Donnerstag, 10. Oktober 2013

Herzog Carl Borwin - ama, porta, supera


Carl Borwin, Herzog zu Mecklenburg

Vor 125 Jahren wurde ein Prinz eines nicht so ganz hervorstehenden Fürstenhauses geboren, dessen Charakter resp. Ehrgefühl ihm früh den Tod schickte. Carl Borwin, jüngerer Bruder des letzten mecklenburg-strelitzschen Großherzogs Adolf Friedrich VI., starb 1908 mit 20 Jahren. Seine Mutter Großherzogin Elisabeth gründete darauf 1910 die „Herzog-Carl-Borwin-Gedächtnis-Stiftung“ für den "Dienst der christlichen Liebestätigkeit im Lande Mecklenburg-Strelitz". Das "Borwinheim" dient bis heute verschiedenen caritativen Zwecken (wie man hier näher erläutert bekommt) und ist nach wie vor eine feste Größe in dieser Stadt.

Herzog Carl Borwin mit Schwester Herzogin Marie, Gräfin Jametel

In eben diesem Borwinheim hielt man nun eine Festveranstaltung anläßlich des 125. Geburtstages des Namensgebers; wie anzumerken ist, ein nicht ganz gewöhnlicher Vorgang dieser Tage, aber eine sehr angenehme Veranstaltung, u.a. mit einem aufschlußreichen Film über die Hintergründe des Tods des letzten mecklenburg-strelitzschen Großherzogs (über den noch immer viel gemutmaßt wird) und einem Vortrag von Dr. Rajko Lippert „Das Großherzogliche Haus Mecklenburg-Strelitz und seine karitativen Stiftungen“.

Und es gab u.a. ein Grußwort des Bürgermeisters dieser Stadt, Herrn Andreas Grund, der darin den Hofprediger und Landessuperintendenten Horn zitierte, aus dessen „Rede im Trauergottesdienst am Sarge Sr. Hoheit des Herzogs Karl Borwin zu Mecklenburg in der Kirche zu Mirow gehalten am 31.August 1908“, wie er mir freundlicherweise mitteilte. Mich hatten Grußwort wie Zitat nicht unbeeindruckt gelassen, und so wollte ich den Text des Herrn Hofpredigers hier gern anbringen. Ich habe jetzt beschlossen, es in Gänze zu tun, es ist eine bewegende Rede, und ich gestehe, sie schwingt bis heute nach irgendwie.

Beeindruckend ist vor allem der Part, in dem der Charakter des Herzogs beschrieben wird. Die Sprache erscheint mitunter etwas gewöhnungsbedürftig (aber wie schnell wird das für diejenige dieser Tage ebenso gelten). Es ist schon seltsam, wie rasch sich die Maßstäbe für das Angemessene, „Normale“ ständig immer wieder verschieben.

Herzog Carl Borwin starb übrigens an den Folgen eines Duells. Seine Schwester, Herzogin Marie hatte nach einem unstandesgemäßen Verhältnis (sie wurde offenkundig von einem Kammerdiener namens Hecht schwanger) nur einen französischen Grafen Jametel heiraten können, dessen päpstlicher Adel, zurückhaltend formuliert, leicht zweifelhaft war. Die Ehe war schwierig und wurde auch noch in demselben Jahr 1908 geschieden. Zuvor allerdings hatte besagter Graf seine Noch-Ehefrau in der Gegenwart ihres Bruders wohl offenkundig so schwer beleidig, daß dieser sich gezwungen sah, ihre Ehre im Duell zu verteidigen, mit bekanntem Ausgang.

Offen gestanden macht dies den Text der Predigt etwas weniger glänzend als man ihn gern hätte. Es war wohl unmöglich, die wahre Todesursache zu benennen, aber vielleicht hätte man auch ohne diese Hilfslüge von der Krankheit die Todesursache mehr allgemeiner (sprich vager) benennen können. Lügen in Predigten sind immer noch ärger als anderswo, selbst wenn ansonsten viel Gutes und Wahres ausgesprochen wird. Andererseits schaue ein jeder auf sich selbst.Wobei, ich fürchte, wenn unser Herr und Gott heute fragen würde: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, die Frau wäre augenblicklich tot. Es folgt der Text.
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Es ist schwer, an diesem Sarge zu sprechen. Aber es wäre noch viel schwerer, hier zu schweigen. Seit acht Tagen geht Herzeleid  und Totenklage durch unser Land, heiß und tief und treu. Seit acht Tagen – ich sage wohl nicht zuviel – trauert und weint ein ganzes Volk mit seinem Fürstenhause, in Lieb und Leid eine einzige Familie. Seit acht Tagen bewegen sich die Gespräche der Häuser, der Straße, die heimlichen Gedanken mancher schlaflosen Nacht um den fürstlichen Jüngling, den wir Alle so lieb gehabt und der nun so einsam in der Ferne starb.  Heute wollen wir's einander noch einmal sagen, was uns so traurig macht. Ausschütten wollen wir an heiliger Stätte unsern Schmerz. Denn heilig ist der Schmerz, und der Schmerz an dieser Bahre ungewöhnlich groß. Dieser ehrwürdige Altar hat manche fürstliche Trauerfeier gesehen; und viel dankbare Liebe, viel echte Trauer ist den erlauchten Schläfern dort in ihre Gruft gefolgt. Ja, es ließ sich von dem Leben, von den Werken, von den Segensspuren der edlen Toten, die die letzten Jahrzehnte hierhergeführt – Großherzog Friedrich Wilhelm, Großherzogin Marie, Herzog Georg, Herzogin Caroline, Großherzog Georg, es ließ sich von ihnen viel mehr sagen, als ich zu sagen vermag an diesem Sarge. Und doch brennt unsere Wunde heut anders als damals. Sie alle haben die Mittagshöhe, ja zum teil den goldnen Abend eines arbeits- und früchtereichen Lebens geschaut. Hier aber löschte der Tod eine junge Lebenssonne aus, die eben erst auf die Höhe zu steigen begann. Dort trauerte die Dankbarkeit und die Erinnerung; hier trauert die Hoffnung, die Hoffnung, die sich um alle ihre strahlenden Bilder betrogen sieht. Ach nicht wahr, als wir ihn vor 3 Jahren konfirmierten, wieviel haben wir da für ihn und mit ihm und von ihm gehofft; und wir hatten ein Recht dazu. Nun ist er tot, und alles ist vorbei. Nicht auf dem Felde der Ehre den süßen Tod fürs Vaterland gestorben; nicht wie sein edler jugendlicher Vetter aus dem Nachbarlande auf tosender See im Dienste der Pflicht ein Heldengrab gefunden; nicht wie manche unserer großen Dichter und Musiker mit der Glut unsterblicher Geisteswerke das junge Leben verzehrt: von unheimlicher Krankheit unheimlich schnell überfallen und überwältigt, trat er den mitternächtlichen Todesweg an, als seine Kameraden mit blitzenden Waffen und klingendem Spiel sich schon rüsteten für die Kaisertage in Metz. Was mag dem schwergeprüften hohen Vater alles durch Kopf und Herz gegangen sein auf der trüben Fahrt zur Leiche seines Sohnes, den er acht Tage zuvor noch besucht und den er einigermaßen beruhigt vorläufig glaubte wieder verlassen zu dürfen. Die schmerzgebeugte Mutter, unsere geliebte Großherzogin, nach der sich der Prinz so oft gesehnt, die teure, greise Großherzoginwitwe, deren zärtlich liebendes Herz in ihrem hohen Alter auch diesen Schlag noch erleben sollte, die fürstlichen Schwestern, die herzogliche Großmutter, die alle den Entschlafenen besonders innig geliebt, was mag ihnen die Seele bewegen in dieser Stunde, da sie unserer Feier fernbleiben mußten? Und wir alle, die wir von Herzensgrund mit ihnen empfinden, was erwarten und was wollen wir hier?

