Samstag, 31. Oktober 2020

Aussprüche von unserem Vater Luther über mehr weltliche Sachen

Martin Luther, leicht verändert, hier gefunden

Über die Künste

„Die Schwärmer gefallen mir auch deshalb nicht, weil sie die Musik verdammen. Denn sie ist erstens ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen; zweitens macht sie fröhliche Herzen; drittens verjagt sie den Teufel; viertens bereitet sie unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Den ersten Platz nach der Theologie gebe ich der Musik.“

„Es ist kein Zweifel: Viele Samen guter Eigenschaften stecken in den Gemütern, die von der Musik ergriffen werden; die aber nicht von ihr ergriffen werden, sind, denke ich, Stümpfen und Steinen gleich. Denn wir wissen, daß die Musik auch den Dämonen verhaßt und unerträglich ist.“

„Ich bin auch nicht der Meinung, daß durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche falsche Geistliche vorgeben, sondern ich möchte alle Künste, besonders die Musik, gerne sehen im Dienste dessen, der sie gegeben und geschaffen hat.“

Gustav Spangenberg (1828–1891), Luther im Kreise seiner Familie musizierend, hier gefunden

Über den Mißbrauch der Vernunft

Es ist wahr, daß halbgelehrte Leute die unnützesten Leute auf Erden sind, und wäre ihnen viel besser, daß sie gar nichts könnten. Denn sie gehorchen niemand nicht, können es alles selbst bessser denn alle Welt, wissen zu urtheilen alle Kunst und Schrift, und Summa, sie können niemand etwas Rechtschaffenes lehren und lassen sich auch von niemand lehren."

„Erasmus ist ein rechter Momus, der alles verspottet, auch die ganze Religion und Christum. Und auf daß er's desto baß tun könne, erdenkt er Tag und Nacht Wankelwort, daß seine Bücher auch können von Türken gelesen werden. Wenn man meinet, er habe viel gesagt, so hat er nichts gesagt. Denn alle seine Schriften kann man ziehen und deuten, wie und wohin man will.

Erasmi vornehmste Lehre ist, man soll den Mantel nach dem Winde hangen, dass er möchte Ruhe und gute Tage haben und ist gestorben wie ein Epikuräer.“

Lucas Cranach d. Ä., Melancholie, hier gefunden

Ob man dem Übel wehren solle

"So mich Jemand in meinem Hause übereilete, und mir und den Meinen Gewalt thun und sie beschädigen wollte, bin ich, als ein Wirth und Hausvater schüldig, mich zu wehren und sie zu vertheidigen; viel mehr aufm Wege und Landstraße. Ich bin oft von unserm Gnädigsten Herrn erfodert worden, da ich wol auf der Straße wäre zu greifen gewest. Wenn mich Straßenräuber oder Mörder hätten wollen beschädigen, und mir unrechte Gewalt thun, so wollte ich mich von wegen des Fürstenamts, als sein Unterthan und Diener, ihrer gewehret und Widerstand gethan haben, denn sie griffen mich nicht an um der Euangelii willen, als einen Prediger und Glied Christi, sondern als des Fürsten und der Oberkeit Glied; da soll ich dem Fürsten helfen sein Land reine halten; kann ich ihn erwürgen, soll ich das Messer auf ihn legen, und frei das Sacrament empfahen; soll ich doch in Nöthen einen guten Gesellen retten, viel mehr einem Fürsten sein Land. Würde ich aber angegriffen um Gottes Worts willen, und als ein Prediger, da soll ich leiden, und die Rache und Strafe Gott befehlen. Denn ein Prediger soll sich nicht wehren, darum nehme ich kein Messer mit auf die Kanzel, sondern allein auf dem Wege, wenn ich wandere und uber Feld ziehe."

Albrecht Dürer, Ritter, Tod und Teufel, hier gefunden

Über die Weiber und das Trinken

„Magister Georgius Spalatinus hatte einmal an Kurfürst Friederichs zu Sachsen Hofe gesagt: Daß Cornelius Tacitus schriebe, daß bei den alten Deutschen keine Schande gewesen, Tag und Nacht zu saufen. Solches höret nun ein Edelmann und fraget ihn: Wie alt solchs wohl sei, da dies geschrieben worden wäre? Als er nun antwortet: Es sei wohl bei fünfzehnhundert Jahren. Da spricht der Edelmann: 'O lieber Herr, weil Vollsaufen also ein alt, ehrlich Herkommen ist, so lasset's uns jetzunder nicht abbringen!'“

"Der Wein und die Weiber bringen manchen in Jammer und Herzeleid, machen viele zu Narren und wahnsinnigen Leuten; wollen wir drum den Wein wegschütten, und die Weiber umbringen? Nicht also! Gold und Silber, Geld und Gut stiften viel Böses unter den Leuten: soll man drum Solches alles wegwerfen? Nein, wahrlich! Ja, wenn wir unsern nächsten Feind vertreiben wollten, der uns am allerschädlichsten ist, so müßten wir uns selbst vertreiben und tödten. Denn wir haben keinen schädlicheren Feind, denn unser eigen Herz; wie der Prophet Jeremias sagt C. 17., V. 9."

