Donnerstag, 2. April 2015

Auf dem Weg zu Bismarck (oder auch von ihm weg)


Auf unserem Weg zum Geburtsort des Reichskanzlers blieben wir an 2 Orten länger, die emblematischer für Brandenburg kaum sein könnten (gut, Havelberg wurde auch durchquert, aber dies ist schließlich nur ein Blog) - Neuruppin und Tangermünde.

Neuruppin, da genügt es, die Namen Schinkel und Fontane zu nennen, die beide hier geboren wurden. Was die Stadt baukünstlerisch so merkwürdig macht, ist ihre weiträumige Anlage und ihr noch weitgehend erhaltener klassizistischer Stil, der vom Wiederaufbau nach einem verheerenden Stadtbrand 1787 herrührt. Aber lassen wir Fontane selbst zu Wort kommen:

„Die Stadt Ruppin hat eine schöne Lage ... Nach dem großen Feuer, von dem sie fast ganz verzehrt ward (wie wenn man von einem runden Brot die beiden Kanten übrig läßt), wurde sie in einer Art Residenzstil wieder aufgebaut. Lange, breite Straßen durchschneiden die Stadt, nur unterbrochen durch stattliche Plätze, auf deren Areal unsere Vorvordern selbst wieder kleine Städte errichtet hätten. Für eine reiche Residenz voller Paläste und hoher Häuser, voll Leben und Verkehr, mag solche Anlage die empfehlenswertheste sein; für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich. Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten Staatsrock, in den sich der Betreffende nie hineinwachsen kann. Dadurch entsteht eine Oede und Leere, die zuletzt zu dem Gefühl einer versteinerten Langeweile führt.“

Der hier zu sehende Bau einer eher seltenen klassizistischen Kirche steht auf einem dieser gerade harsch bemängelten großzügigen Plätze, obwohl er nur noch der Historie nach eine Kirche ist, „Veranstaltungszentrum Sankt Marien“ nennt er sich jetzt. Tatsächlich gibt es in dieser Stadt viel leeren Raum, aber solange an seinen Rändern zumeist wohlproportionierte, bescheiden liebenswürdige Häuser auftauchen, nehme ich ihn gern in Kauf. Überhaupt mag der Feinsinn, den Fontane mit seiner Kritik an den Tag bringt, zu seinen Tagen sein Recht gehabt haben, für uns, die wir reichlich gruseligere Plätze ertragen müssen, ist er kaum mehr leistbar.





Und nun haben wir auch schon den berühmtesten Sohn des Ortes, wenn er auch nur bis zu seiner frühesten Jugend dort verblieb; schuld war der erwähnte große Stadtbrand, an den er seinen Vater verlor. Gegenüber der Kirche hat er seit 1883 sein Denkmal. Fontane schreibt über ihn u.a. recht rührend:

„Diese zwei Zeichnungen... sind muthmaßlich alles, was die ganze Grafschaft Ruppin von dem bedeutendsten Manne besitzt, den sie je hervorgebracht hat; denn wie viel Tüchtiges auch, im Lauf der Jahrhunderte, an den Ufern des Ruppiner See’s emporgewachsen ist, keiner ragt an den Superintendenten-Sohn heran, der das alte Berlin in eine Stadt der Schönheit umgeschaffen und ihm hoffentlich für immer den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat.“

Nun ja. Schinkels Geist ist sicher noch aufspürbar. Einer erneuten Epiphanie desselbigen harren wir aber noch.


Das nachfolgende war sicherlich keine derartige, obwohl das Gebäude nicht ohne Reiz ist. 1894/95 als Landratsamt erbaut, fungiert es heute wieder als solches; irgendwie haben gefühlte oder tatsächliche Kontinuitäten auch ihren Reiz. Aber man merkt schon, wie im Stilempfinden und -wollen um 1900 doch auch einiges recht durcheinander ging.



