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Samstag, 8. Februar 2020

Beiläufige Beobachtungen


Auf mich ist eine Vase gekommen, in der muß früher Gift angerührt worden sein, oder ähnliches. Sie ist bauchig, gemütlich, gefällig, mehr unscheinbar, und man kann die Uhr danach stellen, wie die frischesten Sträuße in ihr unverzüglich verwelken.

Oswald Achenbach, Blick auf Capri, 1884

"Nicht dem Vergnügen der Schmerzlosigkeit, geht der Vernünftige nach." Schopenhauer. Oder in der längeren Version: „Wenn der ganze Leib gesund und heil ist, bis auf irgend eine kleine Wunde, oder sonst schmerzende Stelle; so tritt jene Gesundheit des Ganzen weiter nicht ins Bewußtsein, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig auf den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der gesamten Lebensempfindung ist aufgehoben. – Ebenso, wenn alle unsere Angelegenheiten nach unserm Sinne gehen, bis auf eine, die unserer Absicht zuwider läuft, so kommt diese, auch wenn sie von geringer Bedeutung ist, uns immer wieder in den Kopf: Wir denken häufig an sie und wenig an alle jene andern wichtigeren Dinge, die nach unserem Sinne gehn. – In beiden Fällen nun ist das Beeinträchtigte der Wille, ein Mal, wie er sich im Organismus, das andere, wie er sich im Streben des Menschen objektivirt, und in beiden sehen wir, daß seine Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt empfunden wird, sondern höchstens auf dem Wege der Reflexion ins Bewußtsein kommt. Hingegen ist seine Hemmung das Positive und daher sich selbst Ankündigende. Jeder Genuß besteht bloß in der Aufhebung dieser Hemmung, in der Befreiung davon, ist mithin von kurzer Dauer.“

Oswald Achenbach, Ausbruch des Vesuv, 1890

Meine liebenswürdige Nachbarin, und Kunstlehrerin sprach mich heute auf mein (ausgerechnet) rechtes blaues Auge an (so sagt man wohl), also blieb mir nichts übrig, als ihr zu berichten, mein jüngster Alptraum wäre so unzumutbar gewesen, ich (gewissermaßen) hätte mir während desselben mit einem Buch auf den Kopf schlagen müssen, aus ihm aufzuwachen. Um beim Blick auf die zeigerlose Uhr zu erkennen, daß ich gefehlt hätte. Sie empfahl mir, das Bett zu drehen.

Oswald Achenbach, Nächtliche Küste bei Neapel im Mondlicht, 1886

Klage

(Aus dem Jahr 1793)

Sie dünkten sich die Herren aller Herrn,
Zertraten alle Ordnung, Sitt und Weise,
Und gingen übermütig neue Gleise
Von aller wahren Weisheit fern,
Und trieben ohne Glück und Stern

Im Dunkeln hin, nach ihres Herzens Gelüste,
Und machten elend nah und fern.
Sie mordeten den König, ihren Herrn,
Sie morden sich einander, morden gern,
Und tanzen um das Blutgerüste.

Der Chor

Erbarm dich ihrer!
Sie wollten ohne Gott sein, ohn ihn leben
In ihrem tollen Sinn;
Und sind nun auch dahingegeben,
Zu leben ohne ihn.
Der Keim des Lichtes und der Liebe,
Den Gott in unsre Brust gelegt,

Der seines Wesens Stempel trägt,
Und sich in allen Menschen regt,
Und der, wenn man ihn hegt und pflegt,
Zu unserm Glücke freier schlägt,
Als ob er aus dem Grabe sich erhübe –
Der Keim des Lichtes und der Liebe
Der ist in ihnen stumm und tot;
Sie haben alles Große, alles Gute Spott.
Sie beten Unsinn an, und tun dem Teufel Ehre,
Und stellen Greuel auf Altäre.

Der Chor

Erbarm dich ihrer!

Anm: Ludwig XVI. August von Frankreich, König von Frankreich und Navarra wurde am 21. Januar 1793 in Paris getötet (merkwürdigerweise verstarb am gleichen Tage im Jahre 1815 auch M. Claudius).

