Mittwoch, 6. April 2011

Beiläufiges


Das Schwierige ist, wenn man sich an anspruchsvolleren Themen verhebt: Niemand merkt das, man ist schlicht nicht anwesend. Also eine Art Überbrückung heute. Ich habe gelegentlich Skrupel, mit diesen Banalitäten zu langweilen, aber soweit es um das hier Unmittelbare geht, wäre alles andere wohl mehr eine Lüge, und das mag ich an diesem Ort nicht. Nur kurz, wenige Meter von hier beginnt eine Art Wald, und wie man sehen kann, hatten die Wildschweine letzte Nacht nicht einmal Respekt vor dieser Promenadenbank.


Bei dieser Regentonne mußte man deutlich die Regung unterdrücken stehenzubleiben, um zu warten, wann sie endlich unter ihrer Schieflage zusammenbrechen würde.


Und über dieses Haus aus der Nachbarschaft, das mir sehr sympathisch ist, habe ich schon einmal einen ganzen (wenn auch kurzen) Blogpost verfertigt. Zuletzt: Die Nachbarn wenige Häuser entfernt haben also wieder einmal mecklenburgisch geflaggt, auch schön.

Dienstag, 5. April 2011

Edward Young

Erstausgabe der "Night-Thoughts" von 1743
hier gefunden

We take no note of time but from its loss.

„Wir bemerken die Zeit nur aus ihrem Verlust.“

Als ich meine vielen halbfertigen Beiträge so durchging, dachte ich bei mir, ach um diesen ist es besonders schade. Nicht um meine dürftigen Gedanken natürlich, aber nicht an Edward Young erinnert zu haben, der am 5. April 1765 starb. Dabei habe ich schon vor geraumer Zeit einmal etwas über ihn geschrieben, aber dann wieder aus den Augen verloren.

How poor, how rich, how abject, how august, How complicate, how wonderful is man! How passing wonder He who made him such! Who centred in our make such strange extremes! From different natures marvellously mix'd, Connexion exquisite of distant worlds! Distinguish'd link in being's endless chain! Midway from nothing to the Deity!

„Wie arm, wie reich, wie gering, wie herrlich, wie künstlich zusammengewebt, wie wunderbar ist der Mensch! Und wie weit ist Derjenige über alle Verwunderung erhaben, der ihn so machte! Der in unserm Wesen solche fremde und ferne Grenzen in einem Mittelpunkte vereinigte! Eine erstaunliche Vermischung verschiedener Naturen! Eine vortreffliche Verbindung entfernter Welten! Ein vorzügliches Glied in der unendlichen Kette der Dinge! Der halbe Weg vom Nichts zur Gottheit!“

By nature's law, what may be, may be now; There's no prerogative in human hours. In human hearts what bolder thought can rise, Than man's presumption on to-morrow's Where is to-morrow? In another world. For numbers this is certain; the reverse Is sure to none; and yet on this perhaps, This peradventure, infamous for lies, As on a rock of adamant, we build Our mountain hopes; spin out eternal schemes, As we the fatal sisters could out-spin, And, big with life's futurities, expire.

“Nach dem Gesetz der Natur kann alles, was geschehen kann, jetzt geschehen; es besitzt keine der menschlichen Stunden ein Vorrecht. Was für ein kühnerer Gedanke kann wohl im Herzen des Menschen aufsteigen als seine sichere Hoffnung auf das künftige Morgenlicht? Wo ist der künftige Morgen? In einer andern Welt. Für sehr viele ist dieses gewiß; das Gegenteil für keinen; und dennoch bauen wir auf dieses Vielleicht, auf dieses Ungefähr, welches seiner Lügen wegen berüchtigt ist, als auf einen Felsen von Diamant, unsere Gebirge von Hoffnungen; spinnen ewige Entwürfe aus, als wenn wir über den Faden jener unerbittlichen Schwestern hinaus spinnen könnten; und sterben, schwanger von Künftigkeiten des Lebens.“

