Sonntag, 22. November 2020

Ein kleiner Wegweiser für die Ewigkeit

Pompeo Batoni, Herkules am Scheideweg, 1748, hier gefunden

Nicht durch die Ewigkeit, das wäre Anmaßung, zumal nach dem, was wir von ihr wissen können, sie nicht eigentlich räumlichen Charakters ist, eine Wegbeschreibung solcher Art zudem folglich ohne Sinn.

Was wir aber finden, sind gewissermaßen Weg-Kreuzungen, an denen eine besondere Richtung besagtem Ziel näher kommen dürfte. Die Alten kannten das Bild von Herkules am Scheideweg. Herr Moritz berichtet davon in seiner Götterlehre wie folgt:

„Da nun Herkules unter dieſen Beſchaͤftigungen zu den Juͤnglingsjahren gekommen war, begab er ſich einſt, uͤber ſein kuͤnftiges Schickſal nachdenkend in die Einſamkeit, und ſetzte ſich in Betrachtungen vertieft auf einem Scheidewege nieder. 

Hier war es, wo die Wolluſt und die Tugend ihm erſchienen, wovon die erſtre ihm jeglichen Genuß einer frohen ſorgenfreien Jugend anbot, wenn er ihr folgen wollte, die letztre ihm zwar muͤhevolle Tage verkuͤndigte, aber in der Zukunft Ruhm und Unſterblichkeit verhieß, wenn er ſie zur Fuͤhrerin waͤhlte.

Die Tugend ſiegte in dieſem Wettſtreit; der Juͤngling folgte ihr mit ſicherm Schritte, feſt entſchloſſen, jedes Schickſal, das ihm bevorſtehe, mit Muth und Standhaftigkeit zu tragen, ſich keiner Laſt zu weigern, und keine Arbeit, ſey ſie noch ſo ſchwer, zu ſcheuen.“

Karl Philipp Moritz, Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791

Albrecht Dürer, Herkules am Scheideweg, vor 1500, hier gefunden

Auch unser Dürer hat sich an dem Thema versucht, wobei seine Auffassung desselben zuerst irritiert, als wolle sein Herkules die Wollust vor der wütigen Tugend in Schutz nehmen, aber der genauere Blick beruhigt wieder. Immerhin war der Stich so beliebt, daß man Türen danach geschnitzt hat. Dennoch hat die Szene etwas Mehrdeutiges.

Wartburg (Eisenach), sog. "Dürerschrank" (1510/20) - Relief mit Herkules am Scheidewege nach einem Kupferstich von Albrecht Dürer, hier gefunden

Die Dichtungen, die unsere wenigen Gedanken begleiten, sollen auch nicht sozusagen als emblematische Wegzeichen herhalten, zumeist würden sich die Herren Autoren entschieden dagegen verwahren, wenn sie es denn noch könnten (sie haben sämtlich selbst ihren Wohnsitz in der Ewigkeit genommen), aber sie deuten auf Orte, an denen Entscheidungen unvermeidlich werden.

Auch ist dies keine Anleitung zu geistigem Probeliegen was das (nachgetragene) Datum fälschlich vermuten lassen könnte. Die Ewigkeit ist etwas, das weit über den Tod hinausgeht.

1. Die Sehnsucht nach dem Seienden

Johann Sebastian Bach: Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?, BWV 27, unter der Leitung von Karl Richter; der Schlußchoral setzt bei 15.42 ein, hier gefunden; der vollständige Text  findet sich dort.


Welt, ade! ich bin dein müde,

Ich will nach dem Himmel zu,

Da wird sein der rechte Friede

Und die ewge, stolze Ruh.

Welt, bei dir ist Krieg und Streit,

Nichts denn lauter Eitelkeit,

In dem Himmel allezeit

Friede, Freud und Seligkeit.


Jacques Réattu (1760–1833), Jakobs Traum, hier gefunden


Friedrich Hölderlin


Die Linien des Lebens sind verschieden

Wie Wege sind, und wie der Berge Gränzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.


