William Blake Autumn O Autumn, laden with fruit, and stained With the blood of the grape, pass not, but sit Beneath my shady roof; there thou may'st rest, And tune thy jolly voice to my fresh pipe, And all the daughters of the year shall dance! Sing now the lusty song of fruits and flowers. "The narrow bud opens her beauties to The sun, and love runs in her thrilling veins; Blossoms hang round the brows of Morning, and Flourish down the bright cheek of modest Eve, Till clust'ring Summer breaks forth into singing, And feather'd clouds strew flowers round her head. "The spirits of the air live on the smells Of fruit; and Joy, with pinions light, roves round The gardens, or sits singing in the trees." Thus sang the jolly Autumn as he sat; Then rose, girded himself, and o'er the bleak Hills fled from our sight; but left his golden load.
Der Herbst
Oh Herbst, früchtebeladen, beträuft
mit der Rebe Blut: Bleib hier und sitze
im Schatten bei mir, gönn Dir die Rast!
Dann stimm' Dein lustvoll Lied zu meiner Pfeif'
und lad' des Jahres Töchter all zum Tanz:
Sing uns das Lied der Lust von Frucht und Blüten!
"Die enge Knospe öffnet ihre Schönheiten
der Sonne zu, und Liebe pulst in ihrem Blut;
Blüten verzier'n des Morgens Lider und
träufeln hinab der keuschen Eva Wangen -
bis einend der Gesang erschallt des Sommers
und Federwölkchen ihr die Stirn bekränzen.
Der Lüfte Geister leben in dem Duft
der Frucht, und leichtbeschwingte Freude schwebt
durch alle Gärten, oder singt vom Baum."
So sang der frohe Herbst auf seiner Rast,
stand auf dann, gürtet sich, und über düst're Hügel
entfloh - doch ließ uns gold'ne Fracht.
So übersetzt uns Prof. Aue aus Canada, ehemals Wien, William Blake. Ich habe kürzlich Herrn Blake regelmäßig für meine Jung-Beiträge mißbraucht, und wo ich gerade über dem nächsten nachgrübele, lieber eben doch dies. Bebildert mit einer sehr eigenen Herbsterinnerung.
And did those feet... (Jerusalem) And did those feet in ancient time, Walk upon Englands mountains' green: And was the holy Lamb of God, On England's pleasant pastures seen! And did the Countenance Divine Shine forth upon our clouded hills? And was Jerusalem builded here Among these dark Satanic Mills? Bring me my Bow of burning gold: Bring me my Arrows of desire: Bring me my Spear: O clouds unfold: Bring me my Chariot of fire! I will not cease from Mental Fight, Nor shall my Sword sleep in my hand: Till we have built Jerusalem In Englands green and pleasant Land.
Die Selbstbilder von Nationen sind immer herausfordernd, besonders, wenn man ihnen zufällig nicht angehört (es sei denn, man ist Deutscher). Gegenwärtig dürfen wir das am sich gerade rührenden russischen Imperiums-Verlustschmerz ablesen, aber es reicht weiter zu anderen einer gewissen Bedeutungsauszehrung anheim gefallenen europäischen Namen wie, ja Großbritannien, das so eben daran entlanggeschrammt ist, seinen nördlichen Teil zu verlieren, den es (sprich England) sich nun wirklich mit Jahrhunderte andauerndem Bemühen einverleibt hat. Der Verlust Neuenglands mochte noch angehen, schließlich fand man mit Indien vorübergehend interessanten Ersatz, aber Schottland!?
Wie man sieht, spiele ich auf das entsprechende Referendum der vergangenen Woche an, und ich mußte wahrlich mit meinem "inneren Schweinehund" kämpfen, nicht eine Abfolge der bekannteren patriotischen britischen Lieder (sowohl zuvor als auch danach) hier anzubringen, obwohl ich sie mir immer wieder einmal anhörte („I Vow to Thee, My Country“, „Land of Hope and Glory“ „Rule, Britannia!“, um einige zu nennen).
