Freitag, 18. Januar 2019

Königs–Wehen und ein neues Reich

Anton von Werner, “Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches“

„Diese Kaisergeburt war eine schwere, und Könige haben in solchen Zeiten ihre wunderlichen Gelüste, wie Frauen, bevor sie der Welt hergeben, was sie doch nicht behalten können. Ich hatte als Accoucheur [Geburtshelfer] mehrmals das dringende Bedürfnis, eine Bombe zu sein und zu platzen, daß der ganze Bau in Trümmer gegangen wäre. Nötige Geschäfte greifen mich wenig ab, aber die unnötigen verbittern." So Reichskanzler Bismarck an seine getreue Johanna.

Und der neue Deutsche Kaiser Wilhelm I. an seine Augusta: „Ich kann Dir nicht sagen, in welcher morosen Emotion ich in diesen letzten Tagen war, teils wegen der hohen Verantwortung, die ich nun zu übernehmen habe, teils und vor allem über den Schmerz, den preußischen Titel verdrängt zu sehen.“

Beide Zitate stehen im Zusammenhang eines Ereignisses, welches am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles geschah. Der preußische König Wilhelm I. wurde zum „Deutschen Kaiser“ proklamiert und damit nahm der Staat weiter Gestalt an, in dem wir noch heute leben. Wer hier verwirrt aufschauen sollte, dem wollen wir am Ende Aufklärung verschaffen.

Deutschland war nach dem Untergang des alten Reiches also wieder geeint, de facto traten die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund bei, der bereits seit 1867 bestand, allerdings unter Ausschluß Österreichs; Bismarcks Anstrengungen hatten sich zu einem geglückten Ergebnis gefügt, der preußische König gewissermaßen eine „Standeserhöhung“ erfahren; hätten die Beteiligten da nicht enthusiastischer klingen sollen? Die Gemütslage überrascht. Eine längere Passage aus dem Tagebuch Kronprinz Friedrich Wilhelms mag uns da weiterhelfen:

Emil Hünten: Kaiser Wilhelm I und Kronprinz Friedrich zu Pferde

Hauptquartier Versailles, den 17. Januar 1871

„Beim König fand nachmittags eine Sitzung statt, welcher Graf Bismarck, Hausminister v. Schleinitz und ich beiwohnten.… Hinsichtlich des kaiserlichen Titels bekannte Graf Bismarck, daß... die bayerischen Abgeordneten und Bevollmächtigten die Bezeichnung ‚Kaiser von Deutschland‘ nicht hätten zulassen wollen, und daß er endlich ihnen zuliebe, aber allerdings, ohne Se. Majestät vorher zu fragen, diejenige eines ‚Deutschen Kaisers‘ zugestanden habe. Diese Bezeichnung, mit welcher gar kein eigentlicher Begriff zu verbinden ist, mißfiel dem König ebenso wie mir, und wir taten unser möglichstes, um an ihrer Statt das ‚von Deutschland‘. Graf Bismarck blieb jedoch dabei...

Ferner suchte er zu beweisen, daß der Ausdruck ‚Kaiser von Deutschland‘ eine Territorialmacht, die wir über das Reich gar nicht besäßen, bedeute, während dagegen ‚Deutscher Kaiser‘ die natürliche Konsequenz des ehemaligen imperator romanus sei. So mußten wir uns leider fügen, wenn es mir auch gar nicht gefallen will...

Bei diesem Anlaß entspann sich eine recht peinliche Debatte über das Verhältnis von Kaiser zu König, weil Se. Majestät, den alten preußischen Traditionen zuwider, einen Kaiser höher als einen König stellt…

Je deutlicher sich nun aber die Konsequenzen von ‚Kaiser und Reich‘ im Lauf der Verhandlungen zeigten, desto aufgebrachter wurde der König. Schließlich brach er in die Worte aus, nur ein Scheinkaisertum übernähme er, nichts weiter als eine andere Bezeichnung für ‚Präsident‘; er müßte sich mit einem Major vergleichen, dem der ‚Charakter als Oberstleutnant‘verliehen worden sei. Nun es soweit gekommen wäre, müßte er zwar dieses Kreuz tragen, doch wollte er dafür auch der alleinige sein, weshalb er sich verbäte, daß man von ihm erwarte, der preußischen Armee eine gleiche Zumutung wie seiner eigenen Person zu machen; er wolle daher nichts von einem „Kaiserlichen Heere“ hören, weil er wenigstens unsere Armee vor dergleichen bewahren möchte und nicht dulden könnte, daß die Truppen gar „deutsche“ Namen und Bezeichnungen sich gefallen lassen müßten. Die Marine möge „die Kaiserliche“ genannt werden.

Ferner sagte er in äußerster Aufregung, er könne uns gar nicht schildern, in welcher verzweifelten Stimmung er sich befände, da er morgen von dem alten Preußen, an welchem er allein festhielte und fernerhin auch festhalten wollte, Abschied nehmen müßte. Hier unterbrachen Schluchzen und Weinen seine Worte...

Unverrichteter Sache und einer den anderen fragend, was nun eigentlich geschehen würde, verließen wir die Präfektur. Unter solchen Eindrücken leiteten wir die zu morgen angesetzte großartige deutsche Feier ein!“

Oscar Begas: Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, 1867

Warum dieser Gefühlsausbruch auf Seiten Wilhelms? Er spürte, daß er zwar nicht den sofortigen Untergang Preußens herbeiführen würde, aber doch dessen Aufgehen in einem größeren Reich, bei dem höchst ungewiß war, wieviel darin von dem alten Preußen, dem er mit allen Fasern seines Gemüts und seiner Gesittung verbunden war, Bestand haben würde. Und dessen „Präsident“ sollte er sein dürfen, dem ein Kaisertitel aufgeklebt wurde.

Formal war er da ziemlich im Recht. Bismarcks kalter Pragmatismus in diesen Dingen mußte ihm wesensfremd bleiben, auch wenn Wilhelm sich letztlich den Notwendigkeiten beugte. Daß er dies den Kanzler spüren ließ, menschlich verständlich.

Immerhin durfte der in Versailles die Kaiserproklamation gewissermaßen dem deutschen Volk verlesen:

„Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, nachdem die deutschen Fürsten und freien Städte den einmüthigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit der Herstellung des Deutschen Reiches die seit mehr denn sechzig Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des Deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind, bekunden hiermit, daß Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Ruf der verbündeten Fürsten und Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen.

Demgemäß werden Wir und Unsere Nachfolger an der Krone Preußens fortan den Kaiserlichen Titel in allen Unseren Beziehungen und Angelegenheiten des Deutschen Reiches führen, und hoffen zu Gott, daß es der deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen.

Wir übernehmen die Kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft seines Volkes, zu vertheidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem Deutschen Volk vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermuthigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherheit gegen erneute Angriffe Frankreichs gewähren.

Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Deutschen Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.“

Stolze Hoffnungen, die sich leider nur für wenige Jahrzehnte, wenn auch beeindruckende erfüllen sollten. Herr Roloff hat zum 140. Jahrestag der Reichsgründung einmal ein Kalenderblatt, geschrieben, das ich ungekürzt noch einmal bringen will, weil er treffend den Stellenwert des Ereignisses zusammenfaßt. Von mir gibt es danach nur noch die versprochene Erklärung.

Karte des Norddeutschen Bundes 1866–1871

„Am 18. Januar 1871, also genau vor 140 Jahren, wurde in Versailles das Bismarckreich gegründet. Die im Spiegelsaal des Schlosses Ludwig XIV. versammelten deutschen Fürsten proklamierten den preußischen König zum Deutschen Kaiser. Wilhelm I. selbst hatte diesen Tag bestimmt, weil wiederum 170 Jahre zuvor in Königsberg die Krönung des ersten preußischen Königs stattgefunden hatte.

Mit der Kaiserproklamation wurde ein Schlusspunkt hinter die wohl gewaltigste Umwälzung in der europäischen Geschichte des 19. Jahrhunderts gesetzt. Drei Kriege hatte der in Schönhausen an der Elbe geborene Kanzler Otto von Bismarck führen müssen, um den Weg zur Deutschen Einheit frei zu machen. 1864 besiegten Österreich und Preußen noch gemeinsam Dänemark. 1866 wurde dann durch den Krieg Preußens gegen Österreich der innerdeutsche Dualismus entschieden und 1870/71 mit dem Sieg über Frankreich das letzte Hindernis zur Einheit Deutschlands beseitigt. Damit war innerhalb von nur ganz wenigen Jahren mit dem Reich wieder eine mächtige europäische Mitte entstanden, wie sie der Kontinent seit dem 30-jährigen Krieg nicht mehr gekannt hatte. Darum nannte auch der britische Premierminister Benjamin Disraeli das Jahr 1871 bedeutender für die europäische Geschichte als es das Jahr 1789 gewesen sei.

