Mittwoch, 26. Dezember 2018

"Taft zum Kragen" - eine Geschichte aus Livland, nacherzählt


...mit mäandernden Anmerkungen

Dorpat / Tartu 1866, Livländische Ansichten, 
gezeichnet und hrsg. von Wilhelm Siegfried Stavenhagen
gestochen und gedruckt von G. G. Lange in Darmstadt, hier gefunden

„Das kleine Ereignis, von dem ich heute berichten möchte, hat, als es geschah, die Welt in keiner Weise bewegt. Aber es hat ein paar Menschenherzen verwandelt. Es hat ihnen gezeigt, daß die Bewegtheit der Herzen, ja sogar deren unbedeutende Fehlleistungen manchmal dazu dienen können, denen, die Gott lieben, zu dem ihren zu verhelfen.“

So liefert uns Else Hueck-Dehio gleich zu Beginn die Moral ihrer nachfolgenden Adventserzählung von 1953 „Taft zum Kragen“. Sie handelt übrigens in ihrer Geburtsstadt Dorpat in Livland, heute als Tartu in Estland bekannt.

Unter den erbaulichen Büchern, die mir lebensumständehalber in die Hände fielen, findet sich auch diese kleine Erzählung. Wer erbaulich schreibt, hat gute Absichten, und die verderben für gewöhnlich den Stil. Denn da der Autor ständig will, daß er verstanden wird, erklärt er zumeist seine Figuren und bringt sie so gewissermaßen systematisch zur Strecke. Das nehmen dann nicht nur die Figuren zurecht übel, sondern auch der gutwillige Leser. Literatur entsteht so eher nicht.  Aber wir lassen uns davon nicht erschrecken und lesen weiter. Wir werden sehen, wie weit wir kommen.

„Dieses kleine Ereignis geschah in Livland, in jener fast schon sagenhaft gewordenen Zeit, als die Damen noch lange Röcke und hohe Stiefelchen trugen, als die Männer noch vom ‚schwachen Geschlecht‘ sprachen, als die estnischen Dienstboten der Herrschaft noch den Ärmel küßten und als es noch geschehen konnte, daß ein Kutscher für treue Dienste zur Hochzeit ein ganzes Gesinde [einen Bauernhof] geschenkt bekam.“

Nun, der von Nostalgie genährte Enthusiasmus der heutigen Esten über den Umstand, daß ihre Vorfahren der Herrschaft den Ärmel küßten, dürfte eingeschränkt sein. Aber diese Beschreibung verweist auf etwas, das wir wohl näher erklären müssen, wenn einem die Szenerie nicht gänzlich fremd bleiben soll.

Karte des alten Livland, Teil von Theatrum Orbis Terrarum 
des Abraham Ortelius, Antwerpen zwischen 1573 und 1598

Was war Livland? Und jetzt muß ein Haufen Zahlen folgen. Ein Gebiet, in das sich heute Estland und Lettland teilen. Der Schwertbrüderorden, der es früh errang, ging 1237 als Livländischer im Deutschen Orden auf.  Anderseits war er gewissermaßen zunächst das erfolgreichere Preußen, denn auch nach der für den Deutschen Orden verheerenden Schlacht von Tannenberg (1410) blieb man von Polen unabhängig, 1558, inzwischen hatte die Reformation Einzug gehalten, suchten die Russen, Livland zu erobern, und man mußte sich zur Abwehr nun doch unter polnische Oberhoheit stellen. 1561 wurde der letzte Landmeister Gotthard Kettler mit dem Herzogtum Kurland und Semgallen belehnt.

Gotthard Kettler, ab 1561 erster Herzog von Kurland und Semgallen

1629 erroberte der Schwedenkönig Gustav II. Adolf den größten Teil Livlands. Und 1721 jagte Peter der Große Livland den Schweden ab, nur ein kleiner Teil blieb, vorerst, bei Polen. Bis 1919 bestand dann das Gouvernement Livland, welches nur einen Teil der historischen Landschaft umfaßte, mit Riga und Dorpat.

Was es bei diesem Wechselspiel von Eroberungen und Herrschaftswechseln zu bedenken gilt: Sie fanden sicher nicht nur an der Oberfläche statt, doch sie veränderten weniger als zunächst zu vermuten wäre. Der Schwertbrüderorden war ein deutscher Orden, der seine Mitglieder aus dem Hl. Reich rekrutierte. Mit der Reformation – und jetzt fehlt ein Begriff, der den Vorgang angemessen beschreibt – bildete sich eine gesellschaftlich prägende Schicht aus, die weiter vorwiegend deutschsprachig blieb.