Seit 1807 lebte Hölderlin bei dem Schreinermeister Ernst Zimmer in Tübingen. Der hatte seinen Hyperion gelesen, ihn im dortigen Nervenklinikum besucht und war besorgt, daß „ein so schönner Herrlicher Geist zu Grunde gehen soll“. Er und seine Tochter haben ihn dann über Jahrzehnte zur Pflege bei sich aufgenommen. Am 19. April 1812 schrieb er an Hölderlins Mutter:

"...so sah Er bey mir eine Zeichnung von einem Tempel Er sagte mir ich solte einen von Holz machen, ich versetzte darauf daß ich um Brod arbeiten müßte, ich sey nicht so glücklich so in Philosofischer ruhe zu leben wie Er, gleich versetzte Er, Ach ich bin doch ein armer mensch, und in der nehmlichen Minute schrieb er mir folgenden Vers mit Bleistift auf ein Brett."

Es ist der obige. Eine Szene wie aus einem Singspiel. Zimmer schildert die Situation, darauf antwortet Hölderlin mit seinem Vierzeiler. Man glaubt, eine Art unkomponierte Arie zu hören, in der er sein Schicksal zusammenfaßt.

Der unvollständige Akkord dieses Lebens wird dort aufgehoben, vollendet und aufgelöst. Dieses Leben ist Ahnung und Erinnerung einer Harmonie, deren Unvollständigkeit gespürt ist, aber nicht als ein Entgegen-Stehendes, Abweisendes mißverstanden wird, sondern als ein abgebrochener Anfang. 

Das Wirkmächtige der Erfahrung. Das Wirkliche verweist auf etwas jenseits des Zeitlichen, Ausgesetzten. Als Seiendes, das in unsere fragmentarische Existenz einbricht, aber dessen Wahrheit und Andauern ohne Zweifel bleibt.

Die Sehnsucht des Fragments nach Vollständigkeit? Auch, aber im Ungenügen flackert die Ahnung des Genügens auf. Das Vollständige im Unvollständigen. Das Fragmentarische nicht als Scheitern oder Verfall, sondern als Anfang eines unendlichen Abenteuers.

Die Frage, die sich ihres Sinns und Grunds bewußt wird. Und nicht zuletzt eine Trauer, die nicht dem Auslöschen verfallen will, sondern widerstehen, den Ort suchend, an dem die Fülle des Verbunden-Seins aufgehoben bleibt.

Nur die klassische Jenseitshoffnung?

begonnen am Ewigkeits-Sonntag und nachgetragen am 3. Dezember – Teil 1 / 4

Freitag, 20. November 2020

Fenster-Blicke

 


Sie war ein Blümlein hübsch und fein, 

Hell aufgeblüht im Sonnenschein.

Er war ein junger Schmetterling,

Der selig an der Blume hing.


Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm

Und nascht' und säuselt' da herum.

Oft kroch ein Käfer kribbelkrab

Am hübschen Blümlein auf und ab.


Ach Gott, wie das dem Schmetterling

So schmerzlich durch die Seele ging.


Doch was am meisten ihn entsetzt,

Das Allerschlimmste kam zuletzt.

Ein alter Esel fraß die ganze

Von ihm so heiß geliebte Pflanze.

Wilhelm Busch





Er klagt, daß der Frühling so kortz blüht

Kleine Bluhmen wie aus Glaß
seh ich gar zu gerne,
durch das tunckel-grüne Graß
kukken sie wie Sterne.

Gelb und rosa, roht und blau,
schön sind auch die weißen;
Trittmadam und Himmelstau,
wie sie alle heißen.

Kom und gib mir mitten-drin
Küßgens ohnbemessen.
Morgen sind sie lengst dahin
und wir sälbst - vergessen!

Arno Holz 





Auch die eigenen Dinge wandern

ich will nicht sagen ins Nichts

doch sie waren schon früher bei andern

und im Leuchten ferneren Lichts -

Gottfried Benn

Sonntag, 15. November 2020

Etwas Bach zum Ende des Kirchenjahres

hier gefunden

Johann Sebastian Bach - "Wohl dem, der sich auf seinen Gott", Kantate für den 23. Sonntag nach Trinitatis von 1724, BWV 139


1. Coro

Wohl dem, der sich auf seinen Gott

Recht kindlich kann verlassen!

