Mittwoch, 12. März 2014

Spätes Erinnern – Luise von Preußen

 
Luisentempel, Schloßpark Hohenzieritz (1815)

Heinrich von Kleist

An die Königin von Preußen
Zur Feier ihres Geburtstages, den 10. März 1810

Erwäg ich, wie in jenen Schreckenstagen,
Still deine Brust verschlossen, was sie litt,
Wie Du das Unglück, mit der Grazie Tritt,
Auf jungen Schultern herrlich hast getragen,

Wie von des Kriegs zerrißnem Schlachtenwagen
Selbst oft die Schar der Männer zu dir schritt,
Wie trotz der Wunde, die Dein Herz durchschnitt,
Du stets der Hoffnung Fahn uns vorgetragen:

O Herrscherin, die Zeit dann möcht ich segnen!
Wir sahn Dich Anmut endlos niederregnen,
Wie groß Du warst, das ahndeten wir nicht!

Dein Haupt scheint wie von Strahlen mir umschimmert;
Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert,
Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht!

Als der Königin dieses Gedicht überreicht wurde, soll sie zu Tränen gerührt gewesen sein (Luise Auguste Wilhelmine Amalie, Herzogin zu Mecklenburg, spätere Königin von Preußen wurde am 10. März 1776 geboren), man war erst vor wenigen Monaten nach Berlin zurückgekehrt, nachdem die Flucht vor dem Korsen lange im äußeren, ja äußersten Osten Preußens festgehalten hatte; vier Monate später starb sie, wenige Kilometer von diesem Ort entfernt, auf Schloß Hohenzieritz.

Selten dürfte eine Monarchin so viel Hoffnungen und Ermutigung in Menschen wachgerufen haben, durch alle Stände hindurch, die geistig Herausragenden gerade nicht ausgenommen (und das, wo sie so angestrengt versuchte, ihre von ihr als allzu lückenhaft wahrgenommene Bildung emporzuheben). Von Kleist war schon die Rede, Schinkel hat für sie ein unglaubliches Grabmonument erfunden, das leider bisher nicht ausgeführt wurde (Schadow und Rauch seien zumindest genannt), Jean Paul, Novalis, von Arnim, Körner und andere lassen wir beiseite, aber Friedrich Rückert wollen wir wenigstens erwähnen, denn der meinte sogar, daß sie gestorben sei, um im Himmel Preußens Glück einzufordern (er wollte sie zur Schutzheiligen Magdeburgs erklären, denn:).

O schönste aller Schönen,
Der Reinen reinste Du,
So hörtest du das Höhnen,
Und schwiegest still dazu;
Du hobest in die Lüfte
Den nassen Blick hinauf,
Und wandtest über Grüfte
Bald selbst dorthin den Lauf.
Dort fandest du gelinder
Für deine Bitt' ein Ohr
Um die Burg deiner Kinder,
Die unsere Schuld verlor.
Dort hast du sie erbeten
Für uns von Gott zurück,
Und freust dich, zu vertreten
Im Himmel Preußens Glück.

Ein Engelbert Albrecht (auch kein Preuße, wie viele Luisen-Bewunderer übrigens) bedichtete eine verbürgte Blücher-Anekdote wie folgt („Blücher auf dem Montmartre“):

Es lag im Sonnenglanze die Stadt, noch stolz im Fall,
Da rief auf hoher Schanze der greise Feldmarschall:
Nun büßest du's o Riese, der sich mit Hohn erfrecht,
Zu kränken uns Luise – Luise ist gerächt.

Und um doch noch einen Übelwollenden aufzutreiben, A. von Humboldt soll sich über sie recht herablassend geäußert haben, aber die Humboldts lagen mit ihren Urteilen des öfteren sehr daneben.


Als sie meinte, sich mit dem Gedanken vertraut machen zu müssen, es sei nun wirklich alles vorbei, schrieb sie ihrem Vater (1807):
"Es ist wieder aufs Neue ein ungeheures Unglück und Ungemach über uns gekommen, und wir stehen auf dem Punkt, das Königreich zu verlassen, vielleicht auf immer. Ich gehe, sobald dringende Gefahr eintritt, nach Riga. Gott wird mir helfen, den trüben Augenblick zu bestehen, wo ich über die Grenzen meines Reiches muß, bedenken Sie, wie mir dabei ist; doch bei Gott beschwöre ich Sie, verkennen Sie Ihre Tochter nicht! Glauben Sie ja nicht, daß Kleinmut mein Haupt beugt. Zwei Trostgründe hab' ich, die mich über alles erheben: der erste ist der Gedanke, wir sind kein Spiel des Schicksals, sondern wir stehen in Gottes Hand und die Vorsehung leitet uns; der zweite, wir gehen mit Ehren unter."