Man darf wohl jedenfalls sagen, daß sie ästhetisch zumeist leicht anspruchsvoller sind als manch anderes (erwähnt seien etwa die der Franzosen, die nur so von „unreinem Blut“ triefen), aber fast ist man auch versucht zu behaupten, letztlich erinnern sie ein wenig an die englischen Landsitze, die einen toskanischen Palast nachahmen wollen (nur daß nie einer von der Art Leonardos darin wohnte, als sehr abgekürzter Gedanke).
Obwohl die wiederum ihrerseits auch nur die alten römischen Vorfahren hatten übertreffen wollen (um noch weiter abzuschweifen; und ich darf schon jetzt versprechen, wenn ein Beitrag vor sich hin mäandern wird, dann dieser...). Insofern haben die Neuengländer mit ihren Nachahmungen das Muster gewissermaßen schon von ihrem Herkunftsland her mitgebracht, allerdings nahmen sie diese Serie zwar zunächst durchaus auf, haben sie dann aber doch äußerst nonchalant durchbrochen (siehe bspw. hierher, ich wundere mich immer noch, warum sie für den Sitz des Präsidenten ihrer imperialen Republik nicht längst etwas schick Neues aus Stahl und Beton substituiert haben).
Prognosen in Bezug auf die Zukunft sind immer schwierig, für die Vergangenheit ist das leichter. Das ist gar nicht als Paraphrase des beliebten Kalauers gemeint, sondern durchaus ernsthaft: Also der Führer (bzw. Herrscher, setzen wir einfach Richard III. als Platzhalter ein) ist tot - welche Varianten, mit dieser Tatsache umzugehen, kann es geben, es sind überschaubare Muster, die sich dort abwechseln werden..
Mit der Zukunft ist das schwieriger, jemand kann sich 100mal vorhersehbar aufführen, und beim 101. ist es ganz anders, und prompt haben wir den 1. Weltkrieg. Man hat jetzt eine Ahnung, was mir bei dem Referendum alles an spätem Groll, bekämpfter Genugtuung etc. etc. so durch den Kopf ging.
Und was mir, um auch das noch loszuwerden, in der Debatte vor allem auffiel, es ging sehr pragmatisch um Vor- und Nachteile vor allem sehr materieller Art, aber eine Idee vom Britisch-Sein scheint recht eigentlich nicht mehr zu bestehen, oder doch heftig zu zerbröseln. Neuseeland möchte jetzt ein wenig LOTRmäßig einen silbernen Farn auf schwarzem Feld zum neuen Feldzeichen erkiesen (und das von einem wiedergewählten Konservativen mit entweder zuviel phantasmagorischen Nachtstunden oder einem rührenden Neuanfangs-Vibe).
Aber zurück zu den Engländern, die sich als (christliche) Römer fühlen wollten, was ihre entferntesten Vorbewohner ja sogar für eine beachtliche Zeit auch waren.
Titelseite zu "Milton, eine Dichtung in zwei Büchern"
Wie man sieht, hat mich weniger Blakes „And did those feet...“ für sich beschäftigt, was zugebenermaßen kaum entschuldbar ist, sondern mehr, wie dieses Rätselding zum Mittel für patriotische Aufwallungen benutzt werden sollte und dabei den Urhebern dieser Verwandlung zur vertonten Hymne.gewissermaßen entfleuchte.
Ich habe mich tatsächlich in William Blakes episches Elaborat „Milton“ hineinzubegeben versucht, dem sein lange vergessenes Gedicht vorangestellt ist, aber mich schließlich mit Grausen wieder abgewandt, in Sorge um meinen mentalen Zusammenhalt.