Man mag sich daran ärgern, aber so unvergleichbar ist das gar nicht. Als die (französischsprachigen) Normannen 1066 England eroberten, stellten sie danach auch eher robust den Adel und höheren Klerus und blieben überwiegend unter sich, gut, irgendwann wechselte ihr Französisch, nein nicht ins Angelsächsische, aber es veränderte sich in einen Misch-Masch, der uns heute als Englisch quält.

Unter dieser Oberfläche hat es noch sehr lange eine bestimmte Exklusivität gegeben. Mir sind aber keine Bestrebungen bekannt, den „normannischen“ Adel zurück über den Teich nach Frankreich zu scheuchen (das Thema hat sich mittlerweile sowieso, nur anders, erledigt). Jemand könnte  einwenden, das wäre vor ziemlich 1000 Jahren gewesen. Nun, es hat dann begonnen, und das hat es hier auch (es war nur früher zu Ende).

Zur Zeit unserer Erzählung (ja, wir kommen langsam zu ihr zurück) mochte Russen die politische Herrschaft innehaben, landbesitzender Adel, Bürgertum und Geistlichkeit aber sprachen Deutsch. Man darf das jedoch nicht nach der heutigen Elle messen, entscheidend waren Herkommen und Stand. Auf der anderen Hand hatten viele russische Generäle deutsche Namen und dürften sich nichtsdestotrotz zuerst als Untertanen des Zaren und insofern auch als Russen angesehen haben. Es war ein sehr anderes Empfinden von Nation und Zugehörigkeit, obwohl sich das in dem vermutbaren Handlungszeitraum der erzählten Geschehnisse gerade langsam ändert.

Wir sind bereits mitten im

1. Akt - Herr Ploetz & der dunkelblaue Taft

Tartu / Dorpat zwischen 1926 und 1941

Es schneite, Weihnachten stand bevor.

"Die junge Frau Pastorin, die im schwarzen Samtmäntelchen und mit rundem Muff über den großen Markt trippelte, hörte die Fuhrmannsschlitten mit vielstimmigem Schellengeklimper vorübergleiten…"

Die Fußgänger verkrochen sich vor der Kälte in ihre hohen Pelzkrägen, die Kinder mit ihren Schlitten hatten knallrote Backen, die Studenten rieben sich die Ohren unter ihren bunten Mützen. Frau Pastor  blieb vor einer Stoffhandlung stehen, ging aber nicht hinein. Popow hatte zwar die größere Auswahl, aber im vergangenen Frühling hatten Studenten das „w“ vom Namensschild weggeschlagen, und dort einzutreten, genierte sie natürlich als junge Pastorin! 

„Sie ging also die wenigen Schritte bis zur Ploetz‘schen Bude weiter“, klopfte den Schnee von den Sachen und die Schelle über der Tür klingelte, als sie eintrat. Herr Ploetz tauchte unter mehreren Verbeugungen diensteifrig „mit seinem altbekannten, schmantigen Lächeln“ auf.

"'Kuten Morjen, knädijes Frau Patorinchen', sagte er dabei, 'kalt heute, und wiehl Schnee...'
'Ja, guten Morgen, Herr Ploetz', antwortete die junge Frau und schlug den Schleier, der schmal um die Fellkappe gebunden war, von ihrem Gesicht zurück.

'... Oj, oj' dachte Herr Ploetz, 'so ein scheenes rosa Jesichtchen und dabei so jung'... 'Womit terf ich tienen?' fragte er laut.“

Die junge Frau Pastor ließ ihre Augen über die Stoffballen von dicker dunkler Wolle für Mäntel, von dünnerer in freundlicheren Schattierungen für Kleider und die „zarten Gespinste für Blusen“ wandern. Und dann die Seiden!

"Da lagen sie alle, Crêpe de Chine und Charmeuse, Chiffon und Popeline, Atlas und Taft. Ja, der Taft war es, auf den sie es diesmal abgesehen hatte. Der Taft für den Kragen des längst ersehnten und endlich ersparten Weihnachtskleides. Und so sagte sie: 'Ich brauche etwas Taft, dunkelblauen Taft zum Kragen.'"