Bismarck war sich vollständig darüber im Klaren, dass das Äußerste erreicht war, was im Rahmen eines deutschen Nationalstaates möglich gewesen ist. Von nun an verlegte er seine gesamte Energie darauf, das Reich in der Mitte Europas zu bewahren. Der schwindelerregende wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands, seine Modernität und rasant wachsende Macht riefen nämlich unter den europäischen Mächten nicht unbedingt nur Bewunderung und Freundschaft hervor. Darum verschloss sich der Fürst auch weitestgehend jeder auftrumpfenden Politik. Sogar die 1884 für das Reich gewonnenen Kolonien stellte Bismarck wieder zur Disposition und trug sie dem Hamburger Senat zur Verwaltung an. Gegenüber dem Bürgermeister Versmann stellte er 1889 in für ihn typischer Weise klar: „Mein Gewerbe ist es, Europa den Frieden zu erhalten; wenn ich das tue, bin ich bezahlt. Mit anderen Kleinigkeiten kann ich mich nicht mehr abgeben. Kurz, das Auswärtige Amt wird die Kolonialsachen los oder es wird mich los.“

Genau diese „Kleinigkeiten“ aber wurden von Vielen dann ganz anders bewertet. Max Weber beispielsweise verlangte in seiner Freiburger Antrittsvorlesung 1895: „Wir müssen begreifen, dass die Einigung Deutschlands ein Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und seiner Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte, wenn sie der Abschluss und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.“

Schon lange hat die Geschichte ihr Urteil darüber gesprochen, wer von beiden Recht behalten hat.
Thomas Roloff“

Ferdinand Keller: Apotheose Kaiser Wilhelms I.

Nachtrag

Zunächst sei noch festzuhalten, wie erstaunlich schnell, und so von den Urhebern möglicherweise nicht erwartet, die Begriffe von „Kaiser und Reich“ sich wieder mit Bedeutung aufluden und über die ihnen zugedachte Funktion hinauswuchsen. Keinesfalls sah man im preußischen König und Deutschen Kaiser eine Art von Präsidenten.

Und selbst nach so vielen Brüchen sprechen die Leute mitunter noch von „Kaiserwetter“ und einige Ostseeorte nennen sich mit Stolz „Kaiserbäder“. Immerhin. Das charakteristisch Preußische, das allerdings verdämmerte wirklich langsam. Und selbst als die Monarchie endete: Die sog. Weimarer Verfassung von 1919 beginnt in Artikel I mit: „Das Deutsche Reich ist eine Republik.“

Ob man nun den Anfang auf den 1. Juli 1867 setzt, mit dem Inkrafttreten der Verfassung des „Norddeutschen Bundes“, oder eben auf den 18. Januar 1871 mit der Kaiserproklamation von Versailles. Niemand Ernstzunehmendes kam 1919 auf die Idee, mit der Änderung der Staatsform sei auch ein neuer Staat entstanden. Es sollten bekanntlich noch weitere Um- und Zusammenbrüche folgen.

Irgendwann in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts kam dann bei einigen ganz Klugen die Idee auf, der Staat von 1867/71 sei 1945 untergegangen oder sogar noch irgendwann später.

Ein Herr Wolfgang Malanowski schrieb im Spiegelheft Nr. 4 von 1971 folgenden dafür bezeichnenden Satz: "98 Jahre, neun Monate und zehn Tage hat dieses Reich bestanden - das erste halbe Jahrhundert feste Burg, das zweite halbe Jahrhundert nur noch Ruine und schließlich bloß Chimäre seiner selbst. Seine längst brüchigen Konturen verschwanden am 26. Oktober 1969, als Willy Brandt in seiner Regierungserklärung von den zwei Staaten in Deutschland sprach, und so wie beim sozialdemokratischen Bundeskanzler kehrt Realitätssinn auch bei bundesdeutschen Historikern ein."

Die Regierungserklärung eines Bundeskanzlers konnte den Staat, der einmal „Reich“ genannt worden war, also gewissermaßen weghexen (was für eine Rechnung der Autor da aufmacht, ist mir übrigens schleierhaft) bzw. den übrig gebliebenen Teil in 2 Nachfolgestaaten zerfallen lassen. Das empfanden damals sicher viele als realistisch und jeden Gedanken einer Vereinigung der beiden als verstiegene Phantasterei, ja sogar moralisch anrüchig. Übrigens eine hübsche Lektion darüber, wie grundlegend sich das Verständnis von Normalität jederzeit umzukehren vermag. Doch dazu müßte man geschichtlich denken wollen oder können.

Die Verstiegenheit wurde bekanntlich Realität. Nur, daß Realität und Wahrnehmung halt doch sehr auseinander fallen können. So bettelt eine bestimmte Fraktion im Bundestag immer wieder fast darum, die "These von der Fortexistenz des Deutschen Reiches“ endlich zurückzuweisen, damit sie nicht von Neonazis und ähnlichem Gelichter benutzt werden könne.

Und mit der Regelmäßigkeit eines Drehorgelliedes erfolgt darauf die Antwort:  Das Bundesverfassungsgericht habe in ständiger Rechtsprechung festgestellt, daß das Völkerrechtssubjekt "Deutsches Reich" nicht untergegangen und die Bundesrepublik Deutschland nicht sein Rechtsnachfolger, sondern mit ihm als Völkerrechtssubjekt identisch sei.

Mit anderen Worten, die Bundesrepublik ist das Deutsche Reich. Es heißt gegenwärtig bloß anders. Und darum können wir sagen. Der Staat, in dem wir leben, ist spätestens 1871 gegründet worden, eigentlich schon 1867. Und das rechtfertigt dann vielleicht auch einen so ausufernden Beitrag.

 nachgetragen am 21. Januar

Samstag, 12. Januar 2019

Kaiser Maximilian in der Martinswand

Moritz v. Schwind: Kaiser Maximilian I. in der Martinswand
etwa 1860, hier gefunden

Kaiser Maximilian liebte unter allen Jägereien die Gemsjagd am meisten und überstand dabei so viele Todesgefahren, daß daraus ein sonst unerhörtes Beispiel zu nehmen ist, wie das himmlische Engelgeleit einen frommen Fürsten zu schützen vermöge. In seiner Jugend kletterte Max einsmals den Gemsen auf der Martinswand also nach, daß er weder fürder noch zurücksteigen konnte. Wo er sich nur hinwendete, hatte der kühne Herr den Tod vor Augen.

Sah er über sich, so drohten ihm die überhängenden Felsen, sah er unter sich, so erschreckte ihn eine grausame Tiefe von mehr als hundert Klaftern, sah er um sich, so war er mit Felsen umgeben, die viel zu hart waren, um sich seiner erbarmen zu können. Mit einem Seil ihm zu Hilfe zu kommen, verbot die Höhe des Ortes, einen Weg hinauf hätten alle Steinbrecher nicht in einem Monate zu Stande gebracht. Der Herr sah zwar seine Hofdiener in der Tiefe stehen und gehen, allein sie konnten ihm nicht helfen. Zwei ganze Tage und Nächte hoffte er vergebens auf Rettung.

Endlich erkannte er, daß hier oben keine Hilfe vor dem Tode sei, und sehnte sich nach der hl. Wegzehrung. Demnach rief er, so stark er konnte, man solle einen Priester mit dem heiligen Sakramente kommen lassen, damit er es wenigstens sehen könne. Indessen hatte sich die betrübte Zeitung von diesem Unfall weit verbreitet und überall wurde um die Rettung des allgeliebten Herrn gefleht.

Das Gebet blieb nicht ohne Frucht, denn am dritten Tage hörte der fromme Herr ein Geräusch in seiner Nähe, und als er nach selbiger Seite sich wendete, sah er einen Jüngling in Bauernkleidern daherkriechen und einen Weg im Felsen machen. Dieser bot ihm die Hand und sagte: "Seid getrost, gnädiger Herr! - Gott lebt noch, der euch retten kann und will. Folgt mir nur und fürchtet euch nicht!" Also trat Maximilian seinem Führer nach und kam in kurzem auf einen Steig, der ihn wieder zu den Seinen brachte.