Da traf es sich gut, daß ich auf eine (englischsprachige) Studie (Edward Robert Friedlander: "William Blake's Milton: Meaning and Madness") traf, die mir den Inhalt nochmals erzählte und anschließend folgende (respektvolle) Diagnose stellte: „Blake's poetry and paintings present classic illustrations of the schizophrenic experience. So far as I know, these are the best, most beautiful, and most meaningful ones ever created.“
Er wolle nicht mißverstanden werden, so deren Autor. Blakes Schriften und Bilder seien äußerst interessant und wertvoll: „Blake has opened worlds of marvels and great beauty to us. Blake rejected social injustice and mechanical philosophies just like most of us do.“ Aber er glaube, daß Blake mit seinen Visionen und Stimmen falsch lag: „They are not guides to metaphysical truths for all of us.“ Und dann läßt er sich doch noch eine Hintertür offen: „I believe that Blake was wrong. But I hope that he was right. Then, when we understand his works, we will have broken through the 'limits of opacity and contraction', and enter a larger, more meaningful world.“ „The Ruins of Time build Mansions in Eternity.“
aus einem Trostbrief Blakes an William Hayley
„Wo kein Umriß ist, da kann es keinen Charakter geben.“ Denn: „Nature has no Outline, But Imagination has. Nature has no Tune, but Imagination has. Nature has no Supernatural, and dissolves: Imagination is Eternity.“
Denn: „Die Natur lehrt uns nicht das Leben des Geistes, sie lehrt uns einzig das Leben der Natur“.
Gott habe aber nicht nur den Körper erschaffen nach seinem Ebenbild, sondern auch die Phantasie des Menschen. Also existiere die ganze Schöpfung im Geist des Menschen (gut, über die Sinnhaftigkeit der Schöpfung hat er viel gegrübelt, vielleicht frei nach dem „literarischen Kalauer“ - "Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen.").
Aber, wenn „verständige Menschen“ anstrengungslos den größten Unsinn von sich zu geben vermögen, warum sollte dann ein Schizophrener nicht einen Zipfel der Wahrheit zu fassen bekommen haben, und ja es gibt sie, wie ich fest vertraue, es ist keine ferne Legende: “Doctrina multiplex, veritas una” – “Der Lehren sind viele, aber es ist nur eine Wahrheit” - war das Motto meiner einstmaligen Alma Mater. Zurecht.
Wo ich, unzufrieden mit den (ausbleibenden) Einsichten, in meinen Notizen herumwühle, dies immerhin, aus besagter Studie, klingt doch konstruktiv positiv: „Perhaps Blake's greatest contribution to literary methods occurs in this poem: his invention of the dream technique. It was also the cause of the greatest confusion among his earlier critics. This technique destroys the effect of a continuous and logical narrative...“
Jetzt müßten wir ihm eigentlich fast böse dafür sein, daß er damit quasi die Moderne miterfunden hat, aber ein anderes Wort faszinierte mich zuvor: „Spectre“, der Verstand, aus Unkenntnis getrennt von der Quelle des Seins, mehr einem Schatten gleich, der seine Macht in zweifelhafter Moral auslebt und Schlimmerem.
Für Blake galt dies nicht: "I have very little of Mr. Blake's company," stellte seine Frau fest, "he is always in Paradise."
Blake fasziniert, neben seinem Künstlertum, vor allem durch die Tapferkeit, mit der er seine Weltsicht der Welt entgegen gehalten hat, ob ihm eine Krankheit dabei behilflich war? Sei es drum. Aber sein ständiger Umgang mit Geistern hat mitunter etwas Unterhaltsames. Natürlich ist ihm auch der Teufel erschienen, und er beschreibt ihn genau:
„It is the gothic fiend of our legends, said Blake -- the true devil -- all else are apocryphal.“
Jetzt haben wir immer noch nichts dazu gesagt, wie Plato an Blake seine reine Freude haben muß, und warum das eingangs genannte Lied/ Gedicht grandios ist, und wie große Kunst es nun einmal vermag, nicht nur ganz Verschiedenes zusammenzubringen, sondern auch im Geiste wachzurufen, wie ein Blick von einem Turm auf einem hohen Hügel...
