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Mittwoch, 1. Januar 2020

Über Zeiten


... und ob aus dem Raisonieren darüber, Gescheites zu gewinnen wäre. Eine kleine Lese-Wiese. In 6 Haupt-Stücken.


Caspar David Friedrich: Eiche im Schnee, bis 1828


Über die gelegentlichen Vorzüge des Alterns (I)


„Now, beshrew my father‘s ambition, he was thinking of civil wars when he got me: therefore was I created with a stubborn outside, with an aspect of iron, that, when I come to woo ladies, I fright them. But, in faith, Kate, the elder I wax, the better I shall appeare. My comfort is, that old age, that ill layer up of beauty, can do no more spoil upon my face. Thou hast me, if thou hast me, at the worst; and thou shalt wear me, if thou wear me, better and better: and therefore tell me, most fair Katherine, will you have me?“ 

Henry V, Act 5, scene 2

„Verwünscht sei der Ehrgeiz meines Vaters! Er dachte auf bürgerliche Kriege, als er mich erzeugte: deswegen kam ich mit einer starren Außenseite auf die Welt, mit einer eisernen Gestalt, so daß ich die Frauen erschrecke, wenn ich komme, um sie zu werben. Aber auf Glauben, Käthchen, je älter ich werde, je besser werde ich mich ausnehmen; mein Trost ist, daß das Alter, dieser schlechte Verwahrer der Schönheit, meinem Gesichte keinen Schaden mehr tun kann: wenn du mich nimmst, so nimmst du mich in meinem schlechtesten Zustande, und wenn du mich trägst, werde ich durchs Tragen immer besser und besser werden. Und also sagt mir, schönste Katharina, wollt Ihr mich?“

übersetzt von A. W. von Schlegel


Was dem Menschen dabei widerfährt, wo er nicht für sich und also allein bleiben kann (II)


Dresden, Albertinum, Ludwig Richter, im Juni

Matthias Claudius

Aus dem Englischen

Es legte Adam sich im Paradiese schlafen;
Da ward aus ihm das Weib geschaffen.
Du armer Vater Adam, du!
Dein erster Schlaf war deine letzte Ruh‘.

Derselbe

Ein silbern ABC – N

Nichts ist so elend als ein Mann,
der alles will und der nichts kann.


Caspar David Friedrich: Schwäne im Schilf beim ersten Morgenrot
etwa bis 1820, hier gefunden

Ludwig Uhland

Der Sommerfaden

Da fliegt, als wir im Felde gehen,
Ein Sommerfaden über Land,
Ein leicht und licht Gespinst der Feen,
Und knüpft von mir zu ihr ein Band.
Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen,
Ein Zeichen, wie die Lieb‘ es braucht.
O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,
Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!


Was Zeit überhaupt sei (III)



Ernst Barlach, Der Geistkämpfer

„Was ist also Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemandem auf seine Frage hin erklären, so weiß ich es nicht. Doch soviel kann ich gewiß sagen: ginge nichts vorüber, so gäbe es keine Vergangenheit, käme nichts heran, so gäbe es keine Zukunft, bestände nichts, so gäbe es keine Gegenwart.

Wie kann man aber sagen, daß jene zwei Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, sind, wenn die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist? Wäre dagegen die Gegenwart beständig gegenwärtig, ohne sich je in die Vergangenheit zu verlieren, dann wäre sie keine Zeit mehr, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart, um Zeit zu sein, in die Vergangenheit übergehen muß, wie können wir dann sagen, daß sie an das Sein geknüpft ist, da der Grund ihres Seins darin besteht, daß es sofort in das Nichtsein übergeht? Also müssen wir in Wahrheit sagen: die Zeit ist deshalb Zeit, weil sie zum Nichtsein hinstrebt.“


St. Augustinus von Hippo Regius


Wie uns die Zeit eine trügerische Gewißheit über unser Urteil gibt (IV)

abweichend kommentiert an 2 Beispielen


Anton Raphael Mengs war ein Favorit seiner Zeit: „Er ist als ein Phoenix gleichsam aus der Asche des ersten Raphael erweckt worden, um der Welt in der Kunst die Schönheit zu lehren, und den höchsten Flug menschlicher Kräfte in derselben zu erreichen.“ (Johann Joachim Winckelmann)

Das obige Fresko „Jupiter küßt Ganymed“ wurde gemalt wohl um 1758/59 von Mengs (heute in der Galleria Nazionale in Rom).

Ich habe die hiesige Großherzogin Marie einmal gerühmt dafür, daß ihre Kopien nicht altern würden. Natürlich ist das genauso ein wacklig zeitgebundenes Lob. Denn das Eigentümliche: Fast immer sehen wir ihnen sofort die Entstehungszeit an, der Zeitgenosse bezeichnenderweise kaum. Ich meinte damals, das komme wohl daher, daß ihnen nicht selten etwas uninspiriert Pedantisches anhafte. Als hätte ich von diesem Bild gesprochen.

Gerade waren Pompejis Wandmalereien bekannt geworden und die gebildete Welt glücklich über ein weiteres gerettetes Original. So etwa unser Goethe. Winckelmann nahm es in seine Schriften auf. Als die Fälschung ruchbar wurde, hatte Goethe immerhin die Anekdote beizubringen, Mengs solle erst auf dem Totenlager seine Urheberschaft gestanden haben. Freunde wurden Mengs und Winkelmann zuvor nicht wieder. Was damalig begeisterte, befremdet uns heute nur noch.

Herkules und Nessus, 1. Jh. n. Chr., Neapel

Geschichte lädt ein zu trügerischen, empfundenen Zeitgenossenschaften. Und dieses Phänomen ist schwer erklärbar. Wer einen römischen Porträtkopf gesehen hat und danach einen frühmittelalterlich grob aus dem Stein gehauenen Heiligen, ist, so er ehrlich ist, erschüttert über das, was zwischendurch an Nähe verlorenging, und grübelt, warum und wodurch.

"Was von oben kommt, muß man mit Ergebung, was von den Feinden kommt, mit Mannhaftigkeit ertragen; denn das ist sonst in dieser Stadt Sitte gewesen, und diese Sitte möge durch euch nicht abkommen. Bedenkt vielmehr, daß sie unter allen Menschen den größten Namen hat, weil sie dem Unglück nicht weicht, und daß sie am meisten Menschenleben und Anstrengungen im Krieg geopfert hat und unter allen bisherigen Staaten die größte Macht besitzt, deren Gedächtnis in Ewigkeit bei der Nachwelt fortleben wird, wenn wir auch jetzt einmal zurückgehen müssen, wie denn überall, wo ein Wachstum stattfindet, auch eine Abnahme natürlich ist…

Daß wir  augenblicklich gehaßt werden und mißliebig sind, ist das Schicksal aller gewesen, die Anspruch erhoben haben, über andere zu herrschen. Wer aber um des Höchsten willen den Neid wählt, ist nicht schlecht beraten. Denn der Haß hält nicht lange stand; der Glanz der Gegenwart aber und der Ruhm bei der Nachwelt sind unvergänglich."

Aus der letzten Rede des Perikles, so man Thukydides vertrauen kann, und wie sollte man nicht (bevor Kleon der Gerber danach uns die Fallstricke der demokratischen Idee aufzeigt und ein anderer Demagoge, Kleophon am Ende Athen in den Untergang führt). Ist uns das nah? Worin? Wodurch? Ich frage für das Nachfolgende...:

"Es ist ein gutes Zeichen für uns, daß unsere Erinnerung die Geschichte nach diesen Sternen erster Ordnung orientiert. Freilich gleichen wir darin den Astronomen, die auf das Sichtbare angewiesen sind, denn wie nur ein großes Licht die unendlichen Entfernungen, so durchdringt auch nur ein hohes Bewußtsein die Nebelbänke der Zeit. Es gibt einen Grad der Helle, der die dämpfende Wirkung der Jahrhunderte bezwingt - so ist uns das Athen des Perikles sichtbarer als das uns doch um tausend Jahre näher liegende mittelalterliche Athen, zu dessen Geschichte Gregorovius die kärglichen Bruchstücke sammelte."


 Ernst Jünger, Das abenteuerliche Herz


Caspar David Friedrich: Waldinneres bei Mondschein
ca. 1823 - 1830, hier gefunden

Abgesehen davon, daß die berühmte athenische Demokratie im Peloponnesischen Krieg (er dauerte bis 404 v. Chr.) sich selbst erledigte, sie hat ihn auch mit einer Grausamkeit geführt, die unserem 30jährigen in nichts nachstand (einschließlich der Auslöschung ganzer Städte). Aber Athen hat auch den Mann hervorgebracht, der zum ersten Mal mit größtem Scharfsinn aufzeigte, was hier zusammenwirkte:

Ich zitiere aus dem Kapitel des Thukydides über den o.g. Krieg, das gemeinhin „Die Pathologie des Krieges“ überschrieben wird (man kann es vollständig hier nachlesen).