Adolf Friedrich V., Großherzog von Mecklenburg (-Strelitz) 
Vater des Herzogs Carl Borwin, hier gefunden

Nur diesen lieben Toten zur Ruhe geleiten? O nein, wir wollen mehr. Mehr als sein entseelter Leib verlangt unserer eigens Herz nach Ruhe und Frieden. Wir feiern an unseren Särgen nicht unsern Schmerz, sondern Gottes Kraft. Wenn je, so soll in Prüfungsstunden von so erschütternder Wucht wie diese sich zeigen, ob unser Christenglaube die Probe des Lebens oder vielmehr des Todes besteht; ob wir einen Lebensfürsten haben, der da Sieger und Herr ist und auch uns schließlich siegen läßt über Grauen und Grab. Und darum hat nicht unsere Klage hier das Wort, sondern der lebendige Gott.
Bei seiner Konfirmation habe ich unserm Prinzen ein Wort zugerufen, das ist ein tröstlicher Denkspruch um unseres lieben Toten Bild und Leben und zugleich ein Bekenntnis und Segensgruß des Frühvollendeten an die Seinen und an sein Volk:
Jeremia 31,3: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.
Ich habe dich je und je geliebt! Es hat ihn eben noch ein Anderer, ein Höherer als wir lieb gehabt und hat über sein ganzes Leben das herrliche Vaterwort geschrieben: aus lauter Güte!
Und: ich habe dich zu mir gezogen! Ist das nicht für uns Alle die eine große Lebensfrage: Wer regiert unser Leben: der Zug nach oben oder der Zug nach unten? Wohl dem, der die ziehenden Gotteshände spürt und sich ziehen läßt. Der Entschlafene ließ sich ziehen. Vor Menschen ein Mann, vor Gott ein Kind, – das schwebte ihm vor als Lebensziel. Und darum hat ihn der Herr gesegnet. Darum liegt es über diesem Jünglingsleben wie heiliger Morgenduft, wie lichte Gottesgüte. Nicht wahr, er hat, aufs Ganze gesehen, den Seinen und uns allen nur Freude gemacht. Er ist, wie die Jüngsten in der Familie meist, der allgemeine Liebling gewesen; er blieb es bis zuletzt. Es ist so bezeichnend, daß in den Trauerfenstern straßauf, straßab so oft neben dem Jünglingbild seine Kinderbilder stehen. So lebt er eben in unseren Herzen fort in unzähligen herzgewinnenden Zügen, der lockige, sonnige Knabe; und um seiner Kinderseele willen hatten wir den Jüngling so lieb. Sieh, wie sie Alle heut noch einmal im Geist zu dem Toten sich drängen: die Eltern, die Spielgefährten, die Kameraden, die Lehrer, die Diener und Alle, die je ihre Herzensfreude an ihm gehabt; wie sie ihn zutraulich grüßen, als könnten sie noch zu ihm reden wie einst, als könnten sie wieder mit ihm fröhlich sein wie einst:
o komm und laß uns heut auf alten Pfaden
noch einmal ziehn durchs teure Jugendland!
Und was ihm an Gütern und Gaben unbewußt und unverdient im hellen Garten seiner Kindheit wuchs, das planzte er mit treuer Hand dann selber auf das Saat- und Arbeitsfeld des werdenden Mannes und pflegte es bewußt und wachsam, damit es wachse, wie er selber wachsen wollte – nach oben. Er hatte das Zweifache, wodurch der Mensch erst wahrhaft zum Menschen und der Fürst zum Fürsten wird: den ernsten Willen und das warme Herz, das hohe Streben und das tiefe Empfinden. In seinem Leben und Vorwärtsschreiten kamen beide zu ihrem Recht: Kopf und Herz. Der Kopf ist unser Leuchtturm; aber das Herz ist der Fels, darauf der Leuchtturm steht. Im Kopf hell und im Herzen fest, das erst gibt Kraft, Harmonie, Zusammenklang von Wort und Tat.
In zwei Grundzügen vor allem zeigte sich sein fester Charakter und sein warmes Herz: in seiner Treue und in seiner Menschenliebe.
Treu ist er gewesen seiner Pflicht, sich aufrechterhaltend, bis er nicht mehr konnte, und auf seinem letzten Lager nur darüber traurig, daß er nun seinen Dienst versäumen müsse; treu den Seinen: ich freue mich schon so auf Weihnachten – äußerte er zuletzt noch – wo wir alle wieder mit unserer Mutter zusammen sind.

