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Montag, 1. April 2013
Oster - Montag
Ich denke, mein kleiner Nachtrag zum Ostersonntagsessen wird warten müssen, ich kann froh sein, wenn mir bei diesem hier nicht die Augen vor dem Beenden zufallen; es wird gerade nächtens geschrieben übrigens.
Der an diesem Platz bekannte Herr Roloff hat Ostermontag in St. Nikolai zu Potsdam gepredigt, darum hatte ich mich einmal erneut aufgerafft, dort hinzufahren. Und ich muß sagen, ich habe wieder gelernt, warum mir diese Kirche so nah geworden ist. Das ist natürlich auch der dortigen Gemeinde zu danken. Ein Ort, an dem man neben anderem eine Idee bekommen kann, wie sich eine wieder geeinte Kirche anfühlen könnte.
Herr Roloff als Gastprediger gab erneut seinen Beitrag dazu. Man muß dazu erklären, daß die nachfolgende Predigt, die er nahezu so auch gehalten hat, den ganzen Kirchenraum würdig und sehr ernst, vermahnend und nicht eben leise ausfüllte. Den für einen Ostermontag durchaus ansehnlich versammelten Andächtigen kroch die Zerknirschung sichtbar ins Gewissen. Aber da er die Möglichkeiten einer würdig lutherischen, genauer gesagt, kräftig gesungenen Liturgie (einschließlich von Evangelium und Vaterunser z.B.) ebenfalls vorstellte, gab es ein abmilderndes, nein nicht Gegengewicht, sondern das sich scheinbar Ausschließende fügte sich zusammen, und am Ende geriet alles in die rechte Ordnung. Das dazu.
Die Bilder sind erkennbar mäßig, oben St. Nikolai von außen, dann innen, tatsächlich erzeugen die Wandbilder der Apsis einen ungewohnt warmen wie zeitlosen Farbstrom, den ich so noch nirgendwo wiedergefunden habe.
Aber wir geraten ins Räsonieren. Mit dem Neubau des Schlosses habe ich heute wohl meinen Frieden gemacht, manchmal genügt eben schon eine Fassade, wir werden bescheiden. Es schloß sich übrigens ein sehr langer Spaziergang an, der erst im Krongut Bornstedt endete, über Friedenskirche, Schloß Sanssouci etc. etc.
Und mir ging wieder auf, wie schönheits- und geistesgesättigt Potsdam doch immer noch ist. Da kämpft der nicht nur ästhetisch sich frei gebende Geist eines Friedrich II. etwa mir den „spätrömischen“ Gegenantworten Friedrich Wilhelm IV.
Ein Stein gewordnener Kampf der Geister. Und bei diesem Mausoleum winkt sogar von sehr fern ein wenig Osgiliath. Doch es folgt endlich Herr Roloff:
Predigt zum Ostermontag 2013
Die Gnade und der Frieden unseres auferstandenen Herrn seien alle Zeit mit euch!
Liebe Gemeinde,
der Predigttext findet sich beim Propheten Jesaja im 25. Kapitel:
Jes 25, 8-9
Er wird den Tod verschlingen ewiglich; und der Herr, HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben alle Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat's gesagt.
Zu der Zeit wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir harren, und er wird uns helfen; das ist der HERR auf den wir harren, daß wir uns freuen und fröhlich seien in seinem Heil.
Liebe Gemeinde,
diese beiden Verse sind Bestandteil der großen Jesaja-Apokalypse. Bereits dadurch werden wir daran erinnert, dass die Osterereignisse, die wir feiern, eine apokalyptische Dimension haben.
Was aber ist eine Apokalypse? Wir haben es uns angewöhnt, darin die Verkündigung des Weltuntergangs, mindestens einer Zeitenwende zu sehen, wir erwarten ein Gericht und den Anbruch der Gottesherrschaft. Eine ganze Fülle von Schriften befasst sich mit dem Ende der Geschichte. Zweifellos hat die Apokalypse auch mit all dem zu tun. Erfasst das alles aber, was uns das Wort Apokalypse eigentlich sagen will?
