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Freitag, 17. Mai 2013

Über Tribune & Tribunale


Blick auf das Forum Romanum im Alten Rom, 1866

"Tribun [lat.]: Titel röm. Beamter und Offiziere" schreibt mein Lexikon der Antike (Leipzig 1982), das inzwischen so vergilbt ist, daß man auf den ersten Blick ohne nachzudenken glauben könnte, es sei in Herculaneum ausgegraben worden. Weiter erfahre ich dort, es habe zum einen das Amt des Militärtribunen (tribunus militum) gegeben, in der römischen Republik die sechs höheren Offiziere jeder Legion, die abwechselnd kommandierten. Ihre Bedeutung wäre gesunken, als im 1. Jahrhundert v. Chr. die dem Senatorenstand angehörenden Legaten den Befehl über die Legionen übernahmen. In der Kaiserzeit habe dann jede Legion einen Militärtribun senatorischer und fünf ritterlicher Herkunft gehabt. 

Stefan Bauer, Blick über das Forum Romanum, Rom

Davon zu unterscheiden seien die Tribuni militum consulari potestate (Militärtribunen mit konsularischer Macht), römische Oberbeamte in der frühen Republik, die anstelle der Konsuln gewählt wurden (wer mag, kann das hier nachlesen).

Und dann gab es die Volkstribunen (tribunus plebis) seit etwa 490 v. Chr., deren Hauptaufgabe in der Vertretung der plebejischen Interessen gegenüber den Patriziern bestand. Seine Person war sakrosankt. Besondere Macht besaß der Volkstribunen durch das Vetorecht gegen die kurulischen Magistrate und den Senat. Er konnte Versammlungen der Plebs einberufen. In der Kaiserzeit erlosch die Bedeutung des Amtes, seine Funktion aber lebte in der Tribunicia potestas des Kaisers fort, sie begründete einen wesentlichen Teil seiner Macht. Bekanntlich war das „Amt“ des „Kaisers“ für die Römer anfangs schwer in ihre „Verfassungsordnung“ einzugliedern („Könige“ durften sie schließlich nicht sein), dies war eine der Konstruktionen, mit denen man sich behalf.

Lotharkreuz Domschatzkammer Aachen mit Augustus-Kameo

Dies ist nicht so ganz aufregend. Abgesehen davon vielleicht, daß es zur Entstehung des Amtes des  Volkstribunen eine hübsche Geschichte bei Titus Livius gibt, Hintergrund die „secessio plebis in montem sacrum“ - der Auszug des römischen Volkes auf den heiligen Berg:

Wir sind der Überlieferung nach im Jahre 494 v. Chr., die Patrizier hatten sich der Könige entledigt und eine aristokratische Republik begründet, in der die Plebejer, der andere Teil des römischen Volkes, eher wenig zu lachen hatten.

Nach einem Feldzug wurden die Versprechungen, die dem plebejischen Teil des Heeres gemacht worden waren, vom Adel nicht eingehalten, die Plebejer zogen empört auf den Mons Sacer und erwogen, sich ihre eigene Stadt zu gründen. Darauf schickte man zu ihnen Agrippa Menenius Lanatus und der erzählte folgende Geschichte:

B. Barloccini, Secessio plebis, 1849

Vorzeiten wären die Menschen keine ihrer Einheit bewußten Wesen gewesen. Jeder Körperteil handelte für sich selbst, habe sogar seine eigene Sprache gehabt. Schließlich empörte sich alles gegen den Magen, der, wie sie glaubten, untätig mitten im Leibe lag und von den Anstrengungen der übrigen lebte. Der Magen aber tue nichts dafür, sondern genieße sein Wohlleben.

Man verschwor sich also gegen ihn, die Hände wollten keine Speisen mehr zum Munde führen, der Mund nichts aufnehmen, die Zähne nicht kauen, und so fort. Das sollte den Magen gefügig machen.

Doch alle Glieder und der ganze Körper verfielen und verloren ihre Kraft. Darauf erkannten sie, daß der Magen wohl doch nicht müßig war und auf irgendeine Weise die Kraft der aufgenommenen Nahrung an die Glieder weitergab.

Menenius Agrippa schloß, der Zorn des Volkes gegen den Adel sei diesem inneren Aufruhr zu vergleichen, und besänftigte so den Zorn des Volkes.

Soweit die Geschichte, tatsächlich wurde der Zorn des Volkes wohl durch einen ersten Interessenausgleich gemildert, wozu eben das Amt des Volkstribunen gehörte. Und abgesehen davon begannen die ungehobelten Römer, rechtlich zu denken, was über die Jahrtausende noch Erhebliches mit sich bringen sollte.

Die Wendung vom „Volkstribunen“ taucht übrigens heute allenfalls noch polemisch auf, ansonsten vielleicht noch in Quiz-Shows (wir nähern uns - nach längerem Anlauf - dem Anlaß für diese Anmerkungen).

Giuseppe Vasi, Ponte Nomentano mit Heiligem Berg im Hintergrund

Ich gestehe, ich halte herzlich wenig von Kreuzworträtseln. Heute war in der hiesigen Lokalzeitung offenkundig als Synonym für „Indiz“ das Wort „Beweis“ gefragt, aber wenn man das Niveau der Berichterstattung zum gegenwärtigen Hauptaufreger-Prozeß sieht, verwundert das wiederum auch nicht. Aber das kann der Herr Morgenländer alles viel besser decouvrieren als ich mit meinen überschaubaren Geistesgaben. Er erinnert übrigens unter dem recht tapferen Titel „Gerechtigkeit für Beate Zschäpe“ an ein paar Grundsätze des Rechts, die wir eben o.g. Römern zuerst zu verdanken haben.

Aber nicht nur mit dem Ernstnehmen gewisser Grunsätze bei leidlicher juristischen Grundbildung ist es in den Zeiten von „Schwarm-Intelligenz“ und instinktgesteuertem Herden-Denken nicht mehr weit her. Auf die gleiche selbstgefällige Wurstigkeit trifft man, und so schließt sich der Kreis, wenn man vom Tribun zur Tribüne springt, und glaubt, dies müsse ebenfalls etwas mit Recht zu tun haben. So geschehen in einer dieser Sendungen, die ich nicht sehe, die Frage lautete: „Wer auf der 'Tribüne' Platz nimmt, tut dies der Wortherkunft zufolge eigentlich, um…? Als Antwort wurde erwartet: „B) Recht zu sprechen“.

