in dunkelster Nacht. Und selbst das Wesen des Grauens ist tastend beschrieben. Große Kunst, die sogar sprichwörtlich geworden ist.


Unser Großherzog war mit dem Herrn v. Goethe gut bekannt. Darum das Bild.
nachgetragen am 3. August

Sonntag, 11. Oktober 2015

Sonntag & (kurz nachgetragen)


Zitrusbäume sind doch fiese Viecher. Da holt man sie wegen des irritierend frühen Frosteinbruchs mühselig in die Wohnung, und dann versuchen sie gleich, einem mit ihren ekligen Dornen ins Gesicht zu stechen. Nun steht er also doch im Erker. Das erste Bild gibt davon einen mäßigen Eindruck.

Und man bekommt zugleich vielleicht eine Ahnung davon, wie es ist, als Besichtigungs-Gegenstand für gelangweilte Touristen herhalten zu dürfen.

Wir sind derzeit frisch wie ein Blätterhaufen im Gespensterwald, mit anderen Worten - heftig erkältet. Geistig somit eher inaktiv. Darum nur ein kurzer Nachtrag. Der Sonnabend war noch halb nett, ich schlief auf der Couch ein, und kurz nach 9 Uhr erwachend war etwa der dritte Gedanke, du hast kein Katzenfutter mehr...

Ich eilte also zum letzten späten Geschäft und bekam auf dem Rückweg sogar noch etwas vom verkaufsoffenen Sonnabend hier in der Residenzstadt mit, genauer gesagt dessen sich auflösende Reste, mit Schlager, Feuertänzern und Mittelalter. Und wie ein Eingeborener habe ich mir natürlich was mit Glassteinen andrehen lassen (*grr).


Zum Essen: Man erinnert sich vielleicht noch an das etwas zu zähe Fleisch vom letzten Sonntag, das aber eine recht ordentliche Sauce abgab. Nun, das ruhte tiefgekühlt vor sich hin und wurde jetzt wiedererweckt, um ein Gulasch abzugeben. Zwischenzeitlich hatte Frau Mutter Besuch von ihrer ältesten Freundin erhalten, die hatte ebenfalls eines mitgebracht, und diesmal, Überraschung, wurde sogar die Paprika akzeptiert. Es war auch sonst recht ordentlich. Die Überbleibsel davon wurden also hinzugegeben. Weitere Zutaten waren nur noch viel saure Sahne, noch mehr eingelegte Paprikastücke und kleingeschnittene eingelegte Gurken, die kurz mitkochten, denn eigentlich war das Ganze ja bereits fertig.

Frau W. fand dann doch noch einen Ausweg, ihr Mißvergnügen auszudrücken - die Gurkenstücke wurden akribisch an den Rand des Tellers gedrängt. Denn den Geschmack der Sauce vom letzten Sonntag hatte sie nun mal gelobt, das Gulasch ihrer ältesten Freundin sowieso, Sahne mag sie in jeder Form. Da war sie ein wenig in der Zustimmungsfalle, aus der ich ihr mit den Gurken freundlich heraushalf.




Man mag es mir nachsehen, daß meine Fähigkeit zur gehobenen Konversation gerade quasi nicht vorhanden ist, so, wo bleibt das Unterhaltende? Da kam mir der Großherzog Georg von gegenüber zu Hilfe. Der hat nämlich rege mit Goethe korrespondiert, letzteren hatte ich gerade entstaubt, da fielen mir seine Venezianischen Epigramme in die Hand, und ich dachte anmaßenderweise, mein Gott der Mann hatte mitunter (dies sei einschränkend betont, seinem Christentum etwa, so er eines hatte, ist Italien gar nicht bekommen) doch wirklich Einsichten, daß er Sprache hatte, will ihm gar niemand bestreiten. Also enden wir ganz vorgetäuscht bildungsbürgerlich mit demselben.


Alle Freiheits-Apostel, sie waren mir immer zuwider;
Willkür suchte doch nur jeder am Ende für sich.
Willst du Viele befrein, so wag' es, vielen zu dienen.
Wie gefährlich das sei, willst du es wissen? Versuch's!

Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögen's bedenken;
Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr.
Große gingen zugrunde: doch wer beschützte die Menge
Gegen die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann.

Fürsten prägen so oft auf kaum versilbertes Kupfer
Ihr bedeutendes Bild; lange betrügt sich das Volk.
Schwärmer prägen den Stempel des Geists auf Lügen und Unsinn;
Wem der Probierstein fehlt, hält sie für redliches Gold.

Tolle Zeiten hab ich erlebt, und hab nicht ermangelt,
Selbst auch töricht zu sein, wie es die Zeit mir gebot.

aus: Johann Wolfgang von Goethe, Venezianische Epigramme

nachgetragen Mitwoch früh

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And a “translation” I wrenched from myself at last


Citrus trees are undoubtedly nasty critters. Since because of the irritating early frost you try with heavy effort to find a place for it in the house, and the same time it tries to sting you into the face with its ugly thorns. Now it stands in the oriel. The first image gives a moderate (rather mediocre) impression.

And maybe you get an idea of what it's like to be obviously a sightseeing object for bored tourists (sitting behind the oriel windows).

We feel currently fresh as a pile of leaves in the Haunted Woods, in other words - a fierce cold. Mentally thus rather inactive. Therefore only a short addendum. The Saturday was still half nice, I fell asleep on the couch, and woke shortly after 9 clock in the evening, my 3rd thought was – you own no cat food anymore...

So I hurried to the last late shop and got on my way back slightly an impression from the sale open Saturday here at down-town, more precisely its disintegrating remains, with pop “music”, fire dancers and some medieval entertaining on the marketplace. And like a stupid native from the past, I let myself be impressed by glass stones (*grr).

About the dish. You may still remember the a little too chewy meat from last Sunday, that at least gave a decent sauce. Well, it rested frozen and was now brought back to deliver a goulash. Recently dear mother had received a visit from her oldest friend who had also brought one, and this time, surprise, even the bell pepper was accepted. It was otherwise fairly decent. So I got the idea. Both remnants were put together. Other added ingredients were just a lot of sour cream, more pickled peppers and pieces of chopped pickled gherkins, it was cooked only briefly, because actually the whole thing was already finished, just a bit unpleasantly cold.

And finally Mrs. W. found a way to express her displeasure - the cucumber pieces were meticulously placed on the edge of the plate. Because she praised already the taste of the sauce from last Sunday, the goulash of her oldest friend anyway, cream she likes in any form. So she was a little in the consent trap from which I helped her out friendly with the cucumbers.

