Sonntag, 5. April 2015

Ostern &


Nach all diesen schweren Themen etwas Leichteres. Es war wirklich schwierig, meiner Kamera begreiflich zu machen, daß das Huhn mitnichten angebrannt sei. Dabei hatte ich es gefühlte 25 Mal mit dem Fond übergossen.

Doch der Reihe nach: Uns wurde ein früher glückliches Huhn offeriert. Warum früher? Nun mittlerweile war es offenkundig tot und auch ausgenommen; vorerst wurde es daher dann erst einmal tiefgefroren.

Da ich mich seit spätestens Sonnabend kaum noch von der Couch trennen mochte, kam das insofern nachträglich ganz gelegen, denn mein Enthusismus für Einkäufe, der generell nicht sehr groß ist, ging mittlerweile gegen Null. Ich hörte von sehr fern lebhafte Debatten mit der hochbetagten (und schwerhörigen) Nachbarin darüber, was man alles Nettes aus so einem Vogel machen könne. Dabei war es nicht die Vielfalt der Ideen, die dieses „alles“ umfaßte, sondern die beiden bekannten Varianten „Brühe“ oder „gebraten“ wurden auf ihr Genußpotential hin exploriert (etwa mit: „Brühe ist auch sehr schön, da hat man was Warmes zum Löffeln“)...


Soweit ich mich noch erinnere, hatte ich dann später dem aufgetauten Vogel nur etwas Butterschmalz beigesellt und wenig Wasser, aber auch Pfeffer und Salz natürlich und Thymian und Rosmarin und alles kam mit geschlossenem Deckel in den Backofen. Als der nach einer Stunde entzogen wurde, der Deckel, kam noch Gemüsebrühe mit Weißwein hinzu und mildes Paprikapulver. Und eben dieser Sud wurde dann regelmäßig von mir über den „Broiler“ gegossen.


Dazu später geschmorte Mohrrüben und, aus einem Teil des Fonds, eine Sauce. Beides convenierte dem Gegenüber sichtlich und sorgte damit schon mal für eine entspannte Grundstimmung. Ich selbst zog mich bald wieder auf o.g. Couch zurück. Ärgerlicherweise blieb damit aber auch so manches liegen, was ich u.a. hier längst anbringen wollte (daher der Beitragswust von heute, wie sich an der kleinen „nachgetragen am“ Notiz ablesen läßt). Das muß zum Essen genügen.


Wir kommen mit nachfolgendem Bild behäbig zur Überleitung:


Ich habe versucht, gegen meine grumpelige Grundstimmung u.a. mit viel Osterkitsch anzukämpfen, konzentriert auf ein Fenster. Ich mag das sogar, gebe ich unumwunden zu.


Nun hinke ich mit dem Nachfolgendem unübersehbar leicht hinterher, aber vom Kirchenjahr her hat gerade nur die „Österliche Freudenzeit“ begonnen, also - aufrichtig und herzlich, und ein wenig nachträglich -


Frohe und Gesegnete Ostern





nachgetragen am 8. April

Samstag, 4. April 2015

Zur Osternacht


Matthias Grünewald:  Isenheimer Altar, Auferstehung

Predigt Osternacht

Mt 28, 1-10

Die Gnade und der Friede des auferstandenen Herrn sei in dieser Heiligen Nacht und alle Zeit bei Euch!

Amen

Liebe Gemeinde,

das Dunkel des Gotteshauses ist uns als Christen auch ein Gleichnis für das leere Grab. Als Christen sind wir in dieser Welt, wie in einem Grab. Wir sind von der Erde genommen und darum auch in jeder Lebensregung dieser Tage, sei sie glücklich oder leidvoll doch auch immer beerdigt. Von Erde sind wir genommen, zu Erde sollen wir werden, und unsere gesamte Liturgie, hier in diesem dunklen Haus, ist gleichsam eine Einübung in den Tod. Wir versammeln uns in diesem Grab, wir versammeln uns in den Tod.

Nun versammeln wir uns als getaufte Christen aber nicht einfach in irgendeinen Tod, oder werden getrennt dadurch in Ewigkeit, weil jeder Mensch in seinen Tod versinken würde. Als Christen versammeln wir uns in Seinen Tod, in den Tod unseres Herrn, den er am Kreuz für uns erlitten hat. Nun trennt uns nicht der Tod, sondern er einigt uns. Tot sind wir – im Grab sind wir – aber wir sind in seinem Tod, sind einiger, als wir es im Leben vielleicht waren, und wir blicken ganz in sein leeres Grab.

Und erst jetzt werden wir gewahr, dass bereits Licht in diesem Raume ist. Wir haben es selbst mit der Osterkerze in diese Basilika, in diese Königshalle getragen – und dieses Licht, mit dem wir unsere eigenen Kerzen entzündet haben, durchscheint diese Finsternis. Sind es wirklich die Kerzen, die die Finsternis des Grabes durchleuchten, unser Hiersein und unseren eigenen Tod, den wir in dieser Nacht auch feiern, erleuchten?

Hören wir noch einmal auf das Evangelium dieser hochseligen Nacht!

1 Als aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des HERRN kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein von der Tür und setzte sich darauf. 3 Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie Schnee. 4 Die Hüter aber erschraken vor Furcht und wurden, als wären sie tot.

Der Sabbat ist um, der Ruhetag, die Ruhezeit Gottes ist um. Die Ruhe Gottes hat ein Ende, sie ist vorbei, und der erste Tag der Woche bricht an. Der erste Tag bricht an. Da eröffnet sich nicht einfach eine neue Woche mit ihren gewöhnlich fünf Arbeitstagen mit ihrem oft gedankenlosen Einerlei, ihren Sorgen und Plagen und mit dem Leidvollen, das wir uns so oft selbst bereiten. Es eröffnet nicht eine weitere Woche, in der wir unserem Leben weiter nachgehen, Böses tun, treulos sind und Unheil stiften.

