Sonntag, 6. Juli 2014

Ein wenig Erbauung zum Sonntag

Prophet Jeremias in der Sixtinischen Kapelle, Rom

Herr Roloff hat heute über einen Text aus Hesekiel gepredigt, den man anschließend wird nachlesen können. Ich war zunächst versucht, meine eigenen Anmerkungen zu machen. Stattdessen will ich aber auf etwas verweisen, das mir kürzlich auffiel, dank Hilfe von anderer Seite.

Wie nicht verborgen geblieben sein wird, bin ich ein großer Verehrer der Bibel-Übersetzung Luthers. Die letzte Revision, die ich noch für hinnehmbar und somit benutzbar halte, ist die von 1912 (danach wurde es von Mal zu Mal schlimmer), lieber noch verwende ich seine Endfassung von 1545. Ganz zu schweigen von „modernen“ Übersetzungen wie der „Guten Nachricht“, bei denen mir beim bloßen Zuhören in der Regel physisch unwohl wird (es gibt daneben philologisch ambitionierte neuere Übersetzungen, die meine ich selbstredend nicht), dieses flapsig-tapsig-banale Zeitungsdeutsch... Aber ich breche besser ab.

In Jeremia 2.5 lesen wir nach Luther:

So spricht der HErr: Was haben doch eure Väter Fehls an mir gehabt, daß sie von mir wichen und hingen an den unnützen Götzen, da sie doch nichts erlangeten.

Nun wurde ich über den Umweg einer englischen Übersetzung stutzig und las, was die von mir eben so freundlich bedachte „Gute Nachricht“ zu bieten hätte.

So spricht der HERR: „Was hatten eure Vorfahren an mir auszusetzen, dass sie sich von mir abwandten, nichtigen Götzen nachliefen und so selbst zunichte wurden?“

Hier wird man immerhin stutzig und überlegt, ob man nicht genauer hinschauen sollte. Hinter den „nichtigen Götzen“ steckt das Wort „häbäl“ (הֶ֖בֶל), was zunächst „Windstoß“, „Hauch“, dann abstrakter auch „Nichts“, „Täuschung“, „Wahn“, „Vergänglichkeit“ aussagt und in letzterem Sinne von frommen Juden als Bezeichnung für die „Götzen“ verwendet wurde.

Luther übersetzt folglich nicht falsch, aber man steht doch in der Gefahr, darüber hinwegzulesen, da ist die „moderne“ Übersetzung tatsächlich hilfreicher. Das nachfolgende Verb aus gleicher Wurzel (Wortstamm) bedeutet „leer, nichtig sein, der Nichtigkeit verfallen“.

Gehen wir jetzt über zur „King James Bible“, dem Pendant zu Luther im Englischen:

Thus saith the LORD, What iniquity have your fathers found in me, that they are gone far from me, and have walked after vanity, and are become vain?

Das ist schon besser, es nimmt mit „vanity“ und „vain“ das Wortspiel auf und kommt mit „eitler Einbildung“ und „vergeblich werden“, wenn man das so auf Deutsch wiedergeben will, dem Sinn des Satzes auch sehr nahe.

Und nun schauen wir endlich in die „New American Standard Bible“, mir bisher völlig unbekannt:

Thus says the LORD, "What injustice did your fathers find in Me, That they went far from Me And walked after emptiness and became empty?“

Sie sind der Leere gefolgt und wurden (so) leer. Das ist beeindruckend und bringt in der Tat auf den Punkt, was fromme Menschen über die Folge des Abirrens hin zu „leeren“ Wunschbildern, sprich „Götzen“ annehmen.

Ich werde also mein Urteil über manches Zeitgenössische, nein, nicht abändern, aber abmildern müssen. Und jetzt folgt Herr Roloff mit einem Tag Verspätung, ich wollte meine Vorbemerkung doch gern bringen und gestern Abend hatte mich die schwüle Hitze recht gründlich außer Gefecht gesetzt.

