Samstag, 30. Mai 2026

Über ein Gespräch mit Georg Alexander, Herzog zu Mecklenburg

 

Wappen am Schloß Hohenzieritz, von hier

Kurz zur Erklärung: Der Heimatverein Neukalen (also ganz im Schwerinschen Landesteil, nämlich bei Malchin), hatte zu einem Gespräch über die Bedeutung von Heimat eingeladen. Ich durfte eine Einführung abliefern, die in etwa meinem nachfolgend wiedergegeben Text entspricht.

Habent sua fata libelli. 

„Bücher haben ihre Schicksale“, sagt der alte Römer Terentianus Maurus. Nun Familien auch. Ich stamme aus dem abtrünnigen Herzogtum im Südosten namens Mecklenburg-Strelitz. Da hatte sich Mecklenburg wieder einmal aufgespalten. 

Herzog Georg August von Mecklenburg-Strelitz, von hier

Es gab im 19. Jahrhundert einen Herzog Georg August von Mecklenburg-Strelitz, den zweitältesten Sohn von Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz, übrigens ein nicht nur musisch bedeutender Mann, er stand etwa in intensivem Briefwechsel mit Goethe. Es sind dort rührende Anekdoten überliefert, aber ich schweife ab. 

Großfürstin Katharina Michailowna von Rußland, von hier

Dieser Zweitälteste heiratete 1851 die Großfürstin Katharina Michailowna von Rußland und verlegte seinen Wohnsitz dorthin. Neustrelitz war ihr wohl doch nicht mondän genug, mutmaße ich. Sie war eine Philanthropin, und viele ihrer unterstützten Organisationen bestehen heute noch.

Das Paar bewohnte den imposanten Michailowski-Palast in St. Petersburg. Zar Nikolaus II. war dies offenkundig eher ein wenig zu viel und er schenkte ihn nach dem Rückkauf dem neu gegründeten Russischen Museum.

Das Schicksal von Zar Nikolaus II. dürfte hier bekannt sein. 

Georg Herzog zu Mecklenburg konnte den mordfreudigen Bolschewiki aber durch Gottes Gnade auf abenteuerlichen Wegen entkommen, letztlich ins Reich, und wohnte bis April 1940 im Schloß Remplin, das in besseren Zeiten von der Familie erworben worden war. Bis die Nationalsozialisten es durch Brandstiftung größtenteils zerstörten. 

1856, von hier

Es kam noch eine Internierung in Sachsenhausen hinzu, schließlich waren es ja Russen. Nach Kriegsende fand die Familie Zuflucht in Sigmaringen. Später zog sie es in den Schwarzwald und heute weilt der älteste Sohn des Chefs des Hauses namens Herzog Georg Borwin unter uns und wohnt auch nicht gar so weit weg von hier.

Wir freuen uns also auf ein Gespräch mit seiner Hoheit, Herzog Georg Alexander.

Noch mal und sogar ältere Geschichte

Das war jetzt fast zuviel Geschichte. Und ich kann verraten, es wird gleich noch schlimmer, aber immerhin nicht zu lange. Warum all das?

Nun. Es zeigt, worin sich jemand bewegen muß. Wir alle haben Familie und müssen damit leben. Ob es uns gefällt oder nicht. Und auch, wenn es uns nicht gefällt: Seine Herkunft zu kennen, ist vor allem Schatz und ein Fundament.

Wie lebt man weiter, wenn alles so über den Haufen gestürzt wurde. Gewißheiten, Vertrautes, Heimat? Die erste Regel:

Den Faden zum Vergangenen nicht abreißen lassen. Denn es sind nicht nur Fäden. Es sind Nervenbahnen. Warum sollte sich ein Mensch freiwillig amputieren, außer er ist reichlich geisteskrank. Keine erstrebenswerte Verfassung.

Die Ursprünge der Familie Mecklenburg

Eine kleine Abschweifung ganz weit zurück: Schauen wir auf die alten Nachrichten, so sind sie wie Berggipfel, die hie und da aus dem Nebelmeer der Geschichte auftauchen. Wir wissen, daß die Obotriten fürstliche Anführer hatten, die, üblicherweise verwandt, aufeinander folgten.

So siegte ein Drasco, der Sohn eines Fürsten Witzan für Karl den Großen 798 bei Bornhöved über die Sachsen Nordalbingiens und erhält 804 vom Kaiser die obotritische Königswürde (rex Abotritorum nomine Drosuc). 

Sein Sohn Ceadrag gründet Alt-Lübeck (etwa 817/819). Sein Bruder Slaomir wird 821 zum ersten Christen unter den Obotritenfürsten. 