„Die Weiber sind von Natur beredt und können die Rhetoricam, die Redekunst, wol, welche doch die Männer mit großem Fleiß lernen und uberkommen müssen. Das aber ist wahr, in häuslichen Sachen, was das Hausregiment belanget, da sind die Weiber geschickter zu und beredter; aber im weltlichen politischen Regiment und Händeln tügen sie nichts, dazu sind die Männer geschaffen und geordnet von Gott, nicht die Weiber.“

„Weiber reden vom Haushalten wol als Meisterin mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimm und also, daß sie Ciceronem, den beredtesten Redener, ubertreffen; und was sie mit Wolredenheit nicht können zu Wegen bringen, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wolredenheit sind sie geboren; denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu den Händeln denn wir Männer, die wirs durch lange Erfahrung, Übung und Studiren erlangen. Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so tügen sie nichts. Denn wiewol sie Wort genug haben, doch feilet und mangelts ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen, drüm reden sie auch davon läppisch, unordentlich und wüste durch einander uber die Maaße. Daraus erscheinet, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policey, zu weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“

„Auf Erden ist kein größer Plage denn ein bös, eigensinnig, wünderlich Weib. Drüm spricht Salomo: ‚Ein Land wird durch dreyerlei unruhig, und das vierte mag es nicht ertragen: Ein Knecht, wenn er König wird; ein Narr, wenn er zu satt ist; eine Feindselige, wenn sie geehlichet wird, und eine Magd, wenn sie ihrer Frauen Erbe wird‘. (Spr. 30, 21 – 23)“

Albrecht Dürer, Adam und Eva, hier gefunden

Was Gutes vom Weibe zu sagen ist

"Wo findet man ein tugendsam Weib? Ein fromm, gottfürchtig Weib, ist ein seltsam Gut, viel edler und köstlicher denn eine Perle; denn der Mann verläßt sich auf sie , vertrauet ihr Alles. Da wirds an Nahrung nicht mangeln. Sie erfreuet und macht den Mann fröhlich und betrübt ihn nicht; thut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang; gehet mit Flachs und Wolle um, und arbeitet und schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist wie ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel Waar und Gut bringet. Frühe stehet sie auf, speist ihr Gesinde, und gibt den Mägden ihren bescheiden Theil, was ihnen gebührt. Denkt nach einem Acker und kauft ihn, und lebt von der Frucht ihrer Hände, pflanzet Weinberge und richtet sie fein an, wartet und versorget mit Freuden, was ihr zustehet. Was sie nicht angehet, läßt sie unterwegen und bekümmert sich damit nicht.

Sie gürtet ihre Lenden fest, und stärkt ihre Arme; ist rüstig, im Haus. Sie merkt, wie ihre Händel Frommen bringen, verhütet Schaden, und siehet, was Frommen bringet. Ihre Leuchte verlischt nicht des Nachts. In der Noth hat sie Nothdurft, sie streckt ihre Hände nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel; arbeit gern und fleißig. Sie breitet ihre Hände aus zu den Armen, und reicht ihre Hand den Dürftigen, gibt und hilft gerne armen Leuten. Sie fürchtet ihres Hauses nicht fur dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider; hält ihr Haus in baulichem Wesen mit Dachung und Anderm. Sie macht ihr selbs Decke. Weiße Seiden und Purpur ist ihr Kleid; hält sich reiniglich und ihre Kleider werth; geht nicht schlammig und beschmutzt daher. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist. 

Sie thut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre; zeucht ihre Kinder fein zu Gottes Wort. Sie schauet, wie es in ihrem Hause zugehet, und isset ihr Brod nicht mit Faulheit; nimmt sich fremder Händel nicht an. Ihre Söhne kommen auf, und preisen sie selig; ihr Mann lobet sie. Viel Töchter bringen Reichthum; aber ein tugendsam Weib übertrifft sie alle. Lieblich und schöne seyn ist nichts. Ein Weib, das den Herrn fürcht, soll man loben. Sie wird gerühmet werden von den Früchten ihrer Hände, und ihre Werke werden sie loben in den Thoren etc. Also sagt Salomo in seinen Sprüchen am letzten Capitel. Redet wol, wie es seyn sollte, und weislich; hat eine holdselige, liebliche Zunge, schilt nicht. (Spr. 31.10ff.)“

"Frauen und Jungfrauen, ob sie gleich Mangel und Fehl haben, soll man doch nicht öffentlich schmähen weder mit Worten noch mit Schriften, sondern in geheim strafen...  Darum als Eva zu Adam gebracht wurde, da ist er des heiligen Geistes gar voll, und gibt ihr gar einen herrlichen, schönen Namen, und heißet sie Eva, das ist, eine Mutter aller Lebendigen. Er nennet sie nicht sein Weib, sondern eine Mutter, und setzt den Anhang darzu: 'aller Lebendigen'. Da hast du das höchste Kleinod, Ehre und Schmuck der Weiber, nehmlich daß sie sind fons omnium viventium, die Bronnquelle und Ursprung, daher alle lebendige Menschen kommen. Solches sind wol kurze Wort, aber es ist ein herrlich Encomium [d. i. Lobrede]."