Großherzogin Elisabeth, Prinzessin von Anhalt
Mutter des Herzogs Carl Borwin, hier gefunden

Treu seiner Heimat: bei aller Weltoffenheit ein echter Mecklenburger und damit ein echter Sohn seiner Väter; treu seiner Musik, seinen Idealen, seinen Freunden, all den Menschen und Stätten, die ihm Liebes und Gutes getan; treu sich selbst – beim Wechsel der Jahre und der Umgebung im Kern seines Wesens immer derselbe. Wieviel verliert darum auch unser Erbgroßherzog an diesem Bruder; er wird’s vielleicht erst später, auf der Höhe seiner Lebensarbeit, ganz erkennen, wieviel. Nun hat auch er, wie sein hoher Vater, keinen Bruder mehr. Von jeher sind in unserm Fürstenhause die prinzlichen Brüder – der Herzog Georg und früher der Herzog Carl – ihren regierenden Brüdern viel gewesen, weil sie beides glücklich vereinigten: zurückhaltenden Takt und treueste Heimat- und Wahrheitsliebe.

Adolf Friedrich VI., letzter Großherzog von Mecklenburg (-Strelitz) 
Bruder des Herzogs Carl Borwin, hier gefunden

Aber was dem Entschlafenen oft im Sturm die Herzen gewann, das war seine wirkliche Menschenliebe. Warum trauern nicht nur hier, nein, im Fürstentum, in Neubrandenburg, in Dresden und wohin er sonst gekommen, die Menschen so wie sie trauern? Das ist nicht Untertanentrauer, auch nicht blos Jammer um dies junge Blut, das ist Herzensbetrübnis – weil sie fühlten und wußten: unter dem Fürstenrang und -kleid schlägt ihm ein reiches, schlichtes, volles goldenes Menschenherz. So rührend bescheiden, so ganz frei von kalter Blasiertheit.  So ehrerbietig und doch so jugendfrisch. So früh schon von Hause fort und doch soviel Sinn für Familienleben. So ohne alle berechnende Popularitätshascherei und doch so populär. Ob er mit einem General oder einer Diakonissin, mit einem Forstmann, einer alten Dame oder einem Tagelöhner sprach, - immer fand er die rechten Fragen und den rechten Ton. Das war mehr als Unterhaltungsgabe; es war Liebe und Interesse eines warmen Herzens. Und das hat unser Volk schnell genug verstanden. Der Niederdeutsche will gemütvoll regiert sein – hat ein Staatsmann gesagt. Sie werden auch diesem Prinzen seine gemütvolle Leutseligkeit nicht vergessen.
Und nun sollen wir ihn begraben. Was wollen wir den Seinen sagen, die heut ein Stück ihres Herzens, ihres Lebensglückes mitbegraben?
Im Namen Jesu Christi, durch den allein unsere Toten selig leben rufe ich ihnen zu das alte Wort: ama, porta, supera: liebe, trage, überwinde! Eure Liebe zu eurem Toten trauert und höret nimmer auf, eure Ergebung trägt, euer Glaube soll und wird überwinden. Und ob wirs nicht verstehen, warum er sobald davon wußte: glauben wollen wir wenigstens, ob auch unter Zagen und Tränen glauben, daß der Vater ihn zu sich zog ins ewige Licht – aus lauter Güte.
Wollt ihr fragen: wozu hat Gott ihn uns gegeben, wenn er ihn so früh schon wieder nehmen wollte? Laßt mich die Gegenfrage tun: würdet ihr wünschen, ihr hättet ihn überhaupt nicht gehabt? Möchtet ihr die süßen Freuden missen, die sein kurzes und doch so volles Leben über euch und über soviel Andere ausgestreut hat? So oft wir und unsere Kinder künftig die Fürstengruft dort betreten, werden wir mit wehmütiger Liebe uns wieder freuen an dieser Lichtgestalt, die wie ein Baldur, ein Liebling Gottes und der Menschen, inmitten ihrer ehrwürdigen Ahnen schläft. So oft wir von Menschen reden, die mit lauterem Sinn ihr Pfund im Leben treu verwertet haben, werden uns in ihrer Reihe auch unseres Borwins blaue Augensterne leuchten. Und nun sagt, die starken Fäden persönlicher Herzensgemeinschaft, die auch dieser begnadigte Fürstensohn hat knüpfen helfen zwischen Fürstenhaus und Volk, sind sie etwa nichts? Die edle Welle tiefster Volksmittrauer, die in diesen Tagen wieder wie ein Strom warmen Herzbluts zu dir heran dringt, lieber Landesherr, und zu den Deinen, nicht wahr, sie tut dir wohl in deinem Gram? Du fühlst darin aufs neue den Hauch der unvergeßlichen Zeit vor vier Jahren, da die Herzensbewegung unseres ganzen Volkes fürbittend und vertrauend dich segnete für dein hohes Amt. Du spürst darin die Gotteshand , die wohl schlägt, aber auch heilt, die uns zu sich zieht aus lauter Güte, auch wenn sie uns schmerzlich ernst erzieht bis an unser Ende. Von Gott mit euch zusammen in dieses Leid hineingestellt, bieten wir auch heut aufs neue dar unsere Liebe, unser Herz. Wir haben nichts Besseres zu geben. Ihr könnt nichts Edleres besitzen. Gemeinsam trauernd, wollen wir, eins in Christo, unserm Haupt, gemeinsam glauben und, ob auch unser Leben Stück für Stück zerbröckelt und zerbricht, glaubend siegen unter der Losung: ama, porta, supera – liebe, trage, überwinde. Amen.