One may see that my ability to appear thoughtful is just quasi non-existent, so, where is the Amusing? Thankfully Grand Duke George from the opposite shows me a way out. He had a lively correspondence with Goethe, Goethe I had just dusted, more precisely some of his books. I remembered his Venetian epigrams, and reading it I thought pretentious well no one doubts that he knows language, but sometimes he even had insights (this is said limiting; for his his Christianity e.g., if he even possessed one, Italy wasn't very conducive). So we end up with this borrowed spirit.

[I found some, of course copyrighted, translations, if you'll follow the link you'll see the text immediately.

It starts with: No. 50 (there are various counts) “All those preachy apostles of freedom, I never could bear them...” You can find it here. Mr. Ken Cockburn (I learned the origin of the name is not as silly as the unsagacious one might assume) translated it, as well as the third in my small selection (his No. 56): “Autocrats will mint, on thinly silvered copper...”

My 2nd piece - “France's pitiable fate, the great may reflect on its meaning...” - is from a translation I found in this book p 127 No. 53].

And the last one means something like: “Crazy times I've experienced and I haven't left out / being foolish myself as it suited the time.”

Sonntag, 13. September 2015

Herr v. Goethe & eine Predigt

Rom, Santa Costanza

Wir sind etwas verspätet. (Vor-)Gestern hat Herr Roloff die Freuden eines Dorfpastors genossen, und das mit einem langen Zitat aus Faust II, dem auch noch eine Predigt folgte, das klingt sarkastisch, ist es nicht. Ich bin nur leicht müde.

Sein Ansatz war sehr ambitioniert, aber sollte man nicht auf dem beharren, das einem geblieben ist. Wie lange auch immer. Man muß es zunächst nur einmal tun. (Vielleicht erleben wir ein Wetterleuchten über unserem Abendland, vielleicht ist es noch nicht 410 n. Chr., wer weiß das schon so genau). Herr von Goethe wächst nicht selten über sich hinaus, so er dichtet, und gibt dann hübsche Einsichten, nur das zum Eingang.

Rom, Santa Costanza

Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis

Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise und der Leib mehr denn die Kleidung?
Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?
Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget?
Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist als derselbigen eins.
So denn GOtt das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute stehet und morgen in den Ofen geworfen wird, sollt' er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden?
Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet.
Trachtet am ersten nach dem Reich GOttes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.
Darum sorget nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.
Matth 6, 25-34

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

heute haben wir uns zu befassen mit dem großen Plädoyer Jesu für die Sorglosigkeit. Darum will ich zunächst fragen: Was ist Sorge?

Mitternacht
Erste
Ich heiße der Mangel. –

Zweite
Ich heiße die Schuld.

Dritte
Ich heiße die Sorge. –

Vierte
Ich heiße die Not.

Zu drei
Die Tür ist verschlossen, wir können nicht ein;
Drin wohnet ein Reicher, wir mögen nicht 'nein.

Mangel
Da werd' ich zum Schatten. –

Schuld
Da werd' ich zunicht.

Not
Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht.

Sorge
Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein.
Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.

Mangel
Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier.

Schuld
Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir.

Not
Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.

Zu drei
Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!
Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne,
Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der – – – Tod.

Faust
Vier sah ich kommen, drei nur gehn;
Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verstehn.
Es klang so nach, als hieß' es – Not,
Ein düstres Reimwort folgte – Tod.
Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft.
Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.
Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
Stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein.
Das war ich sonst, eh' ich's im Düstern suchte,
Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte.
Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.
Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht,
In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht;
Wir kehren froh von junger Flur zurück,
Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick.
Von Aberglauben früh und spat umgarnt:
Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt.
Und so verschüchtert, stehen wir allein.
Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein.
Ist jemand hier? –

Sorge
Die Frage fordert Ja!

Faust
Und du, wer bist denn du? –

Sorge
Bin einmal da.

Faust
Entferne dich! –

Sorge
Ich bin am rechten Ort.

Faust
Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.

Sorge
Würde mich kein Ohr vernehmen,
Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
In verwandelter Gestalt
üb' ich grimmige Gewalt.
Auf den Pfaden, auf der Welle,
Ewig ängstlicher Geselle,
Stets gefunden, nie gesucht,
So geschmeichelt wie verflucht. –
Hast du die Sorge nie gekannt?

Faust
Ich bin nur durch die Welt gerannt;
Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
Was nicht genügte, ließ ich fahren,
Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
Und abermals gewünscht und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig,
Nun aber geht es weise, geht bedächtig.
Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
Er stehe fest und sehe hier sich um;
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
Er wandle so den Erdentag entlang;
Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang,
Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück,
Er, unbefriedigt jeden Augenblick!

Sorge
Wen ich einmal besitze,
Dem ist alle Welt nichts nütze;
Ewiges Düstre steigt herunter,
Sonne geht nicht auf noch unter,
Bei vollkommnen äußern Sinnen
Wohnen Finsternisse drinnen,
Und er weiß von allen Schätzen
Sich nicht in Besitz zu setzen.
Glück und Unglück wird zur Grille,
Er verhungert in der Fülle;
Sei es Wonne, sei es Plage,
Schieb er's zu dem andern Tage,
Ist der Zukunft nur gewärtig,
Und so wird er niemals fertig.

Faust
Hör auf! so kommst du mir nicht bei!
Ich mag nicht solchen Unsinn hören.
Fahr hin! die schlechte Litanei,
Sie könnte selbst den klügsten Mann betören.

Sorge
Soll er gehen, soll er kommen?
Der Entschluß ist ihm genommen;
Auf gebahnten Weges Mitte
Wankt er tastend halbe Schritte.
Er verliert sich immer tiefer,
Siehet alle Dinge schiefer,
Sich und andre lästig drückend;
Atemholend und erstickend;
Nicht erstickt und ohne Leben,
Nicht verzweiflend, nicht ergeben.
So ein unaufhaltsam Rollen,
Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
Bald Befreien, bald Erdrücken,
Halber Schlaf und schlecht Erquicken
Heftet ihn an seine Stelle
Und bereitet ihn zur Hölle.

Faust
Unselige Gespenster! so behandelt ihr
Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen;
Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr
In garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen.
Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los,
Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen;
Doch deine Macht, Sorge, schleichend groß,
Ich werde sie nicht anerkennen.