„Zu so unmenschlicher Rohheit entartete der Parteikampf... und er erschien um so gräßlicher, als es der erste Fall dieser Art war...

So beherrschten nun Parteikämpfe die Städte und bei jedem späteren suchte man sich nach dem, was man über die früheren erfahren hatte, darin, dass man sich unerhört Neuartiges ausdachte, weit zu überbieten, sowohl was das Raffinement der Anschläge, als was die Gräßlichkeit der Rache anging.

Auch die gewohnte Terminologie für das Handeln vertauschte man jetzt nach Gutdünken. Denn unvernünftige Verwegenheit galt für treu ergebene Mannhaftigkeit, vorsichtiges Zögern für bemäntelte Feigheit, Besonnenheit für versteckte Mutlosigkeit, planvolle Überlegung in allen Dingen für Trägheit zu jedem Tun, schlagfertiges Zupacken galt als Eigenschaften des rechten Mannes, auf Sicherheit bedachtes Beraten dagegen als schönklingender Vorwand für eine Ablehnung.

Wer Empörung zeigte, galt immer als zuverlässig, wer ihm widersprach, als verdächtig. Hatte einer mit einem Anschlag Erfolg, war er klug, noch geschickter, wer einen entdeckte; wer aber Vorsorge traf, daß nichts davon nötig sei, schien… vor der Gegenpartei in Angst erstarrt...

Ferner stand es höher in Ehre, Rache an jemand zu üben, als selber nicht zuerst zu leiden. Und wurden etwa einmal zur Versöhnung Eidschwüre gegeben, so hatten sie, da sie von der einen wie von der anderen Seite nur im Drang der Not gegeben wurden, nur für den Augenblick Geltung, solange sie keine Unterstützung anderswoher hatten; bei erster günstiger Gelegenheit aber rächte sich, wer sich zuerst dazu ein Herz fasste, wenn er den Gegner nicht auf der Hut sah, lieber eben jenes Vertrauens wegen als in offenem Kampf, und stellte dabei nicht nur die Gefahrlosigkeit in Rechnung, sondern auch, daß er, wenn er durch Täuschung siegte, zusätzlich den Kampfpreis der Klugheit gewann...

Von dem allen aber lag die Ursache im Verlangen nach Macht, um Herrschsucht und Ehrgeiz zu befriedigen.Daher auch, wenn der Parteienstreit begann, der leidenschaftliche Eifer. Denn diejenigen, die an der Spitze der Städte standen, gebrauchten zwar, die einen wie die andern, wohlklingende Namen, und kämpften hier um bürgerliche Gleichberechtigung der Menge, dort um besonnene Herrschaft der Besten; in Wahrheit aber betrachteten sie das Volk, dem sie angeblich dienten, nur als Kampfpreis und, indem sie auf jede Weise übereinander zu siegen trachteten, wagten sie das Entsetzlichste und gingen bei ihren gegenseitigen Verfolgungen immer weiter und weiter, indem sie sie über die Grenze der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls hinaus steigerten...

Daher übten die einen so wenig als die anderen Gottesfurcht; vielmehr brachten schönklingende Worte, wenn man so auf empörende Weise etwas erfolgreich durchsetzte, einen besseren Ruf. Der Rest der Bürgerschaft aber, der parteilos in der Mitte stand, wurde zugrunde gerichtet, entweder weil er nicht mitkämpfen konnte oder aus Mißgunst, er könne unversehrt davonkommen… So fand nun…, es immer mehr Anklang, einander mit tiefem Mißtrauen gegenüberzustehen.

„... und da alle Stärkeren innerlich überzeugt waren, daß doch nicht auf Treu und Glauben zu rechnen sei, suchten sie sich mehr durch Klugheit im voraus gegen Schaden zu schützen als Vertrauen zu beweisen.

Caspar David Friedrich: Das Friedhofstor
ca. 1825 - 1830, hier gefunden

Es gewannen hierbei selbst Leute von geringerem Verstand meistens die Oberhand. Denn sie fürchteten ihre eigene Schwäche und die Klugheit der Gegner, sie möchten sowohl bei der öffentlichen Debatte den kürzeren ziehen als auch infolge deren geistiger Gewandtheit mit einem Anschlag überrascht werden, und schritten daher mit Entschlossenheit zur Tat...

In Kerkyra nun wurde das meiste hiervon zuerst gewagt: die einen, die mehr mit rohen Übermut als mit Mäßigung beherrscht waren, übten jetzt Vergeltung, sowie ihre Zwingherrn die Gelegenheit zur Rache boten. Die anderen sehnten sich, die gewohnte Armut loszuwerden, und hätten die Güter der anderen zugleich mit Befriedigung ihrer Leidenschaften zu erhalten gewünscht. Wieder andere gingen ursprünglich nicht mit selbstsüchtigen Absichten, sondern um ihrer Gleichberechtigung willen in den Kampf, ließen sich aber, unfähig ihre Leidenschaft zu zügeln, weit fortreißen und verfolgten so auf eine barbarische und unbarmherzige Weise den Sieg.

„… die menschliche Natur, ohnehin gewohnt, selbst gegen bestehende Gesetze zu freveln, zeigte, als sie die Gesetze über den Haufen gestürzt hatte, mit wahrer Lust, daß sie die Leidenschaft nicht zu beherrschen wisse, sich über das Recht hinwegsetze und allem Hervorragenden feind sei...“

Erkennen wir etwas davon wieder?  Könnte man nach 2400 Jahren hoffen, daß der Irrsinn der Entartung sich nicht fortsetzt, die Verkehrung der Begriffe, der Dolch der vorgetäuschten Moral, das Aufpeitschen des Niedersten und der Haß gegen das Herrvorragende? Ist uns das nah? Und wenn, läßt uns diese Nähe nicht eher erschaudern.

Ist die Hoffnung auf eine gut und vernünftig gegründete Ordnung von Bestand auf Erden vermessen. Wer mag das wissen.

Christian Daniel Rauch, Viktoria von Leuthen
Zinkgußkopie im Neustrelitzer Schloßgarten 

Wie man Gottes Huld erträgt (V)


Angelus Silesius

Was man liebt, in das verwandelt man sich (auß S. Augustino)

Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden.
Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden.


Fünftes Buch, Nr. 200 

Der Weise suchet nichts

Der Weise suchet nichts, er hat den stillsten Orden,
Warumb? er ist in Gott schon alles selber worden.


Sechstes Buch, Nr. 183 

Der Weise ist nie allein

Der Weis' ist nie allein, geht er gleich ohne dich,
So hat er doch den Herrn der Dinge (Gott) mit sich.


Sechstes Buch, Nr. 242. 

Warumb die Seele ewig

Gott ist die ewge Sonn‘, ich bin ein Strahl von ihme;
Drumb ist mirs von Natur, daß ich mich ewig rühme.

Viertes Buch, Nr. 201. 

aus dem Cherubinischen Wandersmann

gesprochen von Katharina Thalbach,

Paul Fleming

An Sich

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkohren;
nimm dein Verhängnüs an. Laß' alles unbereut.
Tu, was getan muß seyn, und eh man dir's gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.


Von der Zeit und dem Anderen (VI)

Caspar David Friedrich:  Friedhofseingang, ca. 1825

"Tempora mutantur, nos et mutamur in illis."

Die Zeit vergeht und wir vergehn in ihr.
(mehr frei übersetzt)

"… dass man mit ewigen Prinzipien die Gegenwart erfasst, so dass sie erkennbar bleibt und aber trotzdem das Grundsätzliche, das Überzeitliche durchschimmert. Trotzdem ist deine Aufgabe deine Zeit."

Uwe Tellkamp

mit meiner herzlichen Empfehlung, dort das ganze Gespräch zu lesen


All das gewissermaßen als Einladung zu einer Gemütshaltung, die gelegentlich als stoisch beschrieben wird, aber darin nicht aufzugehen hat

Ein später

Gruß zum Neuen Jahr

mit den besten Wünschen für eben dasselbe!