Mit welchen Freuden er von ihnen empfangen worden ist, läßt sich leicht erachten.

Im Gedränge der Leute verlor sich alsogleich der Führer, den man nirgends mehr finden konnte und deshalb für einen Engel und Hilfsboten Gottes halten mußte. Den hohen Herrn labte man erstlich mit Speise und Trank, dann hob man ihn, noch ganz matt und blaß, auf ein Pferd und brachte ihn also wieder nach Innsbruck. Daselbst wurde er gar fröhlich bewillkommt und ein großes Dankesfest wurde angestellt. Kaiser Max ließ aber später den besagten Ort an der Martinswand in die Vierung aushauen und zum Gedächtnis der göttlichen Hilfe ein vierzig Schuh hohes Cruzifix darin aufstellen, welches annoch steht.

Aus: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 977, Seite 558

Bernhard Strigel, Kaiser Maximilian I. 
um 1500, hier gefunden

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Diese Geschichte zeigt uns zweierlei von Kaiser Maximilian: Daß er von männlich wagemutiger und ebenso frommer Natur war. Dazu darf man ihn unter die namhaften Herrscher unseres Heiligen Römischen Reiches zählen. Er starb am 12. Januar 1519, also vor 500 Jahren.

Wenn davon in diesen schlimmen Zeiten kaum etwas zu vernehmen ist (und in den seltenen entgegengesetzten Fällen wäre auch das meist besser unterblieben), soll uns das Anlaß sein, stärker auf die Heilung des Gedächtnisses unseres Vaterlandes zu hoffen.

Sub conditione Jacobaea wollen wir in den nächsten Tagen noch weiteres von ihm erzählen.

nachgetragen am 14. Januar

Sonntag, 6. Januar 2019

Über Epiphanias

Ravenna, Baptisterium der Orthodoxen, Taufe Jesu durch Johannes

In Epiphanias durchdringen sich die göttliche und die menschliche Sphäre. Das Göttliche nimmt Anteil am Menschlichen, das Menschliche gewinnt Anteil am Göttlichen. Zu deutsch ist Epiphanias das Fest der Erscheinung. Es ist das Erscheinen des Herrn. In der Erscheinung Jesu berühren sich das Göttliche und Menschliche. Es ereignet sich die Gestalt-Werdung eines Geheimnisses.

Zu den ältesten Festen der Christenheit gehörend, hat es sich in den Zeiten und Weltgegenden vielgestaltig ausgeformt, ohne doch sein Wesen zu verändern. Um gleich eingangs Benedikt XVI. zu zitieren (aus seiner Ansprache zum 6. Januar 2009):

„Die lateinische Tradition identifiziert es mit dem Besuch der Sterndeuter beim Jesuskind in Betlehem, und sie interpretiert es demzufolge vor allem als Offenbarung des Messias Israels vor den Heidenvölkern. Die orientalische Tradition hingegen gibt dem Augenblick der Taufe Jesu am Fluß Jordan den Vorrang, als er sich als der eingeborene Sohn des himmlischen Vaters offenbarte, der vom Heiligen Geist gesalbt ist. Das Evangelium des Johannes jedoch lädt dazu ein, auch die Hochzeit von Kana als ‚Epiphanie‘ zu betrachten, bei der Jesus durch die Verwandlung des Wassers in Wein ‚seine Herrlichkeit [offenbarte] und seine Jünger an ihn [glaubten]‘ (Joh 2,11).“

Könige des Ostens, Santa Maria de Mosoll (urspr.)

Im Ursprung war es wohl das Fest der Geburt Jesu. Als die Westkirche begann, dieses am 25. Dezember zu begehen, gerieten die weisen Magier aus dem Osten, später als legendenhafte „Heilige Drei Könige“, in den Blick, und damit verbinden wir dieses Datum mittlerweile noch heute. Der Evangelist Matthäus beschreibt die Ereignisse um die Weisen aus dem Morgenland wie folgt (Kap. 2, 1 -12):

Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem.
Und ließ versammeln alle Hohenpriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden.

Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten:
"Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda's; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei."
Da berief Herodes die Weisen heimlich und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und wies sie gen Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß ich auch komme und es anbete.

Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war.
Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie sich nicht sollten wieder zu Herodes lenken; und sie zogen durch einen anderen Weg wieder in ihr Land.

El Greco: Die Anbetung der Könige

Es lohnt sich, ein wenig der Frage nachzugehen, welcher Art diese „Magier“ (so werden sie wörtlich im Text genannt) gewesen sein mögen, die den „König der Juden“ suchten und kamen, um ihn anzubeten.

Es gibt die moderne Neigung, hier „nur“ Legenden zu sehen, insbesondere bei dem Typus des neuzeitlichen Menschen, der gern glauben mag, die ganze Bibel sei eine einzige Verschwörung erdachter Geschichten, um ihn zu täuschen. Das ist zwar ein wenig arg narzißtisch gedacht, die antiken Autoren dürften einen solchen Typus mindestens ebenso stark für unglaubhaft gehalten haben, hätte man ihnen diesen prophezeit. Aber wie unplausibel ist die Geschichte?

Die Babylonier kannten die Juden (spätestens seit der sog. „Babylonischen Gefangenschaft“), die gebildeten unter ihnen auch deren prophetische Überlieferungen. Wenn ich mich recht erinnere, glich Babylon selbst zu dieser Zeit eher einem zerfallenden Lehmziegelhaufen. Kaiser Trajan soll jedenfalls wenig mehr als 100 Jahre später dort nur noch Ruinen vorgefunden haben. Die astronomisch-astrologische Überlieferung war aber noch lebendig.

Was tut man, wenn man vermutlich vergangener Größe nachtrauert, nach Zeichen der Hoffnung sucht und zumal das künftige Geschehen aus den göttlichen Sternen zu lesen gewohnt ist. Man kann dann durchaus sogar das Heil bei den fernen Juden suchen. (Übrigens war gerade zur Zeit der Geburt Jesu die Luft geradezu erfüllt von Erwartungen, ich erinnere nur an die 4. Ekloge des römischen Dichters Vergil)

Es ist also eher plausibel, daß Matthäus diese Überlieferung vorgefunden hat und sie nun deuten will, genauer, muß. Was uns nämlich heute aus Gewohnheit so idyllisch erscheint – die Magier mit ihren Gaben, die enthusiastischen Hirten (mit denen Lukas zu kämpfen hat) – sind nicht die idealsten Zeugen für unsere Geschichte.

Hirten etwa waren für die Zeitgenossen unterste Unterschicht mit eher schlechtem Ruf. Und es wird einen frommen Juden auch hart angekommen sein, babylonische „Zauberer“ als Zeugen der Weihnachtsgeschichte nennen zu müssen, aber er hat es, seinem Willen zum Gehorsam folgend, getan. Es hätte nur noch gefehlt, daß mietbare Frauen zu allem getanzt hätten, gut, die kamen später.

Und wie unwahrscheinlich ist es, daß der Apostel eine besonders verläßliche Gewährsfrau für das alles hatte, nämlich die allerseligste Gottesmutter selbst? „(Sie) fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter...“


Doch zu den Magiern noch einmal: Der Hl. Vater hat im 3. Band seines Werkes „Jesus von Nazareth“ über die Geburtsgeschichten einige Bemerkungen gemacht, die sehr erhellend in unserem Zusammenhang sind und die ich daher noch einmal (vorher hier) anbringen möchte:

„Die Ambivalenz des Begriffs Magier, auf die wir hier stoßen, zeigt die Ambivalenz des Religiösen als solchen auf. Es kann Weg zu wahrer Erkenntnis, Weg zu Jesus Christus hin werden. Wo es sich aber angesichts seiner Gegenwart nicht für ihn öffnet, sich gegen den einen Gott und den einen Erlöser stellt, wird es dämonisch und zerstörerisch.“

Die Magier „stehen für die innere Dynamik der Selbstüberschreitung der Religionen, die eine Suche nach Wahrheit, Suche nach dem wahren Gott und so zugleich Philosophie im ursprünglichen Sinn des Wortes ist. So heilt die Weisheit auch die Botschaft der 'Wissenschaft'“. Im Verstehen-Wollen des Ganzen erfährt die Vernunft ihre höchsten Möglichkeiten.

