Sonntag, 10. Mai 2015

Zwischendurch - Kitsch


An den Feldsteinen schlängelt sich wie das Vergessen der Efeu empor
All diese vergangenen Tage hat der Herbstwind begraben
Und etwas von Schönheit übrig gelassen
die Erinnerung
an distelverliebte Säulen
und Wolken, gebläht wie ein Mantel einer fast nicht mehr erhofften
Epiphanie.

So also sind all diese Dinge,
verrätselt und uneinsichtig.

Freitag, 8. Mai 2015

Zum 8. Mai

Peter Pöppelmann, Allegorie der Güte
Blick vom Rathausturm, Dresden

Kürzlich überraschte mich Frau Mutter mit der Bemerkung, sie hätte eben fast nach dem Fernseher „geschmissen“, zum Glück tat sie es nicht, sonst hätten wir jetzt einen weniger. Was war geschehen? Sie hatte dem Herrn G. zugehört und ihr war wohl schlagartig dessen völlige Verweigerung von Empathie für sie und ihr Schicksal klar geworden, das für so unzählige steht; vertrieben aus Weichselmünde, ihrem Heimatort; der Großteil der engeren Familie danach tot, ihren Vater, der als Invalide nicht einmal gekämpft hatte, luden die „Befreier“ als erstes auf ihr Gewissen, das sie kaum besessen haben dürften.

Nun letzteres dürfte mutatis mutandis wieder sehr aktuell geworden sein, deshalb wollte ich diesen Tag eigentlich mit Schweigen übergehen und sinnlose Übungen meiden. Zwei Dinge hielten mich davon ab. Einmal las ich noch einmal die „berühmt-umstrittene“ Rede Richard von Weizsäckers zum „40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa“, die vielleicht einige geringschätzen, weil sie sie nicht gelesen haben, und andere emporhalten mögen, aus dem nämlichen Grund.

Denn da finden sich doch so erstaunliche Sätze wie: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern.“ Unser Schicksal habe in der Hand der Feinde gelegen. Dennoch sei der 8. Mai ein Tag der Befreiung gewesen. Er habe uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Aber: „Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten.“ Also benennt er sie immerhin, die Leiden; sieht jedoch nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit. Sie liege vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Soweit, so richtig. Nur wo setzt man diesen Anfang?

Es sei Hitler gewesen, der zur Gewalt griff. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bleibe mit dem deutschen Namen verbunden. Während dieses Krieges habe das nationalsozialistische Regime viele Völker gequält und geschändet.

Am Ende wäre nur noch ein Volk übriggeblieben, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk. Aber: Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gäbe es nicht. „Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.“

Herr Roloff hat heute eine Andacht aus diesem Anlaß gehalten. Das war der andere Grund. Er selbst bedauerte, zu wenig Zeit für die Verfertigung des Textes gehabt zu haben; inzwischen ist er auf dem Weg nach Bützow, seinem ursprünglichen Heimatort, um beim Aufräumen der Verwüstungen des Tornados zu helfen.

Andacht zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa in der Kirche St. Marien und Willebrord Schönhausen
am 8. Mai 2015

Friede sei mit euch!

Mehr als an anderen Tagen lässt sich heute vielleicht ermessen, was es bedeutet, sich Frieden zu wünschen.

70 Jahre ist es her, dass endlich die Waffen schwiegen, das Morden aufhörte, die Nächte in den Bombenkellern nicht mehr notwendig waren. Es war Frieden. Hier in unserer Gegend an der Elbe hatten die Kämpfe bis in diese ersten Tage des Mai gedauert.

Die Erschütterung, die der Krieg und die nun unwiderruflich eingetretene Niederlage in unserem Volk ausgelöst haben, ist in vielem noch bis heute zu spüren. Die Weise, wie wir uns erinnern, diese Mischung aus Ritual und Fassungslosigkeit über ein tiefes, bleibendes Unverständnis darüber, wie es mit einer großen Nation so weit kommen konnte. Die Art, wie wir selbst aus unserer ganzen Geschichte geradezu eine Vorgeschichte des Verhängnisses machen, liegt wie ein Alp auf dem Land und prägt unsere Trauer.

Der Prophet Amos schreibt:

10 Ich will eure Feiertage in Trauern und alle eure Lieder in Wehklagen verwandeln; ich will über alle Lenden den Sack binden und alle Köpfe kahl machen, und will ihnen ein Trauern schaffen, wie man über einen einzigen Sohn hat; und sie sollen ein jämmerlich Ende nehmen. 11 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, HERR, daß ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, zu hören; 12 daß sie hin und her von einem Meer zum andern, von Mitternacht gegen Morgen umlaufen und des HERRN Wort suchen, und doch nicht finden werden.
[Kap. 8 ff.]

Stößt uns dieses Prophetenwort nicht geradezu noch einmal hinein in die ersten Tage, Wochen und Monate nach dem Tag der Niederlage?

Die Waffen schwiegen zwar, aber Unrecht, Vertreibung, Verfolgung, Vergewaltigung nahmen nun ihren Lauf.

Trotzdem begannen die Menschen wieder, ihr Land aufzubauen, ihr Leben neu zu ordnen. Erst noch wie betäubt, dann aber mit einem Elan und Erfolg, der noch heute staunen lässt.

Aber hat das, wovon der Prophet neben der Trauer auch noch redet, nämlich der Hunger und der Durst nach dem Wort Gottes, sich tatsächlich so entfaltet, wie es nach jener Katastrophe notwendig gewesen wäre?

Wären aber nicht genau dieser Hunger und dieser Durst notwendig gewesen, damit tatsächlich Frieden werden könnte?