Sorge
Erfahre sie, wie ich geschwind
Mich mit Verwünschung von dir wende!
Die Menschen sind im ganzen Leben blind,
Nun, Fauste, werde du's am Ende!

Faust
Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
Allein im Innern leuchtet helles Licht;
Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen;
Des Herren Wort, es gibt allein Gewicht.
Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann!
Laßt glücklich schauen, was ich kühn ersann.
Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten!
Das Abgesteckte muß sogleich geraten.
Auf strenges Ordnen, raschen Fleiß
Erfolgt der allerschönste Preis;
Daß sich das größte Werk vollende,
Genügt ein Geist für tausend Hände.

Diese Passage aus Goethes Faust ist eine einzigartige literarische Entsprechung zum Evangeliumstext. Natürlich reicht kein anderes Werk an die Worte der Schrift heran, und doch haben wir hier einen Text vor uns, der die Auseinandersetzung mit der Sorge, die Jesus darlegt, tiefgründig interpretiert.

In geradezu erschütternder Einfachheit seziert Christus das Innere unserer Seele. Darin schon erkennt man den Meister, dass er verständlich und demaskierend spricht. Hütet Euch vor allen die man heute so gern Experten nennt, die den Blick auf die Tatsachen mit ihren Worten eher verstellen und vernebeln. Die uns erzählen von Daseinsvorsorge und Risikovermeidung, von Sicherungsvorkehrungen und Schutzmechanismen.

Christus spricht: Sorget nicht um euer Leben.
All unsere Rentenabschlüsse, Lebensversicherungen, Kapitalsparpläne, Wintervorräte – alles das ist Unsinn?

Ich vermute, dass sich die Mahnung Jesu nicht so sehr auf einzelne Handlungen des Menschen bezieht. Ob nun Lebensversicherungen oder das Essen und das Trinken, die Kleidung und die Schuhe, das ist nicht so entscheidend – Jesus tut es ab und verweist vielmehr darauf, dass unser Leben mehr ist als die Nahrung und der Leib, mehr als die Kleidung.

Es geht nicht um äußere Dinge, es geht um die innere Haltung des Menschen. Und diese innere Haltung des Menschen soll aus der Tatsache erwachsen, dass sein Leben und sein Leib von größerer Bedeutung sind als alle Dinge, in deren Besitz er sich Zeit seines Lebens bringen kann.

Dann tut der Herr etwas, was wieder mit einfachsten Mitteln klar werden lässt, was er meint: Er verweist die Zuhörer auf das Beispiel der Schöpfung.

Seht euch die Vögel unter dem Himmel an! Seht die Blumen auf dem Felde! 

Wir sollen darin erkennen, dass die ganze Welt von einer unwiderstehlichen Ordnung durchdrungen ist, deren Teil wir sein dürfen. In diese Ordnung sollen wir uns einüben. Das setzt voraus, dass wir das tiefe Wesen dieser Ordnung verstehen. Und das tiefe Wesen dieser Ordnung wird für Jesus ganz wesentlich eben auch in dem Satz erfasst: Sorget euch nicht.

Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr ihr euch auch darum sorgt?

Wenn also unsere Sorge an dieser einfachsten und wichtigsten Frage versagt, warum sollen wir uns an unwichtigen Dingen abarbeiten?

Hier kristallisiert sich mit großer Schärfe heraus, was Jesus im Kern meint: Sorge ist für ihn das Gegenteil zum Gottvertrauen. Darum wiederholt er noch einmal: Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht vielmehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Christus ermutigt uns mit jedem Wort, mit jedem seiner Bilder und Gleichnisse zunächst und vor allem zu unbedingten Gottvertrauen.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Das bedeutet doch: Seht auf! Erhebt eure Häupter und erkennt in allem das Handeln Gottes, auf den wir uns verlassen dürfen, dem wir vertrauen können. Das soll unsere Haltung sein, aus der heraus wir die Probleme und Lasten des Lebens angehen. So bleiben die Probleme und Lasten äußere Dinge, die wir bearbeiten und möglichst bewältigen können. Sie dringen aber nicht in unsere Seele vor. Sie können uns nun nicht mehr vergiften, denn unsere Seele ist von Gottvertrauen erfüllt und nicht durch die Sorge. Nun können wir geduldig hinnehmen, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Hierin wird sehr schön deutlich, dass Jesus kein frommer Scharlatan ist, der uns suggeriert, wenn ihr meinem Konzept folgt, dann herrscht immer eitel Sonnenschein, und die Probleme lösen sich in Luft auf. Nein, jeder Tag hat seine eigene Plage, aber wir stärken daran unser Gottvertrauen und lassen die Plagen nicht mehr unsere Sorgen nähren.

Diesen Zusammenhang erleben wir nun an der Figur des Faust erneut.

Faust ist in jener Mitternacht, aus der wir vorhin gehört haben, an einem Scheidepunkt angelangt. Er hat viel von dem, was er errungen hat, nur mit der Zauberkraft Mephistos vollbracht und fühlt sich nun, zwar anders als früher durch die Machtlosigkeit, nun durch die Macht des Teufels, gefesselt.

„Könnt´ ich Magie von meinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar verlernen, Stünd´ ich, Natur, vor dir ein Mann allein, Da wär´s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.“

Faust sehnt sich nach Freiheit, und er ahnt, dass sich nur neues Missgeschick anbahnt.

Die Sorge schleicht sich ein. Und sie gibt in Goethes Versen eine einzigartige unerreichte Selbstcharakteristik.

Faust spürt, wie die Sorge, trotz aller Widerstände Besitz von ihm nimmt, denn er lässt nicht ab von der Vermessenheit, dass der Tüchtige durch seine Erkenntnis die Welt verändern, womöglich verbessern und in jedem Falle Spuren hinterlassen kann. Und dennoch wird er gewahr, dass er genau darin keinen Frieden findet

Ewiges Düstre steigt herunter,
Sonne geht nicht auf noch unter,
Bei vollkommenen äußeren Sinnen
Wohnen Finsternisse drinnen,
Und er weiß von allen Schätzen
Sich nicht in Besitz zu setzen.
Glück und Unglück wird zur Grille,
Er verhungert in der Fülle;

Der beschwörende Ausruf: Deine Macht, o Sorge, schleichend groß, ich werde sie nicht anerkennen – verhallt!