nachgetragen am 3. November
verschiedene Umstände hatten dies bedauerlicherweise verzögert

Montag, 7. Oktober 2013

Erntedank &

poorly translated this time again


Der sprichwörtliche Fluch der guten Tat trat heute Mittag ein! Ich hatte aus der überflüssigen Güte meines alten Herzens meiner Frau Mutter eingeräumt, sie könne eines ihrer altvertrauten Gerichte kochen; ich würde es dann sogar essen.



Die Wahl fiel also auf Schweinerouladen, gefüllt mit eingelegten Gurken, Zwiebeln und Speckstreifen, zunächst angebraten, ja, in was wohl, noch ganz viel mehr Speck. Ich saß in meinem Studierstübchen, und als nacheinander sämtliche Rauchmelder sich zu einem innigen Konzert vereinigten, wußte ich, daß dies vielleicht nicht die großartigste Idee des Tages gewesen war.

Wie ich also gemessenen Schrittes hinzueilte, sah ich sie, eingehüllt in die dicken blauen Rauchschwaden ihres verschmorender Specks, wie sie auf die doofe überflüssige Erfindung dieser Piepsgeräte schimpfte. Früher, als es noch Strohdächer gab, haben vermutlich so verheerende Stadtbrände begonnen.

Wie auch immer, am Ende war es dann doch durchaus eßbar. Nur die Kamera spann, die Tischdecke auf der Terrasse, ja man konnte überraschenderweise noch einmal draußen essen, ist eigentlich dunkelgrün. In der Anzeige erschien sie dann dunkelblau, auf den Bildern ist es irgendwas dazwischen. Auch der Versuch eines manuellen Weißabgleichs brachte keine Abhilfe. Nun sieht es eben aus, wie es aussieht.





Der gestrige Tag war völlig verregnet, heute blieb es erträglich. Darum noch ein paar (mäßige) Bilder von der Umgebung, der Schloßkirche gegenüber, vom Garten etc. Ich bin übrigens stolz, im Erntedankgottesdienst nicht eingeschlafen zu sein. Beim Festakt zum Tag der deutschen Einheit hatte die geistliche Dame, die diesmal predigte, nämlich die Festansprachen gehalten, da war mir genau das unterlaufen.

Zum Glück hatte ein gnädiger Sitznachbar mit einem leichten Rippenstoß meinem vernehmlichen Schnarchen bald ein Ende bereitet. Ein schlechtes Gewissen habe ich aber deshalb trotzdem nicht.




The proverbial curse of the good deed appeared at lunchtime. Out of the superfluous goodness of my old heart I told my dear elderly mother today, if she wants to she could cook one of her familiar dishes; I would even eat it then.

So the choice was pork roulades, stuffed with pickles, onions, and bacon strips, sautéed first, yes, in what else quite a lot more of bacon. I sat in my little study room, and all of a sudden all smoke detectors joined for an intimate concert, and that very moment I knew this might not have been the greatest idea of the day.

So I rushed (with a slow measured pace) to the kitchen seeing her wrapped in thick blue smoke from burning bacon, scolding at that stupid unnecessary invention of these beeping devices. In earlier times, when there were still straw roofs, this might have been probably a good start for one of this notorious devastating city fires.

Anyway, in the end the dish was nevertheless edible. Only the camera had a bad day, the tablecloth on the terrace, surprisingly we could eat outside again, is actually dark green. At the display of the camera it looked dark blue, in the pictures taken something in between. The attempt of a manual white balance didn’t help at all. Now it looks just like it looks.

Yesterday was a terrible rainy day, today it was bearable. So a few (mediocre) pictures, of the castle church across from us, the (start of a) garden etc. Anyway and by the way I'm proud I wasn’t falling asleep in today's Thanksgiving Service. At the ceremony for the day of German unity recently the same lady who preached today hold the main speech and this happened then.

Fortunately, a gracious seatmate ended my audible snoring then with a slight nudge. But a feeling of guilt for it I still can’t find in my consciousness.


Sonntag, 6. Oktober 2013

Über das Vorläufige der Vergänglichkeit

Platos Kopf, römische Kopie, Glyptothek München

Daß die Schönheit der Dinge ein Gleichnis der ewigen Schönheit sei, die auf uns wartet, wird von manchen als Herabsetzung des Irdischen mißdeutet. Das Gegenteil ist wahr. Der Satz sagt tatsächlich, daß die Vergänglichkeit der Dinge, und das sind sie nun offensichtlich, so wie wir selbst auch, nicht ihre Vergeblichkeit bedeutet. Sondern über ihren offenkundigen Untergang hinaus ihr Wesen erhalten bleibt.

Herr Roloff hat in seiner Erntedankpredigt, die er heute halten will, und die streckenweise wie eine Meditation über die Vergänglichkeit erscheint, den sehr schönen Gedanken, daß unser Tun nicht vergeblich sei. Denn wir würden mit diesem „zum Guten, Schönen und Wahren beitragen, etwas hineintragen in den ewigen, unvergängli­chen Him­mel“.

Der Mensch wird so gewissermaßen zum Miterbauer an der Vollkommenheit der Schöpfung, obwohl sie dies von Anfang an ist (doch Paradoxien waren schon immer ein gutes Indiz für die Wahrheit), sein Glaube ist die Brücke zwischem dem, was vergänglich ist, und dem, das dieses Vergängliche in sich aufheben und bewahren wird.