„... in Front des stattlichen Gymnasial-Gebäudes (mit seinem Laternenthurm und seiner Inschrift: »Civibus aevi futuri«) das Bronzebildnis König Friedrich Wilhelm’s II. ..., das die Stadt ihrem Wohlthäter und Wiedererbauer errichtete. Es heißt, es sei dies die einzige Statue des Königs im ganzen Preußenlande, König Friedrich Wilhelm II. besitze kein zweites Denkmal. Wenn dem so ist, dann um so besser, daß keine politische Erwägung, keine moralische Ueberhebung mit zu Rathe saß, als vor etwa 30 Jahren bürgerliche Dankbarkeit einfach aussprach: 'Wir schulden ihm ein Denkmal, weil er unser Wohlthäter war, und gedenken diese Schuld zu zahlen.' Die Statue, in etwas mehr denn Lebensgröße, ist eine Arbeit Friedrich Tiecks. Gedanklich ist sie ziemlich unbedeutend und alltäglich; zeigt aber doch in Form und Haltung jenes Maß und jene Einfachheit, die, wo andre Vorzüge fehlen, selbst schon als Vorzug gelten mögen.“


Das oben ist besagtes Gymnasium, 1790 eingeweiht und „den Bürgern des künftigen Zeitalters“ gewidmet; der Vorgängerbau war ebenfalls beim Stadtbrand 1787 vernichtet worden. Als Ortsunkundiger denkt man nicht sofort an ein Gymnasium, aber auch dies ist, recht betrachtet, ein Ausweis inzwischen selten anzutreffender Wertschätzung höherer Bildung.

Daß unser „dicker Lüderjahn“ doch noch sein Denkmal bekam und ausgerechnet in der Stadt, die man vielleicht zurecht die preußischste aller preußischen nennen könnte, ist denkwürdig. Aber es ist ja nun so, daß er in nicht selbstverständlicher Weise sich um ihre Wiederherstellung kümmerte. Und im Jahre 1829, als lange sein ihn wenig wertschätzender Sohn Friedrich Wilhelm III., der einstmalige Gatte unserer hochgeschätzten Königin Luise, regierte, war dies auch beim besten Willen kein Ausdruck von Opportunismus o.dgl., sondern, wie Fontane es beschreibt.

Übrigens, was dort so selbstverständlich dasteht, ist eine Kopie. Wie sollte uns das überraschen. 1947 wurde das Standbild entfernt und Karl Marx kam auf den verwaisten Sockel. Doch bald requirierten die sowjet-russischen Besatzer denselben für einen Lenin auf ihrem Neuruppiner Kasernengelände und Marx mußte einen Ersatzunterbau finden. Als der Spuk endlich vorbei war, fand sich der Sockel wieder, und seit 1998 gibt es also die Kopie auf dem Original-Sockel an alter Stelle. Tempora mutantur. Um manchmal in einer Art Kreisbewegung wieder am alten Ort anzukommen, äußerlich zumindest.



Denn allzu vieles von diesem Anknüpfen und Wiederherstellen hat offenkundig kaum tieferen Grund, da die Kenntnis nur noch oberflächlich und das Wohlwollen für den Gegenstand bestenfalls eingeübt und vorgestellt ist. Dazu paßt irgendwie, wenn auch etwas krumm, eine Äußerung, die Fontane in seinem Ruppin-Kapitel der „Wanderungen“ über die historische Unbildung weiter Bevölkerungsschichten macht:

