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Donnerstag, 21. April 2022

Eichendorff über Lessing – eine Lektüre

Anna Rosina de Gasc: Gotthold Ephraim Lessing, ca. 1767-1768, 

„Aber die halb zaghaften Versuche des Pietismus, wo es das Höchste im menschlichen Leben galt, dieses unsichere Umhertasten des bloßen Gefühls nach dem Lichte, konnte zwei mächtigeren Geistern nicht genügen, die schon damals das Saatkorn einer neuen Zeit für die Nachwelt ausgeworfen; wir meinen: Lessing und Hamann.

Lessing ist… hier zuerst zu nennen. Er hatte das zweischneidige Schwert der Kritik, das der Protestantismus in die Welt gelegt, mutig aufgenommen, aber nicht um des Protestantismus willen, sondern um neue Bahnen zu brechen. Denn so lose, falb und ungewiß, das fühlte er tief, durfte das deutsche Wesen nicht länger hängenbleiben; alles Halbe war ihm in den Tod verhaßt. Der Hochwächter seiner Zeit, wie ihn Gervinus nennt, klopfte er an Hütten und Paläste, rüttelte unbarmherzig Unglauben wie Aberglauben, den eigensinnigen Hochmut und die weichlichen Träumer auf und zwang die Welt, in den Dingen sich so oder so zu entscheiden. Und den gemeinen Schwindel kannte er nicht; auf den unwirtbarsten Höhen, wo anderen die Sinne vergehen, atmete er nur um so frischer auf.

Vor allem begann er damit, in der totalen Verwirrung die ungehörig verschwommenen Elemente der Bildung zu scheiden und zu ordnen. So löste er auch die Poesie aus ihren damaligen Banden französischer Altklugheit, sie sollte fernerhin weder der Moral noch dem Verstande dienen, ihre eigene Schönheit sollte ihre einzige Berechtigung sein. Schon damals, der herrschenden Modebegeisterung entgegen, ignorierte er den Ossian und rühmte Shakespeare, den noch niemand kannte.

Es konnte nicht fehlen, ein solcher Mann mußte die tiefste Bewegung der Zeit, die religiöse, auch am mächtigsten erfassen. In dieser Beziehung sind seine »Wolfenbüttler Fragmente« und »die Erziehung des Menschengeschlechts« besonders berühmt geworden. In den Fragmenten wird Christi Leben und Lehre als ein Versuch dargestellt, den Römern zum Trotz ein irdisches Messiasreich zu gründen, welcher Versuch, als er mißglückte, von den Jüngern dann in den Evangelien schlauerweise bloß geistig gedeutet worden sei. – Die andere Schrift dagegen nimmt die Offenbarung nicht für alle Zeiten geschlossen an, sondern als einen stufenweisen Akt der Erziehung Gottes, einstweilen an dem einzelnen Volke der Juden durchgeführt, weiterhin aber unausgesetzt über Christus hinausgehend.

Wir wollen hier kein Gewicht darauf legen, daß Lessing selbst nur Herausgeber der Fragmente und der Erziehung des Menschengeschlechts ist; die ersteren werden nämlich dem Hamburger Reimarus, die anderen sogar von manchen dem bekannten Landwirt Albrecht Thaer zugeschrieben.

[Lessing hatte die Fiktion in die Welt gesetzt, die Erziehungs-Schrift sei von einem „guten Freund“, der sich gern „allerlei Hypothesen und Systeme“ mache, „um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen“ (Brief an H.S. Reimarus, 16. April 1778). Die zweite Schrift ist also von ihm selbst.] 

Postkarte des Eichendorff-Denkmals in Ratibor. Bild von hier

Aber wenn man den ganzen Mann ins Auge faßt, fühlt man jedenfalls, indem er jene Schriften in die Welt sandte, konnte es seine Absicht nicht sein, der Richtung seiner Zeit zu schmeicheln, vielmehr dieser gradezu den Fehdehandschuh hinzuwerfen, um sie, seiner scharfen unverblendeten Natur gemäß, aus aller Schöntuerei und Halbheit kühn bis zu dem Kulminationspunkte zu treiben, wo es Christ oder Nichtchrist gilt; er wollte keine Scheinheiligkeit, er wollte keinen Scheinfrieden zwischen Vernunft und Religion. 

Er tat es – und das unterscheidet ihn himmelweit von seiner Zeit –, er tat es nicht aus eitler, frivoler Lust am Verneinen, sondern mit dem furchtbaren Ernst, der den Zweifel als eine blanke Waffe ergreift, um sich zu positiver Überzeugung durchzubauen. »Ich hungere«, sagte er von sich selbst, »nach Überzeugung so sehr, daß ich wie Erysichthon alles verschlinge, was einem Nahrungsmittel nur ähnlich sieht.

Die Inspiration der Evangelien ist der breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand herüber helfen, der tue es; ich bitte ihn, ich beschwöre ihn, er verdient einen Gotteslohn an mir.« Hiernach war er auch – wiederum ganz verschieden von seiner Zeit – weit davon entfernt, seine Zweifel für maßgebend oder für mehr als redliche Bestrebung auszugeben. »Ich besorge nicht erst seit gestern«, gesteht er schon im Jahre 1771, »daß, indem ich gewisse Vorurteile weggeworfen, ich ein wenig zuviel weggeworfen habe. Es ist unendlich schwer zu wissen, wenn und wo man bleiben soll.«

Unsäglich aber haßte er insbesondere den flachen Rationalismus der »neumodischen Theologen«. »Man macht uns«, schreibt er an seinen Bruder, »unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm (dem alten Religionssystem). 

Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, das man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßte. Und doch verdenkst Du es mir, daß ich das alte verteidige? – Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie aufkommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisieren werden, als die Orthodoxen jemals getan haben.« 

E. Eichens: Joseph von Eichendorff, Stahlstich aus Werke, Berlin, Simion, 1842, Bild von hier

Das sind Worte, die heute noch ebenso schneidend treffen wie dazumal, und wie viele, die sich jetzt auf Lessing stützen, weil sie ihn nicht kennen, würden wieder das: kreuzigt ihn! über ihn ausrufen. Denn er dringt unerschrocken noch unmittelbarer vor, indem er ferner sagt: »Eine gewisse Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens beruht auf dem wesentlichen Begriff einer Offenbarung. 

Oder vielmehr die Vernunft gibt sich gefangen; ihre Ergebung ist nichts als das Bekenntnis ihrer Grenzen, sobald sie von der Wirklichkeit der Offenbarung versichert ist. Dies also, dies ist der Posten, in welchem man sich schlechterdings behaupten muß; und es verrät entweder armselige Eitelkeit, wenn man sich durch hämische Spötter hinauslachen läßt, oder Verzweiflung an den Beweisen der Offenbarung, wenn man sich in der Meinung hinauszieht, daß man es alsdann mit den Beweisen nicht mehr so streng nehmen werde.«

So ist es durchaus eine ernste tiefe Sehnsucht, die durch sein unruhiges Leben wie durch seine Schriften geht. Er ist ohne Zweifel der tragischeste Charakter unserer Literatur: wie er überall treu, offen und gewaltig nach der Wahrheit ringt und dennoch vom Dämon des Scharfsinns (wie Hamann es nennt) endlich überwältiget wird und an der Schwelle des Allerheiligsten unbefriedigt untergeht; aber sein großartiger Untergang ist für alle Zeiten eine belehrende Mahnung an alle, die da ehrlich suchen wollen.

