Mittwoch, 3. Oktober 2012

Zum 3. Oktober



Üblicherweise tue ich mich eher schwer, etwas zu diesem Tag zu sagen. Aber zum einen habe ich mich doch noch zu einem aufwendigeren Essen überreden lassen, daher gibt es ein paar Bilder davon, ohne daß ich weiter viel Gewese darum machen will (ein kleiner Spanferkelbraten auf Rosmarin, Zwiebeln und Thymian, dazu Blumenkohl, die Sauce ist nahezu aufgebraucht, war also offenkundig eßbar). Dann war es bis in den Nachmittag sehr angenehm warm, Anlaß für ein paar Bilder, und vor allem hat Herr Roloff heute eine bedenkenswerte Predigt gehalten, die anschließend folgt.


Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit 2012 

in Schönhausen

Eph 4, 1-6, Joh 8, 31-36

Erwecke dich und wache auf zu meinem Recht und zu  meiner Sache, mein Gott und Herr! Ps 35/23

Friede sei mit Euch!

Liebe Gemeinde,

die Lesungen dieses Feiertages hatten die Begriffskreise Einigkeit und Freiheit zum Thema. Sie werden nun durch dieses Psalmwort, das ich der Predigt vorangestellt habe, zusammengefügt und durch das Thema Recht ergänzt. Einigkeit und Recht und Freiheit sind für unser Leben nicht nur Begriffe, sie sind existenzielle Voraussetzungen für unser Menschsein.

David, von dem das Psalmwort stammt, war aber wohl bewusst, dass er sich sein Recht nicht selbst verschaffen kann, sondern an seinen Gott verwiesen ist. Es steht ein schönes Gottesbild hinter seiner Bitte, Gott möge aufwachen und ihm zu seinem Recht verhelfen. Unrecht kann nicht von Gott gewollt sein. Er muss abgelenkt sein, oder ist eingeschlafen. Das Gebet, der Gebetsruf ist darum gleichsam ein Weckruf an Gott. Wenn wir ehrlich sind, dann entdecken wir, dass uns selbst in unserer modernen Welt dieser Gedanke gar nicht so fremd geworden ist. Wie oft nehmen auch wir noch an, durch das Gebet Gottes Aufmerksamkeit auf uns lenken zu können?

Wache auf zu meinem Recht, so betet David, als er von Feinden bedrängt wird.



Paulus nun schreibt im Epheserbrief als Gefangener an die Gemeinde und ermahnt sie zur Einigkeit. Diese sollen sie finden im Geist des Friedens: ein Leib und ein Geist, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe;
Die Einigkeit, von der Paulus hier redet, ist nicht irgendein unbestimmtes Gefühl, sie ist keine wandelbare Stimmung. Diese Einigkeit hat einen verlässlichen Grund, sie ist das Ergebnis eines unkündbaren Bündnisses, sie ist aus dem Bekenntnis zu einem Herrn  gewachsen, sie ist im Glauben befestigt und durch die Taufe besiegelt.

Vertragt einer den anderen in der Liebe und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens, so schreibt Paulus aus seiner Gefangenschaft.

Und endlich, im Evangelium, spricht der Herr selbst zu uns: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Christus bindet die Freiheit unlöslich an die Wahrheit. Es gibt keine Freiheit außerhalb der Wahrheit. Nur in der Wahrheit ist eine Ordnung der Freiheit denkbar. Die Juden nun, an die Christus sich richtet, weisen ihn zurück und machen ihre Freiheit als Geburtsrecht geltend: Wir sind Abrahams Samen, sind niemals jemandes Knechte gewesen; wie sprichst du denn: „Ihr sollt frei werden“? Sofort erkennt Jesus diesen Einwand als das, was er ist – Hochmut. Sie denken tatsächlich, sie könnten ihr Verhältnis zur Welt und auch zu Gott geradezu einklagen. Ganz ungeschminkt zeigen sich hier in diesem kleinen Dialog bereits die Haltung der modernen Welt und auch schon die des atheistischen Menschen, wir werden darauf noch zurückkommen.


Christus aber lässt keinen Zweifel daran, wohin diese Haltung führt: „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.“ Sie wähnen sich in Freiheit und haben sich genau in diesem Wähnen, in diesem Wahn, selbst versklavt, sich ihrer Freiheit beraubt. Freiheit wächst nicht aus dem eigenen Anspruch, Freiheit gelingt nicht aus der Anmaßung heraus.