We waste, not use our time; we breathe, not live. Time wasted is existence, us'd is life. And bare existence, man, to live ordain'd, Wrings, and oppresses with enormous weight. And why? since time was giv'n for use, not waste, Injoin'd to fly; with tempest, tide, and stars, To keep his speed, nor ever wait for man; Time's use was doom'd a pleasure: waste, a pain; That man might feel his error, if unseen: And, feeling, fly to labour for his cure; Not, blund'ring, split on idleness for ease. Life's cares are comforts; such by heaven design'd; He that has none, must make them, or be wretched, Cares are employments; and without employ The soul is on a rack; the rack of rest, To souls most adverse; action all their joy.

“Wir verschwenden unsere Zeit, aber wir brauchen sie nicht; wir atmen, aber wir leben nicht. Verschwendete Zeit ist Dasein; gebrauchte Zeit ist Leben. Und das bloße Dasein pflegt den Menschen, der zum Leben geschaffen worden, zu martern, und mit einer unerträglichen Bürde niederzudrücken. Und warum? Weil ihm die Zeit zum Gebrauche, nicht zur Verschwendung verliehen wurde. Der Zeit ward befohlen zu fliegen; mit Stürmen, Fluten und Sternen gleich schnell fortzueilen und nimmer auf den Menschen zu warten. Der Gebrauch der Zeit sollte ihm zum Vergnügen, ihre Verschwendung zur Pein werden; damit er seinen Irrtum, wenn er ihn nicht sehen könnte, fühlen; und wenn er ihn fühlte, nicht um Ruhe zu suchen, unbedachtsam an der Klippe des tändelnden Müßigganges scheitern, sondern, um Hilfe zu suchen, zur Arbeit seine Zuflucht nehmen möchte. Des Lebens Sorgen sind Erquickungen; vom Himmel dazu bestimmt; wer keine hat, muß sie sich machen oder elend sein. Sorgen sind Beschäftigungen; und ohne Geschäfte liegt die Seele auf einer Folter; auf der Folter der Ruhe, welche Seelen am meisten zuwider ist; Bewegung ist ihre ganze Freude.“

Nun ja, wir wollen hiermit unsere Zitiererei beenden, nicht ohne anzumerken, daß der Blogger Jay eine liebenswürdige Vorstellung Youngs (natürlich pünktlich) verfertigt hatte und uns bei der Gelegenheit aufklärt, wie die Engländer die melancholische Romantik von Friedhöfen und Mondschein erfanden. Eine deutsche Übersetzung findet sich übrigens, wie woanders bereits erwähnt, hier. Und verfertigt wurde dieser Nachtrag leider erst am 19. April.

Sonntag, 3. April 2011

Sonntag &

poorly translated

Ich gebe beschämt zu, daß ich den späten Nachmittag mehr oder weniger verschlafen habe, daher dieser späte Beitrag. Es war der erste Sonntag auf der Terrasse in diesem Jahr, wie man an den Bildern ablesen kann. Und um dann doch noch schnell den Bericht abzuliefern: Wir hatten einen Hackbraten (gemischtes Hackfleisch mit kleingehackten Zwiebeln und Paprika, 1 Eßlöffel Senf, 3 Eßlöffel Ketchup, 2 Eßlöffel Semmelmehl, 2 Eier, Thymian, Oregano, Pfeffer, Salz, gefüllt mit hartgekochten Eiern).





I admit, ashamed that I slept through the late afternoon more or less, therefore this late post. It was the first Sunday on the patio this year, as you can see from the pictures. And then to deliver the usual report: We had a meat loaf (pork and beef with chopped onions and peppers, 1 tablespoon mustard, 3 tablespoons ketchup, 2 tablespoons bread flour, 2 eggs, thyme, oregano, pepper, salt, filled with hard-boiled eggs ). And cauliflower.

