Sonntag, 15. November 2009

In memoriam: Crindoro



Ich bin gerade etwas traurig und muß dieses loswerden. Ich würde sowieso nicht schlafen können, also ist es egal, daß es spät ist. Ich habe gerade gesehen, daß jemand sehr Originelles namens "Crindoro" seinen YouTube -Kanal geschlossen hat, es handelte sich vor allem um Barock-Musik, die er mit viel Geschmack in großer Regelmäßigkeit vorstellte. Ich habe ihn, früher öfter als jüngst, hier gern mit seinen Stücken gebracht.

Er war ein wenig seltsam, ich würde das sonst nicht machen, aber bei diesem Anlaß zitiere ich eine seiner wenigen Nachrichten:

"Thanks, I think of you sometimes since I visited your blog, I think you are a cool guy (I dont like people in general so take it as a HUGE compliment)".

Er hatte mir sogar noch ein Video zugesandt, am 10. September, aber verdammt, ich habe das nicht gesehen, ich bin oft so unbeholfen in diesen Dingen, und offensichtlich zu leicht ablenkbar von neuen Aufregungen. Ich muß wieder an meinem Charakter arbeiten.

Da das Video verschwunden ist, kann ich nur dessen Textbeschreibung zitieren, die mir noch zugänglich ist:

„Young Cupid, you are mischievous! your eyes are hurting darts and give thousand deaths to my heart Oh! When are my eyes going to have peace? If your face hurts, injures, consumes, turns on and sends me to my death.

Like a young siren that chains thousand souls with her singing and looks, you could really hurt my heart. Young Cupid, you are mischievous!

Please turn your sight, retain your dart, because if you are not in the nude, you are ferocious and cruel anytime with my heart. Young Cupid, you are mischievous!

Novello Cupido (Donna che loda il canto di bellissimo giovanetto)

Singer: Mariví Blasco (soprano)

Composer: Biagio Marini

Work: Scherzi e canzonette 1-2v, Op. 5“

Ich hoffe, es geht ihm gut, denn seine Seele erschien mir als eine der schwierigeren. Ich will weiter an ihn denken.

Dies paßt komplett nicht hierher, habe es nur gerade gehört:



There is a translation in the comments

Samstag, 14. November 2009

Potsdamer Nachträge - Peter Kurgan


Peter Kurgan, „Vor zurück“

Die Luft ist ziemlich mild im Moment, aber alle Farben draußen scheinen sich in Richtung Grau zu bewegen, alles ist eher naß und matschig, das heißt, irgendwie verändern sich die Dinge überwiegend zu einem nassen matschigen Grau. Ich hatte begonnen, ein paar Photos zu machen, aber die waren noch gruseliger als die Wirklichkeit.

Da kam mir eine Mail von heute mittag ganz willkommen, da sie mich an meinen angenehmen kürzlichen Aufenthalt in Potsdam erinnerte, genauer an Peter Kurgan in diesem Fall, dem ich angedroht hatte, seine Bilder hier ein wenig vorzustellen. Das Problem ist nur, selbst die beiden Bilder, die sich hier vorfinden, geben kaum eine schwache Ahnung von dem tatsächlichen Eindruck wieder, und auch seine Website hilft da nicht wirklich weiter.

Denn diese Bilder leuchten. Sie bestehen zusätzlich zu Farbpigmenten vor allem aus Asche und Sand. Während eines Aufenthalts auf Lanzarote hatte er begonnen, Asche vom dortigen Vulkan seinen Farben beizumengen und die Bilder anschließend zu brennen. Inzwischen benutzt er bis zu 30 unterschiedliche Varianten von Wüstensand und malt damit Bilder, die Schicht für Schicht jeweils bei etwa 40 Grad unter Druck erwärmt werden, bis er sie schließlich auf 90 - 130 Grad unter starkem Unterdruck erhitzt. Das verdichtet den Sand, läßt die schwereren Partikel nach hinten sinken und es entstehen gewissermaßen leuchtende Reliefs. Diese technische Erklärung, die ich bei ihm entlehnt habe, mag etwas merlwürdig klingen.

Aber mit anderen Worten, während bei Bildern sonst, wenn man das Licht zurücknimmt, allenfalls weniger zu sehen ist, fangen seine Bilder gerade dann an erst richtig zu leben. Man könnte mit einer Kerze an ihnen vorbeigehen und mit jedem Schritt hätte man ein anderes Bild. Sie antworten auf jeden Wechsel des Lichts und geben das zurück, was sie einmal empfangen haben.