Lucas Cranach d. Ä., Faun mit seiner Familie, hier gefunden

Von Weltdingen und weltlichem Regiment

"Die Erfahrung bezeugets, daß die Obrigkeit und Juristen oftmals böse seyn und ubel haushalten und ihr Amt und weltlich Regiment ohne Sünde nicht ausrichten, und ihrem Stande, den sie als publicae personae führen, nicht können gnung thun. Das ist denn die Ursache, daß die Obrigkeit auch eine Privatperson an ihr hat, dieselbige ist sündhaftig, steckt in vielen Gebrechen und Sünden; darüm richtet sie so viel Böses an und thut Unrecht. Gleich als wenn einer ein schärtig Beil hat, da verderbet er Alles mit, was er darmit häuet. Item man saget auch, daß böse Zimmerleute machen grobe Späne. Drüm, weil unser Privatperson eine Sünderin und durch die Erbsünd ganz und gar verderbt ist, derhalben so verderbet sie die publicam personam auch, daß sie bisweilen viel Unrechts thue, es komme einer gleich ins Predigtamt oder in die weltliche Regierung. Wiewol unser Gott die Kunst auch kann, daß er oft durch böse Personen wol regieret oder Buben mit andern Buben strafet."

"Die Fürsten von B. [Bavariae Principes] sind allzeit stolz und hoffärtig gewest, und dem Hause Osterreich heftig feind, also daß Kaiser Maximilianus gesaget hat: 'Wenn man die zwey Blut Osterreich und Bayern in einem Topfe sieden wollte, so würde eins heraus springen.' Denn sie vergönnen [d. i. mißgönnen] dem osterreichischen Blute das Kaiserthum, rühmen sich, sie seien auch des Holzes, daraus man Kaiser mache... Die deutschen Kaiser sind furtreffliche Helden und nicht solche Teufel und Höllebrände gewest, wie die römischen und welsche Kaiser."

Albrecht Dürer, Kaiser Maximilian I., hier gefunden

Von einem wunderlichen Hirschen, welcher einen Wechsel des Regiments nicht hat wollen ertragen und Kaiser Maximilian

"'Zur Locha bey Wittenberg,' sagte Philipp Melanchthon ein Mal zu D. L. uber Tisch, 'da hats ein Hirsch im Flecken gehabt, der war zahm gewesen und alle Jahr im Monat Septembre in den Wald in der Hirschbrunst gelaufen, und im Octobre wieder heim kommen, und das ganze Jahr uber sonst im Städtlein geblieben. Dieses hat er viel Jahr gethan. Aber im  1525. Jahre, da ist Kurfürst Friederich gestorben, da ist der Hirsch wegkommen und nicht mehr gesehen worden; denn weil er seinen Herren verloren hatte, so hat er bey einem neuen und andern Herrn nicht bleiben wollen.'"

Des Kaiser Maximiliani Reim: "'Tene mensuram, et respice finem!' - das ist: Halte Maß und gedenke aufs Ende. Dies Dictum ist feiner denn Kaiser Carols Plus ultra!"

Albrecht Dürer; Herkules, die Stymphalischen Vögel tötend, hier gefunden

Zum Beschluß

"Wer im 20. Jahre nicht schöne, im 30. Jahre nicht stark, im 40. nicht klug, im 50. nicht reich wird, der darf darnach nicht hoffen. Alter hilft fur Thorheit nicht!"

Albrecht Dürer, Porträt eines jungen Mannes, hier gefunden

begonnen am Gedenkfest der Reformation und beendet am Tage des Hl. Martin

Freitag, 30. Oktober 2020

Beim Vorbeigehen






Der Schönheit Dinge sind 

Nicht zum Schein erschaffen;

Wo Seele sich entsinnt

Urgrunds, wohlbeschaffen,

Da führt die Wohlgestalt

Sie heim zurück ins Sein,

Nimmt dann den Aufenthalt

In deren Mitte ein.


nachgetragen am 4. November

Dienstag, 13. Oktober 2020

Oktober


Sehnsucht will den Tag ertränken

Abend blüht aus Nebelbänken

Erdenschwere strebt empor

Hin zu einem lichten Tor.  

Unbegreiflich geh‘n dort ein

Halblicht und Karfunkelstein.




Sonntag, 4. Oktober 2020

Nachträge zu Markus &

Wo die Gerüste doch noch, nun ja, gefallen sind, letztlich wegen des 3. Oktobers, an der Eingangsfassade der Schloßkirche zu Neustrelitz, ein paar zögerliche Anmerkungen. Ach, warum wegen des 3. Oktobers? Am 2. war eine Art von rudimentärem Festakt in Würdigung desselben, eigentlich ein Konzert, irgendwo zwischen der Morgenstimmung von Edvard Grieg und dem Kleinen grünen Kaktus angesiedelt, nett, ja. Das erste der folgenden Bilder zeigt etwas von der Innenillumination, das andere den Tag danach.


Meine restlichen Einfälle zu Anlaß etc. behalte ich für mich.

Zurück zur Fassade. Mein Enthusiasmus wurde etwas gebremst angesichts des Ergebnisses. Der Herr Bürgermeister meinte zwar, es wären die herausragendsten Restauratoren durch die Stadt bemüht worden, und mehr hätte den Stein angegriffen, worauf ich zurückhaltend einwandte, nun sub specie aeternitatis mag es immer noch Besseres geben, jedenfalls in der Zukunft. 

