Samstag, 9. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 1

William Blake - Newton

Ich hatte anmaßend versprochen, eine Art Lesehilfe zu C. G. Jungs 1952 erschienenen Büchlein „Antwort auf Hiob“ bringen zu können. Natürlich vermag ich das nicht. Aber ich kann es ja versuchen, und die ganzen Kommentare und betretenen Entschuldigungen verschieben wir in einen anderen Teil. Es beginnt also eine Art von Nacherzählung.

Jung betont die Autonomie des Geistes gegenüber der physischen Wahrnehmung und umreißt seine Methodik.

„Die Tatsache, daß die religiösen Aussagen oft sogar im Gegensatz zu den physisch beglaubigten Erscheinungen stehen, beweist die Selbständigkeit des Geistes gegenüber der physischen Wahrnehmung und eine gewisse Unabhängigkeit der seelischen Erfahrung von den physischen Gegebenheiten. Die Seele ist ein autonomer Faktor, und religiöse Aussagen sind seelische Bekenntnisse, die in letzter Linie auf unbewußten, also transzendentalen Vorgängen fußen.“

Letztere seien der physischen Wahrnehmung unzugänglich, bewiesen aber ihr Vorhandensein durch entsprechende Bekenntnisse der Seele. Daher komme es, daß, wenn wir von religiösen Inhalten redeten, wir uns in einer Welt von Bildern bewegten, welche auf ein Ineffabile hindeuteten.

Jung verteidigt also erst einmal die Autonomie des Geistes (und der verschüttete Platoniker in einem jauchzt auf, Entschuldigung) und fragt zu recht, wie kann sich eine Erfahrungsrichtung anmaßen, einen exklusiven Zugang zur Erkenntnis des Wesens der Welt etc. etc. zu beanspruchen.

„Wir wissen nicht, wie deutlich oder wie undeutlich diese Bilder, Gleichnisse und Begriffe hinsichtlich ihres transzendentalen Gegenstandes sind. Sagen wir z. B. 'Gott', so äußern wir ein Bild oder einen Wortbegriff, der im Laufe der Zeit viele Wandlungen erlebt hat. Dabei sind wir außerstande, mit irgendwelcher Sicherheit anzugeben - es sei denn durch den Glauben -, ob diese Veränderungen nur Bilder und Begriffe, oder das Unaussprechliche selber betreffen. Man kann sich ja Gott ebenso wohl als ewig strömendes, lebensvolles Wirken, das sich in unendlichen Gestalten abwandelt, wie als ewig unbewegtes, unveränderliches Sein vorstellen.“

Jung verweigert sich zurecht als Psychologe eines Urteil darüber, ob Gott sich wandle oder unser Bild von ihm.

Unser Verstand sei sich nur des einen gewiß, daß er nämlich Bilder handhabe, die sich vielfach gewandelt hätten. Unzweifelhaft liege diesen Bildern aber ein bewußtseinstranszendentes Etwas zugrunde, welches bewirke, daß die Aussagen nicht schlechthin grenzenlos und chaotisch variierten, sondern erkennen ließen, daß sie sich auf einige wenige Prinzipien bzw. Archetypen bezögen. (Diesen Begriff wollen wir jetzt lieber nicht kommentieren, aber man ahnt, daß die Eingangsbemerkung... nun man weiß jetzt etwa, was gemeint war (hoffentlich mich eingeschlossen)).

Das Unbewußte hat also eine lesbare, nicht willkürliche Morphologie!

Er sei sich völlig bewußt, sich in einer Bilderwelt zu bewegen, und keine einzige seiner Überlegungen könne an das Unerkennbare rühren. Aber er rede von seelischen Tatsachen.

Auch die Aussagen der Heiligen Schrift seien Äußerungen der Seele, sie gingen zunächst immer über unseren Kopf hinweg, indem sie auf bewußtseinstranszendente Wirklichkeiten verwiesen.

