Samstag, 18. August 2012

Über den Trost des Ideellen


Dieser Ort hat eine schwierige Physiognomie, genauer gesagt, die Stadt, der er zugehört. Einige markante übriggebliebene Zeugnisse der Backsteingotik bilden einen Rahmen, der überwiegend von zuviel Beton-Leere überfüllt wird, und das hat sich nach der sogenannten „Wende“ bruchlos fortgesetzt. Aber davon wollten wir gar nicht reden. Etwa 10 Fußminuten entfernt gibt es ein „Belvedere“. Das Belvedere ist zu Neubrandenburg ein wenig fremd, vielleicht war es das eher schon, aber jetzt ist es zweifelsohne so.

Der nahegelegene Tollensesee wurde von der letzten Eiszeit geschaffen, er wirkt stellenweise wie eine halbvolle Badewanne und seine Ränder sind daher häufig - Steilufer; ach ich vergaß zu erwähnen, die Natur immerhin ist hier durchgehend sehr eindrucksvoll. An einem Stück besonders eindrucksvollen nordwestlichen Steilufers beschloß ein mecklenburgischer Herzog also, ein Sommerhaus zu errichten.

Der Herzog hieß Adolf Friedrich IV. und ist übrigens von Fritz Reuter liebevoll beschrieben worden, das war 1775; ein eher schlichter Fachwerkbau, der später abgebrochen und (sic!)  in der Beguinenstraße (also in der Innenstadt) sorgfältig wieder aufgebaut wurde, als eine Heimstatt der Freimaurer (auch kurz nach/bei Kriegsende verbrannt). Gut, zuletzt war es eine Gaststätte namens "Tivoli".


Großherzogin Marie, Gemahlin des Großherzogs Georg, ein konservativer, aber nichtsdestotrotz (?) recht beliebter Regent seines kleinen Landes, ließ am selben Standort 1823 erneut ein Sommerhaus erbauen. Sie beauftragte dazu Friedrich Wilhelm Buttel, der dieses (inzwischen) „Großherzogtum“ vielfach mit seinen Bauten bereichert hat. Ungewöhnlich für ihn (und die Proportionen sind auch vielleicht nicht immer ganz glücklich, nun ja) schuf er es als bescheidenen dorischen Tempel. Der Tempel war eher ein Pavillon mit einem Saal, reich dekorierter Stuckdecke, Statuen, einem Kamin und einer kleine Küche, nebst Kammer. Es existiert eine Gedenktafel am Bau, die daran erinnert.


Auch dieses Land wurde von dem entbehrlichen Umsturz von 1918 berührt, er machte seinerseits das Belvedere funktionslos, es gab keinen Bedarf mehr für ein herzogliches Sommerhaus. In den 20er Jahren beging man auf dem Areal noch gelegentlich Volksfeste. Die nächste große Umgestaltung hingegen erfolgte 1934, als man sich entschloß, das Gebäude zum Ehrendenkmal für die im 1. Weltkrieg Gefallenen aus Mecklenburg-Strelitz umzugestalten. Das Belvedere wurde in eine offene Halle verwandelt, die Mitte des Raumes nahm ein großes, in den Boden eingelassenes Eisernes Kreuz ein.

Die Pläne hierzu stammten von Prof. Heinrich Tessenow (nicht unbekannt bspw. im Zusammenhang mit der „Neuen Wache“ in Berlin, die er ebenfalls zum Ehrenmahl umgestaltet hatte). Der Platz hinter dem Belvedere wurde von einer monumentalen Bruchsteinmauer mit Freitreppe eingefaßt. Der Ort veränderte folglich deutlich seinen Charakter weg vom eher Idyllischen.

Vielleicht sollte man noch erwähnen, daß Tessenow lange Jahre in dieser Stadt seinen eigentlichen Wohnsitz hatte, auch wenn er woanders lehrte. Um 1920 herum hatte er ein großes, altes Bürgerhaus erworben und für sich und seine Familie hergerichtet. Erst gegen Ende des 2. Weltkrieges zog er nach Siemitz bei Güstrow.


Wir stehen vor der nächsten Zäsur. Die Ehrung der Gefallenen des 1. Weltkrieges war nicht unbedingt eine Herzensangelegenheit der neuen Machthaber. Das Belvedere verfiel, die Ausgestaltung wurde teilweise demoliert. Immerhin begann man Ende der 70er Jahre das Gebäude wiederherzustellen, der Stadt schwebte ein Ort für Freilichtveranstaltungen mit großer Bühne vor, aber das Projekt wurde nicht vollendet. Erst 1995 wurde das Belvedere endgültig restauriert (ohne Freilichtbühne).