Apokalypse meint ganz wörtlich die Entschleierung. Hier ist von einem Vorgang der Neubegegnung die Rede, weil etwas, das zuvor verschleiert und dadurch verborgen war, nun offenbar geworden ist.
In unserem Abschnitt des Jesajabuches ist zuvor von den Hüllen und Decken die Rede, durch die Nationen und Völker verhüllt und bedeckt sind. Gott selbst tritt nun aber heran, nimmt diese Trauerschleier, Hüllen und Decken fort und wischt die Tränen von allen Angesichtern ab.
Was für ein Gottesbild wird uns hier vorgestellt? Nicht Gott enthüllt sich, sondern er kommt als Tröster zu uns, enthüllt unsere Gesichter und wischt unsere Tränen von unseren Augen. Gerade darin aber offenbart auch er sich als der machtvolle Herr, der alle Schmach seines Volkes aufhebt. Der Beginn der Gottesherrschaft ist es, dass uns der Trauerschleier abgenommen wird und wir getröstet werden. Gott offenbart sich also gerade darin, dass er an uns handelt wie ein liebender Vater.
Wenn wir noch einen Moment der Bedeutung der Apokalypse nachgehen, dann werden wir vielleicht auch gewahr, dass der Tod insgesamt so etwas ist, wie eine scheinbar undurchdringliche Hülle, eine Mauer, die uns von Gott trennt. Wir können versuchen, den Tod als einen Schleier zu verstehen, der uns hindert, Gott zu sehen.
In der Apokalypse, wie Jesaja sie erwartet hat, soll dieser Schleier weggenommen werden, und Gott verschlingt den Tod ewiglich. Das allein schon ist eine gewaltige Hoffnung, weil sie aller Erfahrung widerspricht, und dennoch hat das Volk Israel diese Hoffnung bewahrt, wenn auch nicht ganz unbestritten. Immer gab es auch die Schule jüdischer Gelehrter, die die Auferstehung ganz ablehnte.
Mit Christus aber ist die Erfüllung aller Hoffnung in die Wirklichkeit getreten. Der Gott des Lebens wollte nicht mehr verborgen sein, und er hat sich unser ganz angenommen.
Die entscheidende und die ausdruckstärkste Apokalypse ist darum auch die des leeren Grabes. Das Grab steht offen, es ist nichts mehr da, was unseren Blick hindert. Die Apokalypse, die Enthüllung des Grabes, sagt unmissverständlich: Er hat den Tod verschlungen! Was Jesaja nur hoffen konnte und ahnend beschrieben hat, das sehen wir erfüllt, das Grab ist leer.
Das Mittelalter kannte noch den schönen Brauch, Passion und Ostern ähnlich sinnlich vorzuspielen, wie es uns noch mit der Weihnachtsgeschichte ganz vertraut ist. In vielen Kirchen gab es darum auch heilige Gräber, in die Christus am Karfreitag symbolisch bestattet wurde und die man am Ostermorgen den Gläubigen leer zeigte. In Gernrode im Harz ist am Karfreitag das älteste Heilige Grab nördlich der Alpen wieder eingeweiht worden. Wir können uns an dieser mittelalterlichen Frömmigkeit wieder deutlich werden lassen: Der Glaube fand seine Bekräftigung im Schauen des leeren Grabes.
Jesaja konnte nur hoffen und beschreibt die gewaltigen Umwälzungen, die er erahnt, freudig und dankbar. Es zeichnet die Jesaja-Apokalypse aus, dass sie nicht durch das Grauen geprägt ist, sondern durch das Glück, das die Endzeit bringt.
