Donnerstag, 17. Januar 2013

Zeitungslektüre &


Denkmal Kaiser Wilhelm I. vor dem Berliner Stadtschloß, 1900

Das Linke (jedenfalls die Unterart hier) ist ein reflexhaftes Wesen, jetzt hat ein (linker) französischer Präsident eine kleine Militärintervention in Afrika gestartet, und man ist natürlich empört, weiß aber nicht recht, wo man die Empörung hinstecken soll. Und dann jubeln diese Malinesen auch noch, wie unhöflich. Frau Merkel, lese ich heute in der FAZ, versucht Europa auf verschlagenen Umwegen ökonomisch zu dominieren, ihr Counterpart in Frankreich sucht den Ausweg nochmal auf die altmodische Weise. Nicht sehr unterhaltsam das alles.

Ach, und dann lese ich, daß den Berliner Schloßnachbau ein „harter Platz“ umgeben soll, also möglichst grünfrei und vor allem ohne Begas – Brunnen, denn das wäre „Disneyland“, aha. Belobhudelt wurde die ausgedachte Ödnis als „sensibel, poetisch, urban“. Der eigene Reflex würde ausrufen: „Herr, wirf Hirn vom Himmel!“; aber erstens ist das auch Klischee, und zweitens würde es bei weitem nicht ausreichen. Da wir gelesen haben, wir würden nicht geprüft werden über unsere Kraft hinaus, üben wir uns also folglich im Ertragen der Gegenwart.

Doch halt, gestern auf Arte hörte ich, der biologische Geschlechterunterschied sei derart minimal, daß man ihn angesichts der sozialen Determination quasi vernachlässigen könne, man wähle sozusagen sein Geschlecht. Und jetzt kommt die Volte, würde der Mann mehr seine weiblichen Anteile zulassen, transformierte sich die Welt (nach all dem Bösen der Geschichte) holterdipolter in einen viel lebenwerteren Ort (eben noch lernten wir, dies sei alles frei verfügbar, der Mensch erschaffe sich quasi selbst). Die Heilung kommt also vom Ur-Gut-Weiblichen. Ich konnte das alles nicht bis zum Ende ertragen, aber fragen muß ich mich doch, woher eigentlich kommt dieses hartnäckige Vorurteil, daß derartige Regungen auch nur beiläufig an der Vernunft entlanggelaufen wären, geschweige denn, von ihr irgendwie affiziert?

Neptunbrunnen vor dem Marstall, 1900

Kommentare:

Brettenbacher hat gesagt…

Es ist wohl so, daß Vernunft auf Dummheit (die kein zerebrales, sondern seelisches Phaenomen ist)
eine ähnliche Wirkung hat, wie Sauerstoff auf Büchsenfleisch.
"Spiritproofed" könnte man unter solche Beiträge setzen. So wird ihre Haltbarkeit erklärlich.

In einem Mittelzentrum im nördlichen Breisgau findet seit Jahr und Tag allmonatlich ein
"Philosophisches Cafe" statt. Und seit Jahr und Tag tut allmonatlich
ein würdiger Herr von wohlgeformter
Stirn dort den Mund auf und outet sich als "Feminist". ("Ja,Ja, obwohl ich ein Mann bin!").
Letzten Sonntag war Thema "Die Würde des Menschen ist antastbar", und, haste nicht gesehen, war man bei der "indischen Vergewaltigung",
thematisch gesehen eine gemähte Wiese. Und, haste nicht gesehen, tat der würdige Herr von wohlgeformter Stirn den Mund auf und sprach, solches sei die notwendige Folge des Patriarchats, welches wiederum die Folge des Monotheismus sei. Bevor er dann zu
der Frauenfeindlichkeit "schon der
Kirchenväter" kam (und das wär# gekommen), ist ihm dann doch einer über den Mund gefahren.
Dieser dann fühlte sich nacher nicht sehr gut, denn man sollte würdigen älteren Herren von wohlgeformter Stirn halt vielleicht doch nicht über den Mund fahren.
Er muß es aber mit der Selbstzernierung nicht zu weit treiben, denn, wohlan, im Februar
wird der würdige ältere Herr wieder
........
und egal, völlig egal der Gegenstand....

MartininBroda hat gesagt…

Lieber und sehr geehrter Herr Brettenbacher,

ich hatte mir ursprünglich einmal vorgenommen. nie über etwas Zeitgenössisches zu schreiben (das über den Kochtopf hinausgeht), aber hin und wieder kann man nicht anders.
Vielen Dank erst einmal, daß Sie immer noch diesen dürftigen Ort aufsuchen und dann. Nun, ich gestehe, daß ich immer noch fassungslos bin, wenn die bedeutungsgeschwollene Dummheit, wie von Ihnen beschrieben, aber leider gewohnt, auf die Bühne tritt.
Und nein, Menschen sind nicht dankbar für Faktizität (und sei es, daß der Monotheismus in Indien eher spärlich vertreten ist, seit der britischen Teilung). Sie stört die wogende Befindlichkeit, in der Frauen (und Männer) ihre Zyklen synchronisieren (oder irgendetwas in der Richtung). Und der Fehler liegt auch bei uns, wir unterstellen immer noch (vielleicht durch die trügerisch - vertrauten Fassaden) einen gemeinsamen kulturellen Boden von Rationalität etc., den es tatsächlich nicht gibt. Wie sollte er auch, und wie sollte von Anbeginn verfehltes Denken und dessen Degenerationsprodukte irgendetwas Gemeinsames hervorbringen.

Nochmals, vielen Dank!

Martin Wisser

Walter A. Aue hat gesagt…

"Die Heilung kommt also vom Ur-Gut-Weiblichen"

cf. "Das Unbeschreibliche,
hier wird's getan:
Das ewig-Weibliche
zieht uns hinan"

und schon ist das Spiel aus...

MartininBroda hat gesagt…

Lieber Herr Prof. Aue, eben daran mußte ich denken, wie Sie sich denken konnten. Ich bin ja eher Goethe-skeptisch, deswegen muß ich jetzt schweigen...
Übrigens vielen Dank für die letzte "Bildersendung", sehr rührend, ja wirklich.
M.W.