Samstag, 2. April 2011

Über den Hl. Vater &

Johannes Paul II. vor der Heiligen Pforte
zur Eröffnung des Heiligen Jahres am 24. Dezember 1999

Irgendwie bin ich dann doch davor zurückgeschreckt, den Heiligen Vater und Eugen Sandow gemeinsam in einem Beitrag zu erwähnen, ich werde das vielleicht später erläutern. Jedenfalls starb Johannes Paul II. am 2. April 2005, vor 6 Jahren also, eine Erinnerung, die sich irgendwie dazwischen befindet, noch lebendig, die Bilder und Gefühle immer noch aufrufbar, aber nicht mehr als nahezu gegenwärtig wahrgenommen. Als ich kürzlich das neueste Buch Benedikt XVI. erwarb und ein wenig übermütig gegenüber dem jungen Mann in der Buchhandlung dabei vom „Heiligen Vater“ sprach, ihm entgleisten auch erwartungsgemäß für eine halbe Sekunde die Gesichtszüge, empfand ich das innerlich jenseits aller Ironie als angemessen. Kardinal Ratzinger ist inzwischen also als Papst in meinem Gefühlszentrum angekommen.

Ich habe sehr klare Erinnerungen an das Sterben von Johannes Paul II., und merkwürdig genug, im Zusammenhang mit ihm habe sich eher Bilder eingebrannt, wie das obige, weniger Worte. Ich habe leider keine brauchbare Abbildung gefunden, aber wer weiß, was ich meine, erkennt es wieder. Er war in der Lage, allein durch seine Person die Präsenz des Heiligen spürbar werden zu lassen, fast wortlos. Aber ein wortloser Blogbeitrag, nun ja.

Ich habe längst den Überblick über meine Beiträge hier verloren, und ich hätte schwören können, schon einmal darüber geschrieben zu haben, wie ich den Besuch von Papst Johannes Paul II. 1996 in Berlin erlebte. Herr Roloff erinnerte mich an dessen Ansprache zum Abschied am Brandenburger Tor am 23. Juni. Und bevor ich also die Geschichte dazu erzähle einige Zitate aus seiner erinnerungswürdigen Ansprache:

„Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit verpflichtet. Sonst hat seine Freiheit keinen festeren Bestand als ein schöner Traum, der beim Erwachen zerbricht. Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst, sondern ist Geschöpf Gottes; er ist nicht Herr über sein Leben und über das der anderen; er ist — will er in Wahrheit Mensch sein — ein Hörender und Horchender: Seine freie Schaffenskraft wird sich nur dann wirksam und dauerhaft entfalten, wenn sie auf der Wahrheit, die dem Menschen vorgegeben ist, als unzerbrechlichem Fundament gründet. Dann wird der Mensch sich verwirklichen, ja über sich hinauswachsen können. — Es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit.

Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt werden, wo Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind — in dem Wissen um die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um seine Verantwortung vor Gott und den Menschen. Da — und nur da -, wo sie zusammen für die Freiheit einstehen und in Solidarität für sie kämpfen, wird sie errungen und bleibt sie erhalten. Die Freiheit des einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der anderen, aller anderen Menschen. … Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität… Es gibt keine Freiheit ohne Opfer.