"Die französische Revolution ist das erste größere muster-gebende Menschheitsverbrechen der neueren Geschichte (notfalls von mir selbst):

Resilienz und Wachheit.

Oswald Achenbach, Triumphbogen des Konstantin in Rom, 1886

Ich bin daran gescheitert, etwas Gefälliges über Oswald Achenbach zu schreiben, der starb am 1. Februar 1905 in Düsseldorf).

Warum auch immer, aber von Zeit zu Zeit befällt mich eine Art von tausendjähriger Müdigkeit.

Oswald Achenbach, im Park der Villa Borghese, 1886

Samstag, 12. März 2016

Philosophen-Gezänk, unterhaltsam

Es bleibt mir naturgemäß verschlossen, eine Idee davon zu haben, warum Herr Sloterdijk kürzlich begann, nicht nur in seinem eigentümlichen Sound das zu sagen, wovon alle anderen ebenfalls sprechen; mit „alle meinen“ verweise ich nur auf das gegenwärtig vorherrschende Grundrauschen. Das ist zu simpel, ich weiß.

Aber ich bin für solche Beiträge einfach zu ungebildet. Darum darf man das nachfolgende mit meiner Erlaubnis gern weglächeln, und vor allem nicht lesen. Eigentlich will ich nach einigem Hin- und Her-Sträuben nur an einem Vergnügen teilhaben lassen.

In einem sehr hölzernen Beitrag (ich kann das nicht, ich weiß) belobhudelte ich kürzlich besagten Philosophen unter dem Schlagwort - „Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“. Ich hätte mir denken müssen, daß in seinem anverwandten Milieu der Meinungswirtschaft sich darüber ein Aufschrei erheben würde. Völlig an mir vorbeigegangen. Ich kenne diese Gegenden auch nicht wirklich.

Darauf hat er geantwortet (in der „Zeit“ vom 3. März), sehr unterhaltsam, also nicht im platten Sinne. Und ich werde jetzt ein wenig versuchen, dem gerecht zu werden. Es fand statt unter der Überschrift „Primitive Reflexe  - in der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass“.

Eigentlich ist damit alles gesagt. Aber darum soll es gar nicht gehen, er hat es halt nur so schön gesagt, daß ich darauf schlußendlich zurückkommen mußte, und dabei ist mir Sektenzugehörigkeit etc. etc. pp. im Grunde herzhaft egal.

Wir werden dem Text jetzt ein wenig zu folgen versuchen.

Eingangs referiert er das Bedauern in den „Sozialwissenschaften“, keine kontrollierten Experimente durchführen zu können. Oh doch, das hat man in diesem verflossenen Jahrhundert wahrlich versucht, wenngleich nur an der Oberfläche kontrolliert, das ist wohl so.

Zurück: Er referiert über die Was-wäre-wenn-Geschichten und das finale „Einknicken vor der Faktizität“. Ich füge schlicht an, weil es geschehen sei, müsse es Notwendigkeit gehabt haben, oder wenigstens eine Art von Sinn, die Diktatur der Faktizität über den Geist folglich. Aber hier haben wir auch schon den ersten schönen Satz. Aus besagtem Mangel müßten sich „die Interessierten nach anderen Ansätzen umsehen, wie man das offene Spiel des Werden-Könnenden auf dem Weg zur Gerinnung ins Faktische sichtbar macht“. Krisen hülfen dabei, dann lebten sie auf (wovon eigentlich?). Ein Gefühl von Deutungskompetenz mag sich einstellen.

„Man’s calamity is God’s opportunity“ zitiert er sodann, offenkundig ein beliebter frommer Spruch im englischen Sprachraum, der diversen Bibelstellen zugeordnet wird, und den er hier ins Soziologische wendet, wofür auch immer. Wo der gute Wille zur Theorie aufkomme, erkenne man ihn am methodischen Amoralismus, der fordere, vitale Interessen und lokale Befangenheiten für die Dauer der Untersuchung einzuklammern...