Es ist nicht zunächst unser Tag, der da beginnt. Es ist Gottes erster Tag! Gott hebt an zu seiner neuen Schöpfung, und die Erde, seine alte Schöpfung erbebt. Die ganze Erde erbebt, so wie wir auch zittern werden, wenn der kommt, der all unser Tun und Handeln zur Rechenschaft ziehen wird. Was haben wir einander und unsren Kindern getan? Gegen das Zittern der Menschen dann wird das Erdbeben, das die beiden Frauen erleben, nur ein schwacher Vorbote sein. Dennoch macht es eindeutig klar: Gottes neue Schöpfung hebt an.

Die Wachen am Grab erschrecken und werden, als wären sie tot. Die Handlung beschränkt sich nun ganz auf den Engel, der wie ein Blitz vom Himmel herabfährt und auf die beiden Frauen. Wer um sich nur Natur, nur Blitz und Donner, Erdbeben und Gewalt vermutet, der wird auch nur ganz Natürliches sehen und wird von seiner Furcht aufgefressen – was auch ganz und gar natürlich ist. Der Engel und die Frauen aber, sie begegnen einander.

 5 Aber der Engel antwortete und sprach zu den Weibern: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

Darin offenbart sich der Engel, er kann in das Herz der beiden Frauen schauen. Sie sind auf der Suche, und wer sucht, der wird dem Engel begegnen, selbst dann, wenn er nur den toten Herrn sucht, Jesus, den Gekreuzigten und den Gestorbenen. Aber selbst die Suche nach dem Gekreuzigten und nach dem Gestorbenen führt auf den rechten Weg, führt an das Grab, führt zum Engel des Herrn, führt an den einzigen Ort, an dem sich die alte und die neue Schöpfung jemals berührt haben, führt an das Grab.

Darum sind wir versammelt in dieser Halle – in seinem Grab, in dem wir unser eigenes Sterben bedenken. Das Grab ist der äußerste Punkt der alten Schöpfung, von der wir in der Lesung aus der Genesis gehört haben. Hier stehen wir mit den beiden Frauen, mit Maria von Magdala und mit der anderen Maria an seinem Grab.

Und hier geschieht auch an uns die Botschaft dieser Heiligen Nacht:

6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, da der HERR gelegen hat.

Liebe Gemeinde,

das ist die Ursprungsstunde der neuen Welt, das ist der Anbeginn ewigen Lebens, das ist die Quelle, aus der die Kirche seither schöpft, das ist der Urgrund der Wahrheit, von der wir künden, das ist das Geheimnis dieser Heiligen Nacht, und es wird uns und der ganzen Welt kund allein durch das Wort des Engels, in dem wir das Wort Gottes hören.

Es ist allein das Wort, durch das alles geschieht. So wie Gott am Anfang der Welt allein durch sein Wort alles was ist ins Dasein treten ließ, so ruft er nun durch sein Wort, das im selben Augenblick an uns verkündet wird, den Sohn ins Leben und schafft den Anbeginn des ewigen Lebens, in das auch wir hier treten. In dieser Nacht schon treten wir aus unserem eigenen Grab heraus und in das unvergängliche Wesen unseres Herrn hinein.

Erst jetzt setzt das Schauen ein. Nur der Glaube lehrt uns auch zu sehen und zu bezeugen, was dort geschehen ist. Kommt und seht die Stätte. So spricht der Engel.

7 Und gehet eilend hin und sagt es seinen Jüngern, daß er auferstanden sei von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilend zum Grabe hinaus mit Furcht und großer Freude und liefen, daß sie es seinen Jüngern verkündigten.

Nachdem in diesem einen entscheidenden Moment gleichsam die Zeit still stand, so setzt nun die Geschichte wieder ein: Geht eilend! Geht eilend in die Welt und verkündet es allen, denn hier hat heute etwas ganz Neues begonnen. Die Geißel des Sterbens, die Fessel des Todes ist von euch genommen. Dieses eilende Laufen hat seitdem kein Ende gefunden. Das Wort des Engels läuft durch die Welt, springt über die Meere auf alle Kontinente und durchdringt die Generationen. Er ist auferstanden, und der Tod ist besiegt. Der Gott des Lebens ist der Sieger.

Und da sie gingen seinen Jüngern zu verkündigen, 9 siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßet! Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, daß sie gehen nach Galiläa; daselbst werden sie mich sehen.

Erst nachdem sich die Frauen aufmachen, um es den Jüngern zu verkündigen, erst nachdem sie allein das Wort mit ihren Herzen ergriffen hatten, erst nachdem sie durch den Glauben ganz umfangen waren, begegnen sie nun auch dem Herrn Jesus. Fast scheint es so, als stünde also die Botschaft vor der Möglichkeit zur Gottesbegegnung. Nur wer glaubt, der wird Gott auch schauen. Aber genau diese Unterscheidung trifft es nicht ganz. Wir sollen gewahr werden, dass das Wort und der im Wort entzündete Glaube bereits die Gottesbegegnung ist.

So dürfen wir bekennen: Wir haben den Herrn gesehen. Wir dürfen die Botschaft des Engels weitertragen, wieder eine Generation, wieder ein Ort, wieder an einem Menschen kommt das Wort Gottes ans Ziel und wandelt uns zu den lebendigen Tempeln seiner Herrlichkeit und Gegenwart, und dieses Haus bleibt zurück als Gleichnis für das Leere Grab, aus dem Gott seinen Sohn ins Leben gerufen hat, wie er am Anfang aus Nichts alles geschaffen hat. An seiner statt bin ich in dieser Nacht vor euch hingetreten und spreche: Seid gegrüßt!

Amen

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Der Friede des Auferstandenen sei mit Euch.

Thomas Roloff

Noël Coypel: Auferstehung Christi

nachgetragen am 8. April

Freitag, 3. April 2015

Karfreitag





nachgetragen am 8. April

Donnerstag, 2. April 2015

Auf dem Weg zu Bismarck - Tangermünde


Tangermünde hat etwas von einem Traum. Es ist die selten gewordene Vorstellung einer intakt gebliebenen deutschen Stadt, mit ihren Brüchen und Fehlstellen, aber doch nie bis zur Gesichtslosigkeit. Und welcher Reichtum an Gewachsenem springt einen förmlich an dabei. Es ist vor allem ein Ort, der im Kern sehr vorneuzeitlich wirkt, dabei sind die meisten Häuser erst aus dem 17. Jahrhundert.

