Dienstag, 24. Mai 2016

Jung in Ravenna

Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna, Italien

„Ich.... wäre gern nach Rom gegangen, aber ich fühlte mich dem Eindruck dieser Stadt nicht gewachsen. Schon Pompeji war übergenug, die Eindrücke überschritten beinahe meine Aufnahmefähigkeit.“ So C. G. Jung in seinen Erinnerungen. Aber Ravenna hat er wiederholt besucht und dafür eine beeindruckende Geschichte zur Hand (wer eine Kurzfassung bevorzugt, findet sie auf dieser italienischen Seite).

Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna, Italien

Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna

Zunächst schreibt er, wie das Grabmal der Galla Placidia ihn erneut in eine eigentümlich ergriffene Stimmung versetzte. Anschließend wechselte er mit einer Bekannten in das Baptisterium der Orthodoxen. „Was mir hier zuallererst auffiel, war ein sanftes blaues Licht, das den Raum erfüllte, ohne daß ich mich jedoch darüber wunderte... Zu meinem Erstaunen sah ich dort, wo sich nach meiner Erinnerung Fenster befunden hatten, vier große Mosaikfresken von unerhörter Schönheit.“ Er ärgerte sich, daß er sich auf sein Gedächtnis so ganz und gar nicht verlassen konnte.

Baptisterium der Orthodoxen

„Das Bild auf der Südseite stellte die Jordantaufe dar; ein zweites im Norden den Durchgang der Kinder Israel durch das Rote Meer, das dritte im Osten verblaßte bald in der Erinnerung. Vielleicht zeigte es die Abwaschung des Aussatzes von Naeman im Jordan. In der alten Merianschen Bibel in meiner Bibliothek befindet sich eine ganz ähnliche Abbildung dieses Wunders. Am eindrücklichsten war das vierte Mosaik im Westen des Baptisteriums, das wir als letztes betrachteten. Es stellte dar, wie Christus dem untergehenden Petrus die Hand reicht.“

Mit seiner Bekannten unterhielt er sich vor diesem Mosaik über den ursprünglichen Taufritus, besonders über die merkwürdige Auffassung der Taufe als einer Initiation, die mit wirklicher Todesgefahr verbunden war. Derartige Initiationen seien oft mit Lebensgefahr verbunden, wodurch der archetypische Gedanke des Todes und der Wiedergeburt ausgedrückt würde. So wäre auch die Taufe ursprünglich eine richtige „Eintauchung“ gewesen, welche die Gefahr des Ertrinkens wenigstens andeutete.

Baptisterium der Orthodoxen

„Von dem Mosaik des untersinkenden Petrus bewahrte ich die deutlichste Erinnerung und sehe noch heute jedes Detail vor mir: Die Bläue des Meeres, die einzelnen Steine des Mosaiks, die Spruchbänder, die aus dem Munde Christi und Petri gingen, und die ich zu entziffern suchte.“

Der Versuch, Photographien der Mosaiken zu kaufen, mißlingt. Ein ebenfalls nach Ravenna reisender Bekannter konnte die Bilder genau so wenig auftreiben. Die geschilderten Mosaiken waren nicht auffindbar!

Er hatte über diese mittlerweile bereits ganz selbstverständlich in seinem Seminar gesprochen. Auch seine Begleiterin konnte noch lange Zeit nicht glauben, daß das, was sie „mit eigenen Augen gesehen“ habe, nicht vorhanden sei.

Baptisterium der Orthodoxen

„Das Erlebnis in Ravenna ist etwas vom Merkwürdigsten, was mir je widerfahren ist. Erklären kann man es kaum. Ein gewisses Licht fällt vielleicht von einem Ereignis aus der Geschichte der Kaiserin Galla Placidia (gest. 450) darauf. Bei einer stürmischen Überfahrt von Byzanz nach Ravenna mitten im Winter tat sie das Gelübde, eine Kirche zu bauen und die Gefahren des Meeres darstellen zu lassen, falls sie gerettet würde.“

Erfüllt habe sie das Gelöbnis durch den Bau der Basilica San Giovanni in Ravenna,  mitsamt den Mosaiken sei sie zwar durch Brand zerstört worden, in der Ambrosiana in Mailand finde sich aber noch die Skizze zu einer Darstellung Galla Placidias in einem Boot.

„Von der Gestalt der Galla Placidia war ich unmittelbar betroffen, und die Frage, was für diese hochgebildete Frau von differenziertester Kultur das Leben an der Seite eines Barbarenfürsten bedeutet haben mußte, beschäftigte mich.“ Ihr Grabmal erschien ihm wie der letzte Rest, durch den er sie noch persönlich erreichen konnte. Ihr Schicksal und ihre Art berührten ihn zutiefst, und in ihrer intensiven Wesensart fand seine Anima, so Jung, einen passenden historischen Ausdruck.