Sodann konstatiert er einen einen unbestreitbaren Temperaturanstieg im nationalen Debattenklima, das sich in die manische Richtung verschöbe, und vor allem den Pawlowschen Reflex als dessen Grundmovens. Wende man sich mit diesen Hinweisen der „Debattenkultur“ in diesem Land zu, so begreife man unmittelbar „das Drama des Kulturverlusts“, das sich sowohl in den ansprucherhebenden als auch den niederen abrolle. „Nimmt man zur Kenntnis, dass Kultur von bedingten Reflexen getragen wird und dass Zurückhaltung der Basishabitus von höherer Kultur in genere darstellt, so liegt auf der Hand, wie sehr die Aufheizung des Debattenklimas in unserem Land auf eine Tendenz zur Entkulturalisierung hindeutet“.

Man könne dies auch als einen Einbruch von schlechter Spontaneität beschreiben. Schlecht sei Spontanes dann, wenn es die Brutalisierung des verbalen und physischen Verkehrs unterstütze. Bei manchen semantischen Stimuli wie „Grenze“, „Zuwanderung“ oder „Integration“ sei die Futtererwartung des erfolgreich dressierten Kulturteilnehmers so fest fixiert, daß der Saft sofort einschieße.

So brächen sich vorkulturelle Reflexe Bahn und äußerten sich in primärer Beißwut, in Abweichungshaß und Denunziationsbereitschaft. Wo Hemmungen herrschten, könnten Enthemmungen nicht weit sein. Das bewundernswerte Hemmungssystem „Hochkultur“ überlebe aber nur, wenn es Einbrüche aus dem Barbarischen, aus der Sphäre der Primär-Reflexe früh genug in Schach halte, und sei es ein erworbenes Primitives.

Wir springen jetzt etwas. Er appelliert an das „Lesen in Zwischenräumen“ und erinnert daran, daß gerade die Nuance nicht selten den Unterschied zwischen Gut und Böse ausmache. Man denkt, wo die Turnierbahn so abgesteckt ist, jetzt muß es doch losgehen. Das tut es. Er erwähnt das absichtsvolle schlechte Lesen, den Nuancenmord. Es seien naturgemäß politisierte oder politologisierende Intellektuelle, die bei diesem Vergehen die Täterstatistik überpropotional bevölkerten. „Sie fallen dadurch auf, dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten.“

Er referiert sodann kurz die „Debatte“ zum von mir besprochenen Beitrag im Cicero. Im Tagesspiegel habe ein Übererregter über Stahlhelme schwadroniert. Verteidigt dann seinen Mitverdächtigten Safranski gegen politische Krankheitsgewinnler: Mit seinem ganzen Werk habe der sich um die Versöhnung einer geschichtskranken Kultur mit ihren besseren Potentialen bemüht.
 
„Ein kurzes Wort will ich anfügen zu der Polemik von Herfried Münkler gegen Safranskis und meine Äußerungen über deregulierte Migrationen und übers Ufer getretene Flüchtlings-“Ströme“. Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist. Münkler jedoch hat sich als Autor von Statur erwiesen. Umso erstaunlicher bleibt seine Fehllektüre-Leistung, die er in einem Artikel dieser Zeitung vor wenigen Wochen zum Besten gegeben hat.“

Der kleine Kläffer ist die Hofreiterin der Meinungswirtschaft und fühlte sich vom Beitrag des Herrn Sloterdijk an Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz erinnert. Derart Armseliges sollte man in der Tat nicht auch noch durch Namensnennung honorieren.

Aber jetzt gelangen wir endlich zum Finale. Zunächst beschreibt er seine eigene Haltung als die einer linkskonservativen Sorge um den gefährdeten sozialen Zusammenhalt. Für die Nuancen-Zerstörer würde daraus eben nationalkonservativ oder gar neu-rechts (so ist das halt in Kriegszeiten, möchte man anfügen, da werden die Bataillone gezählt, der Verstand ausgeknipst, so je nennenswert vorhanden, und wer am lautesten schreit, hat regelmäßig am meisten recht).

Da er aber unter Intellektuellen nie an "Missverständnisse" glaube, sondern durchweg von intentionalen Falschlektüren ausgehe, hielte er es für sinnvoll, den Motiven von evidenten Fehldeutungen nachzugehen. Für den Augenblick beschränke er sich auf den Fall Münkler.