Und heute? Heute gibt es dort gelegentlich Konzerte, Sommerfeste wie die "Tangonacht", und seit hier auch Hochzeiten geschlossen werden können, was rege in Anspruch genommen wird, werden die Schmierereien schnell wieder entfernt, mit denen abseitig Veranlagte das Häßliche, das in ihrem Kopf haust, nach außen zu bringen suchen. Aber die meiste Zeit drückt sich an diesem Ort allenfalls ein Pärchen in einen Winkel oder ein Haufen junger Menschen hat seinen Spaß.

Der Titel deutet an, daß dieser Beitrag eigentlich eine andere Richtung nehmen sollte (doch nun ist die "Einleitung" schon so lang geworden). Denn das Belvedere ist nicht nur das einzige klassizistische Bauwerk Buttels, das auf uns gekommen ist. In der ganzen Region gibt es nichts von dieser Art, man müßte schon bis nach Neustrelitz, die alte Residenzstadt, gehen, da ist ein wenig übriggeblieben.

Und dabei wäre es doch ein willkommener Anlaß, angesichts dieser 4 wenigen dorischen Säulen einmal darüber nachzusinnen, was unsere Vorfahren dazu brachte, ihre Sehnsucht auf die lange vergangene Antike zu richten, und was sie darin zu finden hofften (ich verweise nur kurz auf Johann Heinrich Voß, der kommt aus der hiesigen Gegend). Für sie war ein Bauwerk offenbar mehr als ein nur nützlicher Baukörper, er hatte Teil an der Darstellung einer ideelen Ordnung, die den Menschen emporheben sollte. Aber all das sind Gedanken, die den meisten Menschen, inklusive Bauherren, des jetzigen Zeitalters wesensfremd geworden sind.
nachgetragen am 25. August

Freitag, 17. August 2012

Dienstag, 14. August 2012

Millais &

Christus im Haus seiner Eltern, 1850

John Everett Millais starb am 13. August 1896, ich hatte schon früher einmal einen Anlauf gemacht, über ihn zu schreiben, der aber im Entwurf steckenblieb, genauer gesagt, war ich mir nicht schlüssig, inwieweit der harsche Kritiker, den ich dort zitiere, recht haben könnte. Kurz zusammengefaßt: Millais habe in den späteren Jahrzehnten seines Wirkens sein unbestreitbares Talent an den Erfolg verschwendet. Tatsächlich löste sein Gemälde „Christus im Haus seiner Eltern“ 1850 wegen seiner ärmlich herben, lebensgetreuen Art noch einen großen Skandal aus.

Ophelia, 1852

Heute bekannter ist seine „Ophelia“ von 1852, die auch nicht eben Gnade vor den Kritikern fand (hier und hier lassen sich dazu ein paar interessante Details nachlesen, etwa, daß die Künstlerin Elizabeth Eleanor Siddal sich beim „Modelliegen“ eine schwere Erkältung zuzog, da Millais so in sein Werk vertieft war, daß er vergaß, die Kerzen auszutauschen, die unter der  Badewanne das Wasser warm hielten; ich selbst hatte mich auch einmal am Thema versucht, an der Gestalt, nicht am Bild, wie auch immer).


John Ruskin, 1854

Die Times schrieb "there must be something strangely perverse in an imagination which so uses Ophelia in a weedy ditch, and robs the drowning struggle of that lovelorn maiden of all pathos and beauty" und "Mr. Millais's Ophelia in her pool ... makes us think of a dairymaid in a frolic" (in etwa zu übersetzen mit: „es muß etwas seltsam Perverses in einer Phantasie wohnen, die Ophelia in einen verunkrauteten Graben versetzt und so dem Kampf des Ertrinkens dieses liebeskranken Mädchens alles Pathos und alle Schönheit raubt“ und am anderem Ort: „Mr. Millais Ophelia in ihrem Becken ... läßt uns an ein Milchmädchen in einem Scherz denken“).

Sogar der angesehene Kunstkritiker und Förderer von Millais, John Ruskin, fand zwar die Technik des Bildes "exquisite", äußerte aber Zweifel an der Entscheidung, dieselbe in eine Surrey-Landschaft zu versetzen und fragte, "Why the mischief should you not paint pure nature, and not that rascally wirefenced garden-rolled-nursery-maid's paradise?"