Ich gerade zu müde für einen vernünftigen Abschluß, werde das also besser morgen hier beenden.


Peter Kurgan, „Die innere Berührung“

Freitag, 13. November 2009

Donnerstag, 12. November 2009

Über das Abfeuern von Pistolen auf Bilder - Friedrich Overbeck


Friedrich Overbeck
Italia und Germania (Sulamith und Maria)
1811-1828, hier gefunden

„Wir sind...ein neues Geschlecht, und sind gar keine sentimentalen Ziegen, sondern selbständige, fortgeschrittene Köpfe mit dem Mute zu ihrer Zeit und ihrem Geschmack und kennen schon neue Götter. Wir kennen und lieben Maler wie die frommen Cornelius und Overbeck, nach deren Bildern er, wie ich ihn selbst habe sagen hören, am liebsten mit der Pistole schösse, und den himmlischen David Caspar Friedrich, von dem er erklärt, man könne seine Bilder ebensogut verkehrt herum ansehen. 'Das soll nicht aufkommen!' donnerte er, - ein rechter Tyrannendonner, wie nicht zu leugnen, den aber wir im Musenverein in aller Ehrfurcht dahinrollen lassen, indes wir in unsere Poesiebücher Verse von Uhland schreiben und entzückt miteinander die herrlich scurrilen Geschichten von Hoffmann lesen.“

So spricht in Thomas Manns "Lotte in Weimar" (4. Kapitel) Adele Schopenhauer von Goethe. Der, nach dessen Bildern Goethe am liebsten geschossen hätte, war Johann Friedrich Overbeck, er starb am 12. November 1869 in Rom. Er war eine der Hauptgestalten der Nazarener, eine Künstlergruppe des 19. Jahrhunderts, die die Malerei religiös erneuern wollten aus dem Geist des Mittelalters und der frühen Renaissance. Eine sehr folgenreiche Bewegung übrigens, in Großbritannien etwa für die späteren Präraffaeliten, die mir, wenn ich ehrlich bin, näher stehen. Doch ich will heute keine Kunstkritik veranstalten, dafür bin ich sowieso zu müde, aber wichtig war diese Bewegung zweifelsohne. Das nähere mag man bei den angegebenen Links nachlesen.

Übrigens hat sich Thomas Mann Goethes Ablehnung mitnichten ausgedacht, so sprach der etwa in einem Nachtrag zu einem Aufsatz (erschienen in der Zeitschrift "Über Kunst und Alterthum in den Rhein- und Maingegenden", von Heinrich Meyer - "Neu-deutsch religios-patriotische Kunst", 1817) von dem "kränklichen Klosterbruder" und "seinen Genossen", die "merkwürdige Werke ganz neuer Art", "Hieroglyphen" und "wahrhafte Sinnbilder" hervorbrachten. Das war alles andere als freundlich gemeint. Im Grunde war ihm die ganze neue romantische Richtung, in der der christlicher Glaube mit einem Mal wieder existentiell ernst genommen wurde, verbunden mit einer Verehrung des Mittelalters, zutiefst zuwider. Hatte er sich auch mit ähnlichem beschäftigt, so waren es ihm doch nur poetische Gegenstände, die ihm zu dienen hatten, da war er ganz ein Mann der Auflärung, die hier zum ersten Mal einen Dämpfer bekam, neue Zeiten eben, wie Fräulein Schopenhauer völlig zurecht festhält.


Friedrich Overbeck
Der Triumph der Religion in den Künsten
1831-1840, hier gefunden

Mittwoch, 11. November 2009

Über die Verwirrung der Zeiten


El Greco, Hl. Martin mit Bettler,
gefunden hier

Da der erste meiner beiden Vornamen nun einmal Martin lautet, ist heute erkennbar mein Namenstag. Ich durfte sogar dankbar Glückwünsche dazu entgegennehmen, gut, glücklicherweise habe ich vor einem Jahr ein paar Bemerkungen zu diesem Tag dahingeworfen, die mag man dort nachlesen. So bin ich einmal aus dem Schneider.

Das klingt übertrieben? Hah!