„Tatsächlich entwickelt sich unser Dissens aus gegensätzlichen Beantwortungen der Frage, ob die Merkel-Politik angesichts der Flüchtlingswelle seit dem letzten Sommer mehr ist als eine hilflose Reaktion auf Unerwartbares.“ Safranski und er hätten, unabhängig voneinander, der Volksmeinung recht gegeben, die in breitester Mehrheit dem Eindruck zustimme, es habe sich bei der Merkelschen Willkommens-Propaganda um eine Improvisation in letzter Minute gehandelt, die aus einer Verlegenheit eine überlegte Maßnahme machen wollte.

Eine solche Deutung sei nicht unbedingt ehrenrührig. Politik in der überkomplexen Moderne sei in weitaus höherem Maß improvisatorisch bestimmt, als das Wählervolk, das lieber an eine weit planende Intelligenz von oben glaube, es wahrhaben möchte.

Selbst Otto von Bismarck habe seinerzeit bemerkt, seine als souverän wahrgenommene europäische Gleichgewichtspolitik sei nicht mehr als "ein System von Aushilfen" gewesen. Napoleon Bonaparte bekannte in seinen Memoiren, er sei nie Herr seiner Handlungen gewesen.

„Man wäre schlecht beraten, wollte man von einer in Vagheiten erfahrenen Übergangsfigur wie Frau Merkel mehr erwarten als von jenen profilstarken Heroen. Die Mäßigung der Ansprüche ändert am riskanten Gang der Dinge wenig. Auch die Fehler mittlerer Akteure vermögen auf längere Sicht bösartige Folgen nach sich zu ziehen.“ Daß Politik sich mehr und mehr zum Fatalitätsmanagement wandele, läge in der Natur multifaktorieller Prozesse. Das Spiel mit dem Zufall werde seinerseits immer zufälliger. Die Kunst, den Zufall zu zähmen, erweise sich als schwerer erlernbar denn je.

Und jetzt wird Herr Münkler quasi abgeschossen. Er würde ihm in einigen Jahren gern die Frage stellen, wie er seine erstaunliche Wandlung vom gelehrten Imperium-Versteher zum Kavaliers-Politologen rechtfertige, als welcher er jetzt Frau Merkels unbeirrbar konfusem Handeln ein grand design unterstelle. Offenbar verkenne er mit Absicht, in welchem Ausmaß politische Direktiven heute auf autohypnotischen Mechanismen beruhten. Die Unmöglichkeit, den rechten Weg zu erkennen, würde mehr und mehr mit Selbstsuggestionen kompensiert.

Erstaunlich sei, daß das autohypnotische Regime für Politiker wie für Politologen gelte. Herr Münkler wanze sich gewissermaßen an die Machtverwalter heran und wolle offensichtlich gern als Mitwisser einer an der Spitze des deutschen Staatswesens waltenden strategischen Vernunft hervortreten.

Und hätte er doch nur recht. Seien nach mehreren Jahren der bejahten Überrollung erst einmal fünf Millionen Asylanten im Land, könne man nur noch dafür beten (!), es möge einen Masterplan gegeben haben.

Wären nicht auf der weltpolitischen Bühne seit Jahrzehnten die stolzen Konfliktberater und Strategien-Schmiede regelmäßig die Blamierten gewesen? „Diente 'Strategie' nicht stets als Ausrede für zukunftsblinden Interventionismus, beginnend mit der Destabilisierung unwillkommener Regime, endend mit der Überlassung ruinierter Staaten an Chaos, Terror und nie beendbaren Bürgerkrieg?“ Diese Art von Strategie-Versteherei möge uns doch bitte weiterhin erspart bleiben.

„In der Zwischenzeit, denke ich, sollte Herr Münkler die Gelegenheit nutzen, seine okkasionellen Ungezogenheiten zu überdenken.“ Offenbar stammten seine polemischen Thesen (er wäre erregt genug gewesen, seine und Safranskis Sorgen-Thesen als unbedarftes "Dahergerede" zu bezeichnen) nicht zuletzt aus dem Revierverhalten und dem Streben nach Deutungshoheit. „Sind unsere Sorgen nicht zu real, als dass sie auf die Ebene von Gezänk zwischen Krisen-Interpreten gezogen werden dürften?“ Es könne nicht wahr sein, daß ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewönnen.

