sowie gegen die neuen Ruinen des Grauens
Über den Herrn Klonovsky las ich einmal, er wolle „Maß, Gedächtnis, Rangordnung und verlorene Formen bewahren“. Eben daran scheiden sich die Geister.
Wir leben in einem Zeitalter, das von unerhörten Zerstörungen gezeichnet ist. Nun, es gibt auf der einen Seite Menschen, die erinnern und heilen wollen. Will man aber eine Erinnerung in ihrem Kern heilen oder sie abtöten. Oder zumindest soweit zur entstellten Maske erstarren lassen, daß nach menschlichem Ermessen keine Gefahr mehr von ihr ausgehen kann?
Das Gesicht eines schönen, dahingeschiedenen Menschen in einem „Kunstwerk“ zur Fratze zu verzerren, um dann mit „überrascht“ unwilliger Miene dem Widersprechenden zu entgegnen: Das sei eben zeitgenössische Kunst, und wer von moderner Kunst keine Ahnung habe, schweige besser fein still. Das ist die andere Seite.
Wir sprechen hier von dem Christian Peters - Entwurf (einem hiesigen Architekten) „zur schrittweisen Wiederbebauung der ehemaligen Grundrissflächen des Residenzschlosses Neustrelitz“, den sich unglückseligerweise die hiesige Stadtvertretung zu eigen gemacht (die Verweise finden sich am Schluß).
Allein zur Sprache wäre einiges zu sagen, aber dafür haben wir uns ein eigenes Kapitel - Sprache der Unaufrichtigkeit – reserviert.
Worum geht es. Nun, ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und wir haben sogar 2 davon.
Trotzdem ein paar Erläuterungen
Aus dem Beschluß der Stadtvertretung: „Der vorgesehene architektonische Ansatz greift den historischen Grundriss des ehemaligen Schlosses auf und interpretiert ihn zeitgemäß. Die geplanten Mauern orientieren sich an den ursprünglichen Gebäudeachsen und bilden eine filigrane, durchlässige Struktur mit regelmäßig angeordneten Öffnungen.
So entsteht eine klare räumliche Ordnung, die den Schlossberg sichtbar strukturiert, ohne
eine Rekonstruktion des Schlosses vorzutäuschen. Die Gestaltung schafft offene Flächen,
die für Veranstaltungen, Ausstellungen, Begegnungen und touristische Nutzung gleichermaßen geeignet sind.“
„Zeitgemäß“ und „filigran“. Das muß auch unbedingt in das bereits erwähnte nachfolgende Kapitel.
Zeitgemäß und filigran kommt der Vorschlag daher, „an den zwei wichtigsten, garten- bzw. stadtbildprägenden Gebäudeflügeln, eine begehbare Fassadenskulptur herzustellen“.
Diese „Skulptur“ orientiere „sich zunächst in Größe und Proportion am geschichtlichen Vorbild des einstigen Schlosses“, aber ganz bewußt vereinfachend und schlichter, genauer mit deutlich größeren Fassadenöffnungen, sprich Fenstern. „So werden Baukosten und das wirklich erforderliche Maß an neuer Bausubstanz abgewogen.“
„Geeignete Betone aus z.B. Weißzement mit entsprechenden Zuschlagstoffen gewährleisten eine dauerhafte und repräsentative Erscheinung.“
Das sollte reichen. Mit anderen Worten. Zwei Betonfassaden mit vergröbert großen, leeren Fensterhöhlen, nach hinten mit Streben abgestützt, sollen das verlorene Schloß visuell wieder erlebbar machen. Also eine brutale künstliche Ruinenarchitektur, die nicht einmal den Eindruck erwecken will, das sei vom Schloß noch übrig geblieben. Ein Monument der Gegen-Erinnerung, das den Ort gewissermaßen dekontaminiert und abtötet. Man hört den Herbstwind schon durch die gruseligen leeren Fensterhöhlen pfeifen. Vom Rest zu schweigen.
Übrigens, hier von Brutalismus zu sprechen, wäre zunächst irreführend. Einmal würde fast jeder moderne Architekt höchstens herablassend anmerken, man habe den Begriff nicht verstanden. Zweitens ist es schlimmer.
Zum Brutalismus
Das ist ein Stil moderner Architektur, der sich für besonders ehrlich hielt, er hatte also gewissermaßen eine ethische Mission (natürlich keine ästhetische, das wäre ja reaktionär gewesen). „Béton brut“, französisch für „roher Beton“, erfunden von Le Corbusier, zu dem uns auch noch eine Menge einfallen würde, also Sichtbeton, rohe Materialien, massiv grobe Formen. Reiner Funktionalismus, das Innenleben der Gebäude wird nicht verhüllt (wenn man das auf einen Menschen übertragen würde, müßten die Gedärme immer sichtbar bleiben), natürlich keine Ornamente etc. Die brutale Form dominiert.
Und daher ist die landläufige Verstehensweise des Begriffs nicht wirklich ein Mißverständnis. Es war eine Gegenarchitektur, die gewaltsam das vergangen Überkommene zertrümmern wollte, gewissermaßen eine moderne Eugenik der Architektur.