Vorstellungen dieser Art würden nicht erfunden, sondern träten als fertige Gebilde in die innere Wahrnehmung. Es seien spontane Phänomene, unserer Willkür entzogen, und man sei daher berechtigt, ihnen Autonomie zuzuschreiben. Man könne sie natürlich vom Standpunkt des Bewußtseins aus als Objekte beschreiben und bis zu einem Grade auch erklären, wenn man von ihrer Autonomie absähe.

„Zieht man diese aber in Betracht, so müssen sie notgedrungenerweise als Subjekte gehandhabt werden, das heißt, es muß ihnen Spontaneität und Absichtlichkeit, bzw. eine Art von Bewußtsein und von liberum arbitrium zuerkannt werden.“

„Man beobachtet ihr Verhalten und berücksichtigt ihre Aussagen. Dieser doppelte Standpunkt, den man jedem relativ selbständigen Organismus gegenüber einnehmen muß, ergibt natürlich ein doppeltes Resultat, einesteils einen Bericht darüber, was ich mit dem Objekt tue, andererseits darüber, was es (eventuell auch mit mir) tut.“ Zumal wir es mit dem Archetypus der Gottheit zu tun haben werden.

Anders gesagt, ich stoße auf Erfahrungen und es ist mir egal, ob ich nur die roten und grünen oder die gelben und blauen auch berücksichtigen darf. Was diese Farberscheinungen in mir verursachen, weiß ich erst einmal überhaupt nicht. Denn ich begegne einem Phänomen. Und dieses Phänomen hat eine Struktur, sie ist offenkundig nicht willkürlich. Also was ist es?

So mein kleiner Einstieg in die Lektüre. Ich finde den Rest zwar auch interessanter, aber Jungs methodologische Unbestechlichkeit beeindruckt mich jedesmal wieder. Denn eigentlich geht es ja darum, wie Gott, wenigstens in der europäischen Seele, endlich erwachsen wird (den Satz streichen wir sicher morgen, wenn wir wieder wacher sind).

wird vermutlich fortgesetzt

Donnerstag, 7. Januar 2016

Über Carl Gustav Jung

C. G. Jung, Familiengrab bei der Reformierten Kirche Küsnacht

Vocatus atque non vocatus, Deus aderit.

Invoked or not invoked, God is present.

Gerufen oder ungerufen, wird die Gottheit gegenwärtig sein.

Das steht an seinem Haus und ist ein Teil des Grabsteins der Familie Jung, in Latein (das Englische und Deutsche ist oben nur dabei, um ein wenig die Bedeutungswolke anzudeuten, die die Worte umgibt).

Auf den Längsseiten des Grabsteins wird Paulus zitiert, ebenfalls in Latein:

Primus homo de terra terrenus, Secundus homo de caelo caelestis.

The first man is of the earth, earthy; the second man is of heaven and is heavenly.

Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der andere Mensch ist der Herr vom Himmel.
1. Korinther 15.47

Jung über einen Patienten, der selber Arzt war: Dieser erzählte ihm, er habe eine wunderbare Nacht gehabt und den ganzen Himmel mit Quecksilberchlorid desinfiziert, dabei aber keine Spur von Gott entdeckt.

„Das Christentum zerteilte den germanischen Barbaren in seine untere und obere Hälfte, und so gelang es ihm – nämlich durch Verdrängung der dunklen Seite – die helle Seite zu domestizieren und für die Kultur geschickt zu machen. Die untere Hälfte aber harrt der Erlösung einer zweiten Domestikation. Bis dahin bleibt sie assoziiert mit den Resten der Vorzeit, mit dem kollektiven Unbewußten, was eine eigentümliche und steigende Belebung des kollektiven Unbewußten bedeuten muß. Je eher die unbedingte Autorität der christlichen Weltanschauung sich verliert, desto vernehmlicher wird sich die 'blonde Bestie' in ihrem unterirdischen Gefängnis umdrehen und uns mit einem Ausbruch mit verheerenden Folgen bedrohen“. Das könne auftreten als „eine psychologische Revolution beim Einzelnen“ oder auch als „soziales Phänomen“.
C. G. Jung 1918 in „Über das Unbewußte“

Es ist erstaunlich, daß Jung das 1918 schrieb, dem Jahr, in dem der Untergang des Abendlandes manifest wurde, der unbegreiflichen und mutwilligen Selbstzerstörung Europas, die immer noch andauert.