…Mir liegt sehr viel an der Aussagekraft dieser Formen menschlicher Kultur, ist es doch die Gabe, mit unseren Kräften die göttliche Schöpfung weiterzuführen und zu konkretisieren… „Die ,Seele' der Zivilisation der Liebe ist die Kultur der Freiheit, die Freiheit des einzelnen und die Freiheit der Nationen, die in einer selbstgegebenen Solidarität und Verantwortung gelebt werden kann". Wenn einer die Erfahrung der Liebe hat, hat er auch die Erfahrung der Freiheit. In der Liebe überschreitet der Mensch sich selbst, er läßt sich los, weil ihm am anderen liegt, weil er will, daß das Leben des anderen gelingt. … Öffnet die Tore für Gott! Das neue Haus Europa, von dem wir sprechen, braucht ein freies Berlin und ein freies Deutschland. Es braucht vor allem die Luft zum Atmen, geöffnete Fenster, durch die der Geist des Friedens und der Freiheit eindringen kann. Den Berlinern und allen Deutschen … rufe ich zu: Löscht den Geist nicht aus! Haltet dieses Tor geöffnet für Euch und alle Menschen! Haltet es geöffnet durch den Geist der Liebe, durch den Geist der Gerechtigkeit und den Geist des Friedens! Haltet das Tor offen durch die Öffnung Eurer Herzen! Es gibt keine Freiheit ohne Liebe. Der Mensch ist zur Freiheit berufen. — Ihnen allen, die Sie mich jetzt hören, verkündige ich: Die Fülle und die Vollkommenheit dieser Freiheit hat einen Namen: Jesus Christus. Er ist der, der über sich bezeugt hat: Ich bin die Tür. In ihm ist den Menschen der Zugang geöffnet zur Fülle der Freiheit und des Lebens. Er ist der, der den Menschen wirklich frei macht, indem er die Finsternis aus dem menschlichen Herzen vertreibt und die Wahrheit aufdeckt. Er vollendet seinen Weg als unser Bruder und seine Solidarität mit uns in der Hingabe seines Lebens für uns. So befreit er uns von Sünde und Tod. Er läßt uns in unserem Nächsten sein eigenes Angesicht, das Gesicht des wahren Bruders, erkennen. Er zeigt uns das Antlitz des Vaters und wird für alle das Band der Liebe. Christus ist unser Erlöser, ist unsere Freiheit.

Der Tag neigt sich dem Abend zu. Aber wir bewahren in unseren Herzen das Licht, dessen wir uns heute haben erfreuen dürfen. Und wir bleiben eins in der Hoffnung, die uns beseelt… Gott segne Berlin, Gott beschütze Deutschland!“

Soweit der Heilige Vater. Die Geschichte also: Nun, Herr Roloff, ich und ein Dritter hatten den Nachmittag des Tages, an dem der Papst die besagte Ansprache hielt, in einem Cafe an der Straße „Unter den Linden“ verbracht. Das sich versammelnde Publikum ließ häufig nichts Erfreuliches erwarten. Man bekam einen hinreichenden Überblick über die Abseitigkeiten dieser Stadt, und so kam es, daß, als der Papst in seinem „Papamobil“ heranrollte, der Geräuschpegel hatte erheblich zugenommen und wir waren dementsprechend hinzugestürzt, die Kulisse, milde gesagt, durchwachsen war. Jedenfalls, als einige denaturierte Gestalten begannen, nackte Babypuppen auf das Auto zu werfen, der Papst segnete weiterhin lächelnd die Menge, muß es über mich gekommen sein (ich war übrigens kurz zuvor in Rom gewesen).

Als ich am Abend im Fernsehen einen Bericht sah, hörte ich über all dem Lärm eine durchdringende, fast hysterisch kippende Stimme und erkannte einzelne Worte: „Bravo, Bravo“ und „Viva il Papa!“, es war meine eigene. Und ich bin Lutheraner.

Freitag, 1. April 2011

Hafis II


Hafis: „Unwiderstehliche Schönheit“
vertont von Viktor Ullmann (1898-1944)

Das obige Lied ist das 3. Stück „Unwiderstehliche Schönheit“ aus dem „Opus 30 - Liederbuch des Hafis für Baß und Klavier“ von Viktor Ullmann, der 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet worden ist. Bis gestern (ich schreibe diesen Beitrag am nachfolgenden Tag zu Ende) war mir dieser Komponist gänzlich unbekannt. Er hat 4 Gedichte des persischen Dichters, von dem hier schon einmal die Rede war, vertont. Da der Interpret (Burkhard Kehring) zwar ausdrucksstark, aber auch, sagen wir, etwas übertrieben pastos singt, bei www.recmusic.org findet sich der Text, übrigens eine Schatztruhe von Website, so nebenbei gesagt.