Eine gleich hohe Erscheinung der deutschen Literatur war Hamann (1730–1788), wenngleich auf sehr verschiedenem Standpunkt. Wenn Lessing das religiöse Bewußtsein durch Kritik zu erobern suchte und von Zweifel zu Zweifel langsam, aber sicher vordrang, so war bei Hamann die Erleuchtung wie ein Wetterstrahl, der den Verirrten mitten in der Nacht eines fast verlorenen Lebens getroffen…“

[An späterer Stelle, nachdem Eichendorff Christoph Friedrich Nicolai als rationalistischen Eiferer von zweifelhaftem Charakter gezeichnet hatte, vergleicht er dazu Lessing.]

Daniel Chodowiecki: Profilbildnis von Friedrich Nicolai, Bild von hier

„Lessing, sagt man, war ein Freund von Nicolai. Eine gewisse Kriegskameradschaft hat allerdings zwischen ihnen bestanden, wie überall bei Kampfgenossen, die unter einer Fahne streiten. Aber nicht alle Kameraden sind Helden; es kommt eben nur darauf an, wie sie kämpfen; und beide haben sehr verschieden gefochten. 

Lessing, der, nie sich selber genügend, immer weiter und weiter bis ins Unendliche sich seine Ziele steckte, suchte erst, was Nicolai, in seinem bornierten Gesichtskreise, bereits gefunden und erobert zu haben und daher hartnäckig behaupten zu müssen glaubte. Wir haben oben gesehen, mit welchem tiefen Ernste Lessing auf dem religiösen Gebiete alle schneidenden Waffen des Zweifels gegen das Christentum wandte, damit die Welt ihn widerlege und belehre und sich und ihn endlich aus dem schwankenden Halbwesen zur vollen Klarheit hindurchschlage.

Ebenso gab er seine dramatischen Versuche keinesweges etwa als endgültige Muster…, sondern um andere anzuregen und auf die Bahn zu weisen, auf der sie aus der allgemeinen französischen Lüge auch hier vielleicht zur Wahrheit gelangen könnten. Auch Lessing gehört… wesentlich der Verstandespoesie an. 

Wir statuieren freilich keinen Dichter ohne, wo möglich, recht großen Verstand, aber wir müssen ihm durchaus etwas vindizieren, das über dem Verstande liegt oder vielmehr diesen in einem weiteren Umkreise mit umfaßt; und eben dieses fehlte Lessing.

Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti - Titelblatt der Erstausgabe, 1772, Bild von hier

Seine »Miß Sara Sampson«, sowie »Emilie Galotti« sind eben nur ein tief durchdachtes Schachspiel scharfumrissener Charaktere gegeneinander: Exposition, Szenenfolge, Handlung, alles notwendig Zug um Zug, kein Auftritt kann herausgenommen oder verschoben werden, ohne den ganzen Organismus zu zerstören; die geistvollsten und lehrreichsten Skizzen zu künftigen Tragödien. 

Aber man vermißt die schöpferische Wärme des Gefühls, jene wunderbare Zauberei der Phantasie, welche die Figuren erst lebendig macht; der Dialog ist epigrammatisch oder »lakonisch«, wie ihn Goethe nennt, und beiden Tragödien fehlt der versöhnende Schluß einer durchblickenden höheren Leitung, den auch die geistreichst kombinierte Wirklichkeit niemals zu geben vermag…

Lessing, G. E.: Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück. Zweite Auflage. Berlin: C. F. Voß 1770, Wikimedia: Foto H.-P.Haack

Mit »Minna von Barnhelm« dagegen trat Lessing unmittelbar seinem Ziele näher, ja gewissermaßen schon über dasselbe hinaus. Was er vorhatte, war nämlich nichts Geringeres, als das Schauspiel aus der ganz konventionellen Unnatur des französischen Hoftheaters zur Naturwahrheit einer nationalen Bühne zurückzuführen. 

Zu diesem Zwecke wollte er Stoff und Form zugleich reformieren, er wollte einerseits den Heroismus von dem Kothurn eines angeblich klassischen Altertums möglichst auf den realen Boden der Gegenwart stellen, andrerseits das aufgeblasene Pathos wieder dem natürlichen Konversationstone zu nähern suchen. Beides gelang ihm vollkommen in dem genannten Lustspiel, das eine außerordentliche Wirkung machte und bei vornehm und gering populär wurde, weil hier dem modernen Heldenleben in der bewegten Zeit des Siebenjährigen Krieges ein großer nationaler Hintergrund gegeben war. 

Anders verhält es sich, wo dieser Boden künstlich erst geschaffen werden mußte, wie in Miß Sara Sampson, oder, wie in Emilie Galotti, die alte rauhe Römertugend willkürlich mitten in die neuen Verhältnisse verpflanzt werden sollte. Jedenfalls aber war der Weg, den Lessing zur Lösung seiner kühnen Aufgabe eingeschlagen, keineswegs der richtige und wenigstens für die Tragödie ein sehr bedenklicher Umweg. 

Denn die Tragödie bedarf, wie das Epos, eines weiten Horizonts, einer poetischen Ferne, wo die Phantasie ihre blauen Berge und großen Konturen fein und ungehindert ziehen kann, während das Heldenbild von dem Rahmen der unmittelbaren Gegenwart fast jederzeit erdrückt wird, gleich wie es keinen Helden für seinen Kammerdiener gibt, weil ihn dieser nur in dem kleinlichen Kreise der gewöhnlichen Alltäglichkeit erblickt. Ja, auf diesem Gebiet üben in so unmittelbarer Nähe selbst die zudringlichen Kapricen der geselligen Konvention und des Kostüms eine störende und doch nicht zu beseitigende Gewalt aus…

Auch die von Lessing versuchte, im Nathan jedoch wieder aufgegebene Herabstimmung der Tragödie vom Verse zu Prosa können wir ebensowenig… als einen Fortschritt anerkennen. Die Rede wurde freilich dadurch natürlicher, aber das Natürliche darum nicht poetischer. 

Wir wissen recht wohl…, wie leicht sich aus Jamben hohle Phrasen drechseln lassen; allein der bloße Mißbrauch kann doch nirgend das an sich Rechte unrecht machen… Und so hat denn Lessing, überall verkannt, mißverstanden und kläglich nachgeahmt, in der Tat durch seinen reformatorischen Vorgang allmählich auf ein Heldentum im häuslichen Schlafrock, zu der bürgerlichen Tragödie geführt, die im Grunde doch nur ein lederner Schleifstein ist.“

Lessing und Johann Caspar Lavater zu Gast bei Moses Mendelssohn, Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1856), Bild von hier

[Nachdem Eichendorff einige recht verschiedenrangige Literaten des ausgehenden 18. Jahrhunderts beschrieben hat, um den Zeitgeist vorzustellen, kommt er noch einmal auf Lessing zu sprechen.]

„Es ist aus allen diesen Vorgängen leicht ersichtlich: das positive Christentum war, unter den Gebildeten wenigstens, so gut wie abgetan. Die ebenso wissensreichen als glaubensarmen Geister mußten daher auf eine Restauration in anderem Wege, auf eine Surrogatreligion, Bedacht nehmen. 

So erfand man die Humanität, d.h. das in allen anarchischen Übergangszeiten geltende Recht der Selbsthülfe, wonach die Menschheit, ohne höhere Autorität, sich aus sich selber durch die bloße Kraft der eigenen Vernunft selig machen sollte…

Auch hier, wie bei allen tiefgreifenden geistigen Bewegungen, sehen wir Lessing abermals im Vordertreffen. In seinem »Nathan der Weise« wirft er ein vorläufiges Probestück dieser modernen Religion ohne Religion, gleichsam als einen Zankapfel, der orthodoxen Borniertheit mutig ins Angesicht. 