So euch der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei. Das verkündet der Sohn Gottes auf seinem Weg zum Kreuz.


Warum nun unterstreiche ich diesen Zusammenhang so ausdrücklich?

In das Bewusstsein der gegenwärtigen Gesellschaft, vor allem in dasjenige der angeblich besonders hochentwickelten Völker, hat sich seit geraumer Zeit der Irrtum eingeschlichen und seitdem behauptet, es gäbe gar keine absoluten Wahrheiten, die eine Verbindung stiften könnten zwischen der Natur, der auch wir Menschen ganz selbstverständlich angehören, und dem Ethos. Damit wird im Kern der christlichen Vorstellung widersprochen, nach der der gesamten Schöpfung eine gute Ordnung eingeschrieben ist, die wir mittels unserer Vernunft erkennen, und der wir auch folgen können, der wir uns einordnen müssen. Diese Ordnung ist dann das Recht, das der Gerechtigkeit zustrebt.

Wenn also sich mehr und mehr die Meinung durchsetzt, dass es Wahrheit gleichsam nur noch in der Naturwissenschaft geben kann, und diese Wahrheit von allem, was uns als Menschen verbindet, entkoppelt wird, dann zerbricht die Ordnung der Schöpfung. Menschen beginnen ihre eigene Ordnung zu errichten. In dieser Ordnung muss dann natürlich alles Religiöse, wenn es überhaupt noch gelten darf, zwingend zumindest in den Privatbereich des Menschen abgedrängt werden und soll so mit der Gestaltung der öffentlichen Ordnung möglichst nur noch wenig zu tun haben.

Die verschiedenen Bekenntnisse bekommen dann den Rang von Fußballvereinen, für die man sich begeistert, und haben bestenfalls Auswirkungen auf die Farbe des Schals, den man trägt.

Die öffentliche Ordnung aber soll sich allein aus dem bilden, was Menschen im jeweiligen Augenblick für gut und richtig halten. Die Mehrheit entscheidet, und es gibt gar keine Frage mehr, über die man nicht abstimmen könnte, oder wie es dann so schön heißt, über die nicht die Meinungen erforscht werden könnten. Mehr und mehr gründen große Gemeinschaften, ganze Staaten und Völker auf Meinungen und nicht mehr auf durch die Vernunft erkannte Wahrheiten. Sogar Tatsachen beginnen oft schon zu stören.


So vollzieht sich etwas, das Otto von Bismarck  bereits 1847 mit sehr prägnanten Worten vorhergesehen hat. Er sagte: „Erkennt man die religiöse Grundlage des Staates überhaupt an, so glaube ich, kann diese Grundlage bei uns nur das Christentum sein. Entziehen wir diese Grundlage dem Staate, so behalten wir als Staat nichts als ein zufälliges Aggregat von Rechten, eine Art Bollwerk gegen den Krieg aller gegen alle, welchen die ältere Philosophie aufgestellt hat. Seine Gesetzgebung wird sich dann nicht mehr aus dem Urquell der ewigen Wahrheit regenerieren, sondern aus den vagen und wandelbaren Begriffen von Humanität, wie sie sich gerade in den Köpfen derjenigen, welche an der Spitze stehen, gestalten.“

Darin ist doch recht genau das umrissen worden, was sich im vergangenen Jahrhundert auf unserem Kontinent ausgebreitet hat. Es war immer der reine Humanismus, die Menschheit wurde stets verbessert. Und leider ist es mein Eindruck, dass dieser Prozess keineswegs gestoppt ist.

Um für diese Behauptung ein Beispiel zu geben, lassen Sie uns für einen Augenblick in das Reich der Kunst wechseln. Ich bin sicher, dass die Schönheit der gotischen Kathedralen, der Renaissancemalerei, selbst die der Moderne nicht erreicht worden wäre ohne die Dimension des Glaubens. Dort, wo diese Dimension zu fehlen beginnt, werden vor allem Architektur und Kunst trostlos und hässlich. Als „Wildwuchs der Niedergeschlagenheit“, als „Architektur der Depression“ hat jemand das einmal sehr zutreffend bezeichnet.