Faust schwingt sich auf zum großen Bekenntnis des tatkräftigen Mannes. Obwohl erblindet, entwirft er die große Fantasie der Weltveränderung mit Werkzeug, Schaufel, Spaten und dem Fleiß der tausend Hände, die dem einen Willen gehorchen und wird gar nicht mehr gewahr, dass da nicht sein Werk, der entwässernde Graben für das Neuland, instand gesetzt, sondern schon sein Grab ausgehoben wird.

Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr ihr euch auch darum sorgt?

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.
Thomas Roloff
nachgetragen am 15. September

Dienstag, 21. Januar 2014

Von und über Matthias Claudius


Von Matthias Claudius

Ein Lied
hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht,
Und Teich’ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich todt lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beym Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

[Anmerkung: „Vapeurs“ – Blähungen, üble Laune. „Zahnfluß“ - rheumatische bzw. entzündliche Erkrankung im Rachenraum.]


So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

[Anm.: Schluß von: „Abendlied“ oder „Der Mond ist aufgegangen...“, siehe auch hier]


Ex tempore

In dichtverwachsnem Laub verborgen,
Sang eine Nachtigall einst einen Frühlingsmorgen;
Bald tönten Lieder überall,
Sie sangen ihm aus vollem Halse Lieder,
Und Tal und Hügel hallten wider; –
Da schwieg die Nachtigall.


Ein Versuch in Versen

Die Römer, die vor vielen hundert Jahren,
    Das erste Volk der Erde waren,
Doch wenigstens sich dünkten, es zu sein;
    Die großen Schreiber ihrer Taten
Und Dichter auch, und große Redner hatten,
    Und Weise, groß und klein;
Die stolz auf ihrer Helden Scharen
Auf ihre Regulos und ihre Scipione waren,
    Und Ursach' hatten, es zu sein;
Die fingen endlich an und aßen Ochsenbraten,
    Frisierten sich, und tranken fleißig Wein –
Da war's geschehn um ihre Heldentaten,
    Um ihrer Dichter edlen Reih'n,
    Um ihre Redner, ihre Schreiber;
Da wurden's große dicke Leiber,
    Und Memoirs- und Zeitungsschreiber,
    Und ihre Seelen wurden klein;
Da kamen Oper und Kastraten,
    Und Ehebruch und Advokaten,
    Und nistelten sich ein.
O, die verdammten Ochsenbraten!
O, der verdammte Wein!


Vergleichung

Voltaire und Shakespeare: der eine
Ist, was der andre scheint,
Meister Arouet sagt: ich weine;
Und Shakespeare weint.


Aus dem Englischen

Es legte Adam sich im Paradiese schlafen;
Da ward aus ihm das Weib geschaffen.
Du armer Vater Adam, du!
Dein erster Schlaf war deine letzte Ruh.


Ein gülden ABC       
  
A
Armut des Geistes Gott erfreut;
Armut und nicht Armseligkeit.

G
Geduldig sein - Herr, lehr' es mich,
Ich bitte Dich, ich bitte Dich.

I
In Dir ein edler Sklave ist,
Dem Du die Freiheit schuldig bist.

T
Treib Tugend jeden Augenblick;
Wer nicht voran geht, geht zurück.

U
Und wenn sie alle Dich verschrein,
So wickle in Dich selbst dich ein.


Ein silbern ABC

Aus Nichts wird Nichts, das merke wohl,
Wenn aus dir etwas werden soll. 

Cränz’ einen Welterob’rer nicht,
Schlepp’ lieber ihn zum Hochgericht.

Greif nicht leicht in ein Wespennest;
doch wenn du greifst, so stehe fest.

Nichts ist so elend als ein Mann,
der alles will, und der nichts kann. 

Wer Pech angreift, besudelt sich;
Vor Kritikastern hüte dich. 

Xerxes verließ sich auf sein Heer;
Allein das Heer auf ihn nicht sehr. 

[Anm: Vollständig zu finden hier und hier]


Klage

(Aus dem Jahr 1793)

Sie dünkten sich die Herren aller Herrn,
Zertraten alle Ordnung, Sitt und Weise,
Und gingen übermütig neue Gleise
Von aller wahren Weisheit fern,
Und trieben ohne Glück und Stern

Im Dunkeln hin, nach ihres Herzens Gelüste,
Und machten elend nah und fern.
Sie mordeten den König, ihren Herrn,
Sie morden sich einander, morden gern,
Und tanzen um das Blutgerüste.

Der Chor

Erbarm dich ihrer!
Sie wollten ohne Gott sein, ohn ihn leben
In ihrem tollen Sinn;
Und sind nun auch dahingegeben,
Zu leben ohne ihn.
Der Keim des Lichtes und der Liebe,
Den Gott in unsre Brust gelegt,

Der seines Wesens Stempel trägt,
Und sich in allen Menschen regt,
Und der, wenn man ihn hegt und pflegt,
Zu unserm Glücke freier schlägt,
Als ob er aus dem Grabe sich erhübe –
Der Keim des Lichtes und der Liebe
Der ist in ihnen stumm und tot;
Sie haben alles Große, alles Gute Spott.
Sie beten Unsinn an, und tun dem Teufel Ehre,
Und stellen Greuel auf Altäre.

Der Chor

Erbarm dich ihrer!

[Anm: Ludwig XVI. August von Frankreich, König von Frankreich und Navarra wurde am 21. Januar 1793 in Paris getötet (merkwürdigerweise verstarb am gleichen Tage im Jahre 1815 auch Claudius)]

Matthias Claudius (* 15. August 1740; † 21. Januar 1815)

„Die Löwin, die ihre Jungen verteidigt, pflegt wohl nicht mit dem Schwanz zu wedeln.“

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„Mich dünkt, der bloße Eindruck in einer heiteren Nacht lehrt's einen auch schon, daß die mit so unbeschreiblicher Freundlichkeit leuchtenden Sterne nicht kalte müßige Zuschauer sind, sondern Angehörige der Erde und Freunde vom Hause.“