Es gab diesmal 4 Dinge, die ich mißtrauisch beäugt habe, ob daraus wohl ein Post werden wird: Martini, „Remembrance Day“, ein Video und eine Partei. Jetzt sind es noch 3.

"Wir sind am Abend unserer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und thaten wenig…"

„O hätt ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher!"
Hölderlin, Hyperion



Es ist nicht so, daß ich mich aus freiem Entschluß in diesen Gedankengängen verliere, die mir zumal doch recht fröstelnd fremd sind, aber um gewissermaßen einen kleinen Aufschub zu erwirken, noch einmal Hölderlin:

„Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das laß er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag es an den Pranger! Beim Himmel! der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte. Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat…

Nicht, daß wir ernten möchten, fiel ein andrer ein; uns kömmt der Lohn zu spät; uns reift die Ernte nicht mehr.

Wir sind am Abend unsrer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und taten wenig. Wir wagten lieber, als wir uns besannen. Wir waren gerne bald am Ende und trauten auf das Glück. Wir sprachen viel von Freude und Schmerz, und liebten, haßten beide. Wir spielten mit dem Schicksal und es tat mit uns ein Gleiches. Vom Bettelstabe bis zur Krone warf es uns auf und ab. Es schwang uns, wie man ein glühend Rauchfaß schwingt, und wir glühten, bis die Kohle zu Asche ward. Wir haben aufgehört von Glück und Mißgeschick zu sprechen. Wir sind emporgewachsen über die Mitte des Lebens, wo es grünt und warm ist. Aber es ist nicht das Schlimmste, was die Jugend überlebt. Aus heißem Metalle wird das kalte Schwert geschmiedet. Auch sagt man, auf verbrannten abgestorbenen Vulkanen gedeihe kein schlechter Most.

…will aber niemand wohnen, wo wir bauten, unsre Schuld und unser Schaden ist es nicht. Wir taten, was das unsre war. Will niemand sammeln, wo wir pflügten, wer verargt es uns? Wer flucht dem Baume, wenn sein Apfel in den Sumpf fällt? Ich habs mir oft gesagt, du opferst der Verwesung, und ich endete mein Tagwerk doch.“

Nein, es war eine Nachricht von gestern, und wo ich schon diese zitiere, will ich wenigstens den Absender verschweigen, der sie mit den ersten Worten oben begonnen hatte:

„Morgen ist es nun soweit und zwanzig Jahre her, daß wir unsere ‚Kleinstpartei‘ gegründet haben. Ob man daran wohl erinnern muß? Zwanzig Jahre scheinen aber in jedem Falle die Grenze zu sein, an der die Dinge beginnen, sich von einem abzulösen. Man erinnert sich nicht mehr an eigenes Erleben, sondern an fremde Personen, die mit anderen austauschbar werden. Es war insgesamt eine merkwürdig wichtige, aber am Ende doch marginale Erfahrung.“

Ja in der Tat. Auch ich habe einmal so etwas Närrisches getan wie versucht, eine Partei zu gründen, ich hatte das völlig verdrängt und wäre nicht darauf gekommen, hätte mich nicht diese Nachricht erreicht, heute vor 20 Jahren, kurioserweise in der Stadt, in der ich gerade wieder lebe, die meisten waren Kommilitonen (des Studiums der Theologie), aber es gab auch einen jungen Staatsanwalt. Man sehe selbst, was für umstürzende Vorstellungen wir hatten.



Nach diesen Worten haben mich die anderen meiner damaligen Kommilitonen für einen abgefeimten Rechtsradikalen gehalten, sie tun dies größtenteils bis heute, selbst wenn sie gegenwärtig irgendwo sicher angekommen sind, die Sicherheit der Erinnerung bleibt bestehen, auch wenn die Inhalte lange gewechselt haben. Man darf ihnen das nicht vorwerfen, so sind Menschen, sie suchen einen Halt in der Zeit und wollen mit sich im Einvernehmen bleiben, das andere, Geschichte, Außenwelt, Erinnerung ist dann lediglich etwas, welches es zu bewältigen gilt. Was mich geringfügig irritiert, mehrere von ihnen haben weiter für sich meinen Lebensweg (und den von anderen von damals) verfolgt. Wie kann man sich so sehr an etwas binden, das man ablehnt, wie auch immer.

Ich muß gestehen, wenn ich diese Dinge wieder lese, sind sie mir grauselig fremd, ich stimme also der Nachricht vollumfänglich zu.