Es ist keineswegs etwa der gewöhnliche Indifferentismus; mit der größten Entschiedenheit vielmehr wird hier aller Nachdruck eines übermächtigen Geistes auf die sittliche Kraft im Menschen gelegt und an dieser allein die Bedeutung aller Religionen gemessen; denn die göttliche Abstammung aller positiven Religionen lasse sich nur an ihren Früchten erkennen: »ob sie vor Gott und Menschen angenehm machen«.

Daher sind in dem eingeflochtenen Gleichnis von den drei Ringen Judentum, Islam und Christentum völlig gleichberechtigte Offenbarungen der Menschennatur. Ja, das Christentum mit seinen etwas verblaßten Vertretern wird hier von den leuchtenden Heldengestalten Saladins, Nathans, von dem aufgeklärten Tempelherrn und der wunderlieblichen Recha sehr fühlbar in den Hintergrund gedrängt. Eben diese geständlich polemische Färbung aber stört einigermaßen den vollen künstlerischen Eindruck dieses Meisterwerks...

War nun einmal auf solche Weise alle positive Glaubensbasis weggenommen, so blieb auch in der Tat nichts anderes übrig, als an die menschliche Perfektibilität zu appellieren, an den Glauben, daß die Menschheit auch ohne übernatürliche Hülfe sich selbst erlösen, mithin zu diesem Zwecke alle ihre natürlichen Gaben und Kräfte selbständig bis ins Unendliche herausbilden könne und müsse. Und dies ist der eigentliche Grundgedanke der Humanität und dessen nähere Begründung die Lebensaufgabe Herders...“

aus Joseph von Eichendorff, Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, Paderborn 1857

Schloß Lubowitz 1788, Bild von hier

Ruine des Schlosses Lubowitz mit Porträt und Zitat Joseph von Eichendorffs, Bild von hier


Freitag, 25. März 2022

George - eine alte Frau, die wie ein alter Mann aussieht - Lektüreempfehlung

Hans Makart, Charlotte Wolter als „Messalina“, ca.1875, Bild von hier

Herr Klonovsky bespricht in einem seiner jüngsten Beiträge vor allem das Buch „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten” von Friedrich Torberg. Es handele vom Wien und Prag der Vor- und Zwischenkriegszeit. Für Torberg, von dem die hinreißende Wortprägung vom „inneren Doppeladler” stamme, sei der „Untergang Österreichs eine der katastrophalsten Humorlosigkeiten der Weltgeschichte” gewesen.

Es scheint ihm eine Art Trostbuch geworden zu sein, „als jemand, der die heutigen kulturlosen und geistfeindlichen Verhältnisse, unter denen es den woken Garden so kannibalisch wohl geht als wie fünfhundert Säuen, mit angewidertem Hohn betrachtet.“ 

Wiener Café Griensteidl vor 1897, Photo für die Illustrierte "Die vornehme Welt“, Bild von hier

Tatsächlich kann die Melancholie, die einen angesichts des Verlusts der „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) befällt, auch etwas schmerzlich Tröstliches haben. Vielleicht, weil sie einem so ganz Anderes ins Bewußtsein ruft und die Umklammerung der Gegenwart dabei für diesen Augenblick lockert, indem sie die Weiten des Möglichen aufzeigt, und zwar einmal real gewordenem Möglichen.

Ihm ist es also gelungen, was mir gegenwärtig eher versagt ist, angesichts des Grusels der Zeiten mit aufbauend Unterhaltsamem aufzutreten.

Wien, Café Central

Da bei ihm besonders die Wiener Kaffeehauskultur gerühmt wird, will ich doch an eine bekannte Anekdote erinnern, die der Herr Bruno Kreisky in einer Pressekonferenz in die Welt gesetzt hat: Sein Vater, während des Ersten Weltkriegs Stammgast im Café Central, habe sie mit eigenen Ohren gehört. 

Heinrich Graf Clam-Martinic soll nämlich auf die Nachricht von der Revolution in Rußland hin erwidert haben:„Gehen S’! Wer soll denn in Rußland Revolution machen? Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central?“. Lew Dawidowitsch Bronstein, schachspielender Stammgast in besagtem Haus, ist geläufiger unter seinem Künstlernamen Leo Trotzki. 

Das nur als Erinnerung, daß auch kultur- und geistvolle Orte nicht davor gefeit sind, daß an ihnen recht Übles ausgebrütet wird. Wir wollen die Idylle also nicht auf die Spitze treiben.

Nachfolgend weiter unkommentiert 4 der Anekdoten. Mehr als eine Einladung, den ganzen Beitrag dort zu lesen.

***

„Rudolf Kommer, eine Art Faktotum des Regisseurs Max Reinhardt, stammte aus Czernowitz und wurde wegen seiner Herkunft und seines Idioms oft geneckt. Als Reinhardt einen seiner berühmten Empfänge auf Schloss Leopoldskron anlässlich der Salzburger Festspiele gab, wir verweilen Anfang der 1930er, befand sich unter den Gästen der Generaloberst Hans von Seeckt, ‚ein ungemein artikulierter, feinsinniger, dem Theatermann Reinhardt verehrungsvoll zugetaner Kunstfreund‘. Kommer war auch an diesem Abend mit Anspielungen auf Czernowitz gehänselt worden und fühlte sich bemüßigt, dem Besucher aus Preußen die Hintergründe zu erklären.

‚Sie müssen wissen, Exzellenz, daß ich aus Czernowitz stamme‘, begann er. ‚Czernowitz liegt im Osten der ehemaligen Habsburgermonarchie und steht im Ruf –‚

Seeckt wehrte mit einer knappen Handbewegung ab. ‚Danke‘, schnarrte er. ‚Habe die Stadt zweimal eingenommen.‘”

***

Anton Kuh, ein „literarische(r) Bohemien und geniale(r) Stegreifredner beschrieb ein Porträt von Stefan George mit den Worten: ‚Er sieht aus wie eine alte Frau, die wie ein alter Mann aussieht.‘”

Stefan George, Photo von Theodor Hilsdorf

***

„Ein anderer Emigranten-Stoßseufzer aus London: ‚Regnen – das können sie!‘

Oder:

‚Na, wie gefällt’s Ihnen in New York, Frau Zwicker?‘

‚Wie soll es mir gefallen am Balkan?‘”

***

Sándor Hevesi, Direktor des ungarischen Nationaltheaters nahm die Klage eines jungen Regisseurs entgegen, der vor seinem Hauptdarsteller in einer Inszenierung des King Lear geflohen war. “Hevesi hört sich seine Beschwerde ruhig an und sagt beschwichtigend: ‚Lieber junger Freund, Sie dürfen sich nicht kränken, und Sie dürfen sich nicht wundern. Bedenken Sie doch, mit wem Sie es zu tun haben: ein erwachsener Mensch, der sich jeden Abend einen Bart ins Gesicht klebt – schreit, daß er der König ist – und glaubt’s!‘”

Gibson-Zimmer im Café Museum, 19. April 1899 (Tag der Eröffnung), Adolf Loos am rechten Bildrand stehend, Bild von hier

Mittwoch, 1. Januar 2020

Über Zeiten


... und ob aus dem Raisonieren darüber, Gescheites zu gewinnen wäre. Eine kleine Lese-Wiese. In 6 Haupt-Stücken.