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„Du reibst Dir auch die Stirne, Andres, über den Unfug mit der Bibel, und daß die Menschen »sich so bald abwenden lassen auf ein ander Evangelium, so doch kein andres ist, ohne daß etliche sind, die uns verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren«...
Aber es hält nichts hinter dem Berge, es hält alles vor dem Berge und vor Augen; und ist, worauf ihrer, so viele und von allen Parteien, ausgehen mehr oder weniger, nichts anders als ihre Vernunft in der Religion den Meister spielen zu lassen, und alles was sie nicht begreifen und darin allein die Religion und der Glaube besteht, herauszutun, um in den Zeiten der Vernunft auch ihres Orts nicht müßig zu sein, und ihre Ehre in Sicherheit zu bringen.
Und da nehmen sie nun alles zu Hülfe..., um den offenbaren Verstand und die klaren Worte der Heiligen Schrift unmündig und aus Weiß Schwarz zu machen. Und andere, die noch wohl lieber beim Weißen blieben, laufen mit, weil sie den Wert ihrer Sache nicht kennen, und es ihnen an Kraft und Mut fehlt, den Verdacht der alten Einfalt und des Zurückebleibens auf sich zu laden...
Aber, Andres, Du bist der Meinung, es sei immer solcher Unfug gewesen; man solle schweigen und zusehen, bis auch dieser Schwindel wie der Revolutionsschwindel vorübergehe und sie aus Schaden klug werden.
Der Meinung bin ich aber nicht. Es ist wohl immer solcher Unfug gewesen, aber er ist doch mit mehr Zurückhaltung getrieben worden und so nahe ist er uns noch nicht gekommen..., in einer Sache, die alle Menschen so nahe angeht, kann man nicht zu früh und zu viel widersprechen; ich denke in einer solchen Sache darf kein ehrlicher Mann schweigen und die Pluralität scheuen, er muß unverhohlen seine Meinung sagen, und vorliebnehmen was darauf folgt...
Die Menschen sind doch einmal unwissend und blind über das Unsichtbare, sie kennen doch ihren unsterblichen Geist nicht und wissen ihm keinen Rat; Gott weiß einen, und promulgiert eine Arzenei, die sich bei Tausenden bewährt hat und sich bei allen bewährt, die sie nach Vorschrift gebrauchen – und da kommen sie und wollen Gott meistern und seine Arzenei nach ihrem Dispensatorio einrichten und ändern! ... Kann es einen größern Unsinn geben? Und können sie es für die verantworten, die durch sie verführt werden, die Arzenei Gottes ungebraucht zu lassen, und ihren Quacksalbereien nachzulaufen?...
Wenn das Christentum weiter nichts wäre, als ein klares allen einleuchtendes Gemächte der Vernunft; so wäre es ja keine Religion und kein Glaube; und warum wäre denn gesagt, daß die Welt den Geist des Christentums nicht sehe und nicht kenne, und wie hätte seine Einführung unter den Menschen so viel Widerspruch und Blut kosten können? –
Und das, wozu tausend Jahre Zeit nötig gewesen sind um es allgemein in Europa einzuführen...,  wofür unsre Väter und Vorfahren so viel gelitten und Leib und Leben gewagt und hingegeben haben, und was wir alle, ein jeder von uns, heiligzuhalten und zu bewahren mit Mund und Hand gelobt und versprochen haben, was unsre Seelen selig machen kann – das sollten wir uns ohne Schwertschlag, unter dem Schein der Aufklärung und einer bessern Einsicht, unvermerkt und unter der Hand, nehmen und aus den Händen winden lassen ... das sei ferne! das wolle Gott nicht! das werden unsre Könige und Fürsten nicht wollen; das wird keiner wollen, der sich und die Seinen liebhat.
Was aber auch werden mag, Andres, Dir und mir soll es niemand nehmen, weder Schwachheit noch Klugheit, weder Süß noch Sauer. Wir wollen es, nach Moses Rat, »in unsre Seelen fassen, und zum Zeichen auf unsre Hand binden, daß es ein Denkmal vor unsern Augen sei; wir wollen es unsre Kinder lehren, und davon reden, wenn wir im Hause sitzen oder auf dem Wege gehen, wenn wir uns niederlegen und wenn wir aufstehen.«

Dabei bleibt's. Andres. Leb wohl.“

aus „Über die neue Theologie, an Andres“ (hier zum Volltext)

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„Der Mensch ist für eine freie Existenz gemacht, und sein innerstes Wesen sehnet sich nach dem Vollkommnen, Ewigen und Unendlichen, als seinem Ursprung und Ziel. Er ist hier aber an das Unvollkommne gebunden, an Zeit und Ort; und wird dadurch gehindert und gehalten, und von dem väterlichen Boden getrennt.

Und darum hat er hier keine Ruhe, wendet und mühet sich hin und her, sinnet und sorgt, und ist in beständiger Bewegung zu suchen und zu haben, was ihm fehlt und ihm in dunkler Ahndung vorschwebt.
Da er sich aber nicht anders, als in und mit seinem Hindernis, bewegen kann; so ist sein Mühen umsonst und vergebens, was er auch tue und welchen Fleiß er auch anwende. Er kann, rundum in seinem Zirkel, Entdeckungen machen, viel und mancherlei finden, Schönes und Nützliches, Scharfsinniges und Tiefsinniges; aber zu dem Vollkommnen kann er, sich selbst gelassen, nicht kommen; denn er bringt, wie gesagt, gerade was ihm im Wege ist und hindert in alles mit, was er beginnet und tut, und kann nicht über sich selbst hinaus.

Soll er zu seinem Ziel kommen; so muß für ihn ein Weg einer andern Art sein, wo das Alte vergeht und alles neu wird, wo das Hindernis, das ihm im Wege ist und hindert und das er selbst nicht abtun kann, durch eine fremde Hand abgetan; und er, nicht sowohl belehrt, als verwandelt und über sich und diese Welt gehoben und so der vollkommnen Natur teilhaftig wird.

Und diesen Weg, der das Geheimnis des Christentums ist, lästern und verbessern die Menschen, und wollen lieber auf ihrem Bauch kriechen und Staub essen...
Wenn nun gleich hier mit »Weisheit« und »Kunst« nichts ausgerichtet ist, und die Gabe Gottes nicht um Geld und um keine zeitliche Gesinnung verkauft wird, und der Mensch nichts nehmen kann, es werde ihm denn vom Himmel gegeben; so kann er sich doch, durch eine gewisse fortgesetzte Behandlung und Richtung Seiner-Selbst, empfänglicher machen, und der fremden Hand den Weg bereiten.

Von diesem Wegbereiten und Empfänglichmachen etc. handelt der Erzbischof Fénelon ... und teilt darin, nicht als ein Klügling und Urteiler des Weges und als Menschen zu gefallen, sondern als einer, der die Sache versucht hat und dem an seiner und anderer Menschen Seligkeit gelegen ist, seine Erfahrungen und seinen Rat einfältig und unbefangen mit...