Doch genug davon, es folgt Herr Roloff. Wem dies übrigens zu schwer ist, ich hatte eben noch kurz von meinem letzten Opernbesuch berichtet, das ist nicht so erwähnenswert, aber die Musikbeispiele sind recht nett (Mozart, Zauberflöte).

Weinlese, (c) Jean-Marc Rosier 

Predigt zum Erntedanktag 2013

Vom Schätzesammeln und Sorgen

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fres­sen und da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen (Matthäus 19.21) (Lukas 12.33-34) (Kolosser 3.1-2). Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.
Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein (Lukas 11.34-36); ist aber dein Auge ein Schalk, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!
Matth 6, 19-23

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

in Situationen, in denen man viel verloren hat, kommt einem oft erst überhaupt zu Bewusst­sein, was in unserem Leben wirklich von Wert ist. Auch darüber hat uns die Hochwasserkata­strophe des vergangenen Sommers noch einmal eindringlich belehrt, und zwar unabhängig da­von, ob wir nun direkt von ihr betroffen waren oder nicht. Es sind vielmehr die Erinnerungs­stücke, die Foto­graphien und Bilder, die schmerzlicher vermisst werden, als die nur scheinbar so wertvollen Be­sitztümer, die wir im Laufe unserer Jahre zusammengetragen haben.

Das aber hat doch zweifellos damit zu tun, dass diese Erinnerungsstücke, darum heißen sie ja auch so, nur etwas spiegeln, anregen und immer wieder hervorrufen, was ja in uns ist. In je­dem Augenblick trägt ein Mensch seine ganze Welt mit sich. Wo nun diese Welt der Schatz ist, den der Mensch für wesentlich und wertvoll erachtet, da bleibt er ganz bei sich und sein Herz findet Mitte und Gleichgewicht.

Wenn aber ein Mensch sein Herz an äußere Dinge hängt und diesen dann nachjagt, dann ver­liert er Mitte und Gleichgewicht und wird versklavt durch seine Begierde nach Dingen, die ohne Wert sind.

Dieser Gedankengang, so verdeutlicht es uns unser Predigttext, ist ganz wesentlich für das Ern­tedankfest.

Um ihn in seiner ganzen Dimension zu erfassen, ist es gut, auf das eigentliche Wunder dieses Tages zu blicken. Im Grunde feiern wir heute schließlich die Gabe und die Bestimmung der Erde, Leben und Nahrung hervorzubringen. In allen alten Kulturen wird die Erde darum auch als Mut­ter verehrt. Der Bauer wiederum ist recht eigentlich auch nicht der Herr dieses Gesche­hens, son­dern hat sich immer als Helfer der Erde, als Pfleger der Natur verstanden, als Diener der Erde.

Der Bauer bemisst die Güte seiner Böden auch immer an dem, was sie hervorzubringen vermög­en. Das ist in unserer Landschaft hier an Elbe und Havel durchwachsen, wir haben aber auch die Böden der Magdeburger Börde stets vor Augen, die die besten in ganz Deutschland sind.

Wenn wir nun unser Bild vom Schatz zur Anwendung bringen, dann müssen wir feststellen, dass der eigentliche Schatz des Ackers tatsächlich sein Vermögen ist, Pflanzen hervorzubringen und wachsen und reifen zu lassen, damit sie uns und dem Vieh Nahrung werden können.

Es ist der große Trost in dieser schweren Zeit, dass die Felder und Wiesen diese Gabe eben auch nie verlieren, gerade auch dort nicht, wo sie unter Wasser gestanden haben, und die diesjährige Ernte vernichtet wurde.

Was bedeuten diese Zusammenhänge nun für uns Menschen?

Ich will es am Beispiel eines Künstlers verdeutlichen. Ist es nicht auch bei diesem so, dass sei­ne Kunstwerke, ganz gleich ob Bilder, Bauten, Bücher oder Statuen, immer nur ein äußerer Aus­druck seines inneren Vermögens zur Schönheit sind? Ist nicht diese Gabe zur Schönheit sein ei­gentlicher Schatz? Sich an dieser Gabe zu erfreuen, sie weiterzuentwickeln und andere Men­schen durch sie froh werden zu lassen, das ist das Glück seines Lebens.

Es kommt also nicht darauf an, was alles wir an Dingen um uns versammeln, sondern wichtig ist, was wir hervorbringen, damit es anderen Menschen, als Christen sagen wir gewöhnlich dem Nächsten, zum Guten gereicht. Darin nämlich besteht die Ernte unseres Lebens, wenn wir der­einst vor unseren Richter treten.

Im Grunde ist das Sammeln nach den Schätzen, die von den Motten und Rost zerfressen und durch die Diebe geraubt werden können ein Ausdruck dafür, dass dieser Mensch zu gering von sich denkt. Diese Schätzesammler glauben, dass sie ihrem Ansehen aufhelfen müssen durch die Dinge, wir würden heute Statussymbole dazu sagen, mit denen sie sich umgeben. Dieser Dinge wegen wollen sie geachtet und geehrt werden. Es ist so lächerlich, wenn man es erst einmal durchschaut. Es ist so leer und armselig, wenn man sein Leben mit einer solchen Jagd verbringt – vertut.

Wo nämlich dein Schatz  ist, da ist auch dein Herz. Du mutest deinem Herzen einen Aufenthalt bei den vergänglichen Dingen zu, die rosten und zerfallen. Du lässt dein Herz dort wohnen, wo weder Hoffnung noch wahre Zuversicht sind, sondern nur Angeberei auf der einen und Neid auf der anderen Seite.