In einem kurzen, mich etwas ärgernden Austausch kürzlich, bemerkte ich, wie sich der Begriff kaum noch erreichbar weit entfernt hat und wie die Erschütterung über das, was da zwischen 1914 und 1918 angerichtet wurde, kaum vermitteln läßt. Man kann nur einen Verlust spüren, wenn einem die Sache vertraut ist. Nach meinem Empfinden könnte dies ein Hauptantrieb Jungs gewesen sein - zu erkunden, was in der europäischen Seele eingestürzt sein muß, warum vermutlich die ganze vorherrschende Auffassung von den Grundlagen eines kultivierten Gemeinwesens, der europäischen Seele gefährlich defizitär war. Er war also einer der verbliebenen Verteidiger dieses merkwürdigen Abendlandes, genauer gesagt, er ist es, wenn man versucht, ihn zu lesen.

Oder um auf den Grabspruch mit Galater 6.8 zu antworten:

Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. 

Im „Individuationsprozeß“, der „Selbstwerdung“ wird der Mensch zu dem, was er ist oder besser, was er sein sollte. Denn die Menschwerdung des Menschen ist noch nicht abgeschlossen.

Das Verderben, die transzendentielle Obdachlosigkeit, eine entkernte hoffnungslose Gesellschaft, den Abbau des Humanen, das Erleben wir gerade.

Wir trösten uns kurz mit Thomas von Aquin

Impossibile est appetitum naturalem esse frustra. Sed homo naturaliter appetit perpetuo manere. Quod patet ex hoc quod esse est quod ab omnibus appetitur: homo autem per intellectum apprehendit esse non solum ut nunc, sicut bruta animalia, sed simpliciter. Consequitur ergo homo perpetuitatem secundum animam, qua esse simpliciter et secundum omne tempus apprehendit.

Thomas v. Aquin, Summa contra Gentiles, lib. 2 cap. 79 n. 6

Unmöglich kann ein naturhaftes Begehren vergeblich sein. Allerdings begehrt der Mensch von Natur aus, immerwährend zu bleiben. Während jedoch alles danach strebt zu existieren, begreift der Mensch das Sein nicht allein im Jetzt, wie die Tiere es tun, sondern schlechthin. Deshalb strebt der Mensch nach dem überdauernden Bleiben seiner Seele, wodurch er die Existenz schlechthin und für alle Zeit erfaßt. 

Warum das alles? Ich habe einen Teil meiner (theoretisch umfänglichen) Notizen zu Jung wiedergefunden, das obige ist ein kleiner Ausschnitt (an diesem Ort finden sich jedenfalls kaum Spuren davon, was mich, offen gesagt, leicht verblüffte). Vor allem aber, ich hatte mir eine Art Lesehilfe zu seinem Büchlein „Antwort auf Hiob“ „zusammenzaubert“, das so abgründig interessant, wie teilweise abweisend hermetisch ist (wie der Autor generell). Daraus einen lesbaren Text zu schaffen (also vor allem nochmals zu kürzen) und hier vorzustellen, vielleicht gelingt es mir ja.

So für die Zukunft der Zweifel, die Vergangenheit das Bedauern, aber nach innen das unentdeckte Land.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Epiphanias

Sant'Apollinare Nuovo Ravenna, Magier

Herr Roloff hält in diesem Moment seinen 2. Gottesdienst zum Epiphaniasfest in der Altmark und hatte mir im Vorfeld seine Zeitungsankündigung für den Tag zuvor wie auch seine Predigt zugesandt. Beides folgt im Anschluß. Diese Vorbemerkung war nur notwendig, um den ersten Text einordnen zu können.