Prophet Ezechiel in der Sixtinischen Kapelle, Rom

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis

Hes 18, 1-4.21-24.30-32


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Amen

Den Predigttext haben wir als alttestamentliche Lesung gehört:

Gott richtet jeden nach seinem Tun und fordert Umkehr

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir und sprach: 2 Was treibt ihr unter euch im Lande Israel dies Sprichwort und sprecht: "Die Väter haben Herlinge gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden"? 3 So wahr als ich lebe, spricht der Herr, HERR, solches Sprichwort soll nicht mehr unter euch gehen in Israel. 4 Denn siehe, alle Seelen sind mein; des Vaters Seele ist sowohl mein als des Sohnes Seele. Welche Seele sündigt, die soll sterben. 21 Wo sich aber der Gottlose bekehrt von allen seine Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Rechte und tut recht und wohl, so soll er leben und nicht sterben. 22 Es soll aller seiner Übertretung, so er begangen hat, nicht gedacht werden; sondern er soll leben um der Gerechtigkeit willen, die er tut. 23 Meinest du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht der HERR, und nicht vielmehr, daß er sich bekehre von seinem Wesen und lebe? 24 Und wo sich der Gerechte kehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Böses und lebt nach all den Greueln, die ein Gottloser tut, sollte der leben? Ja, aller seiner Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden; sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben. 30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel einen jeglichen nach seinem Wesen, spricht der Herr, HERR. Darum so bekehrt euch von aller Übertretung, auf daß ihr nicht fallen müsset um der Missetat willen. 
   31 Werfet von euch alle eure Übertretung, damit ihr übertreten habt, und machet euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum willst du sterben, du Haus Israel? 32 Denn ich habe keinen Gefallen am Tode des Sterbenden, spricht der Herr, HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Liebe Gemeinde,

dieser Text wird gelegentlich herangezogen, wenn man nach Belegen dafür sucht, dass sich aus dem alttestamentlichen rächenden Gott langsam aber sicher der neutestamentliche liebende Gott entwickelt. Gott sühnt die Sünden des Menschen nicht mehr an den Kindern und Enkeln, sondern nur noch an dem, der sie begangen hat. Bisweilen wurden schon sogar Biographien Gottes geschrieben, in denen man nachlesen kann, wie Gott gleichsam erwachsen, jedenfalls reifer und gerechter wird.

Ich halte von all dem wenig. Glauben wir denn nicht an einen Gott, der heute, morgen und derselbe in Ewigkeit ist? Diese Vorstellungen, von der Entwicklung Gottes, sind bestenfalls Beleg dafür, dass viele Menschen schon den Wunsch haben, mit Gott in Beziehung zu treten, aber sie wollen dann immer als seine Ratgeber akzeptiert werden. Ein hochmütiger Gedanke!

Viel mehr kann ich der Überlegung abgewinnen, dass sich nicht Gott, sondern mit den Vorstellungen der Menschen etwas verändert hat. Der archaische Mensch hat sich ganz und gar als Horden-, Gruppen- oder Familienwesen verstanden. Die Menschen standen auch physisch ganz und gar miteinander in Verbindung. Es gab immer nur ein Oberhaupt, das dann für alle die Entscheidungen traf – aber eben auch für alle verantwortlich war. Die Vorstellung vom Individuum, das eigenverantwortlich für sich einsteht, gab es vermutlich noch gar nicht. Nur darum konnte dann auch der eine im anderen gestraft werden.

Was uns da zunächst ganz befremdlich vorkommt ist keineswegs so fern, wie wir zunächst denken mögen.

Die Art, wie sich durch den bestialischen Mord an den drei israelischen Jugendlichen, nun ein ganzes Volk heimgesucht sieht und aufbegehrt, wie durch weitere Morde versucht wird Vergeltung zu üben und wie wieder und wieder Wellen von Gewalt und Fanatismus durch Völker hindurch und über Völker hinweg rollen, lässt uns ahnen, was alles noch im Menschen steckt, nicht überwunden ist, vielleicht auch der Natur des Menschen wegen gar nicht überwunden werden kann und unerwartet zum Ausbruch kommt.

Vielfältige Begründungen sind dann zu hören. Immer tut man etwas nur, weil zuvor etwas anderes geschehen ist. Das eine angebliche Unrecht soll immer das nächste Unrecht rechtfertigen. Mit Vehemenz wird vorgetragen, wie viel Unrecht bereits geschehen ist und warum das nächste Unrecht unausweichlich war. Da werden Mörder zu Freiheitshelden verklärt, da wird Unglück auf Unglück gehäuft. Auf diese Weise wird aber immer das Böse zum Wegweiser der Menschen.