Es gibt dort übrigens in beiden Fällen eine zweite Seite, auf der auch nicht Aufregenderes steht, nur zusätzlich Namen, doch wir wollen niemanden kompromittieren.

Was mich selbst allerdings in diesem Augenblick maßlos stört, ist der vermeintliche Opportunismus dieser fremden Worte. Doch, das war gar keiner, wir glaubten einfach, daß die Dinge, die so verstört waren, mit der Wiedervereinigung bald geheilt wären, wir waren gnadenlos naiv und vor 20 Jahren auch eindeutig noch recht jung.

Diese FDU schloß sich dann mit anderen "Kleinstparteien" zur DSU zusammen, darauf gab es eine "Allianz für Deutschland" und eine "gewonnene" Volkskammerwahl. Geschichte. "Vollendete Vergangenheit".

So, da wären wir durch. Und jetzt noch der „Remembrance Day“. Der steckt mir in der Tat wie eine Gräte im Hals, und am liebsten würde ich sagen, was für eine verlogene Veranstaltung, aber das stimmt auch nur teilweise. Ich denke, gerade ist die Zahl meiner Englisch sprechenden Bekannten, die Deutsch verstehen, maßgeblich geschrumpft. Aber unglücklicherweise ist der Ursprung dieses Tages, was immer man später unter ihm verstehen mag, derart zweifelhaft. Was war gestehen.

Nun, das Deutsche Reich kapitulierte de facto gegenüber der Entente (Frankreich, England etc.) am 11. 11. 1918. Und da dieser Krieg faktisch um nichts ging (wenn man von Leidtragenden wie Belgien einmal absieht), lediglich um Macht, Einfluß, Zerstörung von Konkurrenten, mußte man ihn von Seiten der Sieger unverzüglich moralisch überhöhen. Der Gegner wurde weiter bekämpft, etwa durch eine von Großbritannien gegen Deutschland bis zum Juni 1919 aufrechterhaltene Wirtschaftsblockade, die ca. 1 Million Hungertote forderte, durch einen „Friedensvertrag“, der dem „ehemaligen“ Kriegsgegner soweit als irgend möglich schaden wollte, und es so einem Hitler später sehr leicht machte, ich breche lieber ab.

Wenn man dies weiß, was sagt man dann, wenn man sieht, wie liebenswürdige, Englisch sprechende Bekanntschaften diesen Tag in großer Unschuld und mit sympathischem Pathos begehen? Zumal sie eher an die jüngere Vergangenheit denken werden und da mag vieles wieder anders liegen. Soll man sagen, wie fragwürdig der Ursprung dieses Tages ist, wohl kaum, sie würden es nicht verstehen, zumal ich einfach zugestehen muß, daß seit damals viel geschehen ist.

Wir haben allerdings ein weiteres Problem. Deutsche hatten früher nicht selten so etwas wie ein Gefühl für nationale Würde. Das hat nachgelassen. In der DDR hatten alle mit den Kommunisten gewissermaßen mitgesiegt, so wurde das 3. Reich zu einem Problem, das man in den Griff bekam. Frau Merkel führt gerade vor, wie sie 1918 auf Seiten der Alliierten mitgesiegt hat, ein also bekanntes Muster, ich sehe schon, die Tagespolitik bekommt mir nicht. Und darum bringe ich doch noch ein Video, das ich eigentlich unter den Tisch fallen lassen wollte, aber es hat so etwas angenehm Spannungslösendes.


vom Unternehmen Kurzzeit, Würzburg,
und ein nützlicher Link dazu hier
Video hier gefunden

Dienstag, 10. November 2009

Literarische Streifzüge



Es war sehr anregend und angenehm heute abend, und ich bin offen gestanden zu müde, um hier noch Gedankenanstrengungen vorzutäuschen, nur soviel, zum einen sollte ich doch wenigstens den Text zitieren, von dem der Großteil des Ophelia-Mythos ausgeht, also:

"Hamlet IV, 7

Queen.
There is a willow grows aslant a brook,
That shows his hoar leaves in the glassy stream;
There with fantastic garlands did she come
Of crowflowers, nettles, daisies, and long purples,
That liberal shepherds give a grosser name,
But our cold maids do dead men’s fingers call them.
There, on the pendant boughs her coronet weeds
Clamb’ring to hang, an envious sliver broke;
When down her weedy trophies and herself
Fell in the weeping brook. Her clothes spread wide;
And, mermaid-like, awhile they bore her up;
Which time she chaunted snatches of old tunes;
As one incapable of her own distress,
Or like a creature native and indu’d
Unto that element: but long it could not be
Till that her garments, heavy with their drink,
Pull’d the poor wretch from her melodious lay
To muddy death.