Jede Gegenwart ist einmal vorbei, hoffen wir einfach, daß diese es einmal schneller schafft. Wäre die Figur des Evangelisten Johannes jedenfalls eine unter uns lebende Gestalt, würde er wahrscheinlich wegen „Blackfacing“ angegriffen (er ist der rechts mit dem Adler zu Füßen). Wie auch immer. Doch siehe das Vorige.

Und außerdem wollen wir uns hier auf das unbestreitbar Erfreuliche richten - auf den Evangelisten Markus; ganz auf der linken Seite begegnet er uns. 

Und nur zur Erklärung, zu seiner Rechten (vom Betrachter aus gesehen) befinden sich Lukas (mit dem Stierkalb, im Bild darüber links), der bereits erwähnte Johannes und ganz rechts Matthäus (auch erfreulich anzuschauen).

Doch zurück zu Markus. Wir wissen nicht so furchtbar viel über ihn. Was man alles über ihn gar nicht erfahren will, kann man dort übersichtlich nachlesen. Das unter seinem Namen überlieferte Evangelium ist das kürzeste und wohl auch älteste. So er mit dem im Neuen Testament überlieferten Markus identisch ist, war er ein Begleiter des Hl. Petrus und mit dem Hl. Paulus zeitweise verzankt, der sich aber mit ihm wieder versöhnt hat.

Möglicherweise endete er als erster Bischof von Alexandria und als Märtyrer ebendort, was uns zu folgender folgenreicher Geschichte bringt:

Vittore Carpaccio, Der Löwe des Hl. Markus, 1516
hier gefunden

Wohl im Jahr 828 trafen zwei venezianische Kaufleute, Buono da Malamocco und Rustico da Torcello, in Alexandria ein, das inzwischen von den Andersgläubigen in Besitz genommen worden war, um dort Geschäfte zu erledigen. Sie verehrten die Reliquien des Hl. Markus in der ihm gewidmeten Kirche und erfuhren von dem Gerücht, daß der heilige Ort von den Andersgläubigen entweiht, sprich zerstört, werden sollte, entweder um aus dem Marmor und den Säulen der christlichen Kirche einen Palast oder eine Moschee zu erbauen.

Um die Überbringer der Nachricht zu trösten, überredeten die Kaufleute sie, diese zusammen mit den Reliquien des Hl Markus nach Venedig zu bringen. In Weidenkörben versteckt und von Kohlblättern und Schweinefleisch bedeckt, brachten sie die heiligen Reliquien an den Zolleinnehmern vorbei, indem sie „Kanzir, Kanzir“ (Schwein) schrien und diese sie mit angewidert zugehaltenen Nasen durchließen.

Man sage nicht, daß nur die Andersgläubigen die Kunst der Täuschung verstünden, wo es doch, recht betrachtet, nicht einmal Täuschung war.

Die Reise nach Venedig blieb nicht ohne Gefahren. Aber am 31. Januar 828 (vermutlich) wurden die heiligen Reliquien vom örtlichen Bischof und dem Dogen Giustiniano Particiaco begrüßt und nach Venedig überführt, um bald in die zu Ehren der Heiligen errichtete Basilika zu finden. So wurde Markus, bereits Schutzpatron von Alexandria, auch Schutzpatron von Venedig.

Den Evangelisten sind in der Westkirche früh ihre Attribute zugesellt worden, als Deutung von zwei Stellen, einmal aus dem Alten und dann aus dem Neuen Testament (Hesekiel 1. 5ff und  Offenbarung des Johannes 4.7 ff.). Es sind beides eher dunkle Örter, aber danach können wir wenigstens, jedenfalls im Westen, die Evangelisten vom Bild her auseinanderhalten.

Venedig hat sich eben den Löwen des Markus erwählt. Diese Verbindung dürfte auch am meisten noch bekannt sein. Das erinnert u.a. an die segensreiche Schlacht von Lepanto und die Stiftung des Rosenkranzfestes vom 7. Oktober. Und da die Malerei, in Venedig behaust oder von dort her nicht ohne Einfluß, gibt es von diesem Evangelisten eben auch das eine oder andere angenehme Porträt.

Angelo Bronzino, Hl. Markus, hier gefunden

Und wie kommen wir jetzt wieder zurück zum Evangelisten Markus an der standhaften Hauptfassade der Schloßkirche zu Neustrelitz? 

Abhängig vom Standort des Betrachters wirkt er entweder melancholisch und philosophisch gelassen, den Löwen, sprich die geduldige Natur zu seinen Füßen, irgendwie tröstend, der gar keine Beruhigung nötig hat, so verträumt abwesend schaut er vor sich hin [fast kommen einem Bilder vom kultivierten und ebenfalls melancholischen Kaiser Hadrian in Erinnerung],

hier gefunden 

oder am Rande seiner Seelenstärke und Fassungskraft, von dem Löwen eine Art von Beruhigung empfangend? Sehr mysteriös das alles.

Pflichtgemäß müssen wir noch nachtragen, daß die Skulptur des Evangelisten von unserem Buttel gezeichnet und dem berühmten Wolff modelliert wurde, das jedenfalls dürfte stimmen.