Aber ich mag dazu eigentlich nichts mehr sagen, ein anderer Blog aus Bremen, der Bremer Sprachblog, hat das hinreichend getan, so man das alles genauer und richtiger wissen will.

beendet am 18. Mai

Donnerstag, 2. Mai 2013

Aafje Heynis (Nachtrag)


"Bist du bei mir", BWV 508, wohl von Gottfried Heinrich Stölzel

Eben lese ich beim Herrn Morgenländer, die holländische Altistin Aafje Heynis feiere heute (am 2. Mai) ihren 89. Geburtstag. Ich bin mir recht sicher, genau dieses Stück früher schon einmal hier gebracht zu haben, möglicherweise in anderer Version. Aber es ist natürlich ein willkommener Anlaß, dem Herrn Morgenländer zum einen für diese Erinnerung zu danken, zweiten auf diese wunderbare Interpretation / Interpretin hinzuweisen und drittens die wärmsten Glückwünsche nachzusenden.


"Gott soll allein mein Herze haben", BWV 169 
nachgetragen am 5. Mai

Dienstag, 23. April 2013

Über das Ernsthafte von Dichtung



William Wordsworth:

I wandered Lonely As A Cloud


I wandered lonely as a cloud
That floats on high o'er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed--and gazed--but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.


Ich wandert' einsam wie die Wolk' 

Ich wandert' einsam wie die Wolk',
Die über Tal und Hügel zieht.
Da sah ich, daß ein ganzes Volk -
Ein Heer! - von Goldnarzissen blüht;
Am See, wo Steine moosig sind,
da tanzen flatternd sie im Wind.

Wie lange Reih'n von Sternen, die
Hell schimmern auf im Überschwang,
So zieht der Blumen Galaxie
Dem Ufer einer Bucht entlang:
Zehntausend Blumen sieht mein Blick
Im Tanz, den Kopf gewandt zurück.

Gleich ihnen, Wellen tanzen heut,
Doch Blumen tanzen froher noch.
Der Dichter selbst fühlt Fröhlichkeit
In solcher heit'ren Menge doch.
So starrt' ich - starrt' - doch merkt' ich nicht
Welch' Schatz mir brachte diese Sicht:

Lieg' jetzt ich auf der Couch allein,
Oft still verträumt, oft denkbereit,
Erscheinen sie dem Auge mein
Als Wonne meiner Einsamkeit:
Dann füllt mein Herz mit Glück sich ganz
Als Tänzer im Narzissentanz.

Translation / Übersetzung



"Daffodils" read by Jeremy Irons

William Wordsworth starb an einem 23. April im Jahre 1850. Für mich ein willkommener Anlaß, noch einmal dieses Gedicht mit der Übersetzung von Prof. Aue zu bringen. Dazu eine angenehm anzuhörende Interpretation von Jeremy Irons.

Im englischen Sprachraum gehört dieser Text, so lese ich, zu den Dingen, mit denen schon Generationen von Schülern gequält wurden. Vergleichbar vielleicht mit diversem von unserem Herrn Goethe. Aber als deutschsprachiger Mensch hat man da halt die Gnade des unbefangeneren Lesens.

Ursprünglich ging meine Intention dahin, ein wenig darüber zu räsonieren, was wir an der Dichtung haben, wenn sie denn diesen Namen verdient; wie sie dem Bau unserer Seele gewissermaßen Querstreben einzieht, so daß bei äußeren Erschütterungen doch alles so leidlich zusammenhält, wie sie uns folglich Halt gibt und eine Ahnung tieferen Daseins, wie sie uns über den Augenblick hinweg hebt und in die Weite eines unbegrenzten Horizonts eintauchen läßt.

Aber nein, wir wollen prosaisch weiterreden, z. B. mit:

„Das Meer bei Nacht ist eine edle Erscheinung; in kurzen Intervallen tost & stürzt an der Seite des Schiffes eine schöne weiße Wolke aus Schaum, und Funken tanzen und sprühen darin & von Zeit zu Zeit löst sich etwas Schaum und fliegt voller Sternenhaufen davon & entschwindet dem Blick wie ein Trupp von Tartaren in der Wüste!“

Diese „prosaische“ Bemerkung stammt aus einem Brief von Wordsworth vom 18. Sept. 1798 an Mrs. S.T. Coleridge, gefunden habe ich es auf www.william-wordsworth.de, einer faszinierenden und äußerst empfehlenswerten Sammlung zu Wordsworth, zusammengetragen von Herrn Dietrich H. Fischer. Der Brief entstand bei einer Deutschlandreise, danach stoßen wir auf eine eher unfreundliche Bemerkung zu Hamburg, sehr unterhaltsam das alles. Ich wußte nicht, wie sehr sich Wordsworth mit Deutschland beschäftigt hat, ich weiß überhaupt zu wenig von ihm. Es gibt sogar ein Gedicht über den Tod des „Brave Schill!“, es endet mit:

Alas! it may not be: for earthly fame
Is Fortune's frail dependant; yet there lives
A Judge, who, as man claims by merit, gives;
To whose all-pondering mind a noble aim,
Faithfully kept, is as a noble deed;
In whose pure sight all virtue doth succeed.

Der ganze Text samt einer Übersetzung findet sich an diesem Ort. Ebenfalls bemerkenswert ein längerer Essay über das politische Denken von William Wordsworth anläßlich seiner „Tiroler Sonette“, er führt dort gute Gründe an, warum er, William Wordsworth, den Herrn Buonaparte verabscheut, aber man lese selbst:

„'Was tun sich die Tiroler mit ihrem heldenhaften Widerstand bloß an? - so ruft der eine aus. Für was kämpfen die Spanier eigentlich? so ein anderer - als ob der Mensch nur dazu geschaffen wäre, über der Erde zu fressen und [dann unter der Erde] gefressen zu werden, als ob wir keine Würde hätten, die es zu bewahren gilt, kein Gewissen, dem zu gehorchen ist, als wenn Unsterblichkeit nicht in Aussicht stünde.'“

Erfreulich dieser gänzliche Mangel an britischer Selbstgefälligkeit, mit anderen Worten, Wordsworth zeigt wahrhaft die einzig angemessene Art geistiger Souveränität (ebenfalls gefunden auf besagter Seite), bei der man von dem, in das man nun einmal hinein gestolpert ist, nicht gänzlich verschlungen wird, dank selbsterworbener Grundsätze, Nachdenkens etc. etc.:

„Ich möchte Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland als unabhängige Nationen geformt sehen, und ich habe kein Verlangen, daß Frankreichs Macht weiter beschnitten wird, als es für dieses Ziel nötig ist. Wehe dem Land, dessen militärischer Macht niemand widerstehen kann!“


Es mag unpassend wirken, jetzt „beiläufig“ auch noch Albrecht Georg Haushofer erwähnen zu wollen, der am 23. April 1945 ermordet wurde. Ich erinnerte mich, wie der Herr Morgenländer einmal sehr schön über dessen Moabiter Sonette geschrieben hatte, die sich merkwürdigerweise seit Jahrzehnten in meinem Besitz befinden. Das alles ist wahrlich ein weites Feld, das geistige Behaupten im Angesicht der Barbarei, das Festhalten an dem, was gerade zwischen den Händen zerfällt, eine Art von zersplitternder Hoffnung, eine Art von geistesgestützter Hoffnung über das Nichts hinaus. Doch genug davon, hier die letzten Verse aus seinem „Boëthius“:

Sein Tod hat keinen Untergang gewendet -
erloschen war die Kraft der alten Welt. -
Sein Tod hat nur den Untergang erhellt.