Schönhausen liegt gewissermaßen fast gegenüber, nur durch die Elbe getrennt, es sind wenige Kilometer. Die Stadt ist eine verhinderte Metropole, Kaiser Karl IV. begann, sie zur Nebenresidenz für das Reich zu machen; und selbst diese wenigen Jahre sind immer noch spürbar. Es ist gewissermaßen das vor-hohernzollernsche Brandenburg, das uns hier entgegentritt.

Und wie sinnbildlich für die Neuzeit, drängt sich dann irgendwann ein quietschgelber Lieferwagen in die imposant ehrwürdige Uferszenerie.














nachgetragen am 8. April

Auf dem Weg zu Bismarck (oder auch von ihm weg)


Auf unserem Weg zum Geburtsort des Reichskanzlers blieben wir an 2 Orten länger, die emblematischer für Brandenburg kaum sein könnten (gut, Havelberg wurde auch durchquert, aber dies ist schließlich nur ein Blog) - Neuruppin und Tangermünde.

Neuruppin, da genügt es, die Namen Schinkel und Fontane zu nennen, die beide hier geboren wurden. Was die Stadt baukünstlerisch so merkwürdig macht, ist ihre weiträumige Anlage und ihr noch weitgehend erhaltener klassizistischer Stil, der vom Wiederaufbau nach einem verheerenden Stadtbrand 1787 herrührt. Aber lassen wir Fontane selbst zu Wort kommen:

„Die Stadt Ruppin hat eine schöne Lage ... Nach dem großen Feuer, von dem sie fast ganz verzehrt ward (wie wenn man von einem runden Brot die beiden Kanten übrig läßt), wurde sie in einer Art Residenzstil wieder aufgebaut. Lange, breite Straßen durchschneiden die Stadt, nur unterbrochen durch stattliche Plätze, auf deren Areal unsere Vorvordern selbst wieder kleine Städte errichtet hätten. Für eine reiche Residenz voller Paläste und hoher Häuser, voll Leben und Verkehr, mag solche Anlage die empfehlenswertheste sein; für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich. Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten Staatsrock, in den sich der Betreffende nie hineinwachsen kann. Dadurch entsteht eine Oede und Leere, die zuletzt zu dem Gefühl einer versteinerten Langeweile führt.“

Der hier zu sehende Bau einer eher seltenen klassizistischen Kirche steht auf einem dieser gerade harsch bemängelten großzügigen Plätze, obwohl er nur noch der Historie nach eine Kirche ist, „Veranstaltungszentrum Sankt Marien“ nennt er sich jetzt. Tatsächlich gibt es in dieser Stadt viel leeren Raum, aber solange an seinen Rändern zumeist wohlproportionierte, bescheiden liebenswürdige Häuser auftauchen, nehme ich ihn gern in Kauf. Überhaupt mag der Feinsinn, den Fontane mit seiner Kritik an den Tag bringt, zu seinen Tagen sein Recht gehabt haben, für uns, die wir reichlich gruseligere Plätze ertragen müssen, ist er kaum mehr leistbar.





Und nun haben wir auch schon den berühmtesten Sohn des Ortes, wenn er auch nur bis zu seiner frühesten Jugend dort verblieb; schuld war der erwähnte große Stadtbrand, an den er seinen Vater verlor. Gegenüber der Kirche hat er seit 1883 sein Denkmal. Fontane schreibt über ihn u.a. recht rührend:

„Diese zwei Zeichnungen... sind muthmaßlich alles, was die ganze Grafschaft Ruppin von dem bedeutendsten Manne besitzt, den sie je hervorgebracht hat; denn wie viel Tüchtiges auch, im Lauf der Jahrhunderte, an den Ufern des Ruppiner See’s emporgewachsen ist, keiner ragt an den Superintendenten-Sohn heran, der das alte Berlin in eine Stadt der Schönheit umgeschaffen und ihm hoffentlich für immer den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat.“

Nun ja. Schinkels Geist ist sicher noch aufspürbar. Einer erneuten Epiphanie desselbigen harren wir aber noch.


Das nachfolgende war sicherlich keine derartige, obwohl das Gebäude nicht ohne Reiz ist. 1894/95 als Landratsamt erbaut, fungiert es heute wieder als solches; irgendwie haben gefühlte oder tatsächliche Kontinuitäten auch ihren Reiz. Aber man merkt schon, wie im Stilempfinden und -wollen um 1900 doch auch einiges recht durcheinander ging.



„... in Front des stattlichen Gymnasial-Gebäudes (mit seinem Laternenthurm und seiner Inschrift: »Civibus aevi futuri«) das Bronzebildnis König Friedrich Wilhelm’s II. ..., das die Stadt ihrem Wohlthäter und Wiedererbauer errichtete. Es heißt, es sei dies die einzige Statue des Königs im ganzen Preußenlande, König Friedrich Wilhelm II. besitze kein zweites Denkmal. Wenn dem so ist, dann um so besser, daß keine politische Erwägung, keine moralische Ueberhebung mit zu Rathe saß, als vor etwa 30 Jahren bürgerliche Dankbarkeit einfach aussprach: 'Wir schulden ihm ein Denkmal, weil er unser Wohlthäter war, und gedenken diese Schuld zu zahlen.' Die Statue, in etwas mehr denn Lebensgröße, ist eine Arbeit Friedrich Tiecks. Gedanklich ist sie ziemlich unbedeutend und alltäglich; zeigt aber doch in Form und Haltung jenes Maß und jene Einfachheit, die, wo andre Vorzüge fehlen, selbst schon als Vorzug gelten mögen.“


Das oben ist besagtes Gymnasium, 1790 eingeweiht und „den Bürgern des künftigen Zeitalters“ gewidmet; der Vorgängerbau war ebenfalls beim Stadtbrand 1787 vernichtet worden. Als Ortsunkundiger denkt man nicht sofort an ein Gymnasium, aber auch dies ist, recht betrachtet, ein Ausweis inzwischen selten anzutreffender Wertschätzung höherer Bildung.