Nun ist mit Christus die Endzeit gleichsam in unsere Mitte und in die Zeit hineingetreten. Der Tod ist nicht mehr derselbe, seit Christus ihn erlitten hat. Die aus der Hoffnung erwachsene Freude, von der Jesaja spricht, sollte unvergleichlich sein zu der unseren, die wir auf das leere Grab schauen können.
Nun frage ich uns: Ist sie das? Geht wahrhaft überschwängliche Freude von der christlichen Kirche aus und entzündet die Menschen?
Wenn das nicht so ist, könnte es nicht an unserer Unentschiedenheit liegen? Der Glaube nämlich stellt uns immer vor ein Entweder-Oder von Selbstsicherheit oder Vertrauen auf Gott. Wir stehen im Glauben vor dem Entweder-Oder von auferstandenem Herrn und den Todes-Erfahrungen dieser Welt. Wir stehen immer vor dem Entweder-Oder von Wahrheit und Irrtum.
Darum gibt es auch keinen Mittelweg zwischen Auferstehungsglaube und dem Atheismus. Der Atheismus aller Zeiten war immer in seinem Kern eine Todessehnsucht, und der moderne Atheismus unserer Zeit ist dies in einer besonders aggressiven Form.
So wünschenswert es also ist, dass alle Menschen zum Glauben finden, darf uns diese Hoffnung nicht dazu verleiten, nur die Teile des Glaubens zu verkünden, die in der Gegenwart gerade gut ankommen. Der Auferstehungsglaube, unsere Sakramente, überhaupt die Stimme der Kirche in der Welt, sind nie nur eine Chance für die Menschen, sondern stets auch eine große Herausforderung. Darum muss der Glaube zwar immer auch in der Sprache und unter den Bedingungen der Gegenwart verkündet werden. Er muss aber vor allem in jeder Zeit überhaupt erst einmal behauptet werden. Das leere Grab ist das Zentrum dieses Glaubens. Es war für die Welt in allen Zeiten ein Ärgernis, uns aber ist es die Ursache unseres österlichen Jubels. Das Bekenntnis zum leeren Grab eint die Familie Christi.
Die Apokalypse des Jesaja mündet in ein großes Festmahl, zu dem der Herr alle Völker ruft und in dem er sie speist, versöhnt, tröstet und stärkt.
Als Christen dürfen wir im Heiligen Abendmahl schon ganz von dieser Gnade kosten, ihn erkennen, wie die Jünger von Emmaus ihn im Mahl erkannten und wirklich an unserem auferstandenen Herrn Anteil nehmen.
Johannes berichtet uns in seinem Evangelium, dass aus der durch den Landsknecht geöffneten Seite Jesu Wasser und Blut strömten. Immer hat die Kirche darin den Ursprung der beiden Grundsakramente erkannt. Bereits am Kreuz, in seinem Sterben erweist sich Jesus als der Lebendige, der sich an die Welt – an uns – verschenkt. Taufe und Abendmahl verschaffen uns eine unverschleierte und damit geradezu apokalyptische Gemeinschaft mit unserem Gott, den wir als Schöpfer der Welt verehren und der durch das Heilswerk seines Sohnes alles vollendet hat.
Kraft der unserer Kirche anvertrauten Autorität und in der Gemeinschaft mit den Zeugen aller Zeiten verkünde ich euch: Der Herr ist auferstanden.
Amen
Der Friede des Auferstandenen bleibe alle Zeit bei euch! Amen
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Mittwoch, 2. Januar 2013
"Schadows Ruhm ist in Rauch aufgegangen"
Selbstbildnis
Christian Daniel Rauch wurde am 2. Januar 1777 geboren. Es ist seltsam. Als ich nachsah, wer im Kalender stand und folglich meinen Anmerkungen entgangen war, stachen 2 Namen hervor, eben dieser und der von König Friedrich Wilhelm IV. Nun über letzteren gibt es etwas hier. Beim ersteren nur Bemühungen, denen Umstände dazwischenkamen, und dann die andauernde Charakterschwäche, ferner bitte ich um Nachsicht für zu erwartende Rechtschreibfehler, ich habe soeben meine Schreibtischlampe zerlegt, etc. etc. Das Übliche eben.