Es erwächst bereits aus dieser schlichten Andeutung eine Ahnung davon, dass der gesamte Mensch ohne die religiöse Dimension unvollständig, unvollkommen bleibt und dadurch eben auch in seinem ganzen Tun gehindert wird. Ich behaupte, dass er, wie er in der Kunst mehr und mehr die Schönheit verfehlt, er im Handeln nicht mehr mächtig bleibt zum Guten und zu dem, was Recht ist.

Denn überall, wo der Mensch anfängt, sich tatsächlich selbst zu begreifen, da wird er doch gewahr, dass er sich nicht selbst machen kann. Immer erkennt er sich dann als den, der gemacht ist, und beginnt die Gnade zu verehren, aus der er wurde.

Die Einheit der Schöpfung setzt den Schöpfer voraus, dessen Wille die Natur aber eben auch den Menschen geprägt hat, und dessen Wille darum auch in ihnen erkennbar wird, wenn man nur bereit ist, die Vernunft in rechter Weise, also als eine Gabe Gottes zu benutzen.

Allein aus der Überzeugung vom Schöpfergott sind die Idee von den Menschenrechten, von der Gleichheit der Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis von der unantastbaren Menschenwürde und das Wissen von der Verantwortlichkeit der Menschen für ihr Handeln geboren. Ohne diese Überzeugung verlieren diese Fundamente unserer Ordnung ihren Grund und werden zu bloßen Parolen hinter denen man jede Grausamkeit und Unmenschlichkeit durchsetzen kann. So war es in der Französischen Revolution, so war es im Bolschewismus, so tat es der Nationalismus, so war es im Dritten Reich, und so war es auch hier hinter der Mauer, die unser Land teilte. Aber, liebe Gemeinde, so wird es wieder sein, wenn die Menschen die Wahrheit über den Menschen vergessen.


Darum ist die christliche Kirche gerufen gerade auch in unserer offenen Gesellschaft unmissverständlich deutlich zu machen, dass es kein Recht ohne die Hinwendung zu Gott geben kann. Denn wenn es auch so scheint, als ob David die Aufmerksamkeit Gottes auf sich lenken will, so ist es doch immer das Wesen des Gebets, dass wir unser Sinnen, Trachten und Tun auf Gott hinlenken und allein in ihm unseren Leitstern finden.

Darum sind wir als Gemeinde berufen, der ganzen Gemeinschaft der Menschen in unserem Dorf und weit darüber hinaus vorzuleben, dass man in der Anerkennung eines Herrn wirkliche Einigkeit finden kann, wie Paulus es eben auch uns schreibt und von uns verlangt.

Und, liebe Gemeinde, darum dürfen wir als Christen nicht zulassen, dass ein Freiheitsbegriff vorherrschend wird, der nur noch bloße Willkür ausdrückt. Freiheit findet der Mensch in der Erfüllung seiner Gemeinschaft mit seinem Erlöser und in der Erfüllung seiner Gemeinschaft mit seinem Nächsten. Die Unterwerfung unter den Willen Gottes soll nun keinesfalls den Willen des Menschen brechen, das behaupten immer nur die Lästerer, sondern sie ist geradezu das entscheidende Ja zum eigenen Wesen. Der Wille des Menschen wird gerichtet und richtig durch die Unterwerfung unter den Herrn der Welt.

Darum sind die verbindlichen Ordnungen der Ehe, der Familie, der Kirche und die des Staates, der diese Ordnungen wiederum zu garantieren und zu schützen hat, so wichtig.
Es ist leider wahr, das diese Ordnungen nicht überall gelingen, und Menschen immer öfter nicht in ihnen bestehen. Wir haben sie mit Liebe und Barmherzigkeit aufzufangen und ihnen zu helfen. Dort wo aber öffentlich entgegen diesen Ordnungen gelebt und sie herabgewürdigt werden, müssen wir als Christen deutlich widersprechen.

Es geht hier nämlich nicht um bloße Traditionen, die nur noch einen folkloristischen Wert besitzen. Gerade Ehe und Familie sind die geheiligten Formen, in denen sich der tiefe Zusammenhang zwischen natürlichen und ethischen Welten vernünftig ausprägt, und die darum in der Mitte unseres Gemeinwesens stehen müssen.

Diese 800 Jahre alte Kirche ist ein geeigneter Ort, um unseren Willen zum Erhalt der guten Ordnung zu bekunden. Sie überspannt unsere Geschichte mit allen ihren Brüchen, und immer wieder haben hier Menschen den Mut gefasst, ganz neu anzufangen. Jedes Leben, jede Generation ist so ein Neubeginn – lasst ihn uns im Vertrauen auf unseren Gott wagen, denn er ist der Herr der Geschichte und schenkt uns alle guten Gaben.