Daß unser „dicker Lüderjahn“ doch noch sein Denkmal bekam und ausgerechnet in der Stadt, die man vielleicht zurecht die preußischste aller preußischen nennen könnte, ist denkwürdig. Aber es ist ja nun so, daß er in nicht selbstverständlicher Weise sich um ihre Wiederherstellung kümmerte. Und im Jahre 1829, als lange sein ihn wenig wertschätzender Sohn Friedrich Wilhelm III., der einstmalige Gatte unserer hochgeschätzten Königin Luise, regierte, war dies auch beim besten Willen kein Ausdruck von Opportunismus o.dgl., sondern, wie Fontane es beschreibt.

Übrigens, was dort so selbstverständlich dasteht, ist eine Kopie. Wie sollte uns das überraschen. 1947 wurde das Standbild entfernt und Karl Marx kam auf den verwaisten Sockel. Doch bald requirierten die sowjet-russischen Besatzer denselben für einen Lenin auf ihrem Neuruppiner Kasernengelände und Marx mußte einen Ersatzunterbau finden. Als der Spuk endlich vorbei war, fand sich der Sockel wieder, und seit 1998 gibt es also die Kopie auf dem Original-Sockel an alter Stelle. Tempora mutantur. Um manchmal in einer Art Kreisbewegung wieder am alten Ort anzukommen, äußerlich zumindest.



Denn allzu vieles von diesem Anknüpfen und Wiederherstellen hat offenkundig kaum tieferen Grund, da die Kenntnis nur noch oberflächlich und das Wohlwollen für den Gegenstand bestenfalls eingeübt und vorgestellt ist. Dazu paßt irgendwie, wenn auch etwas krumm, eine Äußerung, die Fontane in seinem Ruppin-Kapitel der „Wanderungen“ über die historische Unbildung weiter Bevölkerungsschichten macht:

„Die Unkenntnis und Indifferenz ist grenzenlos und sollte denen nachzudenken geben, die nicht müde werden, von dem Wissen und der Erleuchtetheit unserer Zeit zu sprechen. Erstaunlich ist es namentlich, wie absolut nichts unser Volk von jener Periode unsrer Geschichte weiß, die der vorlutherischen Zeit angehört. Man kennt weder die Dinge, noch die Bezeichnungen für die Dinge; die bloßen Worte sind unserer protestantischen Sprache wie verloren gegangen. Man mache die Probe und frage z. B. einen Märkischen Landbewohner, was der 'Krummstab' sei? Unter Zwanzigen wird es nicht Einer wissen. In der Ruppiner Klosterkirche fragte ich die Küstersfrau, welche Mönche hier früher gelebt hätten? worauf ich die Antwort erhielt: 'Mein Mann weeß et; ich jlobe, et sind kattolsche gewesen.'“

Berlin, Bismarck-Nationaldenkmal
hier gefunden

Und schon verlassen wir Neuruppin und sind bei einem anderen Denkmal (Tangermünde muß warten). Wir sahen gerade das Bismarck-Nationaldenkmal von 1901, das zunächst vor dem Reichstag stand, bis die  Herren des III. Reiches es 1938 in den Tiergarten gewissermaßen zwischen die Bäume abschoben. Dort ist das Werk von Reinhold Begas noch heute aufzufinden (neben manch anderem, das sich dort in die Nachbarschaft verirrt hat). So groß kann die behauptete Nähe also offensichtlich nicht gewesen sein, daß sie sich des Anblickes regelmäßig prominent aussetzen wollten.

Bismarck-Nationaldenkmal vor dem Reichstag, um 1900

Das öffentliche Gedenken an den 200. Geburtstag des Reichskanzlers war eine recht merkwürdige Melange aus bemühtem Vergessen, notorischem Ressentiment, stolz präsentiertem Nichtwissen, abgelieferten Pflichtakten (etwa in Form von Artikeln, die vor allem aus in Streifen geschnittenen und verschieden neu zusammengesetzten Agenturmeldungen bestanden, selbst in Zeitungen, die sich immer noch als seriös bezeichnen) und einigen erfreulichen Ausnahmen.

Die Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh, hatte zum 1. April nach Berlin zu einem Festakt ins Zeughaus geladen und der Bundesminister der Finanzen hielt dabei die Hauptrede. Man mag sie hier nachlesen, ich fand sie in ihrer offenen, fast frischen, durchaus nachdenklichen, in jedem Fall gut informierten Weise geradezu angenehm. Auch wenn ich einige gedankliche Prämissen nicht teile, aber man muß eine durchdachte Position auch für sich stehen lassen können, wenn sie eben das erkennbar ist. Z.B. mit Sätzen wie:

"Unsere Geschichte im 20. Jahrhundert hat uns emotional auch von unserer Geschichte im 19. Jahrhundert abgeschnitten. Es wäre ein anderes Verhältnis vorstellbar zu diesem Geburtsjahrhundert unserer heutigen Welt."

Oder: „Das ist die eine Konstante in seinem Leben und in seinem Jahrhundert: Das Ringen um beständige Ordnungen, um Stabilität, oft genug nach großen Umwälzungen und dramatischen Veränderungen...“

Und um wenigstens anzudeuten, wo meine Skepsis liegt, Herr Dr. Schäuble ist unverkennbar ein Protagonist transnationaler Ordnungen, zunächst und vor allem in Europa. Das gab es auch schon früher. Doch damit verbindet sich dann ein Zivilglaube (in meinen Augen) an eine Weltrechtsordnung, gewaltfreie Konfliktbewältigung, Kooperation statt Konfrontation...

Worauf er gezwungen ist, bedauernd zu konstatieren: "...da muss man ja leider erkennen, dass um uns herum die Welt noch einmal wieder der Welt Bismarcks ähnlicher geworden ist. Es ist einiges zurückgekommen, das wir fern gerückt glaubten: ein Denken in Einflusssphären, in Räumen und Reichen, eher altertümliche Vorstellungen von Macht, militärisch grundiert, Staaten, die sich gedemütigt fühlen und Genugtuung suchen.“ Da könne dann eine Beschäftigung mit Bismarcks Politik in seiner Zeit „zwar nicht klug für ein andermal, aber eben doch ein Stück weiser für den Umgang mit unseren heutigen Problemen“ machen.