Sant'Apollinare Nuovo Ravenna, Maria zwischen Engeln

Gedanken zum Epiphaniasfest
von Thomas Roloff

Morgen begeht die Kirche das Epiphaniasfest, das volkstümlich auch Dreikönigsfest genannt wird. Es schließt den inneren Kreis des Weihnachtsgeschehens ab, der mit dem Geburtsfest am 25. Dezember begann, und stiftet so eine Verbindung zwischen der Weihnachtsgeschichte nach Lukas und der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, wie sie im Matthäusevangelium berichtet wird.

Anders als bei uns haben sich in der syrischen Kirche für die drei Könige die Namen Larvandad, Hormisdas und Gushnasaph eingeprägt. Sie sollen die Geschenke an die Krippe getragen haben, von denen jedes den messianischen Charakter des Kindes unterstreicht. Gold steht für den König der Welt, Myrrhe als Heilpflanze für den Heiler, Arzt und Heiland. Es kann aber auch in besonderer Weise die wahre Menschheit Jesu unterstreichen. Endlich ehrt der Weihrauch den Hohepriester und einzigen Mittler zwischen Himmel und Erde. Die drei Könige selbst stehen wiederum für die drei Alter des Menschen. In der Kunst findet man sie häufig als Jüngling, Mann und Greis dargestellt. Andere Deutungen wiederum sehen in ihnen die Herrscher der drei damals bekannten Erdteile Europa, Afrika und Asien. Darin sollte deutlich werden, dass die ganze Welt kommen und ihn, den Herrn, anbeten würde.

Eine besonders schöne Legende aus Syrien weiß sogar zu berichten, dass es ursprünglich zwölf weise Brüder gewesen sind, die sich auf den Weg gemacht hatten, den neugeborenen König der Welt zu verehren. Sie kamen bis zu dem heute im äußersten Südosten der Türkei gelegenen Ort Hah. Dort empfingen sie Weisung, dass nur drei von ihnen weiter nach Bethlehem ziehen sollten. Die anderen aber warteten. Als die drei Weisen von der Krippe nach Hah zurückkehrten, hatten sie eine Windel des Jesuskindes mitgebracht. Von dieser wollten nun aber alle Brüder einen Teil als Segensgabe haben. Um Streit zu vermeiden, beschloss man, die Windel zu verbrennen, um die Asche gerecht unter allen verteilen zu können. Als sie das taten, verwandelte sich die Asche in zwölf Goldstücke, die das Angesicht der Gottesmutter und des Kindes trugen. Zur Erinnerung an dieses Geschehen errichteten sie die Mutter-Gottes-Kirche von Hah, eine der ältesten Kirchen der Welt, ein bedeutendes Heiligtum der syrisch-orthodoxen Kirche, die in diesen Tagen möglicherweise vor ihrem Ende steht.

Auch hier kann uns vielleicht nur Hoffnung machen, dass Gott selbst aus der Asche Gold zu schaffen vermag, dass er aus den Gräbern die Lebendigen ruft und uns auf allen unseren Lebenswegen lehrt, dennoch auf ihn zu vertrauen.

Geburt und Anbetung durch die Magier

Predigt zum Epiphaniasfest

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott dem Vater und von dem Herrn Jesus Christus.
Amen

Die Epistel zum Drei-Königs-Fest ist unser Predigttext. Nach der Lutherübersetzung von 1912 lauten die drei Verse wie folgt:

„daß mir ist kund geworden dieses Geheimnis durch Offenbarung, wie ich droben aufs kürzeste geschrieben habe, 4 daran ihr, so ihr's leset, merken könnt mein Verständnis des Geheimnisses Christi, 5 welches nicht kundgetan ist in den vorigen Zeiten den Menschenkindern, wie es nun offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist,  6 nämlich, daß die Heiden Miterben seien und mit eingeleibt und Mitgenossen seiner Verheißung in Christo durch das Evangelium,“