Darum sage: Siehe, ich gebe ihm meinen Bund des Friedens; 13 und er soll haben und sein Same nach ihm den Bund eines ewigen Priestertums, darum dass er für seinen Gott geeifert und die Kinder Israel versöhnt hat. So lesen wir es im 4. Buche Mose.

Frieden hängt an dem Bund, den wir mit unserem Gott haben, und den wir nicht verlassen dürfen.
Blicken wir unter dieser Forderung auf die Geschichte unseres Volkes und der Völker Europas.

Richard von Weizsäcker hat 1985 zurecht gemahnt, den 8. Mai 1945 nicht losgelöst vom 30. Januar 1933 zu betrachten. Wir dürfen hinter dem 8. Mai 1945 aber auch nicht das Jahr 1914 vergessen. In ihm wurde sichtbar, wie sehr sich der Nationalismus gleichsam zur beherrschenden und gleichzeitig verblendenden Religion unter den europäischen Völkern entwickelt hatte. Der Gottesdienst war oftmals zur bloßen Dekoration des Dienstes an der Nation geworden. Auch für unsere eigene Kirche müssen wir das leider so feststellen. Der christliche Glaube verlor rasant an Kraft, die Völker miteinander zu verbinden. Statt zu erkennen, dass Gott sein Volk aus allen Völkern ruft, begann man zu glauben, der christliche Gott würde sich zwischen den Völkern entscheiden.

Der Nationalismus führte außerdem einen vergifteten Freiheitsbegriff mit sich. Im Selbstbestimmungsrecht der Völker sah er etwas, was die Völker gegeneinander durchsetzen mussten. Ein einfacher Blick auf die Völkerkarte Europas hätte unter normalen Umständen ausgereicht, um zu erkennen, dass dieses Ziel ohne Vertreibung und Vernichtung nicht würde erreichbar sein. Unter dieser Erwartung mussten alle Grenzen in Europa ungerecht sein.

Dennoch wurde geradezu eine Lehre daraus, dass die Völker ihre Freiheit gegeneinander durchsetzen müssten. Freiheit wurde etwas, dass man voneinander erlangen aber keinesfalls miteinander gestalten wollte. Für die sozialistische Ideologie, die dasselbe lehrte, traten an die Stelle der Nationen eben nur die Klassen, die gegeneinander kämpfend Freiheit erringen sollten. Was zunächst nur eine geistige und immer auch geistliche Verirrung gewesen ist und geglaubt wurde, obgleich es allen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Erfahrungen widersprach, wurde im Krieg zum Vernichtungswahn, der am Ende keine Sieger kannte. Menschen, die den Realitäten ins Auge schauten, und denen der unchristliche Geist offenbar war, die warnten sehr früh, dass der Krieg keine Sieger haben, sondern nur die Revolution in mehr als einem Land mit sich führen würde. Genau das geschah, und die Revolution, vor allem die in Russland, wurde zum Brandbeschleuniger der Vernichtung.

Und auch der dann geschlossene Frieden, der diesen Namen nicht verdient, vollstreckte weiter dieselbe Ideologie der Zerstörung.

Man kann jenen, die, wenn sie über die Jahre zwischen 1914 und 1945 reden, von einem zweiten 30jährigen Krieg sprechen, nur beipflichten. Er sollte für unser Volk noch vernichtender werden, als es der erste war.

Es ist der Kern der Tragödie, dass die Kräfte, die am ehesten in den Friedensnobelpreisträgern des Jahres 1926 personifiziert sind, das waren Aristide Briand und Gustav Stresemann, zu schwach blieben, um der Versöhnung – sie nämlich ist das Gegenteil der Ideologie der Vernichtung – einen Weg zu bahnen. Stattdessen wurde die Ideologie der Vernichtung perfektioniert. Das war der besondere deutsche Beitrag Sozialismus und Nationalismus miteinander verbunden und ihr gemeinsames Zerstörungs- und Vernichtungspotential ganz entfesselt zu haben.

Aus diesem Abgrund des Hasses suchen die Völker Europas seit jenem 8. Mai 1945 einen Ausweg. Er kann dauerhaft nur gefunden werden, wenn wir den vergifteten Ideologien abschwören und uns den Hunger und dem Durst nach dem friedenstiftenden Wort Gottes wieder ganz überlassen.

Hass erregt Hader; aber die Liebe deckt alle Übertretung zu. Und wo nicht weiser Rat ist, da geht das Volk unter;

Der Ausweg aus den Abgründen des Hasses liegt in der Wahrheit. Darum muss die Kirche voller Vertrauen beten:

Du bist Gott und deine Worte sind Wahrheit.
Sende dein Licht und deine Wahrheit, denn seine Wahrheit ist Schirm und Schild.

Unter diesen Schirm wollen wir uns stellen, dieses Schild soll die einzige Waffe sein, mit der wir den Gefahren der Welt trotzen, denn dann wird Frieden sein.

Amen

Dieser Friede bleibe alle Zeit bei Euch! Amen

Thomas Roloff

Sonntag, 3. Mai 2015

Sonntag &


Dieser Sonntag (Kantate) wie auch der zurückliegende staatliche Feiertag fielen eher frugal aus, was das Gegenteil vom vielleicht Erwarteten bedeutet (nämlich: „sparsam eingerichtet, einfach genüglich, mäßig und schlicht... das Wort ist entlehnt aus franz. frugal, lat. frugalis, und in der Umgangssprache geläufig geworden, aber noch nicht ins Volk gedrungen wie z. b. egal“, soweit Grimms Wörterbuch; nachgeschlagen bei Herrn Georges erschließt sich der lateinische Ursprung – frugalis „zu den Früchten gehörend“, folglich im übertragenen Sinn Nutzen bringend, bei Menschen dann ordentlich, wirtschaftlich, brav, ja bieder). Soviel Naseweisheit mußte jetzt sein.