Und darauf einen Hohenfriedberger:



abgeschlossen am 8. Januar

Dienstag, 28. August 2018

Augustinus über die Zeit

Albrecht Dürer, Melencolia, 1514 

Aus den Confessiones, Elftes Buch

Über die Zeit, bevor sie von Gott geschaffen wurde

„Wenn aber jemand in seinen Phantasien sich in die sogenannten Zeiten vor der Schöpfung verliert und sich wundert, wie du, der allmächtige Gott, der Allerschaffer und Allerhalter, der Werkmeister des Himmels und der Erde, vor der Erschaffung dieses so großen Werkes unzählige Jahrhunderte geruht hast, so möge er aufmerken und bedenken, wie unbegründet sein Verwundern ist.“

„Denn eben diese Zeit hattest du geschaffen, und es konnte keine Zeit vorübergehen, bevor du die Zeit schufest. Gab es aber vor Himmel und Erde keine Zeit, wie kann man dann fragen, was du damals tatest? Denn wo noch keine Zeit war, gab es auch kein Damals.“

„Deine Jahre gehen nicht und kommen nicht; unsere aber hienieden gehen und kommen, und schließlich kommen sie alle. Deine Jahre bestehen alle zugleich, weil sie eben bestehen; sie gehen nicht dahin, um von den nachkommenden verdrängt zu werden, weil sie eben nicht vorübergehen. Unsere Jahre aber werden erst dann alle sein, wenn unsere Zeitlichkeit alle ist. Deine Jahre sind ein Tag, und dein Tag erneuert sich nicht jeden Tag, sondern ist ein Heute, weil dein heutiger Tag keinem morgigen weicht und keinem gestrigen nachfolgt. Dein Heute ist die Ewigkeit; daher hast du auch gleichewig gezeugt, zu dem du gesprochen: ‚Heute habe ich dich gezeugt‘ Alle Zeiten hast du geschaffen, und vor allen Zeiten bist du, und nie gab es eine Zeit, wo keine Zeit war.“

Von den drei verschiedenen Zeiten

„Niemals also hat es eine Zeit gegeben, wo du nicht schon etwas geschaffen hattest, weil du ja die Zeit selbst geschaffen. Und keine Zeit ist ewig wie du, weil du immerdar bleibst; bliebe auch sie immer, dann wäre es keine Zeit. Denn was ist Zeit? Wer könnte den Begriff leicht und kurz erklären? Wer könnte ihn auch nur in Gedanken erfassen, um ihn dann in Worten zu entwickeln? Was aber erwähnen wir öfter in unsern Gesprächen, was erscheint uns bekannter und vertrauter als die Zeit?

Und wir verstehen in der Tat, wenn wir davon sprechen, den Begriff, wir verstehen ihn auch, wenn wir einen anderen davon sprechen hören. Was ist also Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemandem auf seine Frage hin erklären, so weiß ich es nicht. Doch soviel kann ich gewiß sagen: ginge nichts vorüber, so gäbe es keine Vergangenheit, käme nichts heran, so gäbe es keine Zukunft, bestände nichts, so gäbe es keine Gegenwart.

Wie kann man aber sagen, daß jene zwei Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, sind, wenn die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist? Wäre dagegen die Gegenwart beständig gegenwärtig, ohne sich je in die Vergangenheit zu verlieren, dann wäre sie keine Zeit mehr, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart, um Zeit zu sein, in die Vergangenheit übergehen muß, wie können wir dann sagen, daß sie an das Sein geknüpft ist, da der Grund ihres Seins darin besteht, daß es sofort in das Nichtsein übergeht? Also müssen wir in Wahrheit sagen: die Zeit ist deshalb Zeit, weil sie zum Nichtsein hinstrebt.“

Jean Auguste Dominique Ingres, Ödipus und die Sphinx, 1808

Vom Maße der Zeit

„Und doch reden wir von langer und kurzer Zeit, aber das können wir nur von Vergangenheit und Zukunft sagen. Eine lange Zeit in der Vergangenheit nennen wir zum Beispiel die Zeit vor hundert Jahren, lang ebenso in der Zukunft die Zeit nach hundert Jahren. Kurz aber nennen wir die Zeit, wenn in der Vergangenheit etwa zehn Tage verflossen sind, und kurz in der Zukunft ist uns die Zeit nach zehn Tagen. Aber wie kann denn lang oder kurz sein, was gar nicht ist? Denn die Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft noch nicht.“

„Wir sollten also nicht sagen: ‚Die vergangene Zeit war lang‘; denn wir werden nichts an ihr finden, was lang war, da sie ja, seitdem sie vergangen, nicht mehr ist. Vielmehr müßten wir sagen: ‚Jene Gegenwart war lang‘; denn nur, da sie Gegenwart war, war sie lang. Denn da war sie noch nicht ins Nichtsein übergegangen, und deshalb war etwas da, was lang sein konnte. Sobald sie aber vorübergegangen war, hörte sie zugleich auch auf, lang zu sein, weil sie überhaupt aufgehört hatte zu sein.“

„Sind hundert Jahre der Gegenwart eine lange Zeit? Sieh zuerst zu, ob überhaupt hundert Jahre gegenwärtig sein können. Wenn das erste dieser Jahre abläuft, so ist es selbst gegenwärtig, die andern neunundneunzig aber sind zukünftig und deshalb noch nicht; wenn aber das zweite Jahr abläuft, ist das erste bereits vergangen, das zweite gegenwärtig und die übrigen zukünftig. Wir können so weiter irgendein beliebiges Jahr aus der Mitte dieser hundertteiligen Reihe als gegenwärtig setzen: die Jahre vor ihm sind vergangen, die nach ihm zukünftig. Deshalb können hundert Jahre nicht gegenwärtig sein.“

„Sieh, so ist die Gegenwart, die, wie wir wähnten, allein lang genannt werden könne, kaum noch auf die Dauer eines Tages ausgedehnt... Und selbst die eine Stunde verläuft in flüchtigen Augenblicken; was von ihr dahingeflogen, ist vergangen, was von ihr noch übrig ist, ist zukünftig… Wo ist also die Zeit, die wir lang nennen können? Etwa die Zukunft?“

„Wer aber kann die vergangenen Zeiten messen, die nicht mehr sind, oder die zukünftigen, die noch nicht sind? Keiner, oder er müßte behaupten, messen zu können, was nicht ist. Wenn also die Zeit vorübergeht, kann man sie wahrnehmen und messen; ist sie aber einmal vorübergegangen, so kann man dies nicht, weil dann die Zeit nicht mehr ist.“

John William Waterhouse, Hylas und die Nymphen, 1896

Über die drei Zeiten

„Würde einer im Ernste die Behauptung wagen, es gebe nicht, wie wir als Knaben es gelernt und wie wir die Knaben es gelehrt, drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern nur Gegenwart, da ja die beiden andern nicht sind? Oder sind auch diese? Dann tritt wohl, wenn aus der Zukunft Gegenwart wird, jene aus irgendeinem Versteck hervor, dann geht wohl die Gegenwart, wenn aus ihr Vergangenheit wird, wieder in die Verborgenheit zurück? Denn wo haben die Propheten, die Zukünftiges vorhersagten, es gesehen, wenn es noch nicht ist? Denn was nicht ist, kann man auch nicht sehen. Und wer Vergangenes erzählt, würde sicherlich nichts Wahres erzählen, wenn er es nicht im Geiste schaute. Wäre es aber gar nicht, so könnte es auch gar nicht gesehen werden.“

„Wenn es also eine Zukunft und eine Vergangenheit gibt, so möchte ich gern wissen, wo sie sind. Kann ich das auch noch nicht, so weiß ich doch, daß, wo sie auch sein mögen, sie dort nicht Zukunft oder Vergangenheit sind, sondern Gegenwart. Denn wäre die Zukunft dort auch Zukunft, so könnte sie dort noch nicht sein; wäre die Vergangenheit dort auch Vergangenheit, so wäre sie dort nicht mehr. Mögen sie also sein, wo sie wollen, sie sind dort nur Gegenwart.