Herr Ploetz antwortet eilfertig: "'Haber natierlich, scheenen plauen Taft, kann ich tienen, kann ich tienen, Frau Pastorinchen...' Er zog, flink und schwungvoll, die säuberlich auf ein Brettchen gewickelten Seiden aus dem Regal hervor und ließ sie, eine nach der andern, knisternd und glänzend über seine Hand entrollen.

'Scheene, schwere Seide', murmelte er mit gespitzten Lippen, 'kanz plank, pricht nicht, schleißt nicht, macht nur so vornehm schurr-schurr…'"

Er schaute, wie er die Seide sprechen ließ, seiner Kundin direkt ins Gesicht, aber die sieht nur die Seiden. Ihre "kleine, neugierige Mädchenhand" streicht über den Stoff: "Wie kühl er sich anfühlte! Wirklich vornehm! Und dabei wärmte er doch, das wußte man, Seide wärmt immer. Aber sie sticht nicht am Halse wie diese dumme Wolle."

Sie holte eine dunkelblaue Wollprobe hervor: "Ja, diese! Wie schön würde doch ein breiter Kragen auf der ernsten Wolle aussehen!

Eine Pastorin durfte natürlich keine auffallenden Kleider mehr tragen… Zwischen braun, blau und schwarz lag jetzt ihre Farbenskala, und höchstens noch weiße Blusen mit hohen englischen Stehkragen auf Fischbein… weder singen noch schlucken konnte man mit diesen Dingern… Aber hier – ein weicher Kragen, der bis auf die Schultern fiel und glänzte und knisterte...“

Fast würde sie sich darin wieder als junges Mädchen fühlen, das den Studenten gefallen wolle. „Jetzt war es nur noch einer, dem man zu gefallen hatte, der Ernste, Große, Dunkle und furchtbar Schöne, der unentwegt auf dem steinigen Pfad zum Reiche Gottes voranging und der sich entschlossen hatte, so ein kleines und eitles Wesen, wie man selber eines war, auf diesem steinigen Wege hilfreich mitzunehmen.“

Diesem wollte man gefallen, sonst keinem, aber man durfte und sollte es auch, es war eheliche Pflicht! Nur leider antwortete er auf ihr Bemühen gewöhnlich: “‘Aber Kind, wozu das? Auf solche Dinge sehe ich doch gar nicht! Es kommt mir nur auf dein Gesicht an. Meinetwegen könntest du in Sack und Asche gehen - oder überhaupt nichts anhaben.' Aber das hatte er bestimmt nicht so gemeint!"

"'Wieviel würde das denn kosten?' fragte sie. Herr Ploetz wurde sogleich traurig und seine Stimme ganz leise. 'Zwei Rubelchen die Elle', antwortete er und hob die Schultern, um anzudeuten, daß er an diesem hohen Preis unschuldig sei."

Sie erschrak, anderthalb Ellen würde sie sicher brauchen, 3 Rubel war die Summe, die sie jeden Monat vom Haushaltsgeld für die Zukunft zurücklegte. „‘Wir müssen für die Zukunft sparen‘, hatte ihr Mann gesagt, als er ihr vor einem halben Jahr das erste gemeinsame Haushaltungsgeld aushändigte.“

Zwar war ihr die genaue Art dieser Zukunft unklar. Kinder, Krankheit, Alter? Von allem war für‘s erste noch nichts zu merken. „...nicht ein einziges Kind schien die Absicht zu haben, sich in die Arme der jungen Pastorin zu begeben, um von ihr gewiegt, geküßt, geliebt – und nur unzureichend erzogen zu werden, wie ihr Mann schon jetzt befürchtete.“

3 Rubel hatte sie bisher pünktlich für "die Zukunft" zurückgelegt, "und nun sollte sie für einen dummen Taftkragen ebensoviel ausgeben?"

"'Herr Ploetz', sagte die junge Pastorin und hob ihre Augen, die gar - gar niemandem mehr gefallen sollten, in einem plötzlichen Entschluß zu dessen mondgleichem Angesicht.
'... Oj, oj, dachte Herr Ploetz zum zweitenmal an diesem Vormittag, 'so scheene Augens - wie bei Kalbchen!'

 'Herr Ploetz', sagte sie also. 'Dies ist ja doch eigentlich nur sehr wenig Taft... nur noch ein Rest... können sie ihn mir nicht etwas billiger abgeben?'" 