Und vielen hat er später Trost gespendet, 
da seines Beispiels hohe Hilfe spürt,
wen gleiches Los auf gleiche Bahnen führt.


nachgetragen am 28. April

Donnerstag, 6. September 2012

Dies & Das


Linda Ronstadt, Dolly Parton, Emmylou Harris

Ich gestehe, ich habe gegenwärtig ein recht schlechtes Gewissen, was das Lesen anderer Blogs angeht. Es ist lückenhaft, oft willkürlich, und dies ärgert mich, weil ich ahne, was mir dabei fehlt. Daher heute eine kleine Zitierrunde, auch wenn das natürlich nichts gut macht. Es sind auch nur drei und zwar deutsche.

Beginnen wir mit dem Herrn Morgenländer, der kommt zwar noch am besten weg, aber ich möchte gern auf 2 Reihen verweisen, die er begonnen hat. Zum einen wären da seine 100 Lieblingsgedichte (hier sein Beitrag über „Ein feste Burg ist unser Gott“ von Martin Luther), zum anderen eine Reihe über „vergessene“ Autoren des vorigen Jahrhunderts wie Jochen Klepper, Rudolf Alexander Schröder, Werner Bergengruen oder Hans Carossa ("Nach Carossa gehn wir aber nicht!" - hübsch). Ich empfehle allerdings ein Stichwort, damit man die Reihe wiederfindet (*räusper), er ist halt sehr produktiv.

Der Blogger Jay hat gerade kurz, aber sehr warmherzig über Patsy Cline geschrieben. Doch ich gestehe, am meisten vergnügt hat mich letztens sein Verriß eines aufgeplusterten Herrn namens Richard David Precht. Ich zitiere: „Er hat Philosophie auch nur im Nebenfach studiert - das habe ich auch, aber das binde ich meiner Umwelt selten auf die Nase... Aber er ist jetzt Professor für Philosophie geworden, allerdings nur ein Honorarprofessor. Und nur an der Leuphana Universität. Falls Sie die nicht kennen sollten, das war früher die PH Lüneberg. Was man mit Namen so machen kann, es begeistert mich immer wieder.“

Nun allerdings schlägt mein schlechtes Gewissen tatsächlich unbarmherzig zu: „Alle Dinge sind dazu da, damit sie uns Bilder werden in irgendeinem Sinne“, zitiert sie Rainer Maria Rilke. Die Bloggerin Rosabella vermag es, auf eine poetische Art, wie es wohl nur Frauen von einer bestimmten Gemüts- und Geisteshaltung gegeben ist, Gedanken- und Lebensräume mit wenigen Beobachtungen, Worten, Bildern aufzuschließen, die derart ergreifen, daß man wie durch ein sich öffnendes Tor in einen beseeligten Ort eintritt.
nachgetragen am 8. September

Mittwoch, 29. August 2012

Nachträge & andere Mühseligkeiten


Die wesentlichen Dinge brauchen mehr als ein Leben, um sie halbwegs erklären zu können. Also ist es ein von vornherein verlorenes Spiel. Aber Dichtung vermag einem immerhin eine Ahnung (oder die Illusion davon) zu verschaffen, man hätte etwas ergriffen.

Ich habe endlich die Nachträge zur Auswahl aus einer Anthologie von 1921 verfertigt, ausschließlich illustriert mit Bildern von Lovis Corinth. Man findet sie hier.

Und wo wir bei der Anzeige von Nachträgen sind. Über das nahegelegene Belvedere hatte ich dann endlich dort etwas geschrieben. Nur einige Anmerkungen diesmal.

Herr Morgenländer war so tapfer, über Anselm von Canterbury zu schreiben; ich bin davor schon mehrfach zurückgeschreckt. Und bevor ich mich allzu schlecht fühle. Ich hab früher mal ein wenig zu Heraklit zusammengebracht, das nicht so übel war, denke ich, obwohl unvollendet.

Ich habe letztens mit wieder stark anwachsendem Vergnügen den Blog SILVAE gelesen, John Locke mag nicht mein Lieblingsphilosoph sein, aber dennoch war dieser Beitrag ein Teil meines Vergnügens. Es gab noch einen anderen Beitrag, der mir letztens gefallen hatte, ich kann ihn gerade nur nicht wiederfinden.

Anteilnahme verschafft einem oft das trügerische Gefühl, man hätte Teil an Dingen, die man tun sollte, irgendwie. Ich zum Beispiel, sollte mich besser mehr bewegen, was mache ich stattdessen, veröffentliche einfach einen Schnappschuß, der dieser Tage entstand.


Montag, 21. Mai 2012

Fundsachen



„Ihr Wetterkerle wettet Euch immer tiefer in diese heillose Zeit hinein – ich dagegen bin ganz im stillen, aber komplett mit ihr überworfen und entweiche ihr deshalb in den schönen faulen Süden, der der Geschichte abgestorben ist und als stilles, wunderbares Grabmonument mich Modernitätsmüden mit seinem altertümlichen Schauer erfrischen soll.“

„Mit der Gesellschaft im großen kann ich nichts mehr anfangen; ich verhalte mich gegen sie unwillkürlich ironisch; das Detail ist meine Sache. Bildung und Routine besitze ich nun genug, um mich im Notfall auch der höheren Politik gegenüber durchzubringen, nur mitmachen will ich nicht mehr, wenigstens in unserer hierländischen Konfusion nicht.“

„In Gottes Namen! Ändern kann ichs doch nicht, und ehe die allgemeine Barbarei (denn anderes sehe ich zunächst nicht vor) hereinbricht, will ich noch ein rechtes Auge voll aristokratischer Bildungsschwelgerei zu mir nehmen, um dereinst, wenn die soziale Revolution sich einen Augenblick ausgetobt hat, bei der unvermeidlichen Restauration tätig sein zu können – ›so der Herr will und wir leben‹, versteht sich.

Ihr werdet sehen, welche sauberen Geister in den nächsten zwanzig Jahren aus dem Boden steigen werden! Was jetzt vor dem Vorhang herumhüpft, die kommunistischen Dichter und Maler und dergleichen, sind bloß die Bajazzi, welche das Publikum vorläufig disponieren.

Ihr alle wißt noch nicht, was Volk ist und wie leicht das Volk in barbarischen Pöbel umschlägt.

Ihr wißt nicht, welche Tyrannei über den Geist ausgeübt werden wird, unter dem Vorwand, daß die Bildung eine geheime Verbündete des Kapitals sei, das man zernichten müsse.