Wenn wir Vergangenes der Wahrheit gemäß erzählen, so werden aus dem Gedächtnisse nicht etwa die Gegenstände selber, die vergangen sind, hervorgeholt, sondern die in Worte gefaßten Bilder der Gegenstände, die diese, da sie an den Sinnen vorüberzogen, gleichsam als Spuren im Geiste zurückließen. Meine Kindheit zum Beispiel, die nicht mehr ist, gehört der Vergangenheit an, die nicht mehr ist; wenn ich ihrer aber gedenke und von ihr erzähle, so schaue ich ihr Bild in der Gegenwart, weil es noch in meinem Gedächtnisse ist.“

„Wenn wir uns aber an die Sache heranmachen..., dann tritt die Handlung ins Sein, weil sie dann nicht mehr zukünftig, sondern gegenwärtig ist. Was es auch immer für eine Bewandtnis mit jenem geheimnisvollen Vorgefühle haben mag, sehen kann man immer nur, was wirklich ist. Was aber bereits ist, ist nicht zukünftig, sondern gegenwärtig. Wenn man also von einem Schauen in die Zukunft redet, so meint man damit nicht ein Schauen dessen, was noch nicht ist, also ein Schauen der eigentlichen Zukunft, sondern nur ihrer Ursachen und Anzeichen, die bereits sind; diese sind für den Seher nicht zukünftig, sondern gegenwärtig, aus ihnen ersieht er die Zukunft und sagt sie vorher.“

Arnold Böcklin - Pan im Schilf, 1857

Vom Unterschied in der Zeit

Das hat sich bis hierher wohl als klar ergeben, daß weder die Zukunft noch die Vergangenheit ist und daß man eigentlich nicht sagen kann: Es gibt drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Genauer würde es vielmehr heißen: Es gibt drei Zeiten, eine Gegenwart in bezug auf die Vergangenheit, eine Gegenwart in bezug auf die Gegenwart und eine Gegenwart in bezug auf die Zukunft. Denn in unserer Seele sind die Zeiten in dieser Dreizahl vorhanden, anderswo aber finde ich sie nicht Gegenwärtig in bezug auf die Vergangenheit ist das Gedächtnis, gegenwärtig in bezug auf die Gegenwart die Anschauung und gegenwärtig in bezug auf die Zukunft die Erwartung.“

„Wie aber messen wir die Gegenwart, da sie keine Ausdehnung hat? Wir messen sie also, wenn sie vorübergeht; ist sie aber vorübergegangen, so messen wir sie nicht, weil dann nichts mehr da ist, was gemessen werden könnte. Aber woher, auf welchem Wege und wohin geht sie vorüber, wenn sie gemessen wird? Woher anders als aus der Zukunft? Auf welchem Wege, wenn nicht durch die Gegenwart? Wohin, wenn nicht in die Vergangenheit? Aus dem also, was noch nicht ist, über das, was keine Dauer hat, zu dem, was nicht mehr ist.“

„Mit welchem Zeitmaße messen wir also die vorübergehende Zeit? Etwa in der Zukunft, woher sie vorübergeht? Aber was noch nicht ist, können wir nicht messen. Oder in der Gegenwart, über die sie vorüberzieht? Aber was keine Dauer hat, messen wir nicht. Oder in der Vergangenheit, wohin sie vorübergeht? Aber was nicht mehr ist, können wir nicht messen.“

Was ist die Zeit?

„Ich habe einmal von einem gelehrten Manne gehört, die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Sterne seien die Zeiten; aber ich habe ihm nicht zugestimmt. Sollten nämlich nicht vielmehr die Bewegungen aller Körper die Zeit sein? Wie ferner: wenn alle Himmelslichter feierten und sich nur noch das Rad eines Töpfers drehte, gäbe es dann keine Zeit, die Bewegungen dieses Töpferrades zu messen?“

„Ja auch die Gestirne und Lichter des Himmels sind Zeichen der Zeit, der Jahre und der Tage; das sind sie. Darf ich aber auch nicht die Umlaufszeit jenes hölzernen Rädchens einen Tag nennen, so darf jener Gelehrte auch nicht behaupten, dieser Umlauf sei gar keine Zeit.“

„Wenn also der Tag durch die Bewegung der Sonne und ihren Kreislauf vom Aufgange bis wieder zum Aufgange vollendet wird, dann frage ich: Ist die Bewegung selbst der Tag, oder ist es die Dauer, in der sich diese Bewegung vollzieht, oder beides? Denn wenn die Bewegung selbst der Tag wäre, dann müßte man von einem Tage sprechen, auch wenn die Sonne ihren Lauf innerhalb einer einzigen Stunde vollendete. Wäre die Dauer der Tag, so wäre dann kein Tag, wenn es von einem Sonnenaufgang bis zum anderen nicht länger als eine Stunde währte, so daß dann die Sonne vierundzwanzigmal ihren Umlauf vollenden müßte, damit ein Tag entstehe.

Wären aber Bewegung und Dauer der Tag, so könnte man es weder einen Tag nennen, wenn die Sonne ihren Kreis in der Zeit einer Stunde vollendete, noch auch, wenn die Sonne etwa feierte und darüber soviel Zeit verginge, als sie in der Regel zur Vollendung ihres ganzen Umlaufs von einem Morgen bis zum anderen braucht. Ich will jetzt darum nicht weiter fragen, was eigentlich der Tag, sondern was die Zeit ist...“ „Sage mir also keiner, die Bewegung der Himmelskörper sei die Zeit...“

„Da also etwas anderes die Bewegung eines Körpers ist, etwas anderes das Maß, mit dem wir die Bewegung messen, wer sieht da nicht ein, was wir von diesen beiden Begriffen Zeit nennen müssen? Denn wenn die Bewegung eines Körpers in verschiedener Weise vor sich geht, bald auch stillsteht, so messen wir nicht nur seine Bewegung, sondern auch die Dauer seines Stillstandes mit der Zeit… Die Zeit ist also nicht die Bewegung der Körper.“

„Und ich bekenne es dir, o Herr, daß ich immer noch nicht weiß, was die Zeit ist, und wiederum bekenne ich dir, o Herr, zu wissen, daß ich dieses in der Zeit sage, daß ich schon lange über die Zeit spreche und dieses "lange" nur durch die Dauer der Zeit lang ist. Wie also weiß ich dieses, wenn mir der Begriff Zeit fremd ist? Weiß ich etwa nicht, wie ich das, was ich weiß, in Worte kleiden soll? Weh über mich Armen, vielleicht weiß ich gar nicht, was ich nicht weiß!“

Charles Gleyre, Der Abend oder Verlorene Illusionen, vor 1843

Wie messen wir also die Zeit?

„So messe ich also, mein Gott, ohne zu wissen, was ich messe. Ich messe die Bewegung des Körpers mit der Zeit. Und doch messe ich die Zeit selbst nicht? Oder könnte ich etwa die Bewegung eines Körpers messen, wie lang sie ist und in welcher Zeit er von einem Punkte zu einem andern gelangt, wenn ich nicht die Zeit, in der er sich bewegt, messe? Womit messe ich also die Zeit selbst?“

„Hieraus habe ich geschlossen, daß die Zeit nur eine Ausdehnung sei; aber wovon, das weiß ich nicht. Es wäre wunderbar, wenn sie nicht eine Ausdehnung des Geistes selbst wäre… Ich messe die Zeit, das weiß ich. Aber ich messe nicht die Zukunft, denn diese ist ja noch nicht, ich messe auch nicht die Gegenwart, denn sie hat keine Ausdehnung im Raume, ich messe auch nicht die Vergangenheit, denn sie ist nicht mehr. Was also messe ich? Etwa vorübergehende, nicht vorübergegangene Zeiten?“

„Meine Seele, halte inne und merke wohl auf: Gott ist unsere Hilfe… Denke dir, ein Körper beginnt einen Ton von sich zu geben, er tönt und tönt fort und verhallt; schon ist er stille geworden; der Ton ist verklungen, und der Ton ist nicht mehr da. Bevor der Ton erklang, war er zukünftig und konnte noch nicht gemessen werden, weil er noch nicht war, und jetzt kann er nicht gemessen werden, weil er nicht mehr ist. Damals also, während er tönte, konnte er gemessen werden, denn damals war er da und konnte also gemessen werden. Jedoch auch damals war er nicht von Dauer; er ging nämlich und ging vorüber. Aber vielleicht ließ er sich gerade deshalb messen? Denn während er vorüber ging, dehnte er sich zu einer gewissen Dauer aus, in der man ihn messen konnte, während die reine Gegenwart keine Ausdehnung hat.