862 hören wir von einem „dux Abodritorum Tabomuizli“, offenbar aus anderer Familie. Und wie wir sehen können, auch die natürlich lateinisch schreibenden Chronisten hatten erkennbar Schwierigkeiten mit der Übertragung der slawischen Namen. Doch dann schweigen die Nachrichten wieder länger.

Das Haus Mecklenburg

Die Familie Mecklenburg reicht in diese halb-mythischen Zeiten zurück.

Von den Nakoniden, von denen wir die ersten zusammenhängenden zuverlässigen Nachrichten wieder haben, kann man nicht ausschließen, daß es Verbindungen zum Haus Mecklenburg gab. Die schriftlichen Quellen lassen uns hier einfach im Stich. 

In Neustrelitz, meiner Heimatstadt gibt es im dortigen Slawendorf ein Boot, das Nakon heißt. Immerhin können wir sagen. Der erste heilige Märtyrer war ein slawischer Fürst namens Gottschalk. Er wurde in der Burg Lenzen 1066 erschlagen. Sein Gedenktag ist der 14. Juni und sein Name bedeutet althochdt. „Gottesknecht“. 

Das zum Thema, daß Menschen früherer Zeiten stets nur machtpolitisch und opportunistisch gehandelt hätten. Nein. Sie hatten auch Sorgen um ihr Seelenheil. Sie waren nicht zuletzt irrende, fühlende, sorgende Menschen.

So wie die Habichtsburg den Habsburgern ihren Namen gab und die Burg Zollern den Hohenzollern, heißt die Familie Mecklenburg nach der Mikilinborg, nur daß diese wenige Jahrhunderte älter ist, beiläufig gesagt. 

Die Mikilinborg, das der altsächsische Name, bei Wismar, diente den Nakoniden, dem ältesten bekannten obodritischen Fürstengeschlecht seit dem 10, Jahrhundert als Hauptsitz. Schließlich erhielt ein ganzen Land seinen Namen von ihr, eben unser Mecklenburg.

Niklot


Reiterstandbild des Obotritenfürsten Niklot am Schweriner Schloß, von hier

Jetzt habe ich gar nicht den Stammvater des Geschlechts erwähnt, nämlich Niklot. Hoch am Schweriner Schloß reitet er den Besuchern entgegen. Ich will dies kurz nachtragen, denn er ist eine sehr farbige Gestalt. 

Sein Kopf landete aufgespießt auf einer Lanze. Das war 1160. Warum? Nun, er war gegenüber seinem Lehnsherrn, Heinrich dem Löwen wiederholt eidbrüchig geworden. 

Der dänische König Waldemar hatte sich unserem Kaiser Friedrich Barbarossa als Lehnsmann unterworfen und bat darum, daß doch die slawischen Seeräuberangriffe aufhörten, ganz Fünen sei bereits entvölkert. 

Heinrich der Löwen wurde beauftragt. Niklot weigerte sich. Bei einer Strafexpedition geriet er in einen Hinterhalt - Knechte des Herzogs waren ausgerückt, um Futter zu holen – er wollte sie überfallen und bemerkte er zu spät, daß er in eine Falle geraten war. 

Sein Speer sprang von dem verdeckten Harnisch eines der vermeintlichen Knechte ab. Ein sächsischer Ritter namens Bernhard, wohl Bernhard I. von Ratzeburg, erschlug ihn und vollzog am Leichnam die sächsische Strafe für Eidbruch. Der abgetrennte Kopf wurde, aufgespießt auf einer Lanze anschließend in das Lager der Sachsen und Dänen getragen.

War Niklot, ein heldenhafter, eidbrüchiger, tapferer Heide, ungestüm, rauflustig und beutefreudig? Oder war er ein wendischer „Nationalheld“, der seinem Volk die Eigenständigkeit bewahren wollte, taktisch durchaus flexibel und meist verläßlich? 

Dem nicht sein Heidentum, sondern, daß er nicht verläßlich genug war, zum Verhängnis wurde. 

Bei einem Gegner wie Heinrich dem Löwen ein tödlicher Fehler, dem nicht so sehr am Christentum, aber an seiner eigenen Macht das meiste lag, und der zumal mit herausragenden Qualitäten gesegnet war.

Die Pointe ist, mit seinem Widerstand hat Niklot genau das Gegenteil seiner vermutlichen Absichten erreicht. Denn Heinrich wollte das Obotritenland zwar unterworfen und tributpflichtig sehen, aber gar nicht selbst unmittelbar in Besitz nehmen (samt Christianisierung und deutscher Besiedelung). Das ändert sich jetzt.

Aber immerhin hat er dem Pribislaw, einem Sohn Niklots, den größten Teil des Landes seines Vaters 1167 zu Lehen gegeben, nachdem dieser sich unterworfen hatte. Und so setzte sich die Herrschaft  der Familie, wenn auch zunächst eingeschränkt, dann über die folgenden Jahrhunderte fort.