Dabei sollten wir doch unsere so kurz bemessene Lebenszeit nutzen, damit sich das Herz empors­chwingen kann in die Höhen der Unvergänglichkeit, die, selbst wenn sie nur Hoffnung wäre, dennoch größer ist als alles, was der Mensch schauen kann, weil sie das Sichtbare über­steigt und im Geiste eine Dimension wachsen lässt, die in der Welt sonst nicht zu finden ist.

Das ist der wahre Himmel, der sich in unserer Seele spiegelt, wie Wolken und das strahlende Blau sich in einem Bergsee spiegeln. Er erhebt sich eben auch aus unserer ungebrochenen Hoff­nung, dass unser Tun nicht vergeblich ist. Er wächst aus unserer Sehnsucht, dass wir mit dem Guten, Schönen und Wahren beitragen, etwas hineintragen in den ewigen, unvergängli­chen Him­mel. Wir sind ganz in der Erwartung, dort einen Schatz zu haben, damit unser Herz sich gleich­sam in diesen Himmel emporschwingen kann. Wo nämlich unser Schatz ist, da will auch unser Herz sein.

Mit diesen wenigen Andeutungen ist natürlich auch bereits viel ausgesagt von dem, was unse­ren Glauben ausmacht. Er ist eben auch die Weise, auf der wir Menschen Brücken in den Him­mel er­richten. Darauf bezieht sich das Reden vom Auge und vom Licht, mit dem unser Ab­schnitt schließt.

Das Licht ist immer Ausdruck und Gleichnis für die ewige Wahrheit, die Gott selbst ist. Wir müs­sen sie in uns hineinleuchten lassen, damit es in uns hell ist. Das Auge ist nun geradezu das Or­gan für den Glauben. Durch den Glauben fangen wir das Licht, dass unser Leben nicht nur hell, sondern erst eigentlich zum Leben macht. Das nämlich wird deutlich durch den Satz: Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

Der glaubenslose Mensch fällt ganz und gar in die Finsternis. Hier ist dann auch nicht mehr die Finsternis gemeint, die durch das bloße Fehlen des Lichtes eintritt und gerade dadurch die Hoff­nung auf das Wiederkommen des Lichtes bewahrt. Hier ist eine Finsternis gemeint, die kein Licht mehr kennt, kein Licht mehr kennen will.

So wollen wir nicht sein. Erntedank ist der Tag, an dem wir uns erinnern lassen, dass wir durch Gott gut gemacht sind. Gott hat uns Augen und Ohren, Leib und Seele, Glieder Vernunft und alle Sinne gegeben und will sie auch erhalten. Lasst doch allein darum schon sein Licht in eure Her­zen dringen und lebt aus diesem Lichte. Erkennt, was alles ihr zum Guten, zum Wahren und zum Schönen der Welt und eurer Mitmenschen beitragen könnt und sammelt euch darin Schätze der Ewigkeit, die am Ende nicht anders genannt werden als die Ernte eures Lebens.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

aus Raffaello Sanzio, "Schule von Athen", Vatikan

Samstag, 5. Oktober 2013

Eine kleine Mozart - Notiz



Wo ich eben von unserem kleinen Theater zurückkehre, das wenige Fuß-Minuten entfernt liegt (übrigens keine Garantie dafür, daß man nicht trotzdem fast zu spät kommen kann), muß ich gestehen, ich bin recht froh. Erst einmal, enttäuscht worden zu sein. Man geht ja heutzutage mit der größten Mißtrauensbereitschaft in so etwas, vom Ausstellen von Körperflüssigkeiten u.ä. Stumpfsinn belästigt zu werden. Aber dem war nicht so, nicht im geringsten.

Es war wirklich gut gesungen, nett illustriert, ohne Krampfattitüde, und was mir am angenehmsten erschien, es betonte die humoristischen Elemente an diesem „Weihefestspiel“ (und zwar nicht etwa flapsig). Ach so, nein, nicht Wagner, sondern Mozarts Zauberflöte. Denn offen und gut banausisch gesagt: Diese aufgeklärte Freimaurersprache von Tugend, Weisheit, Natur und Vernunft ist doch zu oft rechter Quark. Die Musik aber ist frisch und herrlich wie am ersten Tag.

Das obige Stück erscheint dort, weil mir die Melodie gerade nicht aus dem Kopf gehen will, das nächste, weil sich das Theater damit selbst darstellt (nun ja, manchmal ist es wirklich besser, man genießt einfach das leicht anders erscheinende Ergebnis).



Und bei dem nachfolgenden bedeutungsschwangeren -

„Der, welcher wandert diese Straße voll Beschwerden,
Wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden..“

- war ich verblüfft, daß mir das vollkommen entfallen war, dabei, wie eindrucksvoll! Ansonsten ist man ja gerade bei der Rolle der Königin der Nacht bekanntlich immer ganz gespannt, wie wohl die nächste Klippe umschifft werden wird.

Ansonsten gab es ein hübsches Moment, als an der Stelle, wo Tamino fragt „Sternflammende Königin!“, ob dies wohl die mächtige Herrscherin der Nacht sei, ein vielleicht 6jähriges Mädchen aus dem Publikum bedrückt antwortete: „Ja!“. Große allgemeine Heiterkeit. Ein erfreulicher Abend.


hier gefunden

Ach, wo ich nach Musikbeispielen suchte, diese Bergman- Version auf Schwedisch ist ebenfalls sehr unterhaltsam.



nachgetragen in der darauf folgenden Nacht

Donnerstag, 3. Oktober 2013

3. Oktober


Die Sonne brennt heute förmlich, ich saß eben noch im Lehnstuhl auf der Terrasse, und gleichzeitig war es hin und wieder empfindlich kühl. Ich liebe diese Herbstdissonanzen (sie lassen alles so interessant erscheinen). Herr Roloff hat heute gut gepredigt.