Wenn er also damals gemessen werden konnte, so stelle dir etwas anderes vor: Ein anderer Ton fing zu tönen an, und er tönt noch fortwährend und ohne jede Unterbrechung. Messen wir ihn, während er tönt; denn wenn er zu tönen aufgehört hat, wird er bereits vorübergegangen sein und wird nicht mehr gemessen werden können. Messen wir ihn also wirklich und bestimmen wir seine Dauer! Allein er tönt ja noch und kann doch nur gemessen werden von dem Augenblicke ab, da er zu ertönen begann, bis zu dem, da er aufhört. Denn die Zwischenzeit können wir ja nur durch Anfang und Ende bestimmen. Daher kann man einen Ton, der noch nicht zu Ende ist, nicht messen und seine Länge und Kürze bestimmen, noch kann man sagen, er sei einem anderen gleich oder im Vergleich zu einem anderen einfach oder doppelt usw. Ist er aber zu Ende, so ist er überhaupt nicht mehr. Wie soll man ihn dann also messen können? Und doch messen wir die Zeiten, aber nicht die, die noch nicht sind, auch die nicht, die nicht mehr sind, noch die, die sich auf keine Dauer erstrecken, noch die, die keine Grenzen haben. Also messen wir weder die zukünftige noch die vergangene noch die gegenwärtige noch die vorübergehende Zeit, und dennoch messen wir die Zeit.“

Giovanni Bonati, Hl. Augustinus und das Kind am Strand

Als Augustinus an einem Strand entlang ging, erblickte er einen Knaben, der eine kleine Grube im Sand gemacht hatte und mit einer Muschel Wasser aus dem Meer schöpfte und in die Grube goß. Als Augustinus ihn fragte, was er da tue, antwortete der Knabe, er habe vor, das Meer trockenzulegen und in die Grube zu füllen. Augustinus erklärte, das sei unmöglich, und lächelte über die Einfalt des Knaben. Der aber erwiderte ihm, eher sei es für ihn möglich, das fertigzubringen, als für Augustinus auch nur den kleinsten Teil der Geheimnisse der Dreifaltigkeit zu erklären. Und er verglich die Grube mit dessen Buch, das Meer mit der Dreifaltigkeit und die Muschel mit dem Verstand des Augustinus. Danach verschwand er. Da ging Augustinus in sich, betete und verfaßte, so gut er konnte, das Buch über die Dreifaltigkeit.

„Die lange Silbe fängt ja doch erst zu tönen an, wenn die kurze aufgehört hat. Messe ich etwa auch die lange Silbe nicht, während sie gegenwärtig ist, da ich sie nur messen kann, wenn sie bereits beendet ist? Ist sie aber zu Ende, so ist sie überhaupt nicht mehr. Was also messe ich denn da? Und wo ist die kurze Silbe, mit der ich messe? Und wo die lange, die ich messe? Beide sind erklungen, verklungen, vorübergezogen, beide sind nicht mehr. Und ich messe und antworte mit Bestimmtheit, soweit man sich auf ein scharfes Gehör verlassen kann, daß jene einfach, jene doppelt ist, nämlich in der Zeit. Das aber kann ich nur sagen, wenn die beiden Silben bereits vorübergegangen und beendet sind. Ich messe also nicht sie selbst, die bereits nicht mehr sind, sondern ich messe etwas, was sich meinem Gedächtnisse eingeprägt hat.“

„In dir also, mein Geist, messe ich meine Zeiten. Wende mir nicht ein: Wieso das? Laß dich selbst nicht irre machen durch die Scharen der Eindrücke, die du empfängst. In dir, sage ich, messe ich die Zeiten. Den Eindruck, den die vorübergehenden Dinge auf dich machen und der auch, nachdem sie vorübergegangen, bleibt, diesen mir gegenwärtigen Eindruck also messe ich, nicht das, was vorübergegangen ist und in dir den Eindruck hervorgerufen hat; diesen messe ich, wenn ich die Zeit messe. Entweder ist er also die Zeit, oder es ist nicht die Zeit, die ich messe. Wie nun, wenn wir das Stillschweigen messen und dann behaupten wollten, jenes Stillschweigen habe so lange gedauert, wie jene Stimme anhält? Dehnen wir da nicht unsere Gedanken nach der Dauer der Stimme, als wenn sie noch ertönte, um danach die Dauer der Stille angeben zu können?“

„Wenn jemand einen längeren Ton hervorbringen und in seinem Geiste im voraus dessen Länge bestimmen wollte, so hat er jedenfalls schon im stillen den Zeitraum bestimmt und ihn seinem Gedächtnisse übergeben; und nun fängt er an, jenen Ton hervorzubringen. Und dieser ertönt nun, bis er die festgesetzte Dauer erreicht. Oder vielmehr: er ertönte und wird ertönen. Denn was von dem Tone vollendet ist, das hat getönt, was aber noch übrig ist, das wird noch ertönen. Und so wird der Ton vollendet, indem die gegenwärtige Tätigkeit die Zukunft in die Vergangenheit überführt, indem durch die Abnahme des Zukünftigen das Vergangene immer mehr zunimmt, bis schließlich das Zukünftige gänzlich aufgezehrt und in Vergangenheit übergeführt ist.“

Das Zeitmaß ist der Geist

Aber wie kann sich die Zukunft, die doch noch nicht ist, verzehren oder erschöpfen, wie kann die Vergangenheit, die nicht mehr ist, zunehmen, wenn nicht der Geist, in dem dieses vorgeht, eine dreifache Tätigkeit ausübt? Denn er erwartet, nimmt wahr und erinnert sich, so daß das von ihm Erwartete durch seine Wahrnehmung hindurch in Erinnerung übergeht. Wer leugnet nun, daß das Zukünftige noch nicht ist? Allein die Erwartung des Zukünftigen ist bereits im Geiste. Wer leugnet, daß das Vergangene nicht mehr ist? Aber die Erinnerung an die Vergangenheit ist noch im Geiste, Wer leugnet, daß die Gegenwart der Dauer entbehrt, da sie in einem Augenblicke vorübergeht? Allein es dauert doch die Wahrnehmung; durch sie soll das, was vorläufig erst herankommen soll, Dauer in der Vergangenheit erhalten. Also ist nicht die Zukunft lang, die ja nicht ist, sondern eine lange Zukunft ist nur eine lange Erwartung der Zukunft; ebenso ist nicht die Vergangenheit lang, die nicht mehr ist, sondern eine lange Vergangenheit ist nur eine lange Erinnerung an die Vergangenheit.“

„So also ist diese meine Tätigkeit in ihrer Dauer geteilt in die Erinnerung, soweit ich es gesagt habe, und in Erwartung, soweit ich es sagen will; gegenwärtig dagegen ist meine Aufmerksamkeit, durch die das, was zukünftig war, hindurchgeht, um Vergangenheit zu werden. Je mehr nun dieses geschieht, um so mehr nimmt die Erwartung ab und die Erinnerung zu, bis die ganze Erwartung sich erschöpft, weil die ganze Handlung beendet und in Erinnerung übergegangen ist.

Und was bei dem ganzen Liede geschieht, das geschieht auch bei seinen einzelnen Abschnitten und in seinen einzelnen Silben, dasselbe auch in einer längeren Handlung, von der das Lied vielleicht nur ein Teil ist, dasselbe im ganzen Leben des Menschen, dessen Teile alle einzelnen Handlungen des Menschen sind, dasselbe schließlich mit dem Sein des ganzen Menschengeschlechtes, das sich aus den Lebenszeiten der einzelnen Menschen zusammensetzt.“

Arnold Böcklin, Die Kapelle, 1898

Aus der Zerstreuung ins Zeitliche sammeln in Gott

„Aber ‚da ja deine Barmherzigkeit besser ist als Leben‘ (Ps. 63,4), darum ist mein Leben nur eine Ausdehnung; und deine Rechte hat mich aufgenommen in meinem Herrn, dem Menschensohne, dem Mittler zwischen dir, dem Einen, und uns, den Vielen, in Vielem durch Vieles, auf daß ‚ich dich durch ihn ergreife, da ich auch von dir ergriffen bin‘ (Phil. 3,12-14), und mich von meiner Vergangenheit erhole und dem einen Ziele nachstrebe. ‚Vergessend, was da hinten ist‘, mich ausstreckend nicht nach dem, was künftig und vorübergehend ist, sondern ‚zu dem, was vor mir liegt, strebend‘, nicht ‚in Zerrissenheit, sondern in ernstlichem inneren Ringen eile ich der Palme der himmlischen Berufung zu‘, wo ‚ich hören will die Stimme deines Lobes‘ (Ps. 26,7) und ‘betrachten soll deine Wonne‘ (Ps. 27,4), die nicht kommt und nicht geht. Jetzt aber sind ‚meine Jahre Jahre des Seufzens‘ (Ps. 31,11); du, o Herr, bist mein Trost, du bist mein ewiger Vater. Ich aber bin ganz aufgegangen in der Zeit, deren Ordnung ich nicht kenne; meine Gedanken, das innerste Leben meiner Seele, zerreißen sich in stürmischem Wechsel, bis ich gereinigt in dir und geläutert durch das Feuer deiner Liebe mich in dich ergieße.“

...

