Sonntag, 11. April 2021

Zum Gedenken an Kaiserin Auguste Viktoria

Kaiserin Auguste Viktoria im Juli 1917, hier gefunden

Antikentempel, hier gefunden

Kaiserin Auguste Viktoria, geborene Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, verstorben am 11. April 1921 im Haus Doorn, ist im Antikentempel von Sanssouci zu Potsdam begraben. Seit 1921 dient der Antikentempel als Grabstätte für Mitglieder des Hauses Hohenzollern.

Antikentempel Innenraum, hier gefunden


Andacht zur Kranzniederlegung 
am Sarg von Kaiserin Auguste Viktoria am 11. April 2021


Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.  Amen

Der Herr sei mit euch.

In ihrer Konfirmation war Auguste Viktoria unter das Wort gestellt worden: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.


Wir hören und beten den 122. Psalm:

Ich freue mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Haus des Herrn!

Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem.

Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll,

wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme des Herrn, wie es geboten ist dem Volke Israel, zu preisen den Namen des Herrn.

Denn dort stehen die Throne zu Gericht, die Throne des Hauses Davids.

Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohl gehen denen, die dich lieben!

Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!

Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen.

Um des Hauses des Herrn willen, unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.

Amen


Heute jährt sich zum 100. Mal das Sterben der letzten Kaiserin des Deutschen Reiches, der letzten Königin Preußens. 

Sie war am 22. Oktober 1858, früh 7 ½ Uhr geboren worden:

Am 30. November wurde sie getauft.

Auguste Viktoria starb am 11. April 1921, einem Montag, kurz vor 6 Uhr früh.

Ihrer kaiserlichen und königlichen Würden ging sie damit endgültig verlustig. Die Krone des Lebens aber wissen wir auf ihrem Haupt, uns als Trost und Verheißung.

Amen


Wir wollen beten:

Allmächtiger Gott,

Du hast uns mit der verewigten Kaiserin eine Frau vor Augen gestellt, die uns mit ihrer Liebe zu dir ein Beispiel gegeben hat, von dem wir erzählen sollen, durch das wir ermutigt werden, in dem wir Hoffnung finden.

Ewiger Gott,

in dir findet unsere Zeit ihr Maß und ihr Ziel. Auf dich trauen wir und bitten für den Prinzen und die Prinzessin von Preußen und die ganze königliche Familie. Sie ist wie jede Familie, wie dein ganzes Volk, eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten, als solche mögen sie unserem Lande dienen.

Großer Gott,

hilf uns, dass wir in der Geschichte nicht eigenen Ruhm suchen, sondern dein Wirken erblicken. Schenke deinem Volk Einheit und Frieden und gib, dass wir untereinander gesinnt seien, wie Jesus Christus auch war: Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. In seinem Namen sollen sich alle derer Knie beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist.

Mit ihm und in Gemeinschaft der ganzen Kirche wollen wir beten:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme, dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. 

Amen.


Sendung und Segen

Video von der Beisetzung 1921 in Potsdam, hier gefunden


Gedenkgottesdienstes zum 100. Todestag von Kaiserin Auguste Viktoria am Sonntag Quasimodogeniti 2021 in Potsdam

Potsdam, Sanssouci, Friedenskirche, hier gefunden


Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Der Herr sei mit euch!

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. 

1Petr 1,3

Unter diesem Vers feiern wir Gottesdienst an diesem österlichen Sonntag, der den schönen Namen Quasimodogeniti – gleichwie die neugeborenen Kindlein – trägt. In österlicher Freude gedenken wir auch des Sterbens Ihrer Majestät der Kaiserin Auguste Viktoria, das sich vor 100 Jahren ereignet hat. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Wir dürfen sie in unserer Mitte wissen, wenn wir singen, beten und unseren Glauben bekennen. Wenn wir als Christen für unsere Toten beten, dann dürfen wir gewiss sein, auch immer mit ihnen zu beten am Thron des auferstandenen Herrn. Ihn bitten wir:

Komm Du mit Deinem Segen. Stärke unsere Gemeinschaft mit Dir und untereinander. 

Lass uns Zeugen Deiner Auferstehung sein. Du bist der Herr, Du bist das Heil. Du bist König und Gott in Ewigkeit. Amen.

Psalm 126

1 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 

4 HERR, bringe wieder unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 

5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 

6 Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Ehr´ sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Potsdam, Sanssouci, Friedenskirche, hier gefunden 


Kyrie & Gloria

Gebet

Lasset uns beten:

Allmächtiger Gott, der Du Deinen Sohn von den Toten auferweckt hast: Verleihe uns, dass auch wir, durch Deine Gnade wiedergeboren, in einem neuen Leben wandeln.

Durch unseren Herrn Jesum Christum, Deinen Sohn / der mit Dir und dem Heiligen Geiste lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen


1. Lesung

Da aber Samuel alt ward, setzte er seine Söhne zu Richtern über Israel. Sein erstgeborener Sohn hieß Joel und der andere Abia, und sie waren Richter zu Beer-Seba. Aber seine Söhne wandelten nicht in seinem Wege, sondern neigten sich zum Geiz und nahmen Geschenke und beugten das Recht. Da versammelten sich alle Ältesten in Israel und kamen gen Rama zu Samuel und sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen; so setze nun einen König über uns, der uns richte, wie alle Heiden haben. Das gefiel Samuel übel, daß sie sagten: Gib uns einen König, der uns richte. Und Samuel betete vor dem HERRN. Der HERR aber sprach zu Samuel: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, daß ich nicht soll König über sie sein. Sie tun dir, wie sie immer getan haben von dem Tage an, da ich sie aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag, und sie mich verlassen und andern Göttern gedient haben. So gehorche nun ihrer Stimme. Doch bezeuge ihnen und verkündige ihnen das Recht des Königs, der über sie herrschen wird.

1 Sam 8, 1-9

Halleluja

Alliance-Wappen der Kaiserin Auguste Victoria, hier gefunden


Schleswig-Holstein-Lied


Schleswig-Holstein, meerumschlungen,

deutscher Sitte hohe Wacht,

wahre treu, was schwer errungen,

bis ein schönrer Morgen tagt!

Schleswig-Holstein, stammverwandt,

wanke nicht, mein Vaterland

Schleswig-Holstein, stammverwandt,

wanke nicht, mein Vaterland.


Teures Land, du Doppeleiche,

unter einer Krone Dach,

stehe fest und nimmer weiche,

wie der Feind auch dräuen mag!

Schleswig-Holstein, stammverwandt,

wanke nicht, mein Vaterland!

Schleswig-Holstein, stammverwandt,

wanke nicht, mein Vaterland!


Evangelium

Ehre sei Dir Herre!

Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, daß sie den HERRN sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und da er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmet hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 

Thomas aber, der Zwölf einer, der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, da Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den HERRN gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei denn, daß ich in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, will ich's nicht glauben. Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! Darnach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein HERR und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Joh 20, 19-29

Lob sei Dir Christus!


Credo

Potsdam, Sanssouci, Friedenskirche, hier gefunden 


Predigt 

1 Sam 8, 1-9 + Joh 20, 19-29


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Wo wäre dies offensichtlicher als hier? Dort, wo Gottesdienst gefeiert wird, da steht die Gemeinde immer am Sarg.

Einhundert Jahre nach dem Sterben der Kaiserin ist es an der Zeit, sich grundsätzlich darüber zu verständigen, was ihr und diesem Volk widerfahren ist. Das Sterben einer Kaiserin, einer Königin von Preußen, betrifft niemals nur sie allein, sondern alle Menschen, deren Königin sie gewesen ist.

Lesung und Evangelium, die wir gehört haben, sollen uns bei diesem Nachdenken helfen.

Beiden Texten ist es gemeinsam, dass Menschen sich oft schwertun mit den unsichtbaren Dingen. Wir wollen sehen und im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Thomas will sich nicht begnügen mit dem, was andere ihm erzählen. Er kommt nicht zurecht mit dem nun unsichtbaren Herrn. Er will seinen Finger in die Nägelmale und seine Hand in die Seite Jesu legen. Er will sich durch Berührung vergewissern.

Wir begegnen hier einem ganz menschlichen Drang. Darüber hinaus aber erleben wir, wieviel Verständnis der Herr mit dieser menschlichen Schwäche hat. Er kommt erneut. Er zeigt sich. Er lässt den Zweifler nicht im Zweifel vergehen. 