Während Millais hier also noch recht umstritten war, allgemeinere Akzeptanz verschaffte ihm eigentlich vor allem das Eintreten von Ruskin zu seinen Gunsten, waren seine späteren Historienbilder, Landschaftsdarstellungen, Kinderporträts und generell Porträts dagegen recht populär. Ruskin nannte das spätere Werk eine „Katastrophe“, nun es war sicher sehr breit angelegt, Millais selbst sah darin einen zunehmenden Wagemut, den seine gewachsene Erfahrung hervorbrächte, und erwählte Velázquez und Rembrandt zu seinen Leitfiguren.

Cymon and Iphigenia, 1848

Da hat er möglicherweise recht hoch gegriffen; andererseits mochte sich Millais vielleicht auch einfach nicht in das gelegentlich herbe Ideal fügen, das Ruskin vorschwebte. Interessant ist dieses leicht fiebrige (um es freundlich zu sagen) Gemälde „Cymon and Iphigenia“, das er als 18jähriger unmittelbar vor seiner prä-raffaelitischen Phase schuf, da findet sich viel überbordende Jugendlichkeit, die ihm selbst bald nicht mehr gefiel, daher wohl die Wendung zum ernsthaft Tieferen, aber mitunter auch trocken Pedantischen.

Zur Geschichte - die hat Boccaccio erfunden, im Decameron, Dryden hat sie aufgegriffen. Sie handelt von der Macht der Liebe. Iphigenie schläft in einem Wäldchen am Meer, ein adliger, aber grober und ungebildeter junger Mann aus Zypern, der von seiner Familie auf's Land verbannt worden war, sieht Iphigenies Schönheit und verliebt sich. Sie, zurückhaltend und kultiviert, vermag, ihn in einen Höfling zu verwandeln.

Das nächste Bild aus der späteren Phase handelt vom exakten Gegenteil, ein herumstreifender Ritter befreit eine hilflose nackte Frau, sehr malerisch, nun ja, man findet Näheres hier.

The Knight Errant, 1870

Nun pedantisch waren seine beliebten Porträts später sicher nie, tiefgründigeren Glanz verbreiten sie nicht immer, aber genau waren sie schon, und meist angenehm anzuschauen. Dieses zu recht bekannte Portrait Kardinal Newmans geht darüber hinaus. Schlechte Menschen meinen, die Linien seines Kardinalgewands würden an die ertrinkende Ophelia erinnern. Ein sehr genaues Portrait, mir fällt zufällig ein, er soll einmal gesagt haben, wenn er einen Toast auszubringen hätte: „I shall drink … to conscience first and to the Pope afterwards.” Denn eine Person, die die Vernunft verfehle, würde zugleich ihre Seele verlieren. Aber wir brechen besser ab.

Portia (Kate Dolan), 1886

John Henry Newman

Diese Kinderbilder haben ihn auch sehr beliebt gemacht. Wir wollen nur dieses erste aufgreifen, seine Enkelin Phyllis, eines seiner „fancy pictures“, wo das Gefühl die Beschreibung überwindet. Wie lese ich so schön, sie geben eine neue „Tiefe und Schärfe, verbunden mit einem Hauch von Vergänglichkeit, ganz im Einklang mit dem viktorianischen Gefühl der Ungewißheit des Lebens...“

Little Speedwell's Darling Blue, 1892

Cherry Ripe, 1879

"Bubbles", 1886

Diese Ungewißheit und Ungesichertheit des Lebens springt einen hier sehr unmittelbar an, und dabei scheinbar noch idyllisch verpackt, auf den ersten flüchtigen Blick. Nein, so oberflächlich erscheint uns das alles nicht, ebensowenig, wie die Winterlandschaft im letzten Bild. Dieser Maler verdient wohl doch noch einen weiteren Anlauf, um ihn besser kennenzulernen. Wir werden sehen.

A Flood, 1870

Blow, Blow Thou Winter Wind, 1892
hier gefunden

nachgetragen am 17. August

Montag, 13. August 2012

Nur etwas Lenau




Nikolaus Lenau
Blick in den Strom  

Sahst du ein Glück vorübergehn,
Das nie sich wiederfindet,
Ists gut in einen Strom zu sehn,
Wo alles wogt und schwindet.

O! starre nur hinein, hinein,
Du wirst es leichter missen,
Was dir, und solls dein Liebstes sein,
Vom Herzen ward gerissen.

