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Donnerstag, 25. August 2011

Herr Nietzsche

Lou von Salomé spannt Paul Rée und Friedrich Nietzsche vor ihren Karren
hier gefunden


Letztes Jahr blieb es im Entwurf stecken, wie ich gerade sehe, nun, er starb am 25. August 1900; das Jahr zuvor hatte ich mich dazu aufgerafft, und noch vorher fand ich diese Zitate ganz unterhaltsam:

Der Verbrecher ist häufig genug seiner Tat nicht gewachsen: er verkleinert und verleumdet sie.“
Jenseits von Gut und Böse

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
Jenseits von Gut und Böse

Nun, unterhaltsam ist er, man darf ihn nur nicht immer zu ernst nehmen:

„Vor uns selbst stellen wir uns alle einfältiger, als wir sind: wir ruhen uns so von unsern Mitmenschen aus.“
Jenseits von Gut und Böse

„Schopenhauer wünscht, daß man die Schurken kastriert und die Gänse ins Kloster sperrt: von welchem Gesichtspunkte aus könnte das wünschbar sein? Der Schurke hat das vor vielen Menschen voraus, daß er nicht mittelmäßig ist; und der Dumme das vor uns, daß er nicht am Anblick der Mittelmäßigkeit leidet.“
aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre

„Der Asket macht aus der Tugend eine Not.“

„Jeder Grausame ist nicht in dem Maße grausam, als es der Mißhandelte glaubt; die Vorstellung des Schmerzes ist nicht dasselbe wie das Leiden desselben.“

„Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden.“

„Herkunft des Komischen. – Wenn man erwägt, daß der Mensch manche hunderttausend Jahre lang ein im höchsten Grade der Furcht zugängliches Tier war, und daß alles Plötzliche, Unerwartete ihn kampfbereit, vielleicht todesbereit sein hieß, ja daß selbst später, in sozialen Verhältnissen, alle Sicherheit auf dem Erwarteten, auf dem Herkommen in Meinung und Tätigkeit beruhte, so darf man sich nicht wundern, daß bei allem Plötzlichen, Unerwarteten, in Wort und Tat, wenn es ohne Gefahr und Schaden hereinbricht, der Mensch ausgelassen wird, ins Gegenteil der Furcht übergeht: das vor Angst zitternde zusammengekrümmte Wesen schnellt empor, entfaltet sich weit – der Mensch lacht. Diesen Übergang aus momentaner Angst in kurzdauernden Übermut nennt man das Komische. Dagegen geht im Phänomen des Tragischen der Mensch schnell aus großem, dauerndem Übermut in große Angst über; da aber unter Sterblichen der große dauernde Übermut viel seltener als der Anlaß zur Angst ist, so gibt es viel mehr des Komischen als des Tragischen in der Welt; man lacht viel öfter, als daß man erschüttert ist.“

„Freude im Alter. – Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein besseres Selbst in Werke geflüchtet hat, empfindet eine fast boshafte Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit angebrochen und zerstört werden als ob er aus einem Winkel einen Dieb an seinem Geldschranke arbeiten sähe, während er weiß, daß dieser leer ist und alle Schätze gerettet sind.“

„Es sind die ungebundeneren, viel unsichereren und moralisch-schwächeren Individuen, an denen das geistige Fortschreiten in solchen Gemeinwesen hängt: es sind die Menschen, die Neues und überhaupt vielerlei versuchen. Unzählige dieser Art gehen, ihrer Schwäche wegen, ohne sehr ersichtliche Wirkung zugrunde; aber im allgemeinen, zumal wenn sie Nachkommen haben, lockern sie auf und bringen von Zeit zu Zeit dem stabilen Elemente eines Gemeinwesens eine Wunde bei. Gerade an dieser wunden und schwach gewordenen Stelle wird dem gesamten Wesen etwas Neues gleichsam inokuliert; seine Kraft im ganzen muß aber stark genug sein, um dieses Neue in sein Blut aufzunehmen und sich zu assimilieren. Die abartenden Naturen sind überall da von höchster Bedeutung, wo ein Fortschritt erfolgen soll. Jedem Fortschritt im großen muß eine teilweise Schwächung vorhergehen. Die stärksten Naturen halten den Typus fest, die schwächeren helfen ihn fortbilden.“