Caspar David Friedrich: Eiche im Schnee, bis 1828


Über die gelegentlichen Vorzüge des Alterns (I)


„Now, beshrew my father‘s ambition, he was thinking of civil wars when he got me: therefore was I created with a stubborn outside, with an aspect of iron, that, when I come to woo ladies, I fright them. But, in faith, Kate, the elder I wax, the better I shall appeare. My comfort is, that old age, that ill layer up of beauty, can do no more spoil upon my face. Thou hast me, if thou hast me, at the worst; and thou shalt wear me, if thou wear me, better and better: and therefore tell me, most fair Katherine, will you have me?“ 

Henry V, Act 5, scene 2

„Verwünscht sei der Ehrgeiz meines Vaters! Er dachte auf bürgerliche Kriege, als er mich erzeugte: deswegen kam ich mit einer starren Außenseite auf die Welt, mit einer eisernen Gestalt, so daß ich die Frauen erschrecke, wenn ich komme, um sie zu werben. Aber auf Glauben, Käthchen, je älter ich werde, je besser werde ich mich ausnehmen; mein Trost ist, daß das Alter, dieser schlechte Verwahrer der Schönheit, meinem Gesichte keinen Schaden mehr tun kann: wenn du mich nimmst, so nimmst du mich in meinem schlechtesten Zustande, und wenn du mich trägst, werde ich durchs Tragen immer besser und besser werden. Und also sagt mir, schönste Katharina, wollt Ihr mich?“

übersetzt von A. W. von Schlegel


Was dem Menschen dabei widerfährt, wo er nicht für sich und also allein bleiben kann (II)


Dresden, Albertinum, Ludwig Richter, im Juni

Matthias Claudius

Aus dem Englischen

Es legte Adam sich im Paradiese schlafen;
Da ward aus ihm das Weib geschaffen.
Du armer Vater Adam, du!
Dein erster Schlaf war deine letzte Ruh‘.

Derselbe

Ein silbern ABC – N

Nichts ist so elend als ein Mann,
der alles will und der nichts kann.


Caspar David Friedrich: Schwäne im Schilf beim ersten Morgenrot
etwa bis 1820, hier gefunden

Ludwig Uhland

Der Sommerfaden

Da fliegt, als wir im Felde gehen,
Ein Sommerfaden über Land,
Ein leicht und licht Gespinst der Feen,
Und knüpft von mir zu ihr ein Band.
Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen,
Ein Zeichen, wie die Lieb‘ es braucht.
O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,
Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!


Was Zeit überhaupt sei (III)



Ernst Barlach, Der Geistkämpfer

„Was ist also Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemandem auf seine Frage hin erklären, so weiß ich es nicht. Doch soviel kann ich gewiß sagen: ginge nichts vorüber, so gäbe es keine Vergangenheit, käme nichts heran, so gäbe es keine Zukunft, bestände nichts, so gäbe es keine Gegenwart.

Wie kann man aber sagen, daß jene zwei Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, sind, wenn die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist? Wäre dagegen die Gegenwart beständig gegenwärtig, ohne sich je in die Vergangenheit zu verlieren, dann wäre sie keine Zeit mehr, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart, um Zeit zu sein, in die Vergangenheit übergehen muß, wie können wir dann sagen, daß sie an das Sein geknüpft ist, da der Grund ihres Seins darin besteht, daß es sofort in das Nichtsein übergeht? Also müssen wir in Wahrheit sagen: die Zeit ist deshalb Zeit, weil sie zum Nichtsein hinstrebt.“


St. Augustinus von Hippo Regius


Wie uns die Zeit eine trügerische Gewißheit über unser Urteil gibt (IV)

abweichend kommentiert an 2 Beispielen


Anton Raphael Mengs war ein Favorit seiner Zeit: „Er ist als ein Phoenix gleichsam aus der Asche des ersten Raphael erweckt worden, um der Welt in der Kunst die Schönheit zu lehren, und den höchsten Flug menschlicher Kräfte in derselben zu erreichen.“ (Johann Joachim Winckelmann)

Das obige Fresko „Jupiter küßt Ganymed“ wurde gemalt wohl um 1758/59 von Mengs (heute in der Galleria Nazionale in Rom).

Ich habe die hiesige Großherzogin Marie einmal gerühmt dafür, daß ihre Kopien nicht altern würden. Natürlich ist das genauso ein wacklig zeitgebundenes Lob. Denn das Eigentümliche: Fast immer sehen wir ihnen sofort die Entstehungszeit an, der Zeitgenosse bezeichnenderweise kaum. Ich meinte damals, das komme wohl daher, daß ihnen nicht selten etwas uninspiriert Pedantisches anhafte. Als hätte ich von diesem Bild gesprochen.

Gerade waren Pompejis Wandmalereien bekannt geworden und die gebildete Welt glücklich über ein weiteres gerettetes Original. So etwa unser Goethe. Winckelmann nahm es in seine Schriften auf. Als die Fälschung ruchbar wurde, hatte Goethe immerhin die Anekdote beizubringen, Mengs solle erst auf dem Totenlager seine Urheberschaft gestanden haben. Freunde wurden Mengs und Winkelmann zuvor nicht wieder. Was damalig begeisterte, befremdet uns heute nur noch.

Herkules und Nessus, 1. Jh. n. Chr., Neapel

Geschichte lädt ein zu trügerischen, empfundenen Zeitgenossenschaften. Und dieses Phänomen ist schwer erklärbar. Wer einen römischen Porträtkopf gesehen hat und danach einen frühmittelalterlich grob aus dem Stein gehauenen Heiligen, ist, so er ehrlich ist, erschüttert über das, was zwischendurch an Nähe verlorenging, und grübelt, warum und wodurch.

"Was von oben kommt, muß man mit Ergebung, was von den Feinden kommt, mit Mannhaftigkeit ertragen; denn das ist sonst in dieser Stadt Sitte gewesen, und diese Sitte möge durch euch nicht abkommen. Bedenkt vielmehr, daß sie unter allen Menschen den größten Namen hat, weil sie dem Unglück nicht weicht, und daß sie am meisten Menschenleben und Anstrengungen im Krieg geopfert hat und unter allen bisherigen Staaten die größte Macht besitzt, deren Gedächtnis in Ewigkeit bei der Nachwelt fortleben wird, wenn wir auch jetzt einmal zurückgehen müssen, wie denn überall, wo ein Wachstum stattfindet, auch eine Abnahme natürlich ist…

Daß wir  augenblicklich gehaßt werden und mißliebig sind, ist das Schicksal aller gewesen, die Anspruch erhoben haben, über andere zu herrschen. Wer aber um des Höchsten willen den Neid wählt, ist nicht schlecht beraten. Denn der Haß hält nicht lange stand; der Glanz der Gegenwart aber und der Ruhm bei der Nachwelt sind unvergänglich."

Aus der letzten Rede des Perikles, so man Thukydides vertrauen kann, und wie sollte man nicht (bevor Kleon der Gerber danach uns die Fallstricke der demokratischen Idee aufzeigt und ein anderer Demagoge, Kleophon am Ende Athen in den Untergang führt). Ist uns das nah? Worin? Wodurch? Ich frage für das Nachfolgende...:

"Es ist ein gutes Zeichen für uns, daß unsere Erinnerung die Geschichte nach diesen Sternen erster Ordnung orientiert. Freilich gleichen wir darin den Astronomen, die auf das Sichtbare angewiesen sind, denn wie nur ein großes Licht die unendlichen Entfernungen, so durchdringt auch nur ein hohes Bewußtsein die Nebelbänke der Zeit. Es gibt einen Grad der Helle, der die dämpfende Wirkung der Jahrhunderte bezwingt - so ist uns das Athen des Perikles sichtbarer als das uns doch um tausend Jahre näher liegende mittelalterliche Athen, zu dessen Geschichte Gregorovius die kärglichen Bruchstücke sammelte."


