Sonntag, 8. Juli 2018

Glaube, Liebe, Hoffnung & Barmherzigkeit in der Stadtkirche zu Neustrelitz

Stadtkirche, Neustrelitz

Für diesmal konnte ich meine metaphysische Müdigkeit, die mich an Sonntagen derzeit  regelmäßig überfällt, erfreulich überwinden. Ein solch frohes Ereignis will ich dann auch gleich mit den Bildnissen von Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit teilen. Die Figuren, recht anmutig aus Lindenholz geschnitzt, befinden sich in der Neustrelitzer Stadtkirche oberhalb des Altars, auf der Empore darüber. Ich durfte sie, Pf. Feldkamp gilt der Dank, nach dem Gottesdienst näher in Augenschein nehmen.

Geschaffen hat sie der Neustrelitzer Bildhauer Simon Gehle zur Entstehungszeit der weniger alten Kirche (1778 wurde sie geweiht). Und trotz ihres eher jungen Alters sind sie doch schon einige Male in ihr umhergewandert. Ursprünglich standen sie wohl vor dem Altar. Dann wechselten sie auf die Empore, dem Altar gegenüber. Als der Platz dort für die inzwischen wunderbar restaurierte Orgel von 1893 gebraucht wurde, nahmen sie den Ort der kleineren Orgel ein, die sich zuvor über dem Altar befunden hatte und früher aus Wanzka dorthin geschafft worden war.

Die Abbildungen sind, höflich gesagt, etwas „pastos“ geraten. Dafür könnte ich jetzt abwechselnd meine recht begrenzten Photographierfähigkeiten, die Schlichtheit der Kamera, das trübe Tageslicht oder den herzoglichen Leibmedikus Dr. Verpoorten verantwortlich machen. Ich entscheide mich für letztes.

Glaube, Fides

Die Stadtkirche ist, von außen betrachtet, von beeindruckender stiller Würde (Buttel hat bis 1831 den Turm hinzugefügt und die Außenfassade überformt). Sie hat im Innern im einzelnen viele Schönheiten, aber: Ich habe über den Leibmedikus Verpoorten, nach dessen Plänen sie entstanden ist, irgendwo den Begriff eines enthusiastischen Amateurarchitekten gefunden. Das mag sein. Aber Liebe allein genügt nicht immer.

Unterstellen wir einmal, was ich auch irgendwo gelesen habe,  er hätte tatsächlich die Königliche Schloßkapelle von Versailles als Vorbild genommen (nun ja), dieses auf die bescheidenen Neustrelitzer Verhältnisse heruntergebrochen und mit seinem Riß gewissermaßen eine Adaption vorgenommen. Hübsche Idee, und als Riß sah das bestimmt auch nett aus. Aber der begeisterte Architekturliebhaber hat etwa die Lichtverhältnisse nicht bedacht.

Die übermäßigen Emporen verschlucken fast jede Tageshelligkeit (so daß die nicht wenigen Schönheiten der Kirche gewissermaßen im Halbdunkel verdämmern). Zudem erdrücken sie förmlich den Innenraum, das macht, daß die Kirche eher als ein Theater mit Logen erscheint, gewissermaßen eine religiöse Erziehanstalt mit der Predigt als aufgeführtem Erbauungsstück. Das paßt gut zur protestantisch nüchternen Mentalität des 18. Jahrhunderts, und auch der ursprünglich vorhandene typisch evangelische Kanzelaltar fügt sich ins Bild. Die Predigt thront gewissermaßen über dem Sakrament. Doch wir schweifen ab.

Liebe, Caritas 

Kurioserweise gibt es ein Zeugnis vom damaligen Strelitzer Hof und über den Leibmedikus. Einen britischen Reiseautoren namens Nugent verschlug es sogar in diesen Teil Mecklenburgs und dort finden wir folgendes (Thomas Nugents "Reisen durch Deutschland und vorzüglich durch Mecklenburg", aus dem Englischen übersetzt, und mit einigen Anmerkungen und Kupfern versehen... Berlin und Stettin bey Friedrich Nicolai, 1781):

