Sonntag, 2. August 2015

Sonntag &


Als ich gestern Abend gegen 11 die Schloßstraße hinaufging, fiel mir ein junger Mann auf, der offenkundig von der Idee besessen war, die Häuser festhalten zu müssen. Nun waren wir alle, denke ich, schon in unangenehmen Situationen. Und so half ich ihm, gegen meine Gewohnheit, mit seiner freundlichen Einwilligung zum nächsten Treppenaufgang.

Ein etwas schräger Gedanke an dieser Stelle (der mich aber schon des öfteren befiel): Jeder Mensch denkt zuförderst erst einmal (mehr oder weniger), er sei normal, und ist dann z. B. verblüfft, wie Menschen so dünn sein können. Nun ja. Nachdem er folglich nicht weiter belästigt werden mußte, er hatte das übrigens mit ziemlicher, ja warum nicht, Dignität beantwortet, eilte ich also in die Stadtkirche.

Und während ich sie im Geiste wieder einmal in einen schönen Ort verwandelte (soviel wäre das gar nicht, die Emporen im Chorbereich müßte man zurücknehmen, die Altarwand von Grau in Weiß-Blau ummodeln z.B.), beging der Neustrelitzer Musiker Torsten Harder, ein wahrlich frommer Mann, von dem ich, offen gestanden, nicht wirklich wesentliches weiß, und insofern mische ich mich in fremde Händel (wenn ich ihn auch schon gelegentlich gehört habe), dort seinen 50. Geburtstag mit einem wohl größtenteils improvisierten öffentlichen Konzert, bei dem mir mehrfach innerlich die Kinnlade herunterfiel (man muß auch wissen, was man seinen Mitmenschen zumuten will, allein die Vorstellung, mein Beeindruckt-Sein wäre nach außen gewendet worden - *Grusel). Es war einer der Momente, wo ich dachte, dies ist eben doch immer noch ein Ort der Künste und des Geistes, und sogar der Frömmigkeit.

Aber ich hatte natürlich die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen. Andere Partyleute mögen geholfen haben, die Treppenstufen waren jedenfalls 1 1/2 Stunden später leer. Gott sei Dank. Das also die zugegebenermaßen etwas seltsamen Präliminarien.


Denn eigentlich soll es doch jetzt um's Essen gehen. Auf dem mäßigen obigen Bild bekommt man eine Ahnung. Im Gefrierschrank-Mausoleum ruhte immer noch ein Rehrücken in Frieden. Der war nun seit Freitag gestört, denn der Rücken reifte im Kühlschrank nach. Offen gestanden, ist es eine mühselige Veranstaltung, man muß das Fleisch vom Knochen lösen (nicht alles natürlich), die Knochen samt Anhängendem mit Zwiebeln erst anbraten, dann ablöschen und darauf in reichlich Flüssigkeit vor sich hinköcheln lassen, zusammen mit Piment, Lorbeerblättern, Pfefferkörnern, Rosmarin,  und Salz natürlich. Die Löschflüssigkeit bestand in diesem Fall aus Rotwein, Wasser und Ketchup. Das braucht gut seine 2 1/2 Stunden, aber man muß dem Topf dabei natürlich nicht die Hand halten. Aber es dauert eben.


Irgendwann wurden auch die ausgelösten Stücke vom Rehrücken angebraten, mit Wildfond abgelöscht und in den Ofen abgedeckt zum Nachgaren gesteckt, für nicht so sehr lange. Schließlich kam es zur unvermeidlichen Familienzusammenführung. Die leidlich ausgekochten Knochen kamen in mein größtes Sieb, der aufgefangene Fond zu dem aus dem Ofen (der Rehrücken wurde dort warmgehalten), und jetzt verläßt mich schon meine Erinnerung, ich denke, Sahne kam noch dazu. Das heißt, mein Gedächtnis hatte mich schon gestern bald verlassen: Es sollte doch eine Preiselbeersauce werden. Was fehlte, als sie endlich auf dem Tisch stand – die Preiselbeeren. D.h., sie waren wohl vorhanden, nur eben nicht in der Sauce. Ich war inzwischen wirklich zu träge, das noch einmal rückgängig zu machen, und habe darauf meine Schnapsidee aufgewärmt, Preisel- und Heidelberen kurz in Rum zu schwenken.



Zwei Dinge waren putzig, Frau W. hat ihren Gurkensalat nicht angerührt (gewohnt mit Essig und Zucker) – 'ich wußte ja nich, daß du noch Blumenkohl machst'. Zu Füßen des Gebirges aus Blumenkohl hatte sich allerdings reichlich Butter versammelt, die ich heiß darübergeschüttet hatte (etwas Muskat war auch dabei), langsam wird mir deutlich, wie jemand auf die Idee kommen kann, es gäbe so etwas wie Butterkobolde .