Liebe Gemeinde,
es war nur ein Besuch. Irgendwann in den Tagen kurz nach der Geburt des Kindes von Bethlehem sind die drei weisen Männer an die Krippe gekommen, um den neuen König zu ehren. Wir wissen nicht, wie lange sie blieben. Wir kennen nur ihre Geschenke. Sie brachten das wertvollste Gut, das man damals besitzen konnte, Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Irgendwann gingen sie wieder. Ihr Auftrag war erfüllt. Sie hatten ihre Bestimmung gefunden. Hirten und Könige waren an der Krippe versammelt.

Ist das nicht oft so, auch in unserem eigenen Leben? Zunächst glauben wir, angekommen zu sein und unsere Bestimmung, auch unseren Bestimmungsort gefunden zu haben. Dann aber wollen es die Umstände des Lebens oder sollen wir es das Schicksal nennen, dass wir weiter ziehen müssen. Der Aufenthalt erscheint im Rückblick wie ein kurzer Besuch.

Wir wissen nichts darüber, wie die Weisen selbst über ihren Besuch dachten. Wir wissen kaum etwas darüber, wie ihr Leben weiterging. Der Legende nach soll der Apostel Thomas ihnen auf seinem Weg nach Indien noch einmal begegnet sein, schon nach Tod und Auferstehen des Herrn. Er soll die drei Könige getauft und damit zu Christen gemacht haben. Ihre Gebeine ruhen im Kölner Dom.

Nachgedacht über das, was Krippe und Kreuz bedeuten, haben dann erst die Apostel und die Evangelisten. Im Stall von Bethlehem deutete sich zwar vieles an, was dermaleinst weltgeschichtliche Bedeutung bekommen sollte. Es wurde aber wohl nur in der Erinnerung der Hirten, der Könige und im Herzen Mariens bewahrt.

Erst am Kreuz wurde der Zeitenumbruch vor den Augen der Welt sichtbar. Auf einen ganz besonderen Aspekt dieses gewaltigen Umbruchs macht Paulus in den wenigen Versen des Epheserbriefes aufmerksam. Ein Geheimnis wird offenbart, etwas Aufsehenerregendes wird kundgetan, etwas bislang Unvorstellbares wird zur Tatsache. Die Heiden sind Miterben!

Uns erscheint das zunächst gar nicht so spektakulär. Dahinter steht aber noch sehr klar die Vorstellung vom auserwählten Volk. Der Gott der Heerscharen war der Gott des jüdischen Volkes. Alle anderen Völker waren Heiden. Ihre Götter waren „Nichtse“ – waren nichts.

Diese Vorstellung stand natürlich immer in einem tiefen Konflikt mit der Einheit der Menschheit, so wie sie durch die Schöpfung begründet war. Alle Menschen stammen in gleicher und unmittelbarer Weise aus Gottes klarem Schöpfungswillen.

Diese Einheit war im Verlauf der Geschichte durch die Sündhaftigkeit der Menschen verloren gegangen. Menschen und Völker stellten sich gegeneinander und ließen sich gegeneinander stellen.

Darum kann man das Geschehen an Krippe und Kreuz auch wie folgt beschreiben: Die aus der Schöpfung hervorgetretene und verlorene Einheit aller Menschen soll und kann nun im Glauben an den Mensch gewordenen Gottessohn wiedergefunden werden. Der Glaube an den einen Herrn als reines Band um alle Völker geschlungen zum Frieden.

Das genau verkündet der Apostel und gebraucht in diesem Zusammenhang das uns ungewöhnliche Wort „eingeleibt“. Er gebraucht dieses Wort in einem ähnlichen Sinn wie „eingewohnt“, „eingehaust“. Es ist ein Vorgang gemeint, in dem wir Schutz suchen, Sicherheit und Geborgenheit finden. So wie wir vor Unwetter und Sturm in ein festes Steinhaus flüchten, so wie wir vor den Wirren der Welt Zuflucht im Vertrauten suchen, in dem wir eingewohnt sind. So sollen wir auch eingeleibt werden, indem wir am Leibe Christi Anteil nehmen und auch miteinander ein Leib werden.