„Verleihe mir, o Herr, die rechte Erkenntnis und Einsicht, ob man dich erst anrufen oder preisen, erst dich erkennen oder anrufen muß! Aber wer ruft dich an, ohne dich zu kennen? Könnte er doch leicht in seiner Unwissenheit einen anderen für dich anrufen! Oder wirst du etwa angerufen, um erkannt zu werden? ‚Wie aber soll man den anrufen, an den man nicht geglaubt? Wie aber wird man glauben ohne Prediger?' ‚Loben werden den Herrn, die ihn suchen‘. Denn wer sucht, der findet ihn, und wer ihn findet, wird ihn preisen. So will ich dich denn suchen, o Herr, indem ich dich anrufe, und dich anrufen, da ich an dich glaube; denn du bist uns verkündet worden. Dich, o Herr, ruft an mein Glaube, den du mir gegeben, den du mir eingehaucht hast durch die Menschwerdung deines Sohnes.“

„Denn du hast uns auf dich hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir“.

aus den Confessiones, Erstes Buch

Constantin Hansen, Flöte spielender junger Mann, 1826

Augustinus starb am 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien (heute Annaba in Algerien). Die Übersetzung der Bekenntnisse ist hier (gekürzt) entnommen.

nachgetragen am 31. August

Samstag, 18. Mai 2013

Nicolás Gómez Dávila


Nicolás Gómez Dávila, 1930

Sobald Menschen auch nur an Religion denken, werden sie dümmer, wollten kürzlich einige Kanadier glauben machen. Ich will mich zu dieser „Studie“ nicht weiter auslassen, über methodisch Fragwürdiges oder Ähnliches etwa (ich hatte es hier versucht), aber sie paßt so perfekt in das gegenwärtige Dahinplätschern des Zeitgeistes.

Nicolás Gómez Dávila, geboren vor genau 100 Jahren in Bogotá, meinte, das exakte Gegenteil stünde der Wahrheit zur Seite. Der vergessende Mensch der Moderne (und was er vergißt, ist vor allem alles, was religiöse Suche über die Natur des Menschen in Jahrtausenden herausgefunden hat) sinke ab in einen Morast aus Leere, Triebabfuhr und gefesseltem Denken (vulgo Ideologien). Die Moderne verfehle die Natur des Menschen.

Es ein wenig so, wie wenn man als völlig indoktriniertes Kind (die Inhalte sind austauschbar, wie wir sehen werden) glaubhaft und befreiend aufgezeigt bekäme, es ist fast alles ganz anders, in Wirklichkeit. Zum Glück sind wir dieses Kind nicht. Aber wir leben in dieser konkreten Zeit und müssen ihre Begleitgeräusche jeden Tag zu ertragen üben, und dagegen ist „volkstümliche Volksmusik“ sozusagen noch Musik.

Da hilft dann ein Mozart oder eben ein Dávila. Ihn zu lesen ist ein großes Vergnügen. Dávilas geschliffene Aphorismen durchschneiden wie ein Dolch beiläufig das Gewebe der Phrasen und zweifelhaften Sicherheiten, die uns derzeit das Wesen der Dinge zu verhüllen suchen. Aber über ihn zu schreiben zu versuchen, das schüchtert ein.

Daß er sich vor allem aphoristisch mitteilte, gehört seinem Denken wesensmäßig an (was es nicht einfacher macht, wie mir vor 2 Jahren bereits auffiel). Es ist erstaunlich, Plato schrieb Dialoge, der Aristokrat Heraklit hat vielleicht Aphorismus und Paradoxie nicht erfunden, aber wohl als erster in unserem Abendland zum Leuchten gebracht. Es ist eine andere Art des Denkens, die das abgeschlossene System nicht braucht, weil sich ein solches doch gerade gegen das abschließen muß, was es zu erforschen vorgibt.

„Das Universum ist nicht System, das heißt: logischer Zusammenhang. Sondern hierarchische Struktur von Paradoxen.“
„Der Mensch kann sich gegen die Inkohärenz des Universums nur mittels einer analogen Inkohärenz schützen.“

Dávila weiß um die Fragwürdigkeit eines jeden Denkens, das die Wirklichkeit voreilig in dem Korsett eigener Vorstellungen unterbringen will. Das gelingt nur mit einem Selbstbewußtsein, das nicht dominiert wird von Weltbewußtsein, Selbstsuggestion und radikaler Weltvereinfachung (womit z.B. Puritaner, Calvinisten, kirchliche und andere Ikonoklasten nicht nur die Kirchen entleeren konnten). Zu diesem Selbstbewußtsein zählt auch ein äußerst beschränkter Mitteilungsdrang.

Er wurde fast zufällig „bekannt“. Um ein sprachlich leicht geschmacksunsicheres Bild zu gebrauchen: Dávila ist wie ein Hochgebirge über einer versumpften Ebene. Also nichts, das meint, etwas beweisen zu müssen. Er ist einfach anwesend. Und das genügt.

Der Mensch

Offen gestanden, kann ich es nicht leiden, wenn mir jemand erklärt, dieser oder jener sei höchst bedeutsam, ohne zumindest zu versuchen, mir die Gründe dafür auszubreiten. An diesem Punkt sind wir gerade, also, nun gut. Versuchen wir, die Spur seines Denkens aufzunehmen.

Der Mensch: Dávila setzt ein, mit einem sehr wachen, inzwischen ungewohnten Blick auf dessen wirkliche Existenz: „Dem Sein wohnt keine Grenze inne, kein Verlangen erklärt sich selbst für befangen.“ Doch dieses Verlangen stößt auf Ablehnung, Begrenzung. Jedes Subjekt lebt in einem Winkel eindringender Begrenzungen, in der Spannung anstürmender Konflikte.

„Die Gewalt, der grausame Diener der durch die Grenze bestimmten Essenz der Dinge, bestimmt die Normen der aktualisierten Existenz.“ „Alles in der Welt ist Grenze, Zielpunkt, Ende.“ 

Das gilt für alles Lebendige, was aber die Existenz des Menschen absurd macht, ist, daß er nicht nur ein Bewußtsein dessen hat, sondern eines, das über diese Gegebenheit hinausreicht. Je bewußter er sich seiner wird, je mehr er Mensch wird, um so weniger kann er sich in der Welt erträglich einrichten. Er vermag in Wahrheit nicht, in sich zu ruhen, immer taumelt er an der Grenze seiner selbst.

„Der Mensch ist ein verlorenes Tier, ohne ein verlassenes Tier zu sein. Der Mensch weiß nicht, wohin er gehen soll, gleichwohl hat er die Pflicht, anzukommen.“ 

Die Absurdität seiner Existenz ist aber keine äußerliche Angelegenheit, nichts, das sich abstreifen ließe, oder innerweltlich erlösen. Die Situation des Menschen ist nichts Äußerliches, Zufälliges, sie ist die Natur des Menschen. Er ist keine reine Essenz, die einer unreinen und fremden Existenz unterworfen wäre.

„Der Mensch ist die Unreinheit seiner menschlichen Natur selbst“, er ist „seine gebrochene und zerstörte Bedingtheit“. Das Scheitern ist die Substanz seines Lebens. „Das Bewußtsein ist Strukturierung der Ohnmacht und des Scheiterns.“ Der bewußte Mensch wird sich seiner Bedingtheit bewußt, und seiner Ohnmacht. (Zitate aus Textos I, Karolinger – Verlag, 2003)

Weder Annahme noch Ablehnung dieser Einsicht sind eine Hilfe für den Menschen, Ablehnung würde Suizid bedeuten, Annahme ein „unmittelbares Vertieren“. Doch gibt es einen Ausweg für das Bewußtsein, das seine Bedingtheit akzeptiert, der Mensch kann „außerhalb jedes vorstellbaren Umstandes erlöst werden“.

Das ablehnende Bewußtsein aber meint, Essenz und Existenz des Menschen trennen zu können, indem letzteres zur zufälligen Situation erklärt wird, mit deren Veränderung auch die menschliche Natur verwandelbar wird. „Für das ablehnende Bewußtsein ist das begründende Prinzip reine Immanenz, und der Mensch kann nur im Rahmen seiner eigenen Natur erlöst werden.“ (ebenda)

Die Welt ist das, dem zu widerstehen ist, und im Widerstehen findet der Mensch sich oder ein Surrogat seiner selbst, entscheidend ist die Art des Widerstehens.