„Die Unkenntnis und Indifferenz ist grenzenlos und sollte denen nachzudenken geben, die nicht müde werden, von dem Wissen und der Erleuchtetheit unserer Zeit zu sprechen. Erstaunlich ist es namentlich, wie absolut nichts unser Volk von jener Periode unsrer Geschichte weiß, die der vorlutherischen Zeit angehört. Man kennt weder die Dinge, noch die Bezeichnungen für die Dinge; die bloßen Worte sind unserer protestantischen Sprache wie verloren gegangen. Man mache die Probe und frage z. B. einen Märkischen Landbewohner, was der 'Krummstab' sei? Unter Zwanzigen wird es nicht Einer wissen. In der Ruppiner Klosterkirche fragte ich die Küstersfrau, welche Mönche hier früher gelebt hätten? worauf ich die Antwort erhielt: 'Mein Mann weeß et; ich jlobe, et sind kattolsche gewesen.'“

Berlin, Bismarck-Nationaldenkmal
hier gefunden

Und schon verlassen wir Neuruppin und sind bei einem anderen Denkmal (Tangermünde muß warten). Wir sahen gerade das Bismarck-Nationaldenkmal von 1901, das zunächst vor dem Reichstag stand, bis die  Herren des III. Reiches es 1938 in den Tiergarten gewissermaßen zwischen die Bäume abschoben. Dort ist das Werk von Reinhold Begas noch heute aufzufinden (neben manch anderem, das sich dort in die Nachbarschaft verirrt hat). So groß kann die behauptete Nähe also offensichtlich nicht gewesen sein, daß sie sich des Anblickes regelmäßig prominent aussetzen wollten.

Bismarck-Nationaldenkmal vor dem Reichstag, um 1900

Das öffentliche Gedenken an den 200. Geburtstag des Reichskanzlers war eine recht merkwürdige Melange aus bemühtem Vergessen, notorischem Ressentiment, stolz präsentiertem Nichtwissen, abgelieferten Pflichtakten (etwa in Form von Artikeln, die vor allem aus in Streifen geschnittenen und verschieden neu zusammengesetzten Agenturmeldungen bestanden, selbst in Zeitungen, die sich immer noch als seriös bezeichnen) und einigen erfreulichen Ausnahmen.

Die Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh, hatte zum 1. April nach Berlin zu einem Festakt ins Zeughaus geladen und der Bundesminister der Finanzen hielt dabei die Hauptrede. Man mag sie hier nachlesen, ich fand sie in ihrer offenen, fast frischen, durchaus nachdenklichen, in jedem Fall gut informierten Weise geradezu angenehm. Auch wenn ich einige gedankliche Prämissen nicht teile, aber man muß eine durchdachte Position auch für sich stehen lassen können, wenn sie eben das erkennbar ist. Z.B. mit Sätzen wie:

"Unsere Geschichte im 20. Jahrhundert hat uns emotional auch von unserer Geschichte im 19. Jahrhundert abgeschnitten. Es wäre ein anderes Verhältnis vorstellbar zu diesem Geburtsjahrhundert unserer heutigen Welt."

Oder: „Das ist die eine Konstante in seinem Leben und in seinem Jahrhundert: Das Ringen um beständige Ordnungen, um Stabilität, oft genug nach großen Umwälzungen und dramatischen Veränderungen...“

Und um wenigstens anzudeuten, wo meine Skepsis liegt, Herr Dr. Schäuble ist unverkennbar ein Protagonist transnationaler Ordnungen, zunächst und vor allem in Europa. Das gab es auch schon früher. Doch damit verbindet sich dann ein Zivilglaube (in meinen Augen) an eine Weltrechtsordnung, gewaltfreie Konfliktbewältigung, Kooperation statt Konfrontation...

Worauf er gezwungen ist, bedauernd zu konstatieren: "...da muss man ja leider erkennen, dass um uns herum die Welt noch einmal wieder der Welt Bismarcks ähnlicher geworden ist. Es ist einiges zurückgekommen, das wir fern gerückt glaubten: ein Denken in Einflusssphären, in Räumen und Reichen, eher altertümliche Vorstellungen von Macht, militärisch grundiert, Staaten, die sich gedemütigt fühlen und Genugtuung suchen.“ Da könne dann eine Beschäftigung mit Bismarcks Politik in seiner Zeit „zwar nicht klug für ein andermal, aber eben doch ein Stück weiser für den Umgang mit unseren heutigen Problemen“ machen.