Eine tatsächliche Dosis „Realpolitik“, also sich nicht die Wirklichkeit schönzureden, sondern auf die im Zweifel häßliche Realität zu schauen, wäre da schon ein Anfang. Aber das soll es dazu auch sein.


Bismarck-Nationaldenkmal im Tiergarten, von der Siegessäule

Um nur ein Beispiel eines der schauerlicheren Artikel zu bringen (an dem sich der Zeitgeist wie auf einem Barometer förmlich ablesen läßt), so schaue man hier.  Die Parole „Deutschland“ sei nur „Mittel zum großpreußischen Zweck“gewesen. Und dafür zerstörte Bismarck die schöne europäische Staatenordnung jener Zeit, die auf dem Gleichgewicht der Kräfte beruhte (und bekanntermaßen waren alle Akteure wohlgesittet und wären nie auf den Gedanken gekommen, die ausgedehnte Kleingartenanlage, wo man deutsch sprach, begehrlich ins Auge zu nehmen – Napoleon I wollte doch nur den Code civil über Europa bringen und die Menschenrechte - und warum wollten die Deutschen nur unbedingt in einem Staat leben, wo sie doch so viele davon haben konnten). Dann muß auch noch die Linie von Bismarck zu Hitler ein wenig aufgewärmt werden, und folglich wurde der deutsche Nationalstaat, der eben noch so überflüssig war, erst 1949 gegründet. Das lassen wir jetzt alles so stehen.

Bismarck, Nationaldenkmal, Berlin

Inzwischen sind wir in Schönhausen angekommen. Die Predigt des Herrn Roloff im Gedenkgottesdienst hatte ich immerhin noch dokumentiert. Ich wollte ihr eigentlich auch gar nichts hinzufügen, da sie mir ebenfalls sehr durchdacht erscheint (beiläufig bemerkt, habe ich persönlich meinen Respekt für Bismarck eher erarbeiten müssen, da ist mir Herr Roloff deutlich voraus, das nur nebenbei). Der Gottesdienst war würdevoll, außerordentlich gut besucht, nur hatte ich das Empfinden, es sei draußen deutlich wärmer als drinnen; insofern war jedes Ausharren ein deutlicher Akt der Tapferkeit, der allseits begangen wurde.

Am Geburtsort Bismarcks fand, abgesehen vom Gedenkgottesdienst, ansonsten an diesem Tage nichts statt. Am nächsten gab es immerhin noch eine launige Präsentation von Sonderbriefmarken und -münzen durch den vormaligen Ministerpräsidenten dieses Landes.

Und ja, ich vergaß, es würde auch noch ein buntes Fest der Demokratie gegen das Böse und für das Gute geben. Die Anzeichen war schon unübersehbar. Die diesen Ort Besetzenden sahen sich dabei offenkundig in einem nicht einmal Donquichotte-würdigen Abwehrkampf gegen das vor-vorige Jahrhundert. Und hatten daher die historischen Kanonen mit Plastikdeckchen eingehüllt, sozusagen als Abwehrzauber gegen das vergangene Mord-Lüsterne, also als Zeichen gegen Gewalt, der gerade in diesen ländlich schlichten vorgestrigen Landstrichen die unaufgeklärten Einheimischen schnell wieder anheimfallen könnten. Was ein Voodoo und gleichzeitig was für anthropologische Trouvaillen. Davon denn doch keine Bilder, nur eine Erinnerung.


nachgetragen am 8. April

Mittwoch, 1. April 2015

Zum 200. Geburtstag Bismarcks

Otto Fürst von Bismarck, Gemälde von Franz von Lenbach, 1894

Predigt im Gedenkgottesdienst zum 200. Geburtstag des Fürsten Otto von Bismarck

Lk 14, 28 - 35


Gnade sei mit Euch und Friede, von dem, der da war und der da ist und der da kommt!

Amen

Liebe Gemeinde,

da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein Kind, und hatte kindliche Anschläge;

so schreibt der Apostel Paulus am Ende seines großen Gedichtes über die Liebe im 1. Brief an die Korinther. Ich habe manche meiner kindlichen Anschläge noch in lebhafter Erinnerung. Nie habe ich beispielsweise begriffen, wie die Sonne es schaffte, uns überall hin zu begleiten, selbst wenn wir mit den Eltern im Wartburg unterwegs waren. Nur der Mond vermochte, es der Sonne gleichzutun und wurde uns zum nächtlichen Begleiter. Wenn ich nach Erklärungen verlangte, dann wurde gesagt, es läge daran, dass der Mond und noch mehr die Sonne so weit weg seien, dass man die Bewegung nicht wahrnehmen könne. Das schaffte mehr Verunsicherung als Einsicht, schließlich bemerkte ich meine Bewegung sehr wohl, die Entfernungen, die wir im Auto zurücklegten, waren enorm, denn ich war klug wie ein Kind.

Seien Sie alle beruhigt, inzwischen habe ich es verstanden. Denken musste ich aber an diese Erfahrung, als ich mir auf dem Weg zum Jubiläum Gedanken darüber machte, was uns die Geschichte soll. Warum gedenken wir Bismarcks, der vor 200 Jahren geboren wurde? Warum feiern wir heute Gottesdienst?

In der Epistel haben wir dazu gehört: „Wir hatten Herzenslust an euch, und waren willig, euch mitzuteilen nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser Leben…“

Wer also vom Glauben zeugen will, der muss nicht nur vom Evangelium reden, sondern Anteil geben an seinem Leben. Das gilt doch nun nicht nur für Apostel, Kirchenlehrer und Pastoren. Das gilt für alle getauften Christen, und es gilt für den, dessen Geburtstag wir heute gedenken, und an dessen Taufe wir am 15. Mai erinnern werden. Unter dem Siegel der Taufe ging er sein Leben in der Gemeinschaft mit Gott.

Und was für ein Leben breitet sich da vor uns aus? Schauen wir hinter all den Bildern einfach einmal auf den Menschen, der hier geboren wurde. Einer fröhlichen Kindheit folgte eine schwierige Schulzeit, denn der Junge war zwar klug aber auch unbändig, und ihm fehlte sein Zuhause in der Weite Pommerns. Die Schulen in Berlin sollten die erste Ursache dafür sein, dass er die Stadt ein Leben lang nicht mochte.