Dem allen tritt der Prophet entgegen und verkündet Gottes Willen: „Meinest du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht der HERR, und nicht vielmehr, daß er sich bekehre von seinem Wesen und lebe?“

Gott stellt jeden Menschen vor seine eigene Schuld. Genau das demaskiert uns Menschen, die wir am liebsten immer die Sünden der Anderen beichten und ruft uns in unsere Pflicht. „Werfet von euch alle eure Übertretung, damit ihr übertreten habt, und machet euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum willst du sterben, du Haus Israel?“

Das ist unsere Pflicht, zu der wir berufen sind, dass wir ausbrechen aus dem Kreislauf, in dem eine Sünde wieder die Ursache der nächsten Sünde wird. Darum werden wir gerufen, auf das zu schauen, was wir selbst tun und darauf zu vertrauen, dass mit jedem Menschen an jedem Tag der Weg zu Gott, der allein gut ist, beginnen kann.

Keinesfalls bedeutet dies, dass der Mensch aus seiner Geschichte heraustreten soll, denn das ist ohnehin unmöglich. Dennoch wird gerade das auch in unserer Zeit häufig verlangt. Der Bruch mit der Geschichte als Garantie für das Gelingen des Neuanfangs. Darin wird deutlich, dass Geschichte hier ausschließlich als etwas begriffen wird, was von Menschen gemacht ist und dadurch auch von Menschen verworfen werden kann. Dem ist aber nicht so.

Als Christen glauben und bekennen wir, dass Gott Herr der Geschichte ist. Alles ist seiner Allmacht unterworfen. Wir sollen uns darum auch nicht dazu verführen lassen, aus der Geschichte heraustreten zu wollen, sondern uns durch sie zu ihm leiten lassen.

Wer den Herrn der Geschichte nicht sucht, der wird nur in Irrtum und Verirrung geraten.

Wer den Gott des Friedens nicht ehrt, der wird im Unfrieden bleiben und

wer sich durch das Böse in der Welt zum Bösen verführen lässt, der wird nichts ernten als den Tod.

Mit großer Sorge blicken wir auf das Heilige Land und auf den gesamten Nahen Osten. Begriffe, die scheinbar der fernsten Geschichte angehören, kehren auf die Bühne der Weltpolitik zurück. Ein Kalifat wurde ausgerufen, und die Wellen der Gewalt folgen in immer kürzerer Folge aufeinander.

Die Stimme des Friedens ist schwach geworden. Selbst diejenigen, die vorgaben, sie zu führen, rufen nur noch nach immer stärkerer militärischer Verantwortung in aller Welt. Dabei liegt doch inzwischen klar zu Tage, dass kein militärisches Eingreifen die Lage eines Landes wirklich jemals dauerhaft gebessert hätte – das hätte man wissen können auch ohne die neuesten Erfahrungen.

Die Stimme des Friedens kann sich immer nur an dem entzünden, der der Fürst des Friedens ist. Auf ihn vertrauen wir, zu ihm kommen wir, von ihm kündet die ganze Kirche. Und dieser Gott spricht heute: „Meinest du, daß ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen und nicht vielmehr, daß er sich bekehre von seinem Wesen und lebe?“

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Amen.
Thomas Roloff

nachgetragen am 7. Juli

Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Ob Gott sich gewandelt hat, ob der Mensch?
Beide, glaube ich.
Aber viel zu wenig...

MartininBroda hat gesagt…

Die Antwort, die man als orthodoxer gestimmter Mensch geben müßte, wäre wohl, daß Gott sich immer noch in den Menschen hineininkarniert. Und daß ein Jesus der Bergpredigt einen Menschen des 3. vorchristlichen Jahrtausends schlicht überfordert hätte. Und daß das Gottesbild im Menschen sich immer nur soweit „humanisiert“, wie der Mensch über seine Ursprungs-Anlagen hinauskommt (um nur vom Menschen zu sprechen). Wie weit er da tatsächlich hinaus ist, da dürfte ich mindestens so skeptisch sein wie Sie.

naturgesetz hat gesagt…

Those are good thoughts from Herr Roloff.

I agree with him that God has been teaching us, and this is why our image of him has changed.

Another English translation is the Revised Standard Version, made in the late 19th Century to update to King James. It was widely used until the spate of translations in recent decades gave us the present situation, in which there is no single translation used by a majority. Apparently the NASV is based on the RSV, since much of the wording in the two is the same — the RSV says "wrong" rather than "iniquity," and concludes with "walked after worthlessness and became worthless."

MartininBroda hat gesagt…

@naturgesetz I could still remember your comment (I'm sorry I haven't answered it yet), so tonight I was using it in a lovely conversation with a very pious American living in Germany for decades now. She said she has grown up with the King James translation and never had a problem with it, including its beauty is comparable to our Luther. It was only a detail, but a funny moment that I should share probably, when she talked about people who think K.J. is literally the revealed word of God. Perspectives can be very different indeed.