Baptisterium der Orthodoxen

Wir hätten schon einige Sätze vorher abbrechen können, weil die Geschichte für sich schon recht wunderbar ist. Aber da es Jungs Geschichte ist, wollen wir seine Interpretation des Ganzen doch nicht vorenthalten.

„Mit dieser Projektion war jenes zeitlose Element des Unbewußten und jene Atmosphäre erreicht, wo das Wunder der Vision stattfinden konnte. Sie unterschied sich im Augenblick nicht im geringsten von der Wirklichkeit.“

Die Anima des Mannes trage einen eminent historischen Charakter. Als Personifikation des Unbewußten sei sie getränkt mit Geschichte und Vorgeschichte. Sie enthalte die Inhalte der Vergangenheit und ersetze das im Manne, was er von seiner Vorgeschichte wissen sollte. Alles schon gewesene Leben, das noch in ihm lebendig sei, sei die Anima.

„Im Verhältnis zu ihr bin ich mir immer vorgekommen wie ein Barbar, der eigentlich keine Geschichte hat - wie ein eben aus Nichts Gewordener, ohne Vorher, ohne Nachher. Bei der Auseinandersetzung mit der Anima bin ich tatsächlich den Gefahren begegnet, die ich in den Mosaiken dargestellt sah. Beinahe wäre ich ertrunken. Es ist mir gegangen wie Petrus, der um Hilfe geschrien hat und von Jesus gerettet wurde. Es hätte mir gehen können wie dem Heer des Pharao. Wie Petrus und wie Naeman bin ich heil davongekommen, und die Integration der unbewußten Inhalte hat Wesentliches zur Vervollständigung meiner Persönlichkeit beigetragen.“

Was einem geschehe, wenn man vordem unbewußte Inhalte dem Bewußtsein integriere, könne mit Worten wohl kaum beschrieben werden. Man könne es nur erfahren. Es sei eine indiskutable subjektive Angelegenheit.

„Es gibt unseres Wissens keine Instanz, welche die wahrscheinlichen Unstimmigkeiten der Eindrücke und Meinungen zu bereinigen vermöchte. Ob und was für eine Veränderung durch die Integrierung stattgefunden hat, ist und bleibt subjektive Überzeugung.“

Obschon sie kein wissenschaftlich zu qualifizierendes Faktum darstelle und damit ohne Verlust aus einem „offiziellen Weltbild“ herausfallen könnte, bleibe sie doch eine praktisch ungemein wichtige und folgenreiche Tatsache.

„Die Erfahrung im Baptisterium von Ravenna hat mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Seitdem weiß ich, daß ein Innen aussehen kann wie ein Außen und ebenso ein Außen wie ein Innen. Die wirklichen Wände des Baptisteriums, welche meine physischen Augen sehen mußten, waren überdeckt und verwandelt durch eine Vision, die ebenso real war wie das unveränderte Taufbecken. Was war in jenem Augenblick real?“

Sein Fall sei keineswegs der einzige in seiner Art, aber wenn solches einem selber zustoße, könne man nicht umhin, es ernster zu nehmen, als wenn man davon höre. „Im allgemeinen hat man bei solchen Erzählungen allerhand Erklärungen rasch zur Hand. Ich bin jedenfalls zum Schluß gekommen, daß wir in bezug auf das Unbewußte noch vieler Erfahrungen bedürfen, bevor wir uns auf Theorien festlegen.“

Aus  C.G. Jung, Erinnerungen, Träume und Gedanken, Zürich und Stuttgart

Sant'Apollinare in Classe,  Symbol des Evangelisten Markus

Die Gestalt der Galla Placidia ist in der Tat faszinierend, eine Figur am Abgrund. Und von welcher Höhe war der Fall! Ich habe mich in der ersten Hälfte eines Beitrages einmal etwas mit Ravenna und dem Untergang Westroms beschäftigt und will mich hier nicht wiederholen.

Ihr Mausoleum (sie mag darin jemals bestattet gewesen sein oder nicht), ist zu einer Art Mahntempel für den ersten Untergang des Abendlandes geworden. Ihr eigenes Schicksal, brutaler und verworrener als Jung es andeutet. Aber dennoch in den Bildern jenes Ortes - eine geistdurchwirkte Lebendigkeit inmitten anbrandender Barbarei. Das zu behaupten, wo das andere längst existentiell und auch physisch erfahren war...

Kein Wunder also, wo Jung seine Erlebnisse zustießen.

Sant'Apollinare in Classe,  Apsis

nachgetragen am 26. Mai

Kommentare:

DirkNB hat gesagt…

Bei der Überschrift dachte ich erst, Du wärst in jungen Jahren mal dort gewesen. Aber dann war es doch Herr Jung, der dort war ... ;-)

MartininBroda hat gesagt…

Nein, während dem Herrn Jung Rom vorenthalten wurde, war es bei mir leider Ravenna. Eine offene Stelle zugegebenermaßen.