„Das gerührte Wohlgefallen an dem anmutigen Geschöpf vor ihm kämpfte mit der oft erprobten und stets vorteilhaft bewährten kaufmännischen Anlage des Ploetz‘schen Wesens, und nach einigen Augenblicken hatte die kaufmännische Anlage gesiegt.

'Knädijes Frau Pastorinchen', flüsterte er mit niedergeschlagenen Augenlidern, 'altes Ploetz ist ein armer Mann - altes Ploetz ist pillich; pillicher als pillich kann altes Ploetz nicht sein.'"

Er sah, wie ihr das Blut ins schöne Gesicht schoß. "'Natürlich, ich hätte Sie nicht fragen sollen...', flüsterte die junge Frau. 'Ich muß es mir noch überlegen. Auf Wiedersehen, Herr Ploetz..." Dieser sah noch, trotz des schnell herabgezogenen Schleiers, wie ihre Augen feucht wurden.

"'Knädijes Frau Pastorinchen türfen nicht zu lange ieberlejen, Stoffchen ist nur wenig!' rief er hinter ihr her", während die Glastür schellenbellend ins Schloß fiel.

"Solches geschah am Sonnabendvormittag vor dem zweiten Advent."

Wir unterbrechen hier. Dies war der charmanteste Teil, und da meine eigene Aufmerksamkeitsspanne eher kurz ist, habe ich den Beitrag nachträglich in 3 Stücke geschnitten. Die anderen beiden Teile sollen denn auch in Kürze folgen.

„Woman's Robe à la Francaise, France, 1760s“

nachgetragen am 28. Dezember

Dienstag, 25. Dezember 2018

Vier Dichter zur Weihnacht


Mathias Grünewald, Isenheimer Altar, Christi Geburt

Rainer Maria Rilke 

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte, 
drin alle Dinge Silber sind. 
Da schimmert mancher Stern so lind, 
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind. 

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut, 
und in die Herzen, traumgemut, 
steigt ein kapellenloser Glaube, 
der leise seine Wunder tut. 


Rainer Maria Rilke: "Es gibt so wunderweiße Nächte"
Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Theodor Storm

Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimathlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.


Theodor Storm: „Weihnachtslied“
Rezitation: Fritz Stavenhagen, hier gefunden

Ernst von Wildenbruch

Weihnacht

Die Welt wird kalt, die Welt wird stumm,
der Winter-Tod zieht schweigend um;
er zieht das Leilach weiß und dicht
der Erde übers Angesicht.
Schlafe - schlafe!

Du breitgewölbte Erdenbrust,
du Stätte aller Lebenslust,
hast Duft genug im Lenz gesprüht,
im Sommer heiß genug geglüht,
nun komme ich, nun bist du mein,
gefesselt nun im engen Schrein.
Schlafe - schlafe!

Die Winternacht hängt schwarz und schwer,
ihr Mantel fegt die Erde leer;
die Erde wird ein schweigend Grab,
ein Ton geht zitternd auf und ab:
Sterben - sterben!

Da horch - im totenstillen Wald,
was für ein süßer Ton erschallt?
Da sieh - in tiefer dunkler Nacht,
was für ein süßes Licht erwacht?
Als wie von Kinderlippen klingt's,
von Ast zu Ast wie Flammen springt's,
vom Himmel kommt's wie Engelsang,
ein Flöten- und Schalmeienklang:
Weihnacht! Weihnacht!

Und siehe - welch ein Wundertraum:
Es wird lebendig Baum an Baum,
der Wald steht auf, der ganze Hain
zieht wandelnd in die Stadt hinein.
Mit grünen Zweigen pocht es an:
"Tut auf, die sel'ge Zeit begann,
Weihnacht! Weihnacht!"

Da gehen Tür und Tore auf,
da kommt der Kinder Jubelhauf;
aus Türen und aus Fenstern bricht
der Kerzen warmes Lebenslicht.
Bezwungen ist die tote Nacht,
zum Leben ist die Lieb' erwacht,
der alte Gott blickt lächelnd drein,
des laßt uns froh und fröhlich sein!
Weihnacht! Weihnacht!