Der oft falsche Gebrauch des Wortes dürfte daran liegen, daß der Zusammenhang mit „Früchten“ schon geahnt wird und man dann an etwas „Opulentes“ denkt (was wiederum - von „ops“ herstammend - ursprünglich „reich an Vermögen, Mitteln, Macht, Ansehen“ meint. Es ist schon lustig, wie Wörter durch die Zeit ihre Bedeutung wechseln und uns dabei mitunter in die Irre führen.

Daher der Einstieg mit den Pellkartoffeln, passend zum Tag der Arbeit. Diesen besonders zu beachten, wäre für mich etwa so sinnhaft, wie wenn ein Atheist den Reformationstag begehen würde; es ist also nicht so ganz meine Traditionslinie. Aber ein Mittag sollte es denn geben und zu den Pellkartoffeln gesellten sich dann Senfeier. Sehr „rustikal“. Das müssen wir jetzt nicht erklären, da hat sich die Bedeutung tatsächlich ziemlich erhalten.


Kurz zum Rezept. Wie bekannt, begann es damit, daß ich zunächst aus Butter und Mehl eine Mehlschwitze machte und diese anbräunen (nicht „anbrennen“) ließ. Dort hinein goß ich reichlich Gemüsebrühe und etwas Milch und tat einige Löffel Senf und Lorbeerblätter sowie Salz, Pfeffer und frisch geriebenen Muskat hinzu. Das durfte dann nach dem Aufkochen vor sich köcheln.

Parallel dazu hatte ich logischerweise einige Eier gekocht, gepellt und in die Sauce getan. Das war es auch schon. Und weil man weiter wirklich nicht viel dazu sagen kann, benötigte ich die lange Einleitung. Die Senfeier fanden übrigens Anklang.


Jetzt brauchen wir eine kleine optische Unterbrechung und benutzen dazu ein paar unscharfe Bilder von einem Feuerwerk, daß am Abend des 1. Mai gegenüber bei der Orangerie stattfand (aus welchen Gründen immer) und landen anschließend im Sonntag.




Spargel also, der erste dieses Jahr, und ja es blieb eine schlichte Veranstaltung, obwohl ich, wenn ich Journalist wäre, jetzt das Wort „Edelgemüse“ einschieben müßte, die sind dazu verpflichtet; aber zum Glück bin ich keiner.


Und Schinken, das war's. Für Frau Wisser Schinkenspeck, denn sie ist sehr gegen alles Harte, und besagter Speck, den sie gern zu sich nimmt, ist dann gut wenn er „wie Marzipan“ ist. Ich konnte zwischen spanischem luftgetrockneten und Schwarzwälder Schinken wählen (gottlob schmeckten beide nicht nach Marzipan).


Es bleibt nur noch die Sauce, die eventuell erläutert werden sollte. In den Sud kam nochmals etwas Salz, dazu Pfeffer, frischer Muskat, ein wenig Mehl, Sahne, eine Löffelspitze Honig und Eigelb. Letzteres natürlich erst zum Schluß, zunächst gelang es mir auch, das Gerinnen desselben durch heftiges Rühren zu verhindern und dann fiel mir beim Aufschlagen der Eier eine Schalenhälfte hinein... Ich weiß, diese Vorgehensreihenfolge war taktisch eher unklug, das Eigelb hätte schon aufgeschlagen da stehen müssen, aber wann ist man schon mal klug, und dann noch beim Kochen.


Eine kurze Veranstaltung sollte man meinen, nun fast. Das Ganze dauerte dann doch länger als gedacht. Ich hatte geplant, über den Spargel braune Butter zu schütten, aber aus falschem Geiz dafür eine deutsche Markenbutter erworben, die ich sonst nie nehme, das dauerte dann schon mal die eine oder andere Stunde eh das Wasser herausgekocht war und sich ein Farbwechsel einstellte. Gut, das war jetzt leicht übertrieben, aber nur leicht.


Ebenfalls aus unverständiger Sparsamkeit, daher war es doch ein „frugales“ Mahl, hatte ich beim Spargel ein sehr günstiges Sonderangebot wahrgenommen, diesen aber mit dem (deutlich) überteuerten Spargel gemixt, den es ansonsten angeboten gab. Ich hätte auch schreiben können, ich wollte einmal ausprobieren, ob man den Unterschied schmeckt; man tut es.

Aber wer weiß, ob man es auch gemerkt hätte, wenn es nicht zweierlei Herkünfte gegeben hätte. So lag vielleicht in den früheren Zeiten doch eine gewisse und ungedankte Fürsorglichkeit darin, wenn es von (nahezu) allen Dingen, wenn überhaupt, nur eine Sorte gab - das Gemüt geriet immerhin über all dem Vergleichen nicht in Unfrieden.

beendet am 4. Mai

Samstag, 2. Mai 2015

Über die Widerspenstigkeit der Erinnerung


Mitunter spürt man, wie das Vergessen (gleich dem Nicht-Wissen) auch seine nötigen und heilsamen Seiten hat. Das ist nur ein Nebengedanke, der mir beim Lesen eines im übrigen sehr verdienstvollen Buches, das Herr Busse (Erinnerungen an Maria Wandelt, Herausgegeben von Gerhard Busse, Rodenskrug 2014), ein enger Freund der Genannten, kürzlich herausgebracht hat, und dem auch ich meinen nachrangigen Beitrag beisteuern durfte. Er kam überraschenderweise am 1. Mai selbst vorbei, um es mir zu geben, was mich sehr rührte.