KÖNIGIN
Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub,
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen,
Die dreiste Schäfer derber wohl benennen,
Doch unsre Mädchen Toten-Mannes-Finger.
Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde
An den gesenkten Ästen aufzuhängen,
Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen
Die rankenden Trophäen und sie selbst
Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider
Verbreiteten sich weit und trugen sie
Sirenen gleich ein Weilchen noch empor,
Indes sie Stellen alter Weisen sang,
Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,
Wie ein Geschöpf, geboren und begabt
Für dieses Element. Doch lange währt' es nicht,
Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,
Das arme Kind von ihren Melodien
Hinunterzogen in den schlammigen Tod."

Dann: es gibt so unglaublich viele Referenzen zu Ophelia, wenigstens dieses Stück von Berlioz.


Hector Berlioz, La mort d'Ophélie, Ballade, Text: Ernest Legouvé
hier gefunden

Ich habe schon länger überlegt, wie es dazu kommt, daß literarische Gestalten eine derart eigenständige Kraft zu entwickeln vermögen, wie etwa König Artus oder König Lear oder Donquichotte oder eben Ophelia.

Bei Ophelia ist es, glaube ich, die genaue Beschreibung der Physiognomie eines Schicksals: Die verstrickte Unschuld, das schuldlose Zerbrechen an dem, welchem man nicht gerecht werden kann mit der Reinheit eines einfachen Charakters, der zudem liebt, was ihn zerstören muß. Dann das Zurückweichen in die Natur im Untergang, der Tod als eine gewissermaßen mythisch-natürliche Tröstung, im Tod wird ein Mensch zum Kind, das, mit seinem Schicksal einverstanden, zeitlos und unbeschwert spielen darf, so daß es sogar mit dieser Natur zu einer Stimme verschmilzt, wie ein Quellgeist. Eine perfekte Gestalt für zerbrochene Zeiten.


John William Waterhouse, "Ophelia" (1894)
hier gefunden

Montag, 9. November 2009

Ophelia



Es gibt wohl in Deutschland kaum einen Tag, zu dem man begründeter eine Bemerkung verweigern könnte. Wie sich mir die zufällige Bemerkung eines Nordiren vor langer Zeit einmal förmlich eingebrannt hat: „Too much history“. Wohl wahr, Zusammenbruch des Kaiserreichs, „Reichskristallnacht“, Mauerfall... „Too much history“ für einen harmlosen Ort wie diesen. Und wer irgendwie reichlich schräg drauf ist, der kann hier seinen Spaß finden.

Darum zu etwas völlig anderem, das alle, die nicht an diesen Ort gebunden sind, langweilen wird:

"'Der Tod der Ophelia' im neuen Lyriksalon

Ein Thema - viele Künste

Neubrandenburg. Zu einem Lyrik-Salon der besonderen Art lädt der Förderverein der Regionalbibliothek e.V. am 10. November um 19.30 Uhr in den Salon 'Le Chat Noir' auf Neubrandenburgs Turmstrasse. Zum Thema 'Der Tod der Ophelia' werden dabei dieses Mal nicht nur Gedichte (u.a. von Rimbaud, Brecht, Huchel, Heym) rezitiert und diskutiert, sondern es werden auch historische Shakespeare-Tondokumente von Theaterinszenierungen, Ophelia-Lieder von Berlioz und Brahms und Gemälde der Präraffaeliten eine Rolle spielen, um Ophelia als Kunstfigur und das Phänomen der 'Ästhetik des Todes' umfassend und unter Einbeziehung aller Künste zu beleuchten."

Als es die ersten Überlegungen zu dem Thema gab, habe ich diesen, nicht weiter beachtenswerten Beitrag dazu verfaßt. Aber falls einer meiner Leser zufällig auch hier wohnen sollte, empfehle ich ihm dringend, diese Veranstaltung zu besuchen. Sollte sie ihm dennoch nicht gefallen, darf er anschließend gern versuchen, mich dafür zur Rechenschaft zu ziehen.