Ansichten der Wahrheit 

Ein Einschub. Eben erinnere ich mich, wie meine wissenschaftlicher gestimmten Freunde üblicherweise die Brauen hochziehen, wenn sie das Wort „Wahrheit“ im religiösen oder philosophischen Kontext hören. Zu meiner Freude bin ich gerade über zwei Zitate gestolpert, die ich früher schon einmal anbrachte und erneut nicht vorenthalten will, ich denke, sie führen weiter:

„Der Positivismus war weder bloße Philosophie noch reine Methodologie; er war eine jener Schulen des Argwohns, die in der 'modernen' Zeit ihre Blüten getrieben haben. Ist der Mensch denn tatsächlich in der Lage, mehr zu kennen als das, was seine Augen sehen oder seine Ohren hören können? Existiert eine andere Wissenschaft als die rein empirischen Wissens? Sind die Fähigkeiten der menschlichen Vernunft ausschließlich den Sinnen unterworfen, und werden sie innerlich von den mathematischen Gesetzen bestimmt, die sich als besonders nützlich erwiesen haben, wenn es darum geht, die Phänomene auf rationale Weise zu ordnen oder aber die Prozesse des technischen Fortschritts zu lenken?

Aus positivistischem Blickwinkel machen Begriffe wie zum Beispiel Gott oder Seele selbstverständlich keinerlei Sinn. Im Bereich der sinnlichen Erfahrung haben sie eben keine Entsprechung.“ (Johannes Paul II. „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“)

„Es ist müßig, ständig von dem Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben zu reden. Die Vernunft selbst ist eine Sache des Glaubens. Davon auszugehen, daß unsere Gedanken überhaupt in einer Beziehung zur Wirklichkeit stehen, ist ein Glaubensakt.“ (Gilbert Keith Chesterton, „Orthodoxie – Eine Handreichung für die Ungläubigen“)

„Definieren läßt sich der Mensch hingegen als Dogmen verfertigendes Tier. In dem Maß wie er Lehrsatz auf Lehrsatz und Schlußfolgerung auf Schlußfolgerung setzt, um die gewaltige Ordnung einer Philosophie oder Religion zu schaffen, wird er – in dem einzig legitimen Sinn, den das Wort haben kann – immer mehr zum Menschen. Läßt er als ausgefuchster Skeptiker eine Lehre nach der anderen fallen; lehnt er es ab, sich an ein System zu binden... erklärt er, er glaube nicht an Zweckbestimmung; sieht er sich in Gedanken als Gott, der selbst keinerlei Glauben hat, aber auf alle Religionen hinabblickt, - dann sinkt er nach und nach zurück in die Unentschiedenheit der streunenden Tiere und die Bewußtlosigkeit der Gräser. Bäume haben keine Dogmen. Rüben sind extrem weitherzig.“ (Gilbert Keith Chesterton, „Ketzer – Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter“)

Bevor wir uns aber den Wegen des rebellierenden Bewußtseins nähern, wäre doch endlich die Frage zu stellen (sie ist natürlich schon halb beantwortet), was denn den Menschen, dessen Existenz naturgemäß absurd ist, in diese Bredouille gebracht hat. Es war natürlich Gott.

Gott

Von Augustinus gibt es das schöne Wort „homo desiderium dei.“ – „Der Mensch ist die Sehnsucht nach Gott" oder „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes", es läßt sich in beide Richtungen übersetzen und beides ist wahr. Hinzu paßt ein anderes: „Kehre zu dir selbst zurück; im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit; und wenn du entdeckst, daß deine Natur wandelbar ist, gehe über dich selbst hinaus.“

Dávila sagt es leicht abgewandelt. Nach ihm ist Gott die Essenz der Mensch-Werdung, ein Vorgang, der aus biologischer Determiniertheit heraus nicht erklärt werden kann; im Gegenteil, ein Bruch, eine Spannung entsteht: Ein Organismus verweigert sich der Logik seiner tierhaften Existenz, er bricht die biologische Kontinuität. Mit dem Aufstieg aus der „dichten Tierhaftigkeit“ kommt es zur Geburt Gottes, sein Wesen ist in diesem Aufstieg des Menschen. Gott bedarf des Menschen zu seiner Existenz, aber er geht nicht aus ihm hervor, ja er mutet ihm die Freiheit zu, das rein Biologische zu übersteigen.

Wem hier etwas schwindlig wird, dem sei versichert, er steht nicht allein. Allein schon hier wird deutlich, daß ein Etikett wie „katholischer Denker“ ein wenig zu klein für Dávila ist. Allerdings ist es ist auch eine Herausforderung, die Gedanken Dávilas so nachzuzeichnen, daß man sie selbst versteht. Ich bezweifle, daß mir dies bisher hinreichend gelungen ist, oder in seinen Worten:

„Meine einzige Angst ist die, daß meine Mittelmäßigkeit entwürdigen könnte, was ich bewundere.“

1. Teil, beendet am 23. Mai, wird fortgesetzt
2. Teil, beendet am  7. Juni, hier

Dienstag, 28. August 2012

2 Heilige - Über Augustinus und Monika


Jaume Huguet,  Die Weihe des Hl. Augustinus, nach 1466

„Homo desiderium dei.“ – „Der Mensch ist die Sehnsucht nach Gott" oder „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes", es läßt sich in beiden Richtungen übersetzen und beides ist wahr.

Das war jetzt teilweise ein Selbstzitat, das Wort selbst stammt vom Hl. Augustinus, und hier habe ich einmal ein wenig darüber geschrieben. Mir ist die Verpflichtung diesmal abgenommen, an den Kirchenvater zu erinnern, aber wie die Überschrift andeutet, geht es heute nicht ausschließlich um ihn.

Der Tag des Gedenkens an die Hl. Monika wurde im vorigen Jahrhundert auf den 27. August gelegt, einen Tag vor dem Festtag ihres Sohnes, des Hl. Augustinus. Herr Roloff hat das nachfolgende Kalenderblatt geschrieben, das sich auf beider Verhältnis focussiert.

Ary Scheffer, Hl. Augustinus und Hl. Monika, spätestens 1858

Monika und Augustinus 
– Mutter und Sohn 

Gedanken am Ende des August

Am Ende des Monats August wird in der Kirche das Gedenken an die Heilige Monika und den Heiligen Augustinus gefeiert. Das gibt uns die Gelegenheit über ein im Leben maßgebliches Verhältnis nachzudenken, nämlich über das von Mutter und Sohn. Augustin war der Sohn Monikas. Ganz im Gegensatz zu Maria, die den vollkommenen Gehorsam ihres Sohnes zu tragen hatte, litt Monika am Ungehorsam Augustins, der sich der christlichen Familie absichtsvoll entzog.

Monika wurde im Jahr 332 in Thagaste im heutigen Algerien geboren. Durch ihr vorbildliches Christentum bekehrte sie ihren Mann, der Stadtrat in Thagaste gewesen ist. Sie w ollte auch ihren am 13. November 354 geborenen Sohn im Glauben verwurzeln. Dieser entzog sich ihr aber und ging in die Weltmetropole Karthago, wo er begann, ein Leben zu führen, das in den Heiligenlegenden gewöhnlich als ausschweifend charakterisiert wird, worunter man sich alles Mögliche vorstellen kann und wohl auch vorstellen muss. Später ging Augustin nach Rom und Mailand, ohne an seinem Wandel etwas zu ändern. Gleichzeitig war er aber auch ein hoch begabter junger Mann, der erfolgreich studierte, Professor der Rhetorik wurde und sich für Lehren begeisterte, die dem Christentum in jener Zeit sehr zusetzten.

Seine Mutter aber reiste ihm nach, redete auf ihn ein und versuchte ihn wieder und wieder zu bekehren, sie blieb damit aber erfolglos und litt darunter. In Mailand kam es dann für Mutter und Sohn zur schicksalhaften Begegnung mit dem Bischof Ambrosius. Seine Predigten faszinierten Augustin, gleichzeitig wurde er Beichtvater Monikas, die ihm ihre Sorgen klagte. Ambrosius gab der geplagten und verletzten Frau seinen berühmten Rat, „Monika solle weniger mit ihrem Sohn über Gott als mit Gott über ihren Sohn reden“. Der Seelsorger verweist die Mutter in das Gebet zu dem, der die Not wenden kann, und rät ab von Mühen und Plagen, die vergeblich bleiben müssen, weil wir den Menschen zum Glauben nicht zwingen können.