 Ernst Jünger, Das abenteuerliche Herz


Caspar David Friedrich: Waldinneres bei Mondschein
ca. 1823 - 1830, hier gefunden

Abgesehen davon, daß die berühmte athenische Demokratie im Peloponnesischen Krieg (er dauerte bis 404 v. Chr.) sich selbst erledigte, sie hat ihn auch mit einer Grausamkeit geführt, die unserem 30jährigen in nichts nachstand (einschließlich der Auslöschung ganzer Städte). Aber Athen hat auch den Mann hervorgebracht, der zum ersten Mal mit größtem Scharfsinn aufzeigte, was hier zusammenwirkte:

Ich zitiere aus dem Kapitel des Thukydides über den o.g. Krieg, das gemeinhin „Die Pathologie des Krieges“ überschrieben wird (man kann es vollständig hier nachlesen).

„Zu so unmenschlicher Rohheit entartete der Parteikampf... und er erschien um so gräßlicher, als es der erste Fall dieser Art war...

So beherrschten nun Parteikämpfe die Städte und bei jedem späteren suchte man sich nach dem, was man über die früheren erfahren hatte, darin, dass man sich unerhört Neuartiges ausdachte, weit zu überbieten, sowohl was das Raffinement der Anschläge, als was die Gräßlichkeit der Rache anging.

Auch die gewohnte Terminologie für das Handeln vertauschte man jetzt nach Gutdünken. Denn unvernünftige Verwegenheit galt für treu ergebene Mannhaftigkeit, vorsichtiges Zögern für bemäntelte Feigheit, Besonnenheit für versteckte Mutlosigkeit, planvolle Überlegung in allen Dingen für Trägheit zu jedem Tun, schlagfertiges Zupacken galt als Eigenschaften des rechten Mannes, auf Sicherheit bedachtes Beraten dagegen als schönklingender Vorwand für eine Ablehnung.

Wer Empörung zeigte, galt immer als zuverlässig, wer ihm widersprach, als verdächtig. Hatte einer mit einem Anschlag Erfolg, war er klug, noch geschickter, wer einen entdeckte; wer aber Vorsorge traf, daß nichts davon nötig sei, schien… vor der Gegenpartei in Angst erstarrt...

Ferner stand es höher in Ehre, Rache an jemand zu üben, als selber nicht zuerst zu leiden. Und wurden etwa einmal zur Versöhnung Eidschwüre gegeben, so hatten sie, da sie von der einen wie von der anderen Seite nur im Drang der Not gegeben wurden, nur für den Augenblick Geltung, solange sie keine Unterstützung anderswoher hatten; bei erster günstiger Gelegenheit aber rächte sich, wer sich zuerst dazu ein Herz fasste, wenn er den Gegner nicht auf der Hut sah, lieber eben jenes Vertrauens wegen als in offenem Kampf, und stellte dabei nicht nur die Gefahrlosigkeit in Rechnung, sondern auch, daß er, wenn er durch Täuschung siegte, zusätzlich den Kampfpreis der Klugheit gewann...

Von dem allen aber lag die Ursache im Verlangen nach Macht, um Herrschsucht und Ehrgeiz zu befriedigen.Daher auch, wenn der Parteienstreit begann, der leidenschaftliche Eifer. Denn diejenigen, die an der Spitze der Städte standen, gebrauchten zwar, die einen wie die andern, wohlklingende Namen, und kämpften hier um bürgerliche Gleichberechtigung der Menge, dort um besonnene Herrschaft der Besten; in Wahrheit aber betrachteten sie das Volk, dem sie angeblich dienten, nur als Kampfpreis und, indem sie auf jede Weise übereinander zu siegen trachteten, wagten sie das Entsetzlichste und gingen bei ihren gegenseitigen Verfolgungen immer weiter und weiter, indem sie sie über die Grenze der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls hinaus steigerten...

Daher übten die einen so wenig als die anderen Gottesfurcht; vielmehr brachten schönklingende Worte, wenn man so auf empörende Weise etwas erfolgreich durchsetzte, einen besseren Ruf. Der Rest der Bürgerschaft aber, der parteilos in der Mitte stand, wurde zugrunde gerichtet, entweder weil er nicht mitkämpfen konnte oder aus Mißgunst, er könne unversehrt davonkommen… So fand nun…, es immer mehr Anklang, einander mit tiefem Mißtrauen gegenüberzustehen.

„... und da alle Stärkeren innerlich überzeugt waren, daß doch nicht auf Treu und Glauben zu rechnen sei, suchten sie sich mehr durch Klugheit im voraus gegen Schaden zu schützen als Vertrauen zu beweisen.

Caspar David Friedrich: Das Friedhofstor
ca. 1825 - 1830, hier gefunden

Es gewannen hierbei selbst Leute von geringerem Verstand meistens die Oberhand. Denn sie fürchteten ihre eigene Schwäche und die Klugheit der Gegner, sie möchten sowohl bei der öffentlichen Debatte den kürzeren ziehen als auch infolge deren geistiger Gewandtheit mit einem Anschlag überrascht werden, und schritten daher mit Entschlossenheit zur Tat...

In Kerkyra nun wurde das meiste hiervon zuerst gewagt: die einen, die mehr mit rohen Übermut als mit Mäßigung beherrscht waren, übten jetzt Vergeltung, sowie ihre Zwingherrn die Gelegenheit zur Rache boten. Die anderen sehnten sich, die gewohnte Armut loszuwerden, und hätten die Güter der anderen zugleich mit Befriedigung ihrer Leidenschaften zu erhalten gewünscht. Wieder andere gingen ursprünglich nicht mit selbstsüchtigen Absichten, sondern um ihrer Gleichberechtigung willen in den Kampf, ließen sich aber, unfähig ihre Leidenschaft zu zügeln, weit fortreißen und verfolgten so auf eine barbarische und unbarmherzige Weise den Sieg.

„… die menschliche Natur, ohnehin gewohnt, selbst gegen bestehende Gesetze zu freveln, zeigte, als sie die Gesetze über den Haufen gestürzt hatte, mit wahrer Lust, daß sie die Leidenschaft nicht zu beherrschen wisse, sich über das Recht hinwegsetze und allem Hervorragenden feind sei...“

Erkennen wir etwas davon wieder?  Könnte man nach 2400 Jahren hoffen, daß der Irrsinn der Entartung sich nicht fortsetzt, die Verkehrung der Begriffe, der Dolch der vorgetäuschten Moral, das Aufpeitschen des Niedersten und der Haß gegen das Herrvorragende? Ist uns das nah? Und wenn, läßt uns diese Nähe nicht eher erschaudern.

Ist die Hoffnung auf eine gut und vernünftig gegründete Ordnung von Bestand auf Erden vermessen. Wer mag das wissen.

Christian Daniel Rauch, Viktoria von Leuthen
Zinkgußkopie im Neustrelitzer Schloßgarten 

Wie man Gottes Huld erträgt (V)


Angelus Silesius

Was man liebt, in das verwandelt man sich (auß S. Augustino)

Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden.
Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden.


Fünftes Buch, Nr. 200 

Der Weise suchet nichts

Der Weise suchet nichts, er hat den stillsten Orden,
Warumb? er ist in Gott schon alles selber worden.