Die Zeichen des Schönen stehen immer noch um uns, unser Inneres bewahrend. Nur anerkennen müssen wir sie.

beendet am 14. Oktober 


Samstag, 26. September 2020

Von Gräsern &

Alfred Sisley, Meadow (La Prairie), 1875

Eduard Stucken

Schwermut


Durch die Graswiese zieht

Well' auf Welle im Wind

und verebbt wie ein Lied,

das erjauchzend zerrinnt.


Wie ein Lied, das vergaß,

daß die Graberde schwer...

All die Blumen im Gras

sind wie Perlen im Meer.


Und ich lustwandle hier -

(bald gemäht ist das Heu!) -

und die Schwermut folgt mir

wie ein Hund getreu.

August Friedrich Overbeck, Buchweizenfelder am Weyerberg,
etwa 1897, hier gefunden

Friedrich Georg Jünger

Im Grase


Wer sich ins Gras legt,

Wer lang liegt, für den ist

Zeit und Mühn nichts.

Wer liegt, der vergißt.


Was sich um ihn bewegt,

Wenn er liegt,

Bewegt ihn sanft mit.

Er wird gewiegt.


Ihn verläßt, ihn flieht

Zahl und Zeit.

Er entrinnt, ihm verrinnt

Lust und Leid.


Weise wird er, still

Wie das Gras, das grüne Moos.

Er bettet sich tief

In der Himmlischen Schoß.


Der Wind kommt und geht.

Die Wolke zieht.

Der Falter schwebt. Der Bach

Murmelt sein Lied.


Halm und Laub

Zittern und flüstern leis.

Wasser und Wind

Gehen im Kreis.


Was kommt, geht. Was geht, kommt

In der Wiederkehr Gang.

In der Himmlischen Bahn

Wird die Welt Tanz, wird Gesang.

Franz von Lenbach, Hirtenknabe, 1860, hier gefunden


Kurze Nachbemerkung

Meine Mangelbildung enthüllend, muß ich gestehen, daß mir beide Dichter bis vor kurzem unbekannt waren. Einem Hinweis folgend, für den ich dankbar bin, hatte ich mich zuerst auf die Suche nach dem „jüngeren Jünger“ gemacht und stieß dabei zugleich auf den Herrn Stucken unter der Rubrik „Hundert notwendige Gedichte“ auf dem Blog „Le Penseur“. Dort begegnet einem vielerlei, aber hier will ich nur auf das eingehen, was die beiden obigen Dichter betrifft. 

Den Text von „Schwermut“ habe ich zwar woanders gefunden, aber der Autor, Eduard Stucken, wird dort mit seinem bekanntesten Roman „Die weißen Götter“ vorgestellt und seine Person als die eines „in den 1920er-Jahren zu Weltbekanntheit aufgestiegenen deutschen Kulturhistorikers, Ethnologen und Sprachwissenschaftlers“ etc. Jedes weitere Wort von mir wäre frisch angelesen und daher müßig. 

Hier werden seine "Fähigkeit zu virtuoser Reimtechnik und subtil berauschenden Wortkaskaden" gerühmt, die "sich mit einer Gedankentiefe" verbinde, wie sie "in der Literatur jener Zeit nur selten anzutreffen" gewesen wäre. Und in diesem Beitrag wird eines seiner beherrschenden Themen ausgemacht - das „Verhältnis von (scheinbarer) Realität und (vermeintlichem) Traum“. Lesenswert.

Und so man auch noch jenem Hinweis, zu Friedrich Georg Jünger, folgt, findet man nicht nur das obige Gedicht, sondern u.a. das Urteil „Zeitlebens ein wenig im Schatten des älteren und ‚prominenteren‘ Bruders Ernst stehend (mit dem ihn stets eine neidlose, enge Beziehung verband), hat er doch einige der schönsten Gedichte der deutschen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen.“

Albrecht Dürer, Das große Rasenstück, 1503, hier gefunden

Warum ich gerade diese beiden Texte ausgewählt habe. Nun beide haben diese zeitlose Gelöstheit, die rasch mit Leichtigkeit verwechselt werden könnte. Sicher, anderes auch. Aber wollen wirklich mit Versuchen in Tiefsinn ermüden? Jedenfalls nicht an einem so gleichmäßig verregneten Tag.

Johann Wilhelm Schirmer,  Meeresbrandung mit fernen Schiffen

beendet am 27. September

Sonntag, 20. September 2020

Von der Kuppel des Grauens

Christus Pantokrator, Potsdam, Friedenskirche, hier gefunden 

Vorbemerkung, die auch ausgelassen werden kann

Dieser Ort sollte ja dem Wahren, Guten und Schönen vorbehalten sein, und nicht dem Tage, wenn der in allzu offenem Widerspruch dazu steht. Das ist mir in den letzten Monaten schwergefallen, daher schwieg ich eher, wie leicht zu ersehen. Die Ausnahme, Fragen des Glaubens. Wo man innerlich schon mit 1 ½ Füßen in der Ewigkeit steht, will man sich‘s nicht auch da noch verderben.