„Er ist mittelmäßiger Statur, von schwärzlichem, aber regelmäßigen Gesicht und ernsthaftem Wesen. Ohngeachtet er ein Hofmann, und wie man sagt, ein Favorit des Herzogs ist, so scheint er doch etwas blöde zu seyn. Sein Vater war Leibmedikus beym Herzog von Coburg, und der Sohn, der eben daher gebürtig ist, ward Leibmedikus beym vorigen Herzog von Strelitz, welchen Posten er auch beym itzt regierenden Herzog behalten hat... Der Doktor zeigte uns auch seine Naturaliensammlung, in welcher viele Seltenheiten vorhanden sind, vorzüglich aber fand ich hier eine ungeheure Menge roher und polirter Steine. Auch ist seine Foßilien- und Muschelsammlung eher nicht zu verachten. In meinem Leben habe ich nicht so viel Ammonshörner auf einem Haufn gesehen, als hier...“


Ich gebe zu, hier stutzte ich. Ein blödes schwärzliches Gesicht inmitten ansonsten höflichen Lobs, das paßte nicht (gut, es mag Milieus geben, in denen das..., doch nein, wir wollen nicht zeitgenössisch werden). Doch wenn man übersetzungshalber ins Original schaut, war er charakterlich eher verlegen, gar schüchtern und von dunkler Gesichtsfarbe. Das ist alles. Das macht ihn als Sonderling nahezu wieder sympathisch. Doch wir schweifen schon wieder ab.

Erneut zu den Figuren. Statuen können zwar offenkundig wandern, aber immer noch nicht sprechen, daher hat man ihnen typischerweise Attribute zugesellt. So daß man weiß, woran man ist.  Bei den christlichen Heiligen ist dies oft dasjenige, womit oder woran sie zu Tode gebracht wurden, um den Stand der Heiligkeit zu erlangen. Der Hl. Laurentius († 10. August 258 in Rom) hält einen Rost, die Hl. Agatha († um 250 in Catania) trägt ihre Brüste vor sich her. Wir gehen hier besser nicht ins Detail.

Wir sind ja auch schon sehr fern von diesen Dingen, in aufgeklärteren, luftigeren, abstrakteren, erdferner abgeklärten Zeiten, genauer, in den dort vorherrschenden Auffassungen. Und jetzt versetzen wir uns in die Rolle des unwissenden Besuchers und schauen uns die Statuen näher an. Figurenraten gewissermaßen. Nun sind wir im protestantischen Spätbarock, da sind die Attribute der christlichen Ikonographie schon etwas durcheinander geraten und verwildert. Aber versuchen wir einfach unser Glück.

Spes, Hoffnung

Glaube, Liebe und Hoffnung sind ein beliebter Topos protestantischer Kunst. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“ Heißt es bei Paulus im 1. Korintherbrief (13. 13). Mitunter gesellt man die Barmherzigkeit noch der Liebe zu. Mit den Namen sind wir also schon mal ziemlich auf der sicheren Seite.

Bei den Attributen müssen wir etwas knobeln. Spes, die Hoffnung, kann zahlreich charakterisiert werden - gen Himmel gestreckte Hände, ein aufgerichteter Blick, darüber eine Krone oder die Hand Gottes, ein Vogel im Käfig, Biene, Phönix, Taube, Blütenzweig, Füllhorn...  (wir tappen noch im Dunkeln), aber auch ein gesegneter Leib und, spät, der Anker. Wir haben einen Anker. Das Kreuz bei derselben Figur würde eher auf den Glauben deuten, aber wir haben, denke ich, die Hoffnung gefunden. Also Nr. 3 (von links gezählt).

Glaube, Fides. Das Kreuz ist schon vergeben und auch kein weiteres Mal vorhanden. Ein unterworfener Häretiker z.B. wäre auch ein paar Jahrhunderte zu spät dran, die gibt es jetzt überall, es hätte nicht mehr ganz in die Zeit gepaßt, ein Kelch mit Hostie, Fehlanzeige. Aber es kommen auch Bücher oder Schriftrollen mit einem Glaubensbekenntnis vor. Und wo wir in der Hl. Schrift vor uns hin blättern: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat (1. Joh. 5.4).  "Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" (1. Kor. 15.55)  Es wird der Glaube sein (also Nr. 1).