Dem Buch ist abzuspüren, wie er mit seiner Erinnerung ringt, denn die Beiträge der Gastautoren sind gewissermaßen eingrahmt von einer (starken) biographischen Deutung am Beginn und einer teilweise verstörenden Reflexion der letzten Jahre. Mein eigener Text war, nachdem er auf dessen Vorläufer an diesem Ort gestoßen war, nur eine Erweiterung desselben. Ich habe mich nun doch entschlossen, diesen hier ebenfalls mitzuteilen, eigentlich fast nur eines Satzes wegen.

Denn in der Tat, angesichts von verrenkten, aus dem Lot geratenen Zeiten, die oft wie ein Alp auf einem liegen können, war ihr Beschwören von Vergangenem, ihr Bekanntmachen mit alter Schönheit, mit Dichtung, mit jahrhundertegesättigter Weisheit, ihr tapferes Postulieren einer geistigen Höherentwicklung der Menschheit hin zu einem „kosmischen Bewußtsein“, ja selbst ihr besonderes „Märchenerzählen“ eine Art von ruhelosem Schamanengesang inmitten dunkelster Nacht.


Maria Wandelt oder Im Bergwerk der Jugend

Es hat etwas Beklemmendes, sich an lange Zurückliegendes zu erinnern, vor allem, wenn es die eigene Jugend betrifft; mit ihrer Mischung aus falschen Leiden und hochfahrenden Hoffnungen.

Man stelle sich einen jungen Menschen von vielleicht 17 Jahren vor, der mitten im Nirgendwo aus einem Überlandbus steigt und, man stelle sich zudem Nieselregen vor, über einen langen Feldweg und ein Dorf und nochmal einen Weg entlang im Dorf Grünow ankommt, bei einer respektablen älteren Dame, zwischen lauter Möbeln, von denen die jüngsten 150 Jahre erfahren haben mochten, und zu denen die alte, wenn auch solide gebaute Bauernkate so gar nicht passen mochte, um mit hoher, wohl akzentuierter Stimme enthusiastisch empfangen zu werden: „Ich grüße Sie!“.

Es ist mühsam, sich in diese Erinnerungen vorzugraben, und noch schwerer, überraschenderweise aufgefundene Zeugnisse (ein paar Briefe, Bilder) damit in Verbindung zu bringen, ja überhaupt dem Menschen näher zu treten, der man wohl einmal war. Die (wenigen erhaltenen) Briefe hatten vor allem einen banalen Anlaß, es gab kein zugängliches Telefon, man hatte sich schriftlich zu verabreden. Gefühlt, als reiche die Jugend bis ins 19. Jahrhundert, auch aus anderen Gründen, doch dazu später.

Die Erinnerung ist seltsam. Sie erschafft ein unscharfes Panorama aus Stimmen, Bildern, Gefühlen, Gedanken, ein Geflecht, das wie Jahresringe einen Baum ausbildet. Sie hat Bäume sehr geliebt. Als wir wieder durch die unwegsamsten Winkel des umliegenden Waldes stapften, erklärte sie mir einmal, das Geräusch, wenn ein alter Baum gefällt würde, das sei in Wahrheit ein Schrei. Und dazu etwas rezitiert, das mir gerade nicht einfallen will. Und sie hat Gruselgeschichten geschätzt, die sie dramaturgisch gekonnt vorzutragen wußte, um sich anschließend am meisten davon zu fürchten.


Als pensionierte Kinderpsychologin hatte sie auf ihre späteren Tage noch die Katechetin gegeben und galt in diesem speziellen „Kolleginnen“- Milieu (meine Frau Mutter war selbst eine) für eine leicht schrullige, aber unterhaltsame „Märchentante“. Auf Jugendfreizeiten war sie ein gern gesehener, auch verehrter Gastredner (so habe ich sie zuerst kennengelernt).

Tatsächlich, so stellt sich heraus, war ihr „Märchenerzählen“ eine Einführung in die Tiefenpsychologie und die Psychogenese der Menschheit und vieles weitere. Anstatt, daß sich die vielleicht 15 - 18jährigen überfordert gezeigt hätten, was sie zweifelsohne waren, genoß sie schlicht „Kultstatus“, was merkwürdig bleibt.


Man blicke nur auf diese Bruchstücke aus einem Vortrags-„Manuskript“ (das sie mir überlassen hatte): „Plotin: Die Menschheit befindet sich auf halbem Wege zwischen den Göttern und den Tieren.“ „Teilhard de Chardin: Die Zukunft der Menschheit heißt kosmisches Bewußtsein.“ „Ernst Cassirer: Aus Lösung und Differenzierung aus der Bindung des Körpers an die primitive Natur das 'Ego'... weltweite Tradition des Sündenfalls, Naturmythen, frühe Sprachformen, Totemdenken, Rituale...“

„Jede Stufe der Evolution geht über den Vorgänger hinaus, zieht sie aber in ihre eigene höhere Ordnung ein, somit transzendiert + umfaßt sie alle vorhergehenden.“ „Der Mensch trägt also alle früheren Stufen der Evolution, die er jedoch alle transzendiert.“ „4 Bewußtseinsstufen: Archaische, magische, mythische, mentale Welt...

Die Geschichte des menschlichen Bewußtseins war das schrittweise Herauslösen eines kleinen, jedoch wachsenden + zunehmend klareren + selbstsicheren Kerns innerer menschlicher Erfahrung aus einem traumhaften Zustand buchstäblicher Identität mit dem Körper und seiner Umwelt.