Studium, Militär und Verwaltungsdienst wurden eher lieblos absolviert. Am Erstaunlichsten ist es, wieviel Geduld seine Lehrer und Vorgesetzten jeweils mit ihm hatten. Er suchte die Aufgabe für sein Leben und stand dabei sehr in der Gefahr, sie nicht zu finden, sah sich als Pantheist  und Republikaner.

Zwei schicksalhafte Wendungen erfassten ihn dann in den 40er Jahren. Der Tod einer engen Freundin führte ihn zurück zum Glauben und öffnete ihm den Weg zu der Frau, die er nicht mehr verlassen sollte, und der seine ganze Treue gehörte. Die Revolution aber entzündete sein politisches Denken, nachdem er es als Deichhauptmann hier in unserer Gegend gelernt hatte, für Menschen und Dinge Verantwortung zu übernehmen.

Das Eintreten gegen die Revolution blieb eines seiner bestimmenden Lebensthemen. Das entscheidende Bollwerk gegen die Revolution, das heißt gegen den Umsturz der bestehenden Verhältnisse, erblickte er im preußischen Königtum, und so war es folgerichtig, dass er ein Diener des Königs wurde.

Es ist faszinierend nachzuvollziehen, mit welcher Wachheit und Auffassungsgabe Bismarck es verstand, die Wirklichkeit unverstellt zu erkennen, Gefahren auszumachen, Möglichkeiten abzuschätzen und so das Wohl Preußens zu wahren.

Zwei Dinge erreichte er auf seiner ersten Station als Bundestagsgesandter Preußens in Frankfurt. Er stellte die Gleichberechtigung seines Königs mit der Präsidialmacht Österreich her, und er vermochte es mit viel Geschick, die Neutralität Preußens im Ringen der Westmächte mit Russland im sogenannten Krimkrieg zu wahren. Der Zar hatte das nicht vergessen und gewährte Bismarck herzliche Aufnahme, als dieser 1859 Botschafter in Sankt Petersburg wurde.

Im Zuge des Verfassungskonflikts über die Heeresreform wurde der Aufstieg des Diplomaten dann schwindelerregend. 1862 ernannte der König Bismarck zum Ministerpräsidenten. In schneller Folge wurden gravierende Hindernisse, die der Nationalstaatswerdung der Deutschen entgegenstanden, militärisch beseitigt. Zunächst gelang dies im noch gemeinsam mit Österreich geführten Krieg gegen die Ansprüche Dänemarks auf Schleswig-Holstein, später bei der Entscheidung des Dualismus im Deutschen Bund gegen Österreich und dann 1870/71 im schwersten Kampf gegen Frankreich. Keinen dieser Kriege hat Bismarck verschuldet, oder gar mutwillig herbeigeführt. Seine Haltung war es auch damals schon, dass „man Krieg nicht führen darf, wenn es mit Ehren zu vermeiden ist; die Chance günstigen Erfolges ist keine gerechte Ursache, einen großen Krieg anzufangen!“

So hat er den Krieg denn nach Abwägung bestehender Möglichkeiten hingenommen und dazu beigetragen, dass er für Preußen entschieden werden konnten. Das war allerdings seine Aufgabe, und es war die notwendige Folge des Rechtes jeder Nation, die Verhältnisse unter denen sie lebt, selbst zu gestalten.

Es ist notwendig, klar auszusprechen, dass die anderen Mächte hingegen auf militärische Gewalt setzten, um genau dieses Recht zu bestreiten. Wir dürfen uns, durch die vielfältigen Legenden die in die Geschichte Eingang gefunden haben, und an denen Bismarck durchaus eifrig mitgestrickt hat, nicht täuschen lassen. Es bleibt eine Tatsache, dass die Emser Depesche in Paris noch nicht bekannt war, als dort der Krieg längst beschlossene Sache und die Mobilisierung ausgelöst war. Bismarck wollte mit der gekürzten Depesche lediglich unterstreichen, dass sich sein König nicht hat demütigen lassen, um so die Kampfbereitschaft der süddeutschen Staaten zu festigen.

Die Folgen des Krieges wären auch bei weitem nicht so bedrückend gewesen, wenn die französische Seite sich unmittelbar nach der Niederlage Napoleons III. in Sedan zum Frieden hätte durchringen können. Die für Frankreich zweifellos demütigende Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles hätte es dann nicht gegeben.

Nun entstand mit militärischen Mitteln in der Mitte Europas ein Nationalstaat, der durch „moralische Eroberungen“ nicht hätte durchgesetzt werden können, wie die Gegnerschaft Frankreichs hat deutlich werden lassen. Es entstand aber auch ein Staat, der den Bürgern bemerkenswerter Weise von Anfang an das allgemeine Wahlrecht gewährte. Damit war die Tektonik der  Mächte Europas innerhalb von nur neun Jahren grundlegend verändert worden. Es gab aber auch für die Bürger des Landes in einer Breite Mitwirkungsmöglichkeiten, auf die sie in den meisten anderen Staaten Europas noch sehr lange, meist bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, warten mussten.

Blicken wir noch einmal auf diese neun Jahre von der Ernennung Bismarcks zum Ministerpräsidenten bis zur Reichsgründung, dann fällt auf, dass vor allem die Kriege das Bild dieser Zeit bestimmen. Weitgehend vergessen ist es, dass es einen weiteren entscheidenden Faktor gab, ohne den die Deutsche Einheit wahrscheinlich nicht gelungen wäre. Das war die Mitwirkung Russlands durch seine verlässliche Neutralität. Erwartet hat Russland nur, dass diese Verlässlichkeit eine gegenseitige bleibt, und das war für Bismarck ein gesetzter Umstand seiner Politik.

So vollbrachte der nunmehrige Reichskanzler in gewaltigen Anstrengungen die Sicherung des Reiches durch seine Bündnispolitik nach außen und durch die Sozialpolitik im Inneren. Dabei bleibt es unbestritten, dass er durch Kulturkampf und Sozialistengesetze auch tiefe Konflikte in das Gefüge des Reiches getrieben hat.