Ganz närrisch kommen mir diejenigen vor, welche verhoffen, durch ihre Philosopheme die Bewegung leiten und im rechten Gleise erhalten zu können. Sie sind die feuillants der bevorstehenden Bewegung; letztere aber wird sich so gut wie die Französische Revolution in Gestalt eines Naturereignisses entwickeln und alles an sich ziehen, was die menschliche Natur Höllisches in sich hat.“

„Untergehen können wir alle; ich aber will mir wenigstens das Interesse aussuchen, für welches ich untergehen soll, nämlich die Bildung Alteuropas.“

Jetzt ist das doch mehr als ein kurzes verweisendes Zitat geworden. Der Herr Morgenländer hatte kürzlich diesen Brief Jacob Burckhardts in ganzer Länge gebracht, aus dem ich diese Passagen wiedergebe (man sehe also besser hier). Er (der Herr Morgenländer) meinte, es sei ein langer Brief, aber wieviel gedrängt ausgesprochene Prophetie, und da der unangenehme Part lange eingetreten ist, kann man nur hinzusetzen: Hoffentlich!

Heiliger See, Potsdam, photographiert von Matthias v.d. Elbe

Wo ich gerade auf den Herrn Morgenländer verweise, er ist Schuld an einer anderen Entdeckung, die ich unbedingt ebenfalls erwähnen will. Das Bild oben sollte schon einen Hinweis geben. Wer dies hier verfolgt, weiß, daß ich länger in der Nähe eines Ortes gelebt habe, der „Heiliger See“ genannt wird (daher auch mein „Erkennungsbild“), er ist einer der Seen Potsdams. Warum er so heißt, ist ungewiß. Möglicherweise stammt er von einer Kapelle der Heiligen Anna her, deren Geistliche an diesem See Fischereirechte hatten oder aus einem „Hellen“ wurde durch Sprachverschiebung ganz einfach ein „Heiliger See“. Wie auch immer, darum soll es diesmal gar nicht gehen, sondern darum, daß der Komponist David Ianni diesem Ort einen Klavierzyklus gewidmet hat - „Der Heilige See op. 91“.

Ewigkeit und Vergänglichkeit seien die Leitmotive seiner Kompositionen gewesen, sagt der Komponist. Der See in seiner stillen Beharrlichkeit stehe für die Ewigkeit, der uns immer wieder an die Vergänglichkeit unserer so lächerlich kurzen Existenz erinnere.

Ich hatte mich kürzlich etwas schnöde über moderne „E-Musik“ geäußert, das war so pauschalisierend dahingesagt natürlich eher schnöseliger Unsinn, allenfalls halb richtig. Hier jedenfalls (dem Beitrag des Komponisten ist das Musikstück beigefügt, man kann sich also leicht selbst ein Urteil bilden) findet sich etwas „Modernes“, das anrührend meditativ, dicht und traumwandlerisch präzise wie schwerelos daherkommt. Aber man sehe selbst.
nachgetragen am 24. Mai

Donnerstag, 17. Mai 2012

Himmelfahrt &



„Was heißt Christi Himmelfahrt?

Es bedeutet den Glauben daran, daß in Christus der Mensch, das Wesen Mensch, an dem wir alle Anteil haben, auf eine unerhörte und neue Art eingetreten ist ins Innere Gottes. Es bedeutet, daß der Mensch in Gott Raum findet auf immer. Der Himmel ist nicht ein Ort über den Sternen, er ist etwas viel Kühneres und Größeres: das Platzhaben des Menschen in Gott, das in der Durchdringung von Menschheit und Gottheit im gekreuzigten und erhöhten Menschen Jesus seinen Grund hat...“

Der Herr Morgenländer hat diesen Text Benedikt XVI. ausgegraben, der mich aufrichtig sprachlos machte beim ersten Lesen. Ich hätte wohl besser meinen evangelischen Gottesdienst heute ausgelassen, mit einer äußerlich gefälligen, aber innerlich eher unangenehm-liberalen Predigt (überwiegend). Gut!

Da ich heute gekocht habe, vielleicht doch ein paar Anmerkungen dazu (dies ist ein Versuch, mich  müde zu schreiben).


Ja, dieser Hackbraten hat zum Entsetzen gewisser Personen tatsächlich mehr als 1 Stunde in der Zubereitung gebraucht (Schwein & Rind, kleingehackte Zwiebeln sowie eingelegte Paprika und Tomaten, Knoblauch, Thymian, Oregano, Schnittlauch, 3 Eier, Semmelmehl, ich hab bestimmt noch einiges vergessen).



Dazu Spargel und eine Soße davon (die ich nicht zubereitet habe, aus dem Spargelwasser, Eigelb, Butter und Sahne, wenn ich mich recht erinnere). Von meiner Seite wiederum ein Bärlauch-Pesto, alles sehr nett, wenn auch spät, die Katastrophe: Dann kam Besuch, unangemeldet. Alles sehr unterhaltsam.




Donnerstag, 10. Mai 2012

ein wenig Potsdam & Berlin


Als guter Potsdamer (das läßt sich nicht mehr auswaschen) bedeutet das natürlich, es gibt ein wenig Berlin (erstes Bild) und viel Potsdam. Im Berliner Café Einstein „Unter den Linden“ traf ich Herrn Morgenländer. Unserer Unterhaltung hätte es vermutlich gut getan, wenn ich erstens pünktlicher gewesen (leider wesensfern) und zweitens das Wetter weniger schwül gewesen wäre (dafür kann ich nichts), wie auch immer.






Daß das Schloß-Wiederaufbauen (nicht nur in Potsdam) nun kräftig angefangen hat, freut uns natürlich, einerseits; andererseits ist alles so auffallend unfertig gedacht und unbeholfen und... ach lassen wir das und hoffen darauf, daß ein wie immer gearteter Anfang, einmal in Gang gesetzt, seine eigenen Gesetze kreiert...





Samstag, 5. Mai 2012

Über Nachtigallen


(c) insecta62, hier gefunden

Bevor die deutsche Literatur in den seichten Gewässern der Aufklärung strandete, gab es noch einmal jemanden wie Barthold Hinrich Brockes. Sein „Irdisches Vergnügen in Gott“ ist in der Tat ein Vergnügen zu lesen, aber darum soll es diesmal gar nicht unbedingt gehen. Der Herr Morgenländer hatte die Idee, warum auch immer, einen Zitate-Wettstreit über Nachtigallen zu veranstalten. Da fiel mir der Hamburger Senator ein. Das einzige Problem dabei, die hatten damals soviel Zeit oder auch innere Ausdauer, unsereiner bekommt ja schon unkontrollierbare Zuckungen am ganzen Körper, wenn ein Gedicht über mehr als eine halbe Seite geht. Ich habe es also leicht eingekürzt, den ganzen Text findet man hier.