Wir wissen alle, wie schwer es oft ist, das zu finden. Wir wissen, wie schwer es ist, heimisch zu werden. In einem Ort und bei Menschen anzukommen. Dann, selbst wenn es gelingt, steht wieder die Gefahr, dass alles entrissen wird, und am Ende fühlt man sich wie ein Blatt im Wind, das weht und vergeht, niemand findet es mehr.

Dennoch oder gerade deswegen hält die Kirche ihre Botschaft aufrecht, wie ein Banner im Sturm: Der Retter ist da! Der Erlöser der Welt ist geboren! Gott wurde Mensch!

Allein darin ist das Heil für alle Menschen gekommen. In dieser Gewissheit, die wir unseren Glauben nennen, finden sie Einheit und Frieden.

Darum sollen sich auch heute an die Krippe rufen lassen alle Hirten und Könige der Völker. Schaut das Kind an und erkennt, Gott ist Mensch geworden. Nicht wir sind es, die die Welt ändern und bessern, sondern Gott erhebt und heiligt seine Schöpfung, indem er sich ihr einleibt und uns eröffnet, mit dem Herrn der Welt ein Leib zu werden.

Das ist die überwältigende Botschaft der Weihnachtszeit. Das ist es auch, was uns ein neues und tiefes Verständnis der Welt aufschließt. In diesem Verständnis dürfen wir unsere Hoffnung aufrichten gegen alles Böse und Unvollkommene der Welt, das uns immer wieder begegnet, uns aus der Bahn wirft, uns das Zuhause und die Heimat nimmt. Wir dürfen gegen viele Wirklichkeiten den Glauben behaupten, bei Gott in seinem Sohn immer Heimat, Zuflucht und Zuhause zu haben.
Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.
Amen

Thomas Roloff

Sonntag, 3. Januar 2016

Sonntag & (nur eine Notiz)


Ich bezweifle, daß das ernsthaft interessieren sollte, deshalb kann ich auch so entspannt kurz davon notieren.

Mir fiel eben auf, daß der vergangene Sonntag gar nicht so un-nett war. Es wurde die komplette Resteverwertung.

Ich hatte eine betagte Nachbarin zu Hilfe gerufen (gewissermaßen zur Gedankenkontrolle). Und sie bekam, als Dritte im Bunde, von einem Backblech Rosmarin-Kartoffeln (in der zurückliegenden Sauce war zuviel Olivenöl gewesen, das wurde darüber geträufelt), gebackenen Camembert, dazu eine lebhafte Rotwein-Sauce mit Einlagen aus einer vergangenen Rehkeule. Dies nur so dahingesagt.

Das war alles ziemlich gut.

Fiel mir eben auf, wo ich auf die fast gänzlich mißlungenen Bilder sehe.

nachgetragen am 5. Januar

Samstag, 2. Januar 2016

Zwischen den Zeiten aufgelesen (eher abseitig)


Das Seltsame an der Natur ist, sie gibt einem dieses unbegründete Zutrauen (wenn man ein altmodisch sentimentaler Mensch ist) – dieser Moment sei für die Ewigkeit. War in dem Konzept der Natur so aber nie vorgesehen. Stunden später war wohl alles erfroren.


Jüngst träumte mir, ich wäre in lauter Räumen ausweglos eingeschlossen; hinter jeder Tür eine weitere, irgendwann schob ich in einem Furor einen Berg aus Stühlen und Kartons in eine der Fluchten vor mir. (Albern, wie Träume nun mal sind.)
Und drang durch, eventuell, auf den Boden eines erstorbenen schwarzen Planeten, schwach beleuchtet von lauter metallisch erscheinenden uneinsehbar abgeschlossenen Kuppelgebäuden. Aber dann fror ich auch schon fest...
Und wachte auf aus diesem Sci-Fi-Matsch.
Mitunter ist man doch recht indigniert über die Qualität seiner Alpträume.
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Frau W. erzählte mir eben, sie wolle erst zu Bett, wenn die Beleuchtung für die Schloßkirche aus sei. Darauf schaue sie immer schon so lange. Das wußte ich nicht.