Den mag gleich Sünde, Welt und Tod

Und alle Teufel hassen,

So bleibt er dennoch wohlvergnügt,

Wenn er nur Gott zum Freunde kriegt.

   

2. Aria (Tenor)

Gott ist mein Freund; was hilft das Toben,

So wider mich ein Feind erhoben!

Ich bin getrost bei Neid und Haß.

Ja, redet nur die Wahrheit spärlich,

Seid immer falsch, was tut mir das?

Ihr Spötter seid mir ungefährlich.

   

3. Recitativo (Alt)

Der Heiland sendet ja die Seinen

Recht mitten in der Wölfe Wut.

Um ihn hat sich der Bösen Rotte

Zum Schaden und zum Spotte

Mit List gestellt;

Doch da sein Mund so weisen Ausspruch tut,

So schützt er mich auch vor der Welt.

   

4. Aria (Baß)

Das Unglück schlägt auf allen Seiten

Um mich ein zentnerschweres Band.

Doch plötzlich erscheinet die helfende Hand.

Mir scheint des Trostes Licht von weiten;

Da lern ich erst, daß Gott allein

Der Menschen bester Freund muß sein.

   

5. Recitativo (Sopran)

Ja, trag ich gleich den größten Feind in mir,

Die schwere Last der Sünden,

Mein Heiland läßt mich Ruhe finden.

Ich gebe Gott, was Gottes ist,

Das Innerste der Seelen.

Will er sie nun erwählen,

So weicht der Sünden Schuld, so fällt des Satans List.

   

6. Choral

Dahero Trotz der Höllen Heer!

Trotz auch des Todes Rachen!

Trotz aller Welt! Mich kann nicht mehr

Ihr Pochen traurig machen!

Gott ist mein Schutz, mein Hilf und Rat;

Wohl dem, der Gott zum Freunde hat!

Eines der kleinen Wunderwerke, die Bach zum heutigen Sonntag des Kirchenjahres schrieb (er tat dies für einen jeden desselbigen). Es ist kein herausragender Sonntag, wir sind kurz vor dem Ende des Kirchenjahres, es folgen noch der Buß- und Bettag sowie der Ewigkeitssonntag, und dann stehen wir auch schon im Advent.

Da ich in allem Wesentlichen ja nie über den Zustand eines Liebhabers hinausgelangt bin, will ich auf diesen Vortrag verweisen, der einen Einblick gibt, wie die unterschiedlichen Charaktere von Stimmen und Stimmungen, unablösbar verbunden mit dem Text, neben und miteinander zu einem Ganzen zusammenwirken.

Dazu kommt wie immer dann noch die Interpretation. Nachfolgend bei Karl Richter singt Peter Schreier die Tenorstimme (4.51) und den Baß-Part übernimmt Dietrich Fischer-Dieskau. Schreier brilliert mit seinem gewohnt klaren, rhetorischen Gestus, während Fischer-Dieskau (12.19), nun ja, sich teilweise mehr lyrisch-stimmungshaft gibt.

Und hier vergleiche man einmal den Baß aus der Aufführung von John Elliot Gardiner von oben (ab 11.10), vielleicht nicht ganz so farbenreich wie Fischer-Dieskau, dafür aber dynamisch-lebendig und ähnlich rhetorisch nahe auf seine Art wie Schreier.

Das ist ja eben das Beeindruckende an großer Musik. Wenn sich Interpreten von Rang daran abmühen, denkt man mitunter, völlig unterschiedliche Stücke vor sich zu haben.


hier gefunden

Samstag, 31. Oktober 2020

Aussprüche von unserem Vater Luther über mehr weltliche Sachen

Martin Luther, leicht verändert, hier gefunden

Über die Künste

„Die Schwärmer gefallen mir auch deshalb nicht, weil sie die Musik verdammen. Denn sie ist erstens ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen; zweitens macht sie fröhliche Herzen; drittens verjagt sie den Teufel; viertens bereitet sie unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Den ersten Platz nach der Theologie gebe ich der Musik.“