Man kann sich seine Familie eben nicht aussuchen. Aber versuchen, ihr Handeln ins Bessere zu drehen. Und das mit dem Aufspießen kam dann auch später nicht mehr vor.

Warum überhaupt Geschichte?

Geschichte gibt einem Raum eine Struktur, es ist wie ein Wurzelgeflecht, auf dem wir uns bewegen. Und aus dem immer wieder unerwartet Schößlinge treiben. 

Geschichtliche Denkmäler sind keine Steinhaufen, die man beliebig umnutzen oder auch einfach zerstören kann, sondern sie sind der Gestalt gewordene Geist einer Region, eines Landes. Sie sind ihr Gesicht.

In einem Raum zu leben, der vertraut ist, der Rückhalt gibt. Das eigene Innenleben, früher sagte man Seele, bereichert, mit Bildern füllt und mit Namen und zugehörigen Geschichten. So daß kaum noch ein Gefühl von Fremdheit übrig bleibt, sondern das von Heimat. 

Somewheres vs. Anywheres

Ich spüre die Frage, wann sagt er endlich Amen. Bald. Aber wir müssen noch über Anfechtungen sprechen. Vor allem wenn sie so überraschend überfallen. Wer könnte etwas gegen das Vorige haben.

Es gibt sie durchaus und die Anhänger dieser Sekte meinen, sie stünden längst kurz vor der Übernahme der Weltherrschaft. 

Klingt weit weg. Aber haben Sie sich jemals gewundert, warum aus der banalsten Werbung sie neuerdings ständig Schwarze anspringen. Die Botschaft – wir werden euch Rassisten auch zu Hause quälen. Oder ein mittelmäßiger Künstler erschaudert, weil er in einem Volkshaus auftreten soll.

Der Hl. Mauritius war ein Schwarzer und wurde im Abendland vielfach verehrt.

Wir sind in einem Kampf. Und, was wäre daran neu? Jemand verteidigt das, was ihm unverzeichtbar ist. Ehre. Familie. Zukunft. All das eben.

Bevor jemand fürchtet, hier spräche selbst ein Sektenprediger, muß ich kurz etwas nüchterner und fast technokratisch reden.

Der britische Autor David Goodhart hat mit einer einfachen Unterscheidung etwas Licht in dieses Halbdunkel gebracht. „Somewheres“ gegen „Anywheres“. Nun er ist Brite. Also kann man ihm die Wortwahl nicht vorwerfen. Was meint das?

Unsere westlichen Gesellschaften würden von zwei Gruppen bestimmt. Die „Somewheres“, die Irgendwo-Menschen, sind an ihrem Lebensort orientiert. Er meint, sie seien eher weniger gebildet und vermögend. Sie störten sich an Veränderungen und insbesondere könnten sie keine Zuwanderung leiden. Also die geborene Beute für gewisse Parteien. 

Dagegen stünden die „Anywheres“, die Überall-Menschen mit meist höheren Einkommen, sie zeichneten sich durch höhere Mobilität aus und seien in ihrem Selbstverständnis nicht an einen Ort gebunden und offen für Veränderungen. Und natürlich sähen sie Zuwanderung als Bereicherung an.

Das wäre jetzt die nette Zusammenfassung. 

Die Wahrheit ist etwas unerfreulicher. Es gibt eine Weltsicht, die im Westen weite Teile der herrschenden Öffentlichkeit besetzt hält und vor allem finanzielle Schlüsselressourcen in Besitz genommen hat. Da wird man dann automatisch vermögender.

Man kann das vermeintlich vornehmer ethischen Universalismus nennen. Sie (besagte Ideologie, noch meine Worte) - ich zitiere: „kann mit dem konkreten, an seinen Ort, seine Familie, seine Ethnie, seine Kultur, seine Religion, seine Tradition, seine Nation vulgo Sprachgemeinschaft gebundenen Individuum nichts anfangen, weil solche Bindungen anti-universalistisch – also irrational – wirken; er will das atomisierte Wesen, das nichts weiter ist als ein ‚Mensch‘“, 

Und damit auch leichter verfügbarer und verführbarer, sage ich. 

Diese auf den ersten Blick idealistische Weltsicht (auf den zweiten nicht mehr so sehr) dient als Parolen-Reservoir in einer Art von innerwestlichem Bürgerkrieg. 

Das Abendland ist die einzige Kultur, die radikale Selbstkritik bis zur Selbstverachtung hervorgebracht hat, und diese degenerierte Selbstkritik hat Ideologien die Tore geöffnet, die nichts anderes als seine Zerstörung wollen. 

