Sonntag, 10. Februar 2019

"Der Glanz der Kirche wächst, wenn man sie schmäht und verfolgt." - eine Predigt

Nicolaikirche in Magdeburg-Neue Neustadt, Westseite

Während ich noch zwischen einigen unveröffentlichten Texten sitze, ich sollte besser sagen, sinnvollerweise zurückgehaltenen, nur als ein Beispiel - Jeder Liebhaber der Schönheit erfährt verstört deren Vergänglichkeit (ja, ich habe tatsächlich weiter ein wenig über Schinkel etc. nachgedacht) - kam mir Herr Roloff mit einer Predigt dazwischen, die er heute in Magdeburg halten wird. Und die kann man dann nachfolgend schon jetzt lesen. 

Nicolaikirche in Magdeburg-Neue Neustadt, Südseite

Predigt zum 4. Sonntag vor der Passionszeit

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

Und an demselben Tage des Abends sprach er zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn, wie er im Schiff war; und es waren mehr Schiffe bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und warf Wellen in das Schiff, also daß das Schiff voll ward. Und er war hinten auf dem Schiff und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts darnach, daß wir verderben? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? denn Wind und Meer sind ihm gehorsam.
Mk 4, 35-41

Liebe Gemeinde,

die Natur ist eine alles überwältigende Macht. Das beweist sie uns immer wieder, zuweilen auch in großer Schrecklichkeit. Der Mensch ist der Natur nicht gewachsen. Stürme, Fluten, Vulkane und Erdbeben zerstören unsere Welt. Sie entfalten unvorstellbare Gewalt. Sie sind ein Teil unserer Wirklichkeit.

Christus erweist sich als Mensch auch darin, dass er sich mit den Menschen dieser Wirklichkeit aussetzt. Genau das erzählt uns die Geschichte, die der heutigen Predigt zugrunde liegt. Es ist der Abend eines Tages, an dem der Herr den Menschen, die ihm und seinen Jüngern gefolgt waren, viele Gleichnisse erzählt hatte, um sie zu unterrichten. Der Zusammenhang lässt uns darauf schließen, dass Jesus vom Boot aus zu den Leuten gesprochen hatte und nun, nachdem es Abend und er müde geworden war, ein Quartier aufsuchen wollte.

Mit mehreren Booten trat man die Fahrt über das Galiläische Meer an. Dieser große See im Norden des Heiligen Landes, der oft auch nach der an seinem Ufer gelegenen Stadt Tiberias benannt wird, ist von hohen Gebirgen umsäumt  und für überraschende Fallwinde, die sich zu schweren Stürmen verstärken können, berüchtigt.

Ein solches Ereignis sucht die Reisegesellschaft nun heim.
Panik erfasst die Jünger, denn schnell strömt schon Wasser in den Rumpf. Man droht zu versinken. Es ist nicht viel Zeit. Etwas muss geschehen – irgendetwas,

Jesus aber schläft tief und fest auf seinen Kissen. Nun geschieht etwas Sonderbares. Die Jünger wecken ihren Meister. Nichts deutet darauf hin, dass sie der Ansicht sind, man müsse sich nun gemeinsam in Sicherheit bringen. Wie sollte man auch dem Sturm und den Wellen entfliehen? Nein, ganz offenkundig wecken sie ihn, weil sie sich unbewusst von ihm Hilfe erwarten. Immerhin hatte er in ihrem Beisein bereits Wunder gewirkt, Kranke geheilt, Besessene frei gemacht. Was aber sollte sich hier ereignen?

Die Jünger wissen es nicht. Aber sie sind sich sicher, dass sie sich in ihrer Not an keinen anderen wenden können als an Jesus allein. Bange wecken sie den Herrn.

Jeder Jude, zumal, wenn er sich im Norden des Heiligen Landes befindet und den Karmel vor Augen hat, dieses Gebirge befindet sich zwischen dem See Tiberias und Haifa, hat eine verstörende Geschichte in seinem religiösen Gedächtnis. Auf dem Karmel hat Elia sein Gottesurteil über die Baalspriester vollzogen. Ein für alle Mal sollte sich der wahre Gott erweisen. Zwei Altäre wurden auf dem Berg errichtet, zweimal wurde Holz aufgeschichtet und ein Stier als Opfer dargebracht.

Das Feuer aber sollte auf das Bitten der Priester bzw. auf das Bitten Elias vom Himmel fallen. Die vierhundertfünfzig Baalspriester lassen sich darauf ein. Sie rufen und tanzen und singen und ritzen sich die Haut blutig vom Morgen bis zum Abend, bleiben aber ohne Antwort.

Elia verspottete sie daraufhin: Ruft lauter! Er ist doch Gott. Er könnte beschäftigt sein, könnte beiseite gegangen oder verreist sein. Vielleicht schläft er und wacht dann auf. Aber nein, von einem Gott, den es nicht gibt, kann keine Hilfe kommen.

Auf Elias Bitte hin fällt dann aber verzehrendes Feuer vom Himmel. Die Baalspriester sind religiös überwunden und werden vertilgt. Gewaltig, gewalttätig, vollständig!

Die Jünger kennen diese Geschichte und sie ahnen, dass ihr Meister ihnen helfen kann. Sie wissen nicht wie, aber sie wissen, dass sie sich an ihn wenden müssen und haben darum den Mut, ihn zu wecken.

