Donnerstag, 16. Januar 2014

Etwas Böcklin

Arnold Böcklin, "Pan im Schilf", 1856/57

„Epitherses... wollte einstmals, wie er erzählte, nach Italien reisen und begab sich zu dem Ende auf ein Schiff, welches außer einer Menge Kaufmannswaaren noch viele Reisende an Bord hatte. Gegen Abend, da sie auf der Höhe der echinedischen Inseln (Sie lagen an der Mündung des Flusses Achelous an der Küste von Aetolien, nicht weit vom Eingange des korinthischen Meerbusens) waren, bekamen sie eine gänzliche Windstille, und das Schiff wurde von den Strömen bis nahe an die Inseln Paxä (Zwey kleine Inseln im ionischen Meere, unweit der östlichen Küste der Insel Corcyra oder Corfu) getrieben. Die mehresten im Schiffe waren noch munter und viele saßen nach dem Abendessen noch beym Trunke, als man auf einmal von der Küste jener Inseln her eine Stimme hörte, die Thamus rief; so laut, daß sich alle darüber verwunderten. Dieser Thamus war ein Aegypter und Steuermann des Schiffs, aber nur wenige kannten ihn dem Namen nach.

Auf zweymaliges Rufen schwieg derselbe stille; beim drittenmale antwortete er, worauf denn der Rufende mit angestrengter Stimme sagte: „Wenn du auf die Höhe von Palodes (Was dieß für ein Ort oder Gegend gewesen, ist gänzlich unbekannt. Eben so wenig läßt sich sagen, ob er an der Küste von Italien oder Griechenland gesucht werden müsse) kömmst, so verkündige, daß der große Pan gestorben ist!“

Alle, die dieses hörten erschracken darüber, und überlegten unter einander, ob man diesen Auftrag ausrichten, oder sich lieber gar nicht damit befassen sollte. Thamus erklärte jedoch, daß er, wenn in dieser Gegend der Wind gienge, stillschweigend vorbeyfahren, wenn es aber windstille seyn würde, das, was er jetzt gehört, verkündigen wolle. Wie nun das Schiff  auf die Höhe von Palodes kam, und Wind und Meer daselbst ungemein ruhig war, rief Thamus vom Hintertheile des Schiffes nach dem Lande hin: Der große Pan ist gestorben. Kaum hatte er diese Worte geendigt, als sich am Ufer ein lautes mit Verwunderung vermischtes Seufzen, nicht etwa nur von einer einzigen, sondern von sehr vielen Personen hören ließ. Bey der Menge von Augenzeugen, die dabey zugegen waren, mußte diese Begebenheit in Rom bald ruchbar werden, und Thamus wurde selbst deshalb vor den Kaiser
Tiberius gerufen. Dieser nahm auch die Sache für so gewiß und wahr an, daß er wegen des Pans eine genaue Untersuchung anstellen ließ. Die Gelehrten, deren er sehr viele an seinem Hofe hatte, muthmaßten, daß dieses Pan, Merkurs und der Penelope Sohn, seyn müsse. Philipps Erzählung wurde auch von einigen Anwesenden, die den Aemilianus noch in seinem Alter gehört hatten, ausdrücklich bestätiget.

(Dieß ist die berühmte Fabel, deren man sich ehedem bediente, um zu beweisen, daß die Orakel gerade mit dem Tode unsers Heylandes aufgehöret hätten. Weil diese Begebenheit sich um die Zeit des Todes Jesu Christi zugetragen, so nahm man an, daß unter dem großen Pan, Jesus Christus selbst zu verstehen sey, und daß die bösen Geister sich einander von dessen Tode, als einer für sie sehr nachtheiligen Sache, auf diese Weise hätten benachrichtigen wollen. Dieß wäre auch die Ursache von dem gehörten Aechzen und Seufzen gewesen. Diese abgeschmackte Erklärung widerlegt van Dale in seiner Dissertanionibus de oraculis ethnicorum S. 25. u. ff. sehr weitläuftig).“

Plutarch, „Über den Verfall der Orakel“ (De defectu oraculorum) aus „Plutarchs moralische Abhandlungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Johann Friedrich Salomon Kaltwasser“, Frankfurt am Main 1789 (hier gefunden)

Diese einzige überlieferte Nachricht über das (nicht rituelle) Sterben eines antiken Gottes beschäftigt noch heute das ein oder andere Gemüt (wie man hier sehen kann). Sie ist in der Tat ganz und gar merkwürdig und rätselhaft und klingt (wenn man ein Gespür für den Ton von Überlieferungen hat) ziemlich authentisch (was die Sache nicht einfacher macht).