„Es ist kein Zweifel: Viele Samen guter Eigenschaften stecken in den Gemütern, die von der Musik ergriffen werden; die aber nicht von ihr ergriffen werden, sind, denke ich, Stümpfen und Steinen gleich. Denn wir wissen, daß die Musik auch den Dämonen verhaßt und unerträglich ist.“

„Ich bin auch nicht der Meinung, daß durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche falsche Geistliche vorgeben, sondern ich möchte alle Künste, besonders die Musik, gerne sehen im Dienste dessen, der sie gegeben und geschaffen hat.“

Gustav Spangenberg (1828–1891), Luther im Kreise seiner Familie musizierend, hier gefunden

Über den Mißbrauch der Vernunft

Es ist wahr, daß halbgelehrte Leute die unnützesten Leute auf Erden sind, und wäre ihnen viel besser, daß sie gar nichts könnten. Denn sie gehorchen niemand nicht, können es alles selbst bessser denn alle Welt, wissen zu urtheilen alle Kunst und Schrift, und Summa, sie können niemand etwas Rechtschaffenes lehren und lassen sich auch von niemand lehren."

„Erasmus ist ein rechter Momus, der alles verspottet, auch die ganze Religion und Christum. Und auf daß er's desto baß tun könne, erdenkt er Tag und Nacht Wankelwort, daß seine Bücher auch können von Türken gelesen werden. Wenn man meinet, er habe viel gesagt, so hat er nichts gesagt. Denn alle seine Schriften kann man ziehen und deuten, wie und wohin man will.

Erasmi vornehmste Lehre ist, man soll den Mantel nach dem Winde hangen, dass er möchte Ruhe und gute Tage haben und ist gestorben wie ein Epikuräer.“

Lucas Cranach d. Ä., Melancholie, hier gefunden

Ob man dem Übel wehren solle

"So mich Jemand in meinem Hause übereilete, und mir und den Meinen Gewalt thun und sie beschädigen wollte, bin ich, als ein Wirth und Hausvater schüldig, mich zu wehren und sie zu vertheidigen; viel mehr aufm Wege und Landstraße. Ich bin oft von unserm Gnädigsten Herrn erfodert worden, da ich wol auf der Straße wäre zu greifen gewest. Wenn mich Straßenräuber oder Mörder hätten wollen beschädigen, und mir unrechte Gewalt thun, so wollte ich mich von wegen des Fürstenamts, als sein Unterthan und Diener, ihrer gewehret und Widerstand gethan haben, denn sie griffen mich nicht an um der Euangelii willen, als einen Prediger und Glied Christi, sondern als des Fürsten und der Oberkeit Glied; da soll ich dem Fürsten helfen sein Land reine halten; kann ich ihn erwürgen, soll ich das Messer auf ihn legen, und frei das Sacrament empfahen; soll ich doch in Nöthen einen guten Gesellen retten, viel mehr einem Fürsten sein Land. Würde ich aber angegriffen um Gottes Worts willen, und als ein Prediger, da soll ich leiden, und die Rache und Strafe Gott befehlen. Denn ein Prediger soll sich nicht wehren, darum nehme ich kein Messer mit auf die Kanzel, sondern allein auf dem Wege, wenn ich wandere und uber Feld ziehe."

Albrecht Dürer, Ritter, Tod und Teufel, hier gefunden

Über die Weiber und das Trinken

„Magister Georgius Spalatinus hatte einmal an Kurfürst Friederichs zu Sachsen Hofe gesagt: Daß Cornelius Tacitus schriebe, daß bei den alten Deutschen keine Schande gewesen, Tag und Nacht zu saufen. Solches höret nun ein Edelmann und fraget ihn: Wie alt solchs wohl sei, da dies geschrieben worden wäre? Als er nun antwortet: Es sei wohl bei fünfzehnhundert Jahren. Da spricht der Edelmann: 'O lieber Herr, weil Vollsaufen also ein alt, ehrlich Herkommen ist, so lasset's uns jetzunder nicht abbringen!'“

"Der Wein und die Weiber bringen manchen in Jammer und Herzeleid, machen viele zu Narren und wahnsinnigen Leuten; wollen wir drum den Wein wegschütten, und die Weiber umbringen? Nicht also! Gold und Silber, Geld und Gut stiften viel Böses unter den Leuten: soll man drum Solches alles wegwerfen? Nein, wahrlich! Ja, wenn wir unsern nächsten Feind vertreiben wollten, der uns am allerschädlichsten ist, so müßten wir uns selbst vertreiben und tödten. Denn wir haben keinen schädlicheren Feind, denn unser eigen Herz; wie der Prophet Jeremias sagt C. 17., V. 9."