Natürlich unter dem Propagandabild der Humanität. Aber wann hätte der Widersacher jemals gesagt: Ich bin das Böse.

Noch ein Zitat: „Es ist hinreichend bekannt, dass der Entwurzelte zu Universalismus neigt und sich daher mit der eigenen Entwurzelung nicht zufriedengibt, sondern sie als den einzig und partout besten Zustand menschlichen Seins erachtet und daher auch seine Umgebung entwurzeln will.“ 

Wir Deutsche sind, auch verwundet durch unsere Geschichte, besonders empfänglich für derlei Scharlatanerien. Aber diese Exzentrik hat auch eine lange Herkunftsgeschichte.

Um den Rumänen Cioran wiederzugeben:

„Wenn die Deutschen sich in der Metaphysik hervorgetan haben, so darum, weil sie unter allen Völkern dasjenige sind, dem der gesunde Menschenverstand am meisten abgeht.”

Und das letzte Zitat sei einem Vladimir Jabotinsky gegönnt, einem aus großbürgerlicher assimilierter Familie stammender Juden aus Odessa, der in einem 1936 erschienenen Roman geschrieben hat: „Nur über den Verfall gelangt man zur Restauration. Der Verfall ist also so etwas wie der Nebel bei der Geburt der Sonne.“

Ich wollte mit diesem Einschub nicht verstören, sondern nur andeuten, daß wir uns auf nicht ganz sicherem Gelände bewegen und jemand sich nicht wundern darf, wenn er bei Begriffen wie Volk und Heimat eventuell feindselig angeschaut werden könnte. 

Oder wenn die Mitfreude bei der Gewinnung von etwas Verlorenem sich in Grenzen hält.

Aber jetzt haben Sie es fast überstanden. Denn, um doch nochmal jemanden zu zitieren, nämlich einen berühmten Italiener namens Trappatoni: „Ich habe fertig“.


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Ich hatte Fragen vorbereitet, und die, die ich irgendwie tatsächlich gestellt habe, will ich noch kurz bringen.

Was können die alten Familien tun, damit es in unserem Fall wieder eine gemeinsame mecklenburgische Identität gibt?

In einer traditionsfeindlichen Umgebung, wie sie gegenwärtig oft besteht: Was ist der Kern an Identität, den man dem entgegenhält?

Nach meinem persönlichen Eindruck ging die Kontaktaufnahme Ihrer Familie besonders von der jüngsten Generation aus. Wie kam das?

Letzteres wurde bestätigt und überhaupt gab es eine lebhafte Diskussion darüber, was Heimat bedeute und wie die Rolle der alten Familien in der Gegenwart aussehen könne. Das will ich jetzt nicht ausführlich beschreiben. Nur eins noch.

Einmal ein Satz, der sich mir eingeprägt hat: Wenn man uns will, kommen wir.

Und als er in St. Petersburg war und sich sozusagen „geoutet“ hatte, würde er förmlich auf Händen getragen worden sein. Dagegen, als er in Schwerin anregte, als eine Good-Will-Botschafter für Mecklenburg tätig werden zu können, kam als Antwort: Wer sind sie und was wollen sie überhaupt? Ein Unterschied, der viel über den Zustand dieses Landes aussagt.


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Christian Ludwig (rechts) mit seiner Mutter und seinem Bruder, Postkarte von 1918, von hier

Aus dem Publikum kam die Frage auf. Wieso der Chef des Hauses Mecklenburg sein Vater sein könne, schließlich komme er doch aus Mecklenburg-Strelitz.

Ich hole etwas aus: Die Familie Mecklenburg hat ja nie den Kontakt zu ihrem Land aufgegeben. Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher, also weit vor der Wende, dem letzten Herzog der Schweriner Linie, Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg († 18. Juli 1996) vom Turm des HKB aus das moderne Neubrandenburg erklären durfte oder mußte, je nach Sichtweise.

Der Herzog hat zwei Töchter Donata und Edwina. Aber keinen männlichen Nachkommen. Die Linie Strelitz (Adolf Friedrich VI., Großherzog von Mecklenburg [-Strelitz] ertrank 1918 am Kammerkanal bei Neustrelitz, vermutlich aus Selbsttötung, und genauso vermutlich aus einem ziemlich dämlichen Grund.

Wenn man die alten Regeln weiter ernst nehmen will, ist also diese Familie als lebendiger Seitenstamm eines wahrscheinlich tausend Jahre alten Baumes der neue Hauptstamm.




Es werden, so der Herrgott will, zwei Beiträge folgen, einer über einen überraschend eindrucksvollen Altar in der Kirche von Neukalen und einer über Schloß/Kirche von Dargun.

nachgetragen am 1. Juni

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