„Okkasionelle Ungezogenheiten“! Danach ist jemand eigentlich erledigt. Woran er immer bei diesem Wort gedacht hat, übersetzten wir es doch einfach mit den Anlaß ausnutzende Frechheit, das wäre dann Opportunismus, also der Wunsch, endlich einmal dazuzugehören, plus Mangel an Gesittetheit. Das Wort muß man sich einfach merken.

Montag, 1. Februar 2016

Sloterdijk - Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung

Peter Sloterdijk, hier gefunden

Kriegsflüchtlinge müßten laut Grundgesetz und Genfer Konvention aufgenommen werden. So beginnt das Lügen inzwischen typischerweise. Nein, man darf, aber man muß nicht, das nur nebenbei. Doch, um das noch hinzuzufügen: Wer vom guten Gewissen, vulgo selbstgefälligen Gerechtigkeits-Simulationen lebt, braucht darauf nicht zu achten. Tatsachen stören regelmäßig bei der Wahrheitsauffindung. Oder um jemanden aus einem Lebensabschnitt zu zitieren, dem seine damalige Familie einen Mitschnitt seiner letzten nächtlichen Äußerungen hinhielt: „Ich werde mir das nicht anhören, ich weiß, daß ich das nicht gesagt habe“.

Herr Sloterdijk, der gerade die ziemlich vakante Stellung eines Philosophen in diesem Land einnimmt, hat Menschen erschreckt, Personen, die dachten, er sei doch Fleisch von ihrem Fleisch, aus dem selbigen Stall. Und nun das: „καὶ σὺ τέκνον“ oder „Et tu, Brute?“, wäre wohl angemessen, wenn es der Gegenstand wäre, also eher nicht. Er ist hinübergewandert zur bösen Seite, offensichtlich.

Wie ich darauf komme? An diesem Tag erschrak sich in einer links-bürgerlichen (wir wollen höflich sein) kleinen Berliner Tageszeitung jemand unter der Schlagzeile „Deutsche Denker gegen Angela Merkel“. Inzwischen hat ein Verderber einer noch auflagenstärkeren Tageszeitung nachgelegt, ebenso erschrocken und vor sich hin fabulierend von der „bitteren Wahrheit über den neuen deutschen Hass“.

Mit anderen Worten, die deutsche Mitte drehe gerade durch, aber, das seien immer noch vereinzelte, verbale Entgleisungen, auch Entgrenzungen, die man vor allem vielen derer, die sich jetzt damit hervortun, nicht zugetraut hätte. Die Erklärung:

Die Flüchtlinge hätten es an den Tag gebracht: In dem Volk, das vor etwas mehr als 70 Jahren in zerstörerischer und vernichtender Absicht West- und Osteuropa sowie Russland überfallen habe, sei trotz aller Abwendung vom kriegerischen Geist zumindest ein Rest archaischen, völkischen und selbstmitleidigen Denkens erhalten geblieben.

Jemand fragte zurecht nach dem Erklärungsmuster für die anderen Europäer, die das „deutsche“ Verhalten weit mehrheitlich inzwischen für ziemlich Gaga hielten, aber... (siehe oben).

Ich habe mir inzwischen das Original, sprich den entsprechenden „Cicero“ widerwillig zugelegt (das Netz hilft da nicht viel, die schreiben sowieso nur noch bis in die Wortfolge voneinander ab), hm.

Herr Sloterdijk erzählt einiges, über den Euro, oder den Islam: Der sei geradezu eine Religion des Feldlagers, die permanente Bewegung sei inhärent, und jeder Stillstand müsse als Beginn des Glaubensverfalls beargwöhnt werden. Zudem sei der Islam ein juristisches Konstrukt, das fast ohne Theologie auskomme.