Aber (um doch noch meine Andeutungen zum 1. Weltkrieg ein wenig verständlicher zu machen), daß ausgerechnet dieser Text ausgesucht wurde, um die mißmutig werdende britische Nation "to brace the spirit of the nation, that the people of Great Britain, knowing that they are fighting for the best interests of humanity, may refuse any temptation, however insidious, to conclude a premature peace, and may accept with cheerfulness all the sacrifices necessary to bring the war to a satisfactory conclusion", ja, das gehört zu den Wirrnissen der Menschheit.
Aber wirkliche Kunst übersteht eben auch zweifelhafte Ursprünge.
Dieses Gedicht von William Blake ist derart bekannt im englischen Sprachraum, daß man wohl eigentlich besser daran täte, gar nichts dazu zu sagen. Wir wollen es auch nur bei ein paar Anmerkungen belassen. Dieses nur auf den ersten Blick einfache Gedicht legt so sehr Metapher auf Metapher, daß man sich bald fragt, ob es tatsächlich um den Tiger als solchen geht, das überwältigte Staunen angesichts seiner verstörenden Erscheinung oder nicht eher um die Schönheit des Schreckens überhaupt, die Zwiespältigkeit der Schöpfung, die Natur des Schöpfers oder die Natur des Menschen, z.B.
Obwohl am Anfang wohl ein ähnlich "reales" Erlebnis stand wie bei Rilkes ermüdetem „Panther“ aus dem Jardin des Plantes, hält sich Blake nicht mit derartiger menschlicher Einfühlung auf. Er hält sich den Schrecken des Tigers gewissermaßen mit seinen Fragen auf Abstand. Und nicht nur das, sein ganzes Gedicht ist ein Pfeilhagel aus Fragen, die am Tiger vorbei auf den zielen, der dieses Geschöpf ins Leben rief. Ist es derselbe, der das „Lamm“ schuf (sprich Christus)? „Did he who made the Lamb make thee?“.
Diese Abfolge von Metaphern und Fragen macht sein Gedicht merkwürdig un(an)greifbar und zugleich un-statisch, ruhelos, offen, auch offen für verschiedenste empathische Versuchungen natürlich.
Ist die zwiespältige Schöpfung, die Welt, in der wir leben, gemischt aus Grausamkeit und Schönheit, wirklich das Werk desselben Schöpfers, und wenn ja, was trieb ihn dazu? Ist es das vorbewußte Böse, das uns im Tiger entgegentritt? Existiert im Lebendigen gar kein Gut oder Böse? Aber sie ist doch eine geschaffene Natur, zu welchem Zweck dann?
Und wenn all dies nur das Vorspiel zur endgültigen Schöpfung wäre, der Ort der Bewährung sozusagen? „Die Natur lehrt uns nicht das Leben des Geistes, sie lehrt uns einzig das Leben der Natur“. Für den Menschen jedenfalls ist seine wahre Natur, den geistigen Kampf zu leben, um zurück nach Eden zu finden, erfahren wir bei Blake. Doch was, wenn dieses Vorläufige einer vollkommenen Schöpfung nun aber das interessantere wäre?
Sind das die Fragen und Träume eines beredten Gnostikers, die uns hier in den Bann ziehen, oder erschrecken wir uns gerade vor uns selbst. Wer weiß das schon.
Alle warnen zurecht vor den schädlichen Folgen des Glühweins, nämlich etwa, daß man davon schnell müde werden würde. Also wird das, was gestern Abend hier stehen sollte, heute Morgen schnell zu Ende geschrieben. Die Zutaten sind im Bild klar zu erkennen, es handelt sich um Zimt, Nelken, Ingwer, Muskat und Zitrone. Bei den ersten beiden kann man von der Menge her nicht soviel falsch machen, aber von dem getrockneten Ingwer bitte nur ein wenig nehmen, das wird sonst zu scharf (und das Stück etwas auseinanderbrechen), nicht die ganze Muskatnuß, allenfalls die Hälfte, auch etwas zerkleinert dazugeben. Die Gewürze werden also aufgekocht, der Muskat erst spät dazugeben, wird sonst bitter, am Ende Wein und Zitronensaft heiß werden lassen (nicht kochen), der unvermeidliche Zucker kann je nach dem Abschmeckergebnis hinzugegeben werden.