Christian Daniel Rauch war Kammerdiener der hochverehrten Königin Luise und später dann ein so anerkannter Künstler, daß sich der Berliner Wortwitz zu obiger Bemerkung herausgefordert sah (andere meinen, sein Lehrer Schadow selbst hätte gesagt: „Mein janzer Ruhm is in Rauch uffjegangn“; Schadow war ein souveräner Mann, es wäre plausibel). Nun ja.
Wenn wir uns Rauchs Werk nähern, treten wir ein in eine vergangene Welt von Statuen und Gesichtern. Dieses Land ist leicht charakterisierbar durch seine Denkmalsentleertheit, was darauf hindeutet, daß in den letzten sagen wir 200 Jahren einiges übereinandergestolpert ist. Unvergessen wird er bleiben als Schöpfer des Grabmals unserer Königin Luise. Aber um sein Leben wenigstens kurz zu streifen:
Geboren wurde er in Arolsen, im kleinen Fürstentum Waldeck. Obwohl in beschränkten Verhältnissen aufgewachsen, gab es schon früh eine Beziehung zur höfischen Sphäre, sein Vater war Kammerdiener des Fürsten zu Waldeck und sorgte sich um eine anspruchsvollere Bildung. Eine Bildhauerlehre mußte Rauch abbrechen, als der Vater und bald darauf auch sein älterer Bruder starben. Letzterer war Kammerdiener des preußischen Königs gewesen und 1797 konnte Rauch in dessen Stelle bei Friedrich Wilhelm II. eintreten. Nebenher suchte er seine künstlerischen Studien fortzusetzen.
Nach dem Tod des Königs gelangte er dann in den Dienst bei Königin Luise, mit deren Namen er verbunden bleiben sollte. In Berlin fand er sich schnell in freundschaftliche Verhältnisse mit dortigen Künstlern, 1803 wurde er Schadows Gehilfe, der sein Talent erkannt hatte. Aber die Königin bestand darauf, daß er in ihrem Dienst verblieb. Doch endlich gewährte ihm der König auf sechs Jahre ein Stipendium für einen Aufenthalt in Italien. Er lernte in Rom Wilhelm von Humboldt kennen, wie auch Canova und Thorvaldsen, letztere sollten nicht ohne Folgen bleiben. Von Rom aus erlebte Rauch Unglück und Niedergang Preußens.
Sarkophag der Königin Luise von Preußen
Wo der Klassizismus das Leben zu überhöhen sucht, bekommt er leicht einen Zug ins Blutleere. Davon kann hier keine Rede sein, und das bei einem Grabmal. Wir sehen vor uns dem Vorbild unangreifbar nachfolgend ein Bild von Würde und Hoheit, Schönheit und Selbstgewißheit, wo der Tod zur Schwelle wurde, die die Königin soeben liebenswürdig und weltklug überschritt. Heidnisch? Kaum. Wenn es so etwas wie christlichen Klassizismus gibt, finden wir ihn am diesem Ort. Der im besten Sinne erfaßte und ja auch überhöhte Körper, der die realen Leiden desselben vergessen macht, läßt etwas durchscheinen von dem, was über ihn hinausgeht und immer noch beseelt und beseelen wird. Ein Mensch wird gefunden in seiner je eigenen höchstgedachten Form.
Seit 1819 wechselte Rauch dauerhaft von Italien nach Berlin. Sein Lebenszentrum wurde das „Lagerhaus“ in der Klosterstraße, wo sich die sogenannte Berliner Bildhauerschule bildete. Rauch war bald ein vielbeschäftigter Mann, bis ins hohe Alter. Sein Stil ist schwer auf den Begriff zu bringen, nicht nur weil er sich wandelte. Christian Daniel Rauch war niemand, obwohl um Bildung bemüht, dem die Eloquenz eines Schinkel zu Gebote stand, er bewegte sich eher im geistigen Strom der Zeit, aber dieses im besten Sinne. Er hat sie uns nicht erklärt, seine Werke müssen für ihn sprechen.