Walter A. Aue hat gesagt…

Das ist sehr interessant. Wenn ich mich nicht irre - und ich irre mich selten in solchen Sachen - ist es auch authentisch. Ich habe jetzt den Text (den ich nicht kannte: Herzlichen Dank dafuer!) ein paar Mal gelesen. In dem, was er mir sagt, scheint er mir sehr wichtig zu sein. (Und es spielt keine Rolle, dass ich mit Jung in seiner Anima-zentrierten Erklaerung nicht ganz uebereinstimme.)

Fuer mich gehoert die Episode zu den Ereignissen, die nicht wahr sind (die Mosaike hat es nie gegeben), aber die 'wahrer' sind (fuer die Person, die sie erlebt) als das, was man gemeiniglich als "wahr" ansieht. Das Unbewusste, der innerliche Mythus und Kompass, ist fuer die Psyche 'wahrer' und umfassender und wichtiger als das, was in ihrer Umgebung "wahr"(im Sinne von real vorhanden) ist.

Fuer mich ist die Botschaft klar (wenn auch eine etwas anders betonte als sie es fuer Jung war). Sie ist auch authentisch (glaube ich) und sie traegt eine faszinierende Schoenheit und Folgerichtigkeit in sich selbst.

Uebrigens: Es gibt heute gewisse Experimente in der Neuropsychologie, die die "Wahrheit" des Erlebnisses Jungs durchaus unterstuetzen wuerden.

Weiter zurueck und weniger wissenschaftlich waere auch das, was der alte philosophische Osten als den Zustand der "Non-Duality" in der Meditation (oder Vision) beschreibt: Ein Verschmelzen von Aussen und Innen, Sinneneindruck und innere Resonanz. Jung schien diese Manifestation des Unbewussten auch zu brauchen und dessen Auswahl der als Mosaike bewusst werdenden psychischen Prozesse ist bewundernswuerdig.

Walter A. Aue hat gesagt…

Ich habe mir kuerzlich erlaubt, im Zusammenhang mit Ravenna Yeats zu erwaehnen. Hier ist ein Auszug aus seinem (wahrscheinlich zweitbekanntesten) Gedicht:

From
William Butler Yeats: Sailing to Byzantium

"......
Nor is there singing school but studying
Monuments of its own magnificence;
And therefore I have sailed the seas and come
To the holy city of Byzantium.

O sages standing in God's holy fire
As in the gold mosaic of a wall,
Come from the holy fire, perne in a gyre,
And be the singing-masters of my soul.
Consume my heart away; sick with desire
And fastened to a dying animal
It knows not what it is; and gather me
Into the artifice of eternity.

Once out of nature I shall never take
My bodily form from any natural thing,
But such a form as Grecian goldsmiths make
Of hammered gold and gold enameling
To keep a drowsy Emperor awake;
Or set upon a golden bough to sing
To lords and ladies of Byzantium
Of what is past, or passing, or to come.

[In meiner, hier sehr schwachen Uebersetzung:]
".....
Und keiner lehrt Gesang: ein jeder bringt
nur Weihrauch dar dem eigenen Gesicht.
Darum bin ich gesegelt erdherum
zur heil'gen Stätte von Byzantium.

Oh Wissende in Gottes heil'gem Brand,
gleich Mosaiken, golden und befreit,
kommt aus dem heil'gen Feuer, kreist aus eurer Wand
und spinnt die Seele zum Gesang bereit.
Verzehrt mein Herz (von Lüsten krank,
gefesselt an ein Tier dem Tod geweiht:
es weiß nicht, was es ist) und hebt mich aus der Zeit
heraus in Eure Künstlerschaft der Ewigkeit.

Da ich verlass' Natur, die mich betrübt,
an Formen der Natur nehm ich nicht teil:
Ich nehm die Form, die griech'sche Goldkunst gibt,
gehämmert gleißend Gold und Gold Email,
wie sie der Herrscher vor dem Schlafe liebt
und setzt auf gold'nen Ast, daß sie verweil
und daß sie sing für Edle von Byzantium
was kam und kommt und kommen wird zum Heiligtum. "

MartininBroda hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
MartininBroda hat gesagt…

@DirkNB Tja, solche Fallstricke stellt regelmäßig die Sprache.

MartininBroda hat gesagt…

Lieber Herr Prof. Aue, erst einmal Dank für beides, ich werde vielleicht heute noch versuchen, mich auf diese Geistesklippen erneut zu retten. Yeats Gedicht ist in der Tat grandios, und ich war mir ziemlich sicher, Ihre Übersetzung schon einmal hier gebracht zu haben, und so ist es:

https://martininbroda.blogspot.de/2009/06/william-butler-yeats-oder-die-farbe.html

Andererseits sieht man an Konstantinopel, was vom Abendland in einem schlimmen Fall, noch nicht einmal dem schlimmstem, übrig bleiben kann (ich war dort). Und das weiß man eben nur, wenn man eine schlichte Ahnung von dem hat, was einmal war.