Ein Anderes: Die Sauce wurde gnädig aufgenommen (obwohl Frau W. neben vielen anderen Dingen keine Rotweinsaucen mag). Aber als ich vorschlug, ich könne nach dem Abräumen ja die Früchte jetzt dazutun, warf sie sich unter verblüffend lautem "Nein!" nahezu schützend über die Terrine. Mein Gott, soviel Hingabe.



Ich wüßte wirklich nicht, was noch zu sagen bliebe. Es war nicht schlecht, ich habe mich sogar getraut, ein wenig davon dem Herrn Stahl von der Schloßkirchenaufsicht nebenan anzudienen.

Die Ausstellung „Tier und Mensch“ ist nun geschlossen. Darum das Eingangsbild, es war eine wundervolle, sich tief einsenkende letzte Stunde, die ich da fast nur für mich hatte, und so reifte in mir dann der Gedanke, mich der Gefahr der Ungnade auszusetzen und gegen meine Absicht, einige Bilder zu machen, und mitzuteilen, die findet man da.


Heimat ist der Ort, den sich die Seele auswählt, offenbar hat sie das längst getan. Und wenn Kunst diesem Ort noch ihre eigene Würde dazugibt: Was sollte es mehr geben?
beendet am 3. August

Kommentare:

DirkNB/Herdnerd hat gesagt…

Des Reh's Rücken ist schon ein eigen Ding. In Analogie zum alten Heimwerkerspruch - auf eine Schraube bezogen - "Nach fest kommt ab." gilt bei dem Edelwildteil gern mal "Nach roh kommt trocken". Aber bei der ganzen Soße ... ;-)

Aber so muss es sein, eine gute Soße ist nicht zu ersetzen. Dieser kleine ironische Ton beim Soße kochen erheiterte doch sehr. Ich stelle mir gerade vor, wie ich eine verdiente Legehenne des Volkes zur Brühe auskoche und dabei viereinhalb Stunden am Topf verweile, um die Fertigstellung zu beaufsichtigen.

MartininBroda hat gesagt…

Wie schändlich, ich habe das noch gar nicht beantwortet. Aber der Rehrücken selbst war gar nicht so schlecht. Nur haben sehr viel vom Rest tatsächlich die Hühner bekommen. Das lag aber eher am Wetter, bei dem man erstens kaum was essen mag und zweitens rasant alles schnell verdirbt, was es nicht in die überfüllten Kühlteile geschafft hat.

Beim letzten Beitrag von Dir ("Curry mit viel Herz zubereitet") dachte ich wirklich, ach nee Innereien, das muß ich jetzt nicht lesen, die Hitze eben.

DirkNB/Herdnerd hat gesagt…

Kühlkapazitäten hat man oft zu wenig, es bleibt abzuwarten, bis der begehbare Kühlschrank sich im Heimbereich durchsetzt. ;-)
Am besten in Raum in mehreren Abteilen, vorn die am wenigsten gekühlten Sachen wie Rotwein u.ä., danach dann die mehr gekühlten bis tief im inneren der Tiefkühlbereich folgt ...
Das Herz ist auch ein eiskaltes welches geworden. Statt im Magen ist es erstmal im Kühlschrank gelandet.

naturgesetz hat gesagt…

I made some cucumber salad and enjoyed half oof it the other day. Today, I'll finish it at lunch and then head off for my retreat.

MartininBroda hat gesagt…

@DirkNB Begehbare Kühlschränke, hatte ich glatt vergessen zu beantworten, welch nette Idee, vor allem, wenn der Sommer mal wieder seine feuchtwarmen Kapriolen schlägt. Als ich am Sonnabend in Mirow von der letzten Beisetzung eines Mecklenburger Herzogs hörte, hieß es, die Kinder durften nicht dabei sein, weil es so kalt gewesen wäre, 3° oder so, und ich dachte nur, oh bitte ja, jetzt!

DirkNB hat gesagt…

Auf Arbeit gibt es einen Raum, der klimatisiert ist (leider nicht das Büro, in dem ich arbeite). Wenn es besonders heiß draußen ist, flüchte ich auch manchmal kurz in den Technikraum voll lärmender Rechner, aber eben 22°C Luftttemperatur. Schön ist es nicht, aber kühl. Nur: Umso wärmer und drückender ist es dann, wenn man aus dem Raum wieder in die Wirklichkeit tritt.