Dienstag, 3. März 2026

Thomas Jastram in der Galerie Martina Fregin


Eröffnung der Ausstellung am 27. Februar 2026 in Güstrow


Liebe Tine, lieber Thomas,

sehr verehrte Frau Fregin,

liebe Freunde der Kunst,

obwohl ich bereits einmal eine Ausstellung von Thomas Jastram, und zwar in Dresden, mit einer kleinen Rede eröffnen durfte, hatte das Künstlerpaar den Wunsch, dass ich es heute hier in Güstrow wieder tun soll.

Es ist einer meiner zentralen Lebensgrundsätze, dass ich immer am dankbarsten für das bin, was ich nicht machen muss, wenn sich aber eine Aufgabe stellt, dann soll man auch versuchen, sich ihrer mit Anstand zu entledigen.

Ich bin allerdings weder Kunstkenner noch in anderer Weise ein Sachkundiger. In erster Linie bin ich ein Freund des Künstlerpaares, dem wir diesen heutigen Abend verdanken.

Diese Freundschaft hatte ihren Ausgangspunkt in der Einsegnung einer Ehe, die ich vorzunehmen hatte. Sie besitzt also im weitesten Sinne einen religiösen Hintergrund.

Darum soll der Zusammenhang von Kunst und Religion auch der Gegenstand meiner kleinen Eröffnungsrede sein.


Dort, wo das Geistige Gestalt gewinnt, da ereignet sich Kunst oder eben Religion – und beides ist oft gar nicht so leicht voneinander zu unterscheiden.

Güstrow bietet für diese Tatsache einen sehr schönen Beleg, der sich im Dom findet und den Ernst Barlach als Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges geschaffen hat. Sein Schwebender ist ein Mahnmal gegen den Krieg, gleichsam ein stummes Flehen, Beten um Frieden.

Kunst verlangt zuweilen den Mut, sich von genau dieser Stille übertönen zu lassen. Sie will uns nichts einreden, sondern die Antwort auf sie gleichsam unserem Inneren entlocken. Das kann man dort in der Seitenkapelle des Güstrower Doms erleben.



Was hat dieser Prolog über Güstrow nun mit Thomas Jastram zu tun?

Thomas ist und bleibt Mecklenburger, auch wenn er jetzt in Hamburg wohnt. Jeder aber, der Mecklenburg seine Heimat nennt, steht unter einem höheren Himmel, als der Rest der Welt ihn kennt. Diesen Himmel muss man zeigen und überall, wo der Himmel auf Erden gezeigt wird, da ereignet sich Kunst oder eben Religion.

Beide gewinnen ihren Sinn daraus, dass sie eine Verbindung schaffen, dass sie eine Brücke bauen zwischen dem, was sichtbar ist und unserer Sehnsucht, zwischen dem, was vergeht und dem, was dennoch der unvergängliche Kern der Dinge bleibt, zwischen dem, was wir erleben und dem, was dennoch unsere Hoffnung ist – eben zwischen Himmel und Erde.

Darum bildet wahre Kunst auch nichts ab, sondern sie macht sichtbar. In ihr ist etwas, was über unsere Wirklichkeit hinausweist. Ihr gehört bereits ein kleines Stück der Ewigkeit. 

Kunst vermag es gleichsam, den Finger aus der Zeit heraus zu recken, wie der Adam Michelangelos seinen Finger dem Allmächtigen entgegenstreckt.

Haben wir nun hier einige Sentenzen darüber gehört, was Kunst ist, dann will ich gleich auch noch darüber nachdenken, wer diese Wunder, denn wahre Kunst ist immer auch mindestens ein kleines Wunder, vollbringen kann. Wer ist ein Künstler?

Joseph Beuys hatte darauf eine prägnante Antwort: „Nicht einige wenige sind berufen, sondern alle.“ Es entströmt diesem Satz die verführerische Illusion, dass jede menschliche Darbietung gleich ernst zu nehmen und zu würdigen wäre.

Ich aber will dabei bleiben, wo alles Kunst ist, da ist nichts mehr Kunst. Nicht nur das Schönheitsempfinden, jede Wahrnehmung braucht zunächst die Unterscheidung.