Und wo ich gerade bei Links bin, will ich auch noch den YinYang Media Verlag nennen und diese verdienstvolle Seite, nicht nur zu orientalischer Lyrik, wie schon der Name andeutet - www.deutsche-liebeslyrik.de (man findet dort eine ziemlich umfassende Sammlung von Übersetzungen zu Hafis) - und letztendlich ein Orientmagazin - http://www.soukmagazine.de. Mir bis gestern auch völlig unbekannt, aber ich konnte bei der Veranstaltung, die den Anlaß für diesen Beitrag bildet, einem freundlichen und wachen jungen Mann begegnen, der sich als Mitautor dieses Magazins über den heutigen Orient zu erkennen gab. Beim flüchtigen virtuellen Blättern ist mir jedenfalls nichts aufgefallen, was einer Empfehlung widersprechen würde.

Er hatte übrigens eine interessante Beobachtung mitzuteilen. Als er wohl einen längeren Aufenthalt in Persien hatte, fand er in jedem Haushalt neben dem Koran eine Ausgabe der Werke des Hafis (oder Hafez), und rezitiert wurde alsbald – Hafis. Ich gestehe, daß ich diese Anteilnahme und Verehrung zwar sympathisch finde, aber nicht sofort und gänzlich nachvollziehen konnte, was zweifelsohne an mir und nicht am Dichter liegt. Andere waren da enthusiastischer, wie etwa Goethe, der sich von ihm zu seinem „Westöstlichen Divan“ inspirieren ließ und dazu anmerkte: „Diese freundliche Beschäftigung half mir über bedenkliche Zeiten hinweg und ließ mich zuletzt die Früchte des errungenen Friedens aufs angenehmste genießen." Um ihn mit einem Stück daraus zu zitieren:

Unbegrenzt

Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß,
Und daß du nie beginnst, das ist dein Los.
Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,
Anfang und Ende immerfort dasselbe,
Und, was die Mitte bringt, ist offenbar
Das, was zu Ende bleibt und Anfangs war.

Du bist der Freuden echte Dichterquelle
Und ungezählt entfließt dir Well' auf Welle.
Zum Küssen stets bereiter Mund,
Ein Brustgesang, der lieblich fließet,
Zum Trinken stets gereizter Schlund,
Ein gutes Herz, das sich ergießet.

Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwillingen, gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken,
Das soll mein Stolz, mein Leben sein.

Nun töne Lied mit eignem Feuer!
Denn du bist älter, du bist neuer.


Und um den persischen Dichter auch selbst noch einmal zu Wort kommen zu lassen:

Wo ist der Ort, an dem du weilst?
An diesem Orte will ich sterben.
Kein andrer Port auf wildem Meer;
In diesem Porte will ich sterben.

Es läßt Karun von seinem Gold,
Der Reiche nicht von seinem Horte;
Wo wäre mir ein Hort, wie du?
Bei diesem Horte will ich sterben.

Und wenn du dich vor mir verbirgst,
Und wenn du deine Pforte schließest,
An dieser Pforte lager' ich,
An dieser Pforte will ich sterben.

Das letzte Wort aus meinem Mund,
Was wird es sein? Dein süßer Name.
Wie fiele mir ein andres ein?
Mit diesem Worte will ich sterben.

Ich möchte dir so gern die Seele geben;
Doch hast du sie durch ewigen Beschluß
Schon ohnehin, und nicht bin ich im Stande
Zu sagen, daß sie je mein eigen war.
Geschaffen hat, so viel ich mich besinne,
Der Himmel ohne Seele mich und die
Mir zugehörige Seele dir geschenkt.
Übersetzung: Georg Friedrich Daumer