Ganz ähnlich ist das, was uns bei Samuel erzählt wird. Die Menschen erleben Willkür und Korruption. Darum drängen sie ihre Ältesten, zu Samuel zu gehen und eine gründliche Reform für die Ordnung ihres Zusammenlebens zu verlangen. 

Sie wollen einen König, der sichtbar auf dem Thron sitzt, vernehmlich zu ihnen spricht und nach Recht und Gesetz über sie richtet. Sie sind des Unsichtbaren überdrüssig, weil nur Schlechtes hervorgebracht wird. Sie wollen sich im Sichtbaren vergewissern.

Zwei Dinge aber sind ihnen vermutlich gar nicht bewusst. Mit diesem Drängen verwerfen sie Gott, der doch ihr wahrer und einziger König ist. Aber vor allem legen sie einem Menschen ein Amt und eine Bürde auf, die er allein nicht tragen kann.

Samuel erkennt das sofort und es gefällt ihm übel, wie es in unserer Geschichte heißt. Als er sich dann aber im Gebet an den Herrn wendet, da muss er erfahren, dass Gott barmherzig ist. So wie sich der Auferstandene mit den Malen der Folter am Körper zeigt, so gewährt der Herr seinem Volk ein irdisches unvollkommenes Königtum, weil es danach verlangt.

Das ist die Situation von Menschen, denen in dieser Welt das Amt eines Königtums auferlegt ist.

Auguste Viktoria hatte davon durchaus einen Begriff, als sie mit ihrer Hochzeit begann, auf den Thron zuzugehen. 

„Soll´s uns hart ergehen, lass uns feste stehn,

Und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen.“

Wir wissen, dass dies unser Weg ist, so hat sie es am Tage vor ihrer Vermählung bekundet, und so haben es die Menschen auf dem Magdeburger Hauptbahnhof gesungen, als ihr Sarg ins Reich zurückkehrte.

Eine Königin, die der Krone gerecht werden will, muss größeres Gottvertrauen besitzen als andere Menschen, denn sie spiegelt seine Gegenwart in der Welt. Dadurch wird sie zu dem, was Friedrich von Hardenberg, der uns als Novalis geläufig ist, in der Sentenz zusammengefasst hat: „Ein wahrhaftes Königspaar ist für den ganzen Menschen, was eine Constitution für den bloßen Verstand ist.“ 

In diese Vorstellung passt es, das Königspaar als einen Teil jener uns heute fernen Poesie und Romantik des Staates zu sehen, von der auch wieder Novalis gehofft hat, dass sie dazu in der Lage wäre, die Wunden zu heilen, die der Verstand schlägt.

Die Gemeinschaft eines großen Volkes braucht einen verbindenden Glauben, die Bereitschaft zum Dienst und zur Pflichterfüllung und sie braucht Treue. Glaube, Dienst und Treue eines Volkes werden in ihrem Verhältnis zum Königspaar verwandelt. Sie bleiben keine kalten abstrakten Größen, sondern werden Ausdrucksformen einer konkreten Beziehung. Sie werden Ausdrucksformen der Liebe, ohne die menschliches Leben nicht denkbar ist.

Wir alle kennen den Verlauf unserer Geschichte. Es ist hier nicht der Ort, um alle ihre schmerzlichen, verhängnisvollen und auch grausamen Seiten wieder hervorzukehren. Eine Tatsache bleibt allein, dass jemand, der auf die höchste Höhe emporgehoben war, nun in die tiefste Tiefe hinabgestoßen wurde. Und selbst darin war nur ein Vorzeichen von all dem gegeben, was noch kommen sollte. Aus einem so vollständigen Treuebruch, aus dem Verwerfen jeder Tradition und der Aufgabe einer Kontinuität, die beinahe ein Jahrtausend getragen hatte, konnte nichts Gutes erwachsen. Und der Fortgang der Ereignisse hat dies dann nur bestätigt.

Ich will darum ein drittes Mal Novalis zitieren: „Ein einstürzender Thron ist, wie ein fallender Berg, der die Ebene zerschmettert und da ein todtes Meer hinterläßt, wo sonst ein fruchtbares Land und lustige Wohnstätte war.“

Wohl war den Menschen, als sie Auguste Viktoria 1921 unter gewaltiger Anteilnahme zu Grabe trugen, dies bereits eine schmerzliche, noch dunkle Ahnung. Das Zusammengehörigkeitsgefühl unseres Volkes krönte sich gleichsam selbst durch die Verehrung der Königin! 

Das Sichtbare aber war nun vergangen und es mussten Trost und Hoffnung wieder allein in den unsichtbaren Gütern, nämlich in Gottes Verheißungen gesucht werden.

Jochen Klepper konnte noch dichten:

Noch leben Söhne fürstlicher Geschlechter,

Die du als Ordner unter uns gesandt.

Laß uns nicht ohne Mahner, ohne Wächter;

Gib Könige und Propheten allem Land.


Einhundert Jahre ist dies nun alles her. Geblieben sind scheinbar nur die Träger königlicher Namen. Es könnte nachdenklich machen, wie sehr diese unserer Gegenwart wieder zum Stein des Anstoßes geradezu zum Ärgernis werden.

Werdet daran nicht irre. Das mit dem königlichen Namen verbundene Amt liegt nämlich nicht in irgendeinem Vorrecht, sondern allein in der Pflicht gegenüber dem Volk. Hier besteht sie darin, zu bekunden, was eine Königin ist und mit Blick auf Auguste Viktoria zu bezeugen die Mutter, in ihrer Liebe, die Christin, in ihrem Glauben, die Kaiserin, in ihrer Treue und in allem ihren Glanz.

Amen


Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem auferstandenen Herrn. Amen


Christ ist erstanden

von der Marter alle.

Des solln wir alle froh sein;

Christ will unser Trost sein.

Kyrieleis.


Wär er nicht erstanden,

so wär die Welt vergangen.

Seit dass er erstanden ist,

so lobn wir den Vater Jesu Christ´. 

Kyrieleis.


Halleluja,

Halleluja,

Halleluja.

Des solln wir alle froh sein;

Christ will unser Trost sein.

Kyrieleis.


Fürbitte & Vater unser


Wir wollen Fürbitte halten und zu Gott beten mit dem gemeinsamen Ruf: Herr, erbarme Dich!

Allmächtiger Gott, wir danken Dir für die Auferstehung Deines Sohnes, unseres Erlösers und bitten Dich, mache uns zu treuen Zeugen seines Sieges im Glauben an Dich.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

Ewiger Gott, wir danken Dir für die Gemeinschaft der Heiligen. Durch sie bleiben wir verbunden mit allen Menschen und mit Deinen Wundern. Wir bitten Dich, stärke Deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit und schenke ihr nach Deinem Willen Einheit und Frieden.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

Barmherziger Gott, wir danken Dir für das Leben von Auguste Viktoria. Du hast der Welt durch sie ein bleibendes Zeichen gegeben. Wir bitten Dich mit ihr für die königliche Familie. Segne den Prinzen und die Prinzessin von Preußen und schenke ihnen Glaube, Liebe und Hoffnung.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

Gütiger Gott, wir danken Dir für Deine Gegenwart und bitten Dich um Segen und Frieden für unser Volk und für alle Völker, für unser Land und für alle Länder, denn Du hältst die ganze Welt in Händen und rufst Dein Volk aus allen Völkern.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich.

In der Gemeinschaft mit der Gottesmutter Maria, mit der ganzen Kirche, und mit der verewigten Kaiserin beten wir, wie Christus uns zu beten gelehrt hat:


Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme, dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. 

Amen.


Nun danket alle Gott

mit Herzen, Mund und Händen,

der große Dinge tut

an uns und allen Enden,

der uns von Mutterleib

und Kindesbeinen an

unzählig viel zu gut

bis hierher hat getan.


Der ewigreiche Gott

woll uns bei unserm Leben

ein immer fröhlich Herz

und edlen Frieden geben

und uns in seiner Gnad

erhalten fort und fort

und uns aus aller Not

erlösen hier und dort.


Lob, Ehr und Preis sei Gott

dem Vater und dem Sohne

und Gott dem Heilgen Geist

im höchsten Himmelsthrone,

ihm, dem dreiein’gen Gott,

wie es im Anfang war

und ist und bleiben wird

so jetzt und immerdar.


Sendung & Segen


Gehet hin im Frieden des Herrn! 


Der HERR segne dich und behüte dich,

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,

Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.


Amen


Wenn ich einmal soll scheiden,

so scheide nicht von mir!