Die Nachtigall, und derselben Wett-Streit gegen einander


Im Frühling rührte mir das Innerste der Seelen
Der Büsche Königinn, die holde Nachtigall,
Die, aus so enger Brust, und mit so kleiner Kälen,
Die größten Wälder füllt, durch ihren Wunder-Schall.
Derselben Fertigkeit, die Kunst, der Fleiß, die Stärcke,
Veränderung und Ton sind lauter Wunder-Wercke
Der wirckenden Natur, die solchen starcken Klang
In ein Paar Federchen, die kaum zu sehen, sencket,
Und einen das Gehör bezaubernden Gesang
In solche dünne Haut und zarten Schnabel schrencket.
Ihr Hälschen ist am Ton so unerschöpflich reich,
Daß sie tief, hoch, gelind' und starck auf einmahl singet.
Die kleine Gurgel lockt, schnarrt, zischt und pfeift zugleich,
Daß sie, wie Quellen, rauscht, wie helle Glocken, klinget.
Sie zwitschert, stimmt und schläg't mit solcher Anmuht an,
Mit solchem nach der Kunst gekräuselten Geschwirre;
Daß man darob erstaunt, und nicht begreiffen kann,
Ob sie nicht seuftzend lach', ob sie nicht lachend girre.
Ihr Stimmchen ziehet sich in einer holen Länge
Von unten in die Höh, fällt, steigt aufs neu' empor,
Und schweb't nach Maaß' und Zeit; bald drenget eine Menge
Verschied'ner Tön' aus ihr, als wie ein Strom, hervor,
Zuweilen seuftzet sie, und winselt, daß man meynet,
Sie werde sterben; aber bald
Erhebet sie, mit feuriger Gewalt,
Den reinen Ton aufs neu. Dann eben scheinet,
Es woll' ihr lieblich-scharfes Singen,
Als wie ein Pfeil, uns in die Seele dringen.

...

Es scheint so gar der Nam' allein
Ein Inbegriff der Frühlings-Lust zu seyn.
...
Daß in der meisten Hörer Augen
Sich ein geheim Vergnügen zeiget.

Sie dreht und dehnt den Schall, zerreisst und füg't ihn wieder;
Singt sanft, singt ungestüm, bald grob, bald klar und hell.
Kein Pfeil verfliegt so rasch, kein Blitz verstreicht so schnell,
Die Winde können nicht so streng' im Stürmen wehen,
Als ihre schmeichelnde verwunderliche Lieder,
Mit wirbelndem Geräusch, sich ändern, sich verdrehen.
Ein rollend Glucken quillt aus ihrer holen Brust;
Ein murmelnd Flöthen lab't der stillen Hörer Hertzen.
Doch dieß verdoppelt noch und mehrt die frohe Lust,
Wenn etwan ihrer zwo zugleich zusammen schertzen.
Die singt, wann jene ruft; wann diese lockt, singt jene,
Mit solch- anmuthigem bezaubernden Getöne;
Daß diese wiederum, aus Misgunst, als ergrimmt,
In einem andern Ton die schlancke Zunge stimmt.
...
Daß, so durchdringenden und heftigen Gesang,
Das menschliche Gehör kaum mächtig zu ertragen.

Wer nun so süssen Ton im frohen Frühling hör't,
Und nicht des Schöpfers Macht, voll Brunst und Andacht, ehrt,
Der Luft Beschaffenheit, das Wunder uns'rer Ohren,
Bewundernd nicht bedenckt; ist nur umsonst gebohren;
Und folglich nicht der Luft, nicht seiner Ohren, wehrt.

Dienstag, 10. April 2012

Evelyn Waugh

Arthur Evelyn St. John Waugh, hier vor allem wegen „Brideshead Revisited“ des öfteren erwähnt, starb am 10. April 1966. Herr Morgenländer hatte die Idee gehabt, dem Buch einen eigenen Blog zu widmen (wozu ich ein paar unbedeutende Beiträge beigesteuert habe) und sich auch kürzlich an einer Würdigung des Autors versucht, und da mir soviel Eloquenz völlig abgeht, verlinke ich doch einfach einmal darauf.

Und wo ich gerade beim Verlinken bin, mir ist unerklärlich, warum ich noch nicht eher auf diese unterhaltsame Website gestoßen war: An Evelyn Waugh Website by David Cliffe. Dort findet sich etwa ein Interview, in dem Waugh über sein Leben und seine Ansichten befragt wird, beispielsweise darüber, wie er zur Religion kam und was diese eigentlich bedeute:

Evelyn Waugh: „Well, it isn’t a sort of lucky dip that you get something out of, you know. It’s hard without using pietistic language to explain, but it’s simply admitting the existence of God or dependence on God, your contact with God; the fact that everything in the world that’s good depends on Him. It isn’t a sort of added amenity of the Welfare State that you say, 'Well, to all this, having made a good income, now I’ll have a little icing on top of religion', it’s the essence of the whole thing.“

John Freeman: „You say all that is good in the world comes from God; you don’t seem to find very much which is good in the modern world - you’ve seen it consistently as a decadent world, have you not?“

E. W.: „But there’s good in a decadent world.“

J. F.: „Yes, but your purpose in life is what? To castigate or to chronicle the decadent world? Do you see a purpose in your books - are you trying to scourge us into reform?“

E. W.: „Oh no, no, no, no, no. No, I’m just trying to write books.“

Und dann ein Stück, in dem etwas von dem Witz aufscheint, mit dem Waugh überreich gesegnet war:

J. F.: „Why are you appearing in this programme?“

E. W.: „Poverty. We’ve both been hired to talk in this deliriously happy way.“

J. F.: „Now you constantly tell people that you’re poor; and I don’t want to ask you impertinent questions, but you’re a great deal luckier than many people because you made something of a fortune before the war, before it was all taxed away.“

E. W.: „Not a penny. Never saved a penny. And of course no honest man has been able to save any money in the last twenty years.“

J. F.: „Looking at yourself, because I am sure you are a self-critical person, what do you feel is your worst fault?“

E. W.: „Irritability.“

J. F.: „Are you a snob at all?“

E. W.: „I don’t think.“

J. F.: „Irritability with your family, with strangers?“

E. W.: „Absolutely everything. Inanimate objects and people, animals, everything.“

J. F.: „Do you remember, if I may put a Catholic question to you out of the penny catechism, do you remember the twelve Fruits of the Holy Ghost?“

E. W.: „I should do, I don’t.“

J. F.: „Well, they include Charity, Joy, Patience, Benignity, Mildness; do you fall short in these?“

E. W.: „Yes.“

Da er seine eigene Reizbarkeit ansprach, in diesem (übertrieben unfreundlichen, aber sonst amüsanten) Artikel findet man diese Seite ein wenig beleuchtet. Eine Anekdote, die dort nicht erwähnt wird: Angeblich verbannte er seinen Sohn von der gemeinsamen Essenstafel, da er das sinnlose Geschwätz des Kindes nicht ertrug. Wie auch immer. Er mag im Umgang tatsächlich etwas anstrengend gewesen sein, als Autor aber war er ein scharfer Beobachter von beißendem Humor, ein Meister des geistvollen Gesprächs, ein Erzähler voll wacher Wehmut, und in allem ein großer Moralist.