Nun kommt es zu einem der berühmtesten Bekehrungserlebnisse der Weltgeschichte. Augustin liegt unter einem Feigenbaum, hört eine Kinderstimme, die ihm zu rufen scheint: „Nimm und lies“. Er greift zur Bibel und gerät an den Paulussatz: „Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern der Unzucht, nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den Herren Jesus Christus und wartet des Leibes, dass nicht Begierden erwachen.“ (Röm 13, 13-14) Dieser Augenblick ändert alles. In der Osternacht 387 lässt Augustin sich taufen und will gemeinsam mit der Mutter nach Nordafrika zurückkehren. Auf der Reise aber stirbt Monika in Ostia, dankbar diese Wende noch erlebt zu haben. Augustin zieht sich in klösterliche Gemeinschaft zurück, wird 391 zum Priester und bereits 395 zum Bischof der Stadt Hippo Regius geweiht. Er wird zu einem der bedeutendsten Theologen der Kirchengeschichte. Seine Vorstellungen von der Erbsünde, der göttlichen Gnade und der Prädestination prägen die Lehre der Kirche und haben nicht zuletzt Martin Luther zutiefst beeinflusst. Augustins Bekenntnisse und sein Buch „Vom Gottesstaat“ sind Ecksteine christlicher Literatur.

Möglich geworden ist dieser Weg wohl nur, weil die Mutter dieses großen Mannes in ihrem Bitten nicht nachgelassen hat und es am Ende auch an den zu richten verstand, der den Weg jedes Menschen an sein Ziel zu führen weiß. So ist ihr Beharren wohl ganz ähnlich dem unbedingten Ja zu Gott, das Maria sprach, bevor sie noch Mutter geworden war.

Berühmt ist die Geschichte, nach der Augustin  am Meer entlang geht und einem kleinen Jungen begegnet, der mit einer Muschel Wasser schöpft. Als der Heilige ihn fragt, was er tue, antwortet das Kind: „Dasselbe wie Du!  Du willst die Unergründlichkeit Gottes mit deinen Gedanken ausschöpfen genauso wie ich mit meiner Muschel das Meer! Am 28. August des Jahres 430 ist Augustinus gestorben, während Hippo von den Vandalen belagert war.
Thomas Roloff

Samstag, 28. August 2010

Ein wenig über Augustinus &


Heute hatte ich zum ersten Mal das Gefühl von Herbst, und ich bin noch nicht einmal über den letzten Winter hinweg, hm. Wo ich las, daß Augustinus am 28. August 430 starb, spürte ich sofort die Last, etwas zu ihm bemerken zu müssen, aber dann durfte ich befriedigt feststellen, ich hatte gar nicht so langweilig über ihn vor einem Jahr geschrieben.

Übrigens sind diese unterhaltsamen Bilder von einem Stadtfest, das hier heute stattfand, da ich aber am Nachmittag eine ganz reizende Einladung hatte, habe ich davon nicht viel mitbekommen. Da wir gerade bei historisierenden Photos sind, kürzlich wurde mir eine Website mit ganz beeindruckenden historischen Farbaufnahmen aus dem vorrevolutionären Rußland empfohlen. Es lohnt sich wirklich. Und dann wurde Johann Wolfgang von Goethe am 28. August 1749 geboren, ich gestehe, ich habe die meiste Zeit eine gewisse Distanz zu Goethe empfunden, die löst sich gerade langsam etwas auf, also wollen wir mit einem Gedicht von ihm enden. Und wieder ist ein Post mit einem Tag Verspätung fertiggeworden, ich bedaure, und nun Goethe.



Johann Wolfgang von Goethe

Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend,
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Dienstag, 24. August 2010

Über Bach

Mosaikfragment aus den Überresten des Großen Palastes in Konstatinopel
hier gefunden

Sollte eines fernen Tages vielleicht die Menschheit ausgelöscht sein, oder vielmehr der Herr hätte sie zu sich genommen, und irgendein vernunftbegabtes unbekanntes Wesen würde Musik von diesem lange vergangenen Planeten hören, wäre es zweifelsohne etwas von Johann Sebastian Bach.

Es mag verwundern, an einem 24. August über Bach schreiben zu wollen, wo doch vor genau 1600 Jahren Rom, die Ewige Stadt, von den Westgoten geschändet wurde. Es ist erstaunlich, wie einem Ort, der so aus der Verkörperung von Macht heraus gelebt hat, auf einmal die Sympathien zufliegen, wenn er an die Vergänglichkeit geführt wird. Aber bei aller geschichtlichen Relativierung, die es immer wieder gegeben hat, mindestens zwei Dinge bleiben unverrückbar: Augustinus, ein römischer Patriot, war so ins Mark erschüttert, daß er „De civitate Dei“ schrieb, „Über den Gottesstaat“, und so einen inneren Ausweg wies aus dem absehbaren Untergang seines Vaterlandes, und eine Stadt, die zumindest zu Hunderttausenden bevölkert war, würde bald zu einer Kleinstadt absinken.

Wenn man sich aufrichtig von der späten Antike anrühren läßt, kann man nicht anders sein als erschüttert. Welch ein Absturz von einer einmal erreichten Reife und Verfeinerung des Geistes. Kultur oder selbst Zivilisation sind nicht unzerstörbar, es geradezu leicht in den Zustand der Barbarei zurückzufallen. Als ich dies zu schreiben begann, stieß ich auch auf das Bild von dem Mosaikfragment aus dem Kaiserpalast von Konstantinopel, ein einstiges Wunder der Welt, von dem eine Handvoll übriggeblieben ist. Sinnbildlich geradezu.

Plünderung Roms durch die Westgoten am 24. August 410
JN Sylvestre, 1890
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Musik hat gegenüber Malerei oder Bildhauerei oder gar der Architektur einen Vorteil, sie braucht wenig Raum zur Überlieferung - ich widerspreche mir kurz selbst, wir wissen von der antiken Musik fast nichts, gut, von der Malerei nicht viel mehr – aber ich brauche den Gedanken, um glauben zu dürfen, Bachs Musik wird überdauern. Es genügt ja nicht, daß etwas übrigbleibt, es muß auch jemand vom Weg ablesen, weil es ihm bedeutungsvoll erscheint.

Und mit dem Empfinden eines musikalischen Laien sage ich, Bach ist die Stimme der Ewigkeit, die in uns widerhallt und mit der Ewigkeit überdauert. Ich habe mich in diesen Tagen etwas mit seiner Biographie beschäftigt, und es ist wirklich kurios, wie wir auf der einen Seite die Zeitgebundenheit seiner Neider, Kritiker, was immer, haben und auf der andren Seite ihn. Ich habe ein paar dieser Zitate einfach einmal zusammengestellt und in einen alten Post verfrachtet, man mag sie dort nachlesen.

Zurück zu Bach. Ich bin mir nicht sicher, wie weit er sich dessen bewußt war, wie sehr er auf eine gewisse Weise seine Zeit hinter sich ließ. Klar ist, er hat aus einem großen Gottvertrauen gelebt, das so zu keinen Zeiten selbstverständlich ist. Das sagt schon ein Eintrag wie dieser in seiner Bibel „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.“ Dieser Satz kann aber auch so gelesen werden, daß Musik über die Macht verfügt, ihn gegenwärtig zu machen. Wenn man so will ist seine Musik das Zwiegespräch zwischen Gott und der menschlichen Seele, so wie er sie am Ursprung erschuf, ein sehr ernstes Zwiegespräch mitunter.


Leitung: Karl Richter
Agnus Dei - Messe in h-Moll
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Peter Schreier, Knabenalt des Dresdner Kreuzchores
Agnus Dei - Messe in h-Moll BWV 232
hier gefunden

Ich fand es wirklich interessant, einmal diese beiden Interpretationen des Agnus Dei aus der Messe in h-Moll BWV 232, gegeneinander zu stellen. Ich wollte zuerst noch eine dritte, gesungen von einem Countertenor, dazutun, aber während ich sie hörte, muß ich mich an eine Diskussion erinnern, die ich gestern mit einem Freund hatte, ich fürchte, er hat nicht ganz unrecht.

Enden will ich mit einem Stück aus dem „Musikalischen Opfer“, bekanntlich wollte Friedrich II. mit diesem Bach aufgegebenen Thema diesen wohl etwas auf die Probe stellen. Daß das nicht respektlos und aus einer Laune geschah, mag man daran erkennen, daß Friedrich II. noch 1774 nach dem Zeugnis von Gottfried van Swieten das vorgebene Thema wiederzugeben vermochte, das war 24 Jahre nach Bachs Tod.


aus dem "Musikalischen Opfer"
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