Zuletzt geschah dies bei Pf. Latzel im Mai (Kirchenkampf in Bremen). Zunächst wäre nachzutragen, daß der wegen Volksverhetzung angeklagte Bremer inzwischen seinen Dienst vorläufig wieder aufnehmen durfte. Die Bremische Evangelische Kirche ließ weiter verlauten, er habe sich nach einem Dienstgespräch in einer Vereinbarung "zu einer Mäßigung im Rahmen seines Verkündigungsauftrags verpflichtet".

Das heißt wahrscheinlich, er wird einiges auslassen müssen, z. B. 1. Korinther 6,9f., oder will er denen etwa das Himmelreich vorenthalten (an das sowieso niemand mehr glaubt). Nein, die erst recht, alles andere wäre Diskriminierung und Haß.

Aber wer glaubt, derlei ließe sich nicht steigern, doch läßt es. Im Grunde ist es nur eine Art „Burgfrieden“. Der nächste Akt des Dramas ist bereits entworfen. Denn das Amtsgericht Bremen hat die Anklage wegen Volksverhetzung gegen Pf. Latzel zur Hauptverhandlung zugelassen. Wohl am 20. November wird verhandelt.

Wer dem Irrsinn unbedingt „ins Gesicht schauen“ will (und ein wirklich robustes Gemüt hat), der sehe sich diesen Beitrag des Lokalmagazins „buten un binnen“ von Radio Bremen an. Man kann den Ton wegstellen und nur die Physiognomien lesen, man kann aber auch Herrn Bernd Klingbeil-Jahr von der Bremer Friedensgemeinde zuhören, wie er von einem „Mischfeld aus christlichen Fundamentalisten und Faschisten“ spricht. „Aus diesem Milieu heraus, aus diesem braunen Mob“ würden „Aktionen geplant und durchgeführt, die diese Gesellschaft verändern“ (ab etwa 2.00 Min). 

Man kann aber auch in die letzte Predigt von Pf. Latzel in der St.-Martini-Gemeinde hineinhören. 

hier gefunden

Doch auf nach Berlin. Da ist es auch schön.


Die Kuppel, das Kreuz und eine Inschrift

Berliner Schloß (Humboldt Forum), September 2020, hier gefunden 

Teile der Kirchen im alten Europa und als „Speerspitze“ die evangelische Kirche in Deutschland erinnern an jemanden, der eine alte Sammlung religiöser Kunst zu kuratieren hätte und dem Besucher mit einem Augenzwinkern erklärte, man müsse natürlich gewisse Rücksichten auf traditionsverhaftete Besucher nehmen.

Aber man erwarte von ihnen sicher nicht die gleiche naive Herangehensweise. Die kommode Stimmung würde sofort zerstieben, erklärte dieser, doch, doch, seine eigene Haltung gegenüber jenen Kunstwerken sei durchaus nicht so sehr fern von diesen traditionell geprägten Verehrern. 

Das war die freundlichere Deutung. 

Die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses ruft in Menschen meiner Art mit sich kämpfende Gefühle hervor. 

Die Freude über das Wiedergewinnen von Schönheit und Erinnerung und Genugtuung  über einen weiteren Schritt der so vehement bekämpften Heilung. Andererseits das Wissen darum, was sich hinter dieser Oberfläche verbirgt. Doch siehe da, selbst die vermag eine gewisse Abteilung Mensch aus dem Häuschen zu bringen.

Denn ein Geschrei erhob sich aus der Unterwelt, als Ende Mai nicht nur das durch eine private Spende ermöglichte Kuppelkreuz seinen alten Platz zurückgewann, sondern darunter auch noch eine blasphemische Inschrift sichtbar wurde, deren Bestehen vorher irgendwie untergegangen war:

„Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ 

Dahinter stehen 2 Verse aus Apostelgeschichte 4, 12 und Philipper 2, 10, die König Friedrich Wilhelm IV. zu einer Inschrift zusammenstellte - 34 Zentimeter hohe, goldene Lettern auf einem den Tambour unterhalb der Kuppel umlaufenden blauen Band.

Schon auf dem Barockbau war eine Kuppel vorgesehen, zu der es aber nicht kam. Erst Friedrich Wilhelm IV. beauftragte Friedrich August Stüler (seit 1842 „Architekt des Königs) mit der Ausführung (bis 1853), statt einer profanen Kuppel wollte dieser König allerdings seine Schloßkapelle unter derselben. Wer sich über die Baugeschichte, nebst beigefügter Interpretation, näher informieren will, mag dazu diesem Artikel folgen: „Alfred Hagemann - Symbolpolitik. Die Kuppel Friedrich Wilhelms IV. für das Berliner Schloss, 25. Mai 2020“) 

Zum Innenraum gibt es dort Interessantes zu lesen, vorher muß man allerdings die Darstellung der Motivlage des königlichen Bauherrn durcheilen. Aber da der (der Innenraum, nicht der König) selbstredend nicht wiederhergestellt wird, müssen zwei Bilder genügen.