Montag, 31. Oktober 2011

Reformationstag

translated (at the end)

Bach „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, BWV 140
Kings College Cambridge
hier gefunden

Daran, daß dieser Tag im Osten Deutschlands, mit der Ausnahme Berlin, ein gesetzlicher Feiertag ist, mag man ablesen, daß dies hier einmal das Herzland der Reformation war, Spuren eben. Herr Roloff hat in Potsdam heute eine sehr protestantische Predigt gehalten, dem Anlaß angemessen. Und da dachte ich, würde sich als Gegenpol ein Beitrag anbieten, den der Herr Morgenländer verfaßt hat. Die Fragen, die er aufwirft, bedürften einer gründlichen Antwort, sofern man eine hat. Im Grunde würde es bei mir derzeit auf Gegenfragen hinauslaufen, etwa ob der zweifelsohne richtig gesehene trübsinnige Zustand des gegenwärtigen Protestantismus zwangsläufig ist etc., aber dann wird das alles noch viel länger, und wer liest schon gern diese langen Riemen. Dankbar aber bin ich dem Morgenländer, daß er mich an Bachs Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, BWV 140, erinnerte, das war für lange Zeit einmal meine tägliche Aufstehmusik, etwas sehr profan, gebe ich zu. Es hat aber funktioniert, vor allem, wenn man sie recht laut hörte. Ich hatte etwas bei den verfügbaren Aufnahmen herumgesucht und fand diese des Tempos wegen ganz ansprechend, daß der englische Akzent ein wenig sehr durchdringt, nunja.


Predigt zum Reformationstag 2011
in St. Nikolai zu Potsdam


Matth 10, 26b-33

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

es gab eine Zeit, in der konnte ich das Wort Reform nicht mehr hören. Alles musste reformiert werden. Die Verwaltungen wurden reformiert und die Sozialsysteme, der Arbeitsmarkt musste reformiert werden, und das Schulsystem, wenn man den Bildungsexperten glaubt, muss eigentlich immer reformiert werden. Die Universitäten mussten reformiert werden und die Polizeistruktur. Das Steuersystem muss reformiert werden und auch die öffentlichen Ausgaben. Wenn man als Politiker Aufmerksamkeit sucht, dann präsentiert man am besten eine ausgefeilte Reformidee. In den allermeisten Fällen bedeutet Reform dann, dass Regelungen geändert, Landkreise zusammengelegt, Polizeidirektionen aufgelöst werden, ganze Behörden verschwinden, Personal wird abgebaut, neue Schulformen entstehen und die Reform des Steuersystems endet eigentlich immer bei einer Mehrwertsteuererhöhung. Reform bedeutet Veränderung, Umbruch und oft auch einfach Abbruch.

Es gab eine Zeit, in der konnte ich das Wort Reform nicht mehr hören, und fast glaube ich, sie ist noch nicht ganz vorbei.

Der Begriff Reform, seinem Wortsinn nach, bedeutet aber im Grunde Wiederfinden und Wiederherstellen der ursprünglichen und damit der eigentlichen Form. Die wahre Reform sucht danach, wie die Dinge bestimmt waren und darum auch wieder sein sollten, und nur diese Reformatio ist das Thema unseres heutigen Festtages.

Ich will Ihnen deshalb auch die Geschichte einer wunderbaren Reformation erzählen. Es gibt in der Nähe von Magdeburg eine kleine wunderschöne Thomas-Kirche. Sie wurde 1140 durch die Prämonstratenser im romanischen Stil errichtet und erlebte in den Jahrhunderten vielfältigste Veränderungen. Das Alter und die DDR Zeit setzten ihr dann aber so sehr zu, dass sie wohl aufgegeben worden und heute ganz verschwunden wäre, wenn es nicht einen Pfarrer in das Dorf geführt hätte, der in Bausachen erfahren und mit einer Frau gesegnet ist, die den Beruf der Restauratorin ausübt. In den 70er Jahren begannen sie, das Gotteshaus zu retten, und das allein schon wäre löblich gewesen. Nun entdeckten sie aber auch noch wertvollste romanisch-byzantinische Ausmalungen und machten sich daran, diese unter Putz- und Farbschichten mühsam freizulegen und zu sichern und wieder sichtbar werden zu lassen. Nur, wer ein wenig von der Restaurierung solcher Kunstschätze versteht und zusätzlich eine Vorstellung davon hat, wie ideenreich das DDR-Regime war, wenn es darum ging, den Einsatz von Menschen für ihre religiöse Heimat zu behindern und zu diskreditieren, der kann ermessen, welches Werk diese beiden Menschen über Jahrzehnte hinweg mit vielen Helfern vollbracht haben. Schon lange ist diese Kirche in Pretzien nun wieder ein vielbesuchter einzigartiger Ort an der Strasse der Romanik, die durch ganz Sachsen-Anhalt führt.

Diese Kirche ist aber auch ein einzigartiger Ort, der erlebbar macht, wie eine gelungene Reformation aussehen kann. Die Geschichte von der Wiederentdeckung der Malereien von St. Thomas in Pretzien will ich im Sinn behalten, wenn ich mich nun dem Abschnitt des Matthäusevangeliums zuwende, der dieser Predigt zu Grunde liegt.
„Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, was man nicht wissen werde.“

Es war die bedrückende Erfahrung der Reformatoren, dass die leuchtende Botschaft von der Erlösung durch Christus in den Jahrhunderten nicht nur ihren Glanz verloren hatte, sondern gleichsam durch viele Schichten aus Farbe und Putz, unter menschlichem Werk verdunkelt war. Die Reformation wollte wieder in den Mittelpunkt rücken, was durch den Glauben möglich ist, nämlich der freie Mensch, der aus Gnade vor Gott sein Heil findet, und das ohne die Werke des Gesetzes und ohne priesterliche Vermittlung. Der freie Mensch findet aus Gnade vor Gott sein eigenes Priestertum, wie alle Gläubigen.

Nun kann er aufrecht vor allem Volk zur Erfüllung dessen werden, was Christus uns im Predigttext weiter aufgibt: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“

Das ist die immer wiederkehrende Botschaft: Fürchtet euch nicht! Die Furcht vor irdischen Mächten und Gewalten ist die größte Hinderung an der Wahrheit. Die Wahrheit aber kann so leicht und einfach erkannt werden: „Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig?“ so fragt Jesus. „Dennoch fällt deren keiner auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupte alle gezählt.“

Mit diesem so einfachen und jedem Menschen verständlichen Bild macht Christus die Allmacht seines Vaters deutlich, der doch das ganze All umschließt, der die Ewigkeit und die Endlosigkeit ganz selbstverständlich umgibt. Wer dieser Macht glaubt, wer auf sie sein ganzes Vertrauen setzt, der muss sich einfach sagen lassen: „Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“

Fürchtet euch nicht, geht ans Werk! Predigt auf den Dächern, und wenn euch das nicht gegeben ist, dann tut die Arbeit, die euch aufgetragen ist zur Ehre Gottes. Mit allem unserem Tun können wir Christus vor den Menschen bekennen, wie er es von uns verlangt und werden erfahren, dass unser Tun dadurch auch Richtung und Sinn erhält.