Ernst von Wildenbruch: "Christkind im Walde"
Rezitation: Florian Friedrich, hier gefunden

Christian Morgenstern

Ein Weihnachtslied

Wintersonnenwende!
Nacht ist nun zu Ende!
Schenkest, göttliches Gestirn,
neu dein Herz an Tal und Firn!

O der teuren Brände!
Hebet hoch die Hände!
Lasset uns die Gute loben!
Liebe, Liebe, Dir da droben!

Wintersonnenwende!
Nacht hat nun ein Ende!
Tag hebt an, goldgoldner Tag,
Blühn und Glühn und Lerchenschlag!

O du Schlummers Wende!
O du Kummers Ende!

Christian Morgenstern als Kind

nachgetragen am 26. Dezember

Montag, 24. Dezember 2018

Eine gesegnete Weihnacht


Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein. jeglicher in seine Stadt.

Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.


"Maria durch ein' Dornwald ging", Lautten Compagney Berlin
hier gefunden (& so man dem Link folgt, kann man es sogar anhören)

Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe des HErrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HErrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr.

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HErr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.


Thomanerchor Leipzig: ''Den die Hirten lobeten sehre'',
Dresdner Kreuzchor: ''Vom Himmel hoch da komm' ich her''

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten GOtt und sprachen:

Ehre sei GOtt in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HErr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten.

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegete sie in ihrem Herzen.

Evangelium nach Lukas 2, 1 - 19

Aachener Lotharkreuz mit Augustus-Kameo, 
gestiftet wohl von Kaiser Otto III.

Sonntag, 16. Dezember 2018

Dem 3. Advent nachgetragen




Wiener Singverein, Herbert von Karajan etc.
Messe in h-moll, BWV 232, Sanctus, hier gefunden

nachgetragen am 22. Dezember

Freitag, 14. Dezember 2018

Kleines Nostalgie - Bad



nachgetragen am 17. Dezember 2018

Bilder aus dem Mai 2012

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Überraschendes von Großherzogin Marie

Großherzogin Marie vor Schloß Rumpenheim, ihrem Geburtsort,
Gemälde von Hofmaler Prof. Georg Kannengießer 

Man kann gegenwärtig in Neustrelitz der Großherzogin Marie an 2 ganz unterschiedlichen Orten und in jeweils anders erstaunlicher Weise neu begegnen. In der Stadtkirche und im Kulturquartier. Aber ich will etwas weiter ausholen.

Beginnen wir mit einem Eintrag aus dem „Damen Conversations Lexikon“, Band 7 von 1836:

„Maria Wilhelmine Friederike, Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz, Gemahlin des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, eine Tochter des Landgrafen Friedrich von Hessen-Kassel und der Prinzessin Karoline Polixene von Nassau-Usingen wurde in Rumpenheim, dem nicht weit von Frankfurt, dicht an den Ufern des Mains liegenden Landsitz ihrer Eltern, am 21. Januar 1796 geb. Die ersten Zeiten ihres Lebens brachte sie abwechselnd in der freundlichen Heimath, theils in Frankfurt, theils in dem am Rheine prachtvoll gelegenen Schloße ihrer Großeltern, Biberich, zu, wo ihre Großmutter, die Fürstin von Nassau-Usingen, eine nach alter Weise in strengen Formen erzogene Prinzessin, sich nicht wenig Einfluß auf die Erziehung und das Benehmen ihrer munteren Enkelschaar aneignete, aber doch, bestochen durch die Liebenswürdigkeit derselben, zu mildern Grundsätzen gelangte, als ihr selbst in ihrer Jugend zu Statten gekommen waren.

So entfalteten sich, größtentheils in ländlicher Stille, aber umgeben von liebenden Eltern und Geschwistern, die persönliche Anmuth und die glücklichen Anlagen der Prinzessin. Es konnte daher an fürstlichen Bewerbern nicht fehlen, und am 12. August 1817 schlang sich die bräutliche Myrthe ihre Locken, indem sie dem Großherzoge von Mecklenburg-Strelitz ihre Hand zum ehelichen Bunde reichte.“

Damit hätten wir schon einmal einiges an Biographischem beisammen. Marie Wilhelmine Friederike Prinzessin von Hessen-Kassel wurde durch die Heirat von Georg von Mecklenburg-Strelitz Großherzogin. Sie hatte vier Kinder aus dieser Ehe, nämlich Luise (1818-1842), Friedrich Wilhelm (1819-1904), späterer Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, Karoline Charlotte Marianne (1821-1876), Georg (1824-1876).