Und Herr K., dessen Fieberphantasien (ein Verlegenheitswort) mich beeindrucken (auch weil sie so mutig sind), neben seinen sprachscharfen Bemerkungen, monierte an der Ansprache von Frau M (von der ich natürlich keine Silbe gehört habe, um wenigstens meine geistige Gesundheit leidlich zu schützen) - „Kein einziges Wort [in deren Ansprache] war an die Deutschen an sich gerichtet.“ Natürlich nicht.


Und, jetzt mag mein unfreundlich erscheinendes Bei-Wort (nicht im Sinne eines Adjektivs) gerechtfertigt erscheinen, er zitiert einen Leser, der sich in einen Aufstand eines gewissen Mitgliedes „eines derzeit ehemaligen Herrscherhauses“ hineindeliriert: „Man kann es sich nicht aussuchen, ob man Kaiser sein möchte, sondern es ist eine von Gott gegebene Gnade und gleichzeitig von Ihm aufgegebene Bürde.“ Es sei seine heilige Pflicht sein Volk zu befreien.

Ja, der Sechsjährige in mir jauchzt auf. Der älter Gewordene weiß (nicht selten verblüfft), wer alles solches liest, nur eben der mit Sicherheit nicht. Was hülfe es ihm auch.

Freitag, 1. Januar 2016

Neujahr & (nachgetragen)


Um doch noch eine kleine Floßinsel der Gemütlichkeit zu zaubern - das Essen zu Neujahr: Die Rehkeule war eigentlich nett. Man muß nur abziehen (*har *har, Pointe folgt), daß ich sie wiederfand, weil mir im Gefrierschrank eine Flasche Rosésekt explodiert war, sie, offen gestanden, nach dem Auftauen so reif roch, daß es mir nahezu die reichlich abgehangenen eigenen Gedärme umdrehte, Haut und Sehnen abzuziehen - das muß jemand kurz nach der Geburt gelernt haben - mein schärfstes Lieblingsmesser fand eher einen Weg in meinen linken Zeigefinger als in das Ding.


Ansonsten wurde es für einen Tag eingelegt in Olivenöl, Piment, Pfeffer, Wacholderbeeren (eine Geschichte für sich), Lorbeerblatt und Rotwein etc., und eben darin einen Tag später regelwidrig bei milder Temperatur geschmort. Es war ziemlich gut. Immerhin das.

Zwei Lampen haben vor soviel Glück dann auch lieber die Fassung verloren.

nachgetragen am 2. Januar

Ein gutes Neues Jahr! wünschen wir von hier





Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.

Da alles, was der Mensch beginnt, / vor seinen Augen noch zerrinnt, / sei du selbst der Vollender. / Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt, / veralten wie Gewänder.

Wer ist hier, der vor dir besteht? / Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht: / Nur du allein wirst bleiben. / Nur Gottes Jahr währt für und für, / drum kehre jeden Tag zu dir, / weil wir im Winde treiben.

Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist. / Du aber bleibest, der du bist, / in Jahren ohne Ende. / Wir fahren hin durch deinen Zorn, / und doch strömt deiner Gnade Born / in unsre leeren Hände.

Und diese Gaben, Herr, allein / lass Wert und Maß der Tage sein, / die wir in Schuld verbringen. / Nach ihnen sei die Zeit gezählt; / was wir versäumt, was wir verfehlt, / darf nicht mehr vor dich dringen.

Der du allein der Ewge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt / im Fluge unsrer Zeiten: / bleib du uns gnädig zugewandt / und führe uns an deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.

Jochen Klepper, 1938