Donnerstag, 17. September 2009

Über Wasserleichen


"Ophelia", John Everett Millais
hier gefunden

Ein reichlich unpoetischer Titel, ich gestehe, dabei war es nur so, daß ich heute eine freundliche Unterhaltung hatte, über wen? Über Ophelia natürlich, manchmal sind erfundene Gestalten einfach weitaus ergiebiger als vorgeblich reale (es ging auch um die Vorbereitung einer literarischen Veranstaltung, das Thema dürfte also noch etwas andauern). Eine Gestalt inspiriert einen Maler, das entstandene Bild einen neuzeitlichen Musiker, ein Beweis? Bitte:


hier aufzufinden
mit einer interessanten Erläuterung hier

„Und daß er auf den Wassern, weiß, in ihren Schleiern,
Wie eine Lilie hat Ophelia treiben sehn!“

Aus einem Gedicht von Arthur Rimbaud, genauer, das Ende von „Ophelia (Ophélie)“, man sagt, Waterhouse hätte ihn dazu inspiriert, nun Waterhouse mag einen zu vielem inspirieren, er ist ein großartiger Maler.


'''Ophelia'', John William Waterhouse, 1889
hier gefunden

Es war aus einer Übersetzung von Helmut Bartuschek ("Der Gallische Hahn", Berlin 1957). Und ich muß gestehen, dies ist einer der Sätze, die sich lange meinem literarischen Gedächtnis eingebrannt haben. Aber folgen wir vollständig dieser Übersetzung:

Arthur Rimbaud

(übersetzt von Karl Klammer, 1907)


OPHELIA

I.
Auf stiller, dunkler Flut, im Widerschein der Sterne,
geschmiegt in ihre Schleier, schwimmt Ophelia bleich,
sehr langsam, einer großen weißen Lilie gleich.
Jagdrufe hört man aus dem Wald verklingen ferne.

Schon mehr als tausend Jahre sind es,
daß sie, ein bleich Phantom, die schwarze Flut hinzieht,
und mehr als tausend Jahre flüstert schon sein Lied
ihr sanfter Wahnsinn in den Hauch des Abendwindes.

Die Lüfte küssen ihre Brüste sacht und bauschen
zu Blüten ihre Schleier, die das Wasser wiegt.
Es weint das Schilf, das sich auf ihre Schulter biegt.
Die Weiden über ihrer hohen Stirne rauschen.

Im Schlummer einer Erle weckt sie hin und wieder
Ein Nest, aus dem ein kleines Flügelflattern schlägt.
Die Wasserrosen seufzen, wenn sie sie bewegt.
Ein Weiheklang fällt von den goldnen Sternen nieder.

II.
Ophelia, bleiche Jungfrau, wie der Schnee so schön,
die du, ein Kind noch, starbst in Wassers tiefem Grunde:
weil dir von rauher Freiheit ihre leise Kunde
die Stürme gaben, die von Norwegs Gletschern wehn.

Weil fremd ein Föhn, der dir die Haare peitschte, kam
Und Wundermär in deinen Träumersinn getragen;
weil in dem Seufzerlaut der Bäume und im Klagen
der Nacht dein Herz die Stimme der Natur vernahm.

Weil wie ein ungeheures Röcheln deinen Sinn,
den süßen Kindersinn, des Meeres Schrei gebrochen;
weil schön und bleich ein Prinz, der nicht ein Wort gesprochen,
im Mai, ein armer Narr, dir saß zu deinen Knien.

Von Liebe träumtest du, von Freiheit, Seligkeit;
du gingst in ihnen auf wie leichter Schnee im Feuer.
Dein Wort erwürgten deiner Träume Ungeheuer.
Dein blaues Auge löschte die Unendlichkeit.

III.
Nun sagt der Dichter, daß im Schoß der Nacht du bleich
die Blumen, die du pflücktest, suchst, in deine Schleier
gehüllt, dahinziehst auf dem dunklen, stillen Weiher,
im Schein der Sterne, einer großen Lilie gleich.