Barmherzigkeit, Misericordia 

Jetzt fehlen uns noch Liebe und Barmherzigkeit.  Die Barmherzigkeit, Misericordia (wörtl. etwa Erbarmen des Herzens) wird gewöhnlich an ihren Werken erkannt. Das spräche für Nr. 4. Unglücklicherweise sieht sie ein wenig aus, als hätte sie die falschen Drogen genommen (was immer das bedeuten mag). Man kann es diesen Abbildungen nicht gut ansehen, aber die Statuen sind im übrigen durchaus eindrucksvoll und künstlerisch überzeugend.

Uns fehlt die Liebe. Es gibt sie in 2 Variationen, als Caritas Dei (Liebe zu Gott) oder Caritas Proximi (zum Nächsten). Alle diese abstrakten Personifikationen tauchen in der christlichen Kunst übrigens eher spät auf (man hat sich zuvor lieber an konkrete Gestalten gehalten). Die Liebe wird gern gekrönt dargestellt, mit Flügeln oder brennendem Herz, mit Kelch, Lanze, Fackel, Füllhorn, Pelikan oder als Mutter mit Kindern, wie auf diesem eher gruseligen Gemälde von Julius Schnorr von Carolsfeld.


Und dann haben wir noch das Lamm. Zum Glück ist nur noch diese Figur übrig, und die Hinwendung zum Nächsten ist mit der Barmherzigkeit bereits hinreichend hervorgehoben. Es wird das Lamm Gottes sein, also Christus, das zu Füßen über der Hl. Schrift wacht. Auch die Liebe fußt wortwörtlich auf derselben, und Herz und Blick weisen gen Himmel.

Mir fiel eben ein. Virtus kommt von Vir (der Mann) und steht bekanntlich für Tapferkeit, Tugend, Tüchtigkeit, Leistung, Mannhaftigkeit, ist aber dem grammatikalischen Geschlecht nach weiblich.  Kein Wunder also, daß sie bildlich ebenso dargestellt wird. Entweder ein böser Trick des systemischen Patriarchats oder eine frühe Reflexion der Anima (i. S. Jungs), das darf man ganz nach Parteizugehörigkeit entscheiden.

Und noch ein letzter schräger Schlenker (der ein wenig an eine launige Bemerkung von vorhin anschließt). Die Vase auf dem abschließenden Bild ist neu, sie ist eine der beiden, die das Gebälk der hinter dem Altar aufragenden Schaufassade bekrönen.

Im Oktober letzten Jahres brach ein offenbar psychisch kranker 29-Jähriger, benebelt von Alkohol und Drogen, in die verschlossene Stadtkirche ein, verwüstete mit einem Feuerlöscher den Innenraum, schlug u.a. Fenster ein und warf benannte Vase nach unten. So entkirchlicht diese Gegend inzwischen ist, kommen Drogen ins Spiel, bricht der Diabolos sich doch wieder Bahn.

Denn warum hat sich der Verwirrte ausgerechnet eine Kirche für sein Toben ausgesucht, zumal das ja mit erheblichen Anstrengungen verbunden war, er mußte schließlich erst einmal hineingelangen. Nun steht diese blumenumkränzte Vase wieder proper an ihrem Ort, nur daß sie jetzt ebenfalls üblicherweise nur noch aus der Ferne bewundert werden kann.

nachgetragen am 10. Juli

Kommentare:

DirkNB hat gesagt…

Sorry, wenn ich hier mal etwas profan hineingrätsche, aber unter der Ein- bis Mitwirkung Dr. Verpoortens (und seiner Anverwandten) bekomme ich auch keine vernünftigen Bilder hin, meint aber wohl etwas anderes als das ursprüngliche. Weiter hinten im Text wird ja auch noch vor dem verderblichen Einfluss von Drogen, die auch unter dem Namen des Leibarztes vertrieben werden, gewarnt. Ei, ei, ei.

MartininBroda hat gesagt…

Ich denke, hier waren wir etwas neben uns, aber das sei verziehen, wo ich den Kommentar doch auch eben erst entdeckt habe, G. wurde da irgendwann unangekündigt gemein (und jetzt habe ich angefangen, mich durch Viagra und Treppenlifte zu quälen). Ich darf nur versichern, dieser Beitrag wurde ohne jeden Einfluß von Eierlikör geschrieben. Wie ich das jetzt noch wissen kann? Ich verabscheue das Zeug, und manche Dinge ändern sich eben nie.