Dienstag, 9. Oktober 2012

abends



Andreas Gryphius
Abend

DEr schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld und Werck / Wo Thir und Vögel waren
  Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!
  Der Port naht mehr und mehr sich / zu der Glider Kahn.
Gleich wie diß licht verfil / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
  Diß Leben kömmt mir vor alß eine Renne-Bahn.
Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten
Laß mich nicht Ach / nicht Pracht / nicht Lust / nicht Angst verleiten!
  Dein ewig-heller Glantz sey vor und neben mir /
Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen /
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen /
  So reiß mich aus dem Thal der Finsternüß zu dir.


Friedrich Schlegel
Am Abend

Der schwarze Mantel will sich dichter falten,
die freundlichen Gespräche sind verschollen.
Wo allen Wesen tief Gesang entquollen,
da muß die stumme Einsamkeit nun walten.

Es darf den großen Flug das Herz entfalten
und Phantasie nicht mehr der Täuschung zollen.
Was farbig prangt, muß bald ins Dunkel rollen,
nur unsichtbares Licht kann nie veralten.

Willkommen, heilge Nacht, in deinen Schauern!
Es strahlt in dir des Lichtes Licht den Frommen,
führt ihn ins große All aus engen Mauern.

Er ist ins Innre der Natur gekommen
und kann um irdschen Glanz nun nicht mehr trauern,
weil schon die Binde ihm vom Haupt genommen.


Georg Trakl
Melancholie des Abends

- Der Wald, der sich verstorben breitet -
Und Schatten sind um ihn, wie Hecken.
Das Wild kommt zitternd aus Verstecken,
Indes ein Bach ganz leise gleitet

Und Farnen folgt aus alten Steinen
Und silbern glänzt aus Laubgewinden.
Man hört ihn bald in schwarzen Schlünden -
Vielleicht, daß auch schon Sterne scheinen.

Der dunkle Plan scheint ohne Maßen,
Verstreute Dörfer, Sumpf und Weiher,
Und etwas täuscht dir vor ein Feuer.
Ein kalter Glanz huscht über Straßen.

Am Himmel ahnet man Bewegung,
Ein Heer von wilden Vögeln wandern
Nach jenen Ländern, schönen, andern.
Es steigt und sinkt des Rohres Regung.


Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Eine grossartige Auswahl von Abendgedichten, danke! Fuer mich war besonders der Gryphius (den ich nicht kannte) bewegend: Alt und doch wie in's Stammbuch der Gegenwart geschrieben.

Jason hat gesagt…

I like the words and the photos, the dreams of the morning, the warmth of the day and the comfort of the evening.

MartininBroda hat gesagt…

@Prof. Aue Und auch hier habe ich nicht geantwortet (ich liebe schlaflose Nächte). Ja, der Gryphius, den ich nicht immer mag, hier hat er etwas an sich, das ihn zeitlos macht; aber Herr Schlegel ist zum Ende auch nicht schlecht, und Trakl gehört doch sowieso immer irgendwie dazu.

Manchmal spürt man, wie die Dichtung, im Deutschen nun wohl über mehr als tausend Jahre, Sprache in eine ganze Welt verwandelt, die einem vertraut zu werden bereit ist.

MartininBroda hat gesagt…

@Jason a very late thanks for your look on some (impressive) German poetry and a few less impressive photos. Indeed we should be aware, or try at least, of a moment's character & the meaning & promises of times. Thanks for being here.