Da die politischen Ordnungen in Deutschland seit den letzten hundert Jahren in etwa so verläßlich sind wie das Wetter, ist das mit den Nationalfeiertagen so eine Sache. Wie auch immer. Herr Roloff hat in seinem Schönhausen aus diesem Anlaß erneut einen Gottesdienst gehalten. Er fand seine Worte vom letzten Jahr befriedigender, ich vermag dem nur bedingt zuzustimmen.

Zwei Sätze erschienen mir vor allem bemerkenswert: Wie Gott aus äußerlich offenkundig Erstorbenem Lebendiges erwecken kann, und daß die Abtrennung von Gott, dem Grund unseres Seins, alles verdirbt, wie bei einer Pflanze, deren Wurzeln abgetrennt wurden, und die für eine Weile noch schön erscheinen darf. Es folgt sein Text „aufgelockert“ von Bildern, die vor kurzem hier entstanden sind.



Ansprache zum Tag der Einheit 2013
Heb 11, 8-16

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

das staatliche Leben unseres Vaterlandes lässt es nur noch selten ahnen, in welcher großen Geschichte wir stehen. Dieses Volk prägt seit über ein Jahrtausend die Mitte unseres Kontinents. Es ist zu ungeahnten Höhen heraufgestiegen. Namen wie Bach, Luther, Goethe und auch der Bismarcks prägten seinen Ruf in der Welt. Nachdem es im 19. Jahrhundert seine Einheit gefunden hatte, stand ihm eine lichte und friedliche Zukunft bevor, wenn es die Kraft gefunden hätte, dem Grundsatz dauerhaft Geltung zu verschaffen, in dessen Wahrung Bismarck die Bestimmung des Reiches gesehen hat - nämlich die europäischen Mächte daran zu hindern untereinander oder gar gegen das Reich Krieg zu führen. Für den alten Fürsten stand nach 1871 fest, dass selbst ein gewonnener Krieg für Deutschland keinen Siegespreis mehr in Aussicht stellen konnte, der es wert gewesen wäre, ihn zu führen.

Wir wissen, dass es ganz anders gekommen ist.

Das 20. Jahrhundert ist zu einem Zeitalter der völligen Zerstörung geworden. Ein Zivilisationsbruch ungeahnten Ausmaßes ist über unsere Heimat und den ganzen Kontinent hinweggegangen. Vor diesem Hintergrund blicken wir auf unseren Text aus dem Hebräerbrief:

Noch sind unter uns die Menschen, die die Flucht und die Vertreibung am Ende des großen Krieges erlebt und erlitten haben. Ihnen geht es noch ganz anders nahe, wenn davon geredet wird, dass man die Heimat verlässt und nicht weiß, wo man hinkommt. Ihnen geht es noch ganz anders nahe, wenn davon die Rede ist, dass man im eigenen Lande zum Fremdling wird.


Wenn man es selbst erfährt, dann gehen einem die Sätze der Bibel plötzlich ganz anders nahe. So werde auch ich und wohl viele in unserem Dorf auch die Worte des Psalmisten ganz neu lesen, der gerufen hat: „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.“

Es ist die große Herausforderung an Abraham gewesen, einen Zusammenhang zu finden zwischen der großen Verheißung, die Gott ihm gegenüber bekundet hat, und der Heimatlosigkeit und Ausgestoßenheit, in die er ihn scheinbar gleichzeitig führte. Diese Verbindung findet er offenbar in seinem Warten „auf eine Stadt, die einen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“.

Das ist die eigentliche Kraft des Glaubens, dass er auch in den schwersten Zeiten zu erkennen vermag, worauf wir als Menschen hingewiesen sind:

Dort, wo wir keine Heimat mehr haben, noch mehr auf den Ort zu vertrauen, den Gott uns bereiten will.

Dort, wo wir zu Fremdlingen werden, ganz gewahr zu werden, dass wir Geschöpfe zu seinem Bilde sind, und ihm nicht fremd werden können.

Dort, wo unsere eigenen Hoffnungen zerfallen, sollen wir uns durch Gott mit neuer Hoffnung beseelen lassen.

Nur so war es Sara, Abrahams Frau, möglich, darauf zu hoffen, den Erben trotz ihres hohen Alters noch zu gebären. Sie war dem treu, der es ihr verheißen hatte.


Hier folgt einer der schönsten Sätze der ganzen Heiligen Schrift. Er ist Ausdruck der großen sprachlichen Meisterschaft Martin Luthers, aber auch der ursprünglichen Tiefe des Hebräertextes: „Darum sind auch von einem, wiewohl erstorbenen Leibes, viele geboren wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Rande des Meeres, der unzählig ist.“

Hier gewinnen wir bereits eine Vorstellung von allem, was kommen wird, aus dem Bild eines geschichtlichen Geschehens heraus, wie es uns seit Jahrtausenden überliefert wird.

Nach diesen historischen Erörterungen schwingt sich unser Text dann aber noch in viel größere Höhen. Mit Blick auf die Helden vorchristlicher Zeit stellt er fest: „Diese alle sind gestorben im Glauben und haben die Verheißung nicht empfangen, sondern sie von ferne gesehen und sich ihrer getröstet und wohl genügen lassen und bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden wären.“

Vielleicht ist das die Tragik aber gleichzeitig auch die Bestimmung des 19.Jahrhunderts und unseres ersten Nationalstaats gewesen. Die Verheißung wurde gesehen, aber sie wurde nicht empfangen. Vielmehr zog über die Welt alles das hinweg, was eintritt, wenn der Mensch sich selbst zum Gott werden will, wenn er selbst Erfinder des Vaterlands wird, wenn er nur noch für wert hält, was aus seinen eigenen Händen, aus seiner eigenen Macht kommt.

Aber auch dort gilt wieder – je finsterer und schwerer die Zeiten sind, umso leuchtender kann das Licht der Hoffnung scheinen.