Herr Prof. Aue hat mir eben eine Übersetzung von „Jerusalem“ (von William Blake) als Kommentar zugesandt, aber als solchen wollen wir ihn besser nicht im Unbeachteten belassen. Und dann wurde ich etwas sentimental bei Bing Crosby "Swinging on a Star", aber das ist eine andere Geschichte, also folgt erst „Jerusalem“ und dann besagtes Lied.
Kaum ist man mal in eine Phase geistiger Trägheit eingetreten, schon wird man lobend erwähnt. Nett. Zum Glück galt das Lob aber eher dem geschätzten Prof. Aue und seiner Übersetzung von Blakes „The Tyger“ (man sehe bitte auch hier unter Blake nach). William Blake wurde am 28. November 1757 geboren. Ein höchst eigenwilliger Mann, Maler, Kupfer-Stecher, Visionär, Poet, religiöser Autor, Erfinder von Mythologien… Jemand, der sich dem begrifflichen Zugriff entschieden entzieht.
Das beginnt schon damit, daß man bei diesem Künstler, dessen Bilder derart von religiösen Motiven erfüllt sind (Dante, Buch Hiob, Apokalypse, Evangelien), kaum sagen kann, ob er nun eigentlich Christ oder Gnostiker oder Neuplatoniker war. Er mochte keine Institutionen, das immerhin ist sicher, und besaß eine überbordende Phantasie. Ich habe mich schon gelegentlich an ihm abgemüht (etwa hier). Noch kurz zu dem oben verlinkten Blog „silvae“ - das Video, eine Vertonung besagten Gedichts von John Taverner, habe ich neben anderem Unterhaltsamen, ebenfalls auf ihm gefunden.
Doch noch etwas Biographisches. Blake war Schüler von Basire, wurde beeinflußt von Mortimer, Barry, Flaxman, vor allem aber Füßli. Die Wertschätzung seines Werkes schwankte, 1827 starb er als verarmter „Sonderling“, zumindest sahen ihnen seine Zeitgenossen so. An vergangenen Malern galten ihm nur Raffael, Michelangelo und Dürer etwas. Zuerst noch konnte er sich für die Antike erwärmen, was man seinem Werk auch ansieht, später blieb nur für ihn die Gotik gültig („Grecian is Mathematic Form“, „Gothic is Living Form“).
zu Dante, "Der Wald der Selbstmörder", nach 1824 hier gefunden
Zu seinen bekanntesten Schöpfungen gehören die Radierungen zu Youngs „Night thoughts“ und zu seinen eigenen „Songs of innocence and experience“, an späten Werken sind besonders erwähnenswert die Illustrationen zum Buch Hiob und zu Dantes „Göttlicher Komödie“, der Höhepunkt ist vermutlich „Jerusalem“, in dem er sein eigenes Weltbild noch einmal zusammenfaßt. Man muß vielleicht einschränken, daß seine Randständigkeit eher zur Gesellschaft galt. Denn er hat auch in seinen letzten Lebensjahren noch andere, jüngere Künstler beindruckt und beinflußt (Linnell, Palmer, Calvert etwa), später schätzten ihn dann die Präraffeliten (Rossetti) und im 20 Jahrhundert wurde er dann zu einem verblüffend erfolgreich Idol der Popkultur. Und die Nation, die ihn nicht schätzte, hat sich von ihm ihre inoffizielle Hymne schreiben lassen. Seltsam.
Dieses Bild dort unten ist musterhaft, um zu zeigen, wie sehr Blake seine Rätsel liebt. Man nennt es „Nymphengrotte“, „Kreis des Lebens“ oder auch „Meer von Zeit und Raum“. Wirft Odysseus den Schleier ins Meer zurück, den ihm die Meeresgöttin Leukothea gegeben hatte, damit er die Fluten überwinden und sich so retten konnte und neben ihm stünde Athene? Oder ist es eine Illustration zu „De antro nympharum“ des Porphyrios (folglich die Höhle der Nymphen in Ithaca und ein Sinnbild des Abstiegs der Seele in die materielle Welt, dann würde die Gruppe von Frauen mit Weberschiffchen die Gewänder des sterblichen Lebens wirken, die Frauengestalt scheinbar mit Stricken an den Handgelenken wäre eine Seele, die eingekleidet würde, die besinnungslos am Ufer liegende Gestalt auf ihre Einkleidung warten und die parzengleichen Figuren ihr gegenüber schnitten den Lebensfaden wieder ab)?