Friedrich Wilhelm III.
Und auch, wenn er später mitunter einen Zug ins eher (geradezu bedrückend altrömisch) Realistische bekommt. An das physiognomisch wohl Erkannte ist er nie gefesselt, sondern er beschreibt das Wesen einer Persönlichkeit über das zufällig Äußerliche hinaus. Die viel spätere Grabstatue des Königs spricht nur von Würde und Ernst eines Charakters, der über sich hinauszuwachsen hatte und darin seinen Frieden fand. 1826 (von daher ist die obige Abbildung) sehen wir einen „Kopf, königlich in der Haltung, die Stirn hoch und klar, die Unterlippe voll, um den Mund einen Zug von Gutmütigkeit und Satire. So, wie ihn der geistliche Berater des Herrschers, der Bischof Eylert, aus langjähriger Beobachtung am besten geschildert hat: 'Melancholie war es nicht, was im Gesichte des Königs lag, noch weniger verbissener Schmerz, am wenigsten Missmut und Überdruss, denn es war klar, frisch und heiter, aber diese Klarheit, Frische und Heiterkeit hatte den Schmelz und die Umschattung einer milden Wehmut; Jung-Stilling würde sie Heimweh nennen'“ (Hans Mackowsky, 1916).
Und noch 2 Beobachtungen von besagtem Autor seien geteilt. „Rauchs Reliefs zeigen seine Begabung auf einer ihrer stärksten Seiten. Er ist ein Meister im Komponieren. Seine Anordnung hat eine Gefälligkeit, eine Eleganz, einen weichen und schönen Fluss der Linien, der wie der rhythmische Fall der besten Prosa seiner Zeit – und wie gepflegt schrieb und sprach damals die gebildete Gesellschaft! - anmutet.“
Wir sind hier im Kern der Rauchschen Kunst, seine Bildwerke zeugen von einem grundsätzlichen Einverstehen, das aus einem gemeinsamen Sehen, einem verwandtschaftlichen Bemühen, einer Sphäre des Gesprächs erwächst. „Wenn Rauchs Büsten in der Auffassung der Individualität alle einen verwandtschaftlichen Zug offenbaren, so hat dies keinen anderen Grund, als dass sie in dem gleichen Maasse Selbstdarstellungen des Künstlers und individuelle Spiegelungen eines hoch gestimmten Zeitempfindens sind. Nicht oft trifft es sich, dass Dargestellter und Bildner so völlig eins in den Grundlagen ihrer Weltanschauung sind, wie es bei Rauch und seinen Modellen der Fall war... Rauchs.... Geheimnis bestand darin, das Modell bedeutend erscheinen zu lassen, ohne der Wahrheit Abbruch zu thun. Er hält sich in gleicher Weise von Drastik fern, wie er die leere Eleganz meidet. Man hat seine Natur adlig genannt, und das Wort edel passt wie kein anderes auf das Metaphysische seiner Kunst. Es stellt damit unverfälscht die Kultur seiner Zeit zur Schau, jener Zeit, wo die grossen Kapitalien mehr auf geistigem wie auf materiellem Gebiet zu finden waren.“
Agnes Rauch mit Efeukranz
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Sonntag, 2. Januar 2011
Über preußische Könige

Wenn man Abstand zu zeitgenössischen Urteilen gewinnen will, hilft es, kurz auf einen nicht lange zurückliegenden meinungsstarken Beitrag zu blicken, dessen Voraussetzungen inzwischen völlig obsolet geworden sind. Das klingt jetzt etwas kryptisch, aber ich hatte jüngst so eine Erfahrung, da der Post aber zu gallig geriet, habe ich ihn seinlassen, vielleicht trage ich ihn doch noch nach, ich weiß nicht recht, ich mag dieses Harsche nicht so.