Die Bibel blickt darum auch weiter. Zwar kennt auch sie die Vorstellung, dass alle berufen werden, belehrt uns dann aber im Matthäusevangelium darüber:, dass zugleich nur wenige auserwählt sind.

„Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Matth 22,14

In unserem Zusammenhang wird nun sehr deutlich, dass die Erwählung niemanden herabsetzt oder gar entwertet, sondern sie gibt der Welt ihre Ordnung.

Sie hat zudem, und im Reiche der Kunst kann man das eindrucksvoll nachvollziehen, auch Können oder sogar Meisterschaft zur Grundlage. Ohne den Willen, das Handwerk zu erlernen, sich Befähigungen anzueignen und sich auch mancher Regel zu unterwerfen, sind Können und Meisterschaft nicht zu denken. Nur, wer sich allen Regeln demütig unterworfen hat, der darf sie am Ende auch brechen.

Zusätzlich sind Können und Meisterschaft die Weise, auf der wir uns nicht nur im bildlichen Sinne, dem Himmel entgegenstrecken. Ohne diesen Willen des Menschen, ohne dieses Mühen und Streben und Ringen gäbe es keine Kunst.


Gleichzeitig braucht sie aber immer die Begegnung, die Griechen würden sagen, mit der Muse, ich sage mit dem Ewigen, mit dem Ideal des Schönen, des Guten und vor allem des Wahren. Ohne diese Begegnung gäbe es gar keine Kunst.

Gelingende Kunst läßt sich eben nicht erzwingen. Sie braucht bei allem Willen und Handwerk noch eine andere Hilfe.

Die Berührung vom Ewigen, Inspiration, welche Namen man immer für ein Phänomen gebrauchen will, das als solches aber wohlvertraut ist. Es sorgt dafür, dass das Werk größer wird als der Erschaffer, was ihn aber nicht kleiner macht, sondern in einem gewissen Sinne ebenbürtig. Denn er durfte zum Mitschöpfer der Welt werden. Was es wiederherstellt und heilt, ist die Verbindung mit allem Überlieferten, Lebendigen, Ewigen, Wahren, Guten und Schönen. Und davon zeugt es. Dieses Phänomen wirkt im höheren Sinne eine neue Einheit.

Wer also nicht glaubt, dass das Schöne, das Gute und das Wahre uns lebendig gegenübertreten können, der sollte vielleicht kein Künstler werden.

In der Religion ist es übrigens sehr ähnlich. Man kommt um das Lesen in der Heiligen Schrift, um das Erlernen der Liturgie und um das Studium von Bekenntnis und Dogmatik nicht herum. Durch sie streckt sich der Mensch gleichsam seinem Gott entgegen. Aber ohne die wirkliche Begegnung mit ihm, dem Herrn der Welt, bleibt alles das ganz und gar nutzlos.

Es verkommt zur Bigotterie, so, wie Kunst, ohne Begeisterung bestenfalls matte Dekoration bleibt.

Es ist möglich diesen Gedanken noch aus einer etwas anderen Perspektive zu vertiefen. Sie eröffnet sich mit Blick auf eine meiner Lieblingsfiguren aus dem Werk von Thomas Jastram und der christlichen Mythologie, ich meine den Hl. Christophorus.

Um seine Geschichte nur ganz kurz zu erzählen, die meisten unter uns werden sie vermutlich kennen.

Es war ein großer und sehr starker Mann, der sich aufmachte, den Lebenssinn darin zu finden, dass er sich in den Dienst des größten Herrn stellte. Er kam zunächst zu einem mächtigen König, der sich aber furchtsam bekreuzigte, als in einem Lied der Name des Teufels genannt wurde. Da verließ er ihn und suchte den Teufel.

Nachdem er diesen und seine Spießgesellen gefunden und sich ihnen angeschlossen hatte, wurde er gewahr, dass der Teufel offensichtlich Furcht vor dem Gekreuzigten hatte, den sie zuweilen an den Wegaltären sehen konnten.