„Die Weiber sind von Natur beredt und können die Rhetoricam, die Redekunst, wol, welche doch die Männer mit großem Fleiß lernen und uberkommen müssen. Das aber ist wahr, in häuslichen Sachen, was das Hausregiment belanget, da sind die Weiber geschickter zu und beredter; aber im weltlichen politischen Regiment und Händeln tügen sie nichts, dazu sind die Männer geschaffen und geordnet von Gott, nicht die Weiber.“

„Weiber reden vom Haushalten wol als Meisterin mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimm und also, daß sie Ciceronem, den beredtesten Redener, ubertreffen; und was sie mit Wolredenheit nicht können zu Wegen bringen, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wolredenheit sind sie geboren; denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu den Händeln denn wir Männer, die wirs durch lange Erfahrung, Übung und Studiren erlangen. Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so tügen sie nichts. Denn wiewol sie Wort genug haben, doch feilet und mangelts ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen, drüm reden sie auch davon läppisch, unordentlich und wüste durch einander uber die Maaße. Daraus erscheinet, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policey, zu weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“

„Auf Erden ist kein größer Plage denn ein bös, eigensinnig, wünderlich Weib. Drüm spricht Salomo: ‚Ein Land wird durch dreyerlei unruhig, und das vierte mag es nicht ertragen: Ein Knecht, wenn er König wird; ein Narr, wenn er zu satt ist; eine Feindselige, wenn sie geehlichet wird, und eine Magd, wenn sie ihrer Frauen Erbe wird‘. (Spr. 30, 21 – 23)“

Albrecht Dürer, Adam und Eva, hier gefunden

Was Gutes vom Weibe zu sagen ist

"Wo findet man ein tugendsam Weib? Ein fromm, gottfürchtig Weib, ist ein seltsam Gut, viel edler und köstlicher denn eine Perle; denn der Mann verläßt sich auf sie , vertrauet ihr Alles. Da wirds an Nahrung nicht mangeln. Sie erfreuet und macht den Mann fröhlich und betrübt ihn nicht; thut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang; gehet mit Flachs und Wolle um, und arbeitet und schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist wie ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel Waar und Gut bringet. Frühe stehet sie auf, speist ihr Gesinde, und gibt den Mägden ihren bescheiden Theil, was ihnen gebührt. Denkt nach einem Acker und kauft ihn, und lebt von der Frucht ihrer Hände, pflanzet Weinberge und richtet sie fein an, wartet und versorget mit Freuden, was ihr zustehet. Was sie nicht angehet, läßt sie unterwegen und bekümmert sich damit nicht.

Sie gürtet ihre Lenden fest, und stärkt ihre Arme; ist rüstig, im Haus. Sie merkt, wie ihre Händel Frommen bringen, verhütet Schaden, und siehet, was Frommen bringet. Ihre Leuchte verlischt nicht des Nachts. In der Noth hat sie Nothdurft, sie streckt ihre Hände nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel; arbeit gern und fleißig. Sie breitet ihre Hände aus zu den Armen, und reicht ihre Hand den Dürftigen, gibt und hilft gerne armen Leuten. Sie fürchtet ihres Hauses nicht fur dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider; hält ihr Haus in baulichem Wesen mit Dachung und Anderm. Sie macht ihr selbs Decke. Weiße Seiden und Purpur ist ihr Kleid; hält sich reiniglich und ihre Kleider werth; geht nicht schlammig und beschmutzt daher. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist. 