Ist es die Woge des Materiellen, in die sich der Mensch gerade zu verlieren scheint, seine Seele aber weist nach oben, um ihm zu zeigen, wohin er sich zu wenden habe? Ist es der Kreis des Lebens mit Bildern von einem schlafenden Schöpfer, der Liebe (das liegende Paar), der Religion (ein Tempel), der Arbeit (webende Frauengestalten, vielleicht Nymphen), der Sünde (die ertrinkende Gestalt)? Und der Tod in Gestalt dieser Frauen zerschneidet das Gewebe des Lebens?
Blake will den Menschen aus der Dämonie des Materiellen reißen und in die Ewigkeit führen. Gott schuf nicht nur den Körper, sondern auch die Phantasie des Menschen nach seinem Ebenbild, so also „existiert alles in der Phantasie des Menschen“ (Jerusalem). Die irdische Welt ist ihm dabei nur bedingt hilfreich, er lebt im Geistigen, in der Welt der Ideen. „Die Natur lehrt uns nicht das Leben des Geistes, sie lehrt uns einzig das Leben der Natur“. Seine Leitgestalten dabei - Christus (ein sehr eigen interpretierter), dessen Inkarnation, Opfertod, Brüderlichkeit, Vergebung, Hingabe und der Heilige Geist, der „die Göttlichkeit im Menschen ist und der Genius jeder Individualität“ (Jerusalem). Das Leben ein geistiger Kampf, um zurück nach Eden zu gelangen. Das Jüngste Gericht, eine Reinigung der Menschen vom Bösen, um in die Ewigkeit zurückkehren zu können. Und „der unvergängliche Leib des Menschen ist die Phantasie“.
To see a world in a grain of sand / And a heaven in a wild flower, Hold infinity in the palm of your hand / and eternity in an hour.
O rose thou art sick, The invisible worm, That flies in the night In the howling storm
Has found out thy bed Of crimson joy: And his dark secret love Does thy life destroy.
Die kranke Rose
Oh Ros', du bist krank! Der heimliche Wurm, der da fliegt in der Nacht, im heulenden Sturm,
hat gefunden dein Bett von Wonne rot: sein schwarzheimlich Lieben bringt dir den Tod!
Übersetzung von Walter A. Aue
Ich bin mit einigem in Verzug, was ich hier eigentlich anbringen will, gut, das ist nichts Neues, aber trotzdem bedauerlich, aber dieses ist doch unbedingt nachzutragen. Ich hatte kürzlich einen etwas drögen Beitrag über Blake geschrieben, der wenigstens ein Gutes hatte, er hat Prof. Aue dazu gebracht, eine Übersetzung des Gedichts zu verfertigen. Auf seiner eigenen Website findet man sie, wenn man diesem Link folgt.
Und um ganz ausnahmsweise einmal eine persönliche Anmerkung einfließen zu lassen: Wenn man mit Dingen oder Gewohnheiten über eine lange Zeit aufwächst, so glaubt man irgendwann, dies sei natürlich, einem selbst zugehörig, um dann erkennen zu müssen, wenn man nicht dauerhaft Schaden nehmen will, sollte man sie schleunigst loswerden. Weniges ist so trügerisch, wie das Gefühl der Vertrautheit.
Dies ist der Text zu dem obigen Stück, vertont von Benjamin Britten, ohne Übersetzung. Dieser Blog ist ja eigentlich reserviert für das Wahre, Gute und Schöne, nun, auf eine nicht genau faßbare Art wahr ist das nachfolgende Gedicht von William Blake zweifelsohne, und schön sowieso, aber auch gut? Dafür können wir diesmal eine Übersetzung von unserem geschätzten Professor Aue beisteuern.