Um an ihre früh verstorbene Tochter zu erinnern, rief sie einen der ältesten Kindergärten Deutschlands ins Leben, 1842 die „Kleinkinderbewahranstalt Luisenstiftung“, sie wollte sich den Widrigkeiten des Lebens offenkundig nicht so widerstandslos geschlagen geben; doch hatte sie generell eine Neigung zum Fürsorglichen.

Nach 45 Regierungsjahren verstarb am 6. September 1860 ihr Gatte, Großherzog Georg in Serrahn (seinem gewöhnlichen Sommeraufenthalt). Die Großherzogin folgte ihm erst mehr als zwanzig Jahre später am 30. Dezember 1880, in Neustrelitz. Beide sind in Mirow beigesetzt.

Großherzogin Marie war eine kunstsinnige Frau und begabte Malerin und fand vor allem in Prof. Georg Kannengießer einen sinnverwandten Förderer und Lehrer. Offenkundig war sie auch von ausgeprägtem Realismus, etwa, was die Originalität ihres Könnens betraf, also schuf sie vor allem Nachschöpfungen von Gemälden aus und nach der Renaissance, aber diese eben mit zunehmender Meisterschaft.

Davon ist manches erhalten, vieles ist verschollen oder eher wohl vernichtet; so verbrannte ihre Dürer-Version von „Christus am Kreuz“ in der Johanniterkirche zu Mirow 1945. Dasselbe dürfte von ihren Bildern im Neustrelitzer Schloß, der Orangerie oder im Marienpalais (ihrem Witwensitz) gelten.

Und hier kommt jetzt das Kulturquartier ins Spiel. Dort gibt es nämlich noch bis zum 20. Januar 2019 die Weihnachtsausstellung - „Schenkungen und Leihgaben“.  Darin finden sich als neue Dauerleihgaben des Großherzoglichen Hauses Mecklenburg-Strelitz Porträts von Familienmitgliedern (2 Gemälde der Königin Charlotte fallen besonders auf, genauer gesagt, ist das eine davon ein ganz rührendes Kinderporträt) und eben mehrere Gemälde, geschaffen von Großherzogin Marie.

Raffael, Hl. Familie, 1518

Die Kopie von 1859 des obigen Abbildes der Hl. Familie von Raffael zieht absolut in den Bann. Es hing einst an der Chorwand links neben dem Altar in der Schloßkirche von Neustrelitz (das eigentliche Altarbild – eine Grablegung Christi von Prof. Kannengießer - ist verloren, ich bilde mir ein, irgendwo gelesen zu haben, die Russen hätten es ´45 zerschossen, kann die Stelle aber gerade nicht wiederfinden). 

[Eine erneute Suche nach der Stelle führte zu der Einsicht, daß diese Nachricht falsch war. Es betätigten sich dabei spätere Akteure, wie hier umfänglich nachzulesen.]

Das Gemälde ist eine Leihgabe der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Strelitzer Land und wird gerahmt von zwei Mariendarstellungen aus dem Besitz des Museums, gleichfalls von der Hand der Großherzogin.

Das Merkwürdige an Kopien ist, sie altern. Oft sieht man ihnen die Entstehungszeit an, was den Zeitgenossen vermutlich nicht auffiel, sehen wir heute sofort. Hinzu kommt, daß ihnen nicht selten etwas uninspiriert Pedantisches anhaftet. Und höflich gesagt, wenn man sich die Datierungen bei den Werken der Großherzogin anschaut, spürt man doch auch eine gewisse Entwicklung.

Und bei der Hl. Familie ist das dann überraschend anders, man scheut sich fast, das Bild noch eine bloße Kopie zu nennen. Eher ist es eine wundersam lebendige Nachschöpfung. Denn nicht nur ist diese handwerklich exzellent und keinesfalls konventionell, aus keinem Winkel erscheint sie medioker, sondern aus jedem geradezu alterslos lebendig. Respekt. Und dazu muß man wissen, daß das Bild in einem beklagenswerten Zustand ist, und wir reden nicht von nachgedunkeltem Firnis. Die Abbildung oben steht für das Original aus dem Louvre, bei unserem Bild ist die Leinwand an 3 Stellen aufgerissen, einer geht durch das Gesicht des Johannes-Knaben. Das Bild erscheint aber rettbar, und wir können nur hoffen, daß es dazu, auch ggf. durch Spenden, kommen wird.