Sechstes Buch, Nr. 183 

Der Weise ist nie allein

Der Weis' ist nie allein, geht er gleich ohne dich,
So hat er doch den Herrn der Dinge (Gott) mit sich.


Sechstes Buch, Nr. 242. 

Warumb die Seele ewig

Gott ist die ewge Sonn‘, ich bin ein Strahl von ihme;
Drumb ist mirs von Natur, daß ich mich ewig rühme.

Viertes Buch, Nr. 201. 

aus dem Cherubinischen Wandersmann

gesprochen von Katharina Thalbach,

Paul Fleming

An Sich

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkohren;
nimm dein Verhängnüs an. Laß' alles unbereut.
Tu, was getan muß seyn, und eh man dir's gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.


Von der Zeit und dem Anderen (VI)

Caspar David Friedrich:  Friedhofseingang, ca. 1825

"Tempora mutantur, nos et mutamur in illis."

Die Zeit vergeht und wir vergehn in ihr.
(mehr frei übersetzt)

"… dass man mit ewigen Prinzipien die Gegenwart erfasst, so dass sie erkennbar bleibt und aber trotzdem das Grundsätzliche, das Überzeitliche durchschimmert. Trotzdem ist deine Aufgabe deine Zeit."

Uwe Tellkamp

mit meiner herzlichen Empfehlung, dort das ganze Gespräch zu lesen


All das gewissermaßen als Einladung zu einer Gemütshaltung, die gelegentlich als stoisch beschrieben wird, aber darin nicht aufzugehen hat

Ein später

Gruß zum Neuen Jahr

mit den besten Wünschen für eben dasselbe!

Und darauf einen Hohenfriedberger:



abgeschlossen am 8. Januar

Mittwoch, 1. Mai 2019

Keats wiedergelesen


John Keats

Endymion

A thing of beauty is a joy for ever:
Its loveliness increases; it will never
Pass into nothingness; but still will keep
A bower quiet for us, and a sleep
Full of sweet dreams, and health, and quiet breathing.
Therefore, on every morrow, are we wreathing
A flowery band to bind us to the earth.
Spite of despondence, of the inhuman dearth
Of noble natures, of the gloomy days,
Of all the unhealthy and o'er-darkened ways
Made for our searching: yes, in spite of all,
Some shape of beauty moves away the pall
From our dark spirits...


Ein Ding des Schönen ist ein Glück auf immer:
Sein Wundersam-Sein wächset an; und es wird nimmer
Ins Nichts eingehn, sondern erhält
Den stillen Rückzug uns, wo Schlaf befällt
Von Süße voll und gutem Atem hier.
Derhalben jeden Morgen binden wir
Ein Blumenband zur Erde hin, welches bewahrt
Vor Trübsinn und dem bitt'ren Mangel edler Art
Der Seelen und den düst'ren Tagen,
Verderblichem und Dunklem nachzujagen,
Das uns gelegen ist, ja, diesem gegenan
Nimmt eine schöne Form des Sargtuchs Bann
Von unserm dunklen Sinn...


Kürzlich stolperte ich über einen alten Beitrag hier, dem wohl die Übersetzung abhanden gekommen war. Die Bilder sind anschließend an diesen aus jenem lange vergangenen Garten. Aber die Verse rücken ja sowieso alles wieder ins rechte Licht...

Und bevor ich mich des Plagiats schuldig machte, habe ich lieber selber nachgedichtet, tut mir leid, besser kann ich es nicht.

Dienstag, 1. Januar 2019

Unterhaltsames zum Neuen Jahr

Das mag seltsam klingen, aber, offen gestanden, vergesse ich in der Regel, daß das hier außer mir jemand liest. Und selbst, wenn einer es direkt einräumt, erschrecke ich eher, es fügt sich einfach nicht zum Bild zusammen (mit wenigen Ausnahmen bei bestimmten Themen). Aber eben dachte ich daran, deshalb erst einmal:

Ein Gesegnetes Neues Jahr! 

Möge es in allen Wechselfällen stets einen glücklichen Ausgang nehmen.

Pierre Bouillon: L'Enfant et la Fortune
1800 / 1831, hier gefunden

Wie faßt Herr Klonovsky wieder das Übel der gegenwärtigen abendländischen Welt so trefflich zusammen – Wahngesteuerte, Weibmänner und perverse Anwälte. Wie auch immer. Aber keine Sorge. So gallig - eloquent wie er kann ich gar nicht über das Elend des Zeitalters urteilen, also lasse ich es lieber ganz.

Ferner widerstrebt es mir zum Glück, meine Gemütsverfassung öffentlich auszubreiten. Nicht, daß ich an der gegenwärtig etwas auszusetzen hätte. Aber wenn man von einem ausgehen kann, dann von der Wechselhaftigkeit des menschlichen Gemüts. Und die illustrieren wir doch lieber mit fremden Beispielen.

Eigentlich will ich nur 4 Sachen loswerden (damit der Stapel offener Bücher kleiner wird), von denen ich jedes Mal dachte: ‚Das paßt zu Neujahr, das ist unterhaltsam‘. Und wenn ich eines noch versichern darf, die erste Situation ist derart zeitlos. Ich habe sie, glücklicherweise nicht so drastisch, ähnlich vor langer Zeit einmal erlebt.

Es gibt gute Gründe, Heines Sarkasmus nicht immer zu mögen, aber unterhaltsam ist er in der Regel. Die Dame unten himmelt allerdings nicht den Sonnenuntergang an. Es ist Miranda aus Shakespeares „Sturm“, die sich für einen Schiffsbruch interessiert.

Einen solchen im übertragenen Sinne erlebt nachfolgende Gesellschaft. Und zum 4. Stück, dem Barockgedicht von Johann Gottlieb Meister (er starb 1699 in Leipzig), wäre nur anzumerken: Auch die Postmoderne ist offenkundig ein ziemlich alter mottiger Hut, was für eine Überraschung!

Lovis Corinth: Alfred Kerr, 1907

Alfred Kerr

Die Schiffsgesellschaft 

I

Eine deutsche Schiffsgesellschaft mit Geheimräten und Regierungsräten und Bürgern aus Hamburg und Dresden kam einst (ich hatte das vormittägliche Glück dabeizusein) in ein afrikanisch-andalusisches Wirtshaus. Für kurze Zeit hatte das Schiff angelegt. Man wollte Tänze sehn.
Harmlose Frage des Wirts: „Sollen die Mädchen tanzen wie gewöhnlich?“
Harmloser Bescheid: “Ja, wie gewöhnlich.“ Etwas Furchtbares ereignete sich. Alle zehn tanzten und hatten bloß schwarze Strümpfe an.

II

Die Rätinnen saßen gelähmt. (Schlange. Basilisk.) Rührten kein Glied vor Starrheit. Die Ritter schauten mutig drein und in den Schoß der Schönen. Nachher, o Gipfel, stieg eine Spanierin vom Tritt und ging mit dem Teller sammeln. Die Spannung löste sich. Zwei Damen stürzten davon. Doch ein uralter Herr mit weißem Affenbart und rotem Gesicht, ähnlich wie Sokrates oder Darwin, im Bayrisch-Fränkischen zu Haus, gab der Sammlerin lächelnd auf den Popo einen Klapps, daß es schallte.

III

Des nächsten Tages ging ein Regierungsrat unter der Schiffsgesellschaft herum und bat in angemessener Haltung, das „peinliche Thema“ im Gespräch „selbstverständlich“ nicht zu berühren…
Das Ganze bleibt einer von jenen Zwischenfällen, an die man sich noch im Sarg erinnert. Die frische Märzenmeersonne des Südens lag über allem. Der Tag lachte.