Wenn ich den Tod soll leiden,

so tritt du dann herfür!

Wenn mir am allerbängsten

wird um das Herze sein,

so reiß mich aus den Ängsten

kraft deiner Angst und Pein.


Erscheine mir zum Schilde,

zum Trost in meinem Tod

und lass mich sehn dein Bilde

in deiner Kreuzesnot!

Da will ich nach dir blicken,

da will ich glaubensvoll

fest an mein Herz dich drücken.

Wer so stirbt, der stirbt wohl.


Kaiserinstandarte, hier gefunden

Auf dem Fahnennagel der Kaiserinstandarte im Antikentempel war zu lesen:

Ich habe Tage des Glücks geseh’n

Sah Deutschlands Ruhm, Deutschlands Vergeh’n.

In Tagen des Elends und Tagen der Schmach

Folg der seligen Kaiserin zur Ruhe ich nach.

Bleiben will ich an dieser Statt

Bis das Reich wieder Kaiser und Krone hat.

Herr Gott hilf.


Eben diese Standarte wurde beim Gedenken an die Kaiserin Auguste Viktoria an ihrem Grabmal wieder aufgerichtet.

Liturgie und Predigt sind gehalten worden von Herrn Th. Roloff, weitere Bilder werden voraussichtlich am Dienstag folgen.

Nachtrag:

Leider nein, da sie nichts geworden sind. Aber vielleicht erbarmt sich noch ein anderer Photographiert-Habender.

Sonntag, 4. April 2021

Ostern


 Frohe und Gesegnete Ostern!



This Joyful Eastertide - King's College Cambridge

hier gefunden

Die Historie des Liedes liest man dort.



Die Abbildungen stammen aus dem Nachgelassenen meiner Frau Mutter.

Dienstag, 23. März 2021

Von Schuldkälbern und anderen Opfertieren

Einführung ins Thema


1. Von Fahnen

Hans Bohrdt: "Der letzte Mann" (Ansichtskarte/Reproduktion, das Gemälde ist seit 1916 verschollen), hier gefunden

„Reichskriegsflaggen“ (genauer die des Norddeutschen Bundes von 1867 durchgehend bis zu denen des  Deutschen Reiches 1935, ab da sind sie es sowieso) müßten verboten werden. So forderte es eine Juristenvereinigung.  Sie stünden für „Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Demokratieverachtung“. 

Auch die Innenministerkonferenz wollte seit Dezember 2020 geprüft wissen, inwieweit "ein gesetzliches Verbot des provokativen Zeigens von Reichsflaggen, Reichskriegsflaggen und ähnlichen Symbolen" ins Strafgesetzbuch Eingang finden könne.

Bundesinnen- und Justizministerium antworteten nun besagtem Verein, ein Mustererlaß für Polizei und Ordnungsbehörden zum Umgang mit dem öffentlichen Zeigen der Fahnen sei "zielführender als eine Erweiterung strafrechtlicher Tatbestände". Dieser solle den Ländern rechtssicher ermöglichen, über das Versammlungsrecht das Zeigen von Reichsfahnen und Reichskriegsflaggen zu unterbinden. Also kein Strafrecht, sondern Polizeirecht. Das ist ja auch ein beweglicheres Instrument.


 2. Vom besten Deutschland, das es je gab

„Das Größere Wappen Sr. Majestät des Deutschen Kaisers“, 

hier gefunden 

"Ja, wir leben heute im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat." So sprach unser Volks- ach, was rede ich, unser Bevölkerungspräsident auf dem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Potsdam am 3. Oktober 2020. Und da ein Gegenstand um so heller strahlt, wenn man zugleich auf das düstere Gegenbild weisen kann, hatte er es glücklicherweise auch zur Hand – das zweite Kaiserreich von 1871.

"Die nationale Einheit 1871 wurde erzwungen, mit Eisen und Blut, nach Kriegen mit unseren Nachbarn, gestützt auf preußische Dominanz, auf Militarismus und Nationalismus."

Das ist so. Man hätte Napoleon III. durch gutes Zureden und Verhandlungen dazu bringen müssen, von seinen imperialen Ambitionen, die sich mit deutscher Einheit nicht vertrugen, abzukommen. Welches Recht hatten die Deutschen schließlich auf ihre Einheit? Haben nicht auch die Italiener ihre Einigungskriege erst geführt nachdem die Deutschen, als ihre Nachbarn, zuvor ihr Placet gaben?

Gustav Heinemann habe beim 100. Jahrestag der Gründung des Deutschen Reiches, stellte sein Nachfolger anläßlich des 150. Jahrestages fest, keinen Grund zur Feier einer Reichsgründung gesehen, „die ein Jahrhundert zuvor wohl für die Herstellung der äußeren Einheit Deutschlands gesorgt hatte, aber weder für die innere Einheit und Freiheit seiner Bürgerinnen und Bürger noch für äußeren Frieden."

Und überhaupt (wir sind wieder am 3. Oktober): "Wie grundsätzlich verschieden war 1871 von 1990. Mit eiserner Hand wurde im Kaiserreich auch nach innen durchregiert. Katholiken, Sozialisten, Juden galten als ‚Reichsfeinde‘, wurden verfolgt, ausgegrenzt, eingesperrt, Frauen von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen." 

Daß selbst Juden eingesperrt wurden, weiß schließlich jedermann. Und alle zivilisierten Völker, wenn man das noch so sagen darf, hatten schließlich das Frauenwahlrecht, außer der Schweiz, da hat es bis 1990 gedauert, bis der letzte Kanton dazu gezwungen wurde. 

Nach einer nationalen Feier der Reichsgründung (wir sind zurück zur Ansprache zum 18. Januar) verlange daher heute niemand. "Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber wie den Denkmalen und Statuen von Königen, Kaisern und Feldherren aus dieser Epoche.“ Sie seien zwar etwa in Berlin zwar im Stadtbild präsent, entfalteten aber „keine prägende Kraft".

Unsere Perspektive auf diese Epoche deutscher Geschichte sei gebrochen, „schon durch die Kriege, mit denen die Einheit erzwungen wurde, vor allem aber durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Einen ungetrübten Blick zurück auf das Kaiserreich, vorbei an Völkermord, an zwei Weltkriegen und einer von ihren Feinden zerstörten Republik, gibt es nicht und kann es nicht geben."

Die Bundesrepublik Deutschland stehe zwar in Gesetzgebung und Rechtsprechung in der Tradition des Kaiserreichs. Das Bürgerliche Gesetzbuch ebenso wie die Bismarckschen Sozialgesetze wirkten in den Grundstrukturen bis in die Gegenwart fort, allerdings hätten sich zahlreiche Schichten von notwendigen Anpassungen darübergelegt.

Ein Grundfehler des Kaiserreichs habe in der fehlenden parlamentarischen Regierung gelegen: "Aber diese Parlamentarier gewannen Größe vor allem in Opposition zur Regierung, denn die Übernahme von Regierungsverantwortung war ihnen verwehrt. In Bismarcks Welt kontrollierte die Regierung das Parlament und nicht das Parlament die Regierung."

Auch das Budgetrecht des Parlaments, samt der sonstigen Gesetzgebung gilt da nicht als Einwand.

Und schließlich „ragte mit der sozialen Bedeutung des Militärs und seines Offizierskorps, besonders aber mit der alleinigen Kommandogewalt des preußischen Königs ein Stück Absolutismus in die Gegenwart des Kaiserreichs."

Und wenn es in der spanischen Verfassung in Artikel 62 heißt: „Dem König obliegt es..., den Oberbefehl über die Streitkräfte auszuüben“, dann ist das sicherlich ein Überbleibsel aus der franquistischen Ära.


3. Vom Säubern

Der Bundespräsident ließ auch die positiven Seiten des Kaiserreichs nicht unerwähnt.

"Tatsächlich entfaltete ja die lange ersehnte und zuvor gescheiterte Reichseinigung, wie Bismarck sie schließlich im Sinne Preußens erzwungen hatte, eine beeindruckende Dynamik – die Revolution von oben begünstigte Fortschritte in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Kultur.“

Wie das? Aus dem Süden kommt in Gestalt eines Herrn Käppner die Aufklärung ("Des Kaisers alte Kleider. Das Wilhelminische Reich war nicht besser als sein Ruf. Im Gegenteil." von Joachim Käppner, Süddeutsche Zeitung vom 17. März 2021)

Zunächst: Ohne das Kaiserreich wäre das Dritte Reich undenkbar gewesen. Fast alles von jenem Bösen, sei schon unter Wilhelm II. angelegt gewesen. Aber auch, wenn man das Kaiserreich nur für sich und nicht als Hinführung zur NS-Diktatur ansehe, bestehe wenig Grund, seinen Ruf retten zu wollen. 