Ich wurde zurecht vermahnt, einen Link zum Original anzugeben, auch wenn ich leider kein Französisch kann, der wäre dann hier; und wo wir gerade bei Links sind, wir hätten dann noch einen Verweis zu Interessantem an diesem Ort und einen wirklich atemberaubend guten hier.

Letzterem habe ich auch zu verdanken, daß ich nunmehr weiß, daß selbst James Douglas Morrison, auch bekannt als Jim Morrison, ein Stück in dieser Tradition geschrieben hat. Man kann den Text hier finden.

Ich muß noch darüber nachdenken, was das Faszinierende ihrer Person ausmacht, vielleicht, daß jemand zwischen einem großen anderen und beschränkenden Zwängen zerbricht und sich in das unschuldige Grab der Kindheit zurückzieht, ich weiß es nicht, aber will sie wenigstens mit eigener Stimme zu Wort kommen lassen (William Shakespeare, Hamlet, IV, 5):

„Ich hoffe, alles wird gut gehn. Wir müssen geduldig sein; aber ich kann nicht anders als weinen, wenn ich denke, daß sie ihn in den kalten Boden gelegt haben. Mein Bruder soll davon wissen, und so dank ich euch für euren guten Rat. Komm, meine Kutsche! Gute Nacht, Damen, gute Nacht, süße Damen, gute Nacht, gute Nacht!“

„Er ist hin, er ist hin,
Und kein Leid bringt Gewinn;
Gott helf ihm ins Himmelreich!
Und allen Christenseelen! Darum bet ich! Gott sei mit euch.“

Kommentare:

Pilgrim hat gesagt…

I love Ophélie by Rimbaud. Too bad you have no link to the french original. Propz Pilgrim

MartininBroda hat gesagt…

I'm just writing, show me one (argh, sorry), I love it too.

Mr. Urs hat gesagt…

Wenn Du mir Kylie gegeben hast, brauchst Du Dich nicht mehr abzumühen, denn ich bin glücklich :)
Und wie der Zufall so will, habe ich mir gerade diese Woche nach Jahren wiedereinmal Nick Cave's "Murder Ballads" aufgelegt.

MartininBroda hat gesagt…

Na ja, nun bin ich auch fertig für heute nacht, ich dachte, Du steckst noch im Geburtstag fest, das ist echt nett von Dir, daß Du trotzdem vorbeischaust. Nebenbei gesagt, ein wirklich gutes Album.

MartininBroda hat gesagt…

About floaters or drowned bodies
Translation - part 1

Indeed a not poetic title, I have to confess, it was just I had today a friendly conversation, about whom? About Ophelia of course, invented shapes are simply by far more profound than pretending to be real ones sometimes (the topic was also the preparation of a literary event, so it might persisting a bit). A shape inspires a painter, the created picture a modern musician, a proof? You’re welcome:

„And that he has seen on the water, lying in her long veils
White Ophelia floating, like a great lily. “

From a poem of Arthur Rimbaud, more exactly, the end of „Ophelia“, some people say Waterhouse would have inspired him, well Waterhouse may inspire into much things, he is a great painter.

I have to confess, this is one of the sentences, which burned themselves since a long time into my literary memory. But may we follow completely this translation (http://www.blackcatpoems.com/r/ophelia.html):

“Ophelia
by Arthur Rimbaud

translated by Oliver Bernard

I

On the calm black water where the stars are sleeping
White Ophelia floats like a great lily;
Floats very slowly, lying in her long veils...
- In the far-off woods you can hear them sound the mort.

For more than a thousand years sad Ophelia
Has passed, a white phantom, down the long black river.
For more than a thousand years her sweet madness
Has murmured its ballad to the evening breeze.

The wind kisses her breasts and unfolds in a wreath
Her great veils rising and falling with the waters;
The shivering willows weep on her shoulder,
The rushes lean over her wide, dreaming brow.

