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Mittwoch, 9. Dezember 2009

Winckelmann


Torso im Belvedere
hier gefunden

"Diese vorzügliche und edle Form einer so vollkommenen Natur ist gleichsam in die Unsterblichkeit eingehüllt, und die Gestalt ist bloß wie ein Gefäß derselben; ein höherer Geist scheint den Raum der sterblichen Teile eingenommen und sich an die Stelle derselben ausgebreitet zu haben...

Oh, möchte ich dieses Bild in der Größe und Schönheit sehen, in welcher es sich dem Verstande des Künstlers geoffenbart hat, um nur allein von dem Überreste sagen zu können, was er gedacht hat und wie ich denken sollte! Mein großes Glück nach dem seinigen würde sein, dieses Werk würdig zu beschreiben. Voller Betrübnis aber bleibe ich stehen, und so wie Psyche anfing, die Liebe zu beweinen, nachdem sie dieselbe kennengelernt, bejammere ich den unersetzlichen Schaden dieses Herkules, nachdem ich zur Einsicht der Schönheit desselben gelangt bin.

Die Kunst weint zugleich mit mir, denn das Werk, welches sie den größten Erfindungen des Witzes und Nachdenkens entgegensetzen und durch welches sie noch jetzt ihr Haupt wie in ihren goldenen Zeiten zu der größten Höhe menschlicher Achtung erheben könnte, dieses Werk, welches vielleicht das letzte ist, an welches sie ihre äußersten Kräfte gewendet hat, muß sie halb vernichtet und grausam gemißhandelt sehen. Wem wird hier nicht der Verlust so vieler hundert anderer Meisterstücke derselben zu Gemüte geführt! Aber die Kunst, welche uns weiter unterrichten will, ruft uns von diesen traurigen Überlegungen zurück und zeigt uns, wie viel noch aus dem Übriggebliebenen zu lernen ist und mit was für einem Auge es der Künstler ansehen müsse."


Ich bedaure, daß ich mich heute zu keiner bedeutenderen Würdigung Winckelmanns aufzuraffen vermag, der am 9. Dezember 1717 in Stendal geboren wurde. Es wird in Bezug auf ihn gern davon gesprochen, inwieweit sein Bild des antiken Griechenlands ein beschränktes gewesen sei, das man hätte überwinden müssen. So richtig das sein mag und sein „edle Einfalt, stille Größe“ in der Tat auch kaum dessen Wesen ausreichend beschreiben dürfte, so kommt ihm doch das Verdienst zu, den Sinn für Größe und Schönheit der antiken Kunst und Lebenssicht entscheidend wiedererweckt zu haben.