"Ja, es gab Gutes darin: den Parlamentarismus, die Frauenbewegung, die Selbstbehauptung der Arbeiterschaft, den Aufschwung von Kultur, Literatur, Wissenschaft, die neue Urbanität (Berlin, so 1892 Mark Twain, 'ist die modernste Stadt, die ich je gesehen habe') aber das meiste davon entstand trotz des erdrückenden Gesellschaftssystems und nicht seinetwegen, gewiss ist es nicht dessen Verdienst."

Die Möglichkeit einer friedlichen Evolution des Kaiserreichs zu einer Demokratie habe es niemals gegeben. "Dieses System war nicht fähig zur Reform, weil es sich als Gegenentwurf zur Freiheit verstand."

Und dann habe die SPD 1918 den Todfehler begangen, die alten Eliten zu belassen, "im Interesse der Legitimität, was ehrenwert, aber eine folgenreiche Illusion war. Mit den Führungsschichten eines Unrechtsstaates ließ sich keine Demokratie aufbauen." Das alte System hätte "gründlicher ausgefegt" werden müssen. Vermutlich so:

„Genosse Lenin säubert die Erde vom Unrat“ - Viktor Nikolajewitsch Denisow, 1920


wird fortgesetzt

Sonntag, 21. Februar 2021

Von der Dummheit


Dies ist einer der so vortrefflichen wie wirkungslosen Texte, weil jeder in ihm all jene, die ihm politisch, ästhetisch, moralisch oder in was auch immer zuwider sind, also die Spitzbuben der anderen Seite wie Klassenfeinde, Vertreter der toxischen Maskulinität oder Anhänger der vormaligen Präsidenten Trump auf der einen wie auf der anderen Zeitgeistknechte, erweckte Nivellierer und Ressentiments-Reiter jeweils trefflich gezeichnet sehen wird. Nur als eine der gegenwärtigen Frontstellungen. Eine klassische Einladung zur Projektion gewissermaßen.

Dennoch ist es eine tiefgehende Zerlegung der Gründe der Dummheit genauso, wie es die eher resignative Einsicht mitteilt, warum ihr mit Vernunftgründen kaum beizukommen ist. Der Abschnitt ist aus dem Anfang von "Widerstand und Ergebung“ von Dietrich Bonhoeffer, den Aufzeichnungen aus der Haft. Unmittelbar vor Kriegsende wurde er bekanntlich auf persönlichen "Führerbefehl" hin getötet. Das also wäre die Folie, vor der der Text steht. Wir wollen ihn weder aktualisieren noch historisieren, sondern einfach nur anbringen. Für seine Gedanken dazu ist sowieso jeder selbst verantwortlich.

Westminster Abbey - "Märtyrer des 20. Jahrhunderts", Photo von Dnalor_01 (CC-BY-SA 3.0), hier gefunden 


Dietrich Bonhoeffer: „Von der Dummheit“

„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.

London, Westminister Abbey, Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer, hier gefunden

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. 

Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. 

Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. 

Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihm mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.

Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.

In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen zu wissen, was „das Volk“ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.

Samstag, 20. Februar 2021

Marginalia


Selbst Schnecken können eigensinnig sein. Das Bild oben ist tatsächlich Zeugnis einer kuriosen "Wanderung". Im Herbst schlich sich eine kleine Schnecke durch das offene Fenster und nahm eine offenkundige Überwinterungsposition direkt daneben ein. 

Kürzlich fiel sie dort aber ab und da ich sie hinüber wähnte, landete sie mit ordinärem Schmutz, abgefallenen Blättern etc. erst auf der Schaufel und dann in der einschlägigen Porzellanschüssel im Bad. Als mir dabei ein flüchtiger Blick auf die Uhr verriet, daß ich wie immer schon wieder zu spät sei, unterblieb die reinigende Flut. Und als ich zurückkam, sah ich eine höchst lebendige Kreatur das Terrain erkunden. Ich fischte sie also von demselbigen und setzte sie in einen Blumenkasten, wenig später war sie nicht mehr auszumachen und heute entdecke ich sie an ziemlich haargenau derselben Stelle, von wo sie abgefallen war, mit allenfalls einem Zentimeter Differenz (ich hatte schon einmal Bilder gemacht). Merkwürdig.



Die holprichten Verse, die da unter das Bild mit Tinte geschrieben sind, lauten wie folgt:

Die göttlich Majestät nicht ganz erkannt mag werden

Dann an seinem Geschöpf im Himmel und auf Erden,

Zu sehen in die Sonn unser Augen nicht tügen

Im Wasser wir zum Teil den Schatten sehen mügen.


Ich fand sie in einer Einführung in die Barocklyrik als Beispiel für Emblemata. Um es für mich ein wenig zu glätten, dachte ich mir nachfolgende Variante aus:

Die göttlich Majestät nicht ganz erkannt kann werden,

An sein' Geschöpfe nur im Himmel und auf Erden,

Zu sehen in die Sonn' die Augen nicht ertragen,

So können wir den Schein im Wasser nur befragen.


Nur um erleichtert festzustellen, in einem anderen Druck gibt es offenbar vom Autor (Julius Wilhelm Zincgref, Emblematum ethico-politicorum centuria) selbst eine deutsche Fassung, die meine Verbesserung weit in den Schatten stellt. Aber zu den Marginalien paßt das Ganze.


Julius Wilhelm Zincgref

MONSTRATUR IN UNDIS


Begehrest Du zu seh'n den Glanz der heißen Sonnen?

Das kannst Du besser nicht als in dem Fluß und Bronnen.

So mag der große Gott auch nur erkennet werden

An seiner Hände Werk im Himmel und auf Erden.



Christian Hofmann von Hofmannswaldau

Ermahnung zur Vergnügung


Ach was wollt ihr trüben Sinnen

Doch beginnen!

Traurig sein hebt keine Not,

Es verzehret nur die Herzen,

Nicht die Schmerzen,

Und ist ärger als der Tod.


Dornenreiches Ungelücke,

Donnerblicke,

Und des Himmels Härtigkeit

Wird kein Kummer linder machen;

Alle Sachen

Werden anders mit der Zeit.


Sich in tausend Tränen baden

Bringt nur Schaden,

Und verlöscht der Jugend Licht;

Unser Seufzen wird zum Winde;

Wie geschwinde

Ändert sich der Himmel nicht!


Heute will er Hagel streuen,

Feuer dräuen;

Bald gewährt er Sonnenschein,

Manches Irrlicht voller Sorgen

Wird uns Morgen

Ein bequemer Leitstern sein.


Bei verkehrtem Spiele singen,

Sich bezwingen,

Reden was uns nicht gefällt,

Und bei trüben Geist und Sinnen

Scherzen können,

Ist ein Schatz der klugen Welt.


Über das Verhängnis klagen

Mehrt die Plagen,

Und verrät die Ungeduld;

Diesem, der mit gleichem Herzen

Trägt die Schmerzen,

Wird der Himmel endlich hold.


Auf O Seele! du mußt lernen

Ohne Sternen,

Wenn das Wetter tobt und bricht,

Wenn der Nächte schwarze Decken

Uns erschrecken,

Dir zu sein dein eigen Licht.


Du must dich in dir ergötzen

Mit den Schätzen,

Die kein Feind zunichte macht;

Und kein falscher Freund kann kränken

Mit den Ränken,

Die sein leichter Sinn erdacht.


Von der süßen Kost zu scheiden,

Und zu meiden,

Was des Geistes Trieb begehrt,

Sich in sich stets zu bekriegen,

Und zu siegen,

Ist der besten Krone wert.

Samstag, 30. Januar 2021

Burg Stargard oder Über das Verheerende guter Absichten

Burg Stargard, hier gefunden

Zufällig geriet ich an einen Artikel, in dem es um Pläne zum Wiederaufbau des sog. „Krummen Hauses“ auf der Burg Stargard ging. Der Zeitungsartikel ist fast 2 Jahre alt. Aktuelleres fand ich nicht. Das läßt hoffen.