Bismarck in Friedrichsruh, 1891

Eine gerechte Bewertung dieser Zeit setzt aber nun voraus, dass wir begreifen, für wie zwangsläufig Bismarck den Zusammenhang zwischen Krieg, der durch feindliche Bündnisse drohte, und Revolution, die durch die sozialistischen Bewegungen vorbereitet wurde, gehalten hat. Selbst gewonnene Kriege versprachen für keine Macht mehr wirkliche Vorteile. Vielmehr drohte jeder Krieg, die traditionelle Welt und jede konservative Ordnung  im Innersten zu zerstören.

Die entscheidenden Auseinandersetzungen würden nicht mehr so sehr „zwischen Russen, Deutschen, Italienern und Franzosen wie zwischen der Revolution und der Monarchie“ geführt. "Der Krieg, sei er nun siegreich oder nicht, wird die Revolution in mehr als in einem Lande entfesseln“, stellte der Kanzler 1887 gegenüber seinem Kaiser fest. Hier deutet sich ein allgemeiner Konsens an, auf dessen Grundlage vielleicht bereits im 19. Jahrhundert das Zusammenwachsen Europas hätte beginnen können, wenn versucht worden wäre die Interessen der Völker miteinander auszugleichen und nicht gegeneinander durchzusetzen.

Für Bismarck war es ganz und gar unverständlich, wie die Revolutionäre aller Zeiten es tun, von einem Umsturz der bestehenden Ordnungen eine Besserung der Verhältnisse zu erwarten. Mit dem Blick über den Verlauf des 20. Jahrhunderts muss man nüchtern fragen, wer denn mit seinen Erwartungen vor der Geschichte Recht behalten hat.

Dennoch gibt es noch immer, nicht nur in der Geschichtsschreibung, eine große Begeisterung für fast jede Form der Revolution, denken wir nur an den „arabischen Frühling“, und ich frage mich manchmal, ob wir nicht genau das dringend überdenken müssen.

So hatte Bismarck denn zwei Ziele: Er wollte wie er sich ausdrückte „der sozialistischen Bewegung in ihrer gegenwärtigen Beirrung Halt gebieten, indem realisiert wurde, was in den sozialistischen Forderungen als berechtigt erscheint“. Dadurch sollte ein innerer Reformprozess eingeleitet werden, den der Fürst sich nicht scheute Staatssozialismus zu nennen.

Zum anderen wollte der Kanzler das Einvernehmen der konservativen Mächte Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland erhalten. Nur in dieser Konstellation wäre es dauerhaft möglich, weder in einseitige Abhängigkeiten zu geraten, noch zu riskieren, dem schwächeren Bündnis anzugehören. Bis zu seiner Entlassung im März 1890 gelang es ihm, diese alles entscheidenden Interessen des Reiches zu wahren. Beides war freilich mühselig und mit enormen Anstrengungen verbunden, es versprach vor allem nicht den ganz schnellen Erfolg, wie eine glorreiche Revolution oder ein ruhmreicher Krieg es taten. Der Kanzler habe „nicht den Schneid zum Präventivkrieg“ wurde ihm darum auch vorgeworfen.

Heinrich Mann urteilte: „Bismarck hat das Reich nicht nur geschaffen: es zu erhalten war schwerer. Die Deutschen haben ihrem einzigen Staatsmann seine vornehmsten Verdienste nie gedankt, sie kennen sie gar nicht. Er eroberte seinem Reich - nicht Provinzen, die hat er kaum gewünscht, sondern Dauer für seine eigene Lebenszeit. Nach ihm war es sofort in Frage gestellt.“

Der ehemalige Botschafter Ulrich von Hassel wiederum schreibt nach einem Aufenthalt in Friedrichsruh im Juli 1944 in sein Tagebuch, bevor er am 8. September des gleichen Jahres in Plötzensee gehenkt wurde: „Ich habe mich in den letzten Tagen viel mit ihm beschäftigt, und er wächst als Außenpolitiker dauernd bei mir. Es ist bedauerlich, welch falsches Bild wir selbst von ihm in der Welt erzeugt haben, als dem Gewaltpolitiker mit Kürassierstiefeln, in der kindlichen Freude darüber, dass jemand Deutschland endlich wieder zur Geltung brachte. In Wahrheit war die höchste Diplomatie und das Maßhalten seine größte Gabe.
Er hat es verstanden, die Gegner auszumanövrieren und trotzdem in einziger Weise in der Welt Vertrauen zu erwecken, genau umgekehrt wie heute.“

Bismarck Denkmal im alten Elbpark in Hamburg

Dies also ist das Lebenswerk und war das Vermächtnis eines auch bei allen seinen Gegnern respektierten Staatsmannes. Heute wollen wir es einfach in Beziehung setzen zu dem Evangelium, das wir vorhin gehört haben, und in dem es heißt:

„Wer ist aber unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor und überschlägt die Kosten, ob er's habe, hinauszuführen? auf daß nicht, wo er Grund gelegt hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen, fangen an, sein zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hob an zu bauen, und kann's nicht hinausführen. Oder welcher König will sich begeben in einen Streit wider einen andern König und sitzt nicht zuvor und ratschlagt, ob er könne mit zehntausend begegnen dem, der über ihn kommt mit zwanzigtausend? Wo nicht, so schickt er Botschaft, wenn jener noch ferne ist, und bittet um Frieden.“
Lk 14, 28 - 32

Die entscheidende Frage, die hier im Evangelium gestellt wird, ist die nach dem, was ist, und nicht nach dem, was man sich vielleicht wünscht, erhofft und für möglich hält. Ist dies nicht ein eindrucksvolles Plädoyers für Realpolitik, wie Bismarck sie getrieben hat?
Ist es nicht vor allem eine bestechende Erwiderung an alle, die behaupten, das Neue Testament und Politik hätten nichts miteinander zu tun und wären ganz verschiedene Reiche? Es ist vor allem aber eine Ermahnung an alle Menschen zur Klugheit, Mäßigkeit, Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit. Es gab eine Zeit, da nannte man diese schlicht Tugenden. Bismarck hat sie in seiner Politik zur Anwendung gebracht.