Der Herr erhebt sich, bedroht Sturm und Wellen und es wird still.

Nun werden die Jünger aber nicht gelobt. Christus tadelt vielmehr ihre Furcht und ihren Unglauben. Ist es denn nicht richtig, sich in Not und Gefahr an ihn zu wenden?

Sehen wir nochmal genau hin, womit die Jünger sich an den Herrn gewandt haben. Nachdem er erwachte, hatten sie da eine Bitte an ihn gerichtet? Haben sie ihn um Hilfe angefleht? Keineswegs.

Meister, fragst du nichts darnach, daß wir verderben? Sie richten einen Vorwurf an ihn. Das ist so unfassbar, so unerfindlich menschlich, dass man spätestens nach diesem Satz an dem Wahrheitsgehalt der ganzen Geschichte nicht mehr zweifeln möchte, gar nicht mehr zweifeln kann.

Es jagt uns Menschen wieder und wieder Ströme des Wohlgefühls durch den Körper, wenn wir in Bedrängnis anderen Vorwürfe machen können, um die eigene Unschuld und moralische Gesittung ins Licht zu stellen.

Die glaubens- und kirchenfeindliche Grundstimmung aller Zeiten speist sich aus dem Vorwurf an Gott: Wie kannst du alles das zulassen! Fragst du nichts darnach, daß wir verderben?

In schönster Anmaßung setzen Vorwurf und Frage natürlich voraus, dass wir selbst viel besser wissen, wie dem Unheil beizukommen ist. Gott soll gleichsam nur noch unseren Willen vollstrecken.
Da er dazu offenkundig nicht bereit ist, verwirft man ihn ganz. Der Mensch verliert den Glauben, der gar kein Glaube war. Der Anmaßung folgt dann die Selbstermächtigung: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“ Und so nimmt dann das Verhängnis unter wechselnden Vorzeichen und veränderten Bedingungen jedes Mal neu seinen Verlauf.

Darum ist diese Geschichte für uns heute so wichtig, denn sie ist selbst wieder zum Gleichnis geworden. Christus hat keineswegs nur Gleichnisse erzählt. Sein ganzes Leben wurde der Kirche zum Gleichnis, und die Kirche selbst ist immer auch gleichnishafte und tatsächliche Gegenwart Gottes.

Das auf den Wellen durch Zeit und Raum getriebene Boot kann für die Kirche und auch für die gesamte Menschheit stehen. Umlauert von Gefahr suchen sie ihren Weg, ihre Bestimmung und am Ende den rettenden Hafen.

Was bedeutet uns da die Gewissheit, dass er mitten unter uns ist?

Sie bedeutet uns zunächst und vor allem die Zusage: Fürchtet euch nicht! Wir verkünden einen allmächtigen Gott, der alles geschaffen hat und der die Welt erhält. Ihm haben wir zu vertrauen und zu folgen.

Ist es dann aber egal, was wir in unserem Boot, in unserem Leben tun? Dürfen wir mutwillig die Segel zerreißen, Löcher in den Bootsrumpf schlagen und den Proviant verschwenden?

Wir werden erleben, dass Menschen genau das immer wieder tun. Menschen tun das Falsche, sie tun das Böse, sie ergeben sich der Sünde. Und auch wir Christen sind Sünder, die Kirche eine Gemeinschaft von Sündern.

Worin liegt aber die gewaltige Umwälzung, die Christus vollbracht hat? Er hat das Böse und alle Sünde überwunden. Was heißt das genau? Oder ist das nicht nur so eine typische fromme Phrase, wie sie jeden Sonntag gedroschen werden?

Christus hat, indem er, der allmächtige Gott, sich aus freiem Willen dem Bösen unterwarf, diesem endgültig die Möglichkeit genommen zu siegen. Die Sünde und das Böse können nicht mehr siegen. Natürlich können Menschen bis an das Ende der Welt Böses tun. Sie machen damit aber nur den Ruhm desjenigen größer, der das Böse überwunden hat.

Menschen können Menschen zuweilen sogar Kinder quälen oder gar töten, sie werden mit ihnen nur die Schar der Heiligen vergrößern. Der Glanz der Kirche wächst, wenn man sie schmäht und verfolgt. Menschen können weiterhin Böses tun, aber seit dem Gang des Herrn an das Kreuz, kann das Böse nicht mehr siegen. Der Sünder schadet und zerstört am Ende immer nur sich selbst. Sünde ist Selbstzerstörung.

Wenn aber das Böse nun nicht mehr an sein Ziel kommen kann, dann bedeutet das in der Konsequenz, dass auch die reine Vernunft es gebietet, Gutes zu tun. Das Christentum verbindet den Glauben der menschlichen Vernunft. Nur das Christentum gibt dem Menschen vernünftige Gründe an die Hand, das Gute zu tun, seinen Nächsten zu lieben und den Schöpfer der Welt zu ehren. So werden wir mit unserem Tun, mit unserer Liebe und mit unserem Gebet zu Zeugen seiner Gegenwart.

Niemals aber bedarf der allmächtige Gott unseres Beistandes, unserer Anstrengung und einer Selbsterlösung des Menschen.

Wir sollen, wenn wir alles Gute getan haben, sprechen: Wir sind unnütze Knechte und vertrauen allein auf deine Gegenwart, auf dein Wort und auf dein Kreuz, an das wir ziehen. Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn.

Amen
Thomas Roloff


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