Da fällt mir noch ein anderes Zitat wieder ein, nachdem man einen Anfang in der Hand hatte, der einem das Zurückweichen erklärte, das Unbehagen. Aber darüber werde ich in solchen Zeiten sicher nicht mehr gründlicher nachdenken wollen:

Frage: „Sie schreiben, dass das Ornament in der islamischen Kunst durch seine fortlaufende, gleichmäßige, endlos anmutende Struktur Gottes Unendlichkeit versinnbildliche.“

Kermani antwortet: „Ja, das Ornament füllt nicht die Leere, sondern bringt sie zum Ausdruck und damit die Gestaltlosigkeit Gottes.“ Die Monotonie der Leere also ist das Wesen der islamischen Kunst? Das fügt sich zur Abwesenheit der Theologie, die oben erwähnt wurde, eine Religion des Abwesenheit. Nun, wir wollen all das hinter uns lassen.

Zurück zum Ausgangspunkt unseres kleinen Exkurses: Die Diskussion um die Flüchtlingspolitik werde militanter. Einige von denen, die sich jetzt zu Wort meldeten, hätten schon den Stahlhelm aufgesetzt. Stacheldraht ersetze die Argumentation. Metaphern würden entsichert. Mein Jott.

Die postmodernisierte Gesellschaft, so Sloterdijk dem „Cicero“ u.a., existiere in einem „surrealen Modus von Grenzenvergessenheit“. Sie genieße ihr Dasein in einer Kultur der dünnwandigen Container. An die Stelle starkwandiger Grenzen seien schmale Membranen getreten, die jetzt überlaufen würden. Die deutsche Regierung habe sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben.

Ach, jetzt müssen wir doch einmal aus einem der beiden Schlicht-Artikel zitieren: Eine starkwandige Grenze, könne man ergänzen, habe beispielsweise die DDR besessen. Der Denker wundere sich über die Naivität der Deutschen: „Man glaubt hierzulande immer noch, eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten.“ Genau darauf, auf der Überzeugung, daß Grenzen überwunden werden könnten, basiere die EU. Auch die liberale Marktwirtschaft brauche offene Grenzen. Sonst ließe sich kein Auto mehr zusammenbauen.

Herr, wirf Hirn vom Himmel, möchte man ausrufen. Gibt es noch ein Denken außerhalb von 0 und 1? Also geschlossene Grenzen versus offene Grenzen? Vollständig offene Grenzen sind keine mehr, durchlässige, aber beherrschte schon. Eine Zelle ohne intakte Grenzen steht direkt vor dem Zelltod, ist das so schwer zu verstehen? Außerdem galt das Versprechen für die weitgehende Offenhaltung der Grenzen nur für den europäischen Raum (grob gesprochen), was ja auch wunderbar funktioniert hat.

Wären wir auch in der Stimmung, selbstgerecht zu sein, so müßten wir sagen, das Linke lebt doch geradezu von der Verstörtheit der Gefühle und der Betäubung der Vernunft, setzt Selbstgerechtigkeit für Gewissen etc. etc. Aber wozu das? Die Wirklichkeit fängt gerade an, wirklich verstörend zu werden. Welchen der offenen Fäden nehmen wir also auf?

Die Verhältnisse fangen wieder an zu tanzen (das klingt so abgeschmackt, wie es tatsächlich ist). Muß man das mögen, nein, man muß gar nichts. Und es wird nicht angenehm sein. Einige der verbliebenen deutschen Stardenker wechseln also gerade die Seiten. Schon im Dezember habe Rüdiger Safranski der „Kanzlerin“ (also Frau M.) eine Staatsrechtslektion erteilt: Zu einem souveränen Staat gehöre, dass er seine Grenzen kontrolliere. Wenn eine Staatschefin wie Angela Merkel sage: „Wir können die Grenzen nicht mehr kontrollieren“, reihe man sich ein unter die zerfallenden Staaten, wie jene in Afrika.“

Das sagen so oder ähnlich inzwischen viele. Es dürfte selten so eine Nichtübereinstimmung zwischen der öffentlich vorgetragenen Moral und der persönlich wahrgenommenen geben in diesem Beritt wie vielleicht seit 1988 nicht mehr. Anderen wird es anders gehen, aber für mich ist das längst zu einem absurden Theater geworden (die Metapher ist unzureichend), wo man an seinem Wirklichkeitssinn irre zu werden beginnt. Ich agitiere folglich nicht, ich beobachte.