Wir folgen weiter den Worten Benedikt XVI. (diesmal aus seiner Ansprache zum 6. Januar 2012), in denen er das Geschehen einmal beschreibt und es sogleich mitdeutet, wie könnte es auch anders sein:

„Die Sachkundigen sagen uns, daß sie in der großen astronomischen Tradition standen, die sich im Zwei-Strom-Land über die Jahrhunderte hin gebildet hatte und dort noch immer blühte. Aber diese Auskunft allein genügt nicht. Es gab wohl viele Sternkundige im alten Babylon, aber nur diese wenigen sind aufgebrochen und dem Stern nachgegangen, den sie als Stern der Verheißung, als Wegweiser zum wahren König und Retter erkannten. Es waren, so dürfen wir sagen, Männer der Wissenschaft, aber solche, die nicht nur vielerlei wissen wollten: Sie wollten mehr. Sie wollten verstehen, worum es im Menschsein geht.“

Er mutmaßt dann, daß sie die Prophezeiung Bileams gekannt haben könnten (Num 24,17): „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen.“

„Sie gingen der Verheißung nach. Sie waren Menschen des unruhigen Herzens, die sich nicht mit dem Vordergründigen und Gewöhnlichen begnügten. Sie waren Menschen auf der Suche nach der Verheißung, auf der Suche nach Gott. Und sie waren wache Menschen, die die Zeichen Gottes, seine leise und eindringliche Sprache wahrzunehmen vermochten. Aber sie waren auch mutige und zugleich demütige Menschen: Wir können uns vorstellen, daß sie manchen Spott ertragen mußten, weil sie sich auf den Weg zum König der Juden machten und dafür viel Mühsal auf sich nahmen.“

„Ihnen ging es um die Wahrheit selbst, nicht um die Meinung der Menschen. Dafür nahmen sie die Verzichte und Mühen eines langen und ungewissen Weges auf sich. Ihr demütiger Mut war es, der ihnen schenkte, sich beugen zu können vor dem Kind armer Leute und in ihm den verheißenen König zu erkennen, den zu suchen und den zu kennen das Ziel ihres äußeren und inneren Weges gewesen war.“

„Die Weisen sind dem Stern gefolgt. Durch die Sprache der Schöpfung haben sie den Gott der Geschichte gefunden. Freilich – die Sprache der Schöpfung allein genügt nicht. Erst das Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift uns begegnet, vermochte ihnen endgültig den Weg zu zeigen. Schöpfung und Schrift, Vernunft und Glaube gehören zusammen, um uns bis zum lebendigen Gott hinzuführen. Es ist viel diskutiert worden, was das für ein Stern gewesen ist, der die Weisen führte.“ Doch welcher Art dieser Stern gewesen sein mag: „Diesen Streit mögen die Gelehrten weiterführen.“

Die Weisen aus dem Morgenland seien „allmählich selbst zu Sternbildern Gottes geworden, die uns den Weg zeigen. In all diesen Menschen hat gleichsam die Berührung mit Gottes Wort eine Explosion des Lichtes ausgelöst, durch die der Glanz Gottes in diese unsere Welt hineinleuchtet und uns den Weg zeigt. Die Heiligen sind Sterne Gottes, von denen wir uns führen lassen zu dem hin, nach dem unser Wesen fragt.“

Das Licht vom Gold der Gaben, in das schon das Evangelium dieses Ereignis taucht, ist also keine spätere mythische Verklärung, sondern all das suchende, angefochtene und zwiespältige Menschentum wird hier hineingehoben in den Glanz der Transzendenz, so daß zu Recht ein goldenes Licht auf allem liegt.

Kein Wunder, daß die dem König Huldigten, in den Augen der Späteren selbst zu Königen wurden. So wie jeder Anbetende des Kindes in der Krippe Teil haben darf am Königtum Christi.


nachgetragen in der Nacht nach dem 1. Sonntag nach Epiphanias

Dienstag, 1. Januar 2019

Unterhaltsames zum Neuen Jahr

Das mag seltsam klingen, aber, offen gestanden, vergesse ich in der Regel, daß das hier außer mir jemand liest. Und selbst, wenn einer es direkt einräumt, erschrecke ich eher, es fügt sich einfach nicht zum Bild zusammen (mit wenigen Ausnahmen bei bestimmten Themen). Aber eben dachte ich daran, deshalb erst einmal:

Ein Gesegnetes Neues Jahr! 

Möge es in allen Wechselfällen stets einen glücklichen Ausgang nehmen.

Pierre Bouillon: L'Enfant et la Fortune
1800 / 1831, hier gefunden

Wie faßt Herr Klonovsky wieder das Übel der gegenwärtigen abendländischen Welt so trefflich zusammen – Wahngesteuerte, Weibmänner und perverse Anwälte. Wie auch immer. Aber keine Sorge. So gallig - eloquent wie er kann ich gar nicht über das Elend des Zeitalters urteilen, also lasse ich es lieber ganz.

Ferner widerstrebt es mir zum Glück, meine Gemütsverfassung öffentlich auszubreiten. Nicht, daß ich an der gegenwärtig etwas auszusetzen hätte. Aber wenn man von einem ausgehen kann, dann von der Wechselhaftigkeit des menschlichen Gemüts. Und die illustrieren wir doch lieber mit fremden Beispielen.

Eigentlich will ich nur 4 Sachen loswerden (damit der Stapel offener Bücher kleiner wird), von denen ich jedes Mal dachte: ‚Das paßt zu Neujahr, das ist unterhaltsam‘. Und wenn ich eines noch versichern darf, die erste Situation ist derart zeitlos. Ich habe sie, glücklicherweise nicht so drastisch, ähnlich vor langer Zeit einmal erlebt.

Es gibt gute Gründe, Heines Sarkasmus nicht immer zu mögen, aber unterhaltsam ist er in der Regel. Die Dame unten himmelt allerdings nicht den Sonnenuntergang an. Es ist Miranda aus Shakespeares „Sturm“, die sich für einen Schiffsbruch interessiert.

Einen solchen im übertragenen Sinne erlebt nachfolgende Gesellschaft. Und zum 4. Stück, dem Barockgedicht von Johann Gottlieb Meister (er starb 1699 in Leipzig), wäre nur anzumerken: Auch die Postmoderne ist offenkundig ein ziemlich alter mottiger Hut, was für eine Überraschung!

Lovis Corinth: Alfred Kerr, 1907

Alfred Kerr

Die Schiffsgesellschaft 

I

Eine deutsche Schiffsgesellschaft mit Geheimräten und Regierungsräten und Bürgern aus Hamburg und Dresden kam einst (ich hatte das vormittägliche Glück dabeizusein) in ein afrikanisch-andalusisches Wirtshaus. Für kurze Zeit hatte das Schiff angelegt. Man wollte Tänze sehn.
Harmlose Frage des Wirts: „Sollen die Mädchen tanzen wie gewöhnlich?“
Harmloser Bescheid: “Ja, wie gewöhnlich.“ Etwas Furchtbares ereignete sich. Alle zehn tanzten und hatten bloß schwarze Strümpfe an.

II

Die Rätinnen saßen gelähmt. (Schlange. Basilisk.) Rührten kein Glied vor Starrheit. Die Ritter schauten mutig drein und in den Schoß der Schönen. Nachher, o Gipfel, stieg eine Spanierin vom Tritt und ging mit dem Teller sammeln. Die Spannung löste sich. Zwei Damen stürzten davon. Doch ein uralter Herr mit weißem Affenbart und rotem Gesicht, ähnlich wie Sokrates oder Darwin, im Bayrisch-Fränkischen zu Haus, gab der Sammlerin lächelnd auf den Popo einen Klapps, daß es schallte.

III

Des nächsten Tages ging ein Regierungsrat unter der Schiffsgesellschaft herum und bat in angemessener Haltung, das „peinliche Thema“ im Gespräch „selbstverständlich“ nicht zu berühren…
Das Ganze bleibt einer von jenen Zwischenfällen, an die man sich noch im Sarg erinnert. Die frische Märzenmeersonne des Südens lag über allem. Der Tag lachte.