Ich denke, meine Erinnerung trügt mich nicht, daß von Corbusier ein Plan für die Innenstadt von Berlin stammte, bei dem diese von Autobahnen durchzogen war, und auf wenigen Inseln dazwischen durften noch einige historische Bauten ihr kümmerliches Dasein fristen.
Warum ist also der Petersche Entwurf nicht bloßer Brutalismus, sondern schlimmer? Nun tatsächlich wäre dies gewissermaßen etwas Innovatives. Nämlich der teilweise Nachbau von etwas Historischem im brutalistischen Gewand. Könnte mich nicht erinnern, auf so etwas jemals gestoßen zu sein. Selbst bei der äußerlichen Wiedergewinnung des Berliner Stadtschlosses ist man bei der (immer noch gruseligen) modernen Ostfassade vor so etwas zurückgeschreckt.
Walter Ulbricht et al
Die nachfolgenden Zitate hat verdienstvollerweise der hiesige Residenzschloßverein zusammengestellt.
W. Ulbricht / A. Ackermann, Rundschreiben Nr. 8/48 vom 31. März 1948 ‚Abriß von Schlößern und Junkerbesitzen‘:
„ Die Partei muß es als ihre Aufgabe betrachten, den beschleunigten Abriß der Junkersitze durchzuführen. … Der Abriß darf nicht nur unter dem Gesichtswinkel betrachtet werden, Baumaterialien für Neubausiedlungen zu gewinnen; viel wichtiger ist, so weit als möglich die Spuren der Junkerherrschaft … zu vernichten.“
Regierungsbaurat Brückner (Schwerin) an das Landesamt für Denkmalpflege, 02. Juli 1946:
… vom Schloß … der historische Teil kaum wiederhergestellt werden kann.“
Landeskonservator Viering an Landesamt für Denkmalpflege bei der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin, 17. Februar 1948:
„… gegen den Abbruch der Reste des alten Schloßes zu Neustrelitz und die anderweitige Verwendung des Materials vom denkmalpflegerischen Standpunkt nichts einzuwenden.“
Die Verwendung der Begriffe „historischer Teil“ und „altes Schloss“ legt nahe, daß die Denkmalpfleger nur den ursprünglichen 3-Flügel-Bau aufgegeben hatten, welcher vollständig niedergebrannt war.
Landes-Zeitung vom 7. Dezember 1949
„Heute Vormittag gegen 11:30 Uhr wurden der Turm der Neustrelitzer Schloßruine und der noch stehende Teil der Vorderfront gesprengt. Man hatte 25 Donarit-Sprengladungen angelegt, von denen aber nur 9 zur Zündung gebracht werden brauchten. Bei der 7. Ladung fiel der Turm in sich zusammen. Die gewonnenen Steine werden für Neubauten verwandt.“
Das zu den Helden der Zerstörung, nun zu einem anderen wichtigen Kapitel.
Die Sprache der Unaufrichtigkeit
„Zeitgemäß“ und „filigran“ hatten wir schon. Die Fassadenskulptur erfülle in einem ersten Schritt der Wiederherstellung der zwei wichtigsten Fassadenabschnitte des ehemaligen Barockschlosses die Aufgabe, dem Schloßareal seine architektonische Bedeutung und Einordnung der Raumbeziehungen zurückzugeben. Erster Schritt? Ich zitiere aus der Peterschen Projektskizze:
„In weiteren Schritten kann die Fassadenskulptur als ein bereits vorweggenommener Teil einer künftigen, möglicherweise gestaffelten Bebauung des Schlossareals dienen. Weiter kann diese Fassade, ganz ähnlich wie bei einer Pufferfassade - als äußere Gestaltungfront für eine künftige, dahinterliegende Bebauung dienen.“
Also, was hier so nebulös verschleiert wird. Eine weitere Bebauung, und sei es als Teilrekonstruktion, wäre mit diesem Konstrukt gar nicht möglich. Das müßte zuvor komplett abgerissen werden. Das Ding ist also offenkundig als Sperriegel, gewissermaßen als Brandmauer gegen solcherart Bestrebungen gedacht. Und weiter:
Mit der stadträumlichen Rekonstruktion der beiden wichtigsten Schloßfassaden im ersten Schritt erfolge „ein gestalterisch hochwertiger, aber auch zweckmäßiger baulicher Neubeginn, der dazu sogleich die Sommernutzung des gesamten Areals unterstützt und befördert.
"Die Entwicklung der Nutzung dieses Ortes in den kommenden Jahrzenten wird angeregt, bleibt aber gleichzeitig in jeder Hinsicht offen: Eine stufenweise Weiterbebauung in dem dann jeweils bedarfsgerechten Maße ist möglich und gewünscht, aber nicht Voraussetzung.“
In jeder Hinsicht? Manchmal genügen bloße Zitate, um Absichten zur Kenntlichkeit zu bringen.