Auch für uns gilt, zwar in anderer Weise als für die Nomaden zur Zeit Abrahams und auch anders als für die Flüchtlinge und Vertriebenen aller Völker am Ende des furchtbaren Krieges, was der Hebräerbrief feststellt: „Denn die solches sagen, die geben zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen“, oder eine Heimat oder doch wenigstens ein Haus zum wohnen.

Wenn eines in uns in den vergangenen Monaten aufgebrannt ist, dann doch die tiefe Bedeutung dieser Hoffnung. Und natürlich bauen wir jetzt wieder auf, natürlich haben die vielen Flüchtlinge nach 1945 hier auch in unserem Ort neu angefangen. Noch verbietet es sich darüber nachzudenken, warum gerade ihre Häuser in so großer Zahl im vergangenen Sommer untergingen.

Und dennoch ist gerade uns an diesem Tag gesagt: Es kann und darf bei unserer, nun wieder ganz neu begonnenen Suche, nicht darum gehen, nur das Verlorene wiederherzustellen. Dann hätten auch die, die aus der Heimat auszogen, einfach nur wieder umkehren müssen. Es wird nichts mehr so sein, wie es zuvor gewesen ist. Aber gerade darin liegt doch Gottes große Verheißung: „Nun aber begehren sie eines besseren, nämlich eines himmlischen.“ Man kann nichts schon gar kein Menschenreich an die Stelle von Gottes Reich setzen, und man kann selbst den bescheiden genossenen eigene Wohlstand nicht an die Stelle eines Lebens mit unserem Schöpfer setzen. Alles Leben und Sein, das sich abtrennt von Gott, verdirbt. Was für den einzelnen Menschen gilt, das gilt auch für Völker und Staaten. Man kann in diesem Zusammenhang lange darüber nachdenken, was uns wirklich mit der zweiten Chance zum gemeinsamen Vaterland geschenkt und aufgetragen wurde.


Und wie leben wir nun mit dem gegenwärtigen Unglück, wir, die wir doch meinen, uns immer und in allem treu zur Kirche und zu unserem Gott gehalten zu haben? Noch immer bin ich da oft ratlos und kann  nur darauf verweisen, dass wir als Christen doch gar nicht woanders sein können und sein dürfen, als dort wo die Not ist. Wie sollten wir nicht mitleiden und selbst noch im Leid auf die Weisheit des Satzes verweisen: „Die Welt ist eine Brücke, gehe hinüber, aber baue kein Haus auf ihr.“

Was wir haben und auch das was wir sind, soll uns nur auf denjenigen verweisen, von dem wir es haben und durch den wir sind. Darin erst begehren wir eines besseren, nämlich eines himmlischen. Und es ist uns unwiderruflich zugesagt: „Darum schämt sich Gott auch unser nicht, zu heißen unser Gott; denn er hat auch uns eine Stadt zubereitet.“

So wird denn alles, was wir in dieser Welt finden können doch nur daran gemessen werden, ob und in wie fern es uns Gleichnis und Verheißung ewiger Ordnung ist, die ihren Ursprung und ihr Ziel in Gott und eben nicht in den Plänen und Wünschen von uns Menschen hat. Darin möge auch dieses Land und unser Volk seinen Segen finden.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.

Amen
Thomas Roloff

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Montag, 30. September 2013

Michaelis &


Wie man leicht erkennen kann, gab es diesmal zu Michaelis Ahornblätter zu Mittag. Nein, natürlich nicht, sie sind einfach in diesen unschönen Eisentopf vom Baum über uns hineingefallen, schließlich ist es Herbst und dieser Herbsttag war es ein besonders schönes Exemplar davon.


Zwei Dinge machten ihn etwas interessant. Zum einen lief gewissermaßen ein heimlicher Krimi ab, aber da ich dies gerade schreibe, hat sich alle Anspannung lange in Wohlgefallen aufgelöst. Zum anderen mußte ich insistieren, daß Norddeutsche auch im fortgeschrittenen Alter nicht so zimperlich seien, daß sie an einem sonnigen, wenn auch leicht frischen Herbsttag nicht den Fuß vor die Tür setzen könnten. Mitunter genieße ich meine Hartnäckigkeit, muß man auch.


Doch genug davon, gestern also hatte sich wieder einmal Besuch eingefunden, der einen Berg eben selbst gepflückter verschiedenartigster Pilze mitbrachte. Mir überwiegend so unbekannt wie die Dame selbst dazu, letztere allerdings wirkte vertrauenswürdig (auch wenn einige der Pilze nicht nur mir unbekannt, sondern auch merkwürdig gelb aussahen, ich kann also keinerlei Auskünfte geben, sie hat sie alle aufgezählt, ich habe die Namen vergessen). Und jetzt ergab sich die spannende Frage, wieviel Vertrauen wagen wir? Aber da der Einsatz schließlich nur Leben und eigene Gesundheit bedeutete, fiel die Entscheidung nicht wirklich schwer.


Das Rezept dazu war diesmal einfach. Schnitzelstücke, die vorher angebraten wurden, kamen in den abgebildeten Eisentopf und dann in den Ofen, zusammen mit Thymian, Oregano und Rosmarin, reichlich Kochsahne, Pfeffer und Salz, besagten Pilzen (die ich vorher kurz aufgekocht hatte, vielleicht wäre der Geschmack verräterisch gewesen, war er aber nicht). Da es wirklich ein wenig frisch wurde, kam der unschöne Topf zwecks Wärmeerhaltung auf den Tisch, und nachdem mein Ultimatum erfolgreich abgelaufen war, wurde das Ganze also vereinnahmt. Die meisten Bilder gerieten mir unerklärlicherweise leicht blaustichig, daher diese beschränkte Auswahl, motivseitig


Ich hasse es, es zu sagen, aber es war wunderbar, ich gebe den Pilzen die Schuld. Mitunter wird grundlosen Vertrauen eben auch belohnt. Mitunter.