Hier paßt ein Einwand von:

Georg Christoph Lichtenberg

Luther sagt bekanntlich:

Wer nicht liebt Wein und Weiber und Gesang,
Der bleibt ein Narr sein Leben lang.

Doch muß man hierbei nicht vergessen hinzuzusetzen:

Doch ist, daß er ein Freund von Weibern, Sang und Krug ist,
Noch kein Beweis, daß er deswegen klug ist.

W. Voigt, 1873

Allerdings ist auch dieses Lutherzitat eines der wohl erfundenen. Es findet sich bei ihm schlicht nicht, vermutlich hat es dem Reformator Johann Heinrich Voß untergeschoben, was diesem jedenfalls die Hamburger Hauptpastoren recht übel nahmen. Geistliche können sehr humorfrei sein.

Heinrich Heine

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

John William Waterhouse Miranda - The Tempest, 1916

Johann Gottlieb Meister

Ego cogito ergo sum

Ich dencke / drum bin ich / ließ uns des Cartes lesen /
Mops merckte dieses an / und dachte vielerley:
Daß er gelehrt / beliebt / groß / reich und schöne sey:
Denn hätt’ ers nicht gedacht / so wär ers nicht gewesen.

Edward Burne-Jones: The Wheel of Fortune
zwischen 1875 und 1883, hier gefunden

nachgetragen am 2. Januar

Montag, 31. Dezember 2018

Rilke, an einem Silvester-Abend

Rainer Maria Rilke, 1904
im Studio al Ponte im Garten der Villa Strohl-Fern in Rom 

Wo die Zeit, die einstmals so fest gegründet schien, zu verschwimmen beginnt, und ich eben aus dem Zeitendämmer auftauche (nur zur Erinnerung, es ist gerade Silvester, wieder einmal!). Rainer Maria Rilke starb an einem 29. Dezember, nämlich 1926. Mir ist das eben zufällig bewußt geworden, wo ich einen Text, mit dem ich mehr als unzufrieden war, noch einmal las. Er ist also in die Zeitlosigkeit eingetreten.

Wenn ihn 1918 nicht entsetzt hätte, wäre er ein Trumm gewesen. Der sehr überlebensfördernde Herr Klonovsky schreibt öfters, seinerseits Frank-Lothar Kroll zitierend: „Seit 1918 ist doch eh alles egal.“ Ja, das ist wahr, aber sollten wir in dieser Einsicht nur versinken wollen?

Das Erinnern der Ereignisse von vor 100 Jahren ist so niederschmetternd, daß einen natürlicherweise ein Widerwille ankommt, überhaupt etwas darüber zu schreiben… Ich sortiere nur eben das ablaufende Jahr.

Das Zitat von Herrn Rilke, das nachfolgt, ist kein verifiziertes, ich hatte es einem Freund - er wird diese Be-Zeichnung ertragen müssen, wie ich auch - einmal einfach hinübergeschickt. Also sei es so:

 "Den Antrieb begreif ich wohl, wer hätte ihn nicht, wer wünschte nicht das Gut-machen, das Anders-machen, den unmittelbarsten und gemeinsamsten Entschluß zur Menschlichkeit? Nun ist er ja aber nicht  gefaßt worden, weder in Rußland noch anderswo, und er konnte ja wohl auch nicht gefaßt werden, weil kein Gott dahinter steht, der ihn hervortriebe. Was sich mit dem Vorwand dieser neuen Brüderlichkeit ausstattet,  ist eigentlich immer noch der Krieg, das zerstörerische, losgelassene und noch lang nicht beruhigte Element." Diese sinnleere Verzweiflung schreie den Slogan der Brüderlichkeit heraus und widerspreche ihm in jedem Moment, denn es sei das Nachwirken des Krieges, die Rache für mißbrauchte und verheerende Macht, die in bloßen Umsturz münde, "als ob ein aus den Schienen springender Zug ein Bild der Freiheit wäre".

Es sei so verständlich, daß die Menschen ungeduldig geworden seien, aber was wäre nötiger als Geduld; Wunden brauchten Zeit und würden nicht davon heilen, daß man Fahnen in sie einpflanzte: "Irgendwie anders muß die Welt 'ein haltbares Bewußtsein' eingehen, und vielleicht wird das Erste, woran sie sich wiederfindet; ein ganz Unscheinbares, jedenfalls ein Unsägliches sein! Mir scheint das Mindeste Aufbauen, das jeder Einzelne an seiner Stelle versucht, der einfach wieder hobelnde Tischler, der wieder hämmernde Schmied, der wieder rechnende und bedenkende Kaufmann: das sind die Fortschreitenden, das sind die reinen Revolutionäre, je mehr, je stiller und tätiger und werkliebender sie sind, jeder an seinem Platze, sich bemühen."  

Rilke an Anni Mewes, 12. 9. 1919, gegen Heinrich Vogeler

Freitag, 28. Dezember 2018

"Taft zum Kragen", eine Geschichte aus Livland nacherzählt III

Hauptgebäude der Universität Tartu zur Weihnachtszeit

Unsere kleine Geschichte, oder sollten wir sagen, unser Weihnachtsmärchen, geht dem Höhepunkt und der Auflösung entgegen. Womit nicht angedeutet werden sollte, daß Märchen etwa unwahr wären, sie zeigen auf, was alles möglich ist.

Um kurz zusammenzufassen, was bisher geschehen ist. Hier begannen wir zu erfahren, wie eine Geschichte im alten Dorpat sich ereignete, in der es äußerlich um den Kauf von Taft für ein Weihnachtskleid ging, genauer dessen Kragen. Die junge Frau eines Pastors muß dann im Fortgang erfahren, wie dieser wegen solcher „weltlichen“ Allüren über sie zu Gericht sitzt. Und wir fahren fort.

Louis Höflinger: Universität Dorpat 1860

3. Akt, erster Teil – ein tränenreicher Kirchgang und das Auftauchen von Herrn Freud während des Gottesdienstes

„Die junge Pastorin hätte sich während des ganzen Weges zur Kirche mit einem feuchten Schwamm übers Gesicht wischen müssen, und auch das hätte kaum etwas geholfen. Auch der eng anliegende Schleier half nichts. Die Tränen quollen unaufhaltsam aus den Augen, sie konnte nichts daran ändern.

'Hör doch auf, die Sache ist das doch gar nicht wert!' flüsterte ihr Mann, als ihnen auf dem Domberg der Professor der Chirurgie mit seinen sechs vorlauten Töchtern entgegenkam.

Ja, daß der Taft diese Tränenströme und diese Erschütterung nicht wer war, wußte die junge Frau auch, und sie hatte bereits auf ihn verzichtet. Etwas völlig anderes preßte die Tränen aus ihrem Herzen. Nur langsam dämmerte es in ihr auf, was das war. Ein Götterbild war in ihr zusammengestürzt. Nicht das Bild Gottes! Das stand unantastbar in ihrer Seele, über jeden Zweifel und über jede Frage des dummen Verstandes erhaben, wie immer in den Seelen der von Natur aus Gläubigen.

Daneben hatte sie sich aber ein zweites Götterbild aufgerichtet, und das rächte sich nun. Der schöne, dunkle Gott war an diesem Vormittag plötzlich in Scherben zerfallen. Es hatte sich gezeigt, daß er doch schließlich nichts anderes war als ein Mensch wie alle anderen. Ja, ein sehr von sich überzeugter, - fast muß man schon sagen, ein eitler Mensch, durch dessen Schale von Liebe und Christlichkeit plötzlich geschliffene Härte und Eigenliebe durchblitzten.

So sah das Götterbild aus, dem man sich mit Haut und Haar anvertraut hatte - und man durfte trotzdem nicht ablassen, es unvermindert weiterzulieben…“

[Das Götterbild weiterlieben müssen? Hm. Davon abgesehen: Man könnte dies auch als Bestreben der jungen Frau verstehen, ein als defizitär empfundenes Ich durch etwas Größeres vollständiger zu machen, darin stecken immerhin Einsicht, Demut und der Wille zur Ganzheit. Auf etwas Greifbares zu blicken, liegt dann nahe. Warum sollte das wohlvertraut Alltägliche auch trügerisch sein. Daß hier auch eine Gefahr ist und gerade das Vertraute trügerisch sein kann, dieses gehört zu den Dingen, die ein jeder lernen muß, auch wenn es ihn vermutlich nicht glücklicher macht.