Sie thut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre; zeucht ihre Kinder fein zu Gottes Wort. Sie schauet, wie es in ihrem Hause zugehet, und isset ihr Brod nicht mit Faulheit; nimmt sich fremder Händel nicht an. Ihre Söhne kommen auf, und preisen sie selig; ihr Mann lobet sie. Viel Töchter bringen Reichthum; aber ein tugendsam Weib übertrifft sie alle. Lieblich und schöne seyn ist nichts. Ein Weib, das den Herrn fürcht, soll man loben. Sie wird gerühmet werden von den Früchten ihrer Hände, und ihre Werke werden sie loben in den Thoren etc. Also sagt Salomo in seinen Sprüchen am letzten Capitel. Redet wol, wie es seyn sollte, und weislich; hat eine holdselige, liebliche Zunge, schilt nicht. (Spr. 31.10ff.)“

"Frauen und Jungfrauen, ob sie gleich Mangel und Fehl haben, soll man doch nicht öffentlich schmähen weder mit Worten noch mit Schriften, sondern in geheim strafen...  Darum als Eva zu Adam gebracht wurde, da ist er des heiligen Geistes gar voll, und gibt ihr gar einen herrlichen, schönen Namen, und heißet sie Eva, das ist, eine Mutter aller Lebendigen. Er nennet sie nicht sein Weib, sondern eine Mutter, und setzt den Anhang darzu: 'aller Lebendigen'. Da hast du das höchste Kleinod, Ehre und Schmuck der Weiber, nehmlich daß sie sind fons omnium viventium, die Bronnquelle und Ursprung, daher alle lebendige Menschen kommen. Solches sind wol kurze Wort, aber es ist ein herrlich Encomium [d. i. Lobrede]."

Lucas Cranach d. Ä., Faun mit seiner Familie, hier gefunden

Von Weltdingen und weltlichem Regiment

"Die Erfahrung bezeugets, daß die Obrigkeit und Juristen oftmals böse seyn und ubel haushalten und ihr Amt und weltlich Regiment ohne Sünde nicht ausrichten, und ihrem Stande, den sie als publicae personae führen, nicht können gnung thun. Das ist denn die Ursache, daß die Obrigkeit auch eine Privatperson an ihr hat, dieselbige ist sündhaftig, steckt in vielen Gebrechen und Sünden; darüm richtet sie so viel Böses an und thut Unrecht. Gleich als wenn einer ein schärtig Beil hat, da verderbet er Alles mit, was er darmit häuet. Item man saget auch, daß böse Zimmerleute machen grobe Späne. Drüm, weil unser Privatperson eine Sünderin und durch die Erbsünd ganz und gar verderbt ist, derhalben so verderbet sie die publicam personam auch, daß sie bisweilen viel Unrechts thue, es komme einer gleich ins Predigtamt oder in die weltliche Regierung. Wiewol unser Gott die Kunst auch kann, daß er oft durch böse Personen wol regieret oder Buben mit andern Buben strafet."

"Die Fürsten von B. [Bavariae Principes] sind allzeit stolz und hoffärtig gewest, und dem Hause Osterreich heftig feind, also daß Kaiser Maximilianus gesaget hat: 'Wenn man die zwey Blut Osterreich und Bayern in einem Topfe sieden wollte, so würde eins heraus springen.' Denn sie vergönnen [d. i. mißgönnen] dem osterreichischen Blute das Kaiserthum, rühmen sich, sie seien auch des Holzes, daraus man Kaiser mache... Die deutschen Kaiser sind furtreffliche Helden und nicht solche Teufel und Höllebrände gewest, wie die römischen und welsche Kaiser."

Albrecht Dürer, Kaiser Maximilian I., hier gefunden

Von einem wunderlichen Hirschen, welcher einen Wechsel des Regiments nicht hat wollen ertragen und Kaiser Maximilian

"'Zur Locha bey Wittenberg,' sagte Philipp Melanchthon ein Mal zu D. L. uber Tisch, 'da hats ein Hirsch im Flecken gehabt, der war zahm gewesen und alle Jahr im Monat Septembre in den Wald in der Hirschbrunst gelaufen, und im Octobre wieder heim kommen, und das ganze Jahr uber sonst im Städtlein geblieben. Dieses hat er viel Jahr gethan. Aber im  1525. Jahre, da ist Kurfürst Friederich gestorben, da ist der Hirsch wegkommen und nicht mehr gesehen worden; denn weil er seinen Herren verloren hatte, so hat er bey einem neuen und andern Herrn nicht bleiben wollen.'"