Und vielleicht werden selbst von den Nicht-Christen und Un-Christen, einige durch die Milde und den Ernst dieses liebenswürdigen Schriftstellers veranlaßt, ihren Weg noch einmal in Überlegung zu nehmen, sosehr sie auch glauben, desselben gewiß zu sein....“

„Vorrede zu der Übersetzung von Fénelons Werken religiosen Inhalts“ (hier der vollständige Text)

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„Wir sind nicht umsonst in diese Welt gesetzt; wir sollen hier reif für eine andre werden, und man kann unsern Körper als ein Gradierhaus ansehen, wo das wilde Wasser von dem guten geschieden werden soll. Es ist nur Einer der dazu helfen kann, und dem sei Ehre in Ewigkeit.
Gehabt Euch wohl.“

Schluß von "Valet an meine Leser" (hier zum vollständigen Text)


Über Matthias Claudius

„Jena, den 23. October 1796
„Humboldt hofft in acht Tagen hier seyn zu können. Ich freue mich darauf, wieder eine Weile mit ihm zu leben. Stolbergen, schreibt er, habe er in Eutin nicht gefunden, weil er gerade in Kopenhagen gewesen sey, und von Claudius wisse er durchaus nichts zu sagen, er sey eine völlige Null.“
Schiller an Goethe

„Albano, den 5. Oktober 1787
Mit den Genannten [gemeint sind Claudius und Lavater, (eigene Anm.)] war unser Verhältnis nur ein gutmütiger Waffenstillstand von beiden Seiten, ich habe das wohl gewußt, nur was werden kann, kann werden. Es wird immer weitere Entfernung und endlich, wenn's recht gut geht, leise, lose Trennung werden. Der eine ist ein Narr, der voller Einfaltsprätensionen steckt. »Meine Mutter hat Gänse« singt sich mit bequemerer Naivetät als ein: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr.« Er ist einmal auch ein -: »Sie lassen sich das Heu und Stroh, das Heu und Stroh nicht irren« etc. etc. Bleibt von diesem Volke! der erste Undank ist besser als der letzte. Der andere denkt, er komme aus einem fremden Lande zu den Seinigen, und er kommt zu Menschen, die sich selbst suchen, ohne es gestehn zu wollen. Er wird sich fremd finden und vielleicht nicht wissen warum... Hole oder erhalte ihn der Teufel, der ein Freund der Lügen, Dämonologie, Ahnungen, Sehnsuchten etc. ist von Anfang!“
Johann Wolfgang von Goethe (aus: „Italienische Reise“)

„Weit entfernt von dieser Unruhe [bei Jung-Stilling (eigene Anm.], von diesem Schwanken zwischen Angst und maßlosem Vertrauen, ist Matthias Claudius, der wackere Wandsbecker Bote, der zwischen Diesseits und Jenseits unermüdlich auf und ab geht und von allem, was er dort erfahren, mit schlichten und treuen Worten fröhliche Botschaft bringt. Er gehört allerdings zu den Pietisten jener Zeit, insofern auch bei ihm ein starkgläubiges Gefühl den Kampf gegen Unglauben und toten Buchstabenglauben aufgenommen, aber er ist durchaus heiter und erscheint unter ihnen wie einer, der gefunden hat, was jene so rastlos suchen. Wie der Abendglockenklang in einer stillen Sommerlandschaft, wenn die Ährenfelder sich leise vor dem Unsichtbaren neigen, weckt er überall ein wunderbares Heimweh, weiß aber mit seinen klaren Hindeutungen dieses Sehnen, wie schön oder vornehm es in Natur oder Kunst sich auch kundgeben mag, von dem Ersehnten gar wohl zu unterscheiden. Denn »der Mensch«, sagt er, »trägt in seiner Brust den Keim der Vollkommenheit und findet außer ihr keine Ruhe. Und darum jagt er ihren Bildern und Konterfeis in dem sichtbaren und unsichtbaren Spiegel so rastlos nach und hängt sich so freudig und begierig an sie, um durch sie zu genesen. Aber Bilder sind Bilder. Sie können, wenn sie getroffen sind, sehr angenehm täuschen und überraschen, aber nimmermehr befriedigen. Befriedigen kann nur das Wesen selbst, nur freies Licht und Leben – und das kann niemand geben, als der es hat.«“

Joseph von Eichendorff: 
„Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands“
 (Zitat aus dem Kapitel: „Die Poesie der modernen Religionsphilosophie“)

Teil 1 nachgetragen und beendet am 23. Januar
Teil 2 am selben Tage hier

Montag, 5. September 2011

Wieland &

Ehemaliges Komödienhaus in Biberach,
1762 wurde hier erstmals ein Shakespeare-Stück in Deutsch aufgeführt,
„Der Sturm“ übersetzt von Christoph Martin Wieland


„Ich kann mich gerade noch erinnern, daß mir dieser Name ‚Kaiser von Trapezunt‘ zum ersten Mal in einem Märchen begegnet sein muß. Inzwischen denke ich, daß ich es bei Christoph Martin Wieland in seinem ‚Hexameron von Rosenhain‘ im Märchen ‚Narcissus und Narcissa‘ gefunden haben könnte, aber wie gesagt, die Erinnerung ist sehr schwach, allerdings, wenn uns Namen früh begegnen und sich ihre Bedeutung nicht scharf begrenzen läßt, erzeugen sie manchmal ein gewisses assoziationsverheißendes Eigenleben.

Abgesehen vom Märchenhaften steht aber ‚Trapezunt‘ auch für einen Teil unserer europäischen Seele, der weitgehend abgestorbenen ist. Der Untergang von Byzanz gehört zu den furchtbaren Mirakeln, die anzeigen, welcher Kosmos an Möglichkeiten gnadenlos zerstört werden kann, ohne daß das Nachfolgende auch nur ansatzweise dafür Genugtuung leisten könnte.“

Eigenzitate sind peinlich, ich weiß, aber gerade schaute ich, ob ich schon einmal etwas zu Christoph Martin Wieland geschrieben hätte, ich dachte, ich hätte, habe ich aber nicht wirklich und fand dabei das dort oben. Hm. Manchmal hat man lichte Momente. Er hat Shakespeare in Deutschland erstmals tatsächlich bekannt gemacht, ein wenig jedenfalls.