Und wo wir schon mit unseren Anmerkungen dazwischengehen: Man weiß nicht immer recht, spricht hier die junge Frau oder die Erzählerinnenstimme nimmt schon mal die Einsichten vorweg, die gerade am wachsen sind, das ist schade; und auch die Plötzlichkeit ist etwas unglaubhaft. Daher meine Eingangsbemerkung vom Märchenhaften. Die Autorin will uns wohl zeigen, wie guter Wille und Offenheit und echter Sinn für Religion die Täuschung entlarven, das ist zwar schön gedacht, aber nicht immer kongenial dargestellt, doch wir machen weiter]

Auch dem jungen Pastor war nicht ganz wohl. "Er hatte das undeutliche Gefühl, als sei ihm heute morgen etwas daneben gelungen, und er wußte bloß noch nicht was. Jedenfalls hatte er... seine Frau nicht näher zum großen Gott herangeführt…

Was nun eingestanden werden mußte, trat so schwer über die Schwelle des Bewußtseins, daß es bis zum Eintritt in die Sakristei noch nicht in präzise Gedanken gefaßt werden konnte.“ Aber des Amtes mußte gewaltet werden, und die Ablenkungen hatte zu schweigen.

„Die junge Pastorin saß auf ihrem Stammplatz hinter dem Professorengestühl“, ihr Profil „allen Blicken preisgegeben. Eine „von den guten alten Kanzelschwalben“: „‘Sie sehen schlecht aus, Kindchen, fehlt ihnen etwas?‘“ Eine der vorlauten Professorentöchter flüstert, ‚Ehekrach, was denn sonst?‘ Schon mehr unter dem anonymen Kirchenvolk sitzt Herr Ploetz und denkt ‚oj, oj‘ als er die junge Frau sieht und vor seinem geistigen Auge erscheint das dunkelblaue Stück Taft, „das er gestern sorgsam beiseite gelegt hatte, falls die junge Frau Pastorin es sich doch noch ‚ieberlejen‘ sollte.“

St. Johanniskirche, Tartu / Dorpat

Der Gottesdienst ist zu aller Zufriedenheit, auch die Predigt. Das Grauen, das der Pastor vorgefühlt hatte, „lief seinen Hörern tatsächlich über den Rücken und sie hörten die Flammen der Hölle unter der Oberfläche brausen.  Die Landrätinnen überlegten sogar, ob sie nicht an der Seide für die Ballkleider ihrer Töchter einige Ellen einsparen könnten.

Nur der Pastor selber fühlte nicht das Glück einer wohlgelungenen Schöpfung. Wenn er mit seiner klingenden Stimme rief: ‚Tut Buße!‘ - dann fühlte er sich in einer gespenstischen Weise selber angerufen. Und wie war es mit der Stimme eines Predigers in der Wüste? Was ging ihn denn die Wüstenei dort unten im Kirchenschiff eigentlich an, solange sein eigenes Herz, das an den Ereignissen des Morgens noch herumknackte, selber einer Wüste so verdammt ähnlich sah?

Ja, ihr Otterngezücht, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?… Hatte Johannes dieses Wort nicht direkt auf ihn gemünzt, der er seiner eigenen Frau das Himmelreich mit seinen weisen Worten vielleicht eher versperrt als aufgeriegelt hatte? Sie hatte seine Worte ja gar nicht nötig, sie war ja reinen Herzens, sie schaute Gott ohnehin!“

[Sicher, die Autorin wußte das, aber auch hier schon der Pastor? Doch ja, es kommt seine innere Epiphanie]

Die Axt an der Wurzel und die Worfschaufel „bekamen plötzlich ihren echten, tief beängstigenden Sinn. Und schließlich war es der Pfarrer selber, der vielleicht als einziger die Feuer der Tiefe wirklich brausen hörte.

Als er aus dieser sonderbaren Predigt auftauchte“, suchte wie immer nach dem Gesicht seiner Frau, um „Zustimmung oder Ablehnung herauszulesen“. Doch er sah nur „die Zipfel eines winzigen spitzenumrandeten Taschentuchs.  Dem jungen Pastor wären nun fast selber die Tränen gekommen, wenn er nicht eine zornmütige Natur gewesen wäre.“ So flucht er lieber in sich hinein: “‘Oh dieser verdammte Taft zum Kragen!‘“

Louis Höflinger: Die St. Johanniskirche 1860, Tartu / Dorpat

Er verliest die Fürbitten. Und da geschieht es: „‘Herr gib uns Taft zum Kragen...‘ Stille - - ‚Ja, Kraft zum Tragen, gib uns, Herr...‘“ 

[So bricht mitten ins Ritual der Herr Freud mit dem nach ihm benannten Versprecher und das Unbewußte sich seine Bahn.]

„Wie der junge Pastor nach diesem Gebet die Stufen zur Sakristei hinuntergekommen war und wie er nachher das Vaterunser und den Segen gesprochen hatte, das wußte er später nicht. Er wußte nur, daß seine Ohren brausten und sein Kopf glühte.

Er, der seiner Frau die unschuldige Kinderbitte um den Taft untersagt hatte, er, der mit großen Worten um sich geworfen und sie zu den Schwachen und Törichten gezählt, - er hatte selber öffentlich und vor der ganzen Gemeinde um Taft zum Kragen gebetet...“

Es war ein lapsus lingua, tröstet ihn der alte Propst in der Sakristei, aber der junge Pastor sieht „das belustigte Zwinkern in seinen Augen. Dieses Zwinkern würde heute nun an allen sonntäglichen Mittagstischen zu finden sein, in den Konventsquartieren der Studenten, in der Ressource und Bürgermusse, im Getuschel der vorlauten Backfische und in den Kaffeekränzchen der guten Kanzelschwalben. Er kannte doch seine Landsleute! Wie sollte er je wieder diese Kanzel besteigen?

Seine Frau saß unterdessen völlig erstarrt auf ihrem mit Wachstuch bezogenen Kirchenstuhl! Selbst ihre Tränen waren erfroren und das Spitzentüchlein war kraftlos in ihren Schoß geflattert.  Ihr kleines, rosiges Gesichtchen war gar nicht mehr rosig, sondern blaß.“ Sie spürte die unruhige, das Schmunzeln verdeckende Bewegung die durch die Kirchenbänke lief „und plötzlich schlug eine Welle rötesten Blutes in ihre Stirn hinauf.

„‘Wie furchtbar‘, stammelte ihr Herz, ‚Eberhard... wie wird sein Selbstbewußtsein das ertragen? Daß Gott jetzt über ihn lächelt, wird ihm ja nicht so schlimm sein - aber die Menschen.‘“

Auch Herr Ploetz lächelte nicht. Als die Worte des seltsamen Gebets in seine Ohren fielen, stöhnte er diesmal ganz laut „Oj oj oj“ und schaute auf den Boden zu seinen Füßen. „Die Zusammenhänge waren ihm ganz klar. Und er selbst spielte in dieser kleinen Tragödie keine unbedingt vorteilhafte Rolle. Wie war es zum Beispiel mit dem ‚pillicher ablassen‘? Vielleicht hätte die junge Frau Pastorinchen dann heute nicht mit so verheulten Kalbchenaugen vor all den vielen Menschen dasitzen müssen, und der Herr Pastor hätte nicht beim lieben Gottchen um Taft zum Kragen gebetet. Und das Otterngezücht... und das höllische Feuer, das tichtig prennen würde...“ Er „sah das erstarrte rosa Gesichtchen, das nicht mehr rosa war. Danach schaute er nicht mehr auf“.

Dorpat / Tartu, Domkirche

3. Akt, letzter Teil – die Auflösung und ein Deus ex machina in Gestalt eines Stoffhändlers

Der Heimweg verlief schweigsam. „‘Haben es wohl alle ganz deutlich gehört?‘“ „‘Ja alle‘“, flüsterte sie. „Der Sonntagsbraten mit der Schmantsauce schmeckte auch nicht, und die Köchin trug ihn verstört wieder in die Küche zurück.“ Kein Wörtchen fiel.