Der Mensch muß seine Subjektivität der Welt seiner Erfahrung buchstäblich abringen, indem er diese Welt nach + nach zu einem Dualismus polarisierte: objektiv – subjektiv, äußerlich – innerlich...“ „Befreiungsversuche des magischen Menschen aus der Eingeflochtenheit + Gebanntheit in die Natur... hier wird der Mensch zum Macher... Ritual erste Kontrolle über die Welt...“

„Mythische Periode… Ausweitung der Gedanken auf Zukunft... Überbrücken von Zeiteinheiten... Mensch... wird sich seiner eigenen Sterblichkeit bewußt... allgemeine Ergriffenheit vom Tode.“ „Wo immer es ein eigenes Ich gibt, da gibt es auch Angst.“

Wir brechen hier ab. Man hat vielleicht einen Eindruck gewonnen. Angst, hm. Ich habe lange nicht gewußt, daß wenige Jahre vor ihrem Tode noch ein Buch veröffentlicht wurde, mit einer Auswahl ihrer Märchen - "Liebe kleine Ratte - Märchen erzählt von Maria Wandelt". In ihrem kurzen Nachwort schreibt sie selbst, auch in ihrem Buch sei die Gruppe der Erlösungsmärchen groß (ein sehr schönes darin lautet „Vom Werwolf, der eine Königstochter heiratete – Märchen aus Schweden“).


Und wenn ich meine Erinnerung genau befrage, ja, sie war oft von Angst und Sorge erfüllt, gerade um die, denen sie sich nahe sah (allerdings waren es auch wahrlich verrenkte, aus dem Lot geratene Zeiten, die oft wie ein Alp auf einem lagen). Und irgendwie hatte ihr Beschwören von Vergangenem, ihr Bekanntmachen mit alter Schönheit, mit Dichtung, mit jahrhundertegesättigter Weisheit, ihr tapferes Postulieren einer geistigen Höherentwicklung der Menschheit hin zu einem „kosmischen Bewußtsein“, ja selbst ihr besonderes „Märchenerzählen“ etwas von einem ruhelosen Schamanengesang in dunkelster Nacht. 

Wir können unser Glück nicht hoch genug schätzen, wenn wir in den Zeiten, in denen unser Gemüt am aufnahmebereitesten und zugleich auch am ungeschütztesten ist, folglich in unserer Jugend, „überfordert“ werden, also in eine ganze Welt eingeführt, von Bildung, von komplexesten Gedanken, von Ermutigung, von Tradition, von Vertrautheit mit überkommenen Dingen, von Integrität, von vergeistigter Anmut, und das alles durch eine würdige, lebhafte, gedankensprühende, manchmal fast mädchenhafte ältere Dame. Und welches tapfere Vertrauen von ihrer Seite, daß all dies nicht vergeblich sei, und wieviel Geduld dabei.

Ich durfte an einem solchen Glück teilhaben. Sie hat mich in meinen zweifelhaften literarischen Versuchen ermutigt und in manch anderem. Sie hat versucht, mir zu erschließen, wie aus Märchen die Tiefe archetypischen Wissens aufsteigen kann. Sie hat mir eine Ahnung davon verschafft, welche Welt mit dem letzten Krieg verlorengegangen ist, als hätte sie mir auf ihrer flachen Hand etwas gezeigt, das Geruch, Anmutung und Aussehen dieser Welt für einen lang andauernden vergänglichen Moment aufscheinen ließ, so daß ich wußte, es ist noch real, irgendwo.

Sie hat mir die Augen dafür geöffnet, wie wir, wenn wir das Geistige in uns nicht pflegen, bewahren und vermehren, als Mensch innerlich absterben, und daß es immer eine Möglichkeit gibt, diesem zu widerstehen und in diesem Widerstehen unser inneres Selbst zu finden und zu behaupten, ein Selbst, das eingebunden ist in etwas Größeres.


Ich hatte sie seit November 1989 (nicht ganz freiwillig) zunehmend aus den Augen verloren, so daß mich die Nachricht von ihrem Tod 1995 spät erreichte. Aber es ist nicht wahr, daß die Dinge von ihrem Ende her gültig sind. Ein Ende kann täuschen und auf Gründen beruhen, die ebenfalls lange zerfallen sind. 

Diese über mehrere Jahre andauernden Zusammenkünfte jedoch und nächtelangen Dispute, haben unauslöschbare Spuren in mir hinterlassen, im besten denkbaren Sinne. Ich wäre ohne Maria Wandelt heute ein anderer Mensch, des bin ich mir gewiß... 


Freitag, 1. Mai 2015

Über Feuerwehren & andere Ordnungen – eine Predigt


Herr Roloff hat heute die (nachfolgende) Predigt gehalten. Ich habe ein wenig in meinen hilflos unsortierten Archiven gewühlt und fand dabei diese beiden Bilder. Ansonsten wird es womöglich Nachträge geben (immerhin sind die Texte fertig, also ist es kein ganz haltloses Versprechen). Meinen Lesern wünsche ich aber erst einmal einen angenehmen beginnenden Mai.


Predigt zum Feuerwehrgottesdienst

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da war und der da ist und der da kommt!

Liebe Gemeinde,

dem Jungen, den wir vorhin getauft haben ist ein Pauluswort als Taufspruch aufgegeben: „Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht.“ Diesen Vers aus dem Römerbrief wollen wir heute bedenken.

Nun ist es nicht meine Art, und das fröhliche Ereignis einer Taufe und der festliche Rahmen unseres jährlichen Bittgottesdienstes für unsere Feuerwehr vielleicht auch nicht der passende Anlass, um von großen Sorgen zu reden.