Nun woher also meine angedeutete Distanz? Literatur generell, aber Lyrik noch intensiver, lebt in und aus einem Beziehungsgeflecht von Bezügen, Traditionen, Mentalitäten, der Art des Weltverständnisses, der unausgesprochenen Tiefendimension der Seele und vor allem und natürlich – Sprache. Einer ganz konkreten. Eine Sprache ist kein simples Kommunikationsmedium, sie ist ein lebendiger Organismus der Erinnerung, sie bewahrt eine tradierte Form der Weltaneignung, sie bildet einen Raum von Sinn, Mehrdeutigkeit, Übergängen. Und bei Hafis wurde mir einmal mehr die Unübersetzbarkeit von Dichtung deutlich. Deshalb muß man nicht sprachlos werden, aber es ist auch eine Art des Respekts, sich die partielle Unerreichbarkeit des anderen einzugestehen.

Ich widerstehe der Versuchung, mich bei dieser Gelegenheit zum Islam grundsätzlich zu äußern, bei jemandem, der die Abwehr der Türken vor Wien mit Beiträgen würdigt, würde das die Sache nur verkomplizieren. Zumal es eben auch hier Varianten von erheblicher Abweichung gibt. Nur soviel, die Haltung zu „Gott und der Welt“ bei Hafis, diese ist eine mir zutiefst sympathische und geprägt von größtem Seelenadel.

Ein aufgewühlter Wüstensand,
Hoch in die Luft getragen
Vom Winde, zum Azur.
Gott sei gelobt! Er hat mir
Die mörderische Gluth gedämpft,
Mir einen Regen herabgesandt,
Mich mild zurückgeschlagen
Zu meinem alten Ruhestand,
Hat mich gemacht zu fröhlichem,
Frisch aufgeblühtem Land.
Übersetzung: Georg Friedrich Daumer


Ungläubige macht und Gläubige dein Lockenhaar

Zu einer und derselben armen Sünderschaar.
In's Grübchen deiner Wange fällt ein schwach Gemüth.
Es fällt darein der große, starke Geist sogar.
Dein schwarzes Aug', ein Meisterstück der schwarzen Kunst.
Es zeucht zurück vom Aetherflug den Sonnen-Aar.
Wie sollte nicht die Nachtigall verloren sein,
Die zärtliche, die aller hohen Flüge baar?
Vergessen hat durch dich Hafis sein Frühgebet
Und Nachtgebet, und sein Verderb ist offenbar.
Übersetzung: Georg Friedrich Daumer

Mittwoch, 30. März 2011

Dies & Das



Hatte etwas völlig anderes, Freundliches im Sinn, aber lese gerade für den heutigen Tag für das Jahr 1945: „Auf Berlin erfolgt der schwerste alliierte Bombenangriff im Verlauf des Zweiten Weltkrieges auf die Stadt. Insgesamt kommen bei den Angriffen auf Berlin rund 20.000 Menschen ums Leben.“ Und: „Sowjetische Truppen erobern Danzig“. Nun ich habe mir oft genug von meiner Frau Mutter anhören müssen, auf welche Weise sie den Großteil ihrer Familie verlor. Bin gerade etwas postunlustig, aber versuche innerlich ein freundliches Verhältnis in dieser Richtung aufrechtzuerhalten. Also sehen wir doch auf die guten Dinge und siehe:

„Müde bin ich, geh' zur Ruh',
schließe beide Äuglein zu.
Vater, laß die Augen dein
über meinem Bette sein.

Hab ich Unrecht heut getan,
sieh' es, lieber Gott, nicht an!
Deine Gnad' und Jesu Blut
machen allen Schaden gut.

Alle, die mir sind verwandt,
Gott, laß ruhn in deiner Hand.
Alle Menschen groß und klein,
sollen dir befohlen sein.

Kranken Herzen sende Ruh,
nasse Augen schließe zu,
laß den Mond am Himmel steh'n
und die stille Welt beseh'n.“

Habe das, zumindest teilweise, oft als Kind gehört und sehe gerade, Luise Maria Hensel wurde am 30. März 1798 geboren, nur so erwähnt.

Dienstag, 29. März 2011