Schloßkapelle unter der Kuppel, um 1900, hier gefunden

Doch auch die Gestalt des Außenbaus gab der Ikonographie des Schlosses eine weitere, christliche Dimension. Auf den Ecken des Kuppelunterbaus alttestamentarischer Propheten, auf den Portalen christliche Tugenden, als oberer Abschluß der Kuppel eine von Engeln getrage Laterne. „Die Laterne wiederum wurde von einem 4,70 Meter hohen vergoldeten Kreuz bekrönt. Die neue Höhendominante des Schlosses war also nicht durch weltliche Zeichen der Monarchie ausgezeichnet, sondern durch Zeichen des Glaubens und der Herrschaft Gottes“ (nachzulesen ebenda). Das Schriftband erwähnten wir bereits.

Wir wollen mit einem freundlichen Bild diesen Abschnitt beenden. Es ist zwar teilweise mehr eine Phantasie, aber eine schöne.

Hermann Ziller, 1886, hier gefunden


Ein Zeichen, dem widersprochen wird

Nikolaj Nikolajewitsch Ge, Quid est veritas? 1890

hier gefunden

In der Logik, wenn es um Logik ginge, sollte es liegen, zu sagen: Das ist alles Dekoration, Oberfläche, das geht uns lange nichts mehr an. Wenn es um Logik ginge, im Geisterwehen dieser Zeit.

Ich habe mit dem vorigen Satz vorausgesetzt, daß es allgemein bekannt sei, welch heftige Debatten es um diese Kuppelrekonstruktion gab, genauer, um das Kreuz darauf. Übrigens steckt in der Überschrift schon wieder ein Bibelzitat (Lukas 2.34).

Simeon war ein gottesfürchtiger Mann, der auf den „Trost Israels“ wartete, und ihm war prophezeit worden, er würde nicht sterben, bevor er ihn sähe. Und von diesem Simeon heißt es, als er der allerseligsten Jungfau und des noch kindlichen Erlösers im Tempel angesichtig wurde:

Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.

So: Nichts Neues unter der Sonne, seit 2000 Jahren.

Jedenfalls fast. Es gibt möglicherweise einen neuen psychologischen Typos. Sagen wir es hilfsweise so, eine Fusion des Skeptizismus eines Pilatus und des aggressiven Machtzynismus eines Hohenpriesters. Ich spreche natürlich nicht von konkreten Menschen, sondern von religiöser Typologie. Eine neue Käfermutation gewissermaßen.

Und zu diesem Typos passend ein neuer Kult. Doch bevor ich den kurz bezeichne, ein wenig Anschauungsmaterial.

Ein Filmkritiker von der FAZ etwa brandmarkte das Kuppelkreuz als eine „Insignie der Intoleranz“ und, Goethe zitierend, nicht nur „vor deinem Jammerkreuz, blutrünstiger Christe“ sondern  unter der Verkündigungsformel eines absoluten christlichen Herrschaftsanspruchs würden künftig die Besucher an einen Ort strömen, der sich der Gleichwertigkeit aller Kulturen und Religionen und der Aufhebung des eurozentristischen Weltbildes verschrieben habe. Denn das Kuppelkreuz auf dem Berliner Schloß sei lediglich eine Machtgeste des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gewesen.

Ich mutmaße, ein Bild dieser Art spukte da durch seinen Geist:

Marc-Charles-Gabriel Gleyre, Romans Under the Yoke, 1858

 hier gefunden

„Insignie der Intoleranz“, das ist die aktuelle Formel dessen, was früher Gotteslästerung hieß.

Aber dazu wollen wir am Schluß (der bald kommen muß) noch etwas sagen. Erst einmal, auf der Kuppel thront kein preußischer Adler, sondern ein Kreuz, das ist etwas anderes, mag aber jemandem, der hier nur noch in säkularen Machtkategorien zu denken vermag, egal sein, ist es aber nicht. 

Daß die Formel „Von Gottes Gnaden“ ein Selbstverständnis zum Ausdruck bringt, das auch eine Demutshaltung einschließt, ist mutwillig oder aus Unwissen so fremd geworden, daß man es nicht mit wenigen Worten erklären kann. 

Ein Erklärungsbemühen wäre zudem müßig, dennoch will ich es einmal in einem anderen Beitrag versuchen. Eine Ahnung mag dieses Mosaik geben. Es befindet sich über dem Eingangsportal in die Hagia Sophia, das allein dem oströmischen Kaiser vorbehalten war.

Konstantinopel, Hagia Sophia, Kaiserportal, hier gefunden

Wir wollen noch von einem Kritiker zu einem Akteur wechseln und auch den hören. Zumal es wunderbar anschließt.

Der Bischof einer Kirche mit einem unaussprechlichen Namen (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz – EKBO), die sich auch einfach Kirche in Preußen hätte nennen können (aber allein bei dem Gedanken sieht man die Perlen des Angstschweißes auf der Stirn), dieser Herr Christian Stäblein also hatte jüngst das Kuppelkreuz immerhin verteidigt, sozusagen. 

Es sei vor allem Verpflichtung. Das zentrale christliche Symbol habe viel Mißbrauch in seiner Geschichte überstehen müssen, stehe aber für Hingabe, Vergebung und Versöhnung, "nicht Dominanz und Herrschaft".

Darum sei das Spruchband darunter auch so verwerflich: "Intolerante Exklusivitätsansprüche sind - auch als historische Zitate - gefährlich und brauchen Gegenbilder", so der Bischof.  Das geplante "House of One" - ein gemeinsames Haus für die Religionen werde ein solches Gegenbild sein. 