Dennoch trete ich an diesem 1. Mai vor euch hin, um genau davon zu sprechen. Benedikt XVI. hat in seiner Rücktrittserklärung vor zwei Jahren den Zustand unserer Zeit wie folgt beschrieben: „Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen.“

Was vor zwei Jahren bereits zweifellos zutreffend war, muss uns heute nun geradezu als prophetische Voraussicht erscheinen. In großen Teilen dieser Welt scheinen alle Dämme, die bisher, wenn nicht Recht und Wohlstand, so doch wenigstens ein Mindestmaß an Ordnung gesichert haben, gebrochen zu sein. Der Nahe und Mittlere Osten und große Teile Afrikas versinken in Chaos und Elend. Das Zerstörungswerk an den orientalischen Kirchen, das bereits so viele leidvolle Stationen aufweist, findet grausamste Fortsetzung. Krieg, Not und Verzweiflung der Menschen haben eine wahre Völkerwanderung in Gang gesetzt, die uns zur Mitmenschlichkeit herausfordert, in vielem aber über alle Kräfte zu gehen droht.

Fürwahr wird die Welt durch Fragen und Ereignisse hin und her geworfen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind. Das hat es zwar auch in der Vergangenheit häufiger gegeben. Jetzt scheinen uns aber vor allem die geistigen Widerstandskräfte auszugehen.

Denn wie, so frage ich heute, will man diesen Problemen entgegentreten, wenn nicht zunächst durch einen tiefen und festen Glauben? Gerade der aber schwindet nicht nur, sondern er wird in einer für Europa beispiellosen Weise zersetzt. Die Minderheitssituation der Christen wird immer bedrückender, die Art, wie an manchen Schulen mit Christen und ihren Glaubensinhalten umgegangen wird, ist alarmierend. Was ereignet sich da mitten unter uns?

Es ist die Gleichheitsideologie, die hier Triumphe feiert. Es wird Gleichheit propagiert und dadurch Gerechtigkeit in Aussicht gestellt. Inzwischen wird schon fast jeder Unterschied mit geradezu krankem Eifer bekämpft. Dieses Denken will vergessen machen, dass die unterschiedslose Welt eine tote Welt ist. Es ist meine Überzeugung, dass genau darin ihr Ziel demaskiert wird! Hier wird in allem Fortschritt propagiert und tatsächlich Zerstörung betrieben. Das war aber immer der Charakter revolutionärer Bewegungen, wir sollten darum auch weniger überrascht sein, dass wieder eine große Umwälzung in der Geschichte nicht hält, was sie verspricht.

Wie aber hängt nun all das mit unserem Leben hier in Schönhausen zusammen? Und was können wir tun?

Zunächst müssen wir sicher sein, dass die Folgen der globalen Veränderungen auch in unserem Dorf hier an der Elbe ankommen werden. Der Boden ist auch hier bereitet. Nur noch ein Fünftel der Einwohnerschaft zählt sich zur christlichen Kirche. Längst sind wir nicht mehr allein in der Lage, die Grundlagen unseres Zusammenlebens und die Weise unserer angestammten Lebensführung zu garantieren. Nur unter größter Mühe erhalten wir mal gerade das, was die Generationen vor uns geschaffen haben, diese Kirche, das gemeindliche Leben, die Ordnungen des Glaubens und unsere Bekenntnisse.

Wir erhalten alles das, und wir leisten darin einen Dienst an der ganzen Gemeinschaft. Denn wenn auch nicht alle zuweilen und viele dieses Haus gar nicht besuchen, es würde ihnen auffallen, wenn es fehlte. So ist auch in ihrem Leben der Ruf noch immer präsent: Gehet hin zu allen Völkern und machet sie zu meinen Jüngern. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

Das nämlich ist der Auftrag, der sich hinter dieser Fassade verbirgt. Das ist der Ruf, der mit unserem Turm in die Landschaft hineingesetzt ist und den unsere Glocken mit ihrem Klang über das Land tragen. Wir glauben, dass die Menschen, wenn sie diesen Auftrag erfüllen, Einheit, Frieden und Ordnung finden. Wir sind davon überzeugt, dass man gerecht wird, wenn man von Herzen glaubt.

Darin wird die Gerechtigkeit gefunden, die wahr ist und Bestand hat. Der Mensch wird gerecht, wenn er sich auf Gott richten lässt. Gerechtigkeit hat damit zu tun, sich ausrichten zu lassen, Einfluss nehmen zu lassen auf sein inneres Wesen und nicht nur auf seinen äußeren Besitz, wie es heute so gern und hohl suggeriert wird.

Wir sind davon überzeugt, dass mit der Taufe ein Band um die Menschen gelegt wird, das sie auch mit Gott verbindet, und das sie zur Mitmenschlichkeit, zur Wahrheit, zur Treue und zur Liebe verpflichtet. Unter den Maßgaben der Mitmenschlichkeit, der Wahrheit, der Treue und der Liebe versuchen wir unser Leben und das Gemeinwesen immer wieder zu ordnen, und wir versuchen es selbst dann immer wieder, wenn uns Unmenschlichkeit begegnet, wenn die Lüge scheinbar triumphiert, wenn uns die Treue gebrochen wird, und wenn wir unter Lieblosigkeit leiden.

Immer wieder diesen Versuch auch in der Aussichtslosigkeit zu unternehmen, das ist es, was er geboten hat, und was wir halten sollen. Was er, der auferstandene Herr, geboten hat, das soll das Fundament unserer Ordnung und unseres Zusammenlebens sein.