Also beschloss unser Held, nun diesen zu suchen. Ein Einsiedler, dem er begegnete, bestätigte ihm, dass Christus der größte Herrscher der Welt wäre und befahl ihm, das Fasten und das Beten zu erlernen. Zusätzlich übernahm er den Dienst, an einem Fluss Menschen hinüber und herüber zu tragen.

Fasten, beten und dienen, das prägte nun sein Leben. Vermutlich hat er einiges Können, unter Umständen sogar Meisterschaft darin erworben.

Alles das bleibt aber menschliche Vergeblichkeit, wenn die Begegnung, auf die es ankommt, und von der ich bereits vorhin gesprochen habe, nicht zustande gebracht wird.

So war es hier zum Glück aber nicht, denn eines Nachts hörte er eine Kinderstimme rufen, konnte aber in der Dunkelheit nichts erblicken. Nach dem dritten Ruf nochmals hinausgehend sah er ein Kind, das hinübergetragen werden wollte.

Als er aber mit diesem Kind auf der Schulter ins Wasser stieg, wurde die Last immer schwerer, das Wasser schwoll an, er fürchtete zu ertrinken und glaubte, die ganze Welt läge auf seinen Schultern. – „Mehr als die Welt hast du getragen“, sagte das Kind zu ihm, „der Herr, der die Welt erschaffen hat, war deine Bürde.“ Das Kind drückte ihn unter das Wasser und taufte ihn so.

Am Ufer erkannte er Christus als seinen Herrn und wurde so zum Christopherus, zum Christusträger.

Der Herr trug ihm nun auf, ans andere Ufer zurückzukehren und seinen Stab in den Boden zu stecken: er werde als Bekräftigung seiner Taufe finden, dass der Stab grüne und blühe. Als Christophorus am Morgen erwachte, sah er, dass aus seinem Stab tatsächlich ein Palmbaum mit Früchten aufgewachsen war.

Die Mühe wurde also am Ende belohnt.

Und ist es nicht so auch mit unserem Künstler?

Wer einmal in seinem Atelier in Hamburg gewesen ist, der konnte dort sehen, wieviel Skizzen und Formen und Versuche es braucht, bevor ein Werk gelingen kann, dass dann nicht nur vor den Augen des Meisters, sondern auch vor denen des Publikums und vielleicht sogar vor denen der Nachwelt Bestand hat. Wie oft muss man durch den reißenden Fluss, um im Bild zu bleiben, Ideen, Erwartungen und Hoffnungen hin und her tragen, bevor es zu der Begegnung kommt, die alles verändert?

Und dann gibt der Künstler sein Werk aus der Hand. Denn dasselbe Ringen, Denken und Suchen wird nun uns möglich, die wir seine Skulpturen betrachten. Nachdem sie dem Geist des Künstlers entstiegen sind, müssen sie in unseren hinein. Wir sollen die Bildwerke wieder verinnerlichen und dadurch mit nach Hause und dauerhaft mit in unser Leben nehmen.

Dazu reicht zwar theoretisch das Betrachten, noch besser für den Künstler und auch die Galeristin wäre es aber, wenn manch ein Besucher sich entschließt, das Werk auch zu erwerben.

Liebe Frau Fregin,

Sie haben hier einen wunderschönen Ort geschaffen, an dem alles, von dem ich gesprochen habe, stattfinden kann.

Der Künstler, die Kunst und die Menschen, die sie lieben, können einander begegnen. Und ich wünsche uns allen, dass die Werke von Thomas Jastram etwas in uns auslösen, uns begleiten und uns dann nicht wieder verlassen.

Und ich wünsche uns gemeinsam einen schönen Abend.

Thomas Roloff


Nachträge

Das nähere Notwendige erfährt man hier

Ein paar Bilder von einem alten Mann mit und ohne Laudator folgen. Und vor allem eines meiner herzensguten Kunstnachbarn, die mich mit einem unzuverlässigen Auto dort hingebracht und auch wieder in die Residenzstadt zurückgebracht haben, eine nicht unwesentliche Voraussetzung, daß dieser Beitrag endlich erscheinen kann.