The ruffled water-lilies are sighing around her;
At times she rouses, in a slumbering alder,
Some nest from which escapes a small rustle of wings;
A mysterious anthem falls from the golden stars.

II

O pale Ophelia! beautiful as snow!
Yes child, you died, carried off by a river!
It was the winds descending from the great mountains of Norway
That spoke to you in low voices of better freedom.

It was a breath of wind, that, twisting your great hair,
Brought strange rumors to your dreaming mind;
It was your heart listening to the song of Nature
In the groans of the tree and the sighs of the nights;

It was the voice of mad seas, the great roar,
That shattered your child's heart, too human and too soft;
It was a handsome pale knight, a poor madman
Who one April morning sate mute at your knees!

Heaven! Love! Freedom! What a dream, oh poor crazed Girl!
You melted to him as snow does to a fire;
Your great visions strangled your words
And fearful Infinity terrified your blue eye!

III

And the poet says that by starlight
You come seeking, in the night, the flowers that you picked
And that he has seen on the water, lying in her long veils
White Ophelia floating, like a great lily.”

MartininBroda hat gesagt…

Part 2

I was correctly reminded to indicate a link to the original poem, even if I know unfortunately no French, that would be then here (http://fr.wikisource.org/wiki/Oph%C3%A9lie/%C3%89dition_Genonceaux_1891), and speaking about links a really breath-taking good one is here (http://en.wikipedia.org/wiki/References_to_Ophelia).

I have also to owe the second one to know now that even James Douglas Morrison, also known as Jim Morrison, wrote a piece in this tradition. One can find the text here (http://www.people.nnov.ru/thedoors/wilderness2.htm).

And I have to think about which constitutes the fascinating of this person, perhaps that someone is broken between an impressive other and limiting obligations and withdraws himselves into the innocent grave of childhood, I don’t know but want at least to let her speak with her own voice (William Shakespeare, Hamlet, IV, 5):

“I hope all will be well. We must be patient; but I cannot choose but weep, to think they would lay him i' the cold ground. My brother shall know of it: and so I thank you for your good counsel. - Come, my coach! - Good night, ladies; good night, sweet ladies; good night, good night.”

“His beard was as white as snow,
All flaxen was his poll;
He is gone, he is gone,
And we cast away moan.
God ha' mercy on his soul!

And of all Christian souls, I pray God. God bye you!”

Pilgrim hat gesagt…

Thx Martin, for the link, and for the nice prayer. May God be with you. Propz Pilgrim

Charlie hat gesagt…

Beautiful pictures and poetry. I remember seeing a photo by William Eggleston once, it's of a girl with red hair in a flowery dress laying on the ground. It reminds me of Ophelia. Did Shakespeare invent her or is there some truth to the story?

MartininBroda hat gesagt…

Hello Charlie. I would say he invented her, but sometimes are inventions more true than reality I guess, although it could be Shakespeare remembered the death of Katherine Hamnet, there were rumours that she was suffering from a broken heart (but you look better here - http://en.wikipedia.org/wiki/Ophelia).
Btw I’m afraid you will find this annoying (because you’ve heard that too much), but indeed, every time when I have to say “hello Charlie” I have to remember the end of Pink Floyd’s “The Division Bell", sorry, my next answer will be more serious.
Steve O'Rourke: Hello?
Charlie: Yeah...
SO'R: Is that Charlie?
C: Yes.
SO'R: Hello Charlie.
C: [mumbles something and hangs up]
SO'R: Great! [hangs up].

Pilgrim hat gesagt…

I didn´t know you could be sarcastic in english too! Well either you´re developing your language skills or you already mastered this.

MartininBroda hat gesagt…

@Pilgrim It must been sarcasm by accident (like my language skills).

Charlie hat gesagt…

Guten abend! Lunario is teaching me German :) I haven't heard that song by Pink Floyd, or anything by them (I'm embarrassed to say) but I'll check them out. Your English is great! Schlaf wohl :)