Wir wollen heute an einen König erinnern, der vor 150 Jahre starb und auch ein wenig an seinen Bruder, der ihm nachfolgte und später zum 1. Kaiser des Zweiten deutschen Kaiserreichs wurde, wir sprechen folglich von Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. Wir haben, fürchte ich, diese Erinnerung etwas exklusiv für uns, in Potsdam hielt man es nicht groß für erforderlich, eines Königs zu gedenken, dem diese Stadt außerordentliches zu verdanken hat, der Zeitgeist halt, für den exemplarisch dieser mehr pflichtschuldig heruntergenudelte Beitrag stehen mag, in dem sich die gegenwärtig vorherrschenden Urteile widerspiegeln. Ein anderer Artikel ist da ein wenig origineller, weil er mit dem Gedanken spielt, was geschehen wäre, wenn Friedrich Wilhelm IV. vom Parlament der Frankfurter Paulskirche die angebotenen Kaiserkrone akzeptiert hätte, die er bekanntlich zurückwies.

Also schieben wir das Zeitgenössische einmal beiseite, und nehmen das vorweg, was die Geschichte aller paar Jahrzehnte regelmäßig zu machen pflegt, wenn sie die Gewißheiten und Sicherheiten umstürzt, und blicken auf dieses Brüderpaar, Söhne unserer verehrten Königin Luise. Ich habe hier gewissermaßen ein kleines Gedenkfeuer entzündet, und nun mögen wir darüber nachsinnen, was bleibt, wenn die geistige Haltung, aus der jemand gelebt hat, ja seine ganze Welt lange schon entschwunden sind. Meine eigenen Gedanken bewegen sich da noch immer ganz in den Bahnen, die ich im letzten Jahr andeutete, denn der Vorteil bei Friedrich Wilhelm IV. ist, das sein Denken zu Stein wurde – Glaube, Schönheit, Tradition, Königtum, das wären wohl die Begriffe, unter denen er seiner Zeit widerstand.
Bei seinem Bruder ist das etwas schwieriger zu fassen, denn sein Werk ist weniger greifbar, er hat den Staat begründen helfen, in dem wir immer noch, nach vielen Brüchen, leben. Ich habe mich zu ihm bisher immer nur bruchstückhaft geäußert, hier etwa, aber er wäre es wirklich wert, daß man einmal etwas gesammelter über ihn schreibt. Er gab das mustergültige Beispiel für jemanden, der die Charakterstärke hatte, einem politisch Begabteren, nämlich dem Fürsten Bismarck, die Möglichkeiten seines Handeln zu verschaffen, wofür das bekannte Wort steht:„Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein.“ Wir leben, wie gesagt, äußerlich noch immer in dem Staat, für dessen Anfänge Wilhelm I. steht. Wieviel davon innerlich erhalten ist, darüber wollen wir dann nun schweigend nachdenken beim Blick in dieses Feuer.
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Samstag, 2. Januar 2010
Friedrich Wilhelm IV. - Über das Träumen von Königen

Neue Orangerie, Potsdam
Photograph: Florian Lindner, hier gefunden
Nach Entenbraten und glücklicherweise unterdrückten persönlichen Empfindlichkeiten müssen wir uns endlich wieder an Preußen erinnern. Meine Bemerkungen zum heutigen Thema waren vor einem Jahr doch zu kurz, glaube ich. Manchmal habe ich den Eindruck, meine kleine Bibliothek gehört in Wahrheit jemand anderem, es ist immer wieder interessant, was man findet, um dann nicht fertig zu werden. So muß ich muß einmal mehr gestehen, daß ein Beitrag nicht an seinem Tag zu Ende geschrieben wurde und bitte dafür um Nachsicht.Photograph: Florian Lindner, hier gefunden
Friedrich Wilhelm IV., der älteste Sohn Luisens und König von Preußen starb am 2. Januar 1861. Er ist nicht sehr beliebt in der demokratischen Geschichtsschreibung, vermutlich, weil er wirklich keiner war, aber das in etwa so originell, wie einem Adler vorzuwerfen, er sei keine Ente. Friedrich Wilhelm IV. war ein „Träumer“, ein „Nostalgiker“, ein „Reaktionär“, so wurde er zumindest genannt. Er fühlte eine sehr lebendige Bindung an das Mittelalter, hatte einen ausgeprägten Kunstsinn und sah sich als ein König, der aus der Gnade Gottes regierte und sich nicht den Launen der neuesten Mode unterwerfen wollte.