Die Zeitläufte sind mit der Burg Stargard, so bemerkenswert sie ist, nicht eben pfleglich umgegangen. Sie ist der Ursprungsort dieser Region, die nach ihr erst Land Stargard (der Arm der Beatrix im Wappen von Mecklenburg verweist darauf) und dann, dem verlagerten Hauptsitz (Alt-)Strelitz folgend, alternativ Strelitz hieß. Die verbreiteten Epitheta stimmen alle - ‚nördlichste Höhenburg Deutschlands‘, ‚ältestes erhaltenes weltliches Bauwerk Mecklenburgs‘. Sie muß einmal recht beeindruckend ausgesehen haben, vergleicht man nur diese ideelle Rekonstruktion des 1. Tores mit dem jetzigen Zustand, der schon auf das 16. Jahrhundert zurückgeht. 


Es wurde auch danach kaum besser. Die alte markgräfliche Residenz, zwischen eben diesem Tor und dem Bergfried gelegen, die man sich ebenfalls ansehnlich vorzustellen hat, nur, daß von ihr, außer ein paar zugemauerten Türöffnungen etwa, nichts erhalten ist, wurde irgendwann niedergelegt. Das erwähnte „Krumme Haus“ gegenüber 1919 von ruchloser Hand angezündet und von den Einwohnern seinem Schicksal überlassen (die Weltrevolution macht halt auch vor entlegeneren Gegenden nicht Halt). 



Kein guter Stern waltete über dieser alten Burg. Großherzog Georg, wer sonst, hat sich des Bergfrieds angenommen (ab 1821, durch unseren Buttel), der ausgebrannt und verfallen war, so daß die Bewohner Sorge trugen, er würde ihnen auf den Kopf fallen. Ach, wenn doch Haupt-Orte immer große Geister zur Hilfe herbeirufen könnten. Aber sie sind eben sehr rar.

Und ja, auch in der neuesten Zeit wurde renoviert u.dgl., nur eben halt nichts von größerem Wurf. Wie auch. Man könnte jetzt Historien darüber schreiben, wie mit ruhmreichen Zeugen des Vergangenen früher umgegangen wurde: Man wuchtete ein Denkmal hinein wie beim Kyffhäuser, oder ließ seine Ideen steinerne Gestalt gewinnen, wie es hätte gewesen sein können - Burg Hohenzollern.  Aber sie wollten etwas mit den geistigen Mitteln ihrer Zeit immerhin wieder zum Leben erwecken.

Das liegt zurück. Die jetzige Mode ist, man pfropft seine armselig gestaltarme Gegenwart auf die Spuren des Vergangenen, sargt es ein und veranstaltet so bestenfalls eine Art von Begräbnisarchitektur. Ich komme kurz zu den im obigen Artikel erwähnten Neubauplänen.

Es ist vielleicht  verständlich, daß ich nicht um die Erlaubnis nachgesucht habe, die öffentlich zugänglichen Entwurfsbilder hier anbringen zu können, man findet sie aber. Der gröbere Entwurf hat etwas Zombiehaftes nach der Art des Sarkophags von Tschernobyl, der andere, etwas filigraner durchgearbeitete, tut dasselbe, nur auf scheinbar nettere Art. 

[Dankenswerterweise erhielt ich inzwischen den Hinweis, daß der Stadtbild Deutschland e. V. Obiges vor einiger Zeit aufgegriffen hatte, so findet man dann sofort ebenfalls das Bild & eine freundliche Diskussion darüber.]

Die Sprache ist allein schon bezeichnend genug. Eine der üblichen Versatzphrasen lautet "in der Kubatur von…". Das ist einer der Hohnbegriffe moderner Architektur, mit denen ein historisches Gebäude zum zweiten Mal hingerichtet werden soll.

Dabei kommt dann zum Beispiel so etwas heraus


Heilig-Geist-Kirche in Potsdam versus

Wohnturm der Residenz Heilig Geist Park

oder, noch schlimmer: Derartiges, eher die Kubatur eines Albtraums von der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli in Leipzig.


hier und hier gefunden, und dagegen 

Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli

Die Abwandlung lautet in unserem Fall. Man wolle „mit der äußeren Form des Baukörpers die historische Anmutung“ wiederherstellen. Der verantwortliche Bürgermeister „schätzt die moderne Anmutung“ und daß sich „das neue Gebäude klar von den alten Mauerresten der Ruine“ abheben würde.  Da wurden wir doch mal ehrlich. Wenn man sich in der Moderne "sauwohl" fühlt und auch sonst kaum eigene Gedanken macht, muß das so sein.


Das „Krumme Haus“ ist ein schwieriges Objekt. Es wurde daran ständig herumgebaut, zugemauert, aufgerissen. Jemand müßte schon sehr mutig sein, hier gewisse Gestaltlinien wieder ergänzend sichtbar zu machen. Aber es ließe sich so ein wunderbares Bauwerk vorstellen.

Aber warum sollte man sich dem Nukleus einer Region solcherart ideenreich dienend verpflichtet fühlen, das würde zumal mehr sein, als den meisten Vorderen bewußt gewesen sein dürfte, vom Großherzog Georg selbstredend wieder abgesehen, zumal zu welchem Zweck? 

Was sie wollen, sie könnten es nicht wirklich erklären, warum, der Geist der Zeit spricht es ihnen ein. Darum zitieren wir passend Mephistopheles: „Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.“

"Arm der Beatrix", hier im Wappen von Fürstenberg

nachgetragen am 6. Februar

Montag, 18. Januar 2021

Über Nakoniden & Niklotiden II

zur Mythologie einer Landschaft (Fortsetzung von Teil I)

Kaiser Lothar, Schloß Schleb, (Ausschnitt, hier gefunden)

4. Der Hl. Gottschalk, König Heinrich und das Ende der Nakoniden

Gottschalk der Wende

Hl. Gottschalk auf einem Fenster der Propsteikirche St. Anna in Schwerin, hier gefunden

Mit Gottschalk kommen wir zum ersten Heiligen Mecklenburgs. Gottschalks Gedenktag ist der 14. Juni. Überhaupt treten wir jetzt in eine Zeit ein, von der mehrere Charakterköpfe zu vermelden sind. Gottschalk jedenfalls floh in Folge der oben beschriebenen Ereignisse zunächst 1028 zu König Knut dem Großen nach England. Nach dessen Tod 1035 trat er in die Gefolgschaft von Sven Estridsson, dem späteren König von Dänemark, ein, dessen Tochter Sigrid er heiratete. 

Wir übergehen Ratibor († wohl 1043, ein anderer Nachkomme Mstivojs) und weitere. Jedenfalls wurde dieser von König Magnus dem Guten, König von Norwegen und Dänemark samt seinen acht Söhnen geschlagen. Daraufhin verließ Gottschalk Sven Estridsson und mit Magnus‘ Einverständnis ging er ins Obotritenland zurück und konnte sich dort behaupten.

Gottschalk lehnte sich nachvollziehbarerweise während seiner Herrschaft an den Sachsenherzog Bernhard II. und den Erzbischof Adalbert von Bremen an und unterstützte deren Missionsstreben. Die Brüder des Michaelisklosters zu Lüneburg müssen wundersam gewirkt haben. Herr Vitense beschreibt es unübertrefflich, also zitieren wir ihn (S. 33 a.a.O.) „Soweit war allerdings... [in der Zurückdrängung heidnisch-wendischen Daseins] bisher noch niemand, vor allem nicht ein Wende von Geburt gegangen. Gottschalk tat es und stiftete um 1050 neben dem Oldenburger [für Wagrien] zwei neue Bischofssitze im Obotritenlande, Ratzeburg unter Bischof Aristo für die Polaben und Mecklenburg unter Bischof Johannes für die Obotriten, dazu eine Anzahl Kirchen und Klöster, und oft war er selbst als Missionar tätig, indem er aus sich selbst oder als Dolmetscher deutscher Sendboten seinem Volke das Evangelium in wendischer Sprache auslegte.“

Er schuf zudem eine auf ihn ausgerichtete Verwaltung; das Obotritenland begann, Züge eines Staates anzunehmen.

Gottschalk hatte aber offenkundig ein zwar löbliches, aber auch voreiliges Zutrauen in die Früchte seiner Bestrebungen. Nachdem jedenfalls Herzog Bernhard verstorben (1058) und Erzbischof Adalbert 1066 entmachtet worden war, brach im Obotritenreich ein vom heidnischen Adel getragener Aufstand los, geführt von Gottschalks eigenem Schwager Blusso. In der Kirche von Lenzen wurde Gottschalk am 7. Juni 1066, völlig überrascht, mit seinem Gefolge von Priestern und Laien überfallen und erschlagen. 