Ist das nun ein so ferner und fremder Gedanke, dass er die Entchristlichung, die wir in unserem Volk und auch hier in unserem Dorf schleichend seit Jahren und Jahrzehnten beobachten, rechtfertigen würde?

Meine Antwort darauf wird in diesem Raum niemanden überraschen. Natürlich ist er es nicht. Dieser Gedanke ist weder fern noch fremd, und darum tragen wir ihn mit all unserer Kraft weiter. Die Taufe von Leonard ist dafür ein ganz wunderbarer Ausdruck. Und seht doch, wie sehr er sich auch in dem spiegelt, was ihr selbst tut.

Eine Feuerwehr ist uns ja nicht darum nötig, weil Kameradschaft so etwas Schönes ist, man gerne zusammensitzt, zuweilen auch Bier trinkt und mit eindrucksvollen roten Autos durch die Gegend fahren kann. Eine Feuerwehr gibt es, weil die Gefahren von Feuer, Katastrophen und Unfällen real sind, und wir uns gegen sie zur Wehr setzen müssen.

Die Abwehr ist doch nun aber nicht allein durch guten Willen oder die löbliche Absicht zu organisieren. Da braucht es Menschen, die sich dieser Aufgabe ganz verschreiben – nicht mal nur einen Nachmittag. Es braucht Menschen, die sich in den Dienst rufen lassen und ihn dann treu ausführen. Fred Götze tut das nun seit 50 Jahren, Günter Jacobs, Marie-Luise Haak, und Karl-Heinz Pick seit 45, Karin Grothe seit 35 und Sandro Tessmer immerhin schon seit 10 Jahren – er ist aber auch noch viel jünger.

Auch kann man kein Feuerwehrangehöriger sein, ohne irgendetwas zu wissen. Man muss schon bereit sein auch alles zu lernen, was zu dieser Aufgabe gehört und man muss ausführen, was der Wehrleiter anordnet. Ich weiß von Karl-Heinz Pick, wie vielfältig und aufwändig das Fortbildungsprogramm der Feuerwehr über das Jahr hinweg ist, wie oft in Übungen der Ausbildungsstand überprüft wird und wie ideenreich durch die Arbeit der Kinder- und Jugendfeuerwehr um den Nachwuchs gerungen wird.

Dazu kommt, dass man sich aufeinander verlassen können muss. Es braucht eine Ordnung und es verlangt nach Grundsätzen, wenn man den Kampf gegen die Gefahren der Welt führen will.

Wenn dies nun aber schon für Feuer, Unfälle und Naturkatastrophen gilt, wieviel mehr gilt das im Hinblick auf die Gestalt der Welt und unseres Lebens?

Nun kann man gerne behaupten, an die Stelle des einen kann immer auch etwas anderes treten, und das kluge Reden kennt selten Grenzen. Mir ist dergleichen bei der Brandbekämpfung allerdings noch nicht begegnet, und allein darum schon bin ich entschieden der Ansicht, dass wir unsere Feuerwehr erhalten, jeder auf seine Weise unterstützen, und für sie beten sollen. Vor allem aber ist heute ein Tag, an dem wir einfach auch einmal wieder Danke sagen können, denn auch im letzten Jahr gab es wieder einige, nie ungefährliche Einsätze. Ihr habt Euren Auftrag gewissenhaft erfüllt, der Gemeinschaft gedient und uns allen ein Beispiel gegeben.

Ihr habt uns allen ein Beispiel gegeben, wie man sinnvoll und wirksam auf einige besondere Gefährdungen, denen wir ausgesetzt sind, reagiert.

Ich kann hier heute nur den Rat geben, dass wir genau auf diese Weise auch im Hinblick auf alle Gefahren, die ich anfangs nannte, handeln sollten und handeln müssen. Wir müssen das, was uns wirklich und dauerhaft bindet, stärken. Wo der christliche Charakter unseres Landes und unseres Volkes zerfällt, da werden wir nichts mehr haben, was wir entgegensetzen können, wenn die großen Gefährdungen unserer Gegenwart in Schönhausen ankommen. Wir werden dastehen, wie solche, die die Feuerwehr abgeschafft haben, weil ihnen etwas Besseres vorschwebte, und sie vielleicht ihre Hoffnung darauf setzten, dann hörten auch die Brände auf. Als aber der große Brand kam, da waren gerade die guten Absichten das Verhängnis. Nur, wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht.

Amen

Der Friede des auferstandenen Herrn, der höher ist denn unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne.

Amen
Thomas Roloff

Sonntag, 26. April 2015

Sonntag &


Von der Shortlist dessen, was Frau Mutter für eßbar hält, sind nun also auch die Königsberger Klopse vertrieben. Den Gründen dieses Liebesentzugs forschen wir nicht nach, aber leichter macht es die Abläufe nicht.

Eine Verschlechterung des Sonnabend-Wetters brachte mich dazu, lieber den kürzeren Weg zu wählen und an dem entsprechenden Ort besser etwas käuflich zu erwerben, das unverfänglich ist (oder wo man sich das zumindest einreden kann). Also Gehacktes vom Rind und Schwein.



Frau Mutter hat sich davon am Sonntag-Vormittag (nachdem ich die Devise der „Trennkost“ ausgegeben hatte) unter beiläufiger Hilfe also „Brat-Klopse“ gebraten, die sie später auch (bis auf die, welche die später noch Erwähnung finden werdenden Hühner bekamen) tapfer aufgezehrt hat.