Hier paßt ein Einwand von:

Georg Christoph Lichtenberg

Luther sagt bekanntlich:

Wer nicht liebt Wein und Weiber und Gesang,
Der bleibt ein Narr sein Leben lang.

Doch muß man hierbei nicht vergessen hinzuzusetzen:

Doch ist, daß er ein Freund von Weibern, Sang und Krug ist,
Noch kein Beweis, daß er deswegen klug ist.

W. Voigt, 1873

Allerdings ist auch dieses Lutherzitat eines der wohl erfundenen. Es findet sich bei ihm schlicht nicht, vermutlich hat es dem Reformator Johann Heinrich Voß untergeschoben, was diesem jedenfalls die Hamburger Hauptpastoren recht übel nahmen. Geistliche können sehr humorfrei sein.

Heinrich Heine

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

John William Waterhouse Miranda - The Tempest, 1916

Johann Gottlieb Meister

Ego cogito ergo sum

Ich dencke / drum bin ich / ließ uns des Cartes lesen /
Mops merckte dieses an / und dachte vielerley:
Daß er gelehrt / beliebt / groß / reich und schöne sey:
Denn hätt’ ers nicht gedacht / so wär ers nicht gewesen.

Edward Burne-Jones: The Wheel of Fortune
zwischen 1875 und 1883, hier gefunden

nachgetragen am 2. Januar

Freitag, 28. Dezember 2018

"Taft zum Kragen", eine Geschichte aus Livland nacherzählt III

Hauptgebäude der Universität Tartu zur Weihnachtszeit

Unsere kleine Geschichte, oder sollten wir sagen, unser Weihnachtsmärchen, geht dem Höhepunkt und der Auflösung entgegen. Womit nicht angedeutet werden sollte, daß Märchen etwa unwahr wären, sie zeigen auf, was alles möglich ist.

Um kurz zusammenzufassen, was bisher geschehen ist. Hier begannen wir zu erfahren, wie eine Geschichte im alten Dorpat sich ereignete, in der es äußerlich um den Kauf von Taft für ein Weihnachtskleid ging, genauer dessen Kragen. Die junge Frau eines Pastors muß dann im Fortgang erfahren, wie dieser wegen solcher „weltlichen“ Allüren über sie zu Gericht sitzt. Und wir fahren fort.

Louis Höflinger: Universität Dorpat 1860

3. Akt, erster Teil – ein tränenreicher Kirchgang und das Auftauchen von Herrn Freud während des Gottesdienstes

„Die junge Pastorin hätte sich während des ganzen Weges zur Kirche mit einem feuchten Schwamm übers Gesicht wischen müssen, und auch das hätte kaum etwas geholfen. Auch der eng anliegende Schleier half nichts. Die Tränen quollen unaufhaltsam aus den Augen, sie konnte nichts daran ändern.

'Hör doch auf, die Sache ist das doch gar nicht wert!' flüsterte ihr Mann, als ihnen auf dem Domberg der Professor der Chirurgie mit seinen sechs vorlauten Töchtern entgegenkam.

Ja, daß der Taft diese Tränenströme und diese Erschütterung nicht wer war, wußte die junge Frau auch, und sie hatte bereits auf ihn verzichtet. Etwas völlig anderes preßte die Tränen aus ihrem Herzen. Nur langsam dämmerte es in ihr auf, was das war. Ein Götterbild war in ihr zusammengestürzt. Nicht das Bild Gottes! Das stand unantastbar in ihrer Seele, über jeden Zweifel und über jede Frage des dummen Verstandes erhaben, wie immer in den Seelen der von Natur aus Gläubigen.

Daneben hatte sie sich aber ein zweites Götterbild aufgerichtet, und das rächte sich nun. Der schöne, dunkle Gott war an diesem Vormittag plötzlich in Scherben zerfallen. Es hatte sich gezeigt, daß er doch schließlich nichts anderes war als ein Mensch wie alle anderen. Ja, ein sehr von sich überzeugter, - fast muß man schon sagen, ein eitler Mensch, durch dessen Schale von Liebe und Christlichkeit plötzlich geschliffene Härte und Eigenliebe durchblitzten.

So sah das Götterbild aus, dem man sich mit Haut und Haar anvertraut hatte - und man durfte trotzdem nicht ablassen, es unvermindert weiterzulieben…“

[Das Götterbild weiterlieben müssen? Hm. Davon abgesehen: Man könnte dies auch als Bestreben der jungen Frau verstehen, ein als defizitär empfundenes Ich durch etwas Größeres vollständiger zu machen, darin stecken immerhin Einsicht, Demut und der Wille zur Ganzheit. Auf etwas Greifbares zu blicken, liegt dann nahe. Warum sollte das wohlvertraut Alltägliche auch trügerisch sein. Daß hier auch eine Gefahr ist und gerade das Vertraute trügerisch sein kann, dieses gehört zu den Dingen, die ein jeder lernen muß, auch wenn es ihn vermutlich nicht glücklicher macht.

Und wo wir schon mit unseren Anmerkungen dazwischengehen: Man weiß nicht immer recht, spricht hier die junge Frau oder die Erzählerinnenstimme nimmt schon mal die Einsichten vorweg, die gerade am wachsen sind, das ist schade; und auch die Plötzlichkeit ist etwas unglaubhaft. Daher meine Eingangsbemerkung vom Märchenhaften. Die Autorin will uns wohl zeigen, wie guter Wille und Offenheit und echter Sinn für Religion die Täuschung entlarven, das ist zwar schön gedacht, aber nicht immer kongenial dargestellt, doch wir machen weiter]

Auch dem jungen Pastor war nicht ganz wohl. "Er hatte das undeutliche Gefühl, als sei ihm heute morgen etwas daneben gelungen, und er wußte bloß noch nicht was. Jedenfalls hatte er... seine Frau nicht näher zum großen Gott herangeführt…

Was nun eingestanden werden mußte, trat so schwer über die Schwelle des Bewußtseins, daß es bis zum Eintritt in die Sakristei noch nicht in präzise Gedanken gefaßt werden konnte.“ Aber des Amtes mußte gewaltet werden, und die Ablenkungen hatte zu schweigen.

„Die junge Pastorin saß auf ihrem Stammplatz hinter dem Professorengestühl“, ihr Profil „allen Blicken preisgegeben. Eine „von den guten alten Kanzelschwalben“: „‘Sie sehen schlecht aus, Kindchen, fehlt ihnen etwas?‘“ Eine der vorlauten Professorentöchter flüstert, ‚Ehekrach, was denn sonst?‘ Schon mehr unter dem anonymen Kirchenvolk sitzt Herr Ploetz und denkt ‚oj, oj‘ als er die junge Frau sieht und vor seinem geistigen Auge erscheint das dunkelblaue Stück Taft, „das er gestern sorgsam beiseite gelegt hatte, falls die junge Frau Pastorin es sich doch noch ‚ieberlejen‘ sollte.“

St. Johanniskirche, Tartu / Dorpat

Der Gottesdienst ist zu aller Zufriedenheit, auch die Predigt. Das Grauen, das der Pastor vorgefühlt hatte, „lief seinen Hörern tatsächlich über den Rücken und sie hörten die Flammen der Hölle unter der Oberfläche brausen.  Die Landrätinnen überlegten sogar, ob sie nicht an der Seide für die Ballkleider ihrer Töchter einige Ellen einsparen könnten.