Braucht Gott aber uns Menschen in der Weise, dass wir die verlorenen geglaubten Bilder freilegen oder anders sein Wort verkünden? Nein, natürlich nicht, sondern er erweist sich gerade darin als allmächtig, dass er sich unser bedient, und wir als freie Menschen seinem Willen gehorchen. Wer sich so als freier Mensch zu Gott bekennt, der erlangt eine einzigartige priesterliche Würde, durch die wir zur Gemeinschaft der Heiligen zusammengeschlossen werden. Hier wird auch die Würde des Freiheitsbegriffes gewahrt. Die Gott vergessende Moderne trägt ihn zwar immer gern wie eine Monstranz vor sich her, sein wahrer Gehalt droht ihr aber verloren zu gehen.

Friedrich Gogarten hat diesen Vorgang einmal wie folgt beschrieben und damit das Grundproblem der Säkularisation beschrieben: „ Es ereignet sich dieses: der neuzeitliche Mensch verstand das „er selbst“, in dem seine Freiheit vor der Welt begründet ist, nicht als das des Geschöpfes, sondern als das des Schöpfers seiner Welt. Das bedeutet, dass nun auf ihm nicht nur die Last lag, wissen zu müssen um Gut und Böse. Sondern er musste um Gut und Böse wissen, ohne es noch gründen zu können auf das Gut und Böse, das der Grund ist von allem Gut und Böse, das es gibt. Nämlich das Gute das die Freiheit für Gott ist; das ist Gottes eigenes Gutsein, sein Uns-gut-sein, seine Gnade.“

Einfacher hat es Martin Luther einmal sinngemäß so formuliert: Wer den freien Willen zum eigenen Willen macht, der nimmt ihm die Freiheit. Wahrhaft frei ist nur der Wille, der sich auf Gott richtet.

Wo diese Tatsache nicht mehr anerkannt wird, da verwandelt sich der freie Wille rasend schnell in bloßen Eigensinn. Freiheit vollendet sich im Bekenntnis zu dem Gott, durch den uns die Freiheit geworden ist. Das ist dann die Kirche aus wahrhaft evangelischem Geist. Das ist die zentrale protestantische Vorstellung, die nicht aufgegeben werden kann, die niemals aufgegeben werden darf.

Der Reformationstag und hoffentlich nicht nur er, erinnert uns daran, dass wir mit demütigem Selbstbewusstsein vor die Welt hinzutreten haben, um ihr das Heil zu verkündigen, um sichtbar zu machen, was verborgen war, um im Licht zu reden, was uns in der Finsternis gesagt worden war.

Mit dem Blick auf die Ökumene muss man darum auch sagen: Es gibt keine Einheit in der Undeutlichkeit! Manchmal nämlich gewinne ich den Eindruck, als würden zahlreiche Christen und sogar Menschen, denen die Leitung der Kirche anvertraut ist, das Verblassen konfessioneller Unterschiede als große Chance begreifen. Das ist aber nicht der Fall und vielmehr eine sehr trügerische Hoffnung, die in die Irre leitet. Es gibt keine Einheit in der Undeutlichkeit, und es gibt in Glaubenssachen auch keinen Kompromiss. Ich kann für mich an diesem Tag darum auch nur feststellen, dass ich es als heilsam angesehen habe, dass Benedikt XVI. dies bei seinem Besuch in Deutschland auch seinerseits festgestellt hat und betonte, über den Glauben könne man nicht verhandeln. Die Einheit unter Christen kann nur im Glauben selbst gefunden werden, weil und insofern sich der Glaube auf den einen Herren richtet.

Gerade darum ist es unserer protestantischen Kirche nicht würdig, wenn immer wieder nach der Anerkennung durch Rom verlangt wird, und Enttäuschung sich breit macht, wenn sie zum wiederholten Male nicht erfolgt. Ich will es klar und ehrlich für mich sagen:

Ich bewundere Benedikt XVI. als frommen, authentischen und unbeugsamen Zeugen Jesu Christi. Gern war ich unter den Tausenden, die mit ihm gemeinsam im Olympiastadion Gottesdienst gefeiert haben. Er ist ohne Zweifel einer der klügsten Männer unserer Zeit. Er ist ein Vorbild und Beispiel für die ganze Christenheit. Er ist wahrlich ein Fels in der Brandung des Relativismus unserer Tage. Es gibt keinen Grund, ihn nicht auch als Bruder zu lieben.

Aber als Protestant weiß ich mich unmittelbar vor Gott, umgeben mit der Fülle priesterlicher Würde und bekenne mich zu Jesus Christus meinem Herrn und Gott. Die Anerkennung des Papstes brauche ich dafür nicht!

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen.
Thomas Roloff


Reformation Day

You might see from the fact that this day in Eastern Germany, with the exception of Berlin, is a legal holiday, this was once the heartland of the Reformation, just traces of course. Mr. Roloff held today in Potsdam a very Protestant sermon, well, appropriate to the occasion. And I thought (if you want) to see another point of view, just look at this. The questions he raises are in need of a thorough answer, if you have one. For my part there would be just counter questions about whether the undoubtedly correctly seen morose state of contemporary Protestantism is necessarily so, but then this all would become much longer, and who really likes to read endless stuff. But I am grateful the mentioned blogger reminded me on Bach's Cantata "Awake, the voice calls us", BWV 140, that was my daily waking up music a long time ago, a bit inappropriate I admit. But it worked quite well, especially when heard fairly loud. I had looked around a bit with the available recordings, and found this very appealing because of the pace; the English accent is a bit disturbing, though.


Sermon on Reformation Day 2011
in St. Nicholas at Potsdam


Matthew 10, 26b-33

Grace to you and peace from God our Father and our Lord Jesus Christ. Amen.

Dear parish,

There was a time when I did not care to hear the word “reform” any longer. Everything had to be reformed. The authorities were reformed and the welfare system, the labor market had to be reformed, and the school system if you believe the educational experts, must always be properly reformed. The universities had to be reformed and the police forces. The tax system has to be reformed and public spending. If you were looking for attention as a politician, you had to present the most sophisticated ideas of reform. In most cases, reform meant arrangements had to be changed, different counties, police departments were resolved, some authorities even disappeared, staff is reduced, new types of schools and the tax reforms actually end always with a tax increase. Reform here means change, transformation, and often simply destruction.

There was a time when I did not care to hear the word “reform” any longer, and I almost think it is not over yet.

The concept of reform, in its literal sense means basically relocating and restoring the original order and its true form. The real reform looks after the way things were determined, and therefore should be well again, and only this Reformation is the subject of today's feast day.