Und ich wiederum wollte mich noch einmal an einem Hackbraten versuchen (in dem ich als Füllung dann auch „deftige“ Knacker-Würste umbringen konnte, die mir jemand mitgebracht hatte (es ist merkwürdig, wenn Leute auf den Gedanken kommen, sie täten einem einen Gefallen, lassen sie davon auch ungern ab). Denn bei einem Hackbraten ist es nun mal so, an und für sich schmeckt er nach nüscht, die Zutaten ergeben dann mitunter etwas Aroma. Das begann mit geschmorten Zwiebeln und ebenfalls (abgebrüht und enthäuteten) geschmorten Tomaten.



Zu dem Hackfleisch gesellten sich nochmal Zwiebeln, das Grüne von Frühlingszwiebeln, sehr viele (tiefgefrorene) mediterrane Kräuter, Eier, Semmelmehl, Pfeffer & Salz, bereits erwähnte Würste, ich habe mit Sicherheit jetzt etwas vergessen.

Das Ganze kam in den Ofen, erst abgedeckt, dann später mit dem Sud (der später erwartungsgemäß für eine Saue herhalten mußte) übergossen. Also ein Geschmackserlebnis war es schon (ich mußte danach viel trinken); aber nein, es ging. Dazu Blumenkohl (dem diesmal die braune Butter fehlte, wie gerügt wurde, aber wir wollen ja auch keine Abhängigkeiten erzeugen). Das dazu. Ach ja, das Federvieh.


Das Leben ist doch immer wieder voller Schönheiten, hier etwa kümmern sich Nachbars Hühner hingebungsvoll um die Frühlingsblumen.


Es war also ein eher entspannterer Sonntag (und die Garstigkeiten, so habe ich beschlossen, packe ich ab jetzt sowieso in eine gesonderte Rubrik).



nachgetragen am 28. April

Montag, 20. April 2015

Misanthropisches I

Molière, "Le Misanthrope"

Garstig Unterhaltendes oder was mir sonst noch die darauf folgende Woche so durch den Kopf schoß, vel "Misanthropisches": Ich dachte einfach, ich würfel einmal zusammen, was an Gedankenfetzen so in mir herumspukte, vielleicht wird eine Rubrik daraus, vermutlich aber eher nicht:

Was ich heute Nachmittag als Gottesdienst hörte, war von der musikalischen Seite her eine Melange aus Richard Clayderman, Taizé und Jesus Christ Superstar und noch etwas Viertem, dessen Herkunft ich gerade suche. Und das war die bessere Seite. Von der Predigt schweigen wir.

Jetzt weiß ich endlich, warum man diese Haarpracht „Donnerwelle“ nennt, denn gewissermaßen schlägt erst der Blitz ein, und danach erfreut sich frau des Volumens, das ihrem Kopf gerade zugewachsen ist.

Wenn (manche) "Weibspersonen" bei etwas „erwischt“ werden, machen sie Ausflüchte, sind verletzt, beleidigt, erheben Gegenvorwürfe, fangen an zu weinen oder lenken anders ab; die Sache selbst ist gleichgültig. Es ist einfach ihre Natur, daher bleibt alles Reden sinnlos.

Wo unser Herr und Heiland und Preußens Friedrich II. sich an der Wand gegenüber hängen, denke ich, sie sehen beide recht leidend aus, gut bei unserem Herrn gehört das sozusagen dazu, aber bei F. II überrascht es irgendwie, warum eigentlich?

Wer auf Wahrheit pocht, sollte zumindest wahrnehmen, wenn es hohl klingt.

Was den linken oder sonstigen Spießer gegen authentische Kunst einnimmt, ist das „Mehr“, ihr „Transzendenz-Plus“, das ihn auf sich selbst zurückwerfen würde, nähme er sie ernst.

Kultur entsteht durch die Einsicht, daß Unterschiede eine Bedeutung haben. Distinktionsfähigkeit ist das Lebensmerkmal einer Gesellschaft, die den Unterschied für wesentlich hält. Wie alles Menschliche ist auch er zwiespältig, diesen Zwiespalt aber nivellieren zu wollen, greift das Menschliche in seinem Wesenskern an. Denn das Humane ist immer von einer gewissen Qualität.

Der Behauptung einer verifizierbaren Tatsache, jemand sei etwa mathematisch unmusikalisch, wird heute gern reflexhaft entgegengehalten, damit habe der Behauptende gerade etwas besonders Böses und Menschenverachtendes gesagt. Da erscheint dann auch ein Obdachloser „anders gepflegt“. Beobachtungen werden mit einer eigens kreierten Moral abgewehrt. Derlei Leute mögen keine Fakten und finden sie im Zweifel  - vor allem unmoralisch.

Wer als Historiker Partei ergreift, hat seinen Gegenstand bereits verraten.

Wenn man nur Zahlen in die Waagschale werfen müßte: Die Menge der Priester, Nonnen, Bischöfe oder einfachen Gläubigen, die seit der sog. Französischen Revolution erschlagen, erschossen, verbrannt oder sonstwie zu Tode gebracht wurden, im Namen einer der nachfolgenden atheistischen Groß-Ideologien,  hat offenkundig bereits während des erstgenannten zivilisatorischen Groß-Ereignisses die tatsächliche Zahl der Opfer sagen wir der Spanischen Inquisition (weil da die Quellenlage am besten ist) sehr schnell übertroffen, dies wäre dann ein Argument, wenn man auf eines setzen könnte - nüchterne numerische Vernunft.

Bei Mißdeutungen auf Mißverständnisse zu setzen, setzt den guten Willen des anderen voraus, wie käme man dazu?

Aus „Lustige Verleser“: „Ertränken, leicht gemacht.“

nachgetragen am 27. April