Des Kaiser Maximiliani Reim: "'Tene mensuram, et respice finem!' - das ist: Halte Maß und gedenke aufs Ende. Dies Dictum ist feiner denn Kaiser Carols Plus ultra!"

Albrecht Dürer; Herkules, die Stymphalischen Vögel tötend, hier gefunden

Zum Beschluß

"Wer im 20. Jahre nicht schöne, im 30. Jahre nicht stark, im 40. nicht klug, im 50. nicht reich wird, der darf darnach nicht hoffen. Alter hilft fur Thorheit nicht!"

Albrecht Dürer, Porträt eines jungen Mannes, hier gefunden

begonnen am Gedenkfest der Reformation und beendet am Tage des Hl. Martin

Freitag, 30. Oktober 2020

Beim Vorbeigehen






Der Schönheit Dinge sind 

Nicht zum Schein erschaffen;

Wo Seele sich entsinnt

Urgrunds, wohlbeschaffen,

Da führt die Wohlgestalt

Sie heim zurück ins Sein,

Nimmt dann den Aufenthalt

In deren Mitte ein.


nachgetragen am 4. November

Dienstag, 13. Oktober 2020

Oktober


Sehnsucht will den Tag ertränken

Abend blüht aus Nebelbänken

Erdenschwere strebt empor

Hin zu einem lichten Tor.  

Unbegreiflich geh‘n dort ein

Halblicht und Karfunkelstein.




Sonntag, 4. Oktober 2020

Nachträge zu Markus &

Wo die Gerüste doch noch, nun ja, gefallen sind, letztlich wegen des 3. Oktobers, an der Eingangsfassade der Schloßkirche zu Neustrelitz, ein paar zögerliche Anmerkungen. Ach, warum wegen des 3. Oktobers? Am 2. war eine Art von rudimentärem Festakt in Würdigung desselben, eigentlich ein Konzert, irgendwo zwischen der Morgenstimmung von Edvard Grieg und dem Kleinen grünen Kaktus angesiedelt, nett, ja. Das erste der folgenden Bilder zeigt etwas von der Innenillumination, das andere den Tag danach.


Meine restlichen Einfälle zu Anlaß etc. behalte ich für mich.

Zurück zur Fassade. Mein Enthusiasmus wurde etwas gebremst angesichts des Ergebnisses. Der Herr Bürgermeister meinte zwar, es wären die herausragendsten Restauratoren durch die Stadt bemüht worden, und mehr hätte den Stein angegriffen, worauf ich zurückhaltend einwandte, nun sub specie aeternitatis mag es immer noch Besseres geben, jedenfalls in der Zukunft. 

Jede Gegenwart ist einmal vorbei, hoffen wir einfach, daß diese es einmal schneller schafft. Wäre die Figur des Evangelisten Johannes jedenfalls eine unter uns lebende Gestalt, würde er wahrscheinlich wegen „Blackfacing“ angegriffen (er ist der rechts mit dem Adler zu Füßen). Wie auch immer. Doch siehe das Vorige.

Und außerdem wollen wir uns hier auf das unbestreitbar Erfreuliche richten - auf den Evangelisten Markus; ganz auf der linken Seite begegnet er uns. 

Und nur zur Erklärung, zu seiner Rechten (vom Betrachter aus gesehen) befinden sich Lukas (mit dem Stierkalb, im Bild darüber links), der bereits erwähnte Johannes und ganz rechts Matthäus (auch erfreulich anzuschauen).

Doch zurück zu Markus. Wir wissen nicht so furchtbar viel über ihn. Was man alles über ihn gar nicht erfahren will, kann man dort übersichtlich nachlesen. Das unter seinem Namen überlieferte Evangelium ist das kürzeste und wohl auch älteste. So er mit dem im Neuen Testament überlieferten Markus identisch ist, war er ein Begleiter des Hl. Petrus und mit dem Hl. Paulus zeitweise verzankt, der sich aber mit ihm wieder versöhnt hat.