Goethe hat ihm diese Trauerrede gehalten, von der wir Auszüge bringen wollen und damit es keine reine Textwüste wird, bringen wir zwischendurch "Bist du bei mir" - eine wundervolle Arie von G.H. Stölzel, gefunden beim Blogger „Morgenländer“:

„Ob es gleich dem einzelnen unter keiner Bedingung geziemen will, alten ehrwürdigen Gebräuchen sich entgegenzustellen und das, was unsere weisen Vorfahren beliebt und angeordnet, eigenwillig zu verändern, so würde ich doch, stände mir der Zauberstab wirklich zu Gebote, den die Muse unserem abgeschiedenen Freunde geistig anvertraut, ich würde diese ganze düstere Umgebung augenblicklich in eine heitere verwandeln: dieses Finstere müßte sich gleich vor Ihren Augen erhellen, und ein festlich geschmückter Saal mit bunten Teppichen und munteren Kränzen, so froh und klar als das Leben unseres Freundes, sollte vor Ihnen erscheinen. Da möchten die Schöpfungen seiner blühenden Phantasie Ihre Augen, Ihren Geist anziehen, der Olymp mit seinen Göttern, eingeführt durch die Musen, geschmückt durch die Grazien, sollte zum lebendigen Zeugnis dienen, daß derjenige, der in so heiterer Umgebung gelebt und dieser Heiterkeit gemäß auch von uns geschieden, unter die glücklichsten Menschen zu zählen und keineswegs mit Klage, sondern mit Ausdruck der Freude und des Jubels zu bestatten sei…“

„Die Wirkungen Wielands auf das Publikum waren ununterbrochen und dauernd. Er hat sein Zeitalter sich zugebildet, dem Geschmack seiner Jahresgenossen sowie ihrem Urteil eine entschiedene Richtung gegeben, dergestalt, daß seine Verdienste schon genugsam erkannt, geschätzt, ja geschildert sind… Und woher kam die große Wirkung, welche er auf die Deutschen ausübte? Sie war eine Folge der Tüchtigkeit und der Offenheit seines Wesens. Mensch und Schriftsteller hatten sich in ihm ganz durchdrungen, er dichtete als ein Lebender und lebte dichtend. In Versen und Prosa verhehlte er niemals, was ihm augenblicklich zu Sinne, wie es ihm jedesmal zumute sei, und so schrieb er auch urteilend und urteilte schreibend. Aus der Fruchtbarkeit seines Geistes entquoll die Fruchtbarkeit seiner Feder… dieses gab seinen Produktionen das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlichelegante, welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere, geniale Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebracht werden kann…“

„Wer kann dem Konflikt mit der Außenwelt entgehen? Auch unser Freund wird in diesen Streit hineingezogen; ungern läßt er sich durch Erfahrung und Leben widersprechen, und da ihm nach langem Sträuben nicht gelingen will, jene herrlichen Gestalten mit denen der gemeinen Welt, jenes hohe Wollen mit den Bedürfnissen des Tages zu vereinigen, entschließt er sich, das Wirkliche für das Notwendige gelten zu lassen, und erklärt das ihm bisher Wahrgeschienene für Phantasterei.“

„Aber auch hier zeigt sich die Eigentümlichkeit, die Energie seines Geistes bewundernswürdig… er verzehrt sich nicht in eitlen Klagen, … sondern er entschließt sich zur Gegenwirkung. Er kündigt allem, was sich in der Wirklichkeit nicht immer nachweisen läßt, den Krieg an, zuvörderst also der platonischen Liebe, sodann aller dogmatisierenden Philosophie, besonders den beiden Extremen, der stoischen und pythagoreischen. Unversöhnlich arbeitet er ferner dem religiösen Fanatismus und allem, was dem Verstande exzentrisch erscheint, entgegen.“

„Aber sogleich überfällt ihn die Sorge, er möge zu weit gehen, er möge selbst phantastisch handeln, und nun beginnt er zugleich einen Kampf gegen die gemeine Wirklichkeit. Er lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem Wort Philisterei zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende Pedanterei, kleinstädtisches Wesen, kümmerliche äußere Sitte, beschränkte Kritik, falsche Sprödigkeit, platte Behaglichkeit, anmaßliche Würde, und wie diese Ungeister, deren Name Legion ist, nur alle zu bezeichnen sein mögen. Hierbei verfährt er durchaus genialisch, ohne Vorsatz und Selbstbewußtsein. Er findet sich in der Klemme zwischen dem Denkbaren und dem Wirklichen, und indem er beide zu gewältigen oder zu verbinden Mäßigung anraten muß, so muß er selbst an sich halten, und, indem er gerecht sein will, vielseitig werden.“

„… nur das, was man mit Heiterkeit ansehe, werde man recht sehen, war seine Meinung. Wer mit Heiterkeit in seinen eigenen Busen schauen könne, müsse ein guter Mann sein. Darauf komme alles an, und alles übrige Gute entspringe daher. Geist, Witz, Humor seien die echten Organe, womit ein solches Gemüt die Welt anfasse.“



„Shakespeare zu übersetzen, war in jenen Tagen ein kühner Gedanke, weil selbst gebildete Literatoren die Möglichkeit leugneten, daß ein solches Unternehmen gelingen könne. Wieland übersetzte mit Freiheit, erhaschte den Sinn seines Autors, ließ beiseite, was ihm nicht übertragbar schien, und so gab er seiner Nation einen allgemeinen Begriff von den herrlichsten Werken einer anderen, seinem Zeitalter die Einsicht in die hohe Bildung vergangener Jahrhunderte. Diese Übersetzung, so eine große Wirkung sie in Deutschland hervorbrachte, schien auf Wieland selbst wenig Einfluß gehabt zu haben. Er stand mit seinem Autor allzusehr in Widerstreit, wie man genugsam erkennt aus den übergangenen und ausgelassenen Stellen, mehr noch aus den hinzugefügten Noten, aus welchen die französische Sinnesart hervorblickt.“

„Andrerseits aber sind ihm die Griechen, in ihrer Mäßigung und Reinheit, höchst schätzbare Muster… Hier sind Philosophie und Weltgenuß durch eine kluge Begrenzung so heiter und wünschenswert verbunden, daß man sich als Mitlebender in einem so schönen Lande, in so guter Gesellschaft zu finden wünscht. Man tritt so gern mit diesen unterrichteten, wohldenkenden, gebildeten, frohen Menschen in Verbindung, ja man glaubt, solange man in Gedanken unter ihnen wandelt, auch wie sie gesinnt zu sein, wie sie zu denken.“