Das nennt man landläufig dann wohl „anachronistisch“. Aber was gestern noch so genannt wurde, kann morgen schon wieder ganz modern sein. Wenn man eines an der Geschichte lernen kann, wenn man denn lernen will, ist ein wenig Mißtrauen gegen vermeintliche Selbstverständlichkeiten, gegen das „normale Empfinden“ und vielleicht etwas Empathie für das Gegenwartsfremde. Wie auch immer.
Seine Kindheit war überschattet von den Eroberungszügen Napoleons, 1806, er war noch nicht 11, ging das alte Preußen unter und die königliche Familie mußte in den äußersten Osten des Königreiches fliehen. Er hatte eine enge Beziehung zu seiner Mutter, der berühmten Königin Luise. Die Verbitterung über ihren frühen Tod, den er wohl nicht zu Unrecht auch als Folge dieser Umstände sah, war sicher einer Gründe für seine heftige Aversion gegen alles, was mit der französischen Revolution in Zusammenhang gebracht werden konnte.
Allerdings schrieb sie ihm 1810 in ihrem letzten Brief: „Die Kraft, Deinen Leidenschaften zu widerstehen, fehlt Dir ganz.“ Mit anderen Worten, sie hielt ihn für emotional unbeherrscht. Als Kronprinz galt er dann allerdings als unterhaltsam und gewandt, die romantische Literatur seiner Zeit las er mit Begeisterung, sein Interesse war keinesfalls nur oberflächlich. Er gehörte also zu den gar nicht so seltenen Hohenzollern von großer geistiger Interessiertheit. Man setzte große Hoffnungen in ihn.
Seine ersten Regierungshandlungen, nachdem er 1840 den Thron bestiegen hatte, schienen zunächst durchaus den liberalen Hoffnungen zu entsprechen. Auch seine Förderung des Weiterbaus des Kölner Doms, den er selbst als Symbol für die Einheit Deutschlands verstand, brachte ihm Sympathien ein. Er war überhaupt ein leidenschaftlicher Anreger und Auftraggeber von Bauten, er zeichnete selbst unzählige Entwürfe; die Friedenskirche in Potsdam, in der er auch begraben liegt, geht auf ihn zurück, ebenso das Belvedere auf dem Pfingstberg, die Neue Orangerie, die Heilandskirche in Sacrow. Und auch die Stammburg des Geschlechts, die Burg Hohenzollern, ließ er wieder aufrichten.
Es ist nicht ganz erklärlich, woher diese liberalen Hoffnungen rührten, er jedenfalls ließ es von seiner Seite an keiner Klarheit fehlen, als man ihm 1847 eine Verfassung aufnötigen wollte: „… daß es keiner Macht der Erde jemals gelingen soll, Mich zu bewegen, das natürliche, gerade bei uns durch seine innere Wahrheit so mächtig machende Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein conventionelles, constitutionelles zu wandeln, und daß ich es nun und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unseren Herrn Gott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt … eindränge, um uns mit seinen Paragraphen zu regieren und durch sie die alte, heilige Treue zu ersetzen.“
Kurioserweise ist diese Vorstellung, unvermittelt aus der Gnade Gottes handeln zu können, eher eine Übersteigerung des mittelalterlichen Herrscherbildes. Denn de facto gab es im Heiligen Römischen Reich Ständerechte, den Reichstag, verfassungsähnliche Gesetze und Bräuche. Es war also ein sehr rein gedachtes Mittelalter, dem er anhing.