William Blake A Poison Tree
I was angry with my friend: I told my wrath, my wrath did end. I was angry with my foe: I told it not, my wrath did grow.
And I water'd it in fears, Night & morning with my tears; And I sunned it with my smiles And with soft deceitful wiles.
And it grew both day and night, Till it bore an apple bright; And my foe beheld it shine, And he knew that it was mine,
And into my garden stole When the night had veil'd the pole: In the morning, glad, I see My foe outstretch'd beneath the tree.
Der Giftbaum
Ich war zornig auf den Freund; sagt' es ihm: mein Zorn verblich. Ich war zornig auf den Feind; schwieg: mein Zorn vermehrte sich.
Nächtens, Morgens, furchtverseucht, hielt ich ihn mit Tränen feucht, sonnte ihn im Lächeln mein und mischt' List und Trug darein.
Und er wuchs bei Tag und Nacht, hat den Apfel mir erbracht, bis mein Feind, verlockt vom Glanz (wissend, er gehört mir ganz)
sich in meinen Garten stahl, als verhüllt der Sterne Strahl: Morgens seh ich, mit Vergnügen, meinen Feind am Giftbaum liegen.
Ich gestehe, daß ich mich an Blake etwas mühsam herantaste, hier sowieso. Übrigens empfehle ich wirklich dringend direkt auf die Seite des Herrn Prof. Aue zu gehen, er hat da rechts unten eine Übersetzung ins Wienerische, von ihm selbst vorgetragen, beigesteuert, wie es scheint, sind manche Mundarten geradezu für gewisse Gefühlslagen geschaffen worden. Blake, der große Mystiker, hatte also auch Humor, unterstellen wir einfach einmal.
Es hat etwas höchst Merkwürdiges, daß jemand, der so denkbar fremd zu seiner Zeit stand, die heimliche Nationalhymne Englands geschaffen hat: „ And did those feet in ancient time / Walk upon England’s mountains green? / And was the holy Lamb of God / On England’s pleasant pastures seen?...”
„Sind wohl in alter Zeit diese Füße / Über Englands grüne Berge gewandelt? / Und wurde wohl das heilige Lamm Gottes / Auf Englands lieblichem Weideland gesehen?...“
Das Gedicht basiert auf der Legende vom Besuch Jesu, begleitet von Josef von Arimathäa, in Glastonbury. Man kann das komplette Gedicht hier nachlesen. In diesem Gedicht trifft man den ganzen Blake, sein gläubiges Verwurzelt-Sein im Mythos, seinen spirituellen Utopismus, sein vernichtendes Urteil über die “satanischen Mühlen“ der seelenlosen Gegenwart und seinen glühenden Enthusiasmus, mit dem er für ein geistliches „Neues Jerusalem“ zu kämpfen gewillt war. Man würde so schnell gar nicht fertigwerden mit der Aufzählung all dessen, was dort an unterschiedlichsten Bekenntnissen zusammenströmt. Vielleicht ist das der Grund, warum sich verschiedenartigste Strömungen auf ihn berufen können. Wie auch immer, seltsam bleiben sie doch, diese verschlungenen Wege der Popularität. Ach so: William Blake starb am 12. August 1827 in London.
William Blake Und Elohim schuf Adam, 1795 hier gefunden
Es ist seltsam, wenn einen andere besser verstehen als man sich selbst, aber da das eher einen persönlichen Hintergrund hat, wollen wir die Erklärung dazu ans Ende stellen.
Ich habe sicher schon einmal erwähnt, daß zu den merkwürdigen Vorlieben, die ich irgendwann einmal entwickelt habe, die für die Frühe Musik gehört. Josquin Desprez (auch Josquin des Préz genannt) war ein bedeutender Komponist der frühen Renaissance und starb am 27. August 1521. Das obige Stück ist das Chanson “Mille Regretz“, übrigens ein Lieblingswerk von Kaiser Karl V. Während das untere Beispiel eine Vertonung des 91. Psalms darstellt genauer, seiner ersten 8 Verse. Da die Vertonung auf Latein ist, wollen wir bei dieser Gelegenheit den (ganzen) Psalm in Erinnerung rufen.