Blick unverwandt hinab zum Fluß,
Bis deine Tränen fallen,
Und sieh durch ihren warmen Guß
Die Flut hinunterwallen.

Hinträumend wird Vergessenheit
Des Herzens Wunde schließen;
Die Seele sieht mit ihrem Leid
Sich selbst vorüberfließen.




Nikolaus Lenau
An meine Rose

Frohlocke, schöne junge Rose,
Dein Bild wird nicht verschwinden,
Wenn auch die Glut, die dauerlose,
Verweht in Abendwinden.

So süßer Duft, so helle Flamme
Kann nicht für irdisch gelten;
Du prangst am stolzen Rosenstamme,
Verpflanzt aus andern Welten;

Aus Büschen, wo die Götter gerne
Sich in die Schatten senken,
Wenn sie in heilig stiller Ferne
Der Menschen Glück bedenken.

Darum mich ein Hinübersehnen
Stets inniger umschmieget,
Je länger sich in meinen Tränen
Dein holdes Antlitz wieget.

O weilten wir in jenen Lüften,
Wo keine Schranke wehrte,
Daß ich mit deinen Zauberdüften
Die Ewigkeiten nährte! –

Hier nahn die Augenblicke, – schwinden
An dir vorüber immer,
Ein jeder eilt, dich noch zu finden
In deinem Jugendschimmer;

Und ich, wie sie, muß immer eilen
Mit allem meinem Lieben
An dir vorbei, darf nie verweilen,
Von Stürmen fortgetrieben.

Doch hat, du holde Wunderblume,
Mein Herz voll süßen Bebens
Dich mir gemalt zum Eigentume
Ins Tiefste meines Lebens,

Wohin der Tod, der Ruhebringer,
Sich scheuen wird zu greifen,
Wenn endlich seine sanften Finger
Mein Welkes niederstreifen.



Nikolaus Lenau
Frage  

O Menschenherz, was ist dein Glück?
Ein rätselhaft geborner
Und, kaum gegrüßt, verlorner,
Unwiederholter Augenblick!


nachgetragen am 14. August

Sonntag, 12. August 2012

Sonntag &

poorly translated



Es hat nicht geregnet heute, wie man daran erkennen kann, daß es auf dem Tisch wieder Blumen gibt, auch wenn die Rosen nicht im Übermaß blühen, sie brauchen wohl doch noch mehr Sonne. Ich war einmal mehr einfallslos und haben etwas gekocht, das es vor nicht langer Zeit schon einmal gab. Und ich ich habe es mit den Kräutern übertrieben, das unter dem Urwald ist ein großes Stück Lachs, nun, inzwischen ist es deutlich kleiner, es war also dennoch kein Reinfall. Lachs, im Ofen gegart auf Butterschmalz mit Thymian, Oregano und viel Estragon (den Dill habe ich ärgerlicherweise vergessen). Dazu eine Sauce hollandaise, Blumenkohl und Gurkensalat. Alles sehr nett, offensichtlich.



It wasn’t raining today, as one can see from the fact that there are flowers on the table again, well the roses still don’t bloom in abundance, they probably still need some more sun. I was uninspired, once again, and cooked something I did not long ago already. And I did it with the herbs over the top, under the jungle was a large piece of salmon, well, now it is much smaller, so it was still not a flop. Salmon, cooked in the oven on butter with thyme, oregano and much tarragon (I forget the dill annoyingly). Then a sauce hollandaise, cauliflower and 2 cucumber salads. All was very nice, obviously.


10. Sonntag nach dem Trinitatisfest


Aufgang zum Herodianischen Tempel 

Herr Roloff hat heute nachfolgende Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis gehalten, die vom zerstörten Tempel von Jerusalem handelt und wie das jüdische Volk in die Irre ging, weil es meinte, in toten Steinen und im Vergangenen das Heil halten und besitzen zu können, aber man lese selbst.

Treppe an der Südseite des Tempelberges, Jerusalem

Predigt zum 10. Sonntag nach dem Trinitatisfest

Jes 62, 6-12

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

nach der guten Tradition unserer Kirche feiern wir das Gedächtnis an die Zerstörung des Tempels von Jerusalem, die aller Wahrscheinlichkeit nach in den Sommer des Jahres 587 vor Christus datiert, und die sich dann über ein halbes Jahrtausend später im Sommer des Jahres 70 nach Christus wiederholt hat. Selbstverständlich stellt sich in diesem Zusammenhang wieder und wieder die Frage nach dem Wesen des Tempels und nach dem Wesen Gottes selbst.