Es ist ihm noch gelungen, die Revolution von 1848/49, in deren Verlauf ihm sogar die Kaiserkrone angetragen wurde, wesentlich mit niederzuwerfen. Insofern blieb er äußerlich durchaus erfolgreich. Aber hinter diesem äußeren Erfolg verbarg sich doch ein Vordringen der Ideen, die ihm suspekt blieben. Man sollte vielleicht daran erinnern, daß es ihm dabei nie ausschließlich um Macht ging. Er versuchte der Welt, die er vorfand, seine Vorstellung einer geordneten Gesellschaft entgegenzuhalten, die er für traditionsgegründet und von Gott gewollt ansah, eine Art rückwärtsgewandter Utopist.
Man mag sagen, er sei gescheitert, aber immerhin sind diesem Scheitern, um nur einiges zu nennen, ein fertiggebauter Kölner Dom zu danken und eine ganze Reihe wunderbarer Bauten in Potsdam, die wie Stein gewordene Träume immer noch von den Gedanken dieses Königs zeugen. Andere, gerühmtere Namen, haben weniger hinterlassen.
Freitag, 2. Januar 2009
Wilhelm oder Friedrich Wilhelm
Begräbnisort Friedrich Wilhelm IV., Friedenkirche Potsdam
gefunden hier
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Wem nicht gerade republikanische Mißgunst oder noch Schlimmeres das Urteil trüben, wird nicht leugnen können, daß unter den Hohenzollern einige Charaktere von Rang versammelt sind. Die beiden Söhne Luisens, die nacheinander zur Herrschaft gelangten, gehören zweifelsohne dazu.
Am 2. Januar 1861 starb in Potsdam Friedrich Wilhelm IV., so daß ihm unmittelbar sein Bruder Wilhelm in das Amt folgte, das er krankheitsbedingt stellvertretend bereits für ihn ausgeübt hatte.
Ich muß gestehen, so unwesentlich das sein mag, ich habe etwas gezögert, wem von beiden ich ein paar erinnernde Bemerkungen hinterherschicken sollte, der eine im Innersten charakterfest, tüchtig, wenn auch vermutlich gelegentlich von überschaubarem Horizont, der andere, geistvoll, träumerisch, ein grandioser „Dilettant“, der den „oft todten uninteressanten Gegenden“ Leben und Geschichte einhauchen wollte, was ihm nicht zu selten gelungen ist.
An beiden haben sich Generationen von Historikern abgearbeitet, dieses wollen wir heute auf sich beruhen lassen, was dabei gerade den neueren von ihnen fehlt, um nur wenigstens dieses zu sagen, die Souveränität eines Wilhelm I., der, obwohl er ahnte, daß ihm der Fürst Bismarck in gewissen Hinsichten überlegen war ("Es ist nicht leicht, unter diesem Kanzler Kaiser zu sein."), ihn an den richtigen Stellen gewähren ließ, es hätte genug schwächere Geister gegeben, die sich eingeschüchtert gefühlt und entsprechend niederrangig reagiert hätten (im Fall des Historikers etwa, wenn er haarklein erklärt, wie er selbst es besser gemacht hätte). Aber das ist mehr ein Gegenwartsphänomen und muß uns hier nicht interessieren.
Also versuchen wir, beider zu gedenken, das obige Bild zeigt den Begräbnisort Friedrich Wilhelm IV. in meiner lieben Stadt Potsdam, das andere das Sterbebild Wilhelm I. mit seiner letzten Unterschrift. Manche mögen diese Auswahl als morbide empfinden, ich muß bekennen, für mich ist sie das genaue Gegenteil.

Wilhelm I. auf seinem Sterbebett
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