Seine Gemahlin Sigrid wurde auf der Mecklenburg entdeckt, gegeißelt und „nackend davongejagt“ (Adam von Bremen). Sie floh mit dem Sohn Heinrich zu ihrem Vater Sven Estridsson nach Dänemark. Der erste mecklenburgische Bischof Johannes wurde in Rethra zu Tode gemartert (wir schrieben vorher davon). In Ratzeburg steinigte man den Abt Ansverus mit seinen 28 Mönchen. Die Empörer suchten überhaupt mit Gewalt, das Christentum überall vollständig auszurotten.

Zudem ächtete man Gottschalks gesamte Familie, sein Sohn Budivoj wurde vom neuen Haupt der Empörer, Kruto, Sohn des Grin in eine Falle gelockt und getötet. Selbst sein verräterischer Schwager Blusso, der das Ganze doch angezettelt hatte, wurde von der Binse eingeholt, daß der Verrat, nicht aber der Verräter geliebt werde, er kam ebenfalls um.

Der Emporkömmling Kruto, der für lange Zeit die Macht an sich reißen konnte (1066 bis 1093), wird von den Chronisten als skrupellos und grausam beschrieben. „Räuberbanden durchzogen das Land; mehr als 600 deutsche Familien wanderten damals aus und fanden am Harz eine neue Heimat, wo Ort und Name Elbingerode noch  heute an sie erinnert.“ Vitense (S.35) Doch auch ihn ereilte seine Nemesis.

König Heinrich

Gedenkstein Alt-Lübeck, hier gefunden

Kruto alterte und Heinrich, Gottschalks zweiter Sohn, wuchs in Dänemark zum Mann heran. Als er seine Rückkehr einforderte, die ihm Kruto verweigerte, sammelte er Schiffe und landete in Wagrien. Kruto, darüber bestürzt, erlaubte ihm nun die Heimkehr und suchte ihn zu einem Gastmahl zu locken, wo er ihn umzubringen gedachte. Seine eigene Frau Slawina jedoch, die ihres Gatten längst überdrüssig geworden war, warnte Heinrich. Dieser lud erzürnt darauf seinerseits den Kruto zu einem Gastmahl und gab ihm das eigene Gift zu schmecken, anschließend heiratete er die Slawina, und nahm von dem Sachsenherzog Magnus das Land zu Lehen, beider Mütter waren Schwestern. 

Zunächst herrschte er nur über Wagrien.  Doch Magnus half ihm, 1093 in einer Schlacht auf der Schmilauer Heide bei Ratzeburg das ganze Land seines Vaters in Besitz zu nehmen. Laut Helmold von Bosau blendete der Glanz der untergehenden Sonne seine Gegner im Kampf. Offenbar war er, als er die Macht errungen hatte, vorsichtiger als sein Vater, beließ etwa heidnische obotritische Adlige in ihren Ämtern. Unumgänglich müssen wir erneut  Herrn Vitense zitieren (S.36):

Frankfurt a. Main, Kaisersaal, Lothar von Supplinburg, hier gefunden

„Gewitzigt durch das Schicksal seine Vaters Gottschalk, der durch allzu offene Begünstigung sächsischen und christlichen Einflusses unter den Wenden zu Fall gekommen war, ließ Heinrich, auch wenn er selbst mit seiner Familie ein Freund des Evangeliums blieb, seinen Landsleuten möglichste Freiheit. Religiöse Duldung erschien ihm als das erste Unterpfand für Ruhe und Frieden im Lande. Sein Ziel, den wilden Sinn der Wenden zu zügeln und ihrer Raublust zu steuern, glaubte er am besten durch Gewöhnung seines Volkes an Arbeit, vornehmlich im Acker- und Landbau zu erreichen. Mehr durch den Pflug als mit dem Schwert wollte er Land und Volk stark machen. Mit Recht gebührt ihm denn auch der Titel eines Königs der Wenden, wie er sich selbst bezeichnete.“ 

Seine Hauptresidenz lag in Alt-Lübeck. Er führte mehrere Feldzüge, u.a. mit dem späteren Kaiser Lothar (ab 1125 römisch-deutscher König, von 1133 bis 1137 Kaiser) gegen die Ranen, die ihn 1100 in seiner Burg Alt-Lübeck vergeblich angegriffen und zudem 1123 seinen Sohn Waldemar erschlagen hatten. In deren Verlauf zerstörte Lothar (wohl 1125) Rethra endgültig.

1126 kam der Hl. Vizelin, ausgesandt vom Erzbischof Adalbero von Bremen, als Missionar nach Alt-Lübeck zum „Slawenkönig“ Heinrich. Dieser erlaubte ihm die Mission, übergab ihm sogar die Kirche dortselbst. Der Hl. Vizelin kehrte, vermeintlich für kurze Zeit, nach Sachsen zurück, um Vorbereitungen zu treffen. Am 22. März 1127 jedoch starb Heinrich und damit wurde zunächst alles wieder hinfällig. Die Chronik des Michaelisklosters zu Lüneburg will zwar wissen, er sei ermordet worden, sie ist mit dieser Angabe allerdings allein.

Nicht nur die Missionsabsichten des Hl. Vizelin wurden hinfällig. Am Tod des Heinrich kann man ablesen, wie schnell ein großes Werk wieder zerfallen kann, wenn es auf eine einzelne Persönlichkeit gebaut ist. Zwei Söhne verzettelten sich in Nachfolgestreitigkeiten, die sie beide nicht überlebten, der alte Feind, die Ranen zerstörten Alt-Lübeck und mit seinem Enkelsohn Zwinike erlosch schließlich 1129 das Geschlecht Heinrichs. Noch nicht das Gottschalks, aber auch dieses Ereignis wartete in der Nähe.

Das Ende der Nakoniden

Heinrichs dänischer Vetter Knud Lavard kam zunächst kurzzeitig zum Zuge. Aber spätestens nach dessen Ermordung 1131 werden zwei Namen wichtig, der eine als Ende, der andere als Anfang. Pribislaw und Niklot. Pribislaw, der Sohn des  Budivoj, ein Enkel Gottschalks und so Nakonide errang Wagrien und regierte dort noch bis vielleicht 1142.

Doch die Machtverhältnisse wendeten sich gegen die Wenden und das slawische Wagrien zerfiel, u.a. durch die Belehnung Adolf II. von Schauenburg und Holstein durch Heinrich dem Löwen mit demselben (1142). Dieser holte nach dort westfälische, friesische und holländische Siedler und setzte die Christianisierung energisch durch. 1143 begann er mit dem Bau eines neuen, diesmal deutschen Lübeck. Und ab 1149 unternahm Erzbischof Hartwig I. von Hamburg-Bremen es, die 1066 untergegangenen Bistümer Oldenburg, Ratzeburg und Mecklenburg wiederherzustellen, der bereits erwähnte Hl. Vizelin wurde Bischof von Oldenburg (er starb am 12. Dezember 1154 in Faldera), Emmehard von Mecklenburg.

Klosterkirche Bordesholm, Gedächtnistafel für den Hl. Vizelin, hier gefunden

Pribislaw hatte wohl noch Einfluß in den wendisch gebliebenen Gebieten um Oldenburg. 1156 tritt er gegenüber Bischof Vizelin als deren Wortführer auf. Es heißt, als wohlhabender, aber offenbar machtloser Mann habe er, der doch offenkundig heidnischen Geistes geblieben war, an einem Gottesdienst in Oldenburg teilgenommen. Dann verstummen die Nachrichten. Das Geschlecht der Nakoniden erlischt mit ihm.


5. Niklot und ein neues Geschlecht

Niklot, Front des Schweriner Schlosses, Reiterstandbild von Christian Genschow, 1855, hier gefunden


Niklot

Und jetzt kommen wir zu einem Bruch, eher einer Ungewißheit. Der, soviel wir wissen, letzte Nakonide starb in Wagrien. Das Obotritenland im engeren Sinne hatte allerdings nun einen Niklot zum Fürsten. Man liest, er sei kein Nakonide gewesen. Genau genommen wissen wir nicht, woher seine Familie ihren Ursprung hat. Die Akzeptanz seiner Autorität deutet jedenfalls nicht auf eine Usurpation (die etwa Lothar von Supplinburg nachträglich legitimiert hätte), sondern auf bestehende Ansprüche, die anerkannt wurden.