„Das Beste an uns ist vielleicht aus Empfindungen früherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf unmittelbarem Wege kaum mehr kommen können; die Sonne ist schon hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.“
Menschliches Allzumenschliches, Bd. 1

Ich lese jetzt noch etwas weiter.

Dienstag, 25. August 2009

Über Nietzsche, Kanuten und verunglückte Prinzessinnen



Diese Stadt ist ein sehr körperbetonter Ort, Ich habe mich früher schon einmal darüber amüsiert: Auffallend viele herumlaufende Tätowierungen oder ein Sportgymnasium wie auch olympiagestählte Kanuten... Stimmt, ich habe das hier noch gar nicht veröffentlicht, nun dann wird das auch jetzt nicht der Tag dafür sein.



Bei einer meiner extrem seltenen Fernsehbesichtigungen sah ich heute weite Teile einer Dokumentation über die glamourösen (aha) 80er Jahre. Und ein Bild sprang mir in die Augen - die wie eine russische Großfürstin des beginnenden 20. Jahrhunderts agierende und ausstaffierte Prinzessin Diana, wie sie ein ziemlich krank und dunkel aussehendes Kind in den Arm nimmt, also einen Sinn für starke Inszenierungen hatte sie (und nachdem ich mich gerade durch viele verschiedene Diana-Videos gekämpft habe, nehme ich erschöpft dieses).



Aber damit haben wir zwei Pole beschrieben – Stärke und Schwachheit, die jemand brennend interessierten, der heute nach elendigem Siechtum dann endlich starb, so gar nicht seinem eigengeprägten Ideal folgend. Friedrich Wilhelm Nietzsche starb am 25. August 1900 und ich folge einmal mehr meiner abwegigen Neigung, über Dinge zu schreiben, die ich nur widerstrebend interessant finde.

Er wollte sich so unbedingt als stark ansehen und erkannte im Christentum nur das habituelle Ressentiment der Schwachen, die alles Klare zu verweichlichen und verderben suchen. Ihm schwebte wohl eine Art sich selbst ermächtigender Mensch vor, den Moral und Religion nicht mehr zu fesseln vermögen. Nun ja, so krude dabei vieles erscheint, sind seine Aphorismen doch wahrlich nicht frei von tieferen Einsichten und Originalität, auch eine Art Paradoxon. Etwas hatte ich kürzlich schon bei anderer Gelegenheit zitiert.

Mit ein paar weiteren wollen wir enden, wieder aus „Jenseits von Gut und Böse“:

»Das habe ich getan«, sagt mein Gedächtnis. »Das kann ich nicht getan haben« – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach. 68

Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal – sich selbst geopfert? – 92

Wie? Ein großer Mann? Ich sehe immer nun den Schauspieler seines eignen Ideals. 97

Vermöge der Musik genießen sich die Leidenschaften selbst. 106

Es ist eine Feinheit, daß Gott griechisch lernte, als er Schriftsteller werden wollte – und daß er es nicht besser lernte. 121

Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben großen Männern zu kommen. – Ja: und um dann um sie herumzukommen. 126

Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und erdichten erst den Menschen, mit dem wir verkehren – und vergessen es sofort. 138

Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich ein unzeitgemäßer Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde – der Atavismus eines älteren Ideals. 149

Um den Helden herum wird alles zur Tragödie, um den Halbgott herum alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird alles – wie? vielleicht zur »Welt«? – 150

Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse. 153

Die Liebe bringt die hohen und verborgnen Eigenschaften eines Liebenden ans Licht – sein Seltnes, Ausnahmsweises: insofern täuscht sie leicht über das, was Regel an ihm ist. 163

Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken – er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster. 168

Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen. 169

Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel. 170

Die Vertraulichkeit des Überlegnen erbittert, weil sie nicht zurückgegeben werden darf. – 182

Es gibt einen Übermut der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt. 184

»Es mißfällt mir.« – Warum? – »Ich bin ihm nicht gewachsen.« – Hat je ein Mensch so geantwortet? 185

Das also von Nietzsche und weil es ihn vermutlich wahnsinnig verärgert hätte, gern noch 2 Videos von bzw. über Lady Diana am Ende.




Mittwoch, 19. August 2009

Lektüreabenteuer &



Ein sehr interessanter Kalender heute. U.a. ist Blaise Pascal am 19. August 1662 gestorben. Ich habe kürzlich einmal ein paar Zitate von ihm zusammengetragen (wer es hier nachlesen will, muß den banalen Einstieg hinter sich lassen). Von Pascal kam ich zu Nietzsche, von diesem auf die entsetzliche rationalistische Ödnis des vorherrschenden Protestantismus im 19. Jahrhundert... So schlägt der Verstand manchmal merkwürdige Kapriolen, wenn man beginnt zu lesen.

Ich blieb in der Tat an dieser Bemerkung Nietzsches hängen: „‚Ohne den christlichen Glauben‘, meinte Pascal, ‚werdet ihr euch selbst, ebenso wie die Natur und die Geschichte, un monstre et un chaos.‘ Diese Prophezeiung haben wir erfüllt: nachdem das schwächlich- optimistische achtzehnte Jahrhundert den Menschen verhübscht und verrationalisiert hatte.“

Es ist schon eigentümlich, daß er sich gerade an ihm so sehr abmühte, ich weiß nicht, ob Nietzsche jemanden jemals wirklich mochte (sich selbst eingeschlossen, diese Selbstüberhöhungen sind immer ganz verdächtig), aber bei ihm wurde er wohl fast schwankend, es handelt sich übrigens um eine späte Bemerkung aus dem Nachlaß.

Ich werde jetzt bestimmt nicht mit meinen Gedankengängen langweilen, aber zwei Zitate von ihm, am Wege aufgelesen, die ich aus verschiedenen Gründen unterhaltsam fand, sollten es doch sein (übrigens, eine erfreuliche Kurzdarstellung zu Pascal fand ich auch noch hier):

„Der Verbrecher ist häufig genug seiner Tat nicht gewachsen: er verkleinert und verleumdet sie.“
Jenseits von Gut und Böse, 109

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
Jenseits von Gut und Böse, 146.

Genug vom übellaunigen Herrn Nietzsche, wer will, mag hier noch weiterlesen.



Andrea di Pietro della Gondola, genannt Palladio starb ebenfalls heute, am 19. August 1580. Und das ist doch einmal ein Name, wo einem das Herz aufgeht, war mir auch schon einmal aufgefallen, obwohl ich bisher, denke ich, nicht recht begründet habe, warum eigentlich.



Vielleicht so: „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / Ist dem Tode schon anheimgegeben…“

Ach und dann starb Kaiser Friedrich III. am 19. August 1493, jemand, der als „des Römischen Reiches Erzschlafmütze“ tituliert wurde, aber seine Feinde schon allein dadurch besiegte, daß er sie alle überlebte.



Und um noch zwei überraschende Volten zu schlagen: Die Schafgarbe habe ich den Nachbarn abgeschwatzt, die sie loswerden wollten.



Und dann werde ich noch zwei Schnipsel von Adele Sandrock anbringen (der Topos ist wirklich mal neu, aber im 2. taucht sie persönlich gar nicht auf), die am 19. August 1863 geboren wurde, so kann ich wenigstens heute heiter enden.