Amen

Friede bleibe bei Euch!
Thomas Roloff


Kommentare:

Jason hat gesagt…

Looks like a good meal. Loved the flowers, so pretty and a welcome sight on this dank autumn day.

DirkNB hat gesagt…

Da denke/fühle ich heute schon fast den ganzen Tag irgendwie den Sonntag, und dann manifestierst Du das noch mit leckeren Essensbildern, wobei das Essen lecker aussieht und nicht die Bilder lecker sind.
Naja, Du weißt, wie ich das meine.

Walter A. Aue hat gesagt…

"...im Evangelium, spricht der Herr selbst zu uns: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen...."

"...Wenn also sich mehr und mehr die Meinung durchsetzt, dass es Wahrheit gleichsam nur noch in der Naturwissenschaft geben kann..."


Die "Wahrheit" des ersten Zitats hat mit der "Wahrheit" der Naturwissenschaften nur die Buchstaben gemein. Das Wort Wahrheit in der Naturwissenschaft (und ernstzunehmende Naturwissenschaftler wissen das and gebrauchen es selten) hat nichts mit dem zu tun, was Jesus Christus hier als "Wahrheit" bezeichnet. Schon Pontius Pilatus hatte bekanntlich seine Schwierigkeiten damit.

Aber zum Begriff der Wahrheit in der Naturwissenschaft: Eigentlich gibt es die "Wahrheit" (eine vage Uebereinstimmung mit der Realitaet, wie sie die Umgangssprache oder die Justiz benuetzt) ueberhaupt nicht in der Wissenschaft. Keine noch so erfolgreiche wissenschaftliche Theorie kann sich als "Wahrheit" und schon gar nicht als absolute Wahrheit bezeichnen (vergleiche z.B. die vollkommen verschiedenen aber fast immer resultatsidentischen Schwerkraftgleichungen von Newton und Einstein). Wenn der Begriff Wahrheit ueberhaupt verwendet wird, dann versteht der Naturwissenschaftler darunter eine Uebereinstimmung von Voraussagen/Berechnungen der Theorie mit Messungen an der Natur.

Nur als "Nicht-Wahrheit" (Karl Popper's "falsification") existiert der Begriff. Eine "Nicht-Wahrheit" kann sich im Experiment herausstellen und damit aus der wissenschaftlichen Welt verschwinden, eine "Wahrheit" (im allgemeinen Sinne) muss unbewiesen bleiben, wenn auch noch so viele Experimentsresultate mit ihr uebereinstimmen. (Auch die Phlogistontheorie erbrachte viele mit der Natur uebereinstimmende Resultate und war doch in ihren Grundlagen vollkommen falsch.)

Da der Begriff der experimentellen "falsification" (ein schreckliches Wort!) in Philosophie und Religion nicht existiert - ausser vielleicht als eklatante Verstoesse gegen Logik oder Konflikte mit Dogmen - gibt es viele philosophische Systeme und Religionen, aber nur eine Naturwissenschaft. Wer absolute Wahrheit von der Naturwissenschaften erwartet, der hat die Naturwissenschaft nicht verstanden (oder eine Religion darausgemacht und/oder sich von der Scheinlogik des Herrns der Ratten und der Maeuse blenden lassen).

MartininBroda hat gesagt…

@Jason Unlike today, it was a wonderful day, weatherwise, so I tried to show it with the help of some flowers. Thanks for visiting Jason.

MartininBroda hat gesagt…

@DirkNB Ja, ich denke, ich konnte dem teilweise folgen. War ein seltsamer Tag irgendwie.

MartininBroda hat gesagt…

@Prof Aue Meine bisherige Nicht-Antwort legt nahe, ich hätte Ihren Kommentar nicht wirklich zur Kenntnis genommen. Das Gegenteil ist wahr. Ich habe sogar versucht, Herrn Roloff zu ein paar Bemerkungen hier zu ermuntern, da er mir, aber nicht Ihnen, sehr wortreich antwortete. Ob er sich dazu morgen nun aufraffen wird oder nicht, ich werde auf jeden Fall versuchen, mich an die vertrackte Wahrheitsfrage heranzutasten, nur nicht heute.