Résumé
Bekanntlich haben schon die gruseligsten Projekte zum Schloßberg existiert, die glücklicherweise bisher alle gescheitert sind. Ich erinnere nur an die grandiose Idee, dort oben überdimensionale Fahnenmasten einzurammen, die den Raum erlebbar machen sollten. Die Fahnen hätten sicher bei stärkerem Wind mit ihrem gewaltigen Geknattere fröhlich die Umgebung terrorisiert, eine Kombination aus Reichsparteitagsgelände und einer Batterie von Windrädern gewissermaßen. Wunderschön.
„Warum hängen viele Neustrelitzer immer noch an einem Bau, der lange verloren ist? Wozu braucht ein Mensch ein Schloß. Vielleicht weil sich für sie in ihm auch ein Sehnsuchtspunkt sammelt all der verlorenen Orte, die ein Mensch mit sich umherträgt? Eine Art von Heimat.“
Diese Gedanken kamen mir im September 2018. Seitdem ist vieles oder auch wenig geschehen. Nebelkerzen wurden geworfen, das „Problem“ ausgesessen etc. Wohl in der Erwartung: Irgendwann sind alle müde, mindestens sind die Baupreise explodiert und nichts ist passiert. Vielleicht war der obenerwähnte Beschluß der Stadtverordneten so eine Art von Kurzschlußreaktion nach der Devise: Lieber ein Ende mit Schrecken…
Rekonstruktionen sind ein Akt der Liebe. Sie wollen Zerstörung und Tod nicht das letzte Wort lassen. Nach den Möglichkeiten, die einem gegeben sind. Sicher. Es geht um die Haltung, Wertvolles, und sei es als Erinnerung wiedergewinnen zu wollen, weil es um etwas Schönes, die Zeiten Übergreifendes und damit Verbindendes geht. Um die Wiedergewinnung eines beseelten und lebendigen Ortes.
Denn das Schloß war nicht nur ein schöner Ort voll von Kunstwerken und Geschichte, an dem über Jahrhunderte weitergebaut wurde, es war Mitte und wesentlicher Teil der Seele dieser Stadt. Diese Seele wurde vor Jahrzehnten aus bösem Willen beschädigt. Denn der neuere Teil des Schlosses wäre durchaus zu retten gewesen, aber die hiesigen Vollstrecker des Ulbrichtschen Willens wollten nicht (Grund, siehe oben). Und die jetzigen Parolen vermeintlicher „Heilung“ verstören.
Wenn schon der Turm so ganz zufällig unrealisierbar geworden ist, warum dann nicht eine Ecke des Schlosses wieder originalgetreu aufbauen. Dann kann sich der Betrachter den Rest erst einmal imaginieren.
Der Vorschlag des Residenzschloßvereins
Es gibt einen Vorschlag des Residenzschloßvereins, der genau dies zum Inhalt hat. Auf den Seiten des Vereins mag man sich dazu näher informieren. Dort wird eingehend der Vorschlag erläutert.
Denn:
Günther Jauch hat mit seiner privaten Initiative zur Wiederrichtung des Fortunaportals beim Potsdamer Stadtschloß hier einen Geniestreich vorgemacht. Aber der sitzt bei manchem wahrscheinlich auch immer noch in den edlen Knochen.
Als es darum ging, ob, und wenn ja wie man das im letzten Krieg zerstörte Goethehaus in Frankfurt am Main wieder aufbauen solle, gab es auch eine heftige Debatte. Es wurde dann wieder aufgebaut und nicht „in der Kubatur“ des alten Hauses, sondern originalgetreu. Und zwar so überzeugend, daß ich jemandem nach seinem Besuch dort erklären mußte, daß dies tatsächlich ein Neubau sei, er dachte, es hätte den Untergang auf wundersame Weise überstanden.
Hermann Hesse schrieb 1947 an das Freie Deutsche Hochstift, nachdem dieses nach seiner Meinung über eine mögliche Rekonstruktion des Goethehauses in Frankfurt am Main gefragt hatte:
„Soll man rekonstruieren? Ich muß die Frage, ob auch ich diese Aufgabe als lebenswichtig, ja heilig anerkenne, rückhaltlos bejahen. Vielleicht ist die Zahl der Menschen, in Deutschland wie außerhalb, heute noch nicht so sehr groß, welche vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust, als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Stätten erweisen wird. Es ist damit nicht nur ein großes, edles Gut vernichtet, eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der Liebe und Pietät zerstört; es ist auch die bildende und durch Bilder erziehende Umwelt der künftigen Geschlechter, und damit die Seelenwelt dieser Nachkommen, eines unersetzlichen Erziehungs- und Stärkungsmittels, einer Substanz beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann.“
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Anmerkung
Die oben verwendeten Zitate und Bilder im Zusammenhang mit dem erwähnten Beschluß der Stadtvertretung wurden gemäß § 5 (Amtliche Werke) des Urheberrechtsgesetzes gebraucht.
Es handelt sich um die Sitzung der Stadtvertretung der Residenzstadt Neustrelitz vom 11.12.2025.
Weitere diesbezügliche Links hier und hier.











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