Daß das antike Heidentum bei mir auf eine weiche Stelle in der Nähe des Herzens trifft, wird, glaube ich, etwa in diesem Beitrag über Quintus Aurelius Symmachus und den Altar der Victoria in der Curia Iulia, dem Sitz des römischen Senates, deutlich. Dort war es der „Schwanengesang einer sterbenden Religion“, in unserer eben gehörten Geschichte beginnt es, vermutlich.

„Pan im Schilf“ ist eines der wunderbarsten Gemälde, das wir von Arnold Böcklin kennen. Es hat ihn übrigens (eher nicht so früh) sehr bekannt gemacht, das nur nebenbei. Unwohlwollende könnten einwenden, dies sei alles eine einzige braun - grüne Sauce. Auf den ersten unaufmerksamen Blick, vielleicht.

„Die zweite Fassung des 'Pan im Schilf' ... wurde, als der Künstler eben sich zu erholen anfing, im März des Jahres 1859 im Münchner Kunstverein ausgestellt und erregte ein Aufsehen, das den Schöpfer mit einem Schlage und für immer zu einem geachteten Mitgliede der Künstlerschaft erhob. Eben hatte der Altersgenosse Piloty mit seiner 'Liga', noch mehr aber 1855 mit seinem 'Seni vor Wallensteins Leiche' in München einen Umschwung bewirkt durch die Art, wie er jeden Farbenton naturwahr, aber dennoch harmonisch zum Ganzen zu stimmen wußte; hier war mit feineren Mitteln mehr erreicht und die Grenze zwischen Tüchtigkeit und Genie überschritten. Das Gemälde wurde noch im selben Monat für die Pinakothek angekauft, um dort wie der 'Seni' einen Ehrenplatz einzunehmen.“

aus „Arnold Böcklin“ von Heinrich Alfred Schmid, 2. Auflage, 
München, 1922, S. 23

Ich kenne (nun ja) niemand anderen, der die antike Welt so glaubhaft darzustellen vermag, daß sie geradezu physisch spürbar wird. Man beginnt, nach wenigen Augenblicken, die bekannte eigene Wirklichkeit in Zweifel zu ziehen. Denn alles im Gemälde wirkt des Vertrauens würdiger als das, was sich um einen herum täglich spreizt, und auch angenehmer.

Und so, wie auf dem ersten Bild die ältere Religion (heimlich) stirbt, vergeht auf dem zweiten die neuere, inzwischen auch in die Jahrhunderte gekommene, vielleicht. Zumindest kann man es so lesen, wenn man es denn will.

Ich habe hier und hier über Arnold Böcklin, er starb am 16. Januar 1901 in San Domenico bei Fiesole, früher einmal möglicherweise nicht völligen Unfug geschrieben.

Arnold Böcklin, "Die Kapelle", 1898

Das war wohl doch etwas abrupt als Abschluß. Also noch ein Wort zu seinem „weltfremden Mythologismus“. Seine Gegenwart stieß ihn tatsächlich ab, der Zug der Zeit war ihm suspekt. Vielleicht ist er wirklich soviel in Italien gewesen, weil es schon damals so herrlich zurückgeblieben war. Er hatte möglicherweise das Empfinden, daß seine Welt unter ihrem äußeren Fortschritt geistig gerade radikal verarmte und zu einer Art rationalistisch-materialistischen Albtraum entartete (und mit Träumen kannte er sich aus), oder wie immer man das ausdrücken mag (daß die Geschichte noch viele, weit üblere Wendungen nehmen würde, konnte er kaum voraussehen).

Böcklin kannte, was er malte, von innen, in San Terenzo, einem Ort an der Ligurischen Küste, habe er „Stunden und Tage lang gesessen und im Anblick des rauschenden Meeres seinen geliebten Homer oder Ariost gelesen; hier hat er geschaut und immer wieder geschaut, und den Gischt der Brandung, die Farbenerscheinung des Meeres, der Felsen und der Haine so tief in sich aufgenommen, bis sich die beobachtete Natur in ihm zu den Visionen verdichtete, die wir aus seinen Bildern kennen“. (Albert Fleiner: Mit Arnold Böcklin, Frauenfeld 1915, Zitat hier gefunden)

Der eben erwähnte Autor zitiert auch Gustav Floerke mit diesem Böcklin – Satz: „Da die vorgestellte Welt diejenige ist, in der man lebt, und nicht die wirkliche, so muss man überall Rücksicht nehmen auf unsere Vorstellungen.“ Wie ich sehe, wurde das als „Poetisierung der Natur“ tituliert. Entweder ist das eine Floskel oder jemand weiß, wovon er spricht (zu behandeln nach dem berühmt berüchtigten, wohl falschen Lukas - Wort über die Entheiligung des Sabbats (in 6.4) - „Mensch, wenn du weißt, was du tust, bist du selig! Wenn du es aber nicht weißt, bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes!“).