Eine dringende Empfehlung also, diese Sonderausstellung zu besuchen, wie gesagt, bis zum 20. Januar 2019 kann sie täglich besichtigt werden.

Raffaello Sanzio da Urbino, Kreuztragung Christi, ca. 1516
Museo del Prado, hier gefunden

Wie eine solche Rettung ausfallen kann, läßt sich jetzt in der Stadtkirche bestaunen. Als ich im Juli diesen Jahres 4 Statuen aus der Stadtkirche etwas näher beleuchtete („Glaube, Liebe, Hoffnung & Barmherzigkeit in der Stadtkirche zu Neustrelitz“), mußte ich kurz erwähnen, wie ein offenbar psychisch kranker 29-Jähriger, benebelt von Alkohol und Drogen, dort gehaust hatte.

Die Schäden sind inzwischen behoben, und es kommt einem wieder einmal 1. Mose 50 Vers 20 in den Sinn, nämlich wie sich böse Absichten gegen die Intentionen des Bösewichts richten können („Ihr gedachtet's böse mit mir zu machen; aber Gott gedachte es gut zu machen.“). Auch das Altargemälde hatte Schaden genommen, ebenfalls eine Arbeit der Großherzogin Marie, und jetzt hängt es, wunderbar restauriert, an seinem alten Platz. Und hier können wir froh ausrufen: So wie das Original, das oben abgebildet ist, ganz so stelle man sich jetzt die „Kopie“ vor, nur den prächtigen Goldrahmen muß man sich noch hinzudenken.

Am 22. Dezember werden in der Stadtkirche ab 17.00 Uhr die Kantaten I - III des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Das wäre dann die nächste Gelegenheit, sich von dem oben Genannten selbst zu überzeugen.

Sonntag, 25. November 2018

Über den Trost der Dinge und auch die Ewigkeit

Busto ritratto di Antinoo. Galleria Estense, Modena.


Der November drängt so sehr das Gedenken der Toten auf und es ist ein wahrlich zwiespältiges Erinnern. Denn wie eindrückliche Menschen sind einem begegnet und wieder verhüllt worden, daß man ihr Andenken nicht mit Worten verunstalten mag. Aber vielleicht werde ich in der Ewigkeit Nicolás Rackiewicz aus Argentinien, einem Ort, den er vom Innersten haßte, mit Maria Wandelt bekannt machen können. Das wäre schon was.


G.F Händel, Allor ch'io dissi addio, Roberta Invernizzi

Seit jenem Sonntag also, der jetzt Ewigkeitssonntag heißt, kreisen meine inneren Gedanken um dieses Thema, und ja, wie sagt man es, sie „behinderten“, das ist falsch, sie hielten anderes zurück. Und auch das sollte irgendwann enden. Warum nicht jetzt? Als Abbreviatur.

Die Dinge also. Es ist ein verbreitetes Vorurteil gegen sie, daß sie vergehen würden, wieso so? Die Verächtlichung-Machung der Schöpfung ist der Kern des Bösen. Gewalttätig gegen ihre Ratio, also die Ordnung, ihre Wahrheit; die Wirklichkeit überhaupt. Ein Beispiel davon im Sing-Sang der Bedeutungslosigkeit. Denn man kann vom Schönen nur sorglos reden, solange man abwehrt, was einen nicht beflecken darf:

"Aber diese Leere empfinde ich als Versprechen. Also ich denke mir, jede Form von Aufladung dieser Leere ist heute zum Scheitern verurteilt, eben weil die Gesellschaft so pluralisiert ist. Die einzige Hoffnung, die wir haben, ist, daß wir auf ein Wir rekurrieren können, das leer bleibt. Weil nämlich diese Leere die einzige Hoffnung ist, unter der wir uns in unserer Vielfalt so versammeln können, ohne diese Vielfalt aufgeben zu müssen."

Das Schöne ist die Ewigkeit, jedes Stück davon. Die Dinge von Schönheit sind… Charlatanhafte Charaktere werden davon angezogen und werfen sie sich in ihrer Dürftigkeit gern über als genialischen Mantel.

Das ist das andere also. Genug davon.