„Dann klingelte es ganz leise an der Haustür.“ Die junge Pastorin, froh dem Schweigen zu entrinnen, ging selbst. „Vor der Tür stand niemand, nur frische winterliche Luft. Aber auf der Fußmatte lag etwas.“ Kein Findelkind. Es „fühlte sich weich und angenehm an, und auf dem soliden Papier stand in schnörkeliger Schrift: ‚Für Frau Pastorinchen!‘ 

‚Ach‘, hauchte die junge Frau und schlich sich leise ins schweigsame Speisezimmer zurück. Vor seinem Teller mit ‚rosa Manna‘ saß ihr Mann und hatte die Stirn in beide Hände gestützt.

‚Sieh‘, sagte sie und entnahm dem soliden Packpapier den kühlen, knisternden Taft zum Kragen; er war säuberlich auf sein Brettchen gewickelt. ‚Sieh, nun hat der liebe Gott dein Gebet doch erfüllt...‘

Der junge Pastor hob den Kopf. Er sagte nicht, wie er es am Morgen dieses Tages wahrscheinlich noch getan hätte: ‚Bring das sofort zurück, ich will es nicht sehen!‘ Nein, er stand auf, nahm seine Frau in die Arme, preßte sie fest an seine breite Brust, durch die der Atem hörbar strömte, und murmelte: „Verzeih mir, Elsbeth!‘

Womit wir zum Anfang zurückkehren, wo die Behauptung steht, daß Gott selbst unbedeutende Fehlleistungen der Seele gebrauchen kann, um Seinen Kindern aus Seinem Überfluß zu schenken, - nicht nur das Gute, sondern auch das Schöne.“

Solch ehrbar frommen Worten mögen wir nichts mehr hinzufügen. Und so fällt der Vorhang über unserer liebenswürdigen Advents-Märchen-Geschichte, aus Taft natürlich.

Seiden - Antependium von Giovanna Garzonica, ca. 1640-50 

nachgetragen am 31. Dezember

Donnerstag, 27. Dezember 2018

"Taft zum Kragen" - eine Geschichte aus Livland nacherzählt II

Dorpat, 1860

Wohl jeder kennt das Gefühl, das einen üblicherweise etwa bei Krippenspielen befällt: Alles, was gesagt wird, ist gut und schön und vor allem wahr, aber die Darsteller! So in etwa verhält es sich mit dem Fortgang der Geschichte, in die wir hier eingeführt haben. Wir stellen unsere mäandernden Anmerkungen deshalb gleich an den Anfang.

Ich fürchte, unsere Autorin hat alle ihre wohlbegründeten Ansichten in diesem Kapitel sozusagen auf eine Litfaßsäule geklebt und zusätzlich dick unterstrichen, was der Geschichte weniger gut tat. Oder anders ausgedrückt, sie hat sie alle hineingequetscht, mit demselben Effekt. Wir wollen ihrem Beispiel folgen.

Zunächst gilt mein Einwand mehr dem 2. Teil des 2. Akts, wie ich die Geschichte für mich eingeteilt habe. Der 1. Teil kontrastiert sehr ansprechend den unschuldigen Wunsch der jungen Frau, etwas Schönheit in ihr kleines Leben zu holen, mit dem als Weltverachtung getarnten herrschsüchtigen Wesen des jungen Pastors. Die Autorin beschreibt damit einen Typus, der leider sehr real ist.

Solange es protestantische Geistliche geben wird, dürfte dieser Habitus der ostentativen Moralität bestehen bleiben. Und was heute Regenwald, Klimawandel und Diversität sein müssen, dafür hatte in jener Zeit eine eher lederne bürgerliche Sittlichkeit herzuhalten. Wäre ich Katholik, würde ich womöglich einwenden, daß die Protestanten damit ihren Mangel an Glauben zu überhöhen suchen. Da ich selbst einer davon bin, muß ich mir diesen Schuh dann aber wohl auch anziehen. Also verwerfe ich diesen Gedanken lieber.

Was einen an dieser Moralität immer mißtrauisch stimmen sollte, ist zum einen, daß sie sich zuförderst gegen andere richtet, zum anderen fehlen ihr Wirklichkeitssinn, Empathie und der Wille fürsorgender Hilfe. Und vor allem fehlt die Demut des Glaubens. Daß das unsere Autorin so klar gesehen hat, ist der eigentliche Grund, diese Geschichte weiter vorzustellen. Also fahren wir doch einfach fort.

St. Johanniskirche, Dorpat, Fassadendetail

2. Akt, erster Teil – Glaubenseifer bei Suppenfleisch mit Meerettichsauce

Beim Mittagessen war sie dann so schweigsam, daß es sogar ihrem Mann auffiel, der in Gedanken schon bei seiner Predigt war, die er sich stets für den Sonnabendnachmittag vorbehielt.  

„Es war nämlich ein herrlicher Text…! Ein Text so recht nach seinem Herzen, bei dem man der im Kirchenschiff schweigenden Gemeinde einmal tüchtig die Wahrheit sagen konnte, Wahrheit mit Horn und Schwanz!

Wie hieß es da? ‚Tut Buße!‘ Und dann hatte Johannes in der Wüste ein Kleid von Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel, und nichts von all dem Firlefanz, der heute zur Mode gehörte: Schleppen und hohe Absätze, Spitzenrüschchen und Siegelringe und seidene Krägelchen… Außerdem ist die Axt den Bäumen schon an die Wurzel gelegt, und einer hat die Worfschaufel schon in der Hand und wird seine Tenne fegen…

Ja, es war ein herrlicher Text. Das Grauen konnte einem über den Rücken laufen, und trotz der winterlichen Kälte hörte man die Flammen der Hölle unter der Oberfläche brausen.

Mit einem Lächeln, in dem sich schon die schöpferische Stunde ankündigte, blickte der Pastor auf. Und da sah er seine kleine Frau sich gegenübersitzen, ganz jung, ganz rosig, mit gesenktem Blick und dem unschuldigen Rund ihrer Wangen. Sie stocherte im Suppenfleisch, das mit Meerettichsauce und Kartoffeln, wie jeden Sonnabend, ihren Teller füllte. Immerhin waren es keine Heuschrecken mit Honig wie im herrlichen Text, und - Hand aufs Herz - darüber war der junge Pastor eigentlich ganz froh.

Er sah dieses junge Kind an, das er auf seinen steilen und kompromißlosen Schicksalsweg einfach mitgerissen hatte, weil... er es nicht zurücklassen, weil er es einfach keinem anderen überlassen konnte. Und wie immer, wenn er Elsbeth ansah, füllte sich sein Herz mit einer ganz unvorschriftsmäßigen Wärme.“ So war es immer schon gewesen. Und „jetzt saß dieses Kind seit einem halben Jahr an seinem Mittagstisch und war seine Frau“.

Brunnen mit der Statue „Küssende Studenten“

Ob ihr etwas fehle, sie fährt leicht zusammen, nein. Ob ihr das Suppenfleisch wieder einmal nicht schmecke, dabei habe Johannes in der Wüste immer Heuschrecken mit Honig gegessen.

„‘Die müssen ganz komisch zwischen den Zähnen geknirscht haben‘, flüsterte seine kleine Frau. Aber das hörte er schon nicht mehr.“ Er war bereits wieder die Stimme des Predigers in der Wüste.

Sie schwieg wieder, sie merkte, es fiel ihm nicht mehr auf. "Sie konnte ruhig über den blauen Taft, die drei Rubel und die 'Zukunft' nachdenken. Er war bei seiner Predigt. Er war groß und fern. Das Feuer des Geistes nahm von ihm Besitz. Sein schön geschwungener Mund lächelte, aber er lächelte nicht für sie. Sie kannte das." 

Es hatte keinen Zweck, ihn jetzt mit ihren kleinlichen Sorgen zu behelligen, aber am Sonntagmorgen, da hatte es bestimmt mehr Zweck.

2. Akt, zweiter Teil – ein verdrießliches Kaffeestündchen

Dorpat, Rathaus
Ivo Kruusamägi (Wikipedia), hier gefunden

„In Dorpat begannen alle Gottesdienste erst um elf Uhr“, ob um der Studenten oder der Professoren willen… Wie auch immer. Der Pastor „schlürfte seinen Kaffee und rauchte seine Zigarre. Die Predigt, wohl bedacht und reich formuliert, ruhte in seinem Inneren und brauchte nur hervorgeholt zu werden.“ Alles war vorbereitet.

"Warum sich also des stillen, seltenen Morgenstündchens nicht von Herzen freuen?"