Möglicherweise endete er als erster Bischof von Alexandria und als Märtyrer ebendort, was uns zu folgender folgenreicher Geschichte bringt:

Vittore Carpaccio, Der Löwe des Hl. Markus, 1516
hier gefunden

Wohl im Jahr 828 trafen zwei venezianische Kaufleute, Buono da Malamocco und Rustico da Torcello, in Alexandria ein, das inzwischen von den Andersgläubigen in Besitz genommen worden war, um dort Geschäfte zu erledigen. Sie verehrten die Reliquien des Hl. Markus in der ihm gewidmeten Kirche und erfuhren von dem Gerücht, daß der heilige Ort von den Andersgläubigen entweiht, sprich zerstört, werden sollte, entweder um aus dem Marmor und den Säulen der christlichen Kirche einen Palast oder eine Moschee zu erbauen.

Um die Überbringer der Nachricht zu trösten, überredeten die Kaufleute sie, diese zusammen mit den Reliquien des Hl Markus nach Venedig zu bringen. In Weidenkörben versteckt und von Kohlblättern und Schweinefleisch bedeckt, brachten sie die heiligen Reliquien an den Zolleinnehmern vorbei, indem sie „Kanzir, Kanzir“ (Schwein) schrien und diese sie mit angewidert zugehaltenen Nasen durchließen.

Man sage nicht, daß nur die Andersgläubigen die Kunst der Täuschung verstünden, wo es doch, recht betrachtet, nicht einmal Täuschung war.

Die Reise nach Venedig blieb nicht ohne Gefahren. Aber am 31. Januar 828 (vermutlich) wurden die heiligen Reliquien vom örtlichen Bischof und dem Dogen Giustiniano Particiaco begrüßt und nach Venedig überführt, um bald in die zu Ehren der Heiligen errichtete Basilika zu finden. So wurde Markus, bereits Schutzpatron von Alexandria, auch Schutzpatron von Venedig.

Den Evangelisten sind in der Westkirche früh ihre Attribute zugesellt worden, als Deutung von zwei Stellen, einmal aus dem Alten und dann aus dem Neuen Testament (Hesekiel 1. 5ff und  Offenbarung des Johannes 4.7 ff.). Es sind beides eher dunkle Örter, aber danach können wir wenigstens, jedenfalls im Westen, die Evangelisten vom Bild her auseinanderhalten.

Venedig hat sich eben den Löwen des Markus erwählt. Diese Verbindung dürfte auch am meisten noch bekannt sein. Das erinnert u.a. an die segensreiche Schlacht von Lepanto und die Stiftung des Rosenkranzfestes vom 7. Oktober. Und da die Malerei, in Venedig behaust oder von dort her nicht ohne Einfluß, gibt es von diesem Evangelisten eben auch das eine oder andere angenehme Porträt.

Angelo Bronzino, Hl. Markus, hier gefunden

Und wie kommen wir jetzt wieder zurück zum Evangelisten Markus an der standhaften Hauptfassade der Schloßkirche zu Neustrelitz? 

Abhängig vom Standort des Betrachters wirkt er entweder melancholisch und philosophisch gelassen, den Löwen, sprich die geduldige Natur zu seinen Füßen, irgendwie tröstend, der gar keine Beruhigung nötig hat, so verträumt abwesend schaut er vor sich hin [fast kommen einem Bilder vom kultivierten und ebenfalls melancholischen Kaiser Hadrian in Erinnerung],

hier gefunden 

oder am Rande seiner Seelenstärke und Fassungskraft, von dem Löwen eine Art von Beruhigung empfangend? Sehr mysteriös das alles.

Pflichtgemäß müssen wir noch nachtragen, daß die Skulptur des Evangelisten von unserem Buttel gezeichnet und dem berühmten Wolff modelliert wurde, das jedenfalls dürfte stimmen.

Die Zeichen des Schönen stehen immer noch um uns, unser Inneres bewahrend. Nur anerkennen müssen wir sie.

beendet am 14. Oktober