I therefore want you to tell the story of a wonderful reformation. There is near Magdeburg, a small beautiful Thomas Church. It was built in 1140 by the Premonstratensians in Romanesque style and it experienced many changes over the centuries. Age and the GDR time wasn’t that kind to it so much so it probably had been abandoned and now completely would have disappeared, if it hadn’t a priest coming to the village, experienced in building matters and blessed with a wife engaged in conservator exercises. In the Seventies they began to save the house of God, and that alone would have been laudable. But now they discovered also valuable Romanesque-Byzantine paintings and tried to uncover these under plaster and paint layers in a difficult way and secure them and make it visible again. Just who understands a bit about the restoration of such art treasures and also has an idea, how imaginative the East German Communist regime was, when it came to hinder the care of people for their religious home and discredit it, can measure, which work of these two people have done for decades with many helpers. This church in Pretzien has long been again now a popular unique place in the Romance street that runs through the whole of Saxony-Anhalt.

But this church is also a unique place that brings to life what is called a successful reformation. I want to keep in mind the story of the rediscovery of the paintings of St. Thomas in Pretzien when I now turn to the section of Matthew's Gospel, on which this sermon is based:

"… for there is nothing covered, that shall not be revealed; and hid, that shall not be known."

It was a depressing experience of the Reformers, that the luminous message of salvation in Christ had lost through the centuries not only their shine, but as with many layers of paint and plaster, was obscured by human work. The Reformation wanted to put into the center again of what is possible through faith, namely the free man who finds his salvation by grace of God, and that without the works of the law and without priestly mediation. The free man is by grace of God his own priesthood, like all believers.

Now he can fulfill upright before all the people for what Christ gives us as a duty preaching: "What I tell you in darkness, that speak ye in light: and what ye hear in the ear, that preach ye upon the housetops. And fear not them which kill the body, but are not able to kill the soul: but rather fear him which is able to destroy both soul and body in hell. "

This is the ever and ever recurring message: Do not be afraid! The fear of earthly powers and principalities is the greatest hindrance to the truth. The truth, though, can easily be found: "Are not two sparrows sold for a farthing?” Jesus is asking “and one of them shall not fall on the ground without your Father. But the very hairs of your head are all numbered. Are not two sparrows sold for a penny," said Jesus asks. "However, none of which falls to the ground without your Father. But the very hairs of your head are all."

With this picture, simple and understandable for everyone, Christ shows the omnipotence of his father who encompasses the whole universe that surrounds the eternity and endlessness so naturally. Those who believe in this power, who put their whole trust in it, just have to hear, “fear ye not therefore, ye are of more value than many sparrows."

Fear not, go to work! Preach from the roofs, and if you are not able to do this, do the work that is applied to you to the glory of God. With everything we do, we can confess Christ before men, as he demands it from us and we will recognize how what we do enables a way and a meaning.

But is God in need of us people in the way that we have to uncover the long-lost pictures or otherwise proclaim his word? Of course not, but he proves his power in using us, when as free people we obey his will. Who so as a free man committed to God, gained a unique priestly dignity, by which we are united to the communion of saints. Here also the dignity of the concept of freedom is respected. The God-forgotten modern time always also likes to wear it like a monstrance losing its real meaning.

Friedrich Gogarten once described this process and so the basic problem of secularization as followed: "It happened this: modern man understood that ‘he himself’ founding his freedom before the world becomes the creator, but not the creature of his world anymore. This means that now it was not only the burden of having to know about good and evil. But he had to know about good and evil & couldn’t still establish it on the good and evil, that is the reason of everything good and evil, that is. Namely the good, that is the freedom for God, God's own goodness, his being good for us, his mercy. "

Martin Luther once analogously wrote:”Who takes the free will as his own will, takes his freedom. Truly free is only the will that is directed to God.

Where this fact is ignored free will is rapidly transformed into obstinacy. Freedom culminates in the commitment to God, who created our freedom. That is the church founded by truly evangelical spirit. This is the central Protestant idea that can’t be abandoned, that must never be abandoned.
This day remembering the Reformation - and hopefully not only this day - reminds us that we have to come with a humble confidence to the world to preach and show it salvation, to make visible what was hidden, to speak in the light of what had been said to us in the darkness.

With a view of the ecumenical movement one has to say also: There is no unity in vagueness! Sometimes I get the impression that many Christians and even people whom the government of the Church is entrusted are seeing the fading of denominational differences as a great opportunity. But this is not the case and instead a very deceitful hope leading astray. There is no unity in obscurity, and there is also no compromise in matters of faith. I can confess this day I saw it as beneficial, that Benedict XVI when he visited Germany said this, too: there can’t be any negotiation about faith. The unity among Christians can be found only in faith itself, because, and insofar as the faith based on one Lord.

Precisely for this reason it is not worthy of our Protestant Church to ask repeatedly for approval by Rome, and to be disappointed, if this recognition once again is not taking place. I want to speak clearly and honestly for myself:

I admire Benedict XVI as a pious, authentic and unbending witness of Jesus Christ. I’m glad I was among the thousands who have celebrated service together with him in the Olympic stadium. He is without doubt one of the wisest men of our time. He is a role model and example for the whole Christianity. He is truly a rock in the surge of relativism in our days. There is no reason not to love him as a brother.

But as a Protestant, I know I’m standing immediately before the face of God, surrounded with an abundance of priestly dignity, and am committed to Jesus Christ my Lord and God. The recognition of the Pope, I do not need for it!

Amen.

And the peace of God, which passeth all our reason, our hearts and minds in Christ Jesus our Lord forbid.
Thomas Roloff

Samstag, 22. Oktober 2011

Liszt und so


Transkription der Pastorale von Beethoven, Glenn Gould
hier gefunden

„Ich wollte zum Schreiben dieses Posts Musik von Liszt auflegen, musste aber erst nachdenken, wo die Liszt CDs eigentlich sein könnten. Ich vermutete sie in einem Kasten in einer dunklen Ecke (ja, da muss mal wieder gestaubsaugt werden), wo auch Chopin ist.“ Mit derlei launigen Bemerkungen würdigte der Blogger Jay Franz Liszt’s 200. Geburtstag, während Herr Morgenländer doch deutlich milder, um nicht zu sagen euphorisch urteilt. Beide haben ihren Post Musik beigegeben. Insofern auch aus diesem Grund empfehlenswert, die beiden Orte aufzusuchen. Es ist zwar wieder ein Nachtrag geworden, aber vielleicLinkht stolpert ja jemand darüber. Ich selber, gebe ich zu, habe bei Liszt aus verschiedenen Gründen oft ein unbehagliches Gefühl. Das mag damit zusammenhängen, daß er unbewußt immer mit diesen unerfreulichen Nachrichten verbunden bleiben wird, aber dafür kann er ja nichts, wie auch immer.
nachgetragen am 24. OktoberLink