Eine tatsächliche Dosis „Realpolitik“, also sich nicht die Wirklichkeit schönzureden, sondern auf die im Zweifel häßliche Realität zu schauen, wäre da schon ein Anfang. Aber das soll es dazu auch sein.


Bismarck-Nationaldenkmal im Tiergarten, von der Siegessäule

Um nur ein Beispiel eines der schauerlicheren Artikel zu bringen (an dem sich der Zeitgeist wie auf einem Barometer förmlich ablesen läßt), so schaue man hier.  Die Parole „Deutschland“ sei nur „Mittel zum großpreußischen Zweck“gewesen. Und dafür zerstörte Bismarck die schöne europäische Staatenordnung jener Zeit, die auf dem Gleichgewicht der Kräfte beruhte (und bekanntermaßen waren alle Akteure wohlgesittet und wären nie auf den Gedanken gekommen, die ausgedehnte Kleingartenanlage, wo man deutsch sprach, begehrlich ins Auge zu nehmen – Napoleon I wollte doch nur den Code civil über Europa bringen und die Menschenrechte - und warum wollten die Deutschen nur unbedingt in einem Staat leben, wo sie doch so viele davon haben konnten). Dann muß auch noch die Linie von Bismarck zu Hitler ein wenig aufgewärmt werden, und folglich wurde der deutsche Nationalstaat, der eben noch so überflüssig war, erst 1949 gegründet. Das lassen wir jetzt alles so stehen.

Bismarck, Nationaldenkmal, Berlin

Inzwischen sind wir in Schönhausen angekommen. Die Predigt des Herrn Roloff im Gedenkgottesdienst hatte ich immerhin noch dokumentiert. Ich wollte ihr eigentlich auch gar nichts hinzufügen, da sie mir ebenfalls sehr durchdacht erscheint (beiläufig bemerkt, habe ich persönlich meinen Respekt für Bismarck eher erarbeiten müssen, da ist mir Herr Roloff deutlich voraus, das nur nebenbei). Der Gottesdienst war würdevoll, außerordentlich gut besucht, nur hatte ich das Empfinden, es sei draußen deutlich wärmer als drinnen; insofern war jedes Ausharren ein deutlicher Akt der Tapferkeit, der allseits begangen wurde.

Am Geburtsort Bismarcks fand, abgesehen vom Gedenkgottesdienst, ansonsten an diesem Tage nichts statt. Am nächsten gab es immerhin noch eine launige Präsentation von Sonderbriefmarken und -münzen durch den vormaligen Ministerpräsidenten dieses Landes.

Und ja, ich vergaß, es würde auch noch ein buntes Fest der Demokratie gegen das Böse und für das Gute geben. Die Anzeichen war schon unübersehbar. Die diesen Ort Besetzenden sahen sich dabei offenkundig in einem nicht einmal Donquichotte-würdigen Abwehrkampf gegen das vor-vorige Jahrhundert. Und hatten daher die historischen Kanonen mit Plastikdeckchen eingehüllt, sozusagen als Abwehrzauber gegen das vergangene Mord-Lüsterne, also als Zeichen gegen Gewalt, der gerade in diesen ländlich schlichten vorgestrigen Landstrichen die unaufgeklärten Einheimischen schnell wieder anheimfallen könnten. Was ein Voodoo und gleichzeitig was für anthropologische Trouvaillen. Davon denn doch keine Bilder, nur eine Erinnerung.


nachgetragen am 8. April

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das war ja ein XXXL-Beitrag!

MartininBroda hat gesagt…

Ja, es war sicher mühsam zu lesen, aber ich darf versichern, das Schreiben war es auch. Im Kopf sind die Sachen alle ganz übersichtlich, aber dann beim Niederschreiben wird es einem wie der bekannte "süße Brei".