Es ging dann ganz anders weiter. Aber die Charakterfestigkeit, die aus diesen Worten spricht, muß Menschen magisch angezogen haben und half über die Brüche der Zeit hinweg. Wenn sie bei so verschieden gearteten Menschen gleichermaßen als „Seelentrösterin“ wirksam werden konnte, kann sie so ganz ohne Tiefe nicht gewesen sein.

Ist sie uns lange entschwunden und entschwindet weiter wie scheinbar ihr Gedächtnisort auf den nachfolgenden Bildern (der gegenwärtig besser wirklich eher aus der Ferne zu betrachten ist)?

 Luisentempel, Schloßgarten Neustrelitz (1891)

Es wird heutzutage pflichtschuldig die Nase gerümpft, mindestens, wenn jemand im Zusammenhang mit dem Jahr 1945 noch das Wort „Zusammenbruch“ gebraucht; dabei war es ja so, daß nicht bloß simpel das große Böse vernichtet worden und an seine Stelle wieder das gewohnt Gute getreten wäre, die Dinge sind weitaus vertrackter. Wenn man sich aber ein wenig in die Geschichte des Luisen-Gedenkens im vergangenen Jahrhundert vertieft, überfällt es einen förmlich, wie das 20. Jahrhundert eines der Zusammenbrüche war – 1918, 1933...

Und dann geht einem auf, auch Königin Luise hatte Zusammenbrüchen von vergleichbarer Heftigkeit zu trotzen. Auf ihren Spuren kann man also folglich durchaus lernen, wie man einen rechten Charakter durch die Zeit hindurchbringen kann. Wir dürfen immer noch von ihr lernen, von unserer mecklenburgischen Majestät!


beendet am 13. März

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da bist Du aber in ganz gehobene Stimmung geraten!!!

Rosabella hat gesagt…

danke Ihnen sehr, lieber Martin, für diesen Post! herzlichst verbunden, Ihre Sabine

Brettenbacher hat gesagt…

Ihr Aufheben von Vergangenem, höchst Werter, schafft unsereinem immer eine feste Gegen-Warte.

Beiträger ist auch mal Anfang der Neunziger letzten Jahrhunderts von Lindow aus durch Föhren und um Seen wacker wankend gestrichen und so in Gransee gelandet, von dem er nie zuvor gehört. Ist da ein Ding auf der Kreuzung gestanden, das ihm ein ganz und gar Undeutbares war.
Die freundliche Wirtin im kleinen Kaffeehaus, das auch Bücher zum Verkaufe bot, hat ihm dann von der Königin erzählt, von der der Stromer mit blöden Ohren auch noch nie gehört. Aber sie war ihm nun für immer ins Herz geaet.

MartininBroda hat gesagt…

@ Herr R. Ich wollte das gerade abwehren, ironisch etc. etc. (wir haben darüber auch schon gesprochen). Aber im Nachhinein gesehen, stimmt es wohl. Fast hätte ich gesagt, ich war in „authentischer“ Stimmung; aber solcherlei dubios gemachte Begriffe gebrauchen wir hier ja nicht.

MartininBroda hat gesagt…

@Rosabella Die herzliche Verbundenheit ist ganz hier zu Hause. Ich kenne ja Ihre Verehrung für unsere Königin, liebe Sabine, und freue mich daher, wenn dies gefallen hat (ich versuche seit Tagen, etwas zusammenzustellen, was ich Ihnen senden könnte, aber bisher hat es nur zu einer Tasse mit einer Strelitzie gereicht, schön, von Ihnen zu hören).

MartininBroda hat gesagt…

Lieber Herr Brettenbacher. Das haben Sie sehr schön gesagt (aber ich glaube, das wissen Sie auch), mein eigenes Empfinden dabei (ich hasse eigentlich dieses persönlich Getue, mit dem man sich an etwas von Wert anklebt, also nur kurz) ist eher das eines völligen Nicht-gerecht-Werdens.

Das Merkwürdige mit der Königin hingegen ist (und ich weiß nicht einmal, wann ich das erste Mal von ihr gehört habe), wenn ich wieder einmal länger auf sie sah, wird sie immer weniger historisch, und je mehr man erfährt, um so größer wächst die Sympathie und der Respekt (aufschlußreich ist auch, wenn man sieht, wer sie weniger schätzte, so ist sie ein rechtes Scheidewasser für die Seele). Ich danke für Ihre unverdiente Aufmerksamkeit.