Ich hatte oben schon erwähnt, woher diese „historischen Zitate“ stammen. Das ganze Neue Testament ist voll davon. Wir wollen als ein weiteres Beispiel nach Apostelgeschichte 4, 12 und Philipper 2, 10 nur Johannes 14,6 in Erinnerung rufen:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Ich kann mir nicht helfen, aber ich höre hinter dieser gravitätischen Sprachkulisse von intoleranten historischen Exklusivitätsansprüchen eine Art „Pühh“ heraus, auch bekannt als „ist mir doch egal“.

Vermutlich muß man den eigenen Verein längst als große NGO oder derartiges ansehen, um nicht zu verstehen, daß es um den gar nicht geht. Es wird wenig helfen, einen Text in Erinnerung zu rufen, der noch nicht ganz so historisch ist

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Barmer Bekenntnis vom 31. Mai 1934

Noch einmal über das Wahre, Gute, Schöne

Wir sind Zeugen eines neuen Kultes, dessen Fetisch – Wörter vor allem dazu gedacht sind zu verschleiern. Das zum ersten. All diese Namen bedeuten letztlich etwas ganz anderes, und darum wäre es abwegig, sich von ihnen verwirren zu lassen. Es ist ein Kult, der sich gegen die Ideen stellt, die Plato vor langer Zeit als erster beschrieben hat, die Grundstruktur einer sinnhaften Welt.

Das Wahre: Wie fragt Pilatus unseren Herrn so bezeichnend - „Quid est veritas?“. „Was ist Wahrheit?“„Toleranz“ und „Respekt“ sind die neuen Zauberwörter und bedeuten doch eigentlich als Kampfbegriff nur: Wer bestimmte Überzeugungen als Wahrheit ansieht und nicht zugleich der Meinung ist, daß es auch viele andere, gern sich widersprechende Wahrheiten geben kann, oder auch gar keine, der ist respektlos gegenüber anderen Überzeugungen und natürlich intolerant und damit bereits als Gegner markiert.

Das Gute: Diese Stelle wird von einer Reihe von Wieselwörtern eingenommen -  „Diversity“, „Inklusion“, Vielfalt, bunt. Dahinter steht einmal die Annahme, daß es im Guten keine vertikalen Unterschiede gibt, im Horizontalen es aber nicht genug davon geben kann, je vielfältiger, man könnte auch sagen zerteilter, eine Gesellschaft, um so besser für sie. Die andere Annahme - der Mensch ist von Natur aus gut und gewissermaßen omipotent, durch nichts außer seiner selbst gebunden. „Emanzipation“ enthüllt als anthroplogische Maßlosigkeit. Und man ist natürlich nur von den Umständen darin gebremst, sich gegen die zu wenden, die diese Interpretation des Guten nicht teilen.

Das Schöne. In jedem gewonnenen Augenblick von Schönheit wohnt die Präsenz des Ewigen. Die Schöpfung ist als eine schöne geschaffen. Rekonstruktion von Schönem ist zugleich Heilung und Wiedergewinnen von Erinnerung. Eine Erinnerung aber, die nicht dem neuen Kult dient, ist bedeutungslos oder, schlimmer noch, gefährlich. So gewinnen die vielfachen Auslöschungsbemühungen auf einmal ihren Sinn. Und einen klaren Sinn bekommen auch diese hochemotionalisierten Reaktionen darauf, wenn etwas Altes und Schönes wiederhergestellt wird. Obwohl es doch Oberfläche, abgetan und ohne tiefere Bedeutung sein soll. Da es so wie die Wahrheit gar keine Schönheit mehr gäbe. 

Wenn es eines Beweises bedurft hätte, wie viel lebendiger diese alten und abgetanen Kulissen doch sind als die hochgeschäumten Aufgeregtheiten des Zeitgeistes in ihrer Sterilität, dann zeigen dies die Kämpfe um das Kreuz auf dem Berliner Schloß. Und das Schöne, das hinzutritt, die Jünger und Kämpfer des neuen Kultes merken es auch.

Max Klinger, Christus im Olymp, 1897

beendet am 22. September

Samstag, 5. September 2020

Dürer; Ritter, Tod und Teufel

hier gefunden 

Bann - Spruch


Ausgetrocknete Gedanken

Winden um die Seele sich,

Krümmen sie gleich Schattenranken,

Die hochgierten aus den kranken

Gründen, wohin niedersanken

Lebenslose knochenblanken

Ungestalten fürchterlich.


Übelwesen, Ungestalten,

Die sich in das Innre krallten,

Sollen hinfort nimmer walten,

Lebensbaum, so recke dich!

Streck und sprenge alle alten,

Falschen Fesseln, die dir galten,

Leb aus Gründen, wohlbehalten,

Tiefer, stärker, wunderlich.


Nein, das ist nicht aus einer Anthologie drittklassiger Dichter des vorvorigen Jahrhunderts. Wir haben es aus Gründen ein wenig in die jüngere Vergangenheit verschoben. Man betrachte es mit einer gewissen Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit, wobei erstere überwog.

nachgetragen am 13. September