Für Israel war der Tempel ein außergewöhnlicher Ort. In ihm wurde die Lade bewahrt, der Kasten, den Moses gebaut hatte und der die Gesetzestafeln vom Berge Sinai enthielt. Die Lade galt als Fußschemel am Thron Gottes. Gottes Gegenwart im Tempel war sicher. Dort war der Ort für das umfassende und mit den Festtagen des Volkes Israel verbundene Opferwesen. Dabei hatte Gott sich zunächst geweigert, den Berg Sinai zu verlassen und mit dem Volk zu ziehen, nachdem er den Frevel mit dem Goldenen Kalb hat ansehen müssen. Moses aber konnte ihn überreden, und aus dem Berggott wurde ein Wandergott, der nun im Tempel wieder sesshaft geworden war.

So war der Tempel zum Ort der Verbindung zwischen Himmel und Erde geworden. Merkwürdiger Weise wusste der Mensch offenbar schon immer, dass er, um als Mensch leben zu können, diese Beziehung zur Unendlichkeit, zur Ewigkeit, zu Gott brauchte, und darum suchte er sie auch immer. Er tat dies auf ganz unterschiedlichen Wegen, und überall dort, wo er es tat, entstanden Religionen. Es gibt keine einzige menschliche Zivilisation, die nicht auch Religionen hervorgebracht hätte.

Erst in der historisch jüngsten Zeit hat dieses sich geändert.

Johannes Paul II. hatte diesen bedrohlichen Wandel von Anfang an zum Thema seines Pontifikats gemacht. Bereits im Januar 1979 sagte der Papst auf der Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe: „Die Wahrheit, die wir dem Menschen schulden, ist vor allem auch die Wahrheit über ihn selbst. Als Zeugen Jesu Christi sind wir Vorläufer, Sprecher und Diener dieser Wahrheit, und wir dürfen sie nicht zu Grundsätzen eines philosophischen Systems oder zu reiner politischer Aktivität reduzieren; wir dürfen diese Wahrheit nicht vergessen oder verraten.

Es kann sein, dass die auffälligste Schwäche der gegenwärtigen Zivilisation in ihrem unzulänglichen Bild vom Menschen besteht. Unsere Zeit mag die Epoche sein, die am meisten über den Menschen geredet und geschrieben hat, die Epoche der Humanismen und des Anthropozentrismus. Und doch ist sie paradoxerweise auch die Epoche der tiefsten Ängste des Menschen, des angstvollen Fragens nach seiner Identität und seiner Bestimmung, eine Epoche der Erniedrigung des Menschen in ungeahnte Abgründe, eine Epoche der wie nie zuvor missachteten und verletzten  menschlichen Werte. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Man kann sagen, dass hier der unerbittliche Widerspruch, der dem atheistischen Humanismus selbst  zu eigen ist, zutage tritt. Es ist das Drama des Menschen, dem man eine wesentliche Dimension seines Seins amputiert hat – die Dimension des Absoluten. Auf diese Weise sieht er sich der schlimmsten Minderung seines Seins selbst ausgesetzt.“

Hier ist mit großer Deutlichkeit markiert, worin so etwas wie die Zerstörung des Tempels in unserer Zeit liegt. Nur mit dem Unterschied, dass der moderne Mensch nicht in Erschütterung vor den Trümmern des Tempels steht, wie die Israeliten des 6. vorchristlichen und des 1. nachchristlichen Jahrhunderts es getan haben, sondern auch noch wähnt, einen Triumph davongetragen zu haben.

Es ist dies ein Triumph über das Denken des Menschen selbst. Denn dieses war ganz offenkundig von Anfang an durch die Beschäftigung mit dem Absoluten, dem Ewigen geprägt, wenn nicht sogar überhaupt aus diesem geboren. Das ursprüngliche indogermanische Wort für Deus – djew – bedeutete auch gleichzeitig Himmel. Aus der Vorstellung von einem Himmel als Gott erwuchs dann diejenige eines „Vaters des Himmels“ – djeus phter – aus dem bereits unschwer der griechische Zeus Pater und der römische Jupiter herausgehört werden können.

