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Dienstag, 4. November 2008

Über Nähe

Das Kuriose ist, irgendwie hat das Internet auch etwas von 19. Jahrhundert, warum, man schreibt sich wieder Briefe, sie mögen nun „Mails“ heißen oder wie auch immer, und wenn man einen Brief unverständlicherweise verloren hat, an dem man sehr hing, dann kann womöglich der Betreffende eine Kopie (Abschrift) schicken, wenn er ihm so wichtig war, wie er einem selbst wurde, und dann erkennt man eine Nähe, die sich einfach nur durch – Briefe hergestellt hat, nicht viel mehr sonst.

Montag, 3. November 2008

Differentiae variae

Unsere Gedanken mäandern gerade ein wenig, und da am Tyburn-Galgen, der in der englischen, sagen wir Geistes-Geschichte, wohl eine erhebliche Bedeutung spielte, am 3. November 1783 zum letzten Mal jemand gehängt wurde und wir außerdem Oliver Cromwell, aus welchen Gründen auch immer, aus tiefster Seele verachten, sei an das folgende erinnert, an das Martyrium des Hl. Oliver Plunkett und an das so erfreulich wie vergebliche Schauspiel, das 30. Januar 1661 ebendort stattgefunden hat.

Mir ist auch gerade aufgefallen, daß die Namen meiner Posts so einfallslos zu werden beginnen wie römische Vornamen. Aber egal, kurios ist, wie die englische Aristokratie, die doch verspätet zu einigen ihrer Möglichkeiten gelangte, zu einem gewissen Stilmuster geriet, sie, die doch über der Form die Inhalte ein wenig vernachlässigt haben könnte. So wollen wir sie doch wenigstens als Erfinderin des „Sandwichs“ zu würdigen wissen.

Und dann, Großer Gott, Georg Trakl starb am 3. November 1914. Das ist einer jener Momente, wo Sottisen jeglicher Art zurückzuweichen haben, eine Erkenntnis, die ich Franz Fühmann danke.

Georg Trakl

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Sonntag, 2. November 2008

Varia

Natürlich würde es naheliegen, diesen interessanten Spannungsbogen vom Reformationstag über Allerheiligen zu Allerseelen mit mehr oder weniger bemerkenswerten Kommentaren zu versehen, aber ob wir über die Fähigkeit zu derart Bemerkenswertem verfügen, bleibe einfach dahingestellt, meiner Begeisterung für die Allerheiligenlitanei habe ich bereits früher hier Ausdruck gegeben.

Darum weiter zu etwas Banalerem: Als ich zu dem in dieser Jahreszeit üblicherweise frühen Abend durch den nahegelegenen Wald in Richtung See fuhr, gab mir die Szenerie den einen oder anderen Gedankenanstoß.

Die mehr oder minder gespenstisch aus dem Nebel ragenden Baumstämme, unter denen dies Meer von abgestorbenem Laub ruht, es gab eine Zeit, wo daraus die lebhaftesten Poetisierungsbemühungen entstanden, ich erkenne diese kuriose Koinzidenz, denn inzwischen sind viele Gefühle genauso erstorben oder genauer gesagt, an die Stelle des Gefühls ist die Erinnerung an Gefühle getreten, die sich bei solchen Gelegenheiten üblicherweise einstellten, irgendwann wird auch diese Erinnerung dahingeschwunden sein, und übrig bleibt vielleicht eine Art abwesender Irritation. Wer weiß.

Und um diese zweifelhaften Poetisierungsbemühungen kurz zu illustrieren, 2 Proben aus sehr lang zurückliegender Zeit:


Herbstwappen

Im traurigen Königreich der Zeit
wandeln Herzoginnen ins Vergessen
herb und klar
erhebt sein Haupt das Wasser
zu herrschaftlicher Sprache.

Der Gang der Jahreszeiten lobt seinen Schöpfer
Körperlicht
verlöschend immer.


Huldigung des Herbstes

Gepriesen sei
das Insichgekehrt-Sein des Novembernebels,
der kalte Glanz des Reichs,

schwerhin gefaltet fällt der Mantel der Landschaft,
rauchig fließen die Gefilde.

Das Gras sagte seine Meinung dem Regen
von der Traurigkeit des Körpers,
ein Geheimnis, das keine Deutung finden mag.

Es schützen tausend Legionen Engel
die Herrschaft des Herbstes.

Über den kahlen Ästen ruht
der haltlose Thron des Schweigens rein.

Freitag, 31. Oktober 2008

Das letzte Hurra des Herbstes











Und übrigens wurde am 31. Oktober 1795 John Keats geboren, nachfolgend die 3. Strophe seines Gedichts „An den Herbst“:

To Autumn


III

Where are the songs of Spring? Ay, where are they?
Think not of them, thou hast thy music too,—
While barred clouds bloom the soft-dying day,
And touch the stubble plains with rosy hue;
Then in a wailful choir the small gnats mourn
Among the river sallows, borne aloft
Or sinking as the light wind lives or dies;
And full-grown lambs loud bleat from hilly bourn;
Hedge-crickets sing; and now with treble soft
The red-breast whistles from a garden-croft;
And gathering swallows twitter in the skies.