Die Frage ist nämlich, ob man dabei etwas in eine Sache hineinlegt oder tatsächlich eher herausbringt, erfährt, lernt (Herr Plato winkt gerade aus der Ferne, wenn ich das recht erkennen kann). „Einfühlung“ oder Empathie ist nämlich tatsächlich die ältere Weise, mit den Dingen bekannt zu werden, in sie hinein zu sehen, es ist keine Unvernunft, es ist die ursprünglichere Art davon. Sie wurde zum Mythos, heute kennen wir sie wohl nur noch als Albtraum, als Gedicht, aus der Psychotherapie oder eben als ein Bild vom schwierigen Schweizer Arnold Böcklin.

beendet am 18. Januar

Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Das war sehr interessant, danke!

Eine Religion kann nur "sterben", wenn sie fuer sich vorschreibt, authentische Geschichte zu sein.

Der griechische Olymp war in diesem Sinne keine Religion, er war Mythos. Und der kann nicht sterben, solange der Mensch nicht stirbt.

MartininBroda hat gesagt…

Schön, von Ihnen zu hören, und wie generös, erneut zu kommentieren (nach einigen nicht beantworteten Kommentaren)!

Wie nicht verborgen bleiben konnte, war ich die letzte Zeit etwas weggedämmert. Und glauben Sie's oder nicht, der Gedanke an Sie war ein Stachel im müden Fleisch, über etwas anderes zu schreiben als über das Sonntagsessen, wenn es sich denn wieder fügen will, nun ja.

Also habe ich erst einmal zu danken, nein, ich habe nicht, ich möchte einfach: Also vielen Dank!

Und schon muß ich widersprechen, ach übrigens hatte ich noch einen kleinen Nachtrag angehängt

„Der griechische Olymp war in diesem Sinne keine Religion, er war Mythos. Und der kann nicht sterben, solange der Mensch nicht stirbt.“

Er wurde zum Mythos, für die Griechen vor der Kaiserzeit (behaupte ich mal so) war es wirkliche Religion.

Sogar die Kirchenväter sahen noch böse Dämonen, die es zu bekämpfen galt, wo wir ob dieser barbarischen Neigung nicht nur die Stirn runzeln. Wir haben darauf heute einen grundverschiedenen Blick.

Über das Wesen des Mythos wäre noch einmal nachzudenken, darum der fingerzeigende Nachtrag (aber nicht unbedingt heute Nacht).

Lieber Herr Prof. Aue - Ich hoffe, Sie befinden sich wohl.

Alles Gute

Martin Wisser

Walter A. Aue hat gesagt…

Lieber Herr Wisser,

herzlichen Dank fuer Ihre Gedanken und, ja, natuerlich, Sie haben recht: fuer die ganz alten Griechen und auch etwas danach war der Mythos Religion. Von den Beitraegen der Herrscher einmal abgesehen, musste ja auch jemand die Spenden bringen und die Tempel bauen.

Ich habe so eine Neigung zum summasummarischen und Ihr Warnwort hat mich denken machen. Die Religion der Griechen ist gestorben (von Hoelderlin einmal abgesehen). Was hat sie uns gebracht? Was haben andere nun tote Religionen uns gebracht?

Zwei Dinge (miteinander verwandt), die ich sehen kann und zwei (auch miteinander verwandt), die ich nur durch ein dunkles Glas sehe.

Da ist Mythos, da ist die Kunst. Ich moechte Ikarus und Prometheus nicht missen und auch nicht die Marmorgestalten: Das ist ein wesentlicher Einblick (wenn auch sprachlich oft undefinierbar) in das, was wir sind.

Die zwei anderen Dinge betreffen die Frage, wie ohne diese Religionen die Zeit fuer die Menschen verlaufen waere, sowohl waehrend ihres Lebens und auch fuer ihre Nachwelt (u.a. auch fuer uns). Aber diese "Alternativgeschichte" liegt zu sehr im Dunkel.

Ich haette ja auch nichts gegen die "boesen Daemonen": Als Mythos glaube ich sogar an sie und als Bilder des Unbewussten sehe ich sie mir gerne an. Ich habe nur was dagegen, zur Rettung meiner Seele Ablassgelder zahlen zu muessen und meinen Leib zu kasteien und dauernd Schuld zu fuehlen. Da statte ich schon lieber dem Venusberg noch einen Besuch ab oder koche mir zumindestens einen guten Schopfbraten oder ein scharfes Rindsgulyas...

Mit den besten Wuenschen

Ihr

Walter A. Aue

PS: Ich weiss nicht, of Joseph Campbell jemals die Entstehung des "Mythos" aus der "Religion" in Ihrem Sinne behandelt hat, aber wenn nicht, dann haette er sollen....