Das germanische Wort Gott wiederum lässt sich erstaunlicher Weise auf die Wurzel des Verbs - ghen -  gießen - zurückführen. Es bestand also von Anfang an in der Sprache und mithin im Denken des Menschen ein Zusammenhang zwischen dem Gießen des Opfertranks und dem Wesen Gottes. Wer wollte da als Christ nicht unmittelbar an das Sakrament des Blutes Christi denken?

Nun könnte man schnell meinen, dass wir es hier nur mit Hervorbringungen des menschlichen Geistes zu tun hätten, wir sozusagen nur von Spekulationen handelten. Dem ist aber nicht so. Gerade das Volk Israel hat immer größten wert darauf gelegt, dass der Tempel gleichsam die Stein gewordene Erinnerung an Heilstaten Gottes war, die die Menschen selbst erlebt hatten und bezeugen konnten. Der Tempel stand an der Stelle, von der Gott die Erde genommen hatte, um Adam zu formen, er stand an der Stelle, an der Abraham das Opfer seines Sohnes darbringen sollte,  und an der schon Adam, Kain, Abel, Melchisedek  und Noah ihre Opfer dargebracht hatten. Der Tempel war ein auf die Erde herabgekommenes Stück des Himmels, er war der Ort, an dem Himmel und Erde sich verbanden, an dem der Mensch  unmittelbar der Macht Gottes ausgesetzt gewesen ist und sich in Gebet und Denken ihm näherte.

Solange der Tempel an die Heilstaten Gottes erinnerte, an den Auszug aus Ägypten, den Zug durch das Rote Meer, die Erteilung der 10 Gebote und an die Speisung mit Manna, hatte er seine Berechtigung. Immer aber wächst auch im Menschen die Vorstellung, er könne selbst, im Amt des Priesters, in der strengen Auslegung und Einhaltung der Gebote und durch die Darbringung zahlloser Opfer das Heil bewirken. Spätestens hier wird aus dem Tempel aber eine Räuberhöhle und Mördergrube, wie Christus ihn dann auch nennt. Dann beschränken die steinernen Häuser, die Kunstwerke und Opfer, die Zeremonien und Gebote unseren freien Blick auf den lebendigen Gott. Das jüdische Volk war ganz und gar gefangen in seiner Vorstellung, das Heil durch die Treue zum Gesetz gleichsam erzwingen zu können, dass es nicht mehr sehen konnte, wie die Gnade und Menschenfreundlichkeit Gottes in Christus erschien und durch das Leiden zur endgültigen Herrschaft drängte. Das jüdische Volk träumte davon, etwas Vergangenes, das Reich Davids in aller Herrlichkeit wieder zu gewinnen. Darin liegt wohl auch die eigentliche Tragik der Tat des Judas Iskariot. Gott aber wollte in seinem Heilshandeln die Zukunft.

Die Zeit des steinernen Tempels war nämlich mit der Ankunft Christi vorbei, und darum weint Christus auch nicht über den bevorstehenden Untergang des Tempels, sondern über den Mangel an Erkenntnis bei denen, die durch die Errichtung des neuen Tempels, wie sie durch die Menschwerdung Gottes geschehen war, gewürdigt worden waren.

Hier hinein ruft nun unser Jesajatext und verweist nach christlichem Verständnis auf eine der Aufgaben unserer Kirche. Sie ist Wächterin auf den Mauern, damit des Herrn gedacht wird, und er uns ein neues Jerusalem herabführt. In der Verheißung wiederum, dass nur noch die Berufenen Getreide und Wein trinken sollen, ist unschwer das Heilige Mahl zu erkennen, und wer die Steine des Alten forträumt, der macht der Gemeinschaft mit dem neuen Tempel, der in Jesus Christus geworden ist, eine Bahn. Siehe, dein Heil kommt! Unser Tempel ist in Ewigkeit ein lebendiger Ort, er ist der Mensch Jesus Christus. Weil wir seine Geschwister sind nennt man uns das heilige Volk, die Erlösten des Herrn. Die Apokalyptiker haben das Ende der Zeit oft als große Hochzeit geschaut, immer wieder auch als Hochzeit Jesu mit seiner Braut Jerusalem. Darin wird eben auch deutlich, dass die Geschichte Gottes mit dem Volk der Juden kein Ende gefunden hat, sondern bewahrt ist und ihr Ziel finden wird, wofür auch die ganze christliche Kirche betet und mit dem Propheten Jesaja gemeinsam spricht: „Dich wird man heißen die besuchte und unverlassene Stadt.“

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Thomas Roloff

Samstag, 11. August 2012