Es war klug, sich der Mühe zu unterziehen, immer wieder um Verständigung mit den beiden Nachbarreichen Russland und Österreich zu ringen und ihre Gemeinsamkeiten zu betonen,
es war ein Ausdruck von Mäßigung, das Reich unmittelbar nach seiner Gründung für saturiert zu erklären,
es war weise, zu erkennen, dass die Rolle Deutschlands nur noch darin gefunden werden konnte, Mitte und Vermittler Europas zu sein,
es war gerecht, Grundlagen sozialer Systeme zu schaffen und
es war tapfer, sich den Gefahren der Zeit zu stellen und Feinden mit offenem Visier zu begegnen.

Aber darum nenne ich Bismarck gerade nicht genial und überragend groß.
Ich nenne ihn einen Menschen, der eins und eins zusammenzählen konnte, und der davon auch Gebrauch machte. Bismarck ist kein Ideal, sondern ein menschliches Vorbild. Nicht die Ideale von Menschen bewegen etwas in der Welt, sondern der unbeugsame menschliche Wille zur praktischen Ordnung. Diesen Willen auch durchzusetzen macht freilich Mühe.

Bismarcks politisches Vermächtnis bestand in ganz wenigen Aussagen:

In einer Welt von fünf Mächten muss es unser Bestreben sein, ein Partner von dreien zu bleiben und nicht einer von zweien zu werden.

Ein künftiger Krieg hält auch für den Sieger keinen Preis mehr bereit, der es sinnvoll erscheinen lässt, ihn zu führen und

einen Konflikt mit Russland sollte man unter allen Umständen vermeiden.

Wie sonderbar und befremdlich mutete es an, dass man Bismarcks 100. Geburtstag mitten im 1. Weltkrieg mit großer Geste feierte, den Reichsgründer gleichsam zum Kriegsgott der Deutschen stilisierte, nachdem sein Vermächtnis in der praktischen Politik so ganz außer Acht gelassen worden war. Es wurde behauptet, Bismarcks Bündnissystem sei zu kompliziert und darum untauglich gewesen, dem Reich zu dienen. Es wurde unterstellt, seine vieldeutige Geheimdiplomatie hätte dem Reich geschadet.

Was am Vorgenannten ist kompliziert, was doppeldeutig oder geheim? Alle diese Aussagen waren auch den Zeitgenossen zur Genüge bekannt, weil Bismarck sie wie ein Mantra vortrug. Überhaupt hat er lebenslang immer dadurch das größte Staunen erregt, dass er seine Absichten und Ziele offen aussprach. Aber genau dadurch gewann er Vertrauen.

Sein ununterbrochenes Mühen um die Bündnisse beweist vor allem eines, dass er die Kräfte des Reiches für begrenzt hielt. Jedes Jahr im Frieden, so war Bismarck fest überzeugt, werde es dem Kontinent einfacher machen, das neue Machtzentrum in seiner Mitte, die völlige Verschiebung der politischen Tektonik Europas, das heißt schlicht, die Wirklichkeit zu akzeptieren, wie sie sich nach dem Frankfurter Frieden gestaltet hat. Alles was ruht, sollte man darum auch keinesfalls wecken, das war sein Bekenntnis der späten Tage.

Aus diesem Bekenntnis sprach ein ganz bemerkenswerter Realismus. So konnte er denn fast bescheiden sagen: „Ich bin nicht so anmaßend, dass ich Geschichte machen könnte. Meine Aufgabe ist, die Strömungen der letzteren zu beobachten und in ihnen mein Schiff zu steuern, wie ich kann. Die Strömungen selbst vermag ich nicht zu leiten, noch weniger hervorzubringen.“

Darin spricht sich auch ein Respekt vor der Geschichte aus, der nach meinem Eindruck verloren zu gehen scheint. Heute will man, statt das Schiff auch durch Stürme zu steuern, allezeit für gutes Wetter sorgen und maßt sich an, sogar Herr über das Klima zu sein.

Bismarck verdanken wir das allgemeine Wahlrecht und die Sozialgesetzgebung. Darin wiederum drückt sich der Zusammenhang zwischen Eigenverantwortung für den Staat und Fürsorge des Staates aus, den der Fürst in einem bereits sehr modernen Sinne formte. Allerdings hätte er mit größtem Unverständnis darauf geblickt, wie wir heute beginnen zu glauben, man könne auch über die Wahrheit abstimmen und gegebenenfalls sogar die Wirklichkeit abwählen.

Wenn nicht mehr auch die Mehrheit grundlegenden Regeln unterworfen ist, sondern jede Regel nur noch von der augenblicklichen Mehrheit abhängt, dann wird dem Parlamentarismus nicht gedient.
Es ist jeder Generation notwendig nach den eigentlichen Grundlagen des Gemeinwesens zu fragen.

Bismarcks Bekenntnis war ganz klar. Schon 1847 am Anfang seines politischen Weges sagte er: „Erkennt man die religiösen Grundlagen des Staates überhaupt an, so glaube ich, kann diese Grundlage bei uns nur das Christentum sein. Entziehen wir diese Grundlage dem Staate, so behalten wir als Staat nichts als ein zufälliges Aggregat von Rechten, eine Art Bollwerk gegen den Krieg aller gegen alle… Seine Gesetzgebung wird sich dann nicht mehr aus dem Urquell der ewigen Wahrheit regenerieren, sondern aus den vagen und wandelbaren Begriffen von Humanität, wie sie sich gerade in den Köpfen derjenigen, die an der Spitze stehen, gestalten.“

Hier ist derselbe Gedanke ausgesprochen, den ein anderer mit folgenden Worten ins 21. Jahrhundert übersetzt hat: „Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis.

Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben.“ Das sagte Benedikt XVI. im Reichstag.

Das ist die Auseinandersetzung, die bis in unsere Tage geführt wird, und in der auch wir uns entscheiden müssen, nachdem wir die Bewegungen unseres Lebens und unserer ganzen so schnelllebigen Welt geprüft haben vor dem Firmament der Geschichte, denn ihr entkommen wir genauso wenig wie der Autofahrer am Tage der Sonne und nachts dem Mond.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen

Thomas Roloff