Die junge Pastorin rechnete auf seine Sanftmut. "Denn wenn man binnen kurzem den Segen erteilen und anderen Menschen die Sünden vergeben will, muß man dann nicht so etwas Ähnliches wie Gottes Nachsicht und Barmherzigkeit in seinem Herzen tragen?"

"'Du sagtest mir einmal, wir sollen für die Zukunft sparen.' Der Pastor horchte auf. 'Ja, wieso?' fragte er, während in seinem Kopfe holde Bilder heraufdämmerten. Ob das der Anfang eines zarten Geständnisses werden sollte?"

Sie habe das auch immer getan und jetzt schon heimlich achtzehn Rubel zurückgelegt. 
So sei das nicht gemeint gewesen, dennoch lobte er sie dafür,  fragend.

Sie wisse nicht, ob ihr das diesen Dezember auch gelingen werde. Sie wolle sich für ihr blaues Weihnachtskleid einen seidenen Kragen kaufen, und der wird genau die drei Rubel kosten, die sie sonst zurückgelegt hätte.
"‘Was meinst du dazu? Es ist ein Kragen von Taft…‘"

Der Pastor schwieg, die Stirn umdüsterte sich, nichts von zarten Geständnissen - modischer Firlefanz! "'Hältst du so einen Taftkragen denn wirklich für unbedingt notwendig?' 'Notwendig nicht, aber schön', zwitscherte die junge Frau."

"'Überleg mal, Elsbeth..., was wollen wir denn lieber sein, gut oder schön?' 'Ich möchte beides sein.'"

"Aber, Elsbeth, kein Mensch kann zween Herren dienen! Wir müssen wählen, ob wir Gott gefallen wollen oder den Menschen.''Ich möchte beiden gefallen.'"

"'Und dafür brauchst du ein Stück Seide für drei ganze Rubel... für drei Rubel Taft zum Kragen... drei Rubel, die wir sonst für die Zukunft zurücklegen könnten!'"
Sie habe doch schon achtzehn Rubel, ganz freiwillig, wendet sie schüchtern ein.

"'Ja... sollen wir uns in Seide kleiden, während ich... heute ausgerechnet davon sprechen will, daß Johannes in der Wüste ein härenes Gewand trug...'" während "'unsere Damen jetzt schon anfangen, sich Seiden und Spitzen und Flitterzeug für die Landtagsbälle in Riga zu kaufen. Ich will den Menschen einen Spiegel über die Nichtigkeit dieser Dinge vorhalten, - und du willst Taft zum Kragen!'" 

Die Gemütlichkeit ist hin. Der Pastor im Raum hin und her wandernd: "'Meinst du nicht, daß du Gott ohne taftenen Kragen besser gefällst?'... 'Ich glaube, Gott ist nicht so kleinlich'", schnellt ihr Kopf empor.

"'Aber erlaube mal, Elsbeth - so kleinlich wie wer?'", bricht die heilige Empörung aus ihm heraus. "'Und was für Worte sprichst du da eigentlich in Verbindung mit Gott? Wie kannst du Seinen Namen überhaupt in Verbindung mit deinen lächerlichen Angelegenheiten nennen? Kleinlich sagst du? Ja, wahrhaftig, kleinlich ist Er nicht, der die Gestirne schuf und über die Ewigkeit herrscht...'" Etc. Etc. 

Hier mußte ich einfach kürzen und springe geradewegs in die Geschichte hinein. Das ist genau der Punkt vor dem ich eingangs warnte. Unser Pastorendarsteller paraphrasiert ziemlich deutlich Gott im Hiobbuch (das für sich schon schwierig ist - das Gescheiteste hat dazu nach meinem Geschmack immer noch C. G. Jung geschrieben, in der Leiste rechts finden sich Hinweise auf meine Versuche, dem etwas gerecht zu werden, nun ja). Mit anderen Worten, der Archetypus Gott inflationiert gerade ziemlich sein Gemüt, oder was auch immer.

Der Leser muß spätestens jetzt einräumen, Dialoge sind nicht immer die stärkste Seite unserer Autorin. Sie hat Einfälle, die Gedanken ihrer Charaktere sind stimmig und lebensecht, aber man gewinnt den Eindruck, daß sie von ihrem Konzept so begeistert war, daß sie ganz vergessen hat, daraus eine hinreichend lebendige Rede zu machen. Es ist mehr eine Lehrerzählung im Holzschnittstil. Und zwar nicht unbedingt dem Dürers. Schade eigentlich. Doch wir mühen uns weiter.

 "'Was weißt du von ihm..., deren Verstand nicht ausreicht, auch nur den Saum seines Gewandes zu erkennen...'" 

Während des gewaltigen Wortregens wurde die junge Frau ganz klein, und erst als er Atem holen mußte, wagt sie zu flüstern: "'Ja, natürlich, du hast recht, ich weiß nichts von Gott und seiner Majestät, außer dem einen: Daß Er mich lieb hat!' 'Lieb hat? Dich? Das Staubkorn?' rief der Pastor und schaute vernichtend in ein Paar aufgerissene Augen, aus denen ratlose Verwirrung geradezu schrie."

Diese Verwirrung ernüchtert ihn, etwas. Ja, Gott liebe sogar die Verbrecher. "'Aber ich wollte nur sagen, daß Schönheit oder Klugheit, Jugend oder eine gute Familie noch lange kein Grund sind, sich zu den Auserwählten zu zählen...'" 

Strohmannalarm! Leider ist das Wort im Deutschen noch nicht hinreichend eingeführt. Aber es ist genau wie im Hiobbuch, der Gott-Pastor tritt Vorstellungen entgegen, die gar nicht erhoben wurden, vermutlich, weil sie sich leichter abwehren lassen. Die Antwort ist also nur zu logisch. 

Das habe sie auch gar nicht behauptet, wendet sie zurecht ein, "aus den Fluten ihrer Demut und Verwirrung auftauchend" und fügt mit sogar abwehrbereiter Stimme hinzu: "'Ich habe nur gesagt, daß Gott mich liebt, und ich liebe ihn auch.'"

Der Pastor, nun wieder bedächtig, "'Ja, aber die rechte Liebe muß es sein, Furcht und Liebe. Man darf Gott nicht verniedlichen, weil man selber niedlich ist. Ihn und ein Stückchen Taft zum Kragen sollte man nicht in einem Atemzug nennen. Man sollte Ihm zuliebe einfach wortlos darauf verzichten.'"

Sie tue Gott mit ihrem Taft doch gar keinen Abbruch, er habe die Seiden wie die Lilien geschaffen, damit man sich an ihnen freue, sie würde nicht einmal Angst haben, wegen des dummen Tafts zu Gott zu beten. 

Das nächste Zitat können wir leider nicht ersparen:

"'So würdest du also ruhig mit dem lieben Gott sozusagen gemeinsame Sache gegen mich machen?' fragte der Pastor dagegen schneidend vor Zorn und Verachtung. 'Eberhard!..." 

Der Pastor spürte jetzt immerhin "etwas wie eine Warnung". Natürlich nähme er das nicht wörtlich, doch erschiene ihm ein solches Gebet wie eine Blasphemie. "'Gott - und Taft zum Kragen! Diese irdischen Dinge sind da, oder sie sind nicht da, - man betet nicht um sie!'" Stehe denn im Vaterunser irgendeine ähnliche Bitte? Es ginge um der Seelen Seligkeit und nicht um Taft. Gott sei kein Magier. Auch unsere Gebete könnten uns den Weg in den Himmel versperren.  

Das Ende der Unterhaltung fassen wir besser zusammen. Sie besteht darauf, mit jeder Kleinigkeit zu Gott, dem liebenden Vater laufen zu können. Er sagt irgendwann: „‘Ja, das hat alles nun nichts mehr mit meiner Auffassung von Gott oder mit irgendeiner Theologie zu tun, - aber für schwache und törichte Seelen mag auch diese Art von Gebet ihren Trost in sich tragen.‘“

Er bemerkt dann erschreckt, daß sie fast zu spät zur Kirche seien. Sie solle sich schnell fertig machen und noch übers Gesicht wischen. Es brauche nicht die ganze Gemeinde zu sehen, daß sie am heiligen Sonntagmorgen geweint habe.

Brunnen der küssenden Studenten bei Nacht

wird fortgesetzt, 
nachgetragen am 29. Dezember