Man begegnet oft dem triumphierend (worüber eigentlich?), zumindest betulich affirmierend vorgetragenen Urteil: ‚Alles sei vergänglich‘. Die Dinge sind immer in Gefahr, aber sie trösten auch. Denn sie sind Teil der Ewigkeit, sie sind die wundervollste Frucht des Leidens an der Vergänglichkeit. Da sie in die Ewigkeit hineinragen.

Auch Fortschritte im Religiösen sind mit Opfern erkauft: Als den alten Juden eingebläut wurde, daß das Göttliche nicht hinreichend in der lebendigen Natur zu finden sei, geriet ihnen das alberne Bilderverbot zupaß und später kam irgendwann dann davon die Askese auf und noch später schlug man Venus-Statuen die Köpfe ab.

Eine der Quellen meines Mißtrauens war immer, daß die größten Eiferer, ob ägyptische Mönche oder calvinistische Bilderstürmer gerne Dinge zerstörten. Da gibt es einen kleinen Webfehler in der Tradition. Einer der nebenher laufenden Grundsätze christlichen Denkens ist, daß Gott aus seiner Schöpfung erkannt werden könne, nur als Anfang, aber immerhin.

Wenn er sich aber inkarniert hat, dann hat er auch die Schönheit der Dinge hervorgerufen, sich dieser Schönheit ausgeliefert, ist ihr Wesen. Man kann sich nicht inkarnieren, sprich ausliefern, und anschließend fröhlich den eigenen Untergang feiern. Wie kann man dann den Satz tröstlich finden, daß eh alles vergänglich sei. Wie kann sich Gott in etwas hinein offenbaren, das er für wertlos hält, auch nach seiner Inkarnation, mit dem er sich gewissermaßen gemein gemacht hat. Das Vergehen der Dinge müßte ihn dann doch persönlich angehen.

Gott aber zerstört nicht seine Schöpfung, er stellt sie wieder her. In jedem unbegrenzten Augenblick von Schönheit wohnt die Präsenz des Ewigen. Darum kehrt auch im Verfall die Schönheit in die Ewigkeit zurück, sie mag vergehen, aber nur für uns. Wir aber können, wenn wir uns über den Verlust von schönen Dingen grämen - und wie viel hat unsere Heimat, dieses alte Reich nicht verloren – uns nur in diesen Strom stellen, der uns zur Quelle der Schönheit zurückträgt, in dem alle Dinge geborgen sind, zu Gott.

Und da das hier ja eine persönliche Ecke der Welt und keine Tageszeitung ist oder so etwas Schreckliches...


Als ich jemandem vorklagte, ich wüßte nicht, was schlimmer sei, die Schlaflosigkeit, die unvorbereitet einfallenden Müdigkeits-Attacken oder die reichlich illuminierten Albträume, wenn es denn doch zum Schlaf kam, und er mir vorschlug, so etwas Interessantes müsse ich doch aufschreiben. Nein. Ich bin schlicht froh, wenn es vorbei ist.

Eine Ausnahme, weil es so rührend banal daherkommt. Man muß Neustrelitzer sein, um das mit dem inneren Auge sehen zu können: Also wenige Schritte von der Tiergartenstraße entfernt (im Rücken das ehemalige Amtsgericht), weiter hinten ragte die Seitenfront der Schloßkirche empor, erhob sich ein runder Tempel, der einen Brunnen umfing. Als ich aufwachte, fing ich pedantisch an, die Säulen zu zählen, waren es acht oder waren es 12? Mein Gott, es war ein Traum.

Unter der Kuppel eine aufrechte Frauengestalt, von der man sofort wußte, daß es die Hl. Jungfrau war, obwohl keinerlei Attribute beigegeben. Unter ihr 4 Engel, damit beschäftigt, 4 Drachen zu beherrschen, aus deren bedrohlich aufgerissenen Mäulern das Wasser ins Brunnenbecken floß. Die Jungfrau war in Verbindung mit allem, sie streckte ihre Hände ermutigend den Engeln entgegen, die ihrerseits mit Blicken und Gesten auf sie achteten.

Um den Tempel war ein kleiner Rosengarten.


So jetzt habe ich das einmal aufgeschrieben und kann künftig zur Abschreckung darauf verweisen. Eine gesegnete Nacht und einen ebensolchen Tag.

Starnberg, Marienbrunnen. 1912 
vom Apotheker Vinzenz Gresbek gestiftet, hier gefunden

nachgetragen am 6. Dezember