Aber mit diesen 2 wirklich originellen Zitaten muß ich einfach enden: Das Wort „Lügenpresse“ setze mehr Harmlosigkeit voraus, als es in diesem Metier gäbe. „Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr“. Die angestellten Meinungsäußerer würden für das Sich-Gehen-Lassen bezahlt und nähmen den Job an.

Und: „Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“

nachgetragen am 6. Februar

Freitag, 22. Mai 2015

Aufgelesenes zu Plato

Raffaello Sanzio da Urbino: Detail - "Schule von Athen"

„Die Götter philosophieren nicht, denn sie sind im Besitz der absoluten Wahrheit. Aber auch der völlig Unverständige philosophiert nicht; denn er bemerkt nicht seine Armut, und so fehlt ihm das Streben nach Vollkommenheit.“

„Denn gerade die Vertrauenden, welche das Endliche und Vergängliche des Lebens und des Daseins noch nicht vom Ewigen und Dauernden zu sondern gelernt haben, werden vom Schicksal mit unaufhörlichen Enttäuschungen überschüttet.“

„Aber der Philosoph sieht, daß wir alle noch Strebende und Werdende sind, und ist daher vor solchen Enttäuschungen bewahrt. Er verliert den Glauben an die Menschheit und an die Wahrheit nicht, denn er hat das Sterben im Leben gesehen. Er hat gesehen, wie jeder sich selbst fremd wird und gerade dadurch sich selbst findet. Er hat gesehen, wie Wünsche und Wissen wie Träume verwehen, aber nur dann, wenn reichere und bessere Wahrheiten sie vertreiben. Auch das hat er erkannt, daß die Seele von Natur dem Göttlichen zustrebt, d.h. dem Wahren und Guten an sich.“

„Das Denken aber erklärt Plato in tiefsinniger Weise als eine Unterredung mit sich selbst, über den Gegenstand des Nachdenkens.“

„Erkenntnis sollte gleich Wahrnehmung sein. Wahrgenommen wird aber nur das Gegenwärtige; also kann der Sensualist nichts über das Zukünftige mit dem Anspruch auf Zustimmung aussagen.“

„Wenn die Seele das Sein durch die Sinne ergreifen will, so wird sie unruhig und taumelt den Trunkenen gleich. Nicht durch die Sinne, sondern durch das Denken erkennt die Seele das wahrhafte Sein. Die Sinne erkennen nur das Wandelbare und Fließende; dagegen den Begriff, das identische Sein vermögen sie uns nicht zu geben. Sie zeigen uns die vielerlei Schönen, Gerechten usw., aber nicht das Schöne, Gerechte usw., an sich.“

„Und so ist alles Erkennen ein Wiedererinnern.“

„Indem nun so das Sinnliche aus der Idee begriffen wird, hat es an ihr teil.“

„Der Idee kommt kein absolutes Sein zu. Der Geist des Menschen glaubt jetzt nicht mehr, das Unbedingte mit endlichen Begriffen ausdrücken zu können... So hat die Wirklichkeit den Charakter der starren Unabänderlichkeit verloren.“

„Die Fehler und Gebrechen der Sophistik lagen nicht darin, daß sie auf das Subjekt und den Einzelnen hinwies, sondern daß sie diesen an Stelle des Gesetzes, an Stelle der Gemeinschaft setzen wollte. Wenn sich alte Formen objektiver Existenz, in denen sich die Seele bis dahin wiederfand, auflösen und die neuen noch in der Bildung begriffen sind, irrt der geistige Blick leicht vom Ziele ab und verwechselt Problem und Lösung.“

Stücke davon, wie Walter Kinkel, a. o. Prof. d. Philosophie zu Gießen Plato AD 1908 sah

Platos Akademie, Mosaik, Pompeji

„Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft theilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde. Eben so verließ Plato die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so vielfältige Hindernisse legte [so enge Schranken setzt], und wagte sich jenseits derselben, auf den Flügeln der Ideen, in den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen.“

Herr Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft, Einleitung