Psalm91
1. Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
2. der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe!
3. Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz.
4. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
5. daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen des Nachts, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
6. vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittag verderbet.
7. Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.
8. Ja, du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und schauen, wie es den Gottlosen vergolten wird.
9. Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.
10. Es wird dir kein Übels begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen.
11. Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
12. daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest.
13. Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf den jungen Löwen und Drachen.
14. Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen; er kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen;
15. er rufet mich an, so will ich ihn erhören. Ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren machen.
16. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und ihm zeigen mein Heil.
William Blake Inferno, Canto V, 37-138, The Whirlwind of Lovers hier gefunden
Prof. Aue war so freundlich, mich über seine neueste Übersetzung zu informieren. Es handelt sich um William Blakes Gedicht „London“, sie findet sich hier.
William Blake
To see a world in a grain of sand
To see a world in a grain of sand And a heaven in a wild flower, Hold infinity in the palm of your hand and eternity in an hour.
Eine Welt zu sehn in dem Körnchen Sand
Eine Welt zu sehn in dem Körnchen Sand, einen Himmel in wilder Blume, hält Unendlichkeit in der off'nen Hand und die Ewigkeit einer Stunde.
Wie unschwer zu erkennen ist, handelt es sich hier um ein anderes Gedicht Blakes, den berühmten Anfang eines dann des weiteren nicht mehr so berühmten Werkes. Und warum dies, nun, er lag mit seinem Hinweis, dies sei wohl nicht meine Tasse Tee, nicht so falsch, obwohl ich erst halb widersprochen habe. Aber es wäre natürlich armselig, wenn man nur schätzen würde, was man auch mag.
Und es ist in der Tat wieder ganz bemerkenswert, was er dort auf seiner Seite zu Blakes „London“ zusammengetragen und erklärt hat. Nur irgendwie gibt es bei mir ein instinktives Zurückziehen vor dem Unerfreulichen, dem Häßlichen oder Grausamen, obwohl ich natürlich weiß, daß es ein Teil des Lebens ist und also auch zur Kunst dazugehört, ich kann mich sogar an die Faszination, die es haben muß, heranempfinden (zumal man ja oft das am interessantesten findet, was man nicht versteht oder was einem fremd ist), aber am Ende lande ich dann doch lieber bei „To see a world in a grain of sand“.
Gelegentlich ist die Wirklichkeit doch zu wenig respektabel, als daß wir sie ernsthaft in Erwägung ziehen könnten. / Occasionally, the so called truth is not respectable enough to warrant serious consideration.
To those who unfortunately don‘t understand German
It’s a pity German is not that known how it should be. Surprisingly some people read this blog and more surprisingly, some of them have an English tongue. But this is a German blog. I’ve tried to deal with this problem. If you are interested in German poetry there are translations listed in the column to the right above. And you can find a very kind introduction of this blog here from a gentleman who called himself “naturgesetz”.
I thought there is enough nonsense at this place without a translation tool, I can’t really recommend one, a blogger whose blog I “adore” wrote me once: “I looked at your blog: too bad the translation programs don't work well. On the other hand, they translate the German into something that sounds very poetic, even if it doesn't quite make sense.” Forgive me for stealing your words.
For all that try to use Babelfish.
And I thought by myself, why you shouldn’t give your readers a reason for a good laughter (because my English is not that good), so I guess I will make a short summary in the comment area in the future, to comment your own blog is indeed ridiculous, so enjoy it. Oh and if you like, correct me.
eine Begründung dieser Zumutung findet sich hier auch
Anmerkungen
Über "Cottage lake at night" & anderes
Sollte jemand Ansprüche auf eines der hier vorzufindenden Photos oder aus einem der zitierten Texte erheben wollen, bitte ich um eine Nachricht an