„… da unserm Freund niemals das Anschauen jener überbliebenen alten Meisterwerke gegönnt ward, so suchte er durch den Gedanken sich zu ihnen zu erheben, sie durch die Einbildungskraft zu vergegenwärtigen, dergestalt, daß man bewundern muß, wie der vorzügliche Geist sich auch von dem Entfernten einen Begriff zu machen weiß; ja es würde ihm vollkommen gelungen sein, hätte ihn nicht eben seine lobenswerte Behutsamkeit abgehalten, entschiedene Schritte zu tun: denn die Kunst überhaupt, besonders aber die der Alten, läßt sich ohne Enthusiasmus weder fassen noch begreifen. Wer nicht mit Erstaunen und Bewunderung anfangen will, der findet nicht den Zugang in das innere Heiligtum. Unser Freund aber war viel zu bedächtig, und wie hätte er auch in diesem einzigen Falle eine Ausnahme von seiner allgemeinen Lebensregel machen sollen? … War er jedoch mit den Griechen durch Geschmack nahe verwandt, so war er es mit den Römern noch mehr durch Gesinnung…“

„Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns herübergebracht werde, dergestalt, daß wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, daß wir uns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen. Die Vorzüge von beiden sind durch musterhafte Beispiele allen gebildeten Menschen genugsam bekannt. Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden bemüht; doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor.“

„Niemand hat vielleicht so innig empfunden, welch verwickeltes Geschäft eine Übersetzung sei, als er. Wie tief war er überzeugt, daß nicht das Wort, sondern der Sinn belebe. Man betrachte, wie er in seinen Einleitungen uns erst in die Zeit zu versetzen und mit den Personen vertraut zu machen bemüht ist, wie er alsdann seinen Autor auf eine uns schon bekannte, unserem Sinn und Ohr verwandte Weise sprechen läßt, und zuletzt noch manche Einzelheit, welche dunkel bleiben, Zweifel erregen, anstößig werden könnte, in Noten auszulegen und zu beseitigen sucht. Durch diese dreifache Bemühung, sieht man recht wohl, hat er sich erst seines Gegenstandes bemächtigt, und so gibt er sich denn auch die redlichste Mühe, uns in den Fall zu setzen, daß seine Einsicht uns mitgeteilt werde, auf daß wir auch den Genuß mit ihm teilen.“

„… Und hier ist es der Ort, der für Deutschland so wichtigen Zeitschrift, des Teutschen Merkurs, zu gedenken… Auf das Publikum überhaupt war die Wirkung groß und bedeutend… sein Glück weckte Nachahmer; ähnliche Zeitschriften entstanden, die erst monatlich, dann wochen- und tageweise sich ins Publikum drängten und endlich jene babylonische Verwirrung hervorbrachten, von der wir Zeuge waren und sind, und die eigentlich daher entspringt, daß jedermann reden und niemand hören will.“

„Was den Wert und die Würde des Teutschen Merkurs viele Jahre hindurch erhielt, war die dem Herausgeber desselben angeborene Liberalität. Wieland war nicht zum Parteihaupt geschaffen; wer die Mäßigung als Hauptmaxime anerkennt, darf sich keiner Einseitigkeit schuldig machen. Was seinen regen Geist aufreizte, suchte er durch Menschenverstand und Geschmack bei sich selbst ins Gleiche zu bringen…“

„Gar viele Menschen sind noch jetzt an ihm irre, weil sie sich vorstellen, der Vielseitige müsse gleichgültig und der Bewegliche wankelmütig sein. Man bedenkt nicht, daß der Charakter sich nur durchaus aufs Praktische beziehe. Nur in dem, was der Mensch tut, zu tun fortfährt, worauf er beharrt, darin zeigt er Charakter, und in diesem Sinne hat es keinen festeren, sich selbst immer gleicheren Mann gegeben als Wieland. Wenn er sich der Mannigfaltigkeit seiner Empfindungen, der Beweglichkeit seiner Gedanken überließ, keinem einzelnen Eindruck Herrschaft über sich erlauben wollte, so zeigte er eben dadurch die Festigkeit und Sicherheit seines Sinnes. Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber — ich kann alle Mitlebenden als Zeugen auffordern — niemals mit seinen Gesinnungen. Und so erwarb er sich viele Freunde und erhielt sie. Daß er irgend einen entschiedenen Feind gehabt, ist mir nicht bekannt geworden...“

„Wieland war ganz eigentlich für die größere Gesellschaft geboren … sein dichterisches sowie sein literarisches Streben war unmittelbar aufs Leben gerichtet, und wenn er auch nicht gerade immer einen praktischen Zweck suchte, ein praktisches Ziel hatte er doch immer nah oder fern vor Augen. Daher waren seine Gedanken beständig klar, sein Ausdruck deutlich, gemeinfaßlich, und da er, bei ausgebreiteten Kenntnissen, stets an dem Interesse des Tages festhielt, demselben folgte, sich geistreich damit beschäftigte, so war auch seine Unterhaltung durchaus mannigfaltig und belebend; wie ich denn auch nicht leicht jemand gekannt habe, welcher das, was von anderen Glückliches in die Mitte gebracht wurde, mit mehr Freudigkeit aufgenommen und mit mehr Lebendigkeit erwidert hätte.“

„Bei dieser Art zu denken, sich und andere zu unterhalten, bei der redlichen Absicht, auf sein Zeitalter zu wirken, verargt man ihm nun wohl nicht, daß er gegen die neueren philosophischen Schulen einen Widerwillen faßte…“

„So sehr auch jederzeit sein Blick auf das Irdische, auf die Erkenntnis, die Benutzung desselben gerichtet schien — des Außerweltlichen, des Übersinnlichen konnte er doch, als ein vorzüglich begabter Mann, keineswegs entbehren. Auch hier trat jener Konflikt, den wir oben umständlich zu schildern für Pflicht gehalten, merkwürdig hervor; denn indem er alles abzulehnen schien, was außer den Grenzen der allgemeinen Erkenntnisse liegt, außer dem Kreise dessen, was sich durch Erfahrung betätigen läßt, so konnte er sich doch niemals enthalten, gleichsam versuchsweise, über die so scharf gezogenen Linien wo nicht hinauszuschreiten, doch hinüberzublicken und sich eine außerweltliche Welt, einen Zustand, von dem uns alle angeborenen Seelenkräfte keine Kenntnis geben können, nach seiner Weise aufzuerbauen und darzustellen…“

(„Zu brüderlichem Andenken Wielands“, von Goethe vorgetragen am 18. Februar 1813)
zu Ende geschrieben am 6. September