Nur der Pastor selber fühlte nicht das Glück einer wohlgelungenen Schöpfung. Wenn er mit seiner klingenden Stimme rief: ‚Tut Buße!‘ - dann fühlte er sich in einer gespenstischen Weise selber angerufen. Und wie war es mit der Stimme eines Predigers in der Wüste? Was ging ihn denn die Wüstenei dort unten im Kirchenschiff eigentlich an, solange sein eigenes Herz, das an den Ereignissen des Morgens noch herumknackte, selber einer Wüste so verdammt ähnlich sah?

Ja, ihr Otterngezücht, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?… Hatte Johannes dieses Wort nicht direkt auf ihn gemünzt, der er seiner eigenen Frau das Himmelreich mit seinen weisen Worten vielleicht eher versperrt als aufgeriegelt hatte? Sie hatte seine Worte ja gar nicht nötig, sie war ja reinen Herzens, sie schaute Gott ohnehin!“

[Sicher, die Autorin wußte das, aber auch hier schon der Pastor? Doch ja, es kommt seine innere Epiphanie]

Die Axt an der Wurzel und die Worfschaufel „bekamen plötzlich ihren echten, tief beängstigenden Sinn. Und schließlich war es der Pfarrer selber, der vielleicht als einziger die Feuer der Tiefe wirklich brausen hörte.

Als er aus dieser sonderbaren Predigt auftauchte“, suchte wie immer nach dem Gesicht seiner Frau, um „Zustimmung oder Ablehnung herauszulesen“. Doch er sah nur „die Zipfel eines winzigen spitzenumrandeten Taschentuchs.  Dem jungen Pastor wären nun fast selber die Tränen gekommen, wenn er nicht eine zornmütige Natur gewesen wäre.“ So flucht er lieber in sich hinein: “‘Oh dieser verdammte Taft zum Kragen!‘“

Louis Höflinger: Die St. Johanniskirche 1860, Tartu / Dorpat

Er verliest die Fürbitten. Und da geschieht es: „‘Herr gib uns Taft zum Kragen...‘ Stille - - ‚Ja, Kraft zum Tragen, gib uns, Herr...‘“ 

[So bricht mitten ins Ritual der Herr Freud mit dem nach ihm benannten Versprecher und das Unbewußte sich seine Bahn.]

„Wie der junge Pastor nach diesem Gebet die Stufen zur Sakristei hinuntergekommen war und wie er nachher das Vaterunser und den Segen gesprochen hatte, das wußte er später nicht. Er wußte nur, daß seine Ohren brausten und sein Kopf glühte.

Er, der seiner Frau die unschuldige Kinderbitte um den Taft untersagt hatte, er, der mit großen Worten um sich geworfen und sie zu den Schwachen und Törichten gezählt, - er hatte selber öffentlich und vor der ganzen Gemeinde um Taft zum Kragen gebetet...“

Es war ein lapsus lingua, tröstet ihn der alte Propst in der Sakristei, aber der junge Pastor sieht „das belustigte Zwinkern in seinen Augen. Dieses Zwinkern würde heute nun an allen sonntäglichen Mittagstischen zu finden sein, in den Konventsquartieren der Studenten, in der Ressource und Bürgermusse, im Getuschel der vorlauten Backfische und in den Kaffeekränzchen der guten Kanzelschwalben. Er kannte doch seine Landsleute! Wie sollte er je wieder diese Kanzel besteigen?

Seine Frau saß unterdessen völlig erstarrt auf ihrem mit Wachstuch bezogenen Kirchenstuhl! Selbst ihre Tränen waren erfroren und das Spitzentüchlein war kraftlos in ihren Schoß geflattert.  Ihr kleines, rosiges Gesichtchen war gar nicht mehr rosig, sondern blaß.“ Sie spürte die unruhige, das Schmunzeln verdeckende Bewegung die durch die Kirchenbänke lief „und plötzlich schlug eine Welle rötesten Blutes in ihre Stirn hinauf.

„‘Wie furchtbar‘, stammelte ihr Herz, ‚Eberhard... wie wird sein Selbstbewußtsein das ertragen? Daß Gott jetzt über ihn lächelt, wird ihm ja nicht so schlimm sein - aber die Menschen.‘“

Auch Herr Ploetz lächelte nicht. Als die Worte des seltsamen Gebets in seine Ohren fielen, stöhnte er diesmal ganz laut „Oj oj oj“ und schaute auf den Boden zu seinen Füßen. „Die Zusammenhänge waren ihm ganz klar. Und er selbst spielte in dieser kleinen Tragödie keine unbedingt vorteilhafte Rolle. Wie war es zum Beispiel mit dem ‚pillicher ablassen‘? Vielleicht hätte die junge Frau Pastorinchen dann heute nicht mit so verheulten Kalbchenaugen vor all den vielen Menschen dasitzen müssen, und der Herr Pastor hätte nicht beim lieben Gottchen um Taft zum Kragen gebetet. Und das Otterngezücht... und das höllische Feuer, das tichtig prennen würde...“ Er „sah das erstarrte rosa Gesichtchen, das nicht mehr rosa war. Danach schaute er nicht mehr auf“.

Dorpat / Tartu, Domkirche

3. Akt, letzter Teil – die Auflösung und ein Deus ex machina in Gestalt eines Stoffhändlers

Der Heimweg verlief schweigsam. „‘Haben es wohl alle ganz deutlich gehört?‘“ „‘Ja alle‘“, flüsterte sie. „Der Sonntagsbraten mit der Schmantsauce schmeckte auch nicht, und die Köchin trug ihn verstört wieder in die Küche zurück.“ Kein Wörtchen fiel.

„Dann klingelte es ganz leise an der Haustür.“ Die junge Pastorin, froh dem Schweigen zu entrinnen, ging selbst. „Vor der Tür stand niemand, nur frische winterliche Luft. Aber auf der Fußmatte lag etwas.“ Kein Findelkind. Es „fühlte sich weich und angenehm an, und auf dem soliden Papier stand in schnörkeliger Schrift: ‚Für Frau Pastorinchen!‘ 

‚Ach‘, hauchte die junge Frau und schlich sich leise ins schweigsame Speisezimmer zurück. Vor seinem Teller mit ‚rosa Manna‘ saß ihr Mann und hatte die Stirn in beide Hände gestützt.

‚Sieh‘, sagte sie und entnahm dem soliden Packpapier den kühlen, knisternden Taft zum Kragen; er war säuberlich auf sein Brettchen gewickelt. ‚Sieh, nun hat der liebe Gott dein Gebet doch erfüllt...‘

Der junge Pastor hob den Kopf. Er sagte nicht, wie er es am Morgen dieses Tages wahrscheinlich noch getan hätte: ‚Bring das sofort zurück, ich will es nicht sehen!‘ Nein, er stand auf, nahm seine Frau in die Arme, preßte sie fest an seine breite Brust, durch die der Atem hörbar strömte, und murmelte: „Verzeih mir, Elsbeth!‘

Womit wir zum Anfang zurückkehren, wo die Behauptung steht, daß Gott selbst unbedeutende Fehlleistungen der Seele gebrauchen kann, um Seinen Kindern aus Seinem Überfluß zu schenken, - nicht nur das Gute, sondern auch das Schöne.“

Solch ehrbar frommen Worten mögen wir nichts mehr hinzufügen. Und so fällt der Vorhang über unserer liebenswürdigen Advents-Märchen-Geschichte, aus Taft natürlich.

Seiden - Antependium von Giovanna Garzonica, ca. 1640-50 

nachgetragen am 31. Dezember