Bestimmte Familien genossen bei den Wenden offenbar ein besonderes Ansehen. Saxo Grammaticus vermeldet, die unmittelbaren Angehörigen eines Herrscherhauses hätten diesen als „unberührbar“ gegolten. Keiner habe es gewagt, diese anzugreifen oder ihnen ein Leid zuzufügen. Das ist zwar interessant, widerspricht aber nicht wenig dem, was wir bisher berichten mußten. Offensichtlich hat diese Scheu nicht daran gehindert, deren Mitglieder wiederholt zu töten, wenn sie etwa vom althergebrachten Glauben abgefallen waren.

Zurück zu Niklot († August 1160 bei der Burg Werle). Wir kennen seine Herkunft, wie gesagt, nicht. Doch nach dem Tod Heinrichs bzw. dem des Knud Lavard (1131) war es ihm gelungen, die Herrschaft über Obotriten, Kessiner und Zirzipanen zu erringen. Tributpflichtig war er Lothar von Supplinburg. Mit dessen Tod 1137 entglitt Niklot der deutschen Tributherrschaft und seine eigene Herrschaft bekam königsgleiche Züge. 

Mit seinem Nachbarn dem Grafen Adolf II. verband ihn ab 1143 ein Freundschafts- und Beistandspakt. Adolf II. hatte um diesen nachgesucht, aber Niklot dürfte auch das Schicksal des Pribislaw vor Augen gestanden haben.

Es folgt die Eselei des Wendenkreuzzuges von 1147, ein Urteil, das nicht unbedingt nur neuzeitlich ist (nicht über Kreuzzüge generell natürlich, aber über diesen schon). Niklot, dem die Vorbereitungen nicht verborgen bleiben konnten, bat Graf Adolf II. angesichts des bestehenden Freundschaftsverhältnisses um Vermittlung. Dem war allerdings diese schon allein als Lehnsmann Heinrich des Löwen verwehrt.

Aus Rache überfiel Niklot Lübeck und seine weitere Umgebung und verfolgte dabei besonders die neuen Siedler. Was immer seine Motive für diesen Raubzug waren, ob er nur seine Kriegskasse aufbessern wollte, gleichwohl, einen besseren Vorwand für einen Angriff auf ihn hätte er nicht liefern können.

Ohne auf den Verlauf des Feldzuges eingehen zu wollen. Niklot jedenfalls verschanzte sich in der Burg Dobin und konnte der Belagerung dort standhalten (die Heinrich aber auch nur sehr halbherzig betrieb). Am Ende mußte er sich dennoch unterwerfen und wurde zum Vasallen Heinrichs des Löwen. Möglicherweise ließ er sich sogar taufen.

Tribut, Waffenhilfe und Hoffahrt schuldete Niklot als Vasall dem Sachsenherzog nunmehr und er war offenkundig ein getreuer Gefolgsmann. Er erfüllte seine Vasallenpflichten, ließ widerwillig eine gewisse Mission zu, wurde aber weitgehend nicht durch Eingriffe von sächsischer Seite behelligt. 

Andererseits bleib er selbst nur bedingt friedlich: „Als dabei… einmal Niklot selbst von Heinrich abgeführt und in Lüneburg gefangengesetzt wurde [offenkundig wegen räuberischer Umtriebe], scheint der Herzog ihn weder durch angebotenes Geld noch durch Drohungen seitens der Söhne, sondern aus freien Stücken nach erneut abgelegtem Eid auf Treue und Gehorsam schließlich wieder aus der Haft entlassen zu haben.“ (Vitense S. 43)

1151 bekriegte er die Kessiner und Zirzipanen, um Tribute für Heinrich einzutreiben.

Was von seinem eventuellen Christentum zu halten ist, mag ein Ausspruch beleuchten, den er gegen Heinrich machte: „Dein Gott möge der im Himmel sein; Du sollst der unsere sein, das wird uns genügen. Verehre du jenen, wir werden Dich verehren.“

Zum Verhängnis wurde Niklot seine Verwicklung in dänische Angelegenheiten. Niklot unternahm regelmäßig, wie es die Wenden schon seit Generationen gewohnt waren, Raubzüge an den dänischen Küsten zur Gewinnung von Geld, Gütern und Menschen (als Sklaven). Zu seinen Gunsten wird ins Feld geführt, nur so habe er die Tribute für Heinrich den Löwen aufbringen können, nun ja.

Nachdem Waldemar I. 1157 den dänischen Thron erstritten hatte, bot er Kaiser Barbarossa die Lehnshoheit an, wenn der Kaiser die Dänen gegen die Wenden schützen würde. Kaiser Friedrich I. einigte sich mit Heinrich dem Löwen und im Juli 1158 forderte Heinrich Niklot zur Beendigung der Feindseligkeiten gegen die Dänen auf. Niklot lehnte ab.

Noch im Herbst 1158 zog Heinrich darauf in das Obotritenland und nahm Niklot gefangen. Erst nachdem dessen Söhne kriegerisch tätig wurden, kam es zu Verhandlungen und Niklot wurde freigelassen.

Im Frühjahr 1159 verhandelte der Herzog mit Niklot über einen Landfrieden. Heinrich beabsichtigte, Kaiser Friedrich I. in Italien mit 1200 Panzerreitern zu unterstützen. Für die Dauer seiner Abwesenheit sollten kriegerische Händel in seinem Herrschaftsgebiet, insbesondere Angriffe der Schiffe Niklots auf die Dänen, unterbleiben. Nachdem Niklot den Landfrieden öffentlich beschworen hatte, verlangte Heinrich als Beweis für die Ernsthaftigkeit seines Eides die Herausgabe der obotritischen Flotte auf Zeit. Dazu kam es nicht (es war allerdings auch eine heikle Forderung). Dafür setzte sich die Piraterie der Wenden fort.

Waldemar begann nicht allein selbst, für Abhilfe zu sorgen, er erhob zudem 1160 bei Heinrich dem Löwen Klage gegen Niklot. Heinrich geriet nun unter doppelten Druck. Waldemar wurde zum Konkurrenten an der Küste und seine eigene Autorität war schwer angegriffen. Auf dem Landtag zu Barförde erschien Niklot samt den übrigen vorgeladenen Wendenfürsten nicht, sondern rüstete sogleich zum Kampf. Daraufhin verhängte der Herzog gegen Niklot die Acht, verurteilte ihn sofort in die volle Fried- und Rechtlosigkeit und verkündete einen Feldzug gegen den fried- und eidbrüchigen Vasallen noch für den Spätsommer.


Theodor Schloepke, Niklots Tod, 1853–1857, hier gefunden

Niklot  war also ein Geächteter und sah sich dem vollen Zorn Heinrichs des Löwe ausgesetzt, denn dieser war durch den abermaligen Ungehorsam seines Vasallen hinreichend aufgebracht. Ein erneuter Angriff auf Lübeck mißlang.  Der Sachsenherzog hingegen drang mit großem Heeresaufgebot in das Obotritenland ein und verheerte es. Niklot gab bald seine erste Verteidigungslinie auf, brannte die Burgen nieder und zog sich in das Land Kessin zurück. 

Von der Burg Werle aus suchten seine Söhne Wertislaw und Pribislaw mit Ausfällen, sich gegen das Sachsenheer zu behaupten. Als Niklot selbst zu einem solchen ausrückte, genauer zu einem Hinterhalt - Knechte waren ausgerückt, um Futter zu holen – bemerkte er zu spät, daß er selbst in einen solche geraten war. Sein Speer sprang von dem verdeckten Harnisch eines der vermeintlichen Knechte ab. Ein sächsischer Ritter namens Bernhard, wohl Bernhard I. von Ratzeburg, erschlug ihn und vollzog am Leichnam die sächsische Strafe für Eidbruch. Der abgetrennte Kopf wurde, aufgespießt auf einer Lanze anschließend in das Lager der Sachsen und Dänen getragen. Sein abtrünniger Sohn Prislaw (er war zu den Dänen übergelaufen und Christ geworden) soll in den allgemeinen Jubel gerufen haben: „Dem Gottesverächter ist Recht geschehen.“!

Helmold von Bosau, dessen Chronica Slavorum eine Hauptquelle für die Überlieferung der Ereignisse ist, findet wenig schmeichelhafte Worte über Niklot, berichtet aber auch von der Verwunderung seiner sächsischen Gegner über das schmähliche Ende „eines so bedeutenden Mannes“.

Niklot, der heldenhafte, eidbrüchige, tapfere Heide, ungestüm, rauflustig und beutefreudig. Oder war er ein wendischer „Nationalheld“, der seinem Volk die Eigenständigkeit bewahren wollte, taktisch durchaus flexibel und meist verläßlich? Dem nicht sein Heidentum, sondern, daß er nicht verläßlich genug war, zum Verhängnis wurde. Bei einem Gegner wie Heinrich dem Löwen ein tödlicher Fehler, dem nicht so sehr am Christentum, aber an seiner eigenen Macht das meiste lag, und der zumal mit herausragenden Qualitäten gesegnet war.

Denn Heinrich wollte das Obotritenland zwar unterworfen und tributpflichtig sehen, aber gar nicht selbst unmittelbar in Besitz nehmen (samt Christianisierung und deutscher Besiedelung). Das ändert sich jetzt.

Tod König Niklots vor der Burg Werle, aus der Werkstatt Lucas Cranach des Jüngeren, Wittenberg 1530/35, hier gefunden


Pribislaw

Karl Gottfried Pfannschmidt: Taufe des Fürsten Pribislaw (1855), hier gefunden

Wir wollen das Schicksal des Pribislaw († 30. Dezember 1178) aus bestimmten Gründen nur in groben Zügen zeichnen (schließlich soll dies hier kein Abriß der mecklenburischen Frühgeschichte werden). Pribislaw war der älteste Sohn des Fürsten Niklot und hatte zwei Brüder, Wertislaw und Prislav. 

Nach dem Tode Niklots zogen sich Pribislaw und Wertislaw zunächst weiter kämpfend nach Osten zurück. Der dänische König Waldemar I. begehrte nun, daß Heinrich seinen Lehnsmann Prislav als Nachfolger einsetze. Doch dieser lehnte ab. Stattdessen nahm er das Land unmittelbar selbst in Besitz. 

Nachdem Pribislaw und Wertislaw die Kämpfe eingestellt hatten, erhielten sie lediglich die Burg Werle und „omnem terram“, was immer das bedeuten mag. Man muß nicht eigens erklären, warum diese Entscheidung bei  den Wenden auf wenig Zuneigung stieß.

Im Dezember 1162 erfuhr Heinrich der Löwe von neuen kriegerischen Absichten Pribislaws und brach sogleich zu einem ungewöhnlichen Winterfeldzug auf, der für ihn erfolgreich ausfiel. Den Bruder Pribislaws, Wertislaw, nahm er als Geisel, mit der Drohung, ihn hinzurichten, sollte Pribislaw weiter feindselig bleiben. Das tat er. Im Februar 1164 stürmter er überraschend die Mecklenburg. Heinrich dem Löwe blieben am Ende nur noch Ilow und Schwerin. Er zog umgehend mit Heeresmacht ins Obotritenland, richtete Pribislaws Bruder Wertislaw hin und siegte in der Schlacht bei Verchen.

Pribislaw verlegte sich auf einen Kleinkrieg von Pommern aus. Doch 1166 zerstörte er die Burg Ilow. Heinrich unternahm erneut einen Feldzug, konnte des Pribislaw aber nicht habhaft werden. Dennoch war dieser offenbar nunmehr zermürbt und unterwerfungsbereit.

Anfang 1167 verlieh Heinrich dem Pribislaw das Land seines Vaters zu Lehen. Allerdings ohne Schwerin und bedeutende Gebiete südlich davon, die erhielt Gunzelin von Hagen, und so entstand die deutsche Grafschaft Schwerin. Es sollte letztlich bis 1388 dauern, daß die Grafschaft den Mecklenburger Herzögen wieder zufiel.

Mit Pribislaw regierte zum ersten Mal seit Gottschalk wieder ein christlicher Fürst die Obotriten, über sein genaues Taufdatum mögen die Gelehrte weiter streiten. Pribislaw betrieb den Wiederaufbau des Landes, allerdings ohne deutsche Kolonisten,  1171 gründete auf Anregung Bischof Bernos zu Althof ein Zisterzienserkloster, das später nach Doberan verlegt wurde.

1172 begleitete er seinen Lehnsherrn auf dessen Kreuzzug nach Jerusalem. Seinen Sohn Heinrich Borwin I. vermählte er mit einer Tochter Heinrichs, Mathilde. Pribislaw verstarb am 30. Dezember 1178 durch ein Turnier am Hofe Heinrichs zu Lüneburg. Wenn es nicht zynisch klänge, könnte man sagen, ein erstaunlich friedvoller Tod für einen Obotriten.

Zunächst wurde er in der traditionellen Grablege der Billunger, im St. Michaelis Kloster auf dem Kalkberg in Lüneburg beigesetzt. Nach Fertigstellung der Doberaner Klosterkirche ließ Pribislaws Sohn Heinrich Borwin die Gebeine seines Vaters nach Doberan überführen, das Münster wurde dann zu traditionellen Grablege der Familie.

Gedächtnistafel am Grabmal von Pribislaw im Doberaner Münster, hier gefunden

Grabplatte des Grabmals von Pribislaw im Doberaner Münster, hier gefunden

Doberaner Münster, Triumphkreuz, hier gefunden

Marienleuchter, Doberaner Münster, hier gefunden


Nachbetrachtung

Ab hier sind wir auf sicherem Grund. Niklot wurde zum Stammvater der späteren Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg. Zu Herzögen und damit reichsunmittelbaren Fürsten wurden sie durch den König und späteren Kaiser Karl IV. am 8. Juli 1348, zu Großherzögen am 28. Juni 1815.

In den Überlieferungen des Mecklenburgischen Fürstenhauses wird Niklot zum „König Nyklot“. Es ist schon eigenartig, kein enthusiastischer Gottschalk, kein bedachtsamer Heinrich, beides herausragende christliche Fürsten, sondern der Heide Niklot wird zum Stammvater des Geschlechts (wobei der Zähigkeit seines Sohnes Pribislaw ebenfalls einiges zugutezuhalten ist), seine Nachkommen bleiben es nicht. 

Und noch eines: Eine naive Erwartung bei der Neigung zur Geschichte irrt darin, hier einen mehr idyllischen Ort oder bessere Menschen finden zu wollen. Oder anders herum, dies als Motiv für das Interesse zu denunzieren. Die menschliche Natur ändert sich nicht wesentlich, sie wird etwas modifiziert hin und wieder, aber das ist eher ein Phänomen der Oberfläche. Allerdings gibt es Zeiten des Aufschwungs und solche des Niedergangs, mitunter geschieht beides im selben Moment.

Obotriten und Lutizen waren keine friedlichen braven Heiden, von ihren aggressiven christlichen Nachbarn bedrängt wurden, sie waren als Völker auf die Länge gesehen nur kulturell und wirtschaflich rückständiger und vielleicht deshalb schwächer als diese.

Sie hatten allerdings immer wieder Fürsten, die dies sahen. Warum immer gleich Opportunismus unterstellen und ihnen nicht die Überlegung zutrauen, daß, wenn das Land gehoben werden sollte, es ohne Christentum, also auch die Klöster etc., und deutsche Siedler aussichtslos wäre? Wir können nicht dazu noch über 1000 Jahre hinweg in Köpfe schauen.

Jedenfalls gab es hier einen Märtyrer (weitere könnte man auch nennen) und ein anderer Fürst ging lieber ins Exil, als vom christlichen Glauben abzufallen (beides riecht wenig nach Opportunismus). Denn der Widerstand gegen den christlichen Glauben war hartnäckig und wiederholt gab es blutige Aufstände, vornehmlich aus dem Osten, angetrieben von den heidnischen Priestern aus Rethra.

Und so wollen wir unseren kleinen Bericht von Heiden, Heiligen, Helden, Blutgötzen und Märtyrern beenden.

Nennen wir also diese Dynastie, die bis heute besteht, die Niklotiden. Sie ist wie ein alter Baum, Hauptäste brechen ab in einem Sturm, Nebenäste führen sein Dasein weiter… Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit anderen Worten, unsere herzogliche Familie reicht in ihren Wurzeln sicher über Niklot hinaus, wir wissen aber nicht wieviel. Wenn sich eine Verbindung zu den Nakoniden herstellen ließe, wäre es natürlich wunderbar (doch wie?), dann wären wir deutlich über 1000 Jahre. Aber auch so ist sie schon hinreichend alt.


Münster